Auf unseren Artikel der vorigen Nummer über Partei- und Programm-Kultus[1] sind uns Einwendungen gemacht worden, welche eine nähere Erörterung verdienen. Die Macht der Gewohnheit, sich in einer bereits ausgetretenen Bahn zu bewegen, wirkt eben bei den meisten Menschen so mächtig, dass sie sich immer nur mit der grössten Mühe davon zu trennen und die Vortheile des Neuen zu erkennen vermögen.

So wird uns eingewendet: „eine geschlossene Partei sei im Stande, durch die Sammlung aller vorhandenen Kräfte, eine grössere Summe von Macht zu entwickeln, als wenn diese Kräfte ohne Zusammenhang zerstreut thätig sind.“ — Betrachten wir nun aber diesen Zusammenhang etwas genauer, so besteht derselbe darin, dass die vorhandenen zerstreuten Kräfte unter einander in Verbindung stehen und da, wo ein gemeinsames Handeln für zweckmässig erkannt wird, auch gemeinsam handeln. Die ganze Frage dreht sich also um die gegenseitige Verbindung. Für eine solche Verbindung bedarf es aber keiner geschlossenen Parteiorganisation unter Anarchisten, wo Niemand gezwungen werden kann und soll, wo jeder Einzelne nach seiner eigenen Ueberzeugung zu handeln berechtigt ist. Seit Jahren entwickelt sich eine solche Verbindung unter den revolutionären Arbeitern des Continents durch die Macht der Verhältnisse ganz von selbst.

Wo auf irgend einem Orte die Revolutionäre ihre Kräfte für einen bestimmten Zweck zu schwach fühlen, entsteht von Fall zu Fall ganz von selbst das Bedürfniss, sich mit ihren Gesinnungsgenossen anderer Gruppen oder Orte in Verbindung zu setzen, um durch gemeinsames Wirken diesen Zweck zu erreichen. Etwas Anderes ist es bei einer Partei, welche die Autonomie des Individuums nicht anerkennt, welche in ihren Handlungen durch die Autorität einer Parteileitung oder Majoritätsbeschlüsse bestimmt wird. Da ist die Sammlung aller vorhandenen Kräfte in eine geschlossene Parteiorganisation eine strikte Nothwendigkeit.

Wir Anarchisten, die wir das Prinzip der Autorität — der Herrschaft — bekämpfen, leisten der Sache um kein Jota mehr Dienst durch eine geschlossene Parteiorganisation. Denn so lange die Autonomie des Individuums gewahrt bleiben soll, kann auch Niemand gezwungen werden, eine gemeinsame Handlung zu unterstützen, ehe er nicht selbst von deren Nützlichkeit oder Nothwendigkeit überzeugt ist. Ist eine solche Ueberzeugung vorhanden, so bedarf es keines Zwanges oder besonderer Parteipflicht.

Ein anderer gewichtiger Einwand ist folgender: “Die Aufstellung eines Programmes oder einer Plattform ist darum nothwendig, weil man dem Volke etwas Greifbares, etwas Positives über das, was eine Partei erstrebt, bieten müsse, um eine wirksame Propaganda machen zu können.“

Dieser Einwand hat einen grossen Schein der Berechtigung für sich.

Seit undenklichen Zeiten waren alle mit dem Bestehenden in Opposition sich befindlichen Parteien bemüht, durch viel versprechende, mehr oder weniger schön geformte Programme das Volk zu bezaubern. Andererseits wünscht Jeder, bevor er sich einer Partei anschliesst, zu wissen, was dieselbe erstrebt. Das ist das alte Geleise, in welchem sich bisher alle politischen, d. h. nach der Herrschaft strebenden Parteien bewegt haben. Schon darum unterscheiden wir uns wesentlich von allen solchen Parteien. Wir Anarchisten streben nach keiner Herrschaft, wir suchen im Gegentheil jede Herrschaft in der menschlichen Gesellschaft zu vernichten, mithin kann es sich bei uns auch nicht darum handeln, das Volk für unsere Partei zu gewinnen, sondern unser ganzes Bestreben ist und muss immer darauf gerichtet sein, den Knechts- und Unterthänigkeitssinn im Volke zu brechen, den Hass gegen die Herrschaft und Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu entflammen und so in den Massen der Völker die Vorbedingungen für eine siegreiche soziale Revolution zu schaffen. Wir appeliren an das natürliche Gerechtigkeitsgefühl des Menschen, indem wir auf die sozialen und ökonomischen Ungerechtigkeiten, deren Ursachen und Wirkungen verweisen, sowie mit allen Mitteln an deren Vernichtung arbeiten. Wir beweisen an der Hand der Wissenschaft, wie das Privateigenthum aus der Barbarei entsprang und durch barbarische Mittel zu barbarischen Zwecken erhalten wird; — und die Idee der Gütergemeinschaft bricht sich logischerweise Bahn. Wir zeigen, wie die Herrschaft des Menschen über den Menschen dem Unverstande und der Feigheit einerseits, der List und Vergewaltigung anderseits entsprang und erhalten wird — und es erwacht das Bewusstsein des Selbstbestimmungsrechtes. Wir zeigen an der Hand der Thatsachen, wie die Menschen durch die Hab- und Herrschsucht der Herrschenden künstlich in feindliche Klassen, nationale und religiöse Lager gespalten werden — und es erwacht das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit und Gleichberechtigung aller Menschen. Das ist der wesentlichste Theil unserer Bestrebungen. Bedarf es da noch eines Programmes? — Werden wir mit dieser Sprache nicht immer den Weg zu den Herzen der Enterbten und Unterdrückten finden?

Die Organisation einer freien Gesellschaft wird und kann sich nicht nach einer vorher bestimmten Schablone vollziehen.

Alles, was wir dafür thun können, ist, die gemachten Erfahrungen aus der Geschichte zu analysiren; die natürlichen Gesetze des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu studiren und unsere daraus gebildeten persönlichen Meinungen zur allgemeinen Beurtheilung zu übergeben, ohne auch nur den kleinsten moralischen Zwang für Andere damit zu verbinden.

Wer immer Propaganda für den Anarchismus machen will, bedarf dazu keines Programmes. Die anarchistischen Ideen müssen selbst begriffen und deren Richtigkeit selbst gefühlt und empfunden werden. Wir wollen keine Partei gedankenloser Wiederkäuer, sondern selbstständig denkender und handelnder Mitstreiter, welche, gleich uns, von dem lodernden Hasse gegen die bestehenden sozialen Ungerechtigkeiten von dem gleichen brennenden Durste nach vollster unbeschränktester Freiheit aller Menschen erfüllt sind!

Darum nochmals: Fort mit allem Partei- und Programm-Kultus!


[1] "Programm- und Parteikultus" in Autonomie. Anarchistisch-communistisches Organ. Nr.3, 1. Jahrgang, 4. Dezember 1886