«Das Buch, das du in den Händen hältst, ist [...] die Geschichte einer Gruppe libertärer Gefangener der Gesellschaft, die wir uns auf diffuse Weise in der Folge bestehender Freundschaften zu organisieren versuchten, um mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln gegen ein irrsinniges System zu kämpfen, das dazu gemacht ist, jeden Menschen zu entpersönlichen und zu zerstören.“ [...] „Wir, Xosé, Patxi, Paco und so viele andere, mussten lernen, in diesen fürchterlichen „Sonderabteilungen“ zu überleben, wo wir vom Rest der inhaftierten Bevölkerung getrennt gehalten wurden. Wir lernten, dass Rebellion oder Tod die Alternative war, die uns blieb. Und wir rebellierten.»

Gabriel Pombo da Silva, aus der Einleitung zum Buch


Der Kampf gegen Autoritäten ist eine Frage der Würde. Nichts geht deutlicher aus diesem Buch hervor, als diese Bekräftigung. Die Revolte, im Fall von Xosé Tarrio oft individuell und unter widrigsten Bedingungen, ist nichts anderes, als der Puls, der uns zeigt, wie sehr wir noch am leben sind. Der Lebenspuls von Xosé, der in einem kleinen spanischen Städtchen aufwuchs, liess nicht zu, das Elend zu akzeptieren, in das ihn diese Gesell- schaftsordnung zwingen wollte, und er entschied, sich den Reichtum dort zu holen, wo er zu Genügen vorhanden war. Während er schon seine Jugend in Zwangsanstalten verbrachte, begann also bald sein Parcours durch die spanischen Gefängnisse, in denen er ein Grossteil seines Lebens verbrachte. Sein Buch, das er auf diesem Parcours Papierfetzen für Papierfetzen aus dem Gefängnis schmuggelte, verschafft uns ein Bild von einer Realität, die kaum zu unseren Sinnen dringt. Zumindest, wenn wir sie nicht selbst erlebten: das Leben im Innern der Gefängnisse und ihren Isolationstrakten, im Fall vom Xosé, im spansichen FIES-Haftregime. Wovon dieses Buch aber vor allem spricht, das ist eine Art und Weise, das Leben anzugehen, eine offene Feindschaft gegenüber jeder Art von Autorität und jeder Form von Einsperrung. Und wer wüsste besser, was die Einsperrung bedeutet, als eine Person, die sie in ihren tiefsten Abgründen erfahren hat? Wer wüsste besser, die Freiheit zu lieben, als jemand, der ihr dermassen enteignet wurde? Dies sind die Worte von Xosé Tarrio, als er nach einem gelungenen Ausbruch einigeTage im Freien verbrachte:

«Ich war frei. Nach vier Jahren ununterbrochener Isolation, eingesperrt in kleine Räume aus Beton, füllten sich meine Lungen jubelnd mit frischer Luft. Meine Augen, gestraft vom Kalkweiss der Wände und dem tristen Grau der Mauern, genossen wieder Bäume und Vögel, die umherflogen und ihr Nest suchten, um sich zur Nachtruhe zu begeben. Die Nacht erlöste uns, süsser als ich je geträumt hatte, von der Hitze des Tages. Dieses Wiedersehen mit der Natur, war wie die Schönheit einer Blume auf sich wirken zu lassen, vor ihr stehenzubleiben, um zu betrachten, wie sie delikat Farbe und Parfüm versprühte. Wie konnte man eine Person in eine kalte drei Quadratmeter grosse Zelle sperren und ihr jahrelang das alles vorenthalten? Was war unter dem Strich das schlimmste Verbrechen, einen Menschen mit solcher Grausamkeit zu bestrafen oder ein einfacher Raub eines Gutes, einer Sache, deren Tageswert am Markt ermittelt wird? Erst in diesem Mo- ment verstand ich den Schmerz wirklich, den sie mir zugefügt hatten, nicht nur wegen meiner Gefangenschaft, sondern weil diese Gefühle in mir abgestorben gewesen waren. Das Gefängnis war so bösartig und widerwärtig wie das schlimmste Verbrechen, das man verüben konnte. Es wurde allerdings im Namen von Justiz und Gesellschaft verübt. »

Xosé beschreibt nicht die Abgründe der Gefängniswelt, um besser belüftete Zellen zu fordern. Er stellt die Frage des Gefängnisses auf die einzige Weise, die Sinn macht: indem er die Gesellschaft kritisiert und bekämpft, die es nötig hat. Eine Welt der Freiheit kann nur eine Welt sein, welche die Prinzipien von Kontrolle, Strafe und Justiz zu zerstören weiss, um in den Individuen das Gefühl von Souveränität und zwischen ihnen das Gefühl von Solidarität zu beleben. Denn diese ersteren Prinzipien verwandeln diese Welt in ein Gefängnis unter offenem Himmel, in dem wir alle, je nach Unterwürfigkeit, an mehr oder weniger langen Ketten gehalten werden. Und in diesem Sinne könnten die folgenden Worte von Xosé Tarrio ebensogut von irgendwem stammen, ob innerhalb oder ausserhalb der Mauern, der nicht beabsichtigt, sich von dieser Welt erdrücken zu lassen:

«Ich werde nicht zulassen, dass sie meine Gefühle und Gedanken abtöten, ich werde meine Schreie nicht verstummen lassen und nicht mein kindliches Gefühl und nicht die Freiheit, die ich in mir strömen fühle. Ich werde nicht zulassen, dass sie meine Werte mit Lügen erdrücken: Sie sind mein Salz des Lebens, meine Nahrung. Ich bin kein Wimmern: Ich bin Kriegsgeschrei aus der unendlichen Dunkelheit und Tiefe des Gefängnisses. »