Vergessen wir nie, daß kein Herrschaftssystem sich lediglich auf die brutale Gewalt stützt, wie dies so oft gedankenlos behauptet und immer wieder behauptet wird. Jede Autorität stützt sich in erster Linie auf den Glauben der breiten Massen an ihre Notwendigkeit und Unabänderlichkeit. Erst wenn dieser Glaube unterminiert ist, beginnt eine Epoche des revolutionären Geschehens. Als Louis XIV. starb, trauerten sogar die Leibeigenen; als aber der Tod Louis XV. hinwegraffte, mußte man seine Leiche im Galopp zur Gruft fahren, und die Bauern warfen dem Sarge Steine nach. Der Glaube im Volke war verschwunden; nun herrschte bloß noch die nackte Gewalt. Aber dieser Zustand leitete auch die Periode der Revolution ein. Diese Erfahrungen der Geschichte sollten uns überall bewegen, mit dabei zu sein, wenn die Autorität auf irgendeinem Gebiete entwurzelt wird. Begreift der Mensch erst die ganze Unnützlichkeit und direkte Gefahr der Autorität auf einem gewissen Gebiete, dann fällt es schon viel leichter, ihm die Schädlichkeit des autoritären Denkens auf jedem anderen Gebiete klar zu machen. Das sollten wir niemals aus dem Auge verlieren.

Aber es gibt noch immer eine ganze Anzahl Anarchisten, die jeder Tätigkeit auf einer breiteren Basis abhold sind, weil sie dadurch gezwungen wären, aus dem engen Rahmen kleiner Gruppen herauszutreten und in der Oeffentlichkeit zu wirken. Dies aber erscheint ihnen als ein Verstoß gegen das Prinzip, da sie den Standpunkt vertreten, daß die Reinheit einer Idee nur in kleinen Gruppen gewahrt werden könne. Diese Behauptung ist ein Anachronismus, denn wäre sie richtig, dann dürften wir nie von einer anarchistischen Gesellschaft träumen. Wir müßten uns vielmehr damit zufrieden geben, immer nur im kleinsten Kreise zu wirken und nie aus unserer Haut herauszugehen.. Es waren dieselben Gedankengänge, welche manche Anarchisten zu ausgesprochenen Gegnern des Organisationsprinzips gemacht und dadurch mit dazu beigetragen haben, einen natürlichen Zusammenschluß unserer Kräfte zu verhindern, so daß man sich auf jedem Kongreß immer wieder mit der Frage beschäftigen mußte: „Sollen sich Anarchisten organisieren?“, obwohl die Notwendigkeit des täglichen, Lebens immer wieder dazu antrieb. In Wirklichkeit ist die ganze Behauptung nicht mehr als eine Behauptung und entbehrt jeder wirklichen Beweisführung. Wohl ist es wahr, daß beim Anwachsen einer Bewegung die Gefahr einer Verflachung der Ideen näher liegt, aber es ist ebenso wahr, daß durch fortwährende Inzucht der Idee in möglichst kleinen Gruppen die nicht minder große Gefahr des Doktrinarismus entsteht, der allmählich zu einer vollständigen Erstarrung des geistigen Lebens führt und durch seine Einseitigkeit und Weltfremdheit zum schlimmsten Hindernis einer Bewegung wird. Es ist auch ganz falsch, daß die persönliche Freiheit nur in kleinen Gruppen gewahrt bleibe, während jede breitere Organisationsform zu ihrer unvermeidlichen Beschränkung führen müsse. Die praktische Erfahrung vieler Jahre hat gelehrt, daß in vielen dieser kleinen Gruppen oft nur der Wille einzelner Genossen entscheidend ist, die durch ihre geistige Ueberlegenheit oder andere Eigenschaften überhaupt keine andere Meinung außer der ihren aufkommen lassen. Auch die schönste anarchistische Etikette ändert nichts an dieser Tatsache. Ist in solchen Gruppen außerdem der Doktrinarismus besonders stark entwickelt, so führt dies leider oft zu der schlimmsten Unduldsamkeit allen anderen gegenüber und zur praktischen Verneinung der elementarsten Prinzipien des Anarchismus. Eine größere Organisation hingegen sichert dem einzelnen in der Regel viel mehr Bewegungsfreiheit, vorausgesetzt natürlich, daß sie nicht auf zentralistischen Prinzipien aufgebaut ist. Auch findet der einzelne dort viel leichter eine Betätigung, die seinen Neigungen und Fähigkeiten am besten entspricht. Dadurch allein werden viele unnötige Reibereien vermieden, die in kleineren Gruppierungen nur zu häufig vorkommen.

Damit soll durchaus kein abschließendes Urteil über die Organisationsform gefällt werden, es handelt sich für uns lediglich darum, unbegründete Behauptungen zurückzuweisen und die Genossen zu veranlassen, manche Dinge auch einmal von der anderen Seite zu betrachten. Ueberhaupt sollten wir uns daran gewöhnen, in diesen Dingen etwas breiter zu urteilen. Gewiß erscheint uns die Organisation als eine unbedingte Notwendigkeit, und unsere Bewegung hat unsrer Meinung nach schwer unter dem Mangel eines organisierten Zusammenwirkens gelitten. Aber das meint durchaus nicht, daß hier der Grund allen Uebels zu suchen sei. Organisation ist immer nur eine Frage von sekundärer Bedeutung, die durch die praktischen Forderungen des Alltags entschieden wird. Die Hauptsache ist der Geist, der in den Mitgliedern einer Organisation zu Tage tritt. Dieser Geist kann auch durch die beste Organisation nicht künstlich gezüchtet werden, wohl aber findet er in ihr und mit ihrer Hilfe ein breiteres Feld für seine Betätigung. Fehlt der Geist, so bleibt auch die vorzüglichste Organisation nur ein toter technischer Apparat, der nicht imstande ist, erstorbene Kräfte zu neuem Leben zu galvanisieren. Es ist auch grundfalsch, in jedem organisatorischen Wirken die Wurzel einer autoritären Ideeneinstellung sehen zu wollen. Ich habe selten einen Menschen kennen gelernt, der so viel Duldsamkeit gegen andere Anschauungen bewiesen hat, wie unser alter Freund Malatesta, der sein ganzes Leben lang ein unermüdlicher Verfechter der Organisation gewesen ist. Und ich habe die bittersten Gegner jeder Organisation kennen gelernt, die trotzdem äußerst diktatorisch veranlagt waren und sich besser zum Bolschewisten als zum Anarchisten geeignet hätten. In all diesen Dingen spielt das rein Menschliche in uns schließlich die ausschlaggebende Rolle.

Wenn wir also die Frage stellen, was zu tun sei, um der Reaktion des autoritären Gedankens international entgegentreten zu können, so dürfen wir nie vergessen, daß es auch in dieser Hinsicht kein Zaubermittel gibt; wohl aber kann durch neue Erkenntnis in unsren Reihen und ihre Auswirkung im praktischen Leben vieles getan werden, um unsren Ideen mehr Geltung zu verschaffen, was schließlich die beste Garantie gegen die Ausbreitung des autoritären Gedankens ist. Vor allem müssen wir darauf hinwirken, die ethische Seite unserer Ideen in unsren Reihen zu vertiefen und zur praktischen Anwendung zu bringen. Wenn wir anderen Toleranz predigen und immer wieder betonen, daß die natürliche Gestaltung einer wahrhaft freien und sozialistischen Gesellschaft nur auf dem Wege des freien Experiments entschieden werden kann, während jeder autoritäre Zwang nur zu einer neuen Herrschaftsform führen muß, dann müssen wir auch die nötige Toleranz üben im Geiste der Freiheit und der Solidarität. Das Wort Bakunins, daß die persönliche Freiheit erst in der Freiheit der anderen ihre Bestätigung findet, gilt noch immer, und wir können nie Respekt vor unsrer Menschenwürde erwarten, wenn wir die menschliche Würde anderer in den Kot treten.

Wir müssen uns hüten, im Anarchismus ein abgeschlossenes System zu erblicken, für das alle Fragen bereits gelöst sind. Diese Ansicht führt stets zu einem unfruchtbaren Doktrinarismus, dem jede schöpferische Kraft versagt ist. Gerade in der steten Entwicklungsfähigkeit und Unfertigkeit liegt die eigentliche Bedeutung des anarchistischen Gedankens. Dazu ist eine stete Wirkung und Wechselwirkung zwischen unsren Ideen und den unzähligen Erscheinungen des wirklichen Lebens erforderlich, denn nur so ist es möglich, den Gedanken der Freiheit und der sozialen Gerechtigkeit im Volke zu vertiefen und ihm dort eine Heimstätte zu bereiten. Der wunderbare Ausspruch Ibsens gilt auch für uns: „Wer die Freiheit anders besitzt denn als das zu Erstrebende, der besitzt sie tot und geistlos, denn der Freiheitsbegriff hat ja doch die Eigenschaft, sich während der Aneignung stetig zu erweitern, und wenn deshalb einer während des Kampfes stehen bleibt und sagt: jetzt habe ich sie! – so beweist er eben dadurch, daß er sie verloren hat. Aber gerade diese tote Art, einen gewissen festgelegten Freiheitsstandpunkt zu haben, ist etwas für die Staatsverbände Charakteristisches.“ Nicht nur für die Staatsverbände. Auch anarchistische Gruppen machen von dieser Regel keine Ausnahme, weil es sich hier um eine charakteristische Auswirkung des autoritären Gedankens handelt.

Wir müssen aus den praktischen Erfahrungen der großen Ereignisse während der letzten zehn Jahre die Lehren ziehen, auch wenn dieselben mit manchen alten Voraussetzungen nicht übereinstimmen. Besonders dürfen wir von der Revolution nicht mehr erwarten, als sie uns billigerweise geben kann. Es ist sinnlos, zu denken, daß Menschen, die sich heute als Sklaven schlafen legen, morgen als freie Männer und Frauen aufstehen werden. Auch die Revolution kann ein solches Wunder nicht bewirken. Wir müssen vielmehr begreifen, daß der Anarchismus nicht plötzlich und mit aller Vollkommenheit in Erscheinung treten kann, sondern erst durch praktische Versuche der verschiedensten Art und stufenweise Entwicklung seine relative Vollkommenheit erreichen wird. Aus diesem Grunde ist jeder Schritt auf dem Wege zur Freiheit zu begrüßen und von Bedeutung. Nur die intensivste geistige Aufklärung im Sinne der Freiheit und Solidarität wird den Charakter der kommenden Revolution bestimmen.

Aus dieser Erkenntnis heraus sollten wir nicht in unsrem engen Kreise geistig versauern, sondern die engste Fühlung suchen mit allen verwandten Richtungen, die im freiheitlichen Geiste wirken und werben. Neben der stets wachsenden Reaktion machen sich heute auch in allen Ländern unzählige Versuche bemerkbar, aus den bestehenden Zuständen herauszukommen und einer neuen Entwicklung den Weg zu ebnen. Diese Versuche sollten überall von uns voll gewürdigt und unterstützt werden, auch dann, wenn sie nur in bestimmten Punkten mit uns konform gehen. Besonders aber sollten wir nie verfehlen, mit ihren Trägern ein freundschaftliches und solidarisches Verhältnis anzuknüpfen und überall mit gutem Beispiel voranzugehen. Ein solches Bündnis zwischen verwandten Richtungen unter Wahrung der Selbständigkeit und Unabhängigkeit jeder Organisation schafft nicht bloß eine verstärkte Basis im Kampfe gegen die Reaktion des autoritären Gedankens, sie bietet gleichzeitig die Möglichkeit zur gegenseitigen Befruchtung und Klärung der Ideen.

Wichtig ist es auch, direkten Anschluß in den Kreisen der geistigen Arbeiter zu suchen, die für eine kommende Umwälzung von großer Bedeutung sind und auch heute schon in der Lage sind, antiautoritäre Anschauungen in Kreise hineinzutragen, die vielen von uns unerreichbar sind. Ebenso müssen wir stets bereit sein, soziale, politische und wirtschaftliche Errungenschaften allein oder mit anderen zu verteidigen und nicht in doktrinärer Verblendung diesen Dingen keine Bedeutung beimessen. Eine solche Stellung stärkt nur die Reaktion und entfremdet uns allen denkenden und aktiven Elementen, die im Volke wirken.

Von großer Bedeutung ist ein inniges und planmäßiges Zusammenarbeiten der Anarchisten der verschiedenen Länder. Besonders wichtig ist gegenseitige Information über das propagandistische Wirken, die Entwicklung neuer Ideen und Vorschläge und praktische Versuche in irgendwelcher Richtung. Dies dürfte allerdings nicht geschehen in der Form der heute in der anarchistischen Presse üblichen Berichte, sondern durch ein tieferes Eingehen auf die besonderen Verhältnisse jedes Landes, wodurch wir allein in der Lage sind, die Bedeutung der anarchistischen Tätigkeit richtig einzuschätzen. Als Vermittlungsorgane dieser Tätigkeit könnte vorerst unsere Presse dienen, denn auf diesem Gebiete immer Neues zu bringen, hätte sicher einen größeren Wert, als wie durch steten Abdruck und Wiederabdruck alter und teilweise schon überlebter Literaturprodukte einen trostlosen Doktrinarismus heranzuzüchten, der jeder weiteren Entwicklung hindernd im Wege steht.

Vielleicht wird der eine oder der andere bald mit dem Vorschlag eines neuen anarchistischen Weltkongresses bei der Hand sein; doch sind wir der Meinung, daß die innere Anregung zunächst einmal von uns selbst kommen muß und nicht durch künstliche Mittel erzeugt werden kann. Solange die Genossen in jedem Lande nicht versuchen, dem engen Kreise geistiger Inzucht zu entrinnen und ein breiteres Feld für ihre Betätigung suchen, würde das Ergebnis eines solchen Kongresses immer wieder dasselbe sein: Man würde stets dieselben Dinge wiederkäuen, die alle schon hundertmal gehört haben und nachher bliebe wieder alles, wie gewesen. Erst wenn wir in jedem Lande neue Bedingungen für unsere Wirksamkeit schaffen und dadurch reichere Erfahrungen sammeln können, wäre ein Kongreß vielleicht imstande, den beabsichtigten Zweck zu erfüllen.

Angesichts der stets weiter umsichgreifenden Macht autoritärer Vorstellungen und Begriffe und des vollständigen Fiaskos des Staatssozialismus in Rußland und Zentraleuropa ist der anarchistischen Propaganda ein breiteres Feld geboten, solange unsere Kameraden die Gelegenheit wahrnehmen und kein Mittel versäumen, um gegen den Geist des autoritären Denkens und Handelns zu wirken und einer Erneuerung des Lebens auf der Basis der Freiheit und der Solidarität die Bahn frei zu machen.