Wir haben in unserem vorigen Artikel[1] in Kürze auf das Gefährliche des Personenkultus hingewiesen. Wie durch denselben oft hochbegabte Menschen, welche Anfangs mit den ehrlichsten Absichten für eine Sache eintraten, der Corruption verfallen und der Sache am Ende mehr schaden als sie im Anfang genützt. Es sind aber im Allgemeinen nicht immer die Ehrlichen und Begabten, mit denen dieser Unfug getrieben wird, sondern wir sehen im Gegentheil wie die Masse oft Menschen, die von Selbstsucht und Ehrgeiz geleitet, sich bei ihr einzuschmeicheln verstehen, ihr Geschick in die Hände legt, sie als ihre Vertreter ernennt oder ihnen als Herrschern huldigt. Wir sehen ferner wie heute das Geld eine grosse Rolle spielt. Wer solches in dem Masse besitzt, dass er im Stande die Fabrik der öffentlichen Meinung (die Presse) oder sonst einflussreiche Personen zu schmieren, der gelangt zu “Ehren” und Aemtern. Er wird, und wäre er der grösste Hohlkopf, als grösser Mann gepriessen; denn “wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er ja auch Verstand.”

Auch in der Arbeiterbewegung ist es solchen von Selbstsucht und Ehrgeiz geleiteten Individuen gelungen, ihr Unwesen zu treiben.

Durchgefallene Studenten oder sonstige aus der Bourgeoisklasse stammende Schönschwätzer und Literaten, welche, einmal ihren Beruf verfehlt, sich doch noch einen “grossen Namen” oder auch ein “Geschäft” machen wollten, wurden von den Arbeitern mit offenen Armen empfangen. Man erblickte in ihnen als “Gebildeten” wahre “Heilande,” die gewiss Grosses für die Sache zu leisten im Stande wären. Die Früchte blieben nicht aus, es wurde “Grosses” geleistet.

Als Lassalle in seiner Rede, "Die Feste der Presse,” die Corruption der fortschrittlichen und liberalen Presse so glänzend beleuchtete, dachte er wohl nicht im Entferntesten daran, dass man mit der Arbeiterpresse — welche zu jener Zeit noch in den Windeln lag und nun allmählig zu einem Broderwerb des Literatengeschmeisses heranwuchs — einen ähnlichen Anlauf nehmen würde. Selbst unter dem Ausnahmegesetz wollte man das “Geschäft” noch fortsetzen. Man würde die Arbeiter eingeschläfert, ihnen die Köpfe mit “Wissenschaft” vollgepfropft haben und wäre so der Funken revolutionären Geistes, welcher in den Arbeitern vorhanden, zum Teufel gegangen. Denn die Sorte Wissenschaft genügt nicht, denselben wach zu halten oder zu entfachen.

Nur die Dummheit Bismarcks, der um keinen Preis mehr Etwas von dieser Seite aufkommen lassen wollte und die Energie und Opfer Willigkeit der Genossen im Auslande haben uns vor diesem Unheil bewahrt.

Man war indessen noch immer nicht ganz “ausser Arbeit,” denn es blieb ja noch der Reichstag als Geschäftsquelle, welche denn auch in gieriger Weise ausgenützt wird. Man stutzt das Wahlprogramm in eine, dem Kleinbürger passende Form, geht auf Compromisse mit andern Parteien ein und das Geschäft blüht. — Menschen, welche einst die Corruption als unausbleibliche Folge des Repräsentativsystems nachwiesen, legen heute an sich selbst den unwiderlegbarsten Beweis für ihre Behauptung ab. — Genossen, welche “über die Schnur hauen” und offen ihre Unzufriedenheit über dieses Treiben kundgeben, werden von den “Hoheiten” “mit dem Banne belegt” und einfach aus der “Partei” ausgeschlossen.

Thoren! die da glauben dem Zeitgeist, dem Geist der Revolution Schranken setzen oder ihn zurückdämmen zu können! Wohl mag ihnen dies, wie wir gesehen, bis zu einem gewissen Grad für eine Zeitlang gelingen. Wohl mögen sie einen Hemmschuh bilden; aber das Proletariat, welches eine so grosse Mission zu erfüllen hat, das Proletariat, welches nicht das Wohl einer bestimmten Klasse, sondern das der ganzen Menschheit herbeizuführen berufen ist; das Proletariat, dem deshalb allein die Zukunft gehört, kennt keinen Stillstand. Es wird und muss zuletzt über die Köpfe aller Derjenigen hinwegschreiten, welche bestrebt sind, es in gewisse Dogmen zu verkapseln, in Programme einzuhüllen oder in Gesetze zu zwängen.

Schon sehen wir wie eine grosse Schaar von Arbeitern, die Barriere der “Partei” durchbrochen, den Fuss auf das weite und unbegrenzte Feld des Anarchismus gesetzt haben. Hier angelangt ist nun ihre Aufgabe: einem Jeden, mag er von guten oder schlechten Absichten geleitet sein, die Möglichkeit zu entziehen, wieder neue Wälle und sich selbst als Autorität aufwerfen zu können, dadurch, dass ein Jeder, anstatt sich auf Andere zu verlassen, überall, wo ihm die Gelegenheit geboten wird, seine Fähigkeiten zu verwerthen und, wo es nöthig ist, selbst die Initiative ergreifen, sich thätig zeigen. Dass ein Jeder, sei es durch Wort oder Schrift, seine Ansichten zum Ausdruck bringe und so den Ideenaustausch, die Agitation befördere und jede Geschäftsmacherei unmöglich mache.

Y.

[1] "Der Personenkultus" in Die Autonomie. Anarchistisch-communistisches Organ. No. 7 2. Jahrgang. London, 29. Januar 1887.