Titel: Das Schamgefühl unter den Revolutionären
Datum: Februar 2011
Thema: Scham
Bemerkungen: Anonym veröffentlicht in "Alles Geht Weiter - Erster Teil: Rowdies", ohne Ort, Februar 2011, S. 12-15.

Die Scham[1] vor dem anderen Revolutionär, derjenige mit dem “berühmteren” Hintergrund.

Einerseits ist zu sagen, dass meine eigene Aufregung in Momenten, in denen sich die Welt auf den Kopf gestellt wiedergibt, mich so sehr öffnet zu mir selbst und zu meiner Umgebung, dass ich auch sage, dass ein Moment der wirklichen Kollektivität sich zumeist nur in der Spannung unserer Kämpfe ergibt. Weil wir dann in einem gemeinsamen Prozeß stehen. Und wir uns tatsächlich austauschen, das vielleicht auch unbewußt, aber es scheinen sich zwischen uns so leichter Verknüpfungen zu ergeben. Das bedeutet natürlich, dass so fern wir das fühlen können, uns diese innere Begierde, die wir mit uns herumtragen, dann dazu verleitet, wenn wir eine revolutionäre Situation irgendwo erleben, uns an diesen Ort zu wünschen. Weil es dort endlich möglich war diese Offenheit zu erleben. Das ist verständlich. Gleichsam ist es nachvollziehbar, von Bildern begeistert zu sein. Bildern von brennenden Polizei oder Firmenautos oder brennenden Tankstellen, Supermärkten oder Polizisten[2]. All das zeigt, dass wir noch nicht völlig aufgesaugt sind von der Macht. Aber durch dieses eigenartige Gefühl der Fernwehs ergibt sich eine Distanz zu den eigenen Kameraden vor Ort, oder denen, die es potentiell sein könnten. Es ergibt sich eine Sehnsucht, die im eigentlichen Sinne der Macht dient, da sie uns aus der Realität entführt. Sie läßt uns von revolutionären Momenten träumen, von Krawallen, von heroischen Kämpfen gegen die Macht, von welch Vorstellung auch immer, einer Verwirklichung von Utopien. Und diese Träume verleiten uns dazu zu Wartenden zu werden. Zu Wartenden auf den Moment an dem wir dorthin gehen, um das zu erfahren, das wir hier nicht erfahren können. Warum können wir es hier nicht erfahren? Weil wir uns das Verständnis der Umgebung nicht angeeignet haben; weil sich jemand selbst nicht vertraut; weil sich die (vielleicht wenigen) Individuen nicht selbst etwas zutrauen; weil ja sowieso alles Scheisse und nur Zynismus ist; weil sich alle gefügt haben und damit dem Fatalismus unterworfen haben. So einige spontane Antworten. Ich will hier aber noch etwas fortfahren, von dieser Distanz, der Distanz von sich selbst, durch die ständige Gedankenreise, die durch irgendwelche Blogs oder Indymedia Seiten entsteht, entsteht auch zwangsläufig eine Distanz zu den Personen, zu denen man eigentlich verknüpft sein will, weil sich eine Scham ergibt. Eine Scham, die aussagt, ich bin dazu nicht fähig[3]. Sogar eine kollektive Scham ist leicht möglich, und zu oft die Realität: Wir sind dazu nicht fähig. Und mit diesem Gefühl sterben so manche potentiell aufrührerische Projekte, die einen zu sich selbst und zu seiner Umgebung geführt hätten. Es ist eine Scham, die sich punktuell ergibt, die einiges an psychologischen Elementen vorraussetzt. Einerseits, ein Wunsch zum Umsturz der Macht, bzw. der Wunsch der simplen Empörung gegen die Unterdrückung. Andererseits eine Ohnmacht in der eigenen Situation. Frustrationen vielleicht, aber gleichzeitig eine Verzweiflung und eine Distanz vom eigenen Ich. Eine Distanz, die mich zwangsläufig leichter verzweifeln läßt. Kann ich meine Wirklichkeit verstehen, und die Konflikte, die in meiner Umgebung an der Tagesordnung sind, kann ich Interventionsmöglichkeiten finden. Weiters, eine spektakuläre Vision der Revolution. Die ist zwar völlig verständlich, da wir alle aufgeladen sind mit Wut und Hass auf eine so feindliche Umgebung in der zu leben wir gezwungen sind, und daher das spektakuläre (Bild) den Anschein eines Energieausgleichs gibt, das mag in manchen Fällen sogar manchmal der Wahrheit entsprechen, bzw. einen Teil der Wirklichkeit ausmachen, ist aber nicht unbedingt hilfreich um eine aufständische Situation zu fördern. Wenn wir ständig nur auf den singulären Krawall hinarbeiten[4], vergessen oder übersehen wir vielleicht gewisse Aspekte, die, wären sie beachtet, zu einem viel größeren, sozialen, gesellschaftlichen Einschlag führen könnten. Ich benutze hier bewußt die Wahrscheinlichkeitsform, weil die Faktoren dazu manchmal etwas - sagen wir - unübersichtlich sind.

Was dabei noch auffällt ist die Augenblicklichkeit der Wahrnehmung – Annahme. Es ist dies eine weitere Unfähigkeit, die Wirklichkeit auch auf gewisse Weise geschichtlich betrachten zu können. Eine Form von Neid. Wo wären die anderen Revolutionäre ohne ihre Arbeit und die Arbeit ihrer Vorgängergeneration? Und die der Generation davor. Und die davor, etcetera. Es ist zu “einfach”, sich vom Gefühl des Augenblicks betrügen zu lassen. Und damit schon in diese willenslose Lethargie des hier funktioniert das alles nicht zu verfallen. Es ist bestimmt wahr, dass wir gewisse Zonen als konfliktiv “toter” als andere bezeichnen können. Dass in gewissen Zonen die Menschen wirklich ihr Gefühl der Würde an die Unterdrückungsmechanismen abgegeben haben. Aber das heisst nicht, dass die Macht auf die Unterdrückten keine Auswirkungen hätte. Es ist auch bestimmt viel schwieriger diese Konflikte ans Tageslicht zu bringen, wenn es sich dabei um Depressionen, postmodern-städtischen Fatalismus, eine ausufernde Lethargie, Selbstmitleid und Planlosigkeit handelt. Aber fast überall gibt es die, die den Willen haben diese psychologischen Effekte der Macht zu überkommen und dieser Willen ist die Basis für die Subversion von Morgen und es ist dabei oftmals vielleicht klüger eine Beziehung mit diesem wollenden Menschen einzugehen, sofern sich eine Affinität abzeichnet, anstatt in die nächstgrößere Stadt mit subkulturellem linken Charakter zu gehen. Die subkulturellen Gegenden tragen eigene Regeln und Gesetze, die mitunter keinem Aufstand dienlich sind, Moralismen, Kodes, die von der Kultur vorgegeben sind und damit den Handlungsspielraum moralisch enorm einschränken. In kleineren Realitäten haben es Subversive mitunter leichter den “Gang der Dinge” zu beeinflussen.

Und jeder Schritt zählt. Jede Initiative hat ihre Früchte. So klein und wirkungslos sie im Moment erscheinen mag. Es geht dabei nicht so sehr (auch darum, aber das erst in zweiter Linie) um die Größe, sondern um die Klarheit des Revolutionärs. Des angreifenden, zerstörerischen Charakters der Initiative, der Uneinvereinnahmbarkeit dieser Initative. Das kann bereits in einem Flugblatt ausgedrückt sein. Denn es ist dieser Charakter, der die folgernde Diskussion und damit Subversivität der Wirklichkeit ausmacht. Es ist dieser Charakter, der aufzeigt, ob eine Affinität anwesend ist, oder nicht. Diese Konflikte sind so unglaublich wichtig, weil sie zukünftige Frustrationen vermeiden können, die sich viel zehrender auf die betroffenen Individuen auswirken.

Gehen wir einen kleinen Schritt weiter. Sprechen wir über die Scham vor dem anderen Revolutionär. Derjenige, der sich direkt neben mir befindet. Derjenige, den ich “bewundere”. Ist dieses Bewundern nicht eigentlich ein sich schämen? Ein sich schämen vor mir selbst, vor dem was ich nicht zu tun imstande bin, und von dem ich glaube, dass es mein Kamerad kann. Vielleicht hilft eine Zerstörung dieser Scham bereits nicht in die andere Scham zu fallen, die Scham vor den weit entfernten Kameraden.

Was soll dieses Bewundern sein? Es kann mich anstacheln, etwas zu tun, an dass ich nicht gedacht hatte. Warum hege ich eine Bewunderung, oder schaue zu jemandem auf? Weil ich etwas in diesem Menschen sehe, von dem ich gerne die Gewissheit haben würde, selbst dazu fähig zu sein. Dieser Zustand kann unterschiedliche Auswirkungen auf mein Leben haben. Ich kann wieder auf eine Weise auf dieses Problem zugehen, indem ich es benutze, es für mich zu etwas wandle, dass mir einen Schub gibt. Das ist bei Erkennen eines solchen Phänomens vermutlich zweckmäßiger, als sich weiters für dieses Gefühl zu schämen. Also sich vor der Scham zu schämen, bzw. sich für diese Bewunderung zu schämen. Also was mache ich daraus? Ich setze voraus, dass ich mir die Fähigkeit erarbeitet habe, diese Reflektion zu machen. Mein Ego fühlt sich also “kleiner” als ich das Ego des anderen annehme - wahrnehme. Das ist wichtig, ich interpretiere in die Handlungen, in das Auftreten meines Gegenübers, meines Kameraden, meines Freundes etwas Bestimmtes. Vielleicht ohne es festlegen zu können, aber diese Annahme – Wahrnehmung existiert. Diese Annahme – Wahrnehmung stelle ich in einen Vergleich mit mir selbst. Wieder mit einer Annahme - Wahrnehmung über mich selbst. Das was ich in mir sehe. Was einen sehr spezifischen Blickwinkel betrifft. Denn was ich in mir sehe, schliesst vieles mit ein, das andere nicht sehen können, oder nicht wahrnehmen können. Was kann ich nun daraus machen? Ich kann versuchen zu verstehen, was die andere Person an sich hat, was mich fasziniert, und entweder diese Eigenheit der anderen Person als solche stehen zu lassen und mich einfach auf meine Stärken zu konzentrieren, darauf wer ich bin. Aber im gleichen Maße kann ich diese Begierde zu einer Eigenschaft, die ich gerne hätte, aber nicht verinnerlicht habe, in Handlungen umsetzen. Also mich durch die andere Person direkt inspirieren zu lassen, Dinge zu tun, von denen ich fühle ich wäre dazu nicht imstande. Das wird meinem Ich nicht wehtun, es auch nicht hintergehen, sondern den Raum des eigenen Ichs verstärken. Der Raum, den ich als Ich um mich schaffe, und das ständig.

Weiters kann ich natürlich über diesen Bezug, den ich unbewußt in mir, zur anderen Person geschaffen habe, mit diesem Menschen kommunizieren. Etwas, dass sich manchesmal sicher schwierig gestaltet, und manch anderes Mal keinen Sinn macht. Auch je nach Nähe zueinander. Aber eines ist denke ich wichtig in diesem Kontext, nämlich dass sich dieses Gefühl nicht lähmend auf mich auswirkt, bzw. auf den der diese “Bewunderung” und im gleichen Moment die Scham vor sich selbst fühlt. Und sich darüber vielleicht nicht bewußt ist, bzw. nur im Hinterkopf darüber Bescheid weiss. Ohne das in Worte fassen zu können. Ein Teil der Subversivität, die wir als Revolutionäre in der Gesellschaft anwenden, findet vermutlich über diesen “Mechanismus” (nicht wörtlich gemeint) statt. Das Gefühl, dass es eine Kraft gibt, die sich dagegen richtet. Etwas, das ist um sich zu wehren, dass eine Provokation für die einen ist und eine Inspiration für andere. Nur in unserem Fall, ist das Gegenüber auch bekannt.

Das verknüpft sich auch zum psychologischen Ablauf, den ich versuche zu beschreiben, wenn es um andere Gegenden geht. Von denen ich “weiss” (etwas in mir nimmt das an), dass sie etwas zustande bringen, zu dem ich nicht fähig, oder wir als Gruppe[5] nicht fähig sind. Was das Problem intensiviert, weil sich plötzlich ein kollektiver “Mechanismus” darum rankt, der zuvor nur singulär war. Aber wenn sich zwei Revolutionäre der einen Gegend inferior zu einem Bild von anderen Revolutionären einer anderen Gegend fühlen, findet leicht eine Reproduktion dieses Minderwertigkeitgefühls[6] statt. Denn es ist dieses Wort, dass diesen Prozess treffend beschreibt. Und es beschreibt gleichzeitig die Scham, des nicht von sich selbst überzeugt zu sein. Das Gefühl, mit der Angst in der Gesellschaft nicht umgehen zu können, und nicht mit sich selbst, der diese Angst verspürt. Die Verzweiflung, die in Auswegslosigkeit mündet. Und umgekehrt. Aus einem solchen Kreis komme ich üblicherweise über meinen Willen. Mein Willen zur Handlung. Mein Willen zum Widerstand. Mein Willen zur Subversivität. Mein Willen zur Zerstörung von allem. Die Entwicklung meiner Überzeugtheit von mir selbst. Ohne eine Arroganz zu entwickeln, die sich dabei gegen mich selbst richtet, weil es üblicherweise die Arroganz ist, die mir die Fähigkeit zu reflektieren raubt. Bestimmte Formen der Arroganz in Revolutionären erinnern mich so manchesmal an folgendes Bild: Wasser, auf dem ein brennender Ölfilm schwimmt. Ich kann eine Wut sehen, eine Wut, die aber keine Tiefe zeigt, und das Feuer das auf diese Weise brennt, ist eigentlich von der Tiefe gekennzeichnet. In diesem Fall von Wasser. Also ist das Gefühl das dieser Mensch vermittelt, gekennzeichnet von einer Leere. Einer leeren Wut. Einem Feuer, das die Macht nicht auslöschen muss, weil es nur eine Frage der Zeit ist, bis das Öl verbrannt ist, und die Wut damit verpufft. Die Welt ist voll von solchen Gestalten, manche scheinen dies zu erkennen, bzw. gewisse Erfahrungen, die sie in ihrem Leben machen, bringen sie dazu diesen Zustand zu verändern - und zu Revolutionären mit Tiefgang zu werden, deren feurige Energie nicht einfach so, mit dem nächsten, stärkeren Wind verpufft.

Die wahrscheinlich wichtigste Schlussfolgerung aus dem Erkennen von so etwas wie einer Scham anderen Revolutionären oder anderen revolutionären Bewegungen gegenüber im Allgemeinen, ist eine Notwendigkeit. Die Notwendigkeit einer fundamentalen Arbeit: Das Erzeugen von revolutionären Ideen. Denn Räume werden immer mit den Ideen ausgefüllt, die sich in unseren Köpfen ergeben durch den Austausch mit anderen Revolutionären. Die Scham ist Symptom der nicht-Erkenntnis von der eigenen Macht über uns selbst. (die stirnerianische Idee der Macht des eigenen Selbst). Die Antwort auf diese Erkenntnis, muss also die Arbeit an dieser Tatsache sein und damit zwangläufig in die revolutionäre Spannung zu treten und in Folge einen Prozeß der sozialen Revolution zu forcieren, um nicht ständig in den Fehler zu verfallen sich dieses Fehlen, durch eine Art “revolutionären” Tourismus aufzufüllen.

[1] Günther Anders prägte den Begriff die promethische Scham, die sich auf die Maschinenwelt bezieht. Er spricht von dem Minderwertigkeitsgefühl, das Menschen ihren produzierten Maschinen gegenbüber empfinden. Nicht zu können, was diese können, was die Produzenten die Maschinen machen lassen, aber eben selbst nicht dazu fähig sind. Detailiert ist das in der Antiquiertheit des Menschen, Teil 1 nachzulesen.

[2] Hier ist es wichtig auf etwas hinzuweisen. Auf die Wahl der Ziele. Wir müssen uns gegenseitig ständig hart herannehmen, was unsere Diskussion anbelangt. Denn die Polizei etwa ist ein gutes Ziel, und in vielen Momenten ist es bestimmt notwenig diese anzugreifen, sie stellen oft aber nur Indikatoren dar, was den Sozialen Krieg anbelangt. Indikatoren für die Bewegungen der Revolutionäre. Wo aber manchesmal die Macht sich hinter weniger offensichtlichen Namen als Polizei, Supermarkt oder Bank verbirgt. Und wesentlich verwundbareren.
Wir vergessen nicht, dass das auch eine inspirierende Wirkung haben kann, aber ich denke speziell der Charakter des Mediums erzeugt eine Distanz (siehe auch den Artikel zur “Verschwörung gegen die Macht”), der nur für diejenigen hilfreich ist, die sich ohnehin schon zum revolutionären Ich gemacht haben und die diese Bilder und Texte aus der Indirektheit des Internets als tatsächliche Informationen dechiffrieren können. Also als Informationen, die ihnen als Revolutionäre und zur Entscheidung über die nächsten Maßnahmen, die nächsten Handlungen, hilfreich sind. Ich denke, dass dieser Teilaspekt im Auge gehalten werden muss, aber in diesem Kontext ist es leichter eine erweiterte Entfremdung zu vermeiden.

[3] zum Beispiel die Polizei, die mein besetztes Haus räumen will, und mir das endlich die Möglichkeit gibt “so richtig zu zeigen, wer ich wirklich bin”, weil ich endlich ein Spektakel erzeugen kann, dass mich in den Mittelpunkt der Stadt rückt. Etwas das eine völlige Planlosigkeit über die Mechanismen dieser Gesellschaft und meiner Inteventionsmöglichkeiten beweist. Es zeugt von Ideenlosigkeit und einer Unfähigkeit des im-Schatten-agierens.

[4] Was hier auch offensichtlich wird, ist das nicht verstehen von der Situation der anderen Revolutionäre. Was meine ich damit? Nun, einerseits hat derjenige dabei das Konzept der Kommunikation nicht verstanden. Schliesslich geht es in der sozialen Revolution nicht um einen Kontest, sondern eben um die revolutionäre Spannung die hüben wie drüben den gleichen Stellenwert hat. Die Person, die Gruppe, die sich also so in Distanz zu sich selbst sieht, macht sich damit Handlungs-, und damit Kommunikationsunfähig. Sie fühlt sich nicht in der Lage Solidarität auszudrücken, weil sie mehr damit beschäftigt ist, sich selbst aufgrund der Scham, Elend zu fühlen.

[5] Es ist vermutlich nicht zu riskant dieses Minderwertigkeitsgefühl als direkten Mechanismus der Macht zu bezeichnen. Denn die direkte Auswirkung dieses konterrevolutionären Komplexes, ist eine Lethargie. Ein Gefühl des Nicht-Könnens, des Nicht-Zustandebringens. Also ein Symptom der Existenz von unterdrückerisch auftretender Macht. Vielleicht anfänglich schwer zu sehen, aber doch leicht erkennbar. Das Gefühl des Nicht- Könnens, das nur von Analyse und Erfahrung und einem Experimentieren mit der Wirklichkeit vernichtet werden kann. Ich denke dass es wichtig ist, diese scheinbaren kleinen Detailsymptome zumindest aufzuschreiben, um sich gegen sie zur Wehr setzen zu können. Denn worauf baut die Konterrevolution auf, wenn nicht zu großem Anteil an psychologischen Mechanismen?! Angst. Lethargie. Gelähmtheit. Depression. Ohnmacht. Verzweiflung. Frustration. Paranoia. Die Formierung des Ichs läuft auch über die Bewußtwerdung dieser Konzepte der Macht.

[6] Diejenigen Teile der feministischen Bewegung, die ihre Ursache in einem Minderwertigkeitsgefühl gegenüber Männern haben, hat vermutlich zumindest teilweise auch den Hintergrund der Scham. Der Scham des Nicht-Könnens. Wo es offensichtlich wird, dass der Fokus im Anderen liegt. In diesem Fall im anderen Geschlecht. Anstatt den Fokus in das eigene Ich zu legen. Was da nicht gekonnt wird, ist völlig irrelevant. Auf gewisse Weise kann das auch aus der 'anderen' Richtung gesagt werden, nur ist das durch herrschende patriarchale Strukturen weniger offensichtlich. Es ist eine Scham vor sich selbst. Einer Scham im Angesicht der Sinnlosigkeit der Welt. Der Moment in dem die Philosophie begann über die Sinnlosigkeit zu schwelgen, ist ein Symptom. Ein Symptom für einen Bruch in der Menschheit. Irgendetwas ist in diesem Moment passiert, sodaß das Gefühl der Sinnleere überhaupt erst auftreten konnte. Es ist das der Punkt an dem vermutlich ein gesellschaftlicher Nihilismus das Menschheit das Individuum zurückzugeben und den Anfang des Endes der Scham einzuleiten. Einer Scham die aus dem Unwissen über sich selbst kommt, und der Unmöglichkeit der Ohnmacht anders entgegenzutreten, als über eine Schuldzuweisung einem anderen Geschlecht gegenüber (eine Person, die diese Charakteristik aufweist, wird zwangsläufig auf Personen stossen, die diese Schwäche ausnutzen; ich denke es ist notwendig sich selbst zu verwildern und das Ich mit der Idee des Angriffes zu “bestücken” um dem eigenen Opferverhalten entgegenzutreten). Einer Schuldzuweisung, die vielleicht aus einem Minderwertigkeitsgefühl kommt. Die Schuldzuweisung ist auch im heutigen feministischen Kampf oft präsent. Das soll hier auch nicht heissen, dass alle feministischen Überlegungen obsolet sind, dennoch ergibt sich bei näherer Betrachtung oft das Gefühl, dass es die Schuldzuweisung ist, auf die es viele Feministinnen und Feministen (die Ideologie beschränkt sich nicht auf ein Geschlecht) abgesehen haben und keine Befreiung des Ich. Das Konzept der Schuld, das da klar aus der christlichen Ideologie kommt. Von der Unmöglichkeit sich selbst zum eigenen Ich zu bringen und damit unantastbar zu werden, wo das notwendig erscheint. Eine Person, die sich selbst kennt und über sich Bescheid weiss, den Opferprozeß nicht zulässt und sich zu jeder Zeit wild zur Wehr zu setzen weiss.
Es zeichnet sich auch in diesem Kontext eine Art von Sinnlosigkeit des Alltags ab, eine Leere, die versucht wird radikal-soziologisch und über das erzwungene Erschaffen von Gemeinschaften zu bekämpfen. All diese Teilbefreiungsbewegungen zeigen einmal mehr auf das Nichts der Gesellschaft. Es sind dies die verzweifelten Versuche der Individuen sich zu Gemeinschaften zusammenzuschliessen, sich dabei gegenseitig Identität zu stiften und dabei die Verzweiflung etwas abzubauen. Womit aber nur zusätzliche Illusionen erschaffen werden, die von der Notwendigkeit, Ideen zum Umsturz zu stiften, ablenken.
Die Auflösung der Distanz zwischen den Kämpfern, den, wie auch immer sich definierenden revolutionären Individuen, kann nur über den gemeinsamen, verbündenden Angriff angefangen werden. Ein sich gegenseitig Zusammenzuschweissen und damit die Basis zu schaffen sich in seinen Begierden und Differenzen zu verstehen. Den Raum zu schaffen, in dem sensibel aufeinander eingegangen werden kann. Ich denke, dass nur wer sich aufeinander im Angriff einläßt, ist in der Lage die Ängste und Wirklichkeiten des Anderen richtig zu verstehen im Gegensatz zu den zyklisch auftretenden, separatistischen Initiativen.