Der Personenkultus hat der Gesellschaft schon die bittersten Leiden verursacht. Er ist, in Verbindung mit dem Religionskultus, die Quelle des ganzen Unterdrückungs- und Ausbeutesystems. Wenn sich nämlich schon im primitiven Zustande der Menschheit Einer durch Klugheit, Muth und Tapferkeit vor allen Andern seines Stammes auszeichnete, so glaubte man ihn, da man seine Leistungen für übernatürlich hielt, von einem höheren Wesen beeinflusst, oder gar abstammend. Im Gefühle der Dankbarkeit verehrte und vergötterte man ihn und ernannte ihn gewöhnlich zum Häuptling und Anführer im Kampf. Natürlich war es diesem leicht alle übrigen zu knechten und zu unterdrücken, kam ihm doch ihre eigene Unwissenheit dabei zu Hilfe. Er ward zum Tyrannen und es war nicht sehr leicht ihn wieder los zu werden; denn zu seinem Schutz sammelte er einen Kreis von Günstlingen und Freunden um sich und stellte Individuen an, den Glauben an seine göttliche Abstammung in der Masse zu befestigen, wie überhaupt die Unwissenheit derselben durch falsche Vorspiegelungen zu nähren. Raffte sich die Masse auch auf und es gelang ihr, ihn zu stürzen, so schuf sie auf dieselbe Weise wieder einen neuen. So bildeten sich allmählich die Priesterkaste und die “adeligen und fürstlichen Geschlechter,” welche vereint Jahrtausende hindurch die Völker knechteten und ausbeuteten.

Wir begegnen in der Geschichte hunderten von Beispielen, wo man gewisse Individuen bekränzte vor ihnen niederfiel, sie auf den Händen trug oder sonstige Ceremonien mit ihnen vornahm. Und warum? Weil sie ihre Fähigkeiten zum Besten ihrer Nation verwerteten. Da aber ihre Fähigkeiten nichts Anderes waren, als das Gesammtprodukt ihrer Umgebung, so thaten sie einfach ihre Plicht und folglich nicht mehr als der Unfähigste, welcher that, was in seinen Kräften lag. Sie aber, durch die Ehrenbezeugungen übermüthig, glaubten sich wirklich etwas Besseres und verachteten zuletzt ihre Verehrer. Ein solches Treiben ist daher im höchsten Grad verabscheuungswürdig. Dieser Uebelstand hat sich zu unserm grössten Bedauern auch in die Reihen der Sozialisten und Revolutionäre übertragen. Auch hier sehen wir oft Männer, welche vielleicht mit den besten und edelsten Absichten in die Bewegung treten, der Korruption verfallen. Ihrer Umgebung an Kenntnissen, wie an Energie und Talent überlegen, ziehen sie die Aufmerksamkeit Aller auf sich, sie gewinnen ihre Achtung. Ihr blosses Erscheinen auf der Rednerbühne ruft oft schon Applaus hervor, wodurch ihr Ehrgeiz geweckt wird. Andere drängen sich an sie heran, um den Reflex, ihres Glanzes auf sich fallen zu lassen. Der blossen Bequemlichkeit halber überlässt man ihnen, Alles zu thun — sie verstehen es ja auch besser — und arbeitet sich so aus der eigenen Unfähigkeit nicht heraus. In Folge dessen ist es schon geboten, bei etwaigen Uebergriffen oder Grobheiten von ihrer Seite aus, ein Auge zuzudrücken. Es tritt eine gewisse Lauheit oder ein Stillstand ein, weil sie von ihrer Umgebung nicht angespornt werden, da Alles, was sie thun und sagen oder schreiben, gutgeheissen und beklatscht wird, mit sich selbst zufrieden, sich an ihre einmal festgestellten Dogmen anklammern. Tauchen nun dennoch neue und weitergehende Ideen auf, so werden Diejenigen, welche dieselben vertreten, weil man fürchtet in Schatten gestellt zu werden, als Gegner bekämpft; wodurch dann gewöhnlich grosse Zersplitterungen hervorgerufen werden.

Y.