Titel: Zwischen Autorität und Freiheit
AutorIn: Nettlau, Max
Datum: August 1932
Quelle: Entnommen am 21.09.2015 von https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/max-nettlau/124-max-nettlau-zwischen-autoritaet-und-freiheit
Bemerkungen: Originaltext: Max Nettlau: Zwischen Autorität und Freiheit; aus: „Die Internationale“, herausgegeben von der FAUD, August 1932. Nachdruck in: Max Nettlau: Gesammelte Aufsätze, Band 1. Verlag die Freie Gesellschaft 1980. Gescannt von anarchismus.at

„Diese Religionskriege unter den Arbeitern sind tragisch“, schrieb mir ein unabhängiger Beobachter, dem ich erzählt hatte, daß in der Umgebung von Bilbao, in Matamoros bei Arboleda, einem Bergarbeiterort, Sozialisten den in der Pfingstzeit Ausflüge machenden Anarchisten den Durchzug verweigerten und daß dann vor den Augen dieser lokalen Sozialisten deren Kinder die Anarchisten und eine junge katalonische Rednerin unter ihnen mit Steinen bombardierten, so daß man umkehrte, da man sich nicht mit Kindern schlägt; man überließ diese zur Steinzeit rückentwickelten Sozialisten ihrem Schicksal. Ein Spezimen dieser Menschenart, ein zwölfjähriger Bub, geriet unter die Anarchisten und man suchte psychologisch zu ergründen, warum er an dieser Rohheit, auf eine junge Frau und andere Arbeiter Steine zu werfen, teilgenommen hatte. Man sprach sehr freundlich mit ihm, aber dieser Sprößling der sozialistischen Höhlenmenschen blieb verstockt und wußte schließlich nur zu sagen: „die Anarchisten sind Räuber und Mörder“. Dies ist eine aus dem Leben gegriffene, direkt bezeugte, auch durch zwei Photographien dokumentierte Tatsache, die einen Einblick gibt, wie Sozialdemokraten ihre Kinder erziehen – nicht alle gewiß, aber viele machen es so: der Anarchist, der andersdenkende Sozialist –das ist der Feind; in solchem Fanatismus wachsen diese Kinder auf, wie die fascistischen und bolschewistischen Kinder in Italien und in Rußland desgleichen. Die Jugendbewegungen, die so sehr zu begrüßen waren, sind dadurch übertrumpft; die Jugend hat einen offenen Kopf, aber das Kind hat meist noch gar keinen Kopf und läßt sich mit Fanatismus vollstopfen und die Jugendbewegungen finden dann vernagelte und verkleisterte Köpfe und bleiben machtlos. Es liegt System in diesem Vorgehen, den Menschengeist schon an der Quelle zu vergiften und verkümmern zu lassen, und das Endziel dieser Leute wäre wohl, Mittel zu finden, um schon dem Embryo die Parteifarbe einzuimpfen und so wirkliche Parteiautomaten zu züchten, so daß man gar keine maschinellen Automaten, „Robots“, mehr brauchte!

Ich möchte mir erlauben, aus jenem Brief noch das folgende anzuführen: „Durch die proletarische Lage ist in der Arbeiterschaft die destruktive Tendenz sehr stark. Und in unserer Phase richtet sich diese Tendenz gegen die Klassengenossen, da es zu schwer ist, den Kapitalismus am Kragen zu nehmen, sehr leicht aber, Mitarbeiter zu steinigen. Von dieser falsch gerichteten destruktiven Tendenz der Arbeiterschaft leben Kapitalismus und die Arbeiterführer selbst. Jeder will seinen eigenen Spezereiladen haben, sein eigenes Herrschgebiet. Die Führer brauchen die Trennungen; die verschiedene ökonomische Situation der verschiedenen Arbeiterschichten schafft den seelischen Boden für das Wachstum verschiedenartiger Führerbazillen. Jede Soi–di–sant–Theorie alias Religion gedeiht auf einem anderen Boden. Politikanten nennt man Leute, die wissen, mit welcher Theorie-Religion man in einem bestimmten Moment Futter, Macht, Geltung kriegt.

Bitter und ohnmächtig steht man da, sucht zeitlebens zwischen den Massengruppen zu vermitteln – ohne ein anderes Resultat, als daß man von allen Bonzen aller Religionen beschimpft wird. Fahren wir damit fort...“

So ist es wirklich und dieser traurige Zustand scheint mir das wichtigste Problem des gegenwärtigen Sozialismus zu sein, da bei Bürgerkrieg und Brudermord im Sozialismus vor einer Revolution, wie in Deutschland, Spanien usw., und nach einer solchen, wie in Rußland, durch die propagandistische Ausdehnung und organisatorische Festigung einer Richtung noch sehr wenig erreicht ist, da dieselbe immer den ganzen Kapitalismus und alle anderen Sozialisten als Feinde gegen sich hätte und ihren eventuellen Sieg gegen alle verteidigen müßte, was für die autoritären Richtungen die grausamste Diktatur bedeutet, während nicht autoritäre Richtungen zum Verzweiflungskampf gegen die feindlichen Richtungen gezwungen wären, wobei sie schwer geschädigt, aufgerieben und in ihrem freiheitlichen Wesen beeinträchtigt werden könnten.

Dem Sozialismus wäre man dadurch nicht näher gekommen, eher einer allgemeinen Abwendung von ihm, einem schrankenlosen Egoismus der Selbstverteidigung zu, da eben der Beweis vorliegen würde, daß Sozialisten mehrerer Richtungen unter sich nicht sozial leben können oder wollen, und daß ein einseitig auf gezwungene s System alles andere, nur kein Sozialismus sein kann. Wir müssen diesem unnatürlichen Zustand ein Ende machen oder wenigstens durch Aufklärung über sein Wesen dieses Ende beschleunigen.

Der Sozialismus hatte äußerst zerstreute, sporadische und zufällige Ursprünge. Er existierte nicht, solange die meisten Lebensnotwendigkeiten allen zugänglich waren, und entstand auch noch nicht, als sich zwar die Besitzverhältnisse verschoben, aber durch Schutz und Sicherheit den Besitzlosen und sich Unterwerfenden ein gewisses Äquivalent geboten wurde. Erst nachdem dieser Gleichgewichtszustand zu arg gestört wurde, entstanden Unzufriedenheit, Empörung und das Gefühl der Ungerechtigkeit, und blieben seitdem latent in allen Opfern dieser Verhältnisse. Hier und da brach nun die Empörung offen aus und hie und da gab jemand dem Gefühl beredte Worte oder träumte von einem Idealzustand sozialer Gerechtigkeit, für den die allermeisten bis heute nur taube Ohren hatten und jedenfalls nicht tatkräftig die Hand ans Werk legten, ihn herbeizuführen. Dieser mangelnden Tatkraft gegenüber suchten die einen energische, anfeuernde Mittel, andere versuchten es mit Minimalleistungen, stufenweisen Verwirklichungen, was zur Abschwächung der Forderungen und der Mittel führte, die nur mehr parlamentarischer und organisatorischer Druck sein sollten, wodurch die eigene Tätigkeit der einzelnen auf ein Minimum beschränkt wurde. So entstanden direkte Vorkämpfer und Gruppen und daneben Massenparteien, Massenorganisationen.

Geht nicht aus diesen so verschiedenartigen Ursprüngen mit Notwendigkeit hervor , daß der Sozialismus keine einheitliche Form haben kann und daher auch nicht haben soll und darf? Eine Einheitlichkeit ist in der Natur nie vorhanden und ist immer nur eine künstliche, im Interesse eines Stärkeren aufgezwungene Erscheinung. Es gibt Ähnlichkeiten, Verwandtschaften, Übergänge, Gruppierungen und deren Nuancierung durch die verschiedensten Faktoren. So ist das heutige Leben und so wird auch alles künftige Leben sein, einerlei, welchen Sammelnamen man ihm beilegt. Parteien und Systeme haben kein eigenes Leben; sie drücken nur gewisse allgemeine Begriffe aus, die jeder ihnen Nahestehende in verschiedenem Grade akzeptiert und anzuwenden versucht. Keine Art von Sozialismus kann an solchen Tatsachen etwas ändern; man wird immer in verschiedenem Grade Sozialist sein, wie man sich jeder Sache in verschiedenem Grade hingibt und Verschiedenes zu leisten imstande oder willens ist.

Darum sind Sektentum und Exklusivismus, Intoleranz und Fanatismus sinnlos und entsprechen nur einer Beschränktheit, beinahe einem Wunderglauben oder einem Herrscherwillen, einer antisozialen Rücksichtslosigkeit. Ebenso ist die Vorstellung definitiv gesicherter und einzig richtiger Erkenntnisse ein Irrwahn, sobald sie einen gewissen Kreis allgemein anerkannter Naturgesetze, von Beobachtungsergebnissen und Methoden überschreitet, und auch diese anscheinend gesicherten Gebiete können sich späterer Forschung manchmal in anderem Lichte darstellen, wie die beständigen Entdeckungen neuer Verhältnisse der chemischen Elemente untereinander oder der in den Atomen enthaltenen kleinen Welten oder Einsteins und anderer wechselnde Vorstellungen von dem, was in dem winzigen, für unsere Sinne und Instrumente wahrnehmbaren Teil des sogenannten Weltalls vorgeht, zeigen. Je mehr wir von all dem täglich erfahren, desto bescheidener wird man, weil hinter allem neu Erschlossenen sich immer wieder unbekannte Gebiete zeigen, deren unendliche Kleinheit oder unfaßbare Größe sie den Forschungsmethoden vorläufig noch verschließt, bis auch hier wieder Brücken geschlagen werden und man ein Stück weiter vordringt.

Es ist daher einfach kindisch, anzunehmen, daß es sich auf dem großen sozialen Gebiet anders verhält, und daß irgendein Sozialist der Vergangenheit oder ein Kongreß, der ein Programm votiert oder Organisationen, Gruppen und Individuen einzig richtige Lösungen gefunden hätten. Das Problem besteht darin, für jeden gegenwärtigen und künftigen Menschen eine seinem Wesen zusagende Form des Sozialismus, d.h. des freien und sozialen menschlichen Zusammenlebens, zu finden, und das ist eine Aufgabe, die in ihrer Fülle und Vielfältigkeit nur das Leben selbst lösen kann. Wir können gemeinsam Hindernisse wegräumen und es gibt viele Vorarbeiten und Grundlegungen, die gemeinsame, harmonische und richtig durchdachte Arbeit erfordern, aber viel weiter können wir nicht gehen, ohne dem Leben selbst Gewalt anzutun.

Die sozialistischen Systeme waren nicht Entdeckungen oder Forschungsresultate, sondern Proteste gegen zeitgenössische Zustände, die in ihrer Eigenart von der Eigenart, dem Charakter, Milieu, den Kenntnissen usw. ihrer Urheber bestimmt waren. Nur der erfahrene englische Staatsmann und Humanist Morus im Zeitalter der Entdeckungen konnte die „Utopia“ konzipieren (1518); dem kalabresischen Mönch Camponella entsprach seine „Sonnenstadt“ (1623). Harringtons „Commonwealth of Oceana“ (1656) zeigt diese Zusammenhänge ebenso deutlich. Dann, der Macht des Absolutismus in Frankreich gegenüber, wurde die Utopie vorsichtiger, beschränkte sich auf entlegenere Zeiten und Verhältnisse (z.B. die Sevaramben), bis sie in den Jahrzehnten vor der Revolution kühner wurde (z.B. Morelly), und während und nach der Revolution wurde dann der soziale Protest mit aktueller revolutionärer Konspiration und Machtergreifungsplänen verbunden (Babeuf). Dem folgten in der durch die neue Unabhängigkeit Nordamerikas, den Seehandel, die Maschinenindustrie, die Umwälzungen der alten Systeme und Grenzen durch zwanzigjährigen Welttkrieg erweiterten, erschütterten und in manchem erneuerten Welt die großen Konzeptionen eines universellen Sozialismus der Godwin und Robert Owen, der Saint-Simon und Fourier, die so ganz und gar nach dem Wesen und dem Leben ihrer Urheber differenziert sind, bis die seit 1830 in Frankreich sich eröffnenden politisch-sozialen Möglichkeiten wieder Männer wie Blanqui, Cabet, Louis Blanc veranlaßten, einen ihrem Wesen entspringenden Sozialismus und Kommunismus zu proklamieren und zu propagieren. In jenen Zeiten entstand nun das Anhängertum, das Parteiwesen im Sozialismus, das der allgemeinen Erweiterung des politischen Lebens entsprach und an die Stelle des früheren Schülerkreises trat, der sich um hervorragende Philosophen und andere Gelehrte zu bilden pflegte. Solche Schüler waren in der Regel kritische Mitforscher, die die Lehren ihres Meisters weiter förderten und oft Selbständiges leisteten.

Anhänger, Parteigänger sind etwas wesentlich anderes; sie akzeptieren aus Begeisterung oder durch Belehrung Ideen, an denen sie nicht mehr rütteln und die sie weiteren Kreisen in immer bestimmterer, abgeschliffenerer Form übermitteln: die Kritik, die Forschung hat da ein Ende. Abweichungen führen zu Streit und zu Spaltungen; aus Mitarbeitern werden also Gefolgschaften. Auf solche Weise entstanden seit den Dreißigern die einseitigen Anhängerschaften im Sozialismus. Proudhon und Max Stirner stellten sich seit 1840 diesem Aufgehen des Sozialismus im Sektentum kräftig entgegen, aber sie konnten den im religiösen und politischen Gefolgschaftswesen Vorbilder und Nährboden findenden sozialistischen Parteigeist nicht mehr bannen, und man sah bereits damals klar ein, welche Irrwege der Sozialismus einschlug, indem er blinden Glauben und Parteitreue an die Stelle kritischen Denkens und unabhängigen Handelns setzte. Er wurde an Zahl stärker, aber an Geist und Willen schwächer, und machte seit damals ungeheuren Fortschritt in dieser falschen Richtung, das heißt, er blieb in seiner wirklichen Entwicklug, was die Massenanhänger betrifft, stecken, und lebte wirklich weiter nur in denen, welche sich dem Parteiwesen entziehen konnten.

Hier erscheint nun Karl Marx, der den kritischen Kreis, aus dem Max Stirner hervorging, sehr gut kannte und der auch von Proudhons Kritik zuerst mächtig angeregt wurde. Glaubt nun heute wirklich noch ein unbefangen Denkender, daß mit Marx ein Mann in den Sozialismus eintrat, der alles frühere hinwegfegte und von erster Stunde ab, beinahe seit 1844, dem Sozialismus für alle Zeiten (oder mindestens bis Lenin kam) seine Bahnen vorschrieb, wie „Gott“ den Gestirnen? Nein, Marx war ebenso ein Produkt seiner Zeit, seines Charakters, seiner Studiengelegenheiten usw., wie jeder andere Sozialist vor und nach ihm. Sein Wesen hat am klarsten sein armer Vater erkannt, wie dessen wenige Briefe zeigen; der Marxsche Briefwechsel und die aus seinen Impulsen hervorgehenden Handlungen bestätigen und ergänzen dieses Bild, ebenso unsere sonstige Kenntnis des Hegeltums, das Marx in seinen Sozialismus hineintrug. Brennender Ehrgeiz, der Erste zu werden, aber weniger durch eigene Leistungen als durch Vernichtung aller übrigen charakterisieren Marx vor allem, und so waren die ersten Köpfe im damaligen Sozialismus, Proudhon und Max Stirner, diejenigen, die er zuerst zu zerstören suchte, wie seitdem jede neue Kraft, Bakunin, Lassalle, Dühring usw.

Ein solcher Mann konnte nur autoritär sein, und die an die Parteikämpfe um die Macht der Französischen Revolution am meisten anknüpfenden Blanqui und Louis Blanc waren die Nährväter seiner unmittelbaren Taktik der Diktatur und Staatseroberung und der sozialistischen Verwaltungsorganisation, die in jenem autoritären Milieu immer nur ein Staatssozialismus werden kann, der einem Staatskapitalismus so gleicht wie ein Ei dem anderen. Der Kern dieser Idee ist, daß der einzelne diesem neuen sozialen Staatstum so ohnmächtig gegenüberstehen würde, wie dem heutigen Staatstum und den Kapitalisten zusammengenommen, so daß sich also seine Lage nicht wesentlich mehr verändern würde, wie es heute geschieht, wenn z.B. eine Eisenbahn aus Privatbesitz in Staatsbesitz übergeht. Auch heute nimmt der einzelne durch das Wahlrecht nominell an allem, was der Staat verfügt, teil, und mehr würde er auch später nicht zu sagen haben, außer wenn er selbst in die neue herrschende Schicht aufsteigen will und kann. Dies ist von allen sozialistischen Konzeptionen die dürftigste, ärmlichste, inhaltsloseste; die Menschen, die Maschinenfutter und Kanonenfutter sind, werden dann Staatsfutter schlechthin, und daß dies ernst gemeint ist, daß jede Möglichkeit freiheitlicher Entwicklungen von einem solchen System bekämpft wird, zeigen der immerwährende Kampf von Marx und seinen Anhängern gegen den freiheitlichen Sozialismus, seit den Vierzigern, und die Taten der in den Besitz der Staatsmacht gelangten russischen Marxisten seit 1917. Dies muß uns eine ungeheure Warnung sein gegen jede Systemherrschaft sozial-politischer Art, sowie die Taten des heutigen Nationalismus eine Warnung vor den nationalistischen Verwirklichungen sind, die Mazzini so glühend schilderte und innigst anstrebte. Ein einziges System spielt immer die verhaßte Rolle eines aggressiven, allerobernden Staates, was zwar jeder Staat sein möchte, was aber doch die meisten Staaten durch ihre Schwäche wenigstens nicht direkt ins Werk setzen können.

Was soll nun geschehen, mögen noch immer manche der freiheitlichen Denkweise etwas Fernstehende fragen, solche, die mit innerster Überzeugung einer bestimmten Idee ergeben sind und es für richtig halten, für die Verbreitung und Durchführung derselben jedes Opfer zu bringen. Soll man dies etwa aufgeben, abschwächen, modifizieren? Nichts liegt mir ferner als die Intensität von Bemühungen um eine gute Sache vermindern zu wollen, aber diese Bemühungen müssen den Wegen aller wirklich fortschrittlichen Leistungen folgen und dürfen sich nicht in rückständigen Geleisen bewegen oder sie bleiben unfruchtbar. Wie kommt es, daß wir uns über die geringste sozialradikale Einsicht eines unbefangenen Menschen freuen und ihm auf diesem Wege weiterzuhelfen suchen, während es uns, mich wenigstens, gänzlich kalt läßt, was die heutigen Kommunisten in und außerhalb Rußlands tun oder lassen? In dem ersten Fall stehen wir vor wenn auch noch so unscheinbaren Entwicklungsmöglichkeiten eines Mitmenschen; im letzteren Fall hören wir von uns wesensfremden Menschen die unsere Feinde zu sein wünschen, die im Besitz einer unfehlbaren Wahrheit zu sein glauben, wie irgendeine religiöse Sekte, die uns gleichgültig ist, und wir fühlen uns von ihnen so getrennt wie von dem theologischen Gezänk früherer Jahrhunderte: nur, daß diese Kommunisten die Mittel besitzen, in der unmittelbaren Gegenwart ihre Hand auf den Fortschritt zu legen und ihn zu stören wie die Sozialdemokraten, wie die Nationalisten, wie die Fascisten, wie alle Vertreter einer einseitigen Richtung, deren Ziel immer die Bekämpfung jeder außer ihrer Alleingeltung liegenden Entwicklung ist.

So nimmt das dürre Holz am Baum des Sozialismus überhand und nur die grünen Triebe des freiheitlichen Sozialismus halten den Baum aufrecht, ein harter Kampf in dem es aber keine zwei Wege gibt. Nun müssen wir uns hüten, daß die grünen Zweige nicht ihrerseits an Lebenskraft verlieren, was geschehen würde, wenn Syndikalismus und Anarchismus sich trennen würden, und dies würde eintreten, wenn in beiden je eine Richtung als alleingeltend betrachtet würde. Auch sie sind dem unbedingten Gesetz der lokalen Verschiedenheiten unterworfen, gedeihen auf verschiedenem Boden anders und würden durch Vereinheitlichungswünsche und -versuche nur geschwächt, nicht gestärkt. Die geschichtliche Entwicklung zeigt, daß neuere Auffassungen nicht notwendigerweise Widerlegungen älterer Irrtümer, sondern eben lokale Varianten, Nuancen sind, eine Vermehrung vorhandenen Reichtums, nicht ein neuer Anfang. Niemand hat Proudhon und Bakunin widerlegt und sachlich überwunden, niemand Elisee Reclus, und jeder sieht jetzt ein, daß auch jenseits von Kropotkin reiches anarchistisches Land liegt. Ebenso gibt es methodischeren und freieren Syndikalismus, und in einem Land ist ruhige Zeit, die einen ganz sorgfältigen Organisationsaufbau ermöglicht, in einem anderen Land können mangels einer größeren Bewegung theoretische Pläne leicht entworfen werden; anderswo wogt der akuteste Kampf hin und her, in welchem nach der Meinung vieler Aktion die Hauptaufgabe und für Aufbau und Ausbau jetzt nicht die richtige Zeit ist. All dies, und andere Varianten, sind lokal und historisch tief begründet, und Störungen würden nur entstehen, wenn Systeme und Methoden um jeden Preis in fremden Grund übertragen würden.

Hierin sind die Kommunisten ein warnendes Beispiel, die überall abfallen, wo sie auf freieren Boden kommen, wie jetzt in Spanien, und die nur dort Boden finden, wo ähnlich autoritäre Verhältnisse die Bevölkerungen niederdrückten, wie im zaristischen Rußland; leider ist das sozialdemokratische Deutschland auch ein solcher Boden.

Mir ist unbegreiflich, daß dies alles nicht allgemein eingesehen und durchgeführt wird, und daß auch die einander nächststehenden Richtungen so oft in gespannten, unfreundlichen Verhältnissen zueinander leben oder gar sich durch Personenfragen trennen lassen, wo wir doch alle nur vorübergehende Handlanger am großen Bau der Zukunft sind, der sich vielleicht erst nach uns allen in seiner vollen Schönheit erheben wird. Dieses Stadium der Einseitigkeit ist wirklich auf allen leistungsfähigen Gebieten längst überwunden. Am Ausbau jeder Wissenschaft wird auf die verschiedenste Weise gearbeitet und Fehler und Falsches meist mühelos überwunden, ohne daß es zu den großen Gelehrtenfehden früherer Jahrhunderte käme oder daß andere Motive in den sachlichen Kampf getragen würden. Die Religionen waren im späteren achtzehnten und im neunzenten Jahrhundert schon ziemlich zum Schweigen gebracht und sind erst im Schatten der sozialistischen Agitationen, die den Liberalismus verdrängten, wieder hervorgekommen, zum großen Schaden des Fortschritts. Alles ist wieder zänkisch und streitbar geworden, seitdem der Sozialismus das schlechte Beispiel gab. Der Forschungsmethode Darwins, der Resultate aus Beobachtungen und Erfahrungen gewann, folgte die falsche Methode von Marx, der die Andersdenkenden insultiert und vertreibt und sich dann einbildet, allein recht zu haben, weil er allein übrigbleibt, da ihm schließlich jeder aus dem Weg geht. Es folgte auch die mangelhafte Methode Kropotkins, der zuviel von seinen eigenen Gefühlen und Wünschen in seine Forschungen hineintrug, als daß deren Resultat ganz gesichert dastände. Es wäre Zeit, zur Methode aller objektiven wissenschaftlichen Arbeiten zurückzufinden, denn eine neue Gesellschaft kann nie durch Überrumpelung begründet werden, wie die des bolschewistischen Staatsstreichs vom November 1917, noch abirato, im Zorn geschaffen werden, noch spontan improvisiert, noch nach fahrplanartigen Plänen und Formeln aufgebaut werden, weder nach Pouget und Besnard, noch nach der „Plattform“ von 1926, noch nach russischen Fünfjahrplänen usw.

Eine neue Gesellschaft wird an unzählige, lokal gegebene Verhältnisse anknüpfen müssen und wird sich daher am leichtesten innerhalb kleinerer territorialer Einheiten, das heißt von Distrikten mit Stadt und Land, die aneinander gewöhnt sind, verwirklichen lassen, in verschiedenartiger Form also, aber von vornherein müssen diese Verschiedenheiten gegenseitig respektiert werden und dürfen den guten Willen zur Föderation und Solidarität nicht beeinträchtigen – sonst ist alles verloren. Wenn dies anerkannt ist, dann muß darauf hingearbeitet werden, es zu ermöglichen, indem es allen Richtungen begreiflich gemacht und von ihnen akzeptiert wird. Dadurch allein würde Sicherheit gewährleistet – Sicherheit gegen reaktionäre Rückschläge und gegen die Diktatur einer Richtung im Sozialismus. Vom Augenblick des Sieges der Revolution ab stehen dann all diese Distrikte in dem freundlichen Verhältnis zueinander wie wissenschaftliche Versuchsanstalten, Sternwarten, Bibliotheken usw., einander gegenseitig helfend und die besten Ergebnisse der weiteren Arbeit zugrunde legend.

Daß es auf ähnliche Weise gemacht werden muß, zeigt selbst auf indirekte Weise das Beispiel von Sowjetrußland, wo man sehr bald sah, daß bei Marx für die neue Gesellschaft absolut nichts zu holen ist, und daß jede Erfahrung durch technisch richtige Methoden erst gewonnen werden muß. Während man äußerlich, zur Parade, Marx Denkmäler setzte, warf man ihn innerlich längst zum alten Eisen und experimentierte, was freilich bei den geringen Leistungen der teils terrorisierten, teils sabotierenden, teils neuen und wenig leistungsfähigen Techniker und den bürokratischen Hemmungen meist zu unternormalen Resultaten führte, die wieder durch Zwang gegen die Arbeiter und Bauern und aufgepeitschten Enthusiasmus etwas verbessert wurden, ohne normale Grenzen zu erreichen, worauf neue, große Pläne, neue Experimente folgten. Dazu hatte man noch alle wissenschaftlichen Ergebnisse der ganzen kapitalistischen Welt zur freien Verfügung und war in der Lage, sich ungeheure Mengen wertvoller Maschinen, Werkzeuge, -Rohstoffe usw. gegen Landesprodukte, Holz, Bodenschätze, alten, angesammelten, wertvollen Besitz usw. zu verschaffen. Das Gesamtergebnis ist trüb und freudlos, mit Zwang überlastet, in nicht genau bekanntem Grade auf Raubbau jeder Art, an Material und an Menschen, begründet, ein Abstieg oder ein zu langsamer Aufstieg, etwas, das noch lange dauern kann bis ein unendlich niedriges Durchschnittsniveau erreicht wird, das aber auch früh ein Ende mit Schrecken nehmen kann.

Trotz aller Bemühungen, die Wissenschaft und die Technik der ganzen Erde in den Dienst dieses russischen Wiederaufbaus zu stellen, trotz aller ungeheuren Mittel, dem erzwungenen Gehorsam aller und der kapitalistischen Mitarbeit im Land und außerhalb des Landes, ist das Resultat nach fünfzehn Jahren – darunter zehn Jahre ohne wesentliche kapitalistische Bedrohung – also noch ein prekäres und zweifelhaftes. Man kann daraus die Größe der Aufgabe ermessen, die anderen Ländern bevorstehen würde, und die Notwendigkeit, speziell bei den begrenzteren Verhältnissen der meisten dieser Länder, erstens den guten Willen aller direkt arbeitenden, zweitens den aller technischen Kräfte zu sichern, drittens auf dem ungeheuren neuen Gebiet jeden Streit unter Sozialisten ruhen zu lassen und sachliche Fragen nur sachlich zu entscheiden, wobei es entweder bei schon vorhandener Erfahrung in der Regel nur eine Lösung gäbe oder ohne solche Erfahrung Experimentationsfreiheit für verschiedene Möglichkeiten bestehen würde.

Denn was würde eigentlich die neue Gesellschaft anderes sein als ein möglichst vollendeter Produktionsapparat, der diese Vollendung nur durch Sachlichkeit und den guten Willen aller erreichen kann, ferner ein ebensolcher Distributionsapparat, und nach Besorgung dieser Lebensnotwendigkeiten würde das Eigenleben der einzelnen und ihrer freien Gruppierungen beginnen, ihr eigentliches Leben in unbegrenzter Vielartigkeit, ein Leben, das um so reicher und angenehmer sein wird, je mehr die sachlichen Notwendigkeiten ordentlich besorgt sind und für Reichlichkeit und Abwechslung gesorgt ist.

Während in früheren Generationen nur die Nichtsozialisten einen solchen Zustand für unmöglich erklärten, scheint jetzt den meisten Sozialisten – die Anarchisten allein ausgenommen – ein Sozialismus ohne die angebliche Garantie eines Übergangszustandes unfaßbar geworden zu sein. Die einen nennen dies die „Diktatur des Proletariats“ und sind dabei willens als Proletariat sich jeder Führerdiktatur zu fügen; die Sozialdemokraten können sich überhaupt nur noch einen tropfenweise, den Legislaturen enttropfenden Obrigkeitssozialismus vorstellen; manche Syndikalisten wünschen zunächst nur eine auf den heutigen Syndikaten aufgebaute Gesellschaftsordnung. Dies sind entweder Schwächeerscheinungen (Sozialdemokratie), Herrschafts- und Knechtschaftssinn (Kommunisten) oder eine nach meiner Ansicht zu enge Auffassung bei jenen Syndikalisten: denn eine ganze Gesellschaft läßt sich nicht von einer Organisation umfassen, und wenn Staat und Kapitalismus gefallen sind, werden die entfesselten freien Kräfte nicht in eine bestehende Organisation eintreten, sondern sich nach allen Richtungen hin ihren eigenen Weg bahnen.

Auf jeden Fall sind alle Richtungen des Sozialismus aufeinander angewiesen, einen modus vivendi unter sich zu finden. Denn sie werden einander nicht bekehren, noch kann es eine Einheitsrichtung geben, und wenn eine Richtung alle anderen unterdrücken zu können glaubt, schaltet sie sich selbst aus dem Sozialismus aus; denn der Bolschewismus, auch wenn er 150 statt 15 Jahre dauert, kann nie ein Sozialismus werden. Also ungeheuerliche Kämpfe untereinander zum Profit und Gaudium der Bourgeoisie oder Einsicht und Rücksicht auf die Mitsozialisten, welche Gegenseitigkeit zu üben bereit sind. Leider sind Einsicht und Rücksicht von den heutigen „Sozialisten“ kaum noch zu erwarten, für die der Sozialismus als solcher längst eine unpraktische Idee und Marx ein leeres Wort geworden ist und die nur noch zum Vorteil ihrer Führerkaste da zu sein scheinen, die sich längst mit der Bourgeoisie verständigt hat, einander nicht weh zu tun und gemeinsam die Revolutionäre zu bekämpfen.

So geschieht dies heute am 29. Mai in ganz Spanien, wo der einfache Wunsch der CNT, an diesem Sonntag in Hunderten von Volksversammlungen gegen die ihr zuteil werdenden, immer intensiveren Verfolgungen zu protestieren, mit dem Verbot all dieser Versammlungen und der Bedrohung jeder Regung der Arbeiter an diesem Tag beantwortet wurde. Man fühlt bereits in diesem Land, daß die Republik von den pseudosozialistischen Ministern dem Untergang zugeführt wird, da sie nur dazu zu dienen scheint, dem Haß des Arbeitsministers, der zugleich Sekretär der sozialistischen Gewerkschaften ist, Ausdruck zu geben, der den von Paul Lafargue, Jose Mesa, Paulino Iglesias 1871/72 begonnen, von Engels geschürten Kampf gegen Bakunin, die Alliance und die spanische Internationale nun mit den Machtmitteln der Regierung fortzusetzen in der Lage ist und die Republik jeden Tag mehr verhaßt macht. Dasselbe Schicksal bereiten diese Handlanger der Bourgeoisie ihrer eigenen Sozialdemokratie selbst, die wie der diktatorielle Kommunismus ihre Blütezeit längst hinter sich hat und mit der Bourgeoisie verschwinden wird. Zurückblickend, sehen wir die primitiven Formen versinken und höhere Typen sich entwickeln. So in der Natur, von den Urtieren zum Menschen, in der geistigen Weltauffassung, von den primitivsten Religionen zur Wissenschaft; in der sozialen Welt von den ältesten brutalen Autoritäten zur Sozialdemokratie und dem Kommunismus, wie diese sich jetzt vor unseren Augen abspielen und entarten, und daneben steigen höhere Typen empor, syndikalistische und anarchistische, denen wieder, wenn ihre Lehren in Fleisch und Blut der Menschen übergegangen sein werden, noch höhere Typen folgen dürften – der aus sich selbst heraus freie und soziale Mensch, der keiner Stützen und Rahmen mehr bedarf, um sich zwanglos auszuleben.

Ist nicht all dies so einfach und selbstverständlich, wenn man es vom Entwicklungsstandpunkt aus betrachtet? Vom Keim zur Pflanze, zum Baum, und vom Kind zum Mann, wobei für die menschliche Gesellschaft die Stufe, die man sozialautoritär nennen kann und die wir alle früher für sehr langdauernd hielten, sich vielleicht überraschend abkürzt, wie der schnelle Absturz der Sozialdemokratie und das Versagen des Kommunismus zu zeigen scheinen. Das konnten wir nicht voraussehen, aber wir erleben es jetzt selbst. Wie verehrte man einst Marx und Engels, Liebknecht und Bebel und noch als eine letzte Blüte die Jaures, Keir Hardie, Viktor Adler und andere – und was folgte auf sie? Die Verkümmerung, die Zwerghaftigkeit, das völlige Versagen – die heutigen Sozialdemokraten, deren Namen man kaum noch kennt, so sehr sind alle markanteren Erscheinungen abgestorben und verschwunden. Und die diktatorielle Richtung? Blanqui imponierte ganzen Generationen durch fünfzig Jahre, ob sie ihn liebten oder haßten; Lenin hatte nur eine kurze Blüte; Stalin erregt kein Interesse mehr als Mensch, und die jüngeren Anhänger an allen Orten sind obskure Durchschnittsparteigänger. Ebenso für alle nationalistischen Autoritären, die Verkenner und Bekämpfer internationalen Menschentums; von Mazzini und Garibaldi zu dem Mussolini jeder Nationalität, der für freie Menschen nur eine krankhafte Entartung darstellt. So auf allen Gebieten – eine autoritäre Dekadenz ohne gleichen: heute regiert, verwaltet, führt noch das große Wort die dritte Garnitur, der sechste Aufguß. Dies sind gemeinsame Verfallserscheinungen, denen alles Autoritäre erliegen muß, zugleich der autoritäre Bourgeoisismus und der autoritäre Sozialismus, geradeso wie gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts zugleich der Absolutismus und Feudalismus, Inquisition und Tortur, Aberglaube und Zopfgeist, Zünfte und primitive Werkzeuge, verknöcherte Moral und so viele andere Grausamkeiten zugleich den Todesstoß oder Todeskeime erhielten und ein freieres politisches Leben, neue Wissenschaft und Aufklärung auf allen Gebieten, neue Produktions- und Verkehrsmöglichkeiten, kurz, ein neues Leben begann. Noch kein vollkommenes, gewiß, aber jetzt nach hundertfünfzig Jahren ungefähr, ist wieder das unvollkommene, Staat, Kapitalismus, autoritärer Sozialismus, Nationalismus und so vieles andere sterbensreif und es kann nur der Aufstieg zu den freisolidarischen Formen der Zusammenarbeit – sachlich zweckmäßige Produktion – und des Zusammenlebens folgen, wie sie durch die älteren Sozialisten und durch die freiheitlich-sozialistischen Fortsetzer derselben bis heute vorläufig vorausgesehen wurden und wie künftige Erfahrung sie herausbilden wird. Auch diese Entwicklung wird noch ihre schwachen Seiten haben, wie die Verwirklichungen des neunzehnten Jahrhunderts gegenüber den idealen Träumen des achtzehnten sie hatten, weil der Fortschritt immer mit dem toten Gewicht vorhandener Rückständigkeiten belastet ist. So ragen in die neue Zeit diese Steinzeitsozialisten hinein, von denen ich eingangs schrieb und unzählige andere Verkümmerungen und Rückbildungen. Aber sie können die Entwicklung nicht aufhalten, selbst heute nicht, wo sie vorübergehend an manchen Orten das große Wort führen. Alles liegt zugunsten unserer großen Sache, wenn wir sie nur selbst in ihrer vollen Größe auffassen, und nicht mehr an Einseitigkeiten, Exklusivismus, Unduldsamkeit haften, welche die beste Sache zum Stillstand und zur Unfruchtbarkeit verdammen können.