Titel: Anarchist*innen und die verflixten Wissenschaften...
Untertitel: eine Kritik ausgehend von Martin Loeffelholz‘ Artikel „Alles Schall und Rauch? Eine Kritik an der akademisch-linken Sprachkultur“
AutorIn: Simone
Quelle: Gaidao #63

Ausgangspunkte

Der Artikel von Martin Loeffelholz in der letzten Ausgabe der Gaidao fand ich insofern spannend, da ein Thema behandelt, welches in anarchistischen Zusammenhängen meiner Wahrnehmung nach immer wieder mal auftaucht, aber selten wirklich etwas ausgiebiger diskutiert wird: Das Verhältnis von Anarchismus und Wissenschaft.

Moment... ging es in Martins Beitrag nicht um eine „Kritik an der akademisch-linken Sprachkultur“? Ich denke hier wird der eigene Anspruch überdehnt und zielt eben nicht darauf ab, was die Überschrift verheißt. Anstatt die Kritik an akademischer Sprache wirklich konsequent zu Ende zu denken, macht sich Martin zuletzt einfach nur Gedanken darüber, wie mit Akademiker*innen „umgegangen werden sollte“. Seiner Meinung nach „sollte man [… sie prinzipiell] einfach ignorieren“. Weitere Zeilen, die von Ressentiments strotzen lohnt es sich hier nicht weiter zu zitieren. Sie offenbaren meiner Ansicht nach ein äußerst seltsames, selbstbezügliches und strategisch fatales Verständnis davon, was Wissenschaften, der akademische Betrieb und sein menschliches Umfeld sind und wie mit ihnen umzugehen ist. Dies ist äußerst schade, denn mit einer derart verkürzten Haltung verspielen sich Anarchist*innen (zumindest die, die etwas mit Uni-Strukturen oder dergleichen zu tun haben) die Chance, darauf Einfluss zu nehmen, ihre Ressourcen und auch ihre vernünftigen Erkenntnisse für die eigene Sache zu nutzen.


Alles eine Frage der Milieus?

Vor allem zeigt sich in Martins Perspektive eine Arroganz, die für die anarchistische Bewegung problematisch ist, wenn er beispielsweise schreibt: „Die wohl beste Möglichkeit ist, sie in den Strukturen der Bewegung zu akzeptieren und ihnen damit eine Brücke zur Realität zu ermöglichen, analog zu Psychotiker*innen, für die der Aufenthalt unter Menschen oft eine heilsame Wirkung hat“. Er tut so, als wenn Akademiker*innen beziehungsweise solche, welche sich selbst so verstehen (oder die Martin in sein Klischee von ihnen presst) eine einheitlich bestimmbare Gruppe sind, die er deswegen von oben herab kritisieren könnte. Solche identitären Schachzüge sollten Anarchist*innen nicht nötig haben, sondern einen Blick dafür gewinnen, mit wem sie es im Einzelnen zu tun haben. Natürlich nervt das überhebliche „Geschwätz“ bestimmter Wissenschaftler*innen. Genauso stimmt aber auch, dass es kritische Akademiker*innen gibt, die sich viele Gedanken darüber machen, was ihre oder andere Forschungen für einen praktischen Nutzen, auch für emanzipatorische Bewegungen, haben können.

Woher also dieser aggressive Unterton, in einem zunächst seriös wirkenden Text? Einer der Gründe ist, dass die Wissensproduktion, beispielsweise an den Unis, immer auch die Produktion von Herrschaftswissen ist. Wenn die Herrschaft zu kritisieren ist, dann auch das Herrschaftswissen, welches sich dadurch auszeichnet, dass es schon von der Sprache her elitär, also nicht für alle verfügbar, ist und dass aus hohlen pseudo-radikalen akademischen Phrasen keine praktischen politischen Konsequenzen gezogen werden. Sie können auch nicht gezogen werden, wenn zum reinen „Interesse“ an der Analyse von Herrschaftsstrukturen, -ideologien usw. nicht auch die Motivation an ihrer wirklichen Überwindung gekoppelt ist. Dann nämlich bleibt man immer bei den Analysen stehen und diese sind zudem auch noch falsch, weil sich „materialistische“ Erkenntnisse lediglich durch Rückkopplung mit der Realität generieren lassen. Dass aber „alle“ Akademiker*innen sich im Luftschlösserbauen verlieren würde, ist eine bloße Behauptung. Auch wenn das bei vielen der Fall ist, gibt es genauso jene, die Herrschaft kritisch analysieren, Wissen für emanzipatorische Bewegungen erforschen und in verständlicher Sprache verbreiten. Weil sie genau das mehr tun sollen, anstatt nur weiter zu „schwätzen“, dürfen sie keinen Stempel aufgedrückt bekommen und arrogant in Klischees gepresst werden. Beispielsweise gehen die anarchistischen Theoretiker Richard J.F. Day[1] und David Graeber[2] oder Peter Seyferth genau eben der Frage nach, wie das möglich werden kann. Graeber stellt zudem fest, dass der Anarchismus in seiner Tradition und auch heut zu Tage keineswegs antiintellektuell wäre, sondern sich nicht wie „der“ Marxismus einfach der Analyse widmen würde, sondern ein „moralisches Projekt“ darstellen würde.[3] Vereinfacht gesagt: Die meisten Anarchist*innen, die mit Wissenschaft zu tun haben, hält es nicht jahrelang in Bibliotheken – sie bleiben keine Beobachter*innen, sondern sind/werden politische Aktivist*innen.

Im Übrigen stimmt es auch nicht, dass alle Menschen, die im akademischen Bereich tätig sind einen „gutbürgerlichen Hintergrund“ hätten. Gerade Leute, die sich im akademischen Bereich hocharbeiten und gegen die Hierarchien dort ankämpfen mussten, brachten den kritischen Wissenschaften neue Erkenntnisse und der kritischen Literatur neue Ausdrucksformen.[4] Sicherlich gibt es davon nicht so viele, da der Zugang zum Studium selbst ja einen krassen Auswahlprozess darstellt. Daneben gibt es aber viele Studierende, die auch durch das Studium (und das, was so drumherum möglich ist) eine kritische Perspektive entwickeln. Oft hadern sie dementsprechend stark mit der hierarchischen und staatlichen Institution der Universität. Sie brechen ihr Studium ab oder versuchen sich durch zu quälen, aber machen es sich jedenfalls nicht leicht damit. Kritisch zu studieren bedeutet nämlich immer gegen die Uni zu studieren. Und genau das sollten wir weiter verbreiten und weiter fördern, wenn wir als Anarchist*innen dieses Thema besprechen.

Selbst wenn Akademiker*innen aber einen privilegierten Hintergrund haben, bedeutet das keineswegs, dass sie keine kritischen Gedanken entwickeln können, die der anarchistischen Bewegung „nichts bringen“ und dass sie deswegen zu verachten sind. Ganz im Gegenteil, Kropotkin war anarchistischer Wissenschaftler aus Überzeugung; ebenso Elisee Reclus, Marcel Mauss und viele andere.[5] Gustav Landauers wertvolle anarchistische Schriften wären sicherlich nicht so bedeutend, hätte er nicht auch studiert[6] und Max Nettlau hätte wahrscheinlich keine Forschungen über die anarchistische Bewegung selbst betreiben können. Dadurch wäre womöglich das Wissen um die historische Bewegung weitestgehend verloren gegangen. Und dies gilt genauso heute, weil radikales (politisches) Denken eben weder einfach so vom Himmel fällt, noch einfach so in den realen Kämpfen, der „wirklichen Bewegung“, der „Kritik im Handgemenge“ (um hier einige bewegungsorientierte Begriff von Marx rein zu werfen) entsteht, sondern entwickelt werden muss. Es wird keinesfalls nur im akademischen Bereich entwickelt. Aber eben auch in diesem.[7]


Der „Nutzen“ der Wissenschaften für die anarchistische Bewegung

Was „bringt“ denn überhaupt was für die Anarchie oder die Bewegung zu ihr? Was dem*der selbstbezüglichen Aktivist*in vielleicht im alltäglichen Organisieren und Demofahren etc. so klar scheint, ist tatsächlich eine hochgradig fragwürdige Angelegenheit. Was etwas „bringt“ kann immer nur im Nachhinein beurteilt werden. Wenn sich ein*e Akademiker*in beispielsweise zurückzieht, über ihre*seine Gedanken brütet und sich versucht an der Welt abzuarbeiten, kann in diesem Moment wohl noch nicht darüber geurteilt werden, ob sie*er nicht vielleicht neue kritische Gedanken entwickeln wird, die sich noch als sehr wichtig erweisen werden.

Die Frage, was für emanzipatorische Bewegungen „nützlich“ ist, kann im Grunde genommen eigentlich gar nicht gestellt werden. Im emanzipatorischen Sinne ist es die Einzelnen entscheiden zu lassen, welche Tätigkeiten sie für „sinnvoll“ halten, welchen Ansatz sie wählen und in welchen Handlungsspielraum sie aktiv sein wollen und können – was selbstverständlich trotzdem kritisiert werden kann. Damit verfällt man noch lange keinem „universitären Relativismus“.[8] Im Übrigen sind antiintellektuelle Einstellungen und Ressentiments oft auch mit Antisemitismus verknüpft, weil die Intellektuellen der Gesellschaft angeblich nichts nutzen würden und ebenso komisch und unverstanden wären wie die Juden. Daneben sperrten viele totalitäre Herrscher gerade die Intellektuellen ein und ermordeten sie, weil sie zurecht erkannten, dass diese herrschaftskritische Gedanken entwickeln und jederzeit wieder hervorbringen können.[9]

Deswegen ist also durchaus wichtig, wer sich wie in welchen Kreisen bewegt: anarchistische Akademiker*innen haben natürlich genauso mit Menschen zu tun, die was anderes machen und sind genauso politische Aktivist*innen. Zumindest potenziell. Damit dies mehr geschieht muss das „akademische Feld“ als Ort der Auseinandersetzung erkannt und darin auch anarchistisch Position bezogen werden. In den englischsprachigen Ländern sind Anarchist*innen da schon sehr viel weiter.[10]

Selbstverständlich gilt es dabei jegliche Avantgarde-Konzeptionen abzulehnen, nach denen eine Gruppe von „Intellektuellen“ beispielsweise die Arbeiter*innenklasse anzuführen und ihnen den richtigen Weg zur Revolution aufzuzwingen hätte. Bakunin erkannte sehr früh die Gefahr, welche von den autoritären Sozialist*innen ausging, welche ihre Machtpolitik mit vermeintlich wissenschaftlichen Wahrheiten begründeten und legitimierten. Deswegen bekämpfte er diese Vorstellungen konsequent und völlig zu recht.[11] Das bedeutet aber wiederum nicht, dass Bakunin an sich wissenschaftsfeindlich gewesen wäre oder was gegen Akademiker*innen per se gehabt hätte. Gerade darum formulierte er eine bahnbrechende und lesenswerte Wissenschaftskritik in seinem Buch „Gott und der Staat“[12], während die meisten Anarchist*innen zu seiner Zeit dem puren Rationalismus und der Wissenschaftsgläubigkeit im Nachgang der Aufklärung anhingen (was heute wiederum problematisch gesehen werden muss).


Schlussfolgerungen

Letztendlich darf es also für Anarchist*innen nicht darum gehen, Leute dafür zu verurteilen, nur weil sie aus anderen Gruppen oder Milieus kommen und beispielsweise einen akademischen Hintergrund haben. Es stellt sich immer die Frage, was einzelne Leute aus ihren jeweiligen Positionen heraus tun wollen und können, um anarchistische Prinzipien und Ansichten zu verbreiten, kritische Erkenntnisse zu gewinnen, diese in praktische politische Organisation, Direkte Aktionen und so weiter umzusetzen und funktionierende Alternativen zur herrschenden bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zu entwickeln und aufzubauen.

Wenn Wissenschaftler*innen lediglich Herrschaftswissen produzieren, ist dies aus herrschaftskritischer Perspektive zu bekämpfen. Wenn sie einen elitären Sprachstil pflegen, meinen, die Weisheit geblickt zu haben und sie allen anderen erklären zu müssen, können sie ebenso einpacken. Wenn es ihnen aber gelingt, kritisches Wissen zu entwickeln und an Nicht-Akademiker*innen in verständlicher Sprache zu vermitteln, wobei sie gleichzeitig Teil der Bewegung und deswegen auch Aktivist*innen sind, dann ist es doch völlig egal, ob jemand Akademiker*in ist oder nicht.

Um zu dieser recht naheliegenden Schlussfolgerung zu gelangen, ist es jedoch erforderlich, die Ressentiments zu hinterfragen und sie hoffentlich auch irgendwann einmal zu überwinden. Nur so wird es in der Anarchie keine Akademiker*innen (als das von Martin konstruierte und kritisierte soziale Milieu) und auch keine Unis mehr geben. Stattdessen wird emanzipatorische Bildung für alle zugänglich und deswegen weiter als heutzutage verbreitet sein.[13] Die Verbreitung von kritischer Bildung wiederum ist umgekehrt die Voraussetzung für emanzipatorische Prozesse und Kämpfe und deswegen auf jeden Fall auch eine äußerst wichtige Aufgabe für Anarchist*innen.[14] Dafür braucht es wiederum keine Unis oder das hierarchische akademische System – wo dieses aber verschiedene Ressourcen und Wissen bereit stellt, die von Anarchist*innen genutzt werden können, sollte sie logischerweise genau das tun. Entscheidend dafür ist allerdings „die Akademie“ als ein Kampffeld zu verstehen, dem wir uns nicht einfach mit billigen Ressentiments á la „Akademiker*innen schwätzen nur und kriegen nichts hin“ verweigern können. Das ist natürlich absolut keine Maxime oder Aufforderung an alle, sich jetzt irgendwie mit intellektuellem Kram zu beschäftigen! Lasst die Leute einfach jeweils tun, was sie nun mal aus verschiedenen Gründen tun, zusammenkommen, wo es möglich ist und ansonsten in welchem Bereich und mit welchen Mitteln auch immer es uns möglich ist, anarchistische Prinzipien und Vorstellungen verbreiten.

Es kann nämlich auch keine anarchistische Position sein, über die von Herrschaft durchzogenen Institutionen einfach blind hinweg zu sehen – Wenn die Bullen zuschlagen und Anzeigen schreiben, wenn die Lohnarbeit nervt und die ideologische Verblendung der Rechtspopulist*innen uns in den Wahnsinn treibt können wir schlecht sagen, dass ginge uns alles nichts an und wir hätten damit nichts zu tun. Wir sind ja nicht draußen aus der Gesellschaft, sondern ob wir wollen oder nicht Teil von ihr. Genauso müssen auch Unis und der akademische Betrieb kritisiert, wo es geht auch angeeignet und angegriffen werden. Um das aber auf eine Weise tun zu können, die grundsätzlich etwas verändert anstatt nur Rebellentum zu sein, braucht es aber Herrschaftsanalysen und radikale Kritik – die aber entstehen nun mal heute keineswegs nur, aber eben auch in Unis...


[1] Richard J.F. Day, Gramsci is Dead, Toronto 2005.

[2] Bspw. David Graeber, Social Theory as Science and Utopie: or, does the prospect of a general sociological theory still mean anything in an age of Globalization?, in: Possibilities. Essays on Hierarchie, Rebellion and Desire, Edingburgh/Oakland 2007, S. 313–328.

[3] David Graeber, Direkte Aktion, Hamburg 2013, S. 29.

[4] Pierre Bourdieu (der selbst nicht Anarchist ist) brachte das kritische Denken in Universitäten unheimlich voran und kritisierte den akademischen Betrieb, seinen Elitismus, seine Herrschaftsfunktionen und die Rolle von Wissenschaftler*innen und ihr „Gehabe“ (Habitus) in der Gesellschaft und in radikalen Bewegungen. Das tat er gerade weil er sich aus sehr armen Verhältnissen durchbeißen musste. Ein anderes Beispiel in der Literatur ist sicherlich der libertäre Schriftsteller Albert Camus dessen Roman „Der erste Mensch“ teilweise autobiografisch von seiner Herkunft erzählt.

[5] Nur einige weitere Wissenschaftler*innen, die für anarchistische Theorien sehr wichtig waren: André Gorz, Herbert Marcuse, Cornelius Castoriadis, Paul Feyerabend, Johannes Agnoli, auch Joachim Hirsch und John Holloway gegen die Martin wettert...

[6] Beispielsweise verstand Landauer den Staat nicht einfach als irgendwelche Herrschaftsinstitutionen, die man einfach zerschlagen könnte, sondern als ein Verhältnis, dass es zu untersuchen und zu verändern gilt: Eine sehr wichtige Erkenntnis zum Verstehen von Herrschaft und deswegen Voraussetzung ihrer Überwindung. Siehe: Die Beiträge von Carolin Kosuch, Jürgen Mümken und Siegbert Wolf in: Peter Seyferth, (Hrsg.), Den Staat zerschlagen! Anarchistische Staatsverständnisse, Baden-Baden 2015.

[7] So las ich kürzlich das Buch von Gabriel Kuhn „Jenseits von Staat und Individuum“ (2007), in welchem er mit wissenschaftlichem Hintergrund meiner Ansicht nach sehr zutreffende anarchistische Gedanken formuliert, die mich in der Praxis ziemlich weiterbringen. Anderer spannende deutschsprachige anarchistische Theoretiker*innen sind sicherlich Philippe Kellermann, Hendrik Wallat und auch andere. Mit geht es nicht darum, Namen zu dropen, sondern einfach Beispiele zu geben...

[8] Jimmy boyle, Wahrheit gibt es nicht, das kann doch wohl nicht wahr sein – Kritik des universitären Relativismus, in: Gaidao 61, S.22–24.

[9] In der Franco-Diktatur war das der Fall. Die „Roten Khmer“ in Kambotscha ermordeten unter anderem die Intellektuellen (u.a. Lehrer*innen) als ganze Gruppe. Die sogenannte Kritische Theorie der Frankfurter Schule wiederum musste nicht ohne Grund weitestgehend in die USA emigrieren – die meisten ihrer Theoretiker waren Juden und kritische Kommunist*innen.

[10] Gerade in den Anthropologie gibt es zahlreiche Wissenschaftler*innen, die sich zum Anarchismus bekennen. Seit den Erfolgen der globalisierungskritischen Bewegung ist nicht mehr abwegig auch an Universitäten verstärkt Anarchist*innen zu finden. Siehe auch der Sammelband: Amster/DeLeon/Ferandez, contemporary anarchiststudies. An introductory anthropology of anarchy in the academy, Abingdon/New York 2009.

[11] „Die Verwaltung des Lebens durch die Wissenschaft könnte kein anderes Ergebnis haben als die Verdummung der gesamten Menschheit. Wir revolutionären Anarchisten und Kämpfer für Bildung, Emanzipation und volle Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens des ganzen Volkes, die wir eben deshalb Feinde des Staates und jeglicher Verstaatlichung sind, behaupten im Gegensatz zu allen Metaphysikern, Positivisten und allen gelehrten und ungelehrten Anhängern der Göttin Wissenschaft, dass das natürliche und gesellschaftliche Leben immer dem Denken vorausgeht, welches nur eine seiner Funktionen, nie aber sein Resultat sein wird“, aus: Michael Bakunin, Staatlichkeit und Anarchie, Ausgewählte Schriften, Bd. 4, Berlin 1999, S. 280.

[12] https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/michail-bakunin/7-bakunin-gott-und-der-staat

[13] Mit emanzipatorischer Bildung meine ich eben nicht irgendwelche rein technischen skills oder angehäuftes, abstraktes und entfremdetes Wissen. Es geht um die intellektuellen Fähigkeiten, die es Menschen ermöglichen, selbständig, kritisch und sich selbst bewusst in Kooperation mit anderen ihre Angelegenheiten vernünftig zu regeln und ihre Umwelt sinnvoll zu gestalten. In diesem Sinne würde ich ganz mit dem Marxisten Antonio Gramsci gehen, der meint das alle Menschen Intellektuelle sind. Damit will er zum Ausdruck bringen, dass prinzipiell alle Menschen ihre Umgebung interpretieren und Expert*innen für ihre jeweilige Lebenswelt und ihre Angelegenheiten sind. Gerade deswegen sollen sie die auferlegte Dummheit überwinden, sich von der (auch intellektuellen) Abhängigkeit emanzipieren, selbstbestimmt und selbstorganisiert Veränderungen möglich machen.

[14] Nicht umsonst wollte die Narodniki-Bewegung in Russland gesellschaftliche Veränderungen und den Sturz des Zarenreichs erreichen, indem sie die Bauern bildeten. In Spanien wurde Francesc Ferrer mit seiner „Freien Schule“ berühmt, um allen Menschen vernünftige (d.h. atheistische und zwanglose) Bildung zukommen zu lassen (weswegen er ermordet wurde). Die Arbeiterbildungsvereine in der Arbeiterbewegung dienten dazu, Arbeiter*innen Wissen und damit auch einen Zugang zur Gesellschaft zu ermöglichen, die sie sonst nie erhalten würden. Mit Paolo Freires pädagogischem Ansatz wurde den Armen in Brasilien lesen und schreiben beigebracht und zwar auch darum, damit diese sich nicht einfach immer wieder von den Grundherren und Politikern verarschen lassen. (Bei diesen Beispielen kann nur Ferrer als Anarchist im engeren Sinne gelten.) Heutzutage werden deswegen ja auch in besetzten Häusern und Sozialen Zentren kostenlose Sprachkurse für Migrat*innen angeboten und wird skillsharing betrieben.