Titel: Steenokkerzeel
Untertitel: Einige Gedanken zum Kampf gegen den Bau eines neuen Abschiebegefängnisses
AutorIn: Salto
Datum: November 2012
Quelle: Entnommen aus "Autonomes Blättchen", Nr. 16, Hannover, Feb/Apr 2014, S. 51-56.
Bemerkungen: Original auf Französisch und Niederländisch, Orginaltitel: "Nouveau centre fermé - Les contours d’une lutte" bzw. "Contouren van een strijd tegen de bouw van een nieuw gesloten centrum" in "Salto - subversion & anarchie", Nr.2, Brüssel, November 2012. Ins Deutsche übersetzt von "Autonomes Blättchen".

Während einer Zeit der Diskussion, die folgte, nachdem der Kampf gegen den Bau eines neuen Abschiebegefängnisses in Steenokkerzeel (in der Nähe von Brüssel) zum erliegen kam, kam jemand zu einer bemerkenswerten Schlussfolgerung: „Alles was wir je versuchen werden, wird Probleme bereiten. Und das ist kein Problem.“

Einen einfachen Kampf, einen Kampf ohne Probleme wird es niemals geben. A+B wird nie gleich Revolution sein. Sich den Kopf über „das perfekte Ding“ zu zerbrechen, um sich selbst beschäftigt zu halten, ist oft lähmend. Du kannst neue Fragezeichen hinter jeden Gedanken schreiben, bist du dich schließlich im Labyrinth verlierst. Um es klar zu sagen: Es gibt nicht die „perfekte Aktion“, die alles in sich trägt und von unzähmbarer Schlagkraft ist, die uns mit einem Schlag zum Aufstand führt. Genauso wenig gibt es den „perfekten Kampf“, der uns von der postmodernen Verschwommenheit geradewegs zur sozialen Revolution führt. Aber diesen Umstand im Kopf zu behalten, hindert uns nicht am Nachdenken. Aufzuhören nachzudenken, aufzuhören zu diskutieren, genau wie aufzuhören zu agieren, hat nur zur Folge, dass wir alles verlieren was wir uns erkämpft haben. Und so denken wir weiter nach - über vergangene Kämpfe, über zukünftige Projekte, über neue Herausforderungen, die unsere verschiedenen Aktionen zu einem Kampf verbinden; Um über die sporadischen, in der Luft hängenden und sich auf losem Boden bewegenden Versuche ein aufständisches Projekt auszuarbeiten, hinaus zu kommen. Nichts bietet uns auch nur die kleinste Garantie auf Erfolg, oder konkrete Ergebnisse. Aber es fordert uns heraus, es ist wert es zu versuchen, wert zu leben. Und so strecken wir unsere Arme aus.

Warum ein spezifischer Kampf? Warum genau dieser Kampf?

Die Entscheidung für einen spezifischen Kampf gegen den Bau des neuen Abschiebeknastes in Steenokkerzeel basierte auf der Analyse des sozialen Kontextes. Ebenso war sie die Fortführung von Erfahrungen zu den Themen Papiere, Lager und Grenzen, die über die Jahre gesammelt wurden. Von Solidarität und Unterstützung über sporadische Interventionen bis hin zur Bekämpfung jeden einzelnen Teils der Abschiebemaschine. Nach einigen Jahren der Kirchenbesetzungen und Demonstrationen von (Kollektiven von) Leuten ohne Papiere, die eine generelle Regulierung forderten[1], entschied der Staat ein neues Abschiebelager zu bauen (das erste neue Lager nach vielen Jahren). Während dessen ebbte die Bewegung von Leuten ohne Papiere nach der nötigen Repression (Abschiebung derjenigen, die sich häufig gewehrt hatten, Räumungen von Besetzungen, der Kardinal, der seine Priester dazu aufrief nicht länger Leute ohne Papiere die Kirchen oder Gemeindehäuser besetzen zu lassen, ein rauerer Umgang mit Demonstrationen) langsam ab. Genauso starb das Versprechen einer Regulierung.

Wir denken, dass es schon immer Spannungen um diese Themen gab (z.B. in der unruhigen Zeit des Kollektives gegen Abschiebung und nach dem Mord an Sémira Adamu) und als der Kampf um Regulierung zum erliegen kam. So beschlossen wir, dass es ein guter Zeitpunkt war, die entstandene Leere mit unseren Inhalten zu füllen, einen Kampf von unserer Basis aus zu beginnen, unseren eigenen Vorschlag für einen Kampf ins Spiel zu bringen. Außerdem wird der belgische Staat seit mehreren Jahren von einer Serie von Revolten und Ausbrüchen, sowohl in Straf- als auch in Abschiebegefängnissen geplagt. Um dieses Thema hatte sich ein beachtlicher Kampf entsponnen. In dem neuen Abschiebegefängnis in Steenokkerzeel würden die Gefangenen einem Regime der Isolation unterliegen, einem neuen Instrument des Staates um die Revolten innerhalb der Gefängnisse zu brechen. Für uns ein weiterer Grund dagegen zu kämpfen.

Die Entscheidung für einen spezifischen Kampf gegen dieses spezifische Gefängnis war eigentlich recht logisch. Auf der einen Seite war da der Wunsch auf unsere Fundamente aufzubauen (gegen jegliche Dokumente und Staaten, genau wie der Vorschlag einer direkten Aktion, einer direkten Attacke gegen alle Zahnräder der Abschiebemaschine), ein Kampf, der über punktuelle Interventionen und Reaktionen auf äußere Faktoren (z.B. Razzien) hinausgeht, die Entwicklung eines bewusst zielgerichteten Kampfes, kurz: eines spezifischen Kampfes. Auf der anderen Seite fiel die Entscheidung für dieses Thema nicht einfach vom Himmel: Jahre der sozialen Auseinandersetzungen um dieses Thema sowie Jahre des Sammelns von Erfahrungen, von Diskussionen, von Wissen. Zusammenfassend: Dieser spezifische neue Abschiebeknast könnte zu einer Waffe des Staates werden und die Revolte von innen heraus zu ersticken.

Eine Problematik, die sich immer wieder auftat ist eine typische – die Entscheidung für ein spezifisches Thema. Warum dieses Thema und kein anderes? Erst einmal scheint es wichtig zu betonen, dass es keinen anarchistischen Maßstab gibt, der anzeigt welche Form der Unterdrückung „wichtiger“ oder „dringender“ zu bekämpfen wäre als eine andere. Einfach weil wir gegen Unterdrückung als solche kämpfen, welchen Ausdruck dieser Kampf auch haben mag. In anderen Worten: Angenommen, dass alle Formen der Unterdrückung die gleiche Dringlichkeit zur Bekämpfung bedürfen, wie orientieren wir uns?

Worauf begründen wir unsere Entscheidung? Als aufständische Anarchist_innen wollen wir die Unterdrückung, die unser Leben und das so vieler anderer Menschen vergiftet, zerschlagen. Das scheint nur durch eine soziale Umwälzung möglich zu sein, also zusammen mit anderen. Dafür beobachten wir eingehend die sozialen Umstände unter denen wir Leben und suchen nach Momenten der Reibung, der Konflikthaftigkeit. Wir studieren die sozialen Fragen der Gegenwart und fragen uns wo wir intervenieren könnten. Wenn es einen Bruch gibt, hervorgerufen durch Revolte, wenn der Status Quo sich irgendwo auf wackeligem Boden befindet, dann macht es das einfacher für uns, uns in Beziehung zu setzten und ab und zu ein Brecheisen hervorzuholen.

Es gibt auch Formen der Rebellion, die weniger sichtbar sind, oft weil sie auf einem individuellen Level stattfinden. Und nicht alle Revolten haben uns zwangsläufig etwas zu bieten. Ein aufständisches Projekt verehrt nicht gleich jeden Aufstand, z.B. einen, der durch Religion oder Wahlen angeregt wurde. Genauso wenig unterschätzt es die individuelle Rebellion, z.B. die einer Frau, die ihre Ketten zerschlägt und aus dem Gefängnis einer Beziehung ausbricht. Als Beispiel: Als wir hörten, dass bestimmte Aufstände im Knast den Koran als Grundlage hatten, hat uns das eher traurig gemacht (wie die Lügen der Religion den Geist der Menschen vergiften), während die Nachricht über einen Ausbruch (ein individueller Akt der Revolte) uns immer ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Allerdings tragen die Nachrichten über eine Revolte, die in Solidarität mit anderen Gefangenen stattfindet (wie 2009, als die Jugend in den Straßen von Anderlecht – einem Stadtteil von Brüssel – genau so wie die Gefangenen in Andenne in Solidarität mit den Gefangenen in Forest revoltierten, die von der Polizei gefoltert wurden, welche die Aufgabe prügelnder Knastaufseher übernommen hatte), genau wie die Nachrichten über einen Ausbruch während dem alle Zelltüren geöffnet wurden (was einige Jahre zuvor in Dendermonde passierte), diese wunderbare extra Qualität in sich, diese Ethik, die eine_n befähigt nicht nur an sich selber zu denken, sondern die Hand nach anderen aus zu strecken, als eine Einladung zur gemeinsamen Revolte. Lasst uns ein paar Schritte zurück gehen. Es ist möglich einen Kampf in jedem Bereich zu beginnen, und es ist richtig, dass es keinen Kampf geben wird, solange ihn niemand entfacht. Aber wir haben eine andere Herangehensweise. Wenn wir uns in einem gemeinsamen Raum befinden und darüber diskutieren welchen Bereich des Kampfes wir öffnen oder vertiefen wollen, denken wir über Perspektiven nach. Es sind weder Geschmack noch Wünsche, die über das Ergebnis dieser Suche nach Perspektiven von Kämpfen im sozialen Raum entscheiden. Vielmehr ist es die Hypothese, dass wir in diesem Bereich in Kommunikation mit anderen treten können, die Hypothese, dass Brüche in diesem Bereich mehr Chaos verbreiten können, als in einem anderen Bereich (ohne sagen zu wollen, dass Kämpfe in anderen Bereichen irrelevant wären).

Es ist eine soziale und aufständische Perspektive, nicht das Elend der Welt, die unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Eher der Traum von etwas, das dieses Elend beenden könnte, nicht nur in unserem persönlichen Leben, sondern in den Leben von allen Menschen. Um es positiv zu sagen: Der Gedanke was alles möglich wäre, wenn wir die Freiheit für uns einnehmen würden, ist aufregend. Auf diesem Flecken der Erde sind wir weit entfernt von diesem Traum. Abgesehen davon, dass niemand über seinen eigenen Tellerrand hinaus schaut, fehlt es an Mut. Aber im Laufe der Geschichte gab es immer Leute, die diesen Traum von der Eroberung der Freiheit wach gehalten und über Wege diese zu erreichen nachgedacht haben. Aufstand ist einer davon. Als aufständische Anarchist_innen denken wir darüber nach, wie ein zeitgenössischer Aufstand aussehen könnte.

Konkreter gesagt: Man nehme das Beispiel Knast. Ich empfinde die Thematik Knast alles andere als aufregend und ich kämpfe nicht aus persönlichen Gründen dagegen. Über Knast nachzudenken macht mich nicht wütender als über das Patriarchat, über Psychiatrie oder emotionellen Stress nachzudenken. Aber in unserem Kontext scheint die spezifische Thematik Knast von besonderer Bedeutung, nicht nur weil sie mit so viel Leid verknüpft ist (Leid findet sich überall), sondern weil das Thema eine Geschichte in dieser Region besitzt, und auch, weil es ein sehr bewegendes Thema ist. Knast ist eine wichtige Frage im belgischen Kontext; die Bekanntmachung des größten Gefängnisbauprojekts der belgischen Geschichte folgt unruhigen Jahren der Randale, der Aufstände, der Gewalt durch Gefängniswärter, der Überbevölkerung, der Ausbrüche... Zudem ist die Beziehung zwischen den Gefängnissen und den Stadtteilen in manchen Städten eine echte Beziehung, nicht nur wegen dem Leid, dass Gefängnisse im Leben derer verursachen, die in dem Viertel wohnen, sondern auch weil beide Räume gewisse Ähnlichkeiten aufweisen: Wir leben wie Sardinen in einer überwachten Dose. Das Thema Knast ist überall greifbar. Aber abgesehen von der räumlichen Ähnlichkeit ist es auch der rebellische Charakter, der beide Lebensrealitäten verbindet. Beide Bereiche scheinen mit dem selben Virus der Rebellion infiziert zu sein. Auch wenn dieser sich nicht immer bemerkbar macht, so ist er unterschwellig doch stets präsent und wenn die Umstände günstig sind, bricht er mit voller Gewalt aus. Wir können in Beziehung treten mit all diesen Elementen und uns auf einen Pfad begeben, der Rebellion in allen Aspekten des Lebens fördert, der der Rebellion etwas Sauerstoff zuführt, sie denkbar macht. Es ist überflüssig hinzuzufügen, dass wir nicht vergessen dürfen wie die religiösen und politischen Aasgeier stets darauf lauern, dass der Unmut über ihre unterdrückerischen Ziele abflaut.

Achtung: Mit all diesen Überlegungen im Hinterkopf (erworben durch Jahre der Diskussion) halten mich meine Gründe zu kämpfen nicht davon ab, Teile dieses Pfades mit anderen zu teilen, ob Anarchist_in oder nicht. Wenn jemand hauptsächlich gegen Knast kämpft, weil sein_ihr Partner_in einsitzt und er_sie den Kampf führt um aus der Hoffnungslosigkeit der Situation auszubrechen, dann ist er_sie willkommen. Genauso wie jemand der_die nicht unbedingt vom Aufstand träumt, aber Knast als ein Verbrechen ansieht. Ich werde nicht darauf warten, dass alle Anarchist_innen werden bevor ich anfange mit ihnen auf einer radikalen Grundlage zusammen zu kämpfen.

Von der Verbreitung von Feindseligkeit zum Aufstand

Der Vorschlag gegen den Bau des neuen Abschiebegefängnisses in Steenokkerzeel zu kämpfen beinhaltete den Bau zu einem sozialen Problem werden zu lassen. Ein Problem in der Hinsicht, dass es schwierig für diejenigen werden würde, die dort bauten und für die, die die Bauarbeiten vorantrieben. Ein soziales Problem in der Hinsicht, dass dieses Problem in einem sozialen Raum entstanden ist und nicht nur innerhalb der Grenzen einer Szene oder einer Bewegung. Wenn wir an diese Zeit zurück denken, können wir diesen Kampf auf verschiedene Weise interpretieren: eine breite Bewegung um die Thematik, Versuche sich mit verschiedenen Leuten zusammen zu setzen, Unterbrechung der Normalität, eine Serie von Anschlägen auf die Verantwortlichen, Diskussionen in verschiedenen Städten und Ländern... Eine breite Palette von Initiativen, eine aufgerührte Zeit, in der viele weitläufige Anschläge stattfanden. Die Einbeziehung vieler verschiedener Menschen – wie viele werden wir nie wissen.

Wenn wir nun fragen was das eigentliche „Ergebnis“ dieser Auseinandersetzungen war, dann ist dies die Öffnung des sozialen Raumes, nicht die eineinhalb Jahre Verzögerung bis zur Eröffnung des Gefängnisses, und nicht die vielen Euros Schaden, die die kollaborierenden Baufirmen zu tragen hatten. Ein bestimmter sozialer Raum (wenn auch nur minimal), in dem gemeinsam gekämpft wird gegen eine Welt voller Lager und Knäste, auf eine offensive Art und Weise, von niemandem geleitet und nicht zentralisiert. Keine Lobbyarbeit, sondern Angriff, keine be schönigende, politische Sprache, sondern der rohe, poetische Dialekt der Revolte. Keine Verhandlungen, kein „politischen-Druck-ausüben“, sondern Solidarität und Kommunikation zwischen Rebell_innen und Revolutionär_innen durch direkte Aktion. Aber, jeder Raum, den wir öffnen, kann später wieder mit halb garen Ideen gefüllt werden, bis wieder alles vage wird und der Raum schließlich voll von reformistischen Vorstellungen ist. Eine tiefere Offenheit wird notwendig, Risse, die schwerer zu flicken sind, die aber die Möglichkeit von mehr, viel mehr, in sich tragen. Nach Feindseligkeit kommt das Verlangen nach Aufstand.

Aber wie diesen Punkt erreichen? Agitation, Zusammenkünfte, Störung der Normalität, Angriffe auf Strukturen und auf Verantwortliche sind immer absolut notwendig, weil es unmöglich ist einen Aufstand aus einer gelähmten Situation heraus zu erreichen. Und es hat auch einen Wert an sich. Aber es ist nicht ausreichend. Also braucht es eine Diskussion darüber welche Brüche tiefer gehen und länger andauern werden. Die schief gegangene Demonstration am ersten Oktober hätte solch ein Bruch sein können. Kein Aufstand, aber der Startschuss für sich ausweitende Krawalle. Hunderte von Menschen kamen zusammen um gegen alle Grenzen, gegen alle Lager und Knäste und gegen alle Staaten zu demonstrieren, in einer Stadt, in der die Atmosphäre immer angespannt ist, in der zehntausende Flugblätter zur Ankündigung der Demo verteilt wurden, genau wie tausende Plakate verklebt und aufgehängt wurden (in Bars und Läden,...). Es lag in der Luft, aber wir waren nicht bereit, und die massive Polizeipräsenz und ihr repressiver Umgang mit Initiativen, die in der Woche vorher stattgefunden hatten, waren nicht gerade hilfreich. Wir sahen all die Arbeit, die wir uns gemacht hatte durch unsere Finger rinnen, der Kater, den das verursachte war gewaltig. Aber nach all dem waren wir fähig uns etwas vorzustellen, dass tiefer zuschlägt, als alles, das wir bisher kannten. Es gibt uns den Anfangspunkt, von dem aus wir uns vorstellen können was möglich ist, auf der Skala einer Stadt, und was nicht. Vielleicht liegt die Möglichkeit einer geballten Masse von Menschen, die die Polizei direkt und offen angreifen (für den Moment) außer Reichweite, vielleicht hat uns die Perspektive von breit gefächerter Feindseligkeit mehr zu bieten. Sie liegt näher an der Art, in der soziale Konflikte heutzutage in unserer Umgebung ausgedrückt werden und passt besser zu unserer Entscheidung für Dezentralisierung, Informalität und Affinität.

Einige Fragen tauchen auf: Warum diese Sprünge machen, wenn die sozialen Konsequenzen unserer Praxis und unserer Worte kaum zu spüren sind? Warum alles aufs Spiel setzen, wenn die Welt um uns sich nur sehr wenig in Richtung revolutionärer Kampf bewegt?

Die Debatte um solche Fragen wird oft auf zermürbende Art geführt, bei der sich zwei Positionen heraus kristallisieren: Diejenigen, die an die „Absolutheit des Willens“ glauben, die glauben, dass „alles möglich“ ist und diejenigen, die ihre Erwartungen zu sehr in „die anderen“ setzen, die glauben, dass „alle mit uns sein müssen“. Oder anders gesagt: Diejenigen, die die Revolte überall sehen und diejenigen, die mehr und mehr enttäuscht sind und in allem Unterwerfung sehen.

Um es klar zu sagen: Wenn die Welt nicht so gepfeffert wäre mit Unterwerfung würden wir nicht andauernd über Revolte sprechen. Über Revolte zu reden ermutigt Revolte, es ist Echo für Akte der Revolte. Revolte ist notwendig, ohne Revolte erreichen wir nichts. Aber gleichzeitig ist Revolte nur der Anfang. Als revoltierende Rebell_innen und als Anarchist_innen wollen wir mehr als ein Leben in Revolte. Daher das Projekt des Kampfes, oder in anderen Worten: die Projekthaftigkeit. Es hat eine Logik: Wenn man sich nicht komplett aus dieser Welt zurückzieht (nur wohin gehen?), wird man immer wieder mit ihr zusammenstoßen und sich dabei verletzen. Unterdrückung verschwindet nich bloß durch Revolte, sie zwingt sich immer dem Leben auf, unserem Leben, dem Leben unserer Lieben, dem Leben von Leuten, die weit weg sind. Deshalb das Bedürfnis nach mehr. Wir können auch sagen, dass das alles egal ist, solange die Menschen wie Schafe und Wölfe leben wollen, und da kommt das Ideal ins Spiel: Der Kampf für ein Ideal, das Ideal der Freiheit. Denn das ist es, was wir und wünschen, was wir brauchen. Und Freiheit ist nichts, was an sich existiert, sondern etwas, das entdeckt und erobert wird, das gelernt wird und mit dem man experimentiert. Dafür brauchen wir Kompliz _innen.

Bloß weil wir nur eine Hand voll Anarchist_ innen sind, sollten wir uns nicht davon abhalten lassen unseren Kampf zu beginnen. Wir glauben nicht, dass wir viele Leute wie uns finden müssen, bevor wir anfangen können. Lieber wünschen wir uns die Betonung auf die Kommunikation zwischen Rebell_innen zu setzen, durch Worte und Handlungen. Wir sind nicht die Retter der Welt. Wir sind Anarchist_innen, wir wehren uns gegen Unterwerfung, Umarmen die Handlungen der Revolte und wär- men unsere Herzen mit Worten der Solidarität. Unser zu Hause ist dort, wo wir unsere Fesseln ablegen, unsere Ideale dort, wo eine Person in einer anderen die Revolte weckt. Das ist die Art unserer Beziehung zu den Anderen, es ist eine Beziehung der Solidarität in der Auflehnung, und das ist wonach wir suchen – unserem Herzschlag folgend.

Und so denken wir, dass wir zahlenmäßig nicht viele sein müssen, um einen Schritt nach vorne zu wagen. Wir haben nie gefordert, dass sich die ganze Welt unter unserem Banner vereinigt, aber wir wollen dass sie sich entscheidet wo sie steht und einvernehmlich handelt. Was wir wollen ist, dass unsere Schritte mit den Aktionen anderer revoltierender Menschen (die nicht wie wir sind) kommuniziert werden, um immer ein bisschen mehr Raum zu öffnen, mit einem Auge in Richtung genereller Revolte, generellem Aufstand schauend. Auch wenn es viel Mut braucht und auch wenn wir nicht immer die richtigen Worte im richtigen Moment finden, glauben wir nicht uns etwas vormachen zu können indem wir so tun, als hätten wir sozial akzeptable Ideen, denn das ist nicht war: Unsere Ideen sind zur Zeit sozial völlig unakzeptabel. Wenn wir die gegenwärtige Situation in Betracht ziehen glauben wir weder, dass an jeder Straßenecke friedensliebende Menschen zu finden sind, noch ziehen wir uns verbittert zurück, wenn wir herausfinden, dass „die Leute“ keine Anarchist_innen sind. Genauso wenig werden wir zynisch angesichts des derzeitigen Desasters und sehen nur noch Scheiße, oder finden uns am Ende des Tages mit ein paar höflichen Worten unserer Nachbar_innen ab, oder was auch immer. Unsere Sprache ist die Sprache der Solidarität und des Aufstands, die der Freiheit und des Angriffs. Das sind die Worte mit denen wir versuchen zu sprechen, in unseren Räumen, auf der Straße. Und wir glauben, dass es möglich ist einen Kampf mit anderen zu teilen, vielleicht nur nicht auf die typische Weise, die sich alle vorstellen: Alle zusammen hinter der gleichen Fahne.

Der soziale Konflikt mag nicht immer sichtbar für das Auge sein, aber seine vielfältigen Weisen sich auszudrücken sind permanent präsent und fördern sich gegenseitig. Wie die Krawalle, die während des Kampfes gegen den neuen Knast in den Stadtteilen ausbrachen, ein Anstoß waren noch wagemutiger weiter zu machen. Wie der Aufstand in einem Gefängnis andere Gefangene ermutigen kann, und wie die Aufstände auf der anderen Seite des Mittelmeeres ihr Echo auf der ganzen Welt finden konnten. Wenn wir unseren angemessenen Weg als Dialog mit anderen Rebell_innen verstehen, müssen wir lernen unsere Bemühungen anders zu bewerten. Wir können uns nicht enttäuscht zurückziehen, wenn die Massen nicht mit uns auf die Straße gehen, oder wenn wir die typischen Zeichen eines bestimmten Modells von Konflikt nicht erkennen. Die Welt in der wir leben strotzt vor Konflikten und wir sind Teil davon. Die Frage ist nicht, wie wir alle um uns versammeln, sondern eher wie wir unseren autonomen Kurs weiter verfolgen und den Austausch mit anderen vertiefen können.

Autonome Richtung und permanente Diskussion

Als Anarchist_innen, über Aufstand nachzudenken und nach Wegen zu suchen ihn möglich zu machen ist nicht das selbe wie einen Masterplan, der zum Aufstand führt, zu erstellen und nach einer Herde zu suchen, die diesen Plan ausführt. Genauso wenig kann es um eine Masse gehen, die sich einer Initiative anschließt ohne Verantwortung für das eigene Denken zu übernehmen, ohne selbst zu diskutieren, ohne eine autonome Richtung zu kreieren. Natürlich ist das eine überspitzte Karrikatur, aber es ermöglicht einem bestimmte Mechanismen los zu werden, die jedem Versuch, Menschen zusammen zu bringen, ohne gleichzeitig Kreise der Affinität vorzugeben, innewohnt. Permanente Diskussion ist eine notwendige Bedingung um informelle Organisierung zu ermöglichen.

Der Enthusiasmus am Anfang eines gemeinsamen Projekts, nach einer Zeit des Suchens nach Affinität, ist ansteckend und zieht andere an, die gewollt sind zu kämpfen. Enthusiasmus ist eine der treibenden Kräfte hinter jedem Kampf, aber er bietet keine solide Grundlage auf der man einen Kampf aufbauen kann. Was passiert, wenn alles ein bisschen weniger spielerisch wird und mehr Ernsthaftigkeit gefragt ist? Was ist wenn Schwierigkeiten und Rückschläge auftauchen? Das ist weder ein Plädoyer für die Heirat mit einer bestimmten Art des Kämpfens, noch dafür am Anfang einen Vertrag zu unterschreiben. Aber es soll die absoluten Notwendigkeit der Entwicklung eines autonomen Kurses betonen. Ohne Autonomie, ohne in der Lage zu sein aus sich selbst heraus zu revoltieren, zu kämpfen und ohne eigene Projekte, kann man nur von Projekten verschluckt werden ohne sie selbst gestalten zu können.

Aber, von einem anderen Blickwinkel betrachtet, was machst du, wenn du andere enthusiastische und ungeduldige Menschen in mitten eines Kampfes triffst? Als sich der Kampf gegen den neuen Knast entwickelte, übernahmen einige Individuen in Brüssel die Initiative eine Versammlung ins Leben zu rufen, einen Ort, an den alle (außer Politiker_innen und Anführer_innen), die gewillt waren ohne Gewerkschaften zu kämpfen, kommen konnten. Ein Ort der Debatte und der Koordination in diesem Kampf.

Dennoch, Diskussionen müssen permanenter stattfinden, außerhalb von kollektiven Momenten, ansonsten werden die Momente nichts als Momente in denen man entweder mit anderen konkurriert (in dem man Vorschläge verkauft und nach Zuspruch sucht oder die Vorschläge anderer niedermacht) oder in denen man sich von dem_der besten Redner_in mitreißen lässt. Eine Versammlung riskiert einerseits die Erstarkung einer „Wartehaltung“ (wir warten auf Diskussionen und Vorschläge bis wir alle zusammen sitzen, anstatt autonom nach anderen Genoss_innen Ausschau zu halten und Diskussionen auf einem individuellen Level oder in kleineren Konstellationen zu führen), andererseits riskiert sie die Illusion der Zahlenmäßigkeit. Was heißt das? Wenn du einen Kampf als einen Kampf wahrnimmst, der an der Zahl der Teilnehmer_innen wächst, fängst du automatisch an darüber nachzudenken was du mit all diesen Leuten teilen kannst. Du fängt an „der Gruppe“ Sachen vorzuschlagen, und wenn die Gruppe diese Vorschläge annimmt, kannst du ihnen neue Vorschläge geben, und so weiter und so fort, bis du auf die unausweichlichen Grenzen stößt.

Aber was sind diese Grenzen? Zu aller erst die lähmenden Effekte von Kollektivität: eine Art allgemeingültiger Anspruch dem alle zustimmen müssen, bevor etwas beginnen kann, und so müssen alle von der Gültigkeit des Vorschlags überzeugt werden. Das führt zu extrem destruktiven Diskussionen, die mehr wehtun als weiter helfen – z. B. wenn tief greifende Auffassungen und Meinungen über soziale Realitäten oder über das was man von einem Kampf möchte sich nicht decken.

Zweitens, diese Art von Raum zwingt dem Kampf einen kollektiven Rhythmus auf, einen Rhythmus, von dem sich am Ende alle befremdet fühlen. Es ist ein Rhythmus der eine Aktion nach der nächsten hervorbringt, ohne Vertiefung, weil eine Vertiefung nicht möglich ist, wenn Diskussionen auf kollektive Momente limitiert sind. Und so weiß am Ende keiner mehr was man eigentlich macht, außer immer wieder das Selbe zu reproduzieren. Wenn in diesem Raum Vorschläge gemacht werden, die von dem abweichen, was bislang die Norm war, wird diesen Vorschlägen oft ein übermäßiges Gewicht beigemessen, weil niemand in eine Sache gezogen werden möchte, die ihm_ihr über den Kopf zu wachsen droht. Was bekannt ist wird trocken gemolken bis es zur Routine wird, was unbekannt ist, provoziert die gegenteilige Reaktion. Wir sagen es noch einmal – das sind die Konsequenzen fehlender Autonomie, fehlender Diskussionen und Gedanken darüber was man außerhalb des kollektiven Moments will.

Drittens, diejenigen, die gewohnt sind Vorschläge zu machen werden nach einer Weile erschöpft sein, denn andauernd Vorschläge zu entwickeln und sich die Mühe zu machen sie umzusetzen, braucht mehr Energie als einfach nur an einer Aktion teilzunehmen. In jeder Hinsicht wird der Mangel an Gemeinsamkeit irgendwann zu einer Belastung, bis man sich entscheidet damit zu brechen. Auf der anderen Seite werden sich diejenigen, denen die Vorschläge unterbreitet werden mit der Zeit passiv fühlen, unsicherer denn je, darüber was sie eigentlich wollen, im Gegensatz zu denen, die immer eine klare Idee davon zu scheinen haben. Diese Rollen beginnen an uns zu nagen, bis wir genug davon haben und einen Schritt zurück machen. Ein unausgeglichenes Organisationsmodell kann eine Weile durch Enthusiasmus angeheizt werden, aber wenn der Enthusiasmus letztlich verschwindet, bleiben alle mit bitteren Gefühlen zurück.

Also? Jeder Kampf braucht Räume, die ihn helfen zu gestalten. Räume in denen Diskussionen stattfinden oder in denen man sich für bestimmte Ziele (z.B. die Organisierung einer Demonstration) koordinieren kann. Wenn es allerdings nur diesen einen Raum gibt und dieser Raum zum Bezugspunkt wird, wird dieser Raum unausweichlich zur Last für den Kampf werden. Er wird die Autonomie der Leute eher ersticken, als ihnen Sauerstoff zuzuführen.

Lokal und International

Genau wie eine Szene oder ein zentralisierter Raum den Initiativen von Leuten, die kämpfen möchten, Grenzen aufzwingen kann, kann der Kampf am Ende erlöschen. Eine lokale Sicht auf den Kampf kann das Selbe hervorrufen. Die Entscheidung den Kampf gegen den Bau des neuen Abschiebegefängnisses in Steenokkerzeel aufzunehmen, wurde auf einer lokalen Ebene getroffen: Einerseits als eine konsistente Fortführung des lokalen Kampfes zu dem Thema, andererseits als eine Herausforderung ein Terrain des Kampfes aufzubrechen, welches nicht nur Anarchist_innen betrifft.

Aber ein Freiheitskampf kann nur bestehen, wenn er Grenzen überschreitet, die Grenzen von Städten, die Grenzen von Ländern, von Themen. Ein internationaler Blickwinkel ist eine notwendige Bedingung für jeden Kampf, der nicht engstirnig enden möchte, weil er seinen eigenen Kontext als den wichtigsten begreift, sein eigenes Thema als das dringlichste. Er ist eine notwendige Bedingung wenn man den Kampf nicht im eigenen Viertel einsperren möchte. Nur wenn Revolte und Aufstand weitläufig sind, werden sie ernsthaft gefährlich, nur wenn sie Grenzen überschreiten, können sie eine authentische Energie entfalten. Wenn es das Existente ist, dass uns von einander trennt, dann ist es die Revolte gegen dies, die uns vereint.

Eine der Absichten dieses Kampfes war es das Band zwischen Genoss_innen aus verschiedenen Städten zu stärken. Das hatte, ohne Zweifel, einige außergewöhnliche Treffen zur Folge. Trotzdem wurde Brüssel zu viel Gewichtung beigemessen, weil es so schien, als fände dort mehr Aktivität statt, was eine Art Anziehungskraft erzeugte. Idealerweise kommunizieren Genoss_innen aus verschiedenen Städten durch den Kampf. Während dieses Kampfes intensivierte sich die Kommunikation an einigen Punkten, was die schönsten Funken hervorbrachte. An anderen Punkten gab es mehr Stille, aber das Ideal bleibt eine Befruchtung über die Grenzen von Städten hinweg.

Und auch über die Grenzen von Staaten hinweg. Wir hatten das Glück eine internationale Solidarität zu erfahren, die teilweise sehr greifbar wurde, mit Genoss_innen aus anderen Ländern, die zu Demonstrationen vorbei gekommen sind, die an Diskussionen teilgenommen haben, die sich eingebracht haben in das was passierte und viel beigetragen haben. Wir haben einen aufkeimenden Internationalismus erleb, einen, der über die Selbstdarstellung im Internet hinausgeht. Einen aufkeimenden Internationalismus, der weiterer Vertiefung und Orientierung bedarf.

Abgesehen von der nachfolgenden Frustration (Diskussionen und Konflikte, die, in manchen Fällen nie gelöst werden können) werden die Genoss_innen und ihre Entwicklung während der Kämpfe und Revolten der wunderbarste Aspekt des Kampfes bleiben. Es gibt Bilder im Kopf, die nie verschwinden werden, die wir uns ins Gedächtnis rufen können, wenn wir die Augen schließen: Das Lächeln der Genoss_innen, die den Kampf miteinander teilen, die gemeinsam Risiken tragen, die miteinander diskutieren und sich durch Diskussion weiterentwickeln, die einander kennen lernen, sowohl durch Ideen, als auch durch Handlungen, die Momente in denen sie sich sehr nahe sind und sich gegenseitig Kraft geben. Die Solidarität, die Kameradschaft, das sind die seltenen Perlen, die nur der gemeinsame Kampf zu bieten hat.

Pfff...

Nur durch die Suche nach dem Kampf und der Konfrontation von Idee und Praxis kann jede_r Genosse_in sich weiterentwickeln. Nicht durch Denken ohne zu handeln, oder durch Handeln ohne zu denken, sondern durch die Konfrontation von beidem, können wir unsere Ideen über den Kampf schärfen. Bücher und Diskussionen können uns immer helfen tiefgehender nachzudenken, aber es ist die Erfahrung, die uns lehrt aus welchem Metall wir unsere Waffen schmieden sollten. Deshalb haben sich diese paar Überlegungen über die Erfahrungen im Kampf, der insgesamt nicht viel länger als ein Jahr dauerte, eingeschrieben.

Es macht wenig Sinn, sich nach einer reichen Erfahrung, mit einem tiefen Seufzer hinzusetzen und zu glauben, dass alles vorbei ist. Genau so wenig macht es Sinn, sich die Fragen für‘s Aufräumen aufzuheben und eine Schlucht zu suchen, in die wir alles werfen können, was schwer auf unseren Schultern und Herzen lastet. Stattdessen sollten wir uns die Mühe machen die verschiedenen Teile nebeneinander zu legen, sie anzuschauen, sie in einem andern Kontext zu betrachten und uns zu fragen, welche Teile wir gerne behalten würden um etwas neues zu bauen. Nicht bloß als ein Teil, als eine Tür oder ein Fenster in einem neuen Haus, sondern eher als ein Teil eines soliden Fundaments, auf das ein neuer Kampf aufgebaut werden kann. Umso intensiver, gewaltiger und reifer die Erfahrung war, desto größer wird der Aufwand sein, den es hinterher braucht um sie zu verarbeiten. Aber der Aufwand, den es braucht, ist proportional zu dem Wert den er hat.

[1] Am Anfang forderte die Bewegung noch die Schließung aller Abschiebeknäste und ein sofortiges Ende von Abschiebungen, aber diese Perspektive verschwand zunehmend und wurde schließlich durch die Forderung nach Regulierungen für gut integrierte Familien ersetzt. In Antwerpen forderten sogar einige: „Papiere nur für die, die Niederländisch sprechen.“