Titel: Die Tyrannei der Sozialdemokratie.
Datum: 25. August 1907
Bemerkungen: In deutscher Übersetzung erschienen in: Propaganda des individualistischen Anarchismus in deutscher Sprache. Siebentes Heft. Bernhard Zack‘s Verlag. Treptow bei Berlin 1909. Diese Abhandlung erschien als Leitartikel in Nr. 3595 des zehnten Jahrgangs der Pariser Zeitung „L‘Aurore“ vom 25. August 1907 gelegentlich des Stuttgarter sozialdemokratischen Kongresses unter dem Titel: „A Propos de Stuttgart.“

Eine neue Druckart.

Diese Broschüre ist gedruckt nach einem Verfahren, das sein Erfinder, Benj. R. Tucker, der Herausgeber der individualistisch-anarchistischen Zeitschrift „Liberty“ in New York, seit dem Jahre 1894 zu seiner und seiner Leser Befriedigung anwendet, und selbst folgendermaßen beschreibt:

„Die von Liberty adoptierte typographische Reform besteht in der Abschaffung des unter den Buchdruckern als „Ausschließen“ bekannten Verfahrens. Unter diesem neuen System braucht der Setzer, wenn er an das Ende einer Zeile kommt und findet, daß kein Raum mehr für ein weiteres Wort oder eine Silbe vorhanden ist, die Zeile nicht, wie seither, durch Erweiterung des Zwischenraumes zwischen den einzelnen Worten auszusperren, sondern er füllt den fehlenden Raum einfach mit kleinen Metallstückchen, Quadrate genannt, aus ohne den ursprünglichen Ausschluß zu verändern. Als Folge hiervon zeigt der Lesestoff an der rechten Seite nicht einen so geraden Rand, wie an der linken Seite.

Aesthetisch ist das neue Verfahren ein Fortschritt, denn alle Ungleichheit in dem Raum zwischen den Worten irgend einer Zeile oder zweier untereinander stehenden Zeilen wird beseitigt. Dadurch, daß der Abstand zwischen den Worten in allen Teilen des Satzes unverändert gleichmäßig bleibt, bietet dieser für das Auge ein gefälliges Bild und erleichtert die Arbeit des Lesens.

Oekonomisch ist die neue Methode vorteilhaft, da sie bedeutend billiger ist, indem nahezu dreißig Prozent an den Satzkosten gespart werden, und da sie die Arbeit des Setzens vereinfacht und es ungelernten Arbeitern ermöglicht, die Stelle von gelernten Arbeitern einzunehmen. Das neue Verfahren ist ebensowohl anwendbar für Buch- wie für Zeitungs-Druck und es bedarf keines Kapitals zu seiner Adoptierung.“

Ansprache an alle Freunde der Freiheit.

Seit einer geraumen Anzahl von Jahren suchen einige individualistische Anarchisten deutscher Sprache für ihre Weltanschauung durch Herausgabe geeigneter Flugschriften zu wirken.

Sie haben es bisher verschmäht, sich durch Bitten um „freiwillige Beiträge“ die auf ihnen lastende Arbeit zu erleichtern.

Sie tun es auch jetzt nicht.

Die Absicht jedoch, wie der Wunsch, sowohl ihre bisherigen Veröffentlichungen in neuer, einheitlicher Form erscheinen zu sehen, wie auch sie energisch weiterzuführen, läßt sie sich mit dieser Ansprache an Alle wenden, von denen sie Interesse und Liebe für ihre Sache erhoffen dürfen: möglichst viele ihrer Flugschriften zu erwerben und, was noch wichtiger ist, sie zweckmäßig zu verteilen.

Für jeden eingehenden Beitrag wird das entsprechende Aequivalent geliefert: für jede zehn Pfennige ein Heft. Wer z. B. Drei Mark einsendet, erhält dreißig Hefte, deren Wahl ihm freisteht.

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Mehr und mehr scheiden sich in der großen sozialen Bewegung unserer Zeit die zwei Richtungen der Autorität und Freiheit. Auf dem äußersten Flügel der letzteren stehen die individualistischen Anarchisten. Sie allein haben die letzten Konsequenzen der Freiheit gezogen. Wie sie es getan, ersehe man aus ihren Schriften. Man höre sie, damit man sie endlich verstehe!

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Alle Antworten auf diese Ansprache sind zu richten an

B. Zack, Treptow bei Berlin

Kiefholzstraße 186.

Diese Abhandlung erschien als Leitartikel in Nr. 3595 des zehnten Jahrgangs der Pariser Zeitung „L‘Aurore“ vom 25. August 1907 gelegentlich des Stuttgarter sozialdemokratischen Kongresses unter dem Titel: „A Propos de Stuttgart.“

Sie könnte ebenso gut nach jedem anderen sozialdemokratischen Kongreß geschrieben sein und behält ihre Bedeutung heute wie gestern, und – aller Voraussicht nach – auch noch für die nächste Zukunft.

Der Uebersetzer.

Die Tyrannei der Sozialdemokratie.

Von Saint-Georges de Bouhélier.

Stuttgart ist zur Zeit der Schauplatz feierlicher Sitzungen, auf denen man Gelegenheit hat, die Art und Weise zu beobachten, in der die Fundamente einer Weltanschauung gelegt werden. Es ist seltsam, daß in demselben Augenblick, in dem die katholische Disziplin fällt und in der Auflösung begriffen ist, eine andere Disziplin in Erscheinung tritt, gleich kleinlich und gleich gallig. Denn mehr noch als in Amsterdam und auf den früheren sozialistischen Kongressen zeig sich in Stuttgart eine tadelsüchtige und fast wahnsinnige Leidenschaft der Unterwerfung. Nicht Alle, die es wünschen, sind willkommen, und man wird der Zulassung nur für würdig befunden, wenn man organisiert ist. Bereits sind weitgehende Ausschließungen vorgenommen worden, gegen die es keine Berufung gibt, und der Vorwurf der Ketzerei bedroht Jeden …

Diese Vorgänge sind nicht sehr anmutend. Selbst Denen, welche gleich mir im Sozialismus, und vor Allem , um es zu sagen, in dem Proletariat den stärksten Rückhalt für die Zukunft unseres Zusammenschlusses sehen, machen unsere Organisierten ihre Partei nicht sehr anziehend.

Sie können, indem sie uns sogar das Recht des Denkens nehmen, kaum auf den Beifall Derer hoffen, die ihre Ehre grade im Denken finden. Ihr erster Schritt in der Expropriation ist die Beschlagnahme der Intelligenz. Ich zweifle, ob, als Endresultat hiervon, das Talent mit ihnen gehen wird ……. Es scheint mir nicht, daß irgendwelche wertvolle Kraft Lust verspüren wird, ihre innere Freiheit durch die Masse lahm gelegt zu sehen.

Denn Eines ist sicher: hier kann Keiner jemals den Anspruch erheben, die Oberhand zu erlangen. Kein Mensch hat irgendwelche Bedeutung, der für sich denkt; er findet sich bald völlig allein mit sich. Originalität erregt Verdacht, beraubt sich selbst der Macht; macht sich unmöglich. Wenn Du nicht mit dem Haufen gehen willst, wird dir Ehrlosigkeit vorgeworfen. Denn hier gibt es keine Wahrheit, außer der von Föderationen oder Komitees, nationalen oder anderen, anerkannten. Bedenke überdies, daß in dieser Partei die Anführer selbst unter allgemeine Kontrolle gestellt sind, und daß sie dich weniger leiten, als du sie. Du, die zahllose Masse, die ungeheure Anonymität, das veränderliche und flutende Geheimnis der hadernden Versammlungssäle, Du hast die Herrschaft von Jaurès und Bebel, und , statt daß der Weise für den Unwissenden denkt, stellt sich die unermeßliche Albernheit der fanatischen und ungebildeten Masse an die Stelle des Klugen, und legt sich über ihn. Gibt es einen bejammernswerteren Anblick, einen, der peinlicher wirkt, als den, solche Geister im Zustand der Sklaverei zu sehen? Jaures‘ Widerruf – erzwungen durch die Abstimmung, seine Ueberzeugung abzuleugnen und Prinzipien anzuerkennen, die gegen seine eigenen sind, welche Quelle der Erniedrigung muß das für diesen herrlichen lyrischen Dichter sein! Wird nicht die heiligste Freiheit des Menschen so geschändet? Und welcher Tyrannei habt Ihr Euch selbst unterworfen, daß Ihr Euch so Eurer königlichen Mitgift entäußert und Euch zu solchen Posen feierlicher Anbetung erniedrigt! ….

In dem engen Zirkel der Föderation hält Keiner seinen Willen intakt und kein Individuum hat das Recht für seine eigenen Ueberzeugungen einzutreten: wenn es im Begriff ist, sich zu erheben, um seinem Wunsche Ausdruck zu verleihen, nimmt ihn, so zu sagen, der schreckliche und dunkle Parteigeist beim Arm, und neun unter zehn Malen ist es gezwungen, seinen Sitz unter der Drohung der Ketzerei wieder einzunehmen. Die „wechselnde Unfehlbarkeit“ der Doktrin läßt keine Initiative zu und kein Entrinnen; im gegebenen Augenblick mußt Du so oder so handeln, und die einzige Entscheidung, die fällt, ist Sache des Edikts. Wahrhaftig, es hat keinen Zweck diese oder jene Angelegenheit mit sich selbst zu diskutieren: prüfe die Resolutionen der letzten Kongresse; dort wirst Du deine Befehle finden, und Du wirst ihnen folgen. Nimm sie an ohne jedes Wenn oder Aber; das ist der einzige orthodoxe Lauf – bis zum nächsten Kongreß.

Nächstes Jahr mag es verächtlich und unwürdig sein, ihm zu folgen. Was heute als feststehend gelehrt wird, ist nicht absolut. Was sagst du? Daß du ein Patriot bist? Und bis wann? Noch ist die Partei patriotisch. Aber laß sie, durch offizielle Abstimmung, aufhören, es zu sein und du darfst nicht länger patriotisch sein! …

In Fragen, die heute noch unter Diskussion stehen, darfst Du deiner eigenen Ueberzeugung folgen; aber sobald die Doktrin des Kongresses formuliert ist, hast Du kein Recht mehr, nach einer anderen zu handeln. Indessen, nichts ist unheilbar und da die Partei ihre Ansicht über Alles ändert, steht es Jedermann frei, zu hoffen, daß ein Wechsel eine Aussöhnung herbeiführen kann. Aber für den Augenblick hast Du zu gehorchen. Wer sich unter die herrschende Idee beugt, ist nie im Unrecht, und ein Rechtsdenker der, welcher sich, statt sich selbst auf seine eigene Art und Weise zu führen, mit der Partei in Uebereinstimmung erklärt. Ueberall stellt sich die Partei an deine Stelle. In der Frage ob Gott oder Vaterland; in der des Täglichen oder des Außergewöhnlichen; in den Angelegenheiten privater Natur und des häuslichen Lebens; in denen der Löhne, der Arbeitskontrakte, in den nationalen oder internationalen Angelegenheiten – überall. In allen hat die Partei ihre eigenen Ansichten, die sie uns aufzwängt, und ihre Prinzipien allein sind gut. Außerhalb der Partei ist Alles gottlos und abscheulich. Das ist in Wahrheit das allgemeine Empfinden unter den Organisierten.

Ich weiß wohl, was sie sagen: „Wir wünschen das Individuum nicht zu versklaven, sonder im Gegenteil es zu befreien.“ In der Zwischenzeit nehmt ihr ihm sein erstes Besitztum – sein Recht zu denken. Jenen geheimnißvollen, wunderbaren, unerschöpflichen Schatz; ihn, den weder Verfolgungen noch Elend noch die schwersten Schicksalsschläge vermindern; der aus dem schmutzigen und jammervollen Bettler, wenn er sich nur seiner geistigen Gesundheit bewußt ist, einen adeligen Helden und den königlichsten der Könige macht – diesen Schatz stehlt Ihr Jedem, der sich Euch eint! So ist der Mensch, der aus Eurer „Unabhängigkeit“ hervorgeht. Und es ist nicht ohne Gefahr, sich ihr zu entziehen! Nun wohl: ich sehe darin eine ungeheure Gefahr für die Menschheit. Ihr habt eine neue Autorität geschaffen, und organisiert – mit schönen Phrasen über gesunde Befreiung auf den Lippen – die tiefste aller Sklavereien. Unter dem Vorwand, Euch selbst zu befreien, beginnt Ihr einen Feldzug gegen den Staat, aber unter den Befehlen einer Partei, die dem Individuum feindlicher ist, als irgend ein Staat. Zu Gunsten unserer Wünsche nach Freiheit arbeitet Ihr an der Wiederherstellung eines Systems der Verdunkelung. Ihr beklagt Euch über Tyrannen und Unterdrückungen und Religionen, und mit den wankelmütigen Irrtümern Eurer Masse setzt Ihr selbst Euren tätigen und veränderlichen Dogmatismus ins Werk. Schöpft Ihr aus der Wahrheit der Großen Eure Begriffe und Eure Prinzipien? Nein, sondern aus dem Consensium Omnium. Für Euch sind Individuen nur Objekte des Verdachtes. Intelligenz ist unbehaglich. Sie erweckt die Fassungskraft, und leidet darunter. Seid überzeugt, daß wirkliche Begabung seltener und seltener zu Euch kommen wird. Denn Eure ganze Institution ist ihr feindlich. Eure Komitees und Kongresse sinnen auf ihren Untergang. Was Ihr wollt, das fanatische Sklaven, nicht franke und freie Denker.

Dies allein genügt, um aus Eurem Sozialismus eine Doktrin zu machen, verhängnisvoll dem Geiste und von dem Grund aus entgegengesetzt dem, was wir wollen. Denn was erstreben wir, als die Vervollkommnung der Menschen? Bewaffnet mit der Macht des Bannfluches und bereit, zu den Methoden der Gewalt seine Zuflucht zu nehmen; fähig den Menschen mit eisernen Reifen zu binden; feindlich seiner Offenherzigkeit und seiner Freiheit – ist Euer Sozialismus höchst abstoßend und erscheint wie ein Rückschritt.

Ich weiß wohl, daß nichts Großes durch Auseinandersprengungen erreicht werden kann. Und die Organisation des Proletariats ist eine wunderbare Sache. Aber das Proletariat muß dabei nicht erdrosselt werden. Und nichts ist leichter, als Menschen zu leiten, die Ihr einmal von der Pflicht der Unterwerfung überzeugt habt. Die Frage ist nur, ob es heilsam ist. Ich für mein Teil bekenne, daß ich es ernstlich bezweifle. Ich glaube, daß wir, weit entfernt davon den Menschen zu unterwerfen, für seine Befreiung arbeiten sollten – für seine moralische Befreiung sogar mehr noch als für seine politische. Wir müssen kämpfen gegen die Knechtschaft. Die Welt wird nur von Jenen gerettet werden, denen es gelingt, den Menschen zu erheben und ihn mit einem Gefühl seiner Größe zu erfüllen.

Ende.