I.

      II.

      III.

      IV.

I.

Es ist durchaus kein erfreuliches Zeichen, dass man sich in anarchistischen Kreisen über diese Frage noch immer nicht klar zu sein scheint, obwohl sie für die anarchistische Bewegung als solche und ihre weitere Entwicklung von schwerwiegender Bedeutung ist. Gerade hier in Deutschland sind die Ansichten über diese Frage ganz besonders verworren, woran natürlich die besonderen Umstände, unter denen sich der moderne Anarchismus hier entwickelte, ein gut Teil mit verantwortlich sind. Ein Teil der „Anarchisten“ in Deutschland lehnt jede Organisation mit bestimmten Richtlinien prinzipiell ab, weil er der Meinung ist, dass das Bestehen einer solchen den anarchistischen Ideengängen direkt zuwiderlaufe. Andere wieder anerkennen die Notwendigkeit kleiner Gruppen, verwerfen aber jeden engeren Verband der einzelnen Gruppen, wie er z. B. in der „Anarchistischen Föderation Deutschlands“ gegeben ist, da sie in einem solchen Zusammenfassen der Kräfte eine Beschränkung der individuellen Freiheit und eine autoritäre Bevormundung der einzelnen erblicken. Wir sind der Meinung, dass solche Ansichten auf ein totales Missverständnis der eigentlichen Frage zurückzuführen sind, das heißt auf eine vollständige Verkennung dessen, was man gemeinhin unter Anarchismus versteht.
Obwohl der Anarchismus in seinen Betrachtungen über die verschiedenen gesellschaftlichen Einrichtungen und Ideenströmungen vom Einzelwesen ausgeht, ist er nichtsdestoweniger eine soziale Theorie, die sich selbständig aus dem Schoße des Volkes entwickelt hat. Denn der Mensch ist in erster Linie ein soziales Wesen, in dem die ganze Gattung schlummert und ununterbrochen am Werke ist, in dem sie sich stets von neuem bekräftigt und jede Sekunde ihre Auferstehung feiert. Der Mensch ist nicht der Erfinder des gesellschaftlichen Zusammenlebens, sondern Erbe desselben. Er hatte den sozialen Instinkt von seinen tierischen Urahnen bereits empfangen, als er die Schwelle der Menschwerdung überschritt. Ohne Gesellschaft ist der Mensch undenkbar. Er hat stets im Rahmen der Gesellschaft gelebt und gekämpft; das gesellschaftliche Zusammenleben ist die Vorbedingung und der wesentlichste Teil seiner individuellen Existenz, die Gesellschaft aber ist die Urform aller Organisation.
Vielleicht ist das Festklammern an alte, von der Zeit überholte Formen, das der Mehrheit der Menschen eigen ist, im Grunde genommen nichts anderes als ein. besonderer Ausdruck dieses tiefen gesellschaftlichen Instinktes! Sie können das Neue noch nicht erfassen, ihre Einbildung zaubert ihnen eine Auflösung aller gesellschaftlichen Beziehungen vor, und aus Furcht, im Nichts versinken zu müssen, klammern sie sich krampfhaft an die Formen des Althergebrachten und historisch Gegebenen. Das ist ohne Zweifel eine Schattenseite des menschlichen Zusammenlebens, aber sie zeigt uns in derselben Zeit, wie unausrottbar der gesellschaftliche Trieb mit dem Leben jedes Einzelwesens verbunden ist. Wer diese unumstößliche Tatsache ignoriert oder nur teilweise erfasst, wird vielleicht im Quintessenzenausziehen der Begriffe ganz Artiges zustande bringen, allein die treibenden Kräfte der menschlichen Entwicklung werden ihm niemals klar zum Bewusstsein kommen.
Die Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens bleiben nicht immer dieselben, sie verwandeln sich im Laufe der Geschichte, aber die Gesellschaft bleibt und wirkt unausgesetzt auf das Einzelleben der Individuen. Wer sich daran gewöhnt hat, immer nur im Bannkreise abstrakter Vorstellungen zu wandeln – und die Deutschen haben eine ganz besondere Neigung dazu -, dem mag es wohl gelingen, das Einzelwesen loszulösen von all den unzähligen Beziehungen, die es mit der Allgemeinheit verbinden, aber was ihm letzten Endes überbleibt, ist nicht der Mensch, sondern nur die Karikatur eines solchen, ein bleiches Schattenwesen ohne Fleisch und Blut, das nur im Nebelreich des Abstrakten sein Gespensterdasein führt, jedoch im wirklichen Leben nirgends zu finden ist. Es geht ihm wie jenem Bauer, der seiner Kuh das Fressen abgewöhnen wollte und der, als das Tier endlich krepierte, in die verzweiflungsvollen Worte ausbrach: „So ein Unglück! Hätte sie noch einen Tag länger gelebt, hätte sie ganz ohne Futter auskommen können.“
Die großen Begründer des modernen Anarchismus, Proudhon, Bakunin und Kropotkin, haben die gesellschaftliche Grundlage der anarchistischen Lehre stets betont und zum Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen gemacht. Sie bekämpften den Staat nicht nur als den Verteidiger der wirtschaftlichen Monopole und der Klassengegensätze in der Gesellschaft, sondern auch als den Störer jeder natürlichen Organisation, die sich von unten nach oben aus dem Schoße des Volkes entwickelt, um gemeinschaftliche Aufgaben durchzuführen und um die Interessen der Allgemeinheit gegen Angriffe irgendwelcher Art zu verteidigen. Der Staat, dieser politische Zwangsapparat privilegierter Minderheiten in der Gesellschaft, dessen Aufgabe es ist, die breiten Massen in das Joch wirtschaftlicher Ausbeutung und geistiger Bevormundung zu spannen, ist der geschworene Feind aller direkten Beziehungen der Menschen untereinander und wird stets versuchen, solche nur durch das Medium seiner Vermittler herzustellen. Wie der Priester dem Gläubigen nur gestattet, durch seine Vermittlung mit seinem Gotte in Verbindung zu treten, so will auch der Staat alle menschlichen Angelegenheiten durch die Vermittlung seiner offiziellen Vertreter geregelt wissen. Er betrachtet sich als die irdische Vorsehung und kann nicht gestatten, dass profane Elemente dem Schöpfer ins Handwerk pfuschen.
Aus diesem Grunde ist die Geschichte des Staates die Geschichte der menschlichen Sklaverei, denn nur durch die Existenz des Staates ist die wirtschaftliche Ausbeutung der Völker möglich, die zu verteidigen seine vornehmste, ja man kann ruhig sagen seine einzige Aufgabe ist. Indem er jede direkte Initiative seiner Bürger und jeden natürlichen Zusammenschluss der Menschen zum Schutze gemeinschaftlicher Interessen zu verhindern oder, wo er dazu nicht mehr imstande ist, durch allerlei gesetzliche Eingriffe zu paralysieren sucht, wird er zum Todfeind jeder natürlichen Solidarität und Freiheit, die beide die vornehmsten Ergebnisse des gesellschaftlichen Zusammenlebens sind und im Grunde genommen dasselbe bedeuten. Proudhon hatte das tief erfasst, als er in seinem „Confession d’un Révolutionaire“ die feinsinnige Bemerkung machte:


„Vom sozialen Gesichtspunkt aus betrachtet, sind Freiheit und Solidarität identische Begriffe. Indem die Freiheit eines jeden in der Freiheit anderer nicht mehr eine Schranke, wie die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1793 sagt, sondern eine Stütze findet, ist der freieste Mensch derjenige, der die meisten Beziehungen zu seinen Mitmenschen hat.“


Der Anarchismus, dieser ewige Widersacher aller wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Monopole, bekämpft den Staat als den Beschützer der Monopole und den grimmigen Gegner aller direkten und unmittelbaren Beziehungen der Menschen untereinander, aber er ist niemals ein Feind jeder Organisation gewesen; im Gegenteil, eine seiner schwersten Anklagen gegen den staatlichen Gewaltapparat besteht ja gerade darin, dass er im Staat das größte Hindernis einer wirklichen Organisation, die sich auf die gleichen Interessen aller stützt, erkannt hat. Die großen Begründer der anarchistischen Weltanschauung hatten klar erfasst, dass je weniger Interessengegensätze in den gesellschaftlichen Gebilden vorhanden sind desto enger sind die Menschen miteinander verbunden und desto höher ist der Grad der persönlichen Freiheit, den der einzelne innerhalb des Gemeinwesens genießt. Aus diesem Grunde erblickten sie in der Anarchie einen gesellschaftlichen Zustand, in dem die individuellen Wünsche und Bedürfnisse der Menschen ihren sozialen Empfindungen entspringen, oder mit anderen Worten, mit diesen mehr oder weniger identisch sind. Sie erkannten in dem Gefühl der Gegenseitigkeit die wirksamste Triebfeder jeder gesellschaftlichen Entwicklung und das natürliche Ergebnis der allgemeinen Interessen. Deshalb verwarfen sie den Zwang der Gesetze als Bindemittel der menschlichen Organisation und entwickelten die Idee der freien Vereinbarung als Grundlage aller gesellschaftlichen Organisationsformen. Die Herrschaft der Gesetze ist stets die Herrschaft des Privilegiums Über die breite Masse der vom Vorrecht Ausgeschlossenen, das Symbol der brutalen Gewalt unter der Maske ausgleichender Gerechtigkeit.
Menschen, welche durch allgemeine Interessen verbunden sind, schaffen sich allgemeine Richtlinien in der Form freier Vereinbarungen, die ihnen zur Richtschnur ihres Verhaltens dienen. Der Vertrag zwischen Gleichen bildet die moralische Grundlage jeder wahren Organisation. Jede andere Form der menschlichen Gruppierung ist Zwang, ist Despotismus der Vorrechte. In diesem Sinne erfasste Proudhon den Gedanken einer gesellschaftlichen Reorganisation der Menschheit, den er in seinem großen Werk „Idee générale de la Révolution du 19. siècle“ in folgenden Worten Ausdruck gab:


„Verträge sind es, die wir an die Stelle von Gesetzen stellen. Keine Gesetze, weder durch eine Majorität noch mit Einstimmigkeit votiert. Jeder Bürger, jede Gemeinde oder Korporation macht ihr eigenes Gesetz.
An die Stelle der politischen Gewalten setzen wir die wirtschaftlichen Kräfte. An die Stelle der ehemaligen Klassen der Bürger – Adel und Bürgerstand, Bourgeoisie und Proletariat – setzen wir die Kategorien und Spezialitäten der Funktionen: den Ackerbau, die Industrie, den Austausch usw. An die Stelle der Öffentlichen Gewalt setzen wir die kollektive Gewalt. An die Stelle der permanenten Armeen setzen wir die industriellen Abteilungen. An die Stelle der Polizei setzen wir die Gleichheit der Interessen. An die Stelle der politischen Zentralisation setzen wir die Zentralisation der Wirtschaft. Begreift ihr nun diese Ordnung ohne Beamten, diese tiefe intellektuelle Einheit? Oh, ihr habt nie gewusst, was die Einheit ist, ihr, die ihr dieselbe bloß mit einem Vorspann von Gesetzgebern, Präfekten, Staatsanwälten, Zollwächtern und Gendarmen auffassen könnt. Was ihr Einheit und Zentralisation nennt, ist nichts anderes als ewiges Chaos, welches einem willkürlichen Zustand ohne Zweck als Grundlage dient, sie ist die Anarchie[1] der sozialen Kräfte, welche ihr zum Beweisgrund eines Despotismus erhoben habt, der ohne diese Anarchie nicht existieren könnte.“


Ähnliche Gedankengänge hat Bakunin in seinen Schriften und in öffentlichen Kundgebungen sehr häufig entwickelt. Ich erinnere nur an seine Ausführung auf dem ersten Kongress der „Friedens- und Freiheitsliga“ in Genf im Jahre 1867. Von Kropotkin wollen wir an dieser Stelle überhaupt nicht reden, da seine Hauptwerke auch dem deutschen Leser heute zugänglich sind. Es sei hier nur kurz auf sein herrliches Buch „Gegenseitige Hilfe“ verwiesen, in dem er die Geschichte der menschlichen Organisationsformen bis in die entferntesten Zeiten zurück verfolgt und die Solidarität, dieses wunderbarste Resultat des gesellschaftlichen Zusammenlebens, als den größten und machtvollsten Faktor in der Entwicklungsgeschichte des sozialen Lebens verkündet.
Proudhon, Bakunin und Kropotkin waren auch keine „Amoralisten“[2], wie so manche geistesöden Wiederkäuer Nietzsches in Deutschland, die sich Anarchisten nennen und sich in ihrer angeborenen Bescheidenheit als „Übermenschen“ proklamieren. Sie konstruierten sich nicht willkürlich eine „Herren- und Sklavenmoral“, um daraus alle möglichen und unmöglichen Schlüsse abzuleiten, sondern sie versuchten vielmehr, den Ursprung der moralischen Empfindungen im Menschen zu ergründen und fanden ihn im gesellschaftlichen Zusammenleben. Weit entfernt, der Moral irgendwelche religiöse oder metaphysische Deutung zu geben, erblickten sie in den moralischen Empfindungen des Menschen ein natürliches Ergebnis seines gesellschaftlichen Seins, das sich allmählich in bestimmten Gebräuchen und Gewohnheiten kristallisierte und allen aus dem Volke hervorgegangenen Organisationsformen als Grundlage diente. Besonders Bakunin und in noch viel höherem Maße Kropotkin haben dies sehr klar erkannt. Der letztere beschäftigte sich mit dieser Frage bis zu seinem Lebensende und hat uns die Ergebnisse seiner Untersuchungen in einem besonderen Werke hinterlassen, von dem bis jetzt nur einzelne Abschnitte der Öffentlichkeit bekannt sind. Und gerade weil sie den gesellschaftlichen Ursprung des moralischen Empfindens erkannt hatten, waren sie solch glühende Verkünder einer sozialen Gerechtigkeit, die in dem steten Drange der Menschen nach persönlicher Freiheit und wirtschaftlicher Gleichheit ihren vollsten Ausdruck findet.
Die zahlreichen bürgerlichen und staatssozialistischen Schriftsteller, die sich bisher mit dem Anarchismus kritisch beschäftigt haben, haben meistenteils den tiefen sozialen Grundcharakter der anarchistischen Lehre total verkannt – bei Männern wie Wilhelm Liebknecht, Plechanow und einer Reihe anderer geschah dies offenbar mit Absicht -, denn nur so lässt es sich erklären, dass man von dieser Seite einen künstlichen Gegensatz zwischen Anarchismus und Sozialismus konstruiert hat, der ebenso absurd als unbegründet ist. Man stützte sich bei dieser eigenartigen Klassifizierung hauptsächlich auf Stirner, ohne zu bedenken, dass das geniale Werk dieses Mannes auf die Entstehung und Entwicklung der eigentlichen anarchistischen Bewegung auch nicht den geringsten Einfluss gehabt hatte und dass Stirner, wie der bekannte italienische Anarchist Luigi Fabbri sehr richtig bemerkt, höchstens als „einer der entferntesten Vorläufer und Verwandten des Anarchismus betrachtet werden kann“.
Stirners „Einziger“ erschien im Jahre 1845 und war vollständig in Vergessenheit geraten. Neunundneunzig Prozent der Anarchisten hatten weder von der Person des deutschen Philosophen noch von seinem Werke die geringste Ahnung, bis dieses Buch anfangs der neunziger Jahre in Deutschland wieder ausgegraben und seitdem in verschiedene andere Sprachen übersetzt wurde. Aber sogar dann war der Einfluss von Stirners Ideen auf die anarchistische Bewegung in den romanischen Ländern[3], wo die Lehren Proudhons, Bakunins und Kropotkins seit Jahrzehnten auf weite Kreise der Arbeiterschaft eine entscheidende Wirkung ausübten, ein äußerst geringer und ist seitdem nicht größer geworden. Wohl hatte Stirners Werk auf gewisse Kreise der französischen Intellektuellen, die in jener Zeit vorübergehend mit den Anarchisten kokettierten und von denen die meisten schon längst wieder auf „jene Seite der Barrikade“ zurückgekehrt sind, eine faszinierende Wirkung, aber die große Mehrheit der aktiven Anarchisten in jenen Ländern blieb unberührt davon.
Keiner der ursprünglichen Begründer der anarchistischen Bewegung hätte sich je träumen lassen, dass man ihn eines Tages als Asozialisten bezeichnen würde. Sie alle fühlten sich als Sozialisten, weil sie von dem gesellschaftlichen Charakter ihrer Lehre tief durchdrungen waren. Aus diesem Grunde nannten sie sich zuerst viel häufiger revolutionäre oder, im Gegensatz zu den Staatssozialisten, anti-autoritäre Sozialisten; erst später bürgerte sich die Bezeichnung Anarchist mehr und mehr bei ihnen ein.

II.


Es ist klar, dass die großen Exponenten des Anarchismus und die Begründer der modernen anarchistischen Bewegung, die nie müde wurden, den sozialen Charakter ihrer Ideen immer wieder zu betonen, keine Gegner der Organisation sein konnten. Und in der Tat, sie sind es nie gewesen. Sie bekämpften die der Kirche und dem Staat abgelauschte zentralistische Form der Organisation, aber sie alle anerkannten die unbedingte Notwendigkeit einer organisatorischen Zusammenfassung der Kräfte, als deren zweckentsprechendste Form ihnen der Föderalismus erschien.
Der Einfluss Proudhons auf die französischen Arbeiter Assoziationen ist bekannt. Es ist hier nicht der Platz, auf die Geschichte dieser ungemein interessanten Bewegung näher einzugehen, die ohne Zweifel eines der erhebendsten Kapitel in dem großen Kampfe der Arbeit gegen die ausbeuterische Macht des kapitalistischen Regimes darstellt. Hier interessiert uns nur die Stellung, die Proudhon den genossenschaftlichen Organisationen gegenüber eingenommen hat. Proudhon hatte die ursprüngliche Idee der Assoziation in seiner Zeitung einer scharfen Kritik unterzogen und gab sich die größte Mühe, sie mit seinen Anschauungen zu befruchten. Durch die unermüdliche Arbeit seiner Freunde innerhalb der Assoziationen gelang es ihm, den Einfluss des Staatskommunisten L. Blanc auf die Genossenschaften zu brechen und in denselben eine große geistige Umwandlung durchzuführen. Er förderte die Genossenschaften in jeder Weise und diese wieder standen ihm in allen seinen Kämpfen gegen die Regierung redlich zur Seite. Mit der Hilfe der Assoziationen drangen die Ideen des großen französischen Denkers erst richtig in die Arbeiterkreise und nahmen praktische Gestalt an. Das berühmte Projekt der Volksbank stützte sich hauptsächlich auf die Genossenschaften der Arbeiter und wurde durch sie am aufopferungsvollsten gefördert. Durch die Volksbank sollte gleichzeitig ein natürliches Bindeglied zwischen den Assoziationen im ganzen Lande geschaffen und dem Kapital der Boden unter den Füßen entzogen werden. Es soll hier nicht unsere Aufgabe sein, den Wert und die praktische Bedeutung dieses Projekts kritisch zu beurteilen, das aus der damaligen Zeit und ihren außergewöhnlichen Verhältnissen geboren wurde. Hier gilt es lediglich zu zeigen, dass Proudhon und seine Anhänger eifrige Befürworter der Organisation gewesen sind, und zwar handelte es sich bei dem Projekt der Volksbank um ein organisatorisches Unternehmen größten Stiles, denn Proudhon selbst war der Meinung, dass die Bank nach dem ersten Jahr ihrer Existenz über zwei Millionen Teilhaber zählen würde.
Es genügt übrigens, die zahllosen Ausführungen Proudhons über Wesen und Zweck der organisatorischen Gebilde, wie man sie überall in seinen Werken und in den von ihm herausgegebenen Zeitschriften verstreut findet, näher in Augenschein zu nehmen, um zu erkennen, wie tief und gründlich der französische Denker den Wesensinhalt aller gesellschaftlichen Organisationsformen erfasst hatte. Besonders deutlich kommt dies zum Ausdruck in den beiden Werken „Du principe fédératif etc.“ und „De la capacité politique des classes ouvrières“.[4]
Die zahlreichen Anhänger, die sich Proudhon in der Arbeiterklasse erworben hatte, waren alle überzeugten Befürworter der Organisation. Sie waren mit das wichtigste Element, das zur Gründung der „Internationalen Arbeiter Assoziation“[5] Veranlassung gab, und die ersten Entwicklungsphasen des großen Arbeiterbundes standen vollständig unter ihrem geistigen Einfluss.
Allein alle diese Bestrebungen, die in den Organisationen der „Mutualisten“, wie sich die Anhänger Proudhons nannten, ihren Ausdruck fanden, können hur als die ersten Ansätze und Vorläufer der anarchistischen Bewegung betrachtet werden. Die eigentliche anarchistische Bewegung beginnt erst mit der Periode der „Internationale“ und hauptsächlich dann, als sich der Einfluss Bakunins und seiner Freunde in den Föderationen der lateinischen Länder mehr und mehr geltend machte. Bakunin selbst war zeitlebens ein starker und unermüdlicher Vertreter des Organisationsgedankens gewesen, und der wichtigste Teil seiner Tätigkeit in Europa bestand in seinen ununterbrochenen Versuchen, die revolutionären und freiheitlichen Elemente organisatorisch zusammenzufassen und sie zur Aktion vorzubereiten. Seine Tätigkeit in Italien, die Gründung seiner „Allianz“, seine machtvolle Propaganda in den Reihen der Internationale waren stets getragen von dieser Idee. Er hat diesen Gedanken vertreten in einer ganzen Reihe glänzender Artikel, die in der Genfer „Egalité“ erschienen sind und die sich vornehmlich mit der Organisation der Internationale als Zusammenfassung wirtschaftlicher Föderationen im Gegensatz zu allen politischen Parteien beschäftigen. In seiner Abhandlung „Die Politik und die Internationale“, die in den Nummern vom 8. bis 28. August 1869 der erwähnten Zeitschrift erschienen ist, erklärte Bakunin den Arbeitern, dass die ganze bürgerliche Politik, in welche Formen sie sich nicht kleiden solle, im Grunde genommen nur ein Ziel verfolge, nämlich die Aufrechterhaltung der Herrschaft der Bourgeoisie, die in derselben Zeit die Sklaverei des Proletariats bedeute. Aus diesem Grunde hat es für den Arbeiter keinen Zweck, an der Politik der Bourgeoisie teilzunehmen in der Hoffnung, dass er dadurch imstande sei, seine Lage zu verbessern, da jeder Versuch in dieser Richtung nur zu grausamen Enttäuschungen führen muss und die Befreiung der Arbeit vom Joche des Kapitals in die Ferne rückt. Das einzige Mittel, die Befreiung des Proletariats anzubahnen, ist der Zusammenschluss der Arbeiter in wirtschaftlichen Kampforganisationen, wie er in der Internationale gegeben ist. Als einzelner ist der Arbeiter der organisierten Macht des Kapitals gegenüber verloren, auch wenn er über außergewöhnliche Fähigkeiten und persönliche Energie verfügt. Nur in der Organisation entfalten sich die Kräfte aller und konzentrieren sich auf die gemeinschaftliche Aktion.
Bis zum letzten Atemzug blieb Bakunin ein unentwegter Befürworter der Organisation, von deren Notwendigkeit er so vollständig durchdrungen war, dass er sogar nicht vergaß, ihrer noch einmal besonders zu erwähnen in jenem ergreifenden Abschiedsbrief an die Brüder der Jura Föderation[6] kurz nach dem Genfer Kongress im Jahre 1873, der als ein Vermächtnis an seine Freunde und Mitstreiter betrachtet werden kann.
„Die Zeit gehört nicht mehr Ideen, sondern Tatsachen und Handlungen“, heißt es dort. „Die Hauptsache ist heute die Organisation der Kräfte des Proletariats. Aber diese Organisation muss das Werk des Proletariats selbst sein. Wenn ich noch jung wäre, hätte ich mich in einem Arbeitermilieu angesiedelt, wo ich das werktätige Leben meiner Arbeitsbrüder teilend, zugleich mit ihnen an dem großen Werk der Organisation teilgenommen hätte.“
Und am Ende dieses Abschiedsschreibens fasst Bakunin noch einmal die beiden Bedingungen, die nach seiner Meinung allein imstande sind, den Sieg der Arbeit zu verbürgen, in die Worte zusammen:
1. „Haltet fest an dem Prinzip der großen und weiten Volksfreiheit, in der Gleichheit und Solidarität keine Lüge sind.“
2. „Organisiert immer mehr die Internationale und die praktische Solidarität der Arbeiter aller Berufe und aller Länder. Und erinnert euch stets daran, dass ihr zwar schwach seid als einzelne Individuen, als bloß örtliche oder Landesorganisationen, dass ihr aber eine ungeheure Kraft, eine unwiderstehliche Macht in der universellen Allgemeinheit finden werdet.“
Bakunin, der große Verkünder der individuellen Freiheit, die er jedoch stets nur im Rahmen der Interessen der Allgemeinheit auffasste, anerkannte auch vollständig die Notwendigkeit einer gewissen Unterordnung der einzelnen unter freiwillig gefasste Beschlüsse und allgemeine Richtlinien als im Wesen der Organisation begründet. Er erblickte in dieser Tatsache keineswegs eine „Vergewaltigung der freien Persönlichkeit“, wie so manche verknöcherten Dogmatiker, die, berauscht von einem halben Dutzend leerer Schlagworte, niemals in das eigentliche Wesen der anarchistischen Ideengänge eingedrungen sind, trotzdem sie sich stets mit lauter Aufdringlichkeit als die Gralswächter der „anarchistischen Prinzipien“ aufspielen. So erklärte er zum Beispiel in seinem großen Werke „L‘Empire knouto germanique et la Révolution sociale“, das unter dem frischen Eindruck der Pariser Kommune geschrieben wurde:
„Wie feindlich ich auch immer dem, das man in Frank reich Disziplin nennt, gegenüberstehe, so erkenne ich doch an, dass eine gewisse, nicht automatische, sondern freiwillige und überdachte Disziplin immer da notwendig ist und stets notwendig sein wird, wo Menschen, die sich freiwillig zusammengefunden haben, eine gemeinschaftliche Arbeit unternehmen oder eine gemeinschaftliche Aktion ins Werk setzen wollen. Eine solche Disziplin ist die freiwillige, auf einen gemeinschaftlichen Zweck hinarbeitende und mit voller Überlegung ausgeführte Vereinbarung aller individuellen Anstrengungen.“
In diesem Sinne fassten die Anarchisten der bakunistischen Periode die Organisation auf und suchten sie praktisch in die Wege zu leiten. In diesem Sinne arbeiteten und wirkten sie in den Sektionen und Föderationen der Internationale, die sie mit ihren Ideen befruchteten. Sie organisierten die Arbeiter in örtlichen Propagandasektionen und gewerkschaftlichen Ortsgruppen. Die lokalen Vereine und Gruppen wären den regionalen Verbänden und die regionalen Verbände den Landesföderationen angegliedert, die sich wiederum in dem großen Bunde der Internationale zusammenfanden.
Will man sich ein Bild machen über die ungemein rege organisatorische Tätigkeit, welche die Anarchisten in jener Zeit entfaltet haben, so genügt ein Blick auf den Bericht, den die spanische Landesföderation dem sechsten Kongress der Internationale in Genf (1873) vorlegt. Dieser Bericht ist gerade deshalb von besonderer Wichtigkeit, weil die Internationale in Spanien von Anfang an von anarchistischen Grundsätzen geleitet wurde. Wenn der Anarchismus bis heute der ausschlaggebende Faktor in der allgemeinen spanischen Arbeiterbewegung geblieben ist und bisher imstande war, alle sozialdemokratischen Versuche erfolgreich zurückzuweisen, so ist dies hauptsächlich deshalb der Fall, weil die spanischen Anarchisten ihren ursprünglichen Prinzipien und Methoden am treusten geblieben sind trotz der ungeheuerlichen Verfolgungen, denen sie periodisch ausgesetzt waren und gegenwärtig wieder ausgesetzt sind. Sie wurden niemals von der Krankheit des „Übermenschentums“ und der blöden Ichsucht ergriffen, deren bemitleidenswerte Opfer stets in die stumme Bewunderung ihres eignen Nabels versunken sind und die da glauben, dass ihre winzige Person durch die Organisation Schaden erleiden könnte. Nein, die spanischen Anarchisten wurzelten stets in der Arbeiterbewegung, deren geistige und organisatorische Wirksamkeit sie mit allen Kräften zu fördern suchten, und an deren Kämpfen sie immer an hervorragender Stelle Anteil genommen haben.
In dem Bericht der spanischen Landesföderation heißt es:


„Die spanische Landesföderation zählte am 20. August 1872 65 bestehende Ortsföderationen mit 224 gewerkschaftlichen Sektionen und 49 Sektionen verschiedener Berufe. Außerdem hatte sie in elf Städten Einzelmitglieder. Am 20. August 1873 zählte die spanische Landesföderation 162 bestehende Ortsföderationen mit zusammen 454 gewerkschaftlichen Organisationen und 77 Sektionen verschiedener Berufe.
Zählt man zu den bereits bestehenden Ortsföderationen auch jene Föderationen, die sich zu bilden im Begriffe waren (d.h. die bestehenden Sektionen, die sich anschickten, sich in Föderationen zusammenzuschließen), so ergibt sich folgendes Resultat:
Die spanische Landesföderation zählte bis zum 20, August 1872 im Ganzen 204 bereits bestehende und in der Bildung begriffene Ortsföderationen mit 571 gewerkschaftlichen Sektionen und 114 Sektionen der verschiedenen Berufe. Außerdem hatte sie in elf Städten, in denen noch keine Organisationen bestanden, Einzelmitglieder.
Am 20. August 1873 zählte die spanische Landesföderation 270 bereits existierende und in der Bildung begriffene Ortsföderationen mit 557 gewerkschaftlichen Sektionen und 117 Sektionen verschiedener Berufe.”


Ich könnte hier noch Auszüge aus verschiedenen Berichten der italienischen Landesföderation der Jura-Föderation usw. bringen, die alle auf die organisatorische Tätigkeit dieser Körperschaften Bezug haben, allein das würde zu weit führen. Die ganze Zeitungs- und Broschürenliteratur jener Zeit ist angefüllt mit Hinweisen auf die Notwendigkeit der Organisation und es gab in den Reihen der damaligen Anarchisten niemand, der in dieser Hinsicht einen anderen Standpunkt vertreten hätte. Alle betonten den sozialen Charakter der anarchistischen Auffassung und alle waren fest davon überzeugt, dass die soziale Befreiung nur durch die Aufklärung und Organisation der Massen herbeigeführt werden könne, dass die Organisation die erste Vorbedingung für eine gemeinschaftliche Aktion sei.

III.


Dieser Charakter der Bewegung änderte sich allmählich nach dem deutsch-französischen Krieg und hauptsächlich nach der furchtbaren Niederlage der Pariser Kommune. Der Sieg Deutschlands und der Bismarckschen Politik hatte eine neue geschichtliche Tatsache in Europa geschaffen. Die Entstehung eines mit allen Machtmitteln ausgerüsteten militaristisch bürokratischen Staates im Herzen Europas musste auf die Entwicklung der allgemeinen Reaktion, die damals überall mächtig das Haupt erhob, einen starken Einfluss haben, was auch tatsächlich der Fall war. Der Schwerpunkt der europäischen Arbeiterbewegung hatte sich von Frankreich nach Deutschland verschoben und führte hier zur Entfaltung der sozialdemokratischen Bewegung, die im Laufe ihrer Entwicklung auch die übrigen Länder, von wenigen Ausnahmen abgesehen, entscheidend beeinflusste. So entstand jene verhängnisvolle Periode, in welcher Europa mehr und mehr einer allgemeinen Militarisierung zum Opfer fiel, die von Deutschland ausging, während von der anderen Seite durch den wachsenden Einfluss der deutschen Sozialdemokratie die allgemeine Arbeiterbewegung allmählich in einem kläglichen Possibilismus versandete.
In den romanischen Ländern, wo der freiheitliche Flüge der Internationale den stärksten Einfluss hatte, setzte zu Anfang der 70er Jahre eine wütende Reaktion ein. In Frankreich, wo die besten und intelligentesten Elemente der Arbeiterbewegung bei der grausamen Niederwerfung ihren Tod gefunden hatten oder nach Neukaledonien[7] verschickt wurden, soweit es ihnen nicht gelungen war, ins Ausland zu flüchten, um dort das ruhelose und sorgenvolle Leben des Exils auszukosten, in Frankreich wurden sämtliche Organisationen der Arbeiterbewegung von der Regierung unterdrückt und die revolutionäre Presse verboten. Dieselben Ereignisse wiederholten sich zwei Jahre später in Spanien, nach der blutigen Niederwerfung des kantonalistischen Aufstandes und der Kapitulation der Kommune von Cartagena. Die gesamte Arbeiterbewegung wurde rücksichtslos unterdrückt und jede öffentliche Kundgebung der revolutionären Arbeiterschaft auf Jahre hinaus unmöglich gemacht. In Italien hetzte man die Mitglieder der Internationale wie wilde Tiere und machte ihnen die öffentliche Propaganda so schwer, dass sie mehr und mehr auf das Gebiet der Geheimorganisationen gedrängt wurden, wozu sie als Italiener durch die alten Überlieferungen der Carbonaria und der Mazzinischen Geheimgesellschaften mehr veranlagt waren, wie ihre Kameraden in anderen Ländern.
So verschwand denn die anarchistische Bewegung infolge der ungeheuerlichen Verfolgungen, die sie zu erdulden hatte, in den romanischen Ländern jahrelang aus der Atmosphäre des öffentlichen Lebens und war gezwungen, sich in geheimen Verbindungen eine Zufluchtsstätte zu schaffen. Da aber die Periode der Reaktion länger währte als die meisten vorausgesetzt hatten, so nahm die Bewegung allmählich eine ganz neue Psychologie an, die von ihrem ursprünglichen Charakter wesentlich verschieden war. Geheime Bewegungen sind wohl imstande, in ihrem beschränkten Kreise einen außergewöhnlich hohen Grad von Opferwilligkeit und rührender Hingabe der einzelnen für die revolutionäre Sache zu entwickeln, allein es fehlt ihnen der breite Kontakt mit den Massen des Volkes, der allein imstande ist, ihre Wirksamkeit zu befruchten und sie frisch und auf die Dauer lebensfähig zu erhalten. So kommt es, dass die einzelnen Mitglieder einer solchen Bewegung ganz unmerklich jeden richtigen Maßstab für die eigentlichen Erscheinungen des wirklichen Lebens verlieren und der Wunsch bei ihnen der Vater des Gedankens wird. Sie verlieren nach und nach den Sinn für jede konstruktive Betätigung und ihr Gedankengang erfährt eine rein negative Einstellung. Mit einem Wort, sie verlieren ohne sich dessen klar bewusst zu sein, das Verständnis für eine Bewegung der Massen. Dieser eigenartige Entwicklungsprozess vollzieht sich sehr häufig mit einer überraschenden Schnelligkeit und ist imstande, einer Bewegung in wenigen Jahren ein ganz anderes Aussehen zu geben, vorausgesetzt, dass die äußeren Verhältnisse, d.h. die blinden Verfolgungen der Regierungen, die Entfaltung der Geheimorganisation begünstigten.
Es ist klar, dass in Perioden allgemeiner Reaktion, wenn die Regierung einer Bewegung jede öffentliche Lebensmöglichkeit abschneidet, die Geheimorganisation das einzige gegebene Mittel ist, um die Bewegung am Leben zu erhalten. Aber indem wir diese Tatsache anerkennen, dürfen wir uns nicht dazu verleiten lassen, die unausbleiblichen Mängel einer solchen Organisation zu verkennen oder gar ihre Bedeutung zu überschätzen. Eine Geheimorganisation kann immer nur betrachtet werden als ein Mittel, das die Gefahr des Augenblicks erheischt, nie aber wird sie imstande sein, eine wirkliche soziale Umwälzung wirksam vorzubereiten oder gar in die Wege zu leiten. Gesellschaftliche Veränderungen setzen stets die intensivste und weiteste Propaganda unter den Massen voraus, die zuerst von dem Geiste der Neuerung ergriffen sein müssen, ehe man sie in Bewegung setzen kann. Aber gerade diese unumstößliche Tatsache vergisst der einzelne nur allzu leicht in der eigenartigen Atmosphäre der geheimen Verbindungen. Der faszinierende Einfluss, den solche Körperschaften besonders auf die mehr zur Romantik neigenden jugendlichen Elemente einer Bewegung ausüben, ist ein ganz gewaltiges Hindernis für ein klares Erkennen der wirklichen Proportionen und macht viele blind für die nackte Wirklichkeit. Man sieht die Dinge stets in einer Art Verklärung, nicht wie sie in Wahrheit sind, sondern wie man sie gerne zu sehen wünscht.
Die Geheimorganisationen der alten russischen Revolutionäre haben Ungeheuerliches geleistet, aber sie waren trotzdem nicht imstande, mit ihren Ideen die Massen zu ergreifen und mussten langsam verbluten. Erst als mit der Entwicklung der Industrie in Russland breite Massen der Arbeiterschaft und teilweise auch der Bauern von den sozialistischen Ideen ergriffen wurden, war die Bewegung unbesiegbar.
Außerdem aber birgt eine Geheimbewegung noch eine ganze Reihe schwerer Schäden in sich, die mit ihrer Existenz unvermeidlich verbunden sind. Dazu gehört in erster Linie ihr fortwährender Kampf mit den Überwachungsorganen des Staates, die immer und überall auf der Lauer liegen, um Verschwörungen zu entdecken oder, wenn es nötig ist, durch ihre Provokateure selbst solche ins Leben zu rufen Dieser ununterbrochene Kampf, der den Konspirator stets zu neuen Vorsichtsmaßregeln zwingt, verschlingt nicht nur eine Menge Energie, er entwickelt auch auf die Dauer der Zeit in ihm ein geradezu krankhaftes Misstrauen gegen jeden, das ihm sehr oft zur zweiten Natur wird. Der Verdacht schleicht überall auf Filzsohlen umher und hat so manches Menschenleben für immer ruiniert. Ich erinnere nur an die Peukertaffäre. die nicht nur dem Manne selbst zur Tragödie seines Lebens wurde, sondern die auch auf lange Jahre hinaus die Bewegung furchtbar zerklüftete und ihre Kräfte paralysiert hat. Es ist auch klar, dass persönliche Streitigkeiten in einer solchen Bewegung einen viel schärferen und verhängnisvolleren Charakter annehmen müssen, da das Feld ihrer Wirksamkeit stets sehr beschränkt ist. Man erinnere sich an die erbitterten Kämpfe zwischen Barbes und Blanqui in den Geheimgesellschaften unter der Regierungszeit Louis Philipps, welche die Tätigkeit dieser Organisationen auf lange Zeit hinaus lahmlegten.
Alle diese Erscheinungen geben der Geheimbewegung ein ganz besonderes Gepräge und haben einen sehr starken Einfluss auf die geistige Struktur ihrer Mitglieder. Vor allem aber beeinträchtigen sie die geistige Entwicklung einer Bewegung und ihre schöpferischen Fähigkeiten, indem die Geheimorganisation stets gezwungen ist, ihre destruktive Wirksamkeit in den Vordergrund ihrer Tätigkeit zu stellen.
In eine solche Periode der Reaktion und der geheimen Verbindungen war die anarchistische Bewegung im Anfang der 70er Jahre eingetreten und es war nur natürlich, dass sie sich dem Einflüsse der neuen Atmosphäre nicht ganz entziehen konnte. Im Laufe einiger Jahre gewöhnte man sich in anarchistischen Kreisen daran, die konspirative Tätigkeit als einen normalen Zustand aufzufassen und besonders die neuen Elemente, die sich während der konspirativen Periode der Bewegung angeschlossen hatten, waren nur allzu geneigt, die Geheimorganisation und ihre Tätigkeit als eine selbstverständliche Voraussetzung der anarchistischen Bewegung im allgemeinen anzusehen, die jeder öffentlichen Tätigkeit vorzuziehen seien. Einen solchen Standpunkt vertrat zum Beispiel das „Italienische Komitee für die soziale Revolution“ in einer längeren Adresse, die an den siebenten Kongress der Internationale, der im November 1874 in Brüssel tagte, gerichtet war. In diesem Manifest wurde jede öffentliche Tätigkeit der Revolutionäre als schädlich verworfen. Es heißt dort:


„Die durch die Regierung angeordnete Massenunterdrückung hat uns zur durchaus geheimen Verschwörung geführt. Da diese Form der Organisation viel höher steht, können wir uns nur Glück wünschen, dass die Verfolgungen der Öffentlichen Internationale ein Ende gemacht haben. Wir werden fortfahren, auf geheimem Wege zu gehen; wir haben ihn gewählt als den, welcher allein uns zu unserem letzten Ziel, zur sozialen Revolution, führen kann.“


Dies war der Zustand der Bewegung, als sich einige radikal eingestellte deutsche Sozialdemokraten im Ausland zu ihr bekannten. An der deutschen Arbeiterschaft waren die großen Ideenkämpfe im Schoße der Internationale fast spur los vorübergegangen. Überhaupt war der Einfluss des großen Arbeiterbundes in Deutschland kaum zu bemerken gewesen.
Die einzelnen älteren Vorläufer des Anarchismus in Deutschland waren längst in Vergessenheit geraten, als die deutschen Arbeiter sich anschickten, sich selbständig zu organisieren. Die Schriften von Karl Grün, Moses Heß, Wilhelm Marr usw. waren ihnen total unbekannt, ebenso wie die zahlreichen Übersetzungen von Proudhon, die in den 40er und 50er Jähren in Deutschland herausgegeben wurden. Die ganze Bewegung stand ausnahmslos unter dem Einfluss der Sozialdemokratie.
Die furchtbaren Verfolgungen der anarchistischen Bewegung in den romanischen Ländern hatten eine große Anzahl Flüchtlinge nach der französischen Schweiz getrieben. Franzosen, Italiener, Spanier hatten sich dort zusammengefunden. Dieser Kreis wurde noch vermehrt, als in Deutschland das Sozialistengesetz[10] in Kraft trat und viele Arbeiter durch die Verfolgungen gezwungen waren, ins Ausland zu gehen. In der Schweiz hatte die Jura-Föderation noch immer einen ziemlichen Einfluss in der Mitte der 70er Jahre und entfaltete eine lebhafte Propaganda, an der auch die Flüchtlinge Anteil nahmen. In diesem Milieu war es, wo deutsche Arbeiter, wie Emil Werner, Eisenhauer und August Reinsdorf den Anarchismus kennenlernten. Es war also gerade jene besondere Entwicklungs-phase der Bewegung, von der wir gesprochen haben, mit der sie bekannt wurden und die ihrer eigenen Entwicklung ein ganz besonderes Gepräge gab. Und in dem Geiste dieser Epoche war auch „Die Arbeiterzeitung“ gehalten, die als erste anarchistische Zeitschrift deutscher Sprache im Juli 1876 in Bern begründet wurde. Als dann zwei Jahre später der deutsche Reichstag das Sozialistengesetz angenommen hatte, demzufolge die ganze sozialistische Bewegung als vogelfrei erklärt wurde, dann musste dies selbstverständlich mächtig dazu beitragen, die neue Richtung in die extremsten Bahnen zu leiten.
Dazu kam noch ein Faktor von schwerwiegender Bedeutung: In Russland hatte jener furchtbare und unbarmherzige Kampf der Narodnaja Wolja gegen die Vertreter der zaristischen Selbstherrschaft seinen Anfang genommen und entbrannte mit einer Leidenschaft, wie wir ihn in der europäischen Geschichte bisher nicht wieder gesehen haben. Die Taten der russischen Revolutionäre übten auf die sozialistische Bewegung Europas eine geradezu faszinierende Wirkung aus, hauptsächlich dort, wo die Bewegung selbst von den Regierungen in Acht und Bann gelegt war. Nichts trägt so viel dazu bei, im Menschen gewalttätige Instinkte und das Bedürfnis nach Rache zu erwecken wie ein fortwährendes In-den-Kot-Treten seiner menschlichen Würde. Man muss eine solche Periode selbst miterlebt haben, um ihre verhängnisvollen Wirkungen richtig würdigen zu können. Die ewigen Verfolgungen der Polizei, die gemeinen Schikanen, denen der einzelne tagtäglich ausgesetzt ist, die wirtschaftlichen Maßregelungen und das Hetzen von Ort zu Ort können sogar den sanftmütigsten Menschen zur Verzweiflung bringen. Wenn das nun einem Manne von großer persönlicher Kühnheit, wie August Reinsdorf, passiert, den man tatsächlich wie ein wildes Tier von Stadt zu Stadt hetzte, so ist es klar, dass der Geist eines solchen Menschen allmählich nur von Rachegedanken erfüllt wird, die auch auf die ganze Art seiner Propaganda einen ausschlaggebenden Einfluss haben müssen. Je mehr Opfer fallen, desto stärker gräbt sich der Wunsch, sie zu rächen, in seine Seele ein und ergreift nach und nach sein ganzes Wesen.
Es ist klar, dass man in einem solchen Geisteszustand wenig Verständnis für Entwicklung der Ideen und schöpferisches Handeln aufbringen kann. Der geistige Kontakt mit der Masse des Volkes schwindet immer mehr, und zwar in dem Grade, wie die extremen Ansichten des einzelnen Revolutionärs sich entwickeln. Trotzdem ist er fest davon überzeugt, dass er dem Volke dadurch näher kommt, obwohl gerade das Gegenteil der Fall ist. Ein Verständnis für die besondere Psychologie eines Menschen ist schlechterdings unmöglich, solange uns die besondere Atmosphäre seines Wirkungskreises nicht zugänglich ist. Und das war hier im weitesten Umfange der Fall. Der Sinn für eine größere organisatorische Tätigkeit unter den Massen, um sie mit neuen Ideen zu erfüllen und um selbst wieder vom praktischen Leben des Volkes befruchtet zu werden, diese gegenseitige Wechselwirkung, ohne die eine wahre Volksbewegung gar nicht denkbar ist, verliert sich nach und nach vollständig, um allerhand Halluzinationen Platz zu machen,‘ die gewöhnlich mit der Wirklichkeit des Leben auf gespanntestem Fuße stehen. Das ist anders gar nicht möglich, da ja jede breitere Betätigung unter den Massen durch den Ausnahmezustand illusorisch gemacht wird. Der große und befruchtende Gedanke der Massenorganisation, wie ihn die Internationale vertreten hat, gerät allmählich ganz in den Hintergrund. Die Organisation, soweit man ihr überhaupt noch eine Bedeutung zulegt, wird zur kleinen Verschwörergesellschaft, die natürlich nur ein sehr begrenztes Wirkungsgebiet haben kann. In diesem Sinne fasste Reinsdorf die Organisation auf, über die er im Juli 1880 in der Mostschen „Freiheit“ folgende Gedankengänge entwickelt hat:


„Wenn wir betrachten, welchen Ursachen es zuzuschreiben ist, dass gegenwärtig den sozialistischen Arbeitern deutscher Sprache gegenüber von einer kleinen Clique von Reichstagsabgeordneten und Zeitungsschreibern ein Terrorismus ausgeübt wird, der seinen Höhepunkt in der Ausschließung von Hasselmann und Most aus der Partei, in der Verhöhnung der sozialrevolutionären Arbeiter und der Beschimpfung jedes revolutionären Handelns findet, so müssen wir die Ursache dieser betrübenden Erscheinung darauf zurückführen, dass die deutschen Arbeiter durch die Art und Weise ihrer zentralistischen Organisation sich diese Götzen selbst geschaffen haben, welche es nun wagen, als Partei gegenüber jedem individuellen Handeln aufzutreten und ihr päpstliches Anathema gegen jeden zu schleudern, der an ihrer Unfehlbarkeit zweifelt. Die große Lehre, welche die deutschen sozialistischen Arbeiter aus diesen Tatsachen ziehen müssen, ist für die Zukunft, sich ihr individuelles Selbstbestimmungsrecht gegenüber jedem sogenannten Führer zu wahren. Jeder einzelne muss das Recht haben, sein revolutionäres Handeln nach seinem Gutfinden einzurichten; jede unabhängige Gruppe muss das Recht haben, auf ihrem lokalen Boden Gift, Dolch oder Dynamit als Mittel zur Befreiung in Anwendung zu bringen, ohne deshalb als im Dienste der Polizei stehend oder als unzurechnungsfähig erklärt zu werden. Jede Gruppe muss ferner das Recht haben, sich zu verbinden mit einer anderen Gruppe oder mit mehreren zum Zwecke gemeinsamen Handelns, ohne des Zuwiderhandelns gegen die Parteitaktik und anderer unnatürlicher Erfindungen und Wortklaubereien angeklagt zu werden, die bis jetzt nur den Zweck hatten, Privilegien zu schaffen – Freiheit für jeden einzelnen und für jede Gruppe im revolutionären Handeln, Freiheit jeder Gruppe und jedes einzelnen hinsichtlich der Koalition, dadurch Beförderung des initiativen Handelns des Selbstvertrauens auf die Kraft des einzelnen, der Sache zu nützen durch die Tat und was die Hauptsache ist, Befreiung vom Bleigewicht der Bevormundung handlungsunfähiger Führer – das ist das Resultat einer antiautoritären Organisation von revolutionär-sozialistischen Arbeitern.“


In Nummer 39 der „Freiheit“ (1880) kommt Reinsdorf noch einmal auf die Organisation der Anarchisten zu sprechen. Dort heißt es:


„Und wie steht es mit der heutigen Organisation der Anarchisten? Man hört nicht viel von langen Kongressen, Reden und Beschlüssen; ohne der Widerspenstigkeit gegen eine sogenannte Parteidisziplin (das Wort klingt ganz militärisch) angeklagt zu werden, arbeitet jede Gruppe, ja sogar jedes einzelne Mitglied, nach seiner Weise für die Revolution – des solidarischen Einverständnisses aller Genossen sicher, sobald es sich um einen Akt der Propaganda handelt. Aber ein greller Blitz an der Newa, ein jähes Aufleuchten am Dniestr, eine Bauernrevolte in der Romagna, ein bewaffneter Überfall auf Steuerbeamte in den Tälern der Sierra Nevada, eine großartige Demonstration in der Weltstadt an der Seine oder ein Kampf mit der Polizei an den republikanischen Ufern der Aar, das sind so die Lebenszeichen, die sie hier und da von sich hören lassen und die beweisen, dass sie stets ihr Ziel unverrückt im Auge behalten: den Sturz der heutigen Gesellschaft.“


Wie aus diesen Worten hervorgeht, stellte sich Reinsdorf die Organisation fast ausschließlich unter dem Gesichtswinkel der Verschwörung und der terroristischen Aktion vor. Und auf demselben Standpunkt standen fast alle deutschen Anarchisten jener Periode. Sie hatten das ursprüngliche Wesen des Anarchismus überhaupt nicht oder doch nur sehr mangelhaft und oberflächlich kennengelernt und die meisten von ihnen verwechselten eine vorübergehende durch die Umstände bedingte Form der Bewegung mit einem wesentlichen Bestandteil der anarchistischen Propaganda. Dabei passierte es Reinsdorf sehr häufig, dass er sich in rein blanquistischen Gedankengängen[8] verlor und sich von äußerst autoritären Ideen beeinflussen ließ, ohne dass er sich dessen bewusst wurde. So veröffentlichte er zum Beispiel im September 1880 in der „Freiheit“ eine Korrespondenz, in der et die deutschen Arbeiter aufforderte, den „Revolutionären Katechismus“[9] fleißig zu studieren, den er, wie so viele andere, fälschlich Bakunin zuschrieb und der in der Wirklichkeit von S. Netjchajew her rührte. Aber gerade dieses Dokument, das ihn so sehr begeisterte, ist die Abschwörung jedes persönlichen Empfindens, ja der Persönlichkeit überhaupt. Das ging Reinsdorf übrigens nicht allein so. So war das sogenannte „Revolutionäre Exekutivkomitee“ in New York, von dem Johann Most in den 80er Jahren so viel zu reden wusste, das aber sicher mehr in der Einbildung als in der Wirklichkeit existierte, gewiss kein Produkt anarchistischer Gedankengänge. Allein in solchen Perioden allgemeiner Reaktion, wo revolutionäre Bewegungen nur in der Verborgenheit existieren können, sind solche Unklarheiten unvermeidlich. Es ist eine Atmosphäre der Irrungen, er sich keiner gänzlich entziehen kann.

IV.


Ebenso wie die Anarchisten jener Periode die Bedeutung der konspirativen Organisationen sehr überschätzt haben, so maßen sie auch im Laufe der Zeit den revolutionären Akten einzelner eine übertriebene Wichtigkeit bei. Dies ging zuletzt soweit, dass viele von ihnen in der sogenannten „Propaganda der Tat“ den eigentlichen Kernpunkt der Bewegung erblickten. In Perioden hoffnungsloser Reaktion und grausamer Verfolgungen lassen sich die terroristischen Akte einzelner leidenschaftlicher Charaktere wohl verstehen und erklären. Es waren übrigens nicht bloß Anarchisten, die solche Taten in Anwendung brachten, sondern Anhänger aller Richtungen und Parteien ohne Ausnahme. Man kann sogar ruhig behaupten, dass die Anarchisten, verglichen mit den reaktionären Befürwortern des individuellen Terrorismus die reinsten Waisenknaben gewesen sind. Jedenfalls steht das eine sicher, dass solche Akte an und für sich mit dem Anarchismus nichts gemein haben. Als Menschen wie alle anderen haben gewisse Verhältnisse auch bei einzelnen Anarchisten gewisse Taten ausgelöst, ebenso wie dies bei Menschen mit anderen Ideenrichtungen der Fall gewesen ist. Nur die furchtbaren Verfolgungen, denen die Anarchisten in verschiedenen Ländern ausgesetzt waren, geben uns die Erklärung, warum man in den anarchistischen Kreisen jener furchtbaren Periode diese Akte einzelner in ihrer Bedeutung maßlos überschätzt hat.
Die Akte einzelner können einer sozialen Bewegung niemals als Grundlage dienen, ebenso wenig sind sie imstande, ein gesellschaftliches System umzuändern. Sie können einzelne Träger des bestehenden Systems für eine Zeitlang in Schrecken versetzen, aber auf das System selbst haben sie keinerlei Einfluss. Übrigens ist dies auch von Anarchisten nie behauptet worden. Für terroristische Handlungen sind immer nur einzelne veranlagt, und diese Tatsache allein ist der beste Beweis, dass man auf ihnen keine Bewegung aufbauen kann. Gesellschaftliche Veränderungen werden nur durch Bewegungen der Massen in Szene gesetzt. Das haben die Anarchisten der ersten Periode gut verstanden, aus diesem Grunde legten sie den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit auf die Propaganda unter den Massen und suchten sie zusammenzufassen in wirtschaftlichen Verbänden und in sozialen Studiengruppen. Erst als dieser Tätigkeit durch die stets wachsende Reaktion ein Ende bereitet und die anarchistische Bewegung von den Gewalthabern geächtet wurde, entwickelte sich in ihr jene neue Tendenz, von der wir gesprochen haben.
Unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes in Deutschland entwickelte die anarchistische Bewegung eine unterirdische Tätigkeit, die sich jedoch hauptsächlich auf die geheime Verbreitung der im Ausland erschienenen anarchistischen Zeitungen, und Broschürenliteratur begrenzte. Anarchistische Organe, wie die Mostsche „Freiheit“ und der ebenfalls in New York hergestellte „Anarchist“, besonders aber die Londoner „Autonomie“, wurden über die belgische und holländische Grenze geschmuggelt und in Deutschland eingeführt. Die Verbreitung dieser Literatur war mit ungeheuerlichen Opfern verbunden, und die Genossen, die den Schergen in die Hände fielen, wurden fast ausnahmslos mit-Zuchthaus bestraft. Sehr stark war die Bewegung nie, hatte sie doch mit ungeheuren Schwierigkeiten zu kämpfen und nicht bloß alle Verfolgungen der Regierung, sondern dazu noch die maßlosen und gehässigsten Angriffe der sozialdemokratischen Führer über sich ergehen zu lassen, die vor keiner Verleumdung zurückschreckten. So beschuldigte Wilhelm Liebknecht z.B. August Reinsdorf noch im Dienste der Polizei zu stehen, als letzterer schön zum Tode verurteilt war.
Es gab Gruppen in Berlin, Hamburg, Hannover, Halle, Magdeburg, Frankfurt M., Mainz, Mannheim, in verschiedenen Städten am Niederrhein, in Sachsen und Süddeutschland. Die meisten Mitglieder, hauptsächlich in den späteren Jahren des Sozialistengesetzes, waren junge Enthusiasten, die den Anarchismus mehr mit dem Gefühl als mit dem Verstande erfasst hatten. Das war übrigens nicht verwunderlich, da die anarchistische Literatur, soweit sie in Deutsch erschienen war, durchaus keinen Anspruch auf Reichhaltigkeit machen konnte. Außer Bakunins „Gott und der Staat“ gab es in jener Zeit nur ganz vereinzelte Broschüren von Kropotkin, Most, Peukert – damit war die ganze Herrlichkeit so ziemlich zu Ende. Auch darf nicht verschwiegen werden, dass auf uns junge Kerle die grobkörnigen Worte Mosts damals einen größeren Eindruck gemacht haben als die sachlichen Abhandlungen Kropotkins. Psychologisch ist das leicht zu verstehen. In einem Lande, in dem jedes freie und offene Wort verpönt war, mussten selbstverständlich die radikalsten Ausdrücke die größte Wirkung auslösen, mochte auch sonst nicht viel Tiefes dahinterstecken.
Mit dem Falle des Sozialistengesetzes 1890 erfuhr auch die anarchistische Bewegung in Deutschland eine weitgehende Veränderung, die sich allerdings nur allmählich durchsetzte. Die Opposition innerhalb der Sozialdemokratie, die sich schon in den letzten Phasen des Ausnahmegesetzes stark bemerkbar machte, trat nun an die Öffentlichkeit und setzte den alten Parteiführern hart zu. Diese wiederum versuchten die sogenannten „Jungen“ in jeder Weise mundtot zu machen, und als ihnen das nicht gelang, arbeiteten sie ganz offenkundig auf eine Spaltung hin. So kam es, dass die Wortführer der Opposition auf dem Erfurter Parteitage (1891) ausgeschlossen wurden. Sie gründeten nun eine neue Organisation, die „Partei der Unabhängigen Sozialisten“ und schufen sich in dem Berliner „Sozialist“ ihr eigenes Organ.
Diese Ereignisse gaben auch den Anarchisten die Möglichkeit, mit ihren Ideen an die Öffentlichkeit zu treten. Es geschah dies zunächst in Berlin, wo die ersten öffentlichen anarchistischen Versammlungen stattfanden. Zwei Jahre später versuchte man sogar, dem Anarchismus ein eigenes Organ in Deutschland zu schaffen, allein die „Arbeiterzeitung“, die sich „Organ der Anarchisten Deutschlands“ nannte und die im November 1893 in Berlin erscheinen sollte, wurde sofort von der Regierung konfisziert.
Die gesamte Auflage der ersten Nummer, von vereinzelten Exemplaren abgesehen, fiel der Polizei restlos in die Hände. Dafür aber entwickelte sich der „Sozialist“ mehr und mehr in der Richtung zum Anarchismus, bis endlich unter der Redaktion Gustav Landauers eine Spaltung im Lager der Unabhängigen Sozialisten stattfand und die große Mehrheit der Organisation sich für den Anarchismus erklärte. Von damals an wurde auch der „Sozialist“ rein anarchistisch.
Damals, d.h. in der ersten Hälfte der neunziger Jahre, wäre vielleicht die Möglichkeit gegeben gewesen, die verschiedenen anarchistischen Gruppen in Deutschland organisatorisch zusammenzufassen und so die Grundlage zu einer gesunden und lebenskräftigen Bewegung zu schaffen. Bei einem Teil der deutschen Anarchisten bestand tatsächlich diese Absicht. Allein gerade in jener Zeit nahmen die inneren Wehen, welche die junge Bewegung auf Jahre hinaus durchzitterten, ihren Anfang. Eine ganze Flut verschiedenartigster Ideen brach über die neue anarchistische Bewegung herein und führte zu einer heillosen Verwirrung der Geister. Wäre der Bewegung die Möglichkeit gegeben gewesen, sich einige Jahre ungestört in der Öffentlichkeit entwickeln und geistig festigen zu können, so hätten viele der Ideen, mit denen sie damals Bekanntschaft machte, nur dazu beitragen können, ihre geistige Entwicklung zu fördern und zu befruchten. Leider befand sie sich aber nicht in dieser glücklichen Lage. Im Gegenteil, den meisten ihrer damaligen Anhänger fehlte die geistige Reife, die sie allein befähigen konnte, alle die neuen Gedanken, die so plötzlich auf sie einstürmten, selbständig prüfen und kritisch bewerten zu können.
Neunundneunzig Prozent der damaligen Anarchisten in Deutschland hatten von der ursprünglichen anarchistischen Bewegung und ihren Bestrebungen überhaupt keine Ahnung. Durch die Vermittlung der im Aus lande erschienenen anarchistischen Blätter und Broschürenliteratur waren sie oberflächlich bekannt geworden mit einer bestimmten Phase der Bewegung, aber die Verhältnisse, die zu dieser neuen Form der Bewegung geführt hatten, waren ihnen vollständig unbekannt. Diejenigen Genossen, welche noch die unterirdische Periode der Bewegung in Deutschland kennengelernt hatten, waren ausnahmslos Anhänger des kommunistischen Anarchismus. Von einer anderen Richtung wusste man vorher nichts. Im Jahre 1891 erschien John Henry Mackays bekannter Roman „Die Anarchisten“ in Zürich. Das Buch erregte in den anarchistischen Kreisen Deutschlands großes Aufsehen, obwohl die theoretische Basis desselben äußerst schwach und sehr anfechtbar war. Es entstanden endlose Auseinandersetzungen in den Gruppenversammlungen und Diskussionsabenden über die Frage: kommunistischer oder individualistischer Anarchismus, und nicht wenige kamen zu der Überzeugung, dass der sogenannte Individualismus die eigentlichen Ideengänge des Anarchismus in sich verkörpere. Manche folgten Mackay sogar so weit, dass sie der kommunistischen Richtung überhaupt das Recht absprachen, sich anarchistisch zu nennen. Es sind merkwürdigerweise immer die eifrigsten Vertreter der Freiheit, die ihr die engsten Grenzen ziehen wollen.
Ein Jahr später erschien in der Reclamschen „Universalbibliothek“ eine Neuauflage von Stirners Werk „Der Einzige und sein Eigentum“, das fast gänzlich in Vergessenheit geraten war. (Eine zweite Auflage des Buches, die 1882 erschienen ist, fand überhaupt keine nennenswerte Verbreitung und war in anarchistischen Kreisen vollständig unbekannt.) Für die anarchistische Bewegung Deutschlands war das Erscheinen dieses seltsamen Buches ein Ereignis. Die wenigsten hatten natürlich eine Ahnung von der Zeit und den Umständen, in denen Stirners Werk entstanden war. Alle die großen Ideenkämpfe der Periode vor 1848 waren längst vergessen, und so war es nur selbstverständlich, dass viele, die den „Einzigen“ nun mit Heißhunger verschlangen, die scharfen polemischen Ausfälle des Buches überhaupt nicht oder doch nur sehr mangelhaft zu deuten wussten. Das ist leicht zu verstehen, denn von der Literatur, die seitdem entstanden ist und die uns diese entlegene Zeit geistig wieder näherbrachte, existierte in jener Periode noch kaum eine Spur. So ward denn Stirners Werk vielen zu einer neuen Offenbarung, zu einer Art letzten Wahrheit, die nicht mehr Überboten werden konnte. Wie paradox es klingen mag, dieses klassische Werk der Negationen, das wohl in dieser Form in der ganzen Literatur nicht mehr seines gleichen finden dürfte, wurde vielen Anarchisten jener Zeit zu einer neuen Bibel, die man kommentierte und erklärte. Und an Kommentatoren dieser Art fehlte es leider nicht. Es scheint mir die Tragödie aller großen Geister, oder vielleicht des Geistes im allgemeinen zu sein, dass sich just die verbohrtesten Gehirne und seichtesten Schwätzer berufen fühlen, als seine Apostel aufzutreten. Bei Stirner und Nietzsche war dies im übergroßen Maße der Fall, und das haben sie wahrlich nicht verdient. In vielen anarchistischen Gruppen gab es damals solche Stirner Kommentatoren, die stets ihr Sprüchlein von der „Egokratie“, was immer sie darunter verstanden, zum Besten gaben und jede vernünftige Arbeit unmöglich machten. Das heißt in jeder Gruppe konnte natürlich immer nur einer dieser Geister sein Wesen treiben, da er die ganze Zeit für sich brauchte, und wenn zufälligerweise einmal in einem solchen Kreise eine ähnliche Größe auftauchte, so führte das unwiderruflich zur Gründung einer neuen Gruppe.
Diese Leutchen bekämpften prinzipiell jede organisatorische Tätigkeit und blickten mit souveräner Verachtung auf die „große Herde“ herab. Man vergaß sogar, dass Stirner selbst die Organisation bis zu einem gewissen Grade das Wort geredet hatte, als er von seinen „Vereinen der Egoisten“ sprach. Ich habe so manchen dieser „Unentwegten“ kennengelernt, die stets darauf lauerten, ihre banalen Redensarten vom „Herdenvieh“ und vom „Massenidiotismus“ an den Mann bringen zu können, allein die Erfahrung hat mich gelehrt, dass die Mehrzahl dieser sonderbaren Heiligen stets unter dem moralischen Durchschnittsniveau des gewöhnlichen Mannes aus dem Volke stand und dass für die meisten von ihnen das Motto: „Empor zur Masse“ durchaus nicht unangebracht gewesen wäre. Ebenso stand es mit der Autoritätenriecherei dieser Leute. Sie lagen stets auf der Lauer, um irgend eine „Autorität“ in der Bewegung zur Strecke bringen zu können, aber in der Regel waren sie selbst die intolerantesten Menschen, die man sich vorstellen konnte, und von einer rücksichtslosen, geradezu krankhaften Rechthaberei erfüllt, die auf die Dauer jedes Zusammenarbeiten mit ihnen unmöglich machte.
Aber dies waren nicht die einzigen neuen Einwirkungen auf die junge Bewegung, obzwar sie ohne Zweifel den Verhängnis vollsten Einfluss auf ihre damalige Entwicklung ausgeübt haben. Im Jahre 1892 erschien Dr. Benedikt Friedländers übrigens sehr lesenswerte Schrift „Der freiheitliche Sozialismus im Gegensatz zum Staatsknechtstum der Marxisten“, die den damaligen Anarchisten wieder das Lebenswerk Eugen Dührings ins Gedächtnis brachte, der den meisten der Jungen ebenfalls unbekannt war. Dadurch wurden viele Anarchisten dann bewogen, sich dem Studium der Dühringschen Werke zuzuwenden, besonders als die neue Richtung im Jahre 1894 in Berlin ihr eigenes Organ „Der moderne Völkergeist“ herausgab, das ihr gestattete, ihre Ideen intensiver zu propagieren.
Außerdem übte Theodor Hertzkas „Freiland“ Bewegung auf die anarchistische Bewegung jener Zeit einen nicht zu unterschätzenden Einfluss aus. Seine Werke „Freiland“, „Eine Reise nach Freiland“ usw. wurden in den Kreisen der deutschen Anarchisten viel gelesen und im „Sozialist“ häufig besprochen.
Im Jahre 1894 veröffentlichte Dr. Bruno Wille sein Werk „Philosophie der Befreiung durch das reine Mittel“, das ebenfalls zu großen Auseinandersetzungen Veranlassung gab und besonders wieder die Frage der Gewaltanwendung als taktisches Kampfmittel in den Vordergrund stellte, die Wille natürlich prinzipiell verwarf.
Es könnte hier noch von manchen anderen Dingen gesprochen werden, die auf die Entwicklung der anarchistischen Bewegung in Deutschland einen mehr oder minder starken Einfluss ausgeübt haben, allein es genügt, die wichtigsten Strömungen anzuführen. Wir wiederholen noch einmal, dass alle diese neuen Ideen und Bestrebungen, die in jener Periode von allen Seiten auf die junge Bewegung einstürmten, dieser im großen Ganzen nur förderlich hätten sein können, vorausgesetzt, dass sie die nötige Zeit gehabt hätte, sich geistig zu festigen und sich eine bestimmte Grundlage für ihre Tätigkeit zu schaffen. Da dies aber leider nicht der Fall war, so wirkten alle die neuen Einflüsse wie Sprengpulver auf die junge Bewegung und zerklüfteten sie innerlich immer mehr. Die Redaktion des „Sozialist“, die in Gustav Landauer einen glänzenden Vertreter gefunden hatte, gab sich die größte Mühe, die Bewegung innerlich zu klären und zu sammeln; aber diese Arbeit war keine leichte und wurde noch wesentlich erschwert durch die unerhörten Verfolgungen und Polizeischikanen, denen die Bewegung in jener Zeit ausgesetzt war. Die Attentate von Ravachol, Vaillant, Henri, Pallas und anderen, die in Frankreich und Spanien stattfanden, hatten die deutsche Polizei einfach kopfscheu gemacht und sie zu einer wilden Jagd auf Anarchisten inspiriert. Die Verfolgungen prasselten hageldicht auf die Bewegung nieder und richteten sich hauptsächlich gegen die Herausgeber des „Sozialist“, die man unter allen Umständen zur Strecke bringen wollte. In der kurzen Zeit seines Bestehens, d.h. vom November 1891 bis Januar 1895, waren nicht weniger als 17 verantwortliche Redakteure angeklagt und mit der Ausnahme von zweien, die ins Ausland flüchten konnten, verurteilt worden. Als das alles nichts half, vergewaltigte man sogar direkt die Gesetze, um dem verhassten Blatte das Lebenslicht auszublasen, was denn auch endlich gelang.
Die Herausgeber des „Sozialist“ hatten zuerst die Absicht, das Blatt im Auslande weiter erscheinen zu lassen, allein nach einer siebenmonatlichen Unterbrechung gelang es ihnen, die Zeitung doch wieder in Berlin als „Neue Folge“ herauszugeben. Doch die Schreibweise des Blattes war von nun an eine andere. Der neue „Sozialist“ hatte den kecken draufgängerischen Ton seiner ersten Jahre eingebüßt und beschäftigte sich nun fast ausschließlich mit rein theoretischen Auseinandersetzungen, wobei nicht verschwiegen werden soll, dass er auf diesem Gebiete oft vorzügliches geleistet hat. Als Beispiel seien hier nur erwähnt die trefflichen Abhandlungen über den Marxismus und besonders die kritische Analyse, welche die „Materialistische Geschichtsauffassung“ dort erfuhr. Allein die Artikel der Dr. Eugen Heinrich Schmidt, Ladislaus Gumplowicz, Benedikt Friedländer, Bruno Wille, Ommerdorn, Binde usw., wie gut sie an sich immer sein mochten, entsprachen nicht den Bedürfnissen der anarchistischen Arbeiter, die zum großen Teile viel zu ungeschult waren, um den Ideengängen der rein Intellektuellen folgen zu können. So entstand nach und nach eine tiefgehende Missstimmung innerhalb der Berliner Bewegung, die sich allmählich auch auf andere Städte übertrug. Die Herausgeber des „Sozialist“ begriffen selbst, dass in dieser Hinsicht etwas geschehen müsse, um die immer schroffer auftretenden Gegensätze auszugleichen, und so gründete man 1896 den „Armen Konrad“, sozusagen als eine Art populäres Supplement zum „Sozialist“. Die neue Zeitung, die unter der Redaktion A. Weidners erschien, war auch sehr gut gehalten, allein sie war formatlich viel zu klein, als dass sie die Lücke, die sie ausfüllen sollte, auch wirklich hätte aus füllen können. Außerdem waren die inneren Streitigkeiten, welche die Schreibweise des „Sozialist“ verursacht hatten, schon viel zu weit gediehen. Wohl hätte man mit etwas gutem Willen auch dann noch einen vernünftigen Ausgleich schaffen können, welcher der Gesamtbewegung nur zum Nutzen gewesen wäre; allein in Deutschland, wo diese Art Kämpfe von jeher einen gehässigeren Charakter angenommen haben, als anderswo, scheint dies schlechterdings unmöglich zu sein.
So entstand denn 1897 aus dem Kreise der mit der Schreibweise des „Sozialist“ unzufriedenen Elemente ein neues anarchistisches Organ, „Neues Leben“ betitelt. Allein solche Erscheinungen müssen auch noch von einem anderen Gesichtspunkte aus gewertet werden. Ohne Zweifel befanden sich unter den damaligen Anarchisten in Deutschland ein gut Teil Elemente, die man weit eher als verärgerte Sozialdemokraten, denn als wirkliche Anarchisten bezeichnen könnte. Dass für diese Kameraden der „Sozialist“ sich nicht gut als Organ eignete, war leicht zu verstehen. Doch gibt es auch noch eine andere Ursache, die in diesem gegenseitigen Kampfe zwischen Anarchisten und Anarchisten eine Rolle spielte und vielleicht von ausschlaggebender Bedeutung gewesen ist. Ein Teil der anarchistischen Arbeiter fühlte nämlich instinktiv, dass die Stellung, die der „Sozialist“ eingenommen hatte, ihn mehr und mehr von der Arbeiterschaft entfernte, denn ein beträchtlicher Teil seiner Mitarbeiter hatte sich tatsächlich in Ideengängen verloren, die dem wirklichen Leben mit seinen täglichen Kämpfen vollständig weltfremd gegenüberstanden. Man fühlte, wie der innere Kontakt mit der allgemeinen Arbeiterbewegung in die Brüche ging und erkannte darin einen Übelstand, welcher der weiteren Entwicklung der Bewegung nur zum Schaden gereichen konnte.
Solche Dinge empfindet der gewöhnliche Arbeiter in der Regel viel feiner und intensiver als der Intellektuelle, obwohl er nicht immer die Fähigkeit besitzt, seinen Empfindungen den richtigen Ausdruck zu geben. Die Mehrzahl der deutschen Kameraden erstrebten eine anarchistische Arbeiterbewegung und sie erkannten instinktiv, dass eine zu einseitige Betonung rein abstrakter Theorien über die „unbeschränkte Souveränität des Individuums“ und dergleichen, unter denen man sich alles Mögliche und unmögliche vorstellen konnte, der Bewegung unter den Massen den Boden entziehen und sie zur Sekte erstarren lassen müsse. Dieser Beweggrund mag so manchen damals dazu verleitet haben, eine Stellung gegen den „Sozialist“ einzunehmen und andere Wege zu gehen. Dass man dabei einem Manne, wie Gustav Landauer bitteres Unrecht getan hat, ist wohl vom rein menschlichen Standpunkt als auch im Interesse der Bewegung tief bedauerlich gewesen. Ein Blick auf seinen herrlichen „Aufruf zum Sozialismus“ genügt, um zu erkennen, dass gerade Landauer einer der wenigen in Deutschland gewesen ist, die das soziale Wesen des Anarchismus am tiefsten erfasst hatten. Aber ebenso unrecht wäre es, wenn man alles in diesem Kampfe ausschließlich auf persönliche Gehässigkeiten oder geistige Beschränktheit zurückführen wollte, obwohl in dergleichen Kämpfen auch solche Dinge leider niemals auszumerzen sind.
Es war ihr gesunder Sinn, der viele anarchistische Arbeiter dazu trieb, eine wurzelfeste Verbindung des Anarchismus mit der Arbeiterbewegung anzustreben. Vielleicht geschah dies bei vielen mehr instinktiv als bewusst. Man fühlte wohl die innere Notwendigkeit, allein man war sich des Weges nicht klar, den man einschlagen sollte. Die Zwischenperiode „Neues Leben“ war sicher nicht der richtige Weg gewesen, jedoch mag sie bei manchen die innere Klärung beschleunigt haben. Und eine solche Klärung war vor sich gegangen in den Reihen der deutschen Anarchisten, die allerdings stark durch die Vorkommnisse innerhalb der anarchistischen Bewegung des Auslandes in jener Zeit beeinflusst wurde. In Frankreich entwickelte sich die junge syndikalistische Bewegung mit überraschender Schnelligkeit. Viele aktive Anarchisten setzten ihre ganze Energie für die neue Bewegung ein und nahmen Anteil an ihren zahllosen Kämpfen. Der Sinn für eine revolutionäre Massenbewegung hatte sich wieder kräftig emporgerungen, nachdem er in der Periode der Ausnahmegesetze so lange darniedergelegen hatte. Die große Idee des Generalstreiks begann, in den romanischen Ländern die Massen zu ergreifen, und unter dem direkten Einfluss der gewaltigen Arbeiterkämpfe, die in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts Spanien, Italien, Frankreich, die französische Schweiz, Holland, Ungarn und andere Länder durchzitterten, trat auch die anarchistische Bewegung in eine neue Phase ihrer Entwicklung ein, die sie ihren älteren Vorkämpfern wieder näher brachte.
Im Januar 1904 begann in Berlin „Der freie Arbeiter“ zu erscheinen, dessen Herausgeber sich vollständig auf den Boden der revolutionären Massenbewegung stellten und dem Generalstreik und der direkten Aktion das Wort redeten. Ein energischer Versuch in derselben Richtung wurde schon vorher durch Rudolf Lange und einige andere Kameraden gemacht, die zu diesem Zweck den „Anarchist“ herausgaben. Aber in dem Augenblick, in dem man sich auf den Boden der revolutionären Massenbewegung stellte, war auch die Frage der Organisation wieder akut geworden. Tatsächlich war Rudolf Lange stets einer der unentwegtesten Vertreter einer anarchistischen Organisation in größerem Maßstab gewesen und hatte gerade durch sein entschiedenes Eintreten für diesen Gedanken mehr als einmal den Widerspruch eines großen Teiles der deutschen Kameraden hervorgerufen. Als die Mannheimer Konferenz der „Anarchistischen Föderation Deutschlands“ (1907) bestimmte Richtlinien in diesem Sinne ausgearbeitet und angenommen hatte, lösten diese Beschlüsse, wie nicht anders zu erwarten stand, zahlreiche Proteste innerhalb der anarchistischen Bewegung Deutschlands aus, wobei natürlich das alte Schlagwort von der „unbedingten Autonomie des selbstherrlichen Individuums“ keine kleine Rolle spielte.
Dieselben Erscheinungen spielten sich damals in mehr oder minder ähnlicher Form fast überall ab; es handelte sich eben um Fragen, die überall dieselben Wirkungen auslösen mussten. Sehr anschaulich hat der bekannte holländische Anarchist Christian Cornelissen diesen Zustand der Dinge in seiner interessanten Studie „Über die Evolution des Anarchismus) geschildert, in der er seine Meinung in folgender Weise kundgibt:


„In verschiedenen modernen Ländern hat sich der Anarchismus in den Arbeitervereinen praktisch erst Bahn gebrochen als Opposition gegen die zentralisierte und disziplinierte Sozialdemokratie. Und nur zu leicht fiel diese Opposition – wie dies immer bei Oppositionsbewegungen der Fall ist – ins andere Extrem. Neben dem Einfluss der literarischen und künstlerischen Elemente hat dies viel dazu beigetragen, dem Individualismus als Lehre eine gewisse Stütze zu verleihen und selbst hier und da die Desorganisation in die Bewegung hineinzuführen. Besonders im Anfang der neunziger Jahre, zur Zeit, als die sogenannte individuelle Aktion in Frankreich zu verschiedenen Bombenattentaten führte, hat daselbst, wie auch in Italien, Deutschland, Holland, Böhmen[11] usw., die individualistische Kritik zuerst die Form der Organisation, später auch die Organisation als solche angegriffen. In den Gewerkschaften offenbarte sich der individualistische Geist der Desorganisation, indem in den vielfach erst neu gegründeten Vereinen von Anfang an die Frage auf die Tagesordnung kam, ob nicht jede Gewerkschaftsreglementierung, jeder Vorstand den Keim einer neuen Herrschaft mit sich bringe. Nicht zufrieden damit, die Missstände der Organisation zu kritisieren und alle Mittel anzuwenden, um zu verhindern, dass die Vorstandsmitglieder in den Gewerkschaften zu viel Macht in die Hände bekamen, sie, die doch im Prinzip nur die Mandatare der Mitglieder waren, fingen die Individualisten bald an, die Organisation selbst zu bekämpfen, immer träumend von neuen „Tyrannen“ auch da, wo es sich um die Regelung der einfachsten Gewerkschaftssachen handelte. Auch da wurden Worte wie die „Tyrannisierung der Minorität durch die Majorität“ und die „Unterdrückung der individuellen Freiheit“ schablonenmäßig gebraucht. Doch die individualistische Kritik übersah dabei die Gefahr, dass in der Arbeiterorganisation bei völliger Abwesenheit jeder Reglementierung die persönliche Autorität und selbst die Diktatur tatkräftiger Individuen sich desto leichter geltend machen können, gerade wie in der alten Gesellschaft, die man angegriffen hatte. Mehr noch als in den Gewerkschaften fand in der Übergangsperiode, von der wir reden, dieser Individualismus Anklang in den Studien und Agitationsgruppen, die sich direkt den sozialdemokratischen Vereinen gegenüberstellten. Es ist erst wenige Jahre her, dass man in verschiedenen Ländern Probleme diskutierte wie die folgenden: Ob es in den revolutionären Gruppen nicht ein schlimmer Einbruch in die ‚Freiheit des Individuums’ sei abzustimmen und Beschlüsse zu fassen? Ob es wohl erlaubt sei, die Mitglieder dieser Gruppen zu ersuchen, regelmäßig ihre pekuniären Beiträge an die Gruppenkasse abzuführen. Ob man wohl das Recht hätte, in den Gruppen einen Vorsitzenden zu wählen, der nachschaut, wer um das Wort bittet, oder einen Sekretär und besonders auch einen Kassierer, und zwar alle diese verantwortlich vor der Gesamtheit der Mitglieder? Das würden doch wiederum neue „Herrscher“ sein, gerade wie bei der Sozialdemokratie.
Und außerdem, was die Verantwortlichkeit anbetrifft, so wäre das souveräne Individuum nur sich selbst Verantwortung schuldig. – Man glaube nicht, dass dies übertrieben ist. Es handelt sich hier um Phänomene, die sich international hervortaten. Noch auf dem internationalen revolutionären Kongress in London (1896) gab es unter den Anwesenden einen verstockten Stirnerianer, der bei jedem Beschluss, den die anderen abfassen wollten, einwarf: aber ein Beschluss, eine Resolution! Ich will keinen Beschluss, ich komme nicht hierher, um mit anderen zu paktieren. Ich wünsche nur, Ich selbst zu bleiben! Aber damals hatte doch schon die kommunistische Richtung die Oberhand und dem Gegner wurde zugerufen: Das hätten Sie doch auch zu Hause tun können, sich selbst zu bleiben. Sie brauchten nicht hierher zu kommen, um uns damit zu langweilen.“


Ich habe Cornelissen deshalb so ausführlich zitiert, weil er mit seinen Betrachtungen den Nagel auf den Kopf getroffen und die Dinge ebenso miterlebt hat, wie ich selber. Übrigens ist der Geist von Anno dazumal auch heute noch nicht ganz aus der anarchistischen Bewegung Deutschlands verschwunden und spukt noch immer hier und dort in den Köpfen von Leuten, die sich gerne an leeren Worten berauschen und denen es einmal nicht gegeben ist, in das Wesen der Begriffe einzudringen. Solche Menschen kleben stets an den äußeren Formen der Dinge, da sie von einem hoffnungslosen Wortfetischismus befallen sind, der ihnen die Bilder ihrer Einbildungskraft stets als die reale Wirklichkeit vorzaubert. Ich erinnere nur an das Flugblatt, das die Kölner Arbeiterbörse anlässlich des letzten Syndikalistenkongresses in Düsseldorf herauszugeben für gut befunden hat. Dieselbe Autoritätsriecherei, dieselben alten Schlagworte, an denen die Erfahrungen der Zeit spurlos vorübergegangen sind. Nur eins hat sich geändert. Das Blättchen ist unterzeichnet „Der Vorgeschobene“. Das ist tatsächlich etwas Neues. Denn dass es in einer so erlauchten Gesellschaft souveräner Individuen auch „Vorgeschobene“ geben kann, davon hätte man sich früher allerdings nichts träumen lassen. Sonst ist alles Vergangenheit, Gespensterspuk um Mitternacht, der beim Anbruch der ersten Morgenstunde wieder ins Grab versinkt.
Sobald die anarchistische Bewegung sich wieder auf die Aktion der Massen einstellte, wie ihre großen Vorkämpfer in der Zeit der Internationale, musste auch die Frage der Organisation wieder in den Vordergrund treten. Und es war hauptsächlich diese Frage, welche zur Einberufung des Internationalen Anarchistenkongresses in Amsterdam (1907) und zur Gründung der Anarchistischen Internationale führte. Der französische Genosse Dunois eröffnete den Punkt „Anarchismus und Organisation“ mit einem kurzen Referat, in dem er den sozialen Charakter der anarchistischen Idee betonte und erklärte, dass der Anarchismus nicht individualistisch, sondern föderalistisch sei, dass man ihn als den „Föderalismus auf allen Gebieten“ definieren könne. In der Diskussion sprachen sich alle Genossen, mit Ausnahme des holländischen Individualisten Croiset, für die Notwendigkeit der Organisation aus, ganz besonders auch unser alter Kamerad Errico Malatesta, der Zeit seines Lebens ein unermüdlicher Befürworter des Organisationsgedankens gewesen ist.


„Hüten wir uns vor der irrtümlichen Auffassung“, sagte Malatesta, „dass die Abwesenheit jeglicher Organisation eine Garantie für die Freiheit sei. Die nackten Tatsachen beweisen uns das Gegenteil. Dafür nur ein Beispiel: Es gibt in Frankreich anarchistische Zeitschriften, die keiner Organisation unterstellt sind, aber ihre Spalten sind allen verschlossen, deren Ideen, Stil oder Person das Unglück haben, den Herausgebern zu missfallen. In diesem Falle sind also einzelnen Personen viel größere Machtbefugnisse in die Hand gegeben, die Meinungsfreiheit anderer zu beschränken, als dies bei einem Blatte, das von einer Organisation herausgegeben wird, je geschehen könnte. – Man spricht sehr viel von Autorität und von Autoritarismus. Werden wir uns zunächst einmal klar darüber, was darunter zu verstehen ist. Kein Zweifel, gegen die Autorität, die im Staate verkörpert ist, und die nur den Zweck verfolgt, die wirtschaftliche Sklaverei im Schoße der Gesellschaft aufrecht zu erhalten, empören wir uns von der Tiefe unseres Herzens und werden es immer tun. Aber kein Anarchist, ohne Ausnahme, wird einer rein moralischen Autorität, die der Erfahrung, der Intelligenz oder dem Talente ihren Ursprung verdankt, den Respekt versagen. Es ist ein großer Fehler, die Anhänger der Organisation, die Föderalisten, des Autoritarismus zu zeihen, und es ist ein ebenso großer Fehler zu glauben, dass die sogenannten Gegner der Organisation, die Individualisten, sich freiwillig zur Isolierung von allen anderen verurteilen würden. Ich bin der Meinung, dass sich der Streit zwischen den Individualisten und den Anhängern der Organisation lediglich um leere Worte dreht, die vor den praktischen Tatsachen nicht bestehen können. In Italien kommt es oft vor, dass die Individualisten eher organisiert sind, trotz ihrer Verwerfung der Organisation als manche Befürworter der Organisation, die ihre Notwendigkeit betonen, aber sie nie praktisch betätigen. Auch findet man häufig gerade in jenen Gruppen, die stets so lärmvoll von der Freiheit des Individuums sprechen, mehr wirklichen Autoritarismus als in den Vereinigungen, die man gewöhnlich als „autoritär“ verschreit, weil sie einen Vorstand haben und Beschlüsse fassen. – Genug der leeren Worte, wenden wir uns den praktischen Handlungen zu! Worte trennen, die Aktion vereint. Es ist Zeit, dass wir unsere Kräfte organisatorisch zusammenfassen, um einen wirksamen Einfluss auf die sozialen Ereignisse ausüben zu können.“


In diesem Sinne nahm der Kongress mehrere Resolutionen an und schritt zur Gründung eines internationalen Büros, das die Verbindung zwischen den verschiedenen Landesorganisationen vermitteln sollte. Der zweite Kongress der Anarchistischen Internationale, der im Sommer 1914 in London tagen sollte und für den bereits Delegationen aus 21 verschiedenen Ländern Europas und Amerikas angemeldet waren, wurde durch den Ausbruch des Weltkrieges verhindert und die fünf Mitglieder des Büros nach aller Herren Länder verstreut.[12]
Nun liegt der erste Teil einer gigantischen Katastrophe hinter uns, was uns der zweite bringen wird, ist noch nicht vorauszusehen und kann nur in dunklen Umrissen ahnend erfasst werden. Ungeheure Probleme türmen sich vor uns auf und harren ihrer Lösung. Die anarchistische Bewegung aller Länder ist durch den Krieg schwer in Mitleidenschaft gezogen worden und man begreift, dass die Genossen in den verschiedensten Ländern die größten Anstrengungen machen mussten, um die verstreuten Kräfte zu sammeln und wieder aktionsfähig zu machen. Und überall begreift man heute, dass die anarchistische Bewegung einer organisatorischen Grundlage benötigt, wenn sie in den großen Kämpfen, die uns bevorstehen, Bestand haben soll und nicht die Staatssozialisten der einen oder der anderen Richtung die lachenden Erben unserer Tätigkeit und Opferwilligkeit werden sollen. Russland hat uns in dieser Hinsicht ein mahnendes Beispiel gegeben. Dort ist die anarchistische Bewegung, trotz des großen Einflusses, den sie im Volke hatte, und trotz der ungeheuren Opfer, die ihre Anhänger der Sache der Revolution gebracht haben, zuletzt selbst ein Opfer ihrer inneren Zerklüftung und ihrer Organisationslosigkeit geworden. Sie hat den Bolschewisten zur Macht verholfen, die unsere Genossen heute selbst bis zum bitteren Ende zu fühlen bekommen. Und dasselbe wird überall der Fall sein, solange es uns nicht gelingt, uns auf bestimmte Richtlinien zu einigen und unsere Kräfte organisatorisch zusammenzufassen.
In Frankreich haben sich die Kameraden in der „Fédération Anarchiste“ zusammengefunden und entwickeln eine erfreuliche Tätigkeit. In Italien ist die „Unione Anarchista“ heute eine der wichtigsten und einflussreichsten Organisationen in der italienischen Arbeiterbewegung. In Spanien, wo die Anarchisten stets das Schwergewicht ihrer propagandistischen und organisatorischen Tätigkeit auf die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung konzentriert haben, entwickelte sich bald nach dem Kriege die „Confederacion del Trabajo“ mit ungeahnter Kraft, bis sie nach einer ganzen Reihe gewaltiger Kämpfe durch die furchtbare Reaktion, die seit den letzten zwei Jahren wiederum das Land beherrscht, sozusagen aus der Öffentlichkeit gedrängt, aber trotzdem nicht niedergerungen werden konnte, ungeachtet der grausamen Verfolgungen, die sie zu erdulden hatte und noch zu erdulden hat. Nur durch ihre unermüdliche organisatorische Tätigkeit waren unsere spanischen Genossen imstande, diesem ungeheuren Anprall der Reaktion Stand zu halten und ihre Existenz als Bewegung zu behaupten. Aber auch in Portugal und in den Republiken Südamerikas, wo die Bewegung der spanischen nahe verwandt ist, haben unsere Kameraden auf organisatorischem Gebiet Bedeutendes geleistet, das zu den besten Hoffnungen für die Zukunft berechtigt.
In Deutschland endlich hat der Anarchismus seit der Revolution[13] (1918) einen festen Boden bekommen durch die starke Entwicklung der anarcho-syndikalistischen Bewegung, die alle Elemente einer anarchistischen Arbeiterbewegung in sich verkörpert. Nach meinem Ermessen ist dies die bedeutsamste Erscheinung in der gesamten Entwicklungsgeschichte des Anarchismus in Deutschland, die gerade von dem Teile der deutschen Genossen, die prinzipiell auf dem Boden der Arbeiterbewegung und der Organisation stehen, nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Wer die ganze Tragweite dieser Entwicklung zu würdigen versteht, der wird auch begreifen, dass gerade diejenigen Genossen, die in der Bewegung keine Jünglinge mehr sind, ein ganz besonderes Interesse daran nehmen sollten, diese Bewegung nach besten Kräften zu fördern, denn ein langsames Zersplittern derselben, wie wir es heute in den meisten linksstehenden Organisationen beobachten können, wäre in derselben Zeit auch der Zusammenbruch der anarchistischen Bewegung, von dem sie sich in absehbarer Zeit nicht mehr erholen würde.

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Man missverstehe uns nicht. Wenn wir hier der Organisation so energisch das Wort geredet haben, so wollen wir damit durchaus nicht behaupten, dass sie ein Allheilmittel für alle Gebrechen sei. Wir wissen sehr gut, dass es in erster Linie auf den Geist ankommt, der eine Bewegung beseelt und inspiriert. Wenn dieser Geist nicht vorhanden ist, so hilft auch keine Organisation mehr. Man kann Tote nicht lebendig machen, indem man sie „organisiert“. Was wir behaupten, ist, dass dort, wo der Geist wirklich existiert und wo die nötigen Kräfte vorhanden sind, ein organisatorisches Zusammenfassen der Kräfte auf föderativer Grundlage das beste Mittel ist, um die größten Resultate zu erzielen. Innerhalb der Organisation findet sich für diese Kraft ein Betätigungsfeld. Gerade dieses enge Zusammenwirken der einzelnen für eine gemeinsame Sache ist ein gewaltiges Mittel zur Hebung der sittlichen Kraft und des Solidaritätsbewusstseins der einzelnen Mitglieder. Es ist absolut falsch zu behaupten, dass in der Organisation das Persönlichkeitsgefühl und die Individualität verkümmern müssten. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Im steten Kontakt mit ihresgleichen kommen die besten Qualitäten der Persönlichkeit erst richtig zur Entfaltung. Wenn man unter Individualismus nichts anderes versteht als die stete. Beweihräucherung des eigenen Ichs und die lächerliche Furcht, die da glaubt, in jeder engeren Berührung mit anderen Menschen eine Gefahr für die eigene Person wittern zu müssen, so vergisst man, dass gerade darin das stärkste Hindernis für die Entwicklung der Individualität besteht. Je enger ein Mensch mit seinen Mitmenschen verbunden ist, je tiefer er ihre Freuden und Schmerzen mitempfindet, desto reicher ist sein Persönlichkeitsgefühl, desto größer seine Individualität. Ja, man kann ruhig sagen, dass sich das Persönlichkeitsgefühl des Menschen direkt aus seinem sozialen Empfinden heraus entwickelt.
Aus diesem Grunde ist der Anarchismus kein Gegner der Organisation, sondern ihr wärmster Befürworter, vorausgesetzt, dass es sich um die natürliche Organisation von unten nach oben handelt, die aus den gemeinschaftlichen Beziehungen der Menschen untereinander herauswächst und im föderativen Zusammenwirken der Kräfte ihren Ausdruck findet. Und aus demselben Grunde bekämpft er jede den Menschen von oben her aufgezwungene Schablonisierung dieses Zusammenwirkens, weil sie die natürlichen Beziehungen der Menschen, die Grundlage jeder wirklichen Organisation, zerstört und den einzelnen zum automatischen Teil einer großen Maschine macht, die von Privilegierten in Gang gesetzt wird und für bestimmte Sonderinteressen arbeitet.
Man kann mit Malatesta das Schwergewicht auf die Organisation der anarchistischen Gruppen und den föderativen Zusammenschluss derselben legen oder mit Kropotkin der Meinung sein, dass die Anarchisten ihre kleinen Gruppen zwar beibehalten, im Übrigen aber das Schwergewicht ihrer Tätigkeit in die gewerkschaftlichen Organisationen legen sollen. Man kann sogar mit James Guillaume, dem tapferen Mitkämpfer Bakunins, den Standpunkt vertreten, dass man von besonderen anarchistischen Organisationen überhaupt absehen und ausschließlich in den revolutionären Gewerkschaften für die Entwicklung und Vertiefung des freiheitlichen Sozialismus arbeiten solle. Das sind Wertungsverschiedenheiten, über die sich diskutieren lässt. Aber in allen Fällen bleibt die Notwendigkeit der Organisation bestehen.
Und gerade in der heutigen gewitterschwangeren Zeit ist diese Notwendigkeit dringender geboten denn je zuvor. Klaffender enthüllen sich die gesellschaftlichen Gegensätze in allen Ländern. Und noch immer sind ungeheure Massen der Arbeiterschaft von dem Wahn beherrscht, dass eine Ergreifung der Staatsgewalt durch das Proletariat allein imstande sei, das soziale Problem zu lösen. Sogar der furchtbare Zusammenbruch im Osten[14] konnte die meisten nicht von diesem Glauben heilen. Es ist unsinnig zu denken, dass der Staatssozialismus seine unheimliche Macht über die Massen eingebüßt habe. Das Gegenteil ist der Fall. Und gerade darum gilt es heute mehr denn je, dem Geiste der allgemeinen Knechtseligkeit das Ideal der Freiheit und des Sozialismus entgegenzustellen. Kampf, unerbittlicher Kampf allen Mächtigen der Tyrannei, allen Götzendienern der Macht und des Besitzes, unter welcher Maske sie sich auch verbergen sollten. Das Schicksal unserer nächsten Zukunft liegt in den Waagschalen der Geschichte. Deshalb gilt es, alle Kräfte zum großen Bund zusammenzuschließen, um einer freien Zukunft die Tore zu öffnen.

[1] Proudhon gebraucht hier das Wort Anarchie in dem landläufigen Sinne als Chaos, Unordnung.

[2] Amoralisten oder Immoralisten (Nietzsche).

[3] Romanische Länder: Länder mit lateinischen Sprachen, also Länder wie Frankreich, Portugal, Spanien, Italien.

[4] “Das Prinzip der Föderation usw.” und “Über die politische Kapazität der Arbeiterklasse”.

[5] Internationale Arbeiterassoziation (IAA): Auch als Internationale oder Erste Internationale bekannt. Nach der Spaltung der sozialistischen Bewegung in einen autoritären und antiautoritären Flügel folgten später mehrere neue Internationalen.

[6] Jura Föderation: Eine antiautoritäre und anarchistische Abteilung der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) aus dem Jura in der Westschweiz. Die Juraföderation wurde am 9. Oktober 1870 in Saint-Imier während eines Treffens der örtlichen IAA-Sektionen gegründet. Zusammen mit anderen anarchistischen Sektionen wurden sie nach dem Haager Kongress 1872 aus der Internationale ausgeschlossen.

[7] Neukaledonien: Einige tausend Rebellen wurden nach der legendären Kommune von Paris (Mai 1871) zur Strafe ans andere Ende der Welt verbannt. Neukaledonien, ein Archipel von Inseln im Südpazifik, war seit etwa zwanzig Jahren eine Strafkolonie.

[8] Blaquismus: Revolutionäre Ideologie basierend auf den Ideen von Louis Auguste Blanqui. Er glaubte nicht so sehr an die Arbeiterbewegung oder die Macht der Arbeiterklasse, sondern war in der Tat für die Revolution. Diese Revolution musste von einer kleinen Gruppe durchgeführt werden, die dann eine vorübergehende diktatorische Regierung einrichtete. Diese Übergangszeit der Tyrannei sollte die Grundlage einer neuen Ordnung bilden. Diese Ideen würden später einen großen Einfluss auf die revolutionären Ideen von Wladimir Lenin haben.

[9] Revolutionärer Katechismus: Ein in anarchistischen Kreisen höchst kontrovers diskutierter Text von Sergey Netchaev, der der Nihilistischen Bewegung nahestand und für sein entschlossenes Streben nach Revolution unter Einsatz aller notwendigen Mittel, einschließlich politischer Gewalt, bekannt ist.

[10] Sozialistisches Gesetz: Ein antisozialistisches Gesetz, das während des deutschen Reiches in Kraft war. Damit sollte die Macht der Sozialdemokraten (Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, SAP) gebrochen werden. Versammlungen und schriftliche Äußerungen mit sozialdemokratischen Ideen waren verboten.

[11] Böhmen: (Tschechisch: Čechy, Deutsch: Böhmen) ist eine historische Region im Westen der heutigen Tschechischen Republik.

[12] Diese Ansicht vertrat auch der dritte Kongress (1922), auf dem Rocker diese Rede vortrug. (Siehe B. de Ligt, Anarchisme en Revolutie; Hollandia-Drucker, Baarn). Vert.

[13] Am Ende des Ersten Weltkriegs fanden an verschiedenen Orten in Deutschland Aufstände von Soldaten und Arbeitern statt. Kaiser Wilhelm wurde schließlich abgesetzt. Obwohl Libertäre und Linke Radikale versuchten, eine Revolution auszulösen, wurde dieser Aufstand von den Sozialdemokraten, die gerade ihr Amt angetreten hatten, brutal niedergeschlagen.

[14] Der Niedergang des libertären Geistes und der Sieg des Autoritarismus der Sowjetunion.