Wer bei Google einen Job bekommt, hat einen guten Lohn, kostenloses bestes Essen, kann sich die Zeiten oft selbst einteilen und in der Arbeitszeit eigene Projekte entwickeln. Larry Page und Sergey Brin, die Gründer von Google, wollen, dass es den Angestellten gut geht. Sie selbst arbeiten in spartanisch eingerichteten Büros, wie alle anderen. Das Unternehmensmotto „don't be evil“ (Tue nichts böses) soll den guten Willen des Unternehmens mit 66 Milliarden Dollar Umsatz und 14 Milliarden Dollar Gewinn (2014), verdeutlichen.

Auch der Presse, wie beispielsweise der taz – die tageszeitung (Quelle: netzpolitik.org), wird, angeblich bedingungslos, Geld zugeschossen und im neuen Google-Campus im Umspannwerk in Berlin-Kreuzberg sollen alle willkommen sein und kostenlos beraten werden. Und vor allem die Produkte! Sie sind ausschließlich zum Wohle der Menschheit: autonom fahrende Autos für weniger Unfälle, künstliche Intelligenz für ein einfacheres Leben, Android als kostenloses Betriebssystem für Smartphones oder Ballons, die kostenloses W-Lan überall auf der Welt bereit stellen sollen. Das Forschungsbudget von Google betrug 2014 etwa 10 Milliarden Dolar, Tendenz steigend. Aber auch bei anderen Tech-Firmen finden sich Größenwahn und auch ein angeblicher Anspruch, nur gutes zu tun. Facebook, Amazon und Apple beispielsweise arbeiten an teilweise ähnlichen Vorhaben und verkaufen alles als größten Segen für die Menschen.

„Mein ganzes Streben geht dahin herauszufinden, wie die Zukunft aussehen kann, und sie dann zu erschaffen“ (Larry Page, Chef von Google 2015). Es geht anscheinend nicht mehr ausschließlich um Macht und Reichtum, sondern darum, unsere Zukunft zu bestimmen und die ganze Welt zu lenken. Diese Allmachtsphantasien sind nicht die Gedanken eines einsamen Philosophen, sondern die eines Menschen mit unglaublichen Mitteln, mit einer unvorstellbaren Menge an Informationen über die meisten Menschen der Erde. Page und Brin sind absolute Herrscher in ihrem Konzern, darauf legen sie Wert. Gleichzeitig werden in der Firmenstruktur in den „unteren Etagen“ flache Hierarchien gefördert, um die Kreativität zu steigern. Hier zeigt sich die Absurdität: einerseits sollen alle möglichst frei sein und selbstbestimmt arbeiten können – aber nur mit klarer Führung von Oben, die den Rahmen vorgibt.

Das genau ist die Welt, die Google, Facebook und andere gerade aufbauen. Es ist eine Restrukturierung von Macht und Ausbeutung. Sie haben erkannt, dass Feedback und ein total kontrollierter Rahmen, ein Netz, den Menschen das Gefühl gibt frei zu sein, das Gefühl gibt, selbstbestimmt zu handeln. Doch das Netz der ständigen Kontrolle, die Abhängigkeit, wird immer gewährleistet. Eine komplexe Technologisierung macht genau das: wir glauben, ohne Google kein gutes Restaurant mehr zu finden, obwohl ich auch meine Nachbarin fragen könnte. Die Freund*innen bei Facebook, der Roboter im Altenheim, der gewohnte Blick ins Smartphone statt auf die Straße, scheint praktisch, aber nimmt mir Unabhängigkeit. Die Macht, die wir dadurch Expert*innen und Tech-Firmen und auch Staaten abgeben, können diese nach Bedarf nutzen. Wie es dann eigentlich mit Selbstbestimmung und damit Freiheit aussieht, erkennt man in der Google-Firmenstruktur mit ihren uneingeschränkten Bestimmern, aber auch an den Enthüllungen Edward Snowdens. Oder daran, was ich eigentlich noch selbst bestimme, was, wo, wie über mich gespeichert wird.

Dass Google eine so schöne Arbeitsumgebung hat, ist nur möglich, weil die Tech-Zulieferer, oft in Asien, Arbeiter*innen zu schlimmsten Bedingungen ausbeuten. Wenn Google über seine Arbeitsbedingungen redet, sind auch nicht z.B. die Putzkräfte gemeint. Im Schatten des Silicon Valley ist jedes dritte Schulkind obdachlos (Quelle: The Guardian), da neben der Tech-Elite immer mehr „Überflüssige“ entstehen, die in Wägen und auf der Straße wohnen und Putzjobs, Kinderbetreuung und Bauarbeiten erledigen. Also selbst die geheuchelte Freiheit im Arbeitsparadies fußt auf Kosten anderer. Einmal abgesehen davon, dass Page und Brin ein privates Milliardenvermögen angehäuft haben, das am Ende von anderen tausenden Menschen erarbeitet wurde.

Google macht auf jeden Fall keinen Hehl daraus, unsere Zukunft bestimmen zu wollen. Auch Facebook behauptet in seinem Börsenpapier, es habe eine „soziale Mission“. Doch wer weiß besser über meine Belange bescheid, als ich selbst? Wer die Verantwortung über das eigene Leben abgibt, sich in den Schoß von Staat und Konzern fallen lässt, kann nur noch deren Zukunft, deren soziale Mission, nach deren Lust und Laune leben. Sie arbeiten sogar daran, für uns zu definieren, was Leben und Beziehung überhaupt heißt und was nun gut oder schlecht ist.

„Böse ist, was immer Sergey sagt, was böse ist“ sagte der ehemalige Google-Chef Schmidt über den Gründer Sergey Brin beim Börsengang Googles. Das unterstreicht, wer der Herrscher ist über all die „hierarchiearmen“ Arbeiter*innen, die möglichst frei arbeiten dürfen. Und auch wer entscheiden will, was gut und schlecht für DICH ist, denn auch du benutzt Google, Android, gmail, Google translate, und so weiter. Diese Macht und Ausbeutung verfeinern sich, werden immer und überall nützlich. Viele akzeptieren sie, weil sie einfach praktisch sind, weil es einfacher ist, selbst keine Verantwortung zu übernehmen. Wenn die Technologien, an denen gerade geforscht wird, im Alltag ankommen, wird es eine nie dagewesene Durchdringung von kontrollierbaren und messbaren Strukturen in allen Lebensbereichen geben. Die technologischen Abhängigkeiten werden immer mehr als unentbehrlich empfunden. Es sind Strategien der Herrschaftsverhältnisse die sich ändern und Google ist nur ein Ausdruck davon.

Aber ich mache MIR die Welt, wie sie mir gefällt – gerne im solidarischen Austausch mit deiner Welt und entgegen ihrer wahnwitzigen Maschine.