«Schwarzer Terror», «Periode der Attentate», «anarchistischer Terrorismus». So wurden die 1890er Jahre, um genau zu sein, die Jahre von 1891 bis 1894, bezeichnet. Die Aneinanderreihung, in der sich das Bombenspiel eines Ravachols gegen Richter und Rechtsanwälte richtete und die Klinge Caserios einen Präsidenten tötete. Während das Café explodierte, in dem der Kellner arbeitete, der Ravachol verriet, warf Vaillant mit seinen Nagelbomben nach Abgeordneten; wurde, statt der Büros der Minen von Carmaux, das Kommissariat an der rue des Bons Enfants (bis zur Decke) verwüstet; stach Léauthier den serbischen Minister ab und schlug Émile Henry wild in die Menge eines edlen Cafés. Weitere Äusserungen der Propaganda der Tat drückten sich vor und nach dieser wohl bekannten Periode aus. Doch diese Jahre wurden oft, auf besonders spektakuläre und inszenierte Weise, auf die explosiven Aktionen reduziert. Sowohl bei den orthodoxen Anarchisten, als auch in den Geschichtsbüchern, ist man wohl verpflichtet, diese schmerzhafte Vergangenheit nochmals in Erinnerung zu rufen, die doch einige gute Witze und kühne Lieder hervorgebracht hatte. Auch wenn sie ein Dorn im Auge ist, dem man sich gerne entledigen würde, den man vergessen und vergessen machen will. Einige bevorzugen es sogar, immer aus der Defensive, stetig zu wiederholen, dass diese Jahre ein totales Fiasko waren, wenn nicht etwas Auszuklammerndes – nichts angesichts dem, was Anarchie wirklich ist – oder behandeln es sogar als ein nützliches Übel, das dabei half die Bewegung in Richtung konstruktiverer und weniger explosiven Methoden voranzubringen.


Das letzte Buch über das Thema, eine Biographie, die bei ‘Editions Libertaires‘ erschien – Émile Henry, de la propagande par le fait au terrorisme anarchiste[1] – stellt sich noch immer in die selbe Linie, ohne sich der offiziellen Analyse gross entgegenzustellen. Auch wenn der Autor für einmal den politische Anspruch des Individuums nicht negieren wollte, machte er ihn doch zu einem separaten Wesen – Bourgeois und Marginalisierter – und behauptet, seine Tat würde einen Wendepunkt markieren: Den Tod der Propaganda der Tat, die zum «Terrorismus» wurde, und die Entwicklung des Anarchismus entgegen anderen, gesünderen Aktionsformen (wie dem Syndikalismus). Allein schon die Erscheinung des Buches, die Rückseite betrachtend, nimmt warnende Allüren an: «Eine Geschichte, die in Zeiten sozialer Hoffnungslosigkeit, in denen wir uns heute befinden, leider wieder aufs neue an Aktualität gewinnen kann». Während einige dem vorbeugen oder sich Sorgen machen, haben andere dieser Warnung schon geantwortet: Mit dem Fichieren und Einsperren von heutigen Anarchisten, aufgrund irgendwelcher «Intentionen», eines unterbrochenen Versuches, ein Polizeiauto in Brand zu stecken oder Angehöriger einer sogenannten «kriminellen Vereinigung» zu sein. So findet man die Redensart und Dispositionen wieder, die 1893 eingesetzt wurden, um die Angriffe zu hemmen und zu stoppen, die mit Messerstichen, Bomben und Diebstählen gegen die Bourgeoisie geführt wurden. Andere Zeiten, andere Praktiken, andere Sitten…

Trotzallem besteht das Buch aus vielen Elementen. Eine sehr sorgfältige Recherche. Bis auf die Tatsache, dass man durch das Wiederverwenden vieler Passagen eine ganz andere Position hätte einnehmen können. Denn problematisch sind vorallem die konformistischen Voraussetzungen und eine geradlinige Interpretation, die nicht vom festgestampften Pfad abweicht. So gebraucht er zum Beispiel sehr oft gewisse Begriffe der Macht und recherchiert hauptsächlich in Archiven der Polizei. Natürlich ist es oft schwierig bei diesem Thema Zugang zu anderen, gleich fruchtbaren Quellen zu finden. Doch man könnte durch das Auflisten verschiedener Elemente, denen man verschiedene Gewichtung verleiht, eine andere Interpretation vorschlagen… Die Propaganda der Tat reduzierte sich nicht auf die marmites à renversement[2], und die Relevanz liegt vorallem in der Gesamtheit der Praktiken. Andererseits bekommt sie all ihre Bedeutung durch den Kontext und einen historischen Moment, den man tendenziell vernachlässigt; benebelt durch die Tat, die dann viel von ihrer Bedeutung verliert. Die 1890er Jahre waren der Moment der Wiederauflebung einer Arbeiterbewegung, die schwer angeschlagen war durch die Massaker, die Verurteilungen und die Verbannungen nach der Kommune. Es fand eine Erneuerung der Konflikte und Kämpfe statt. Eine Epoche, eine Atmosphäre, die um einiges interessanter war, als es die weitverbreiteten Biographien, das Wiederaufkommen der Diskurse, die die Klassenpositionen untergraben und die in den Vordergrund gestellte, ach so heilige öffentliche Meinung, die nach belieben zu interpretieren ist, erscheinen lassen.

Émile Henry, eine bourgeoise Vergangenheit, eine Familie von Revoltierenden

« Aber die Erzieher der aktuellen Generation vergessen nur eines allzu häufig, nämlich dass das Leben mit seinen Kämpfen und Bitternissen, mit seinen Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten selbst dafür sorgt, ganz unbemerkt, den Unwissenden die Augen zu öffnen, sie sehend zu machen für die Realitäten.»

(Deklaration von Émile Henry bei seinem Prozess)

Walter Badier wunderte sich, dass noch keine einzige Biographie über Émile Henry geschrieben wurde. Dies geschah nun mit seinem Werk. Um sich ein Bild zu machen: Er unterscheidet sich von anderen und stellt sich jenseits der üblichen romanesken Unterstellungen – Wahnsinn, verliebte Verzweiflung, Mystizismus. Er negiert den politischen Aspekt der Personen nicht. Doch eine Sache betrübt ihn trotz allem: «Mit seinen intelektuellen Fähigkeiten hätte er der anarchistischen Sache wahrscheinlich andersweitig dienen können.» Er kann es nicht lassen, ein nicht weniger gewöhnliches und reduziertes Bild zu kreieren: Bourgeois, Marginalisierter, Terrorist… Das selbe Lied, die selben kastrierenden Bilder, wie man sie schon unzählige Male in den Gerichtssälen und Polizeibüros vernahm. Badier täuscht immer wieder Verwunderung vor, angesichts jeglicher revoltierenden Handlung. «Ein Redakteur von ‘Journal des Débats‘ schilderte am 14. Februar 1894 seinen Lesern, dass er nichts kenne, dass “so fremd und mysteriös sei wie das, was in der Seele des jungen Henry die Entwicklung seines anarchistischen Bewusstseins hervorbrachte. Wie ist dieser junge Bourgeois zum Anarchisten geworden?”» fragen sich der Staatsanwalt und Badier im Chor. Als ob die Welt, so wie sie ist und so wie sie uns umgibt, nicht schon allen Grund bietet zu revoltieren. Wieso in den persönlichen Geschichten suchen, in der familiären Umgebung, den Brüchen, den Abweichungen und Fehltritten?

Und falls man wirklich in seiner Kindheit und seiner Familie herumschnüffeln muss, dann verschwindet die Überraschung von selbst. «Bei diesen Menschen gibt es ein aussergewöhnliches Gefühl von Revolte; sie kamen von den alten Kamisarden, der Vater war bei der Kommune. Sie sind anarchistischer als die Anarchie oder royalistischer als der König unter der Monarchie. Jederzeit in der Opposition und in der Revolte.»[3] Émile Henry wurde 1872 in Spanien geboren, wohin sein Vater flüchtete, der ein Revolutionär aus 1848 war und als Kommunarde zum Tode verurteilt wurde. Seine letzte Arbeit als Bildhauer unter dem zweiten Kaiserreich ermöglichte ihm mehr oder weniger gute Geschäfte beim Abbau von Gold-, Silber- und Kohleminen in Spanien. Er starb 1882 an einer Vergiftung durch Quecksilberdampf, also zwei Jahre nach der Amnestie und seiner Rückkehr nach Frankreich. Seine Mutter kam mehr schlecht als recht mit ihren Kindern durch. Sie übernahm ein Haus der Familie und errichtete da einen Getränkeladen, der von den Terrassenarbeitern oft besucht wurde. Émile ging weiterhin kostenlos zur Schule als «Mündel der Stadt Paris». Er machte mit dem Geld und verschiedener Hilfe der übrigen Familienmitglieder seinen Abschluss, und wurde an die polytechnische Schule geladen, um ein brillianter und anerkannter Ingenieur zu werden.

Zu diesem Zeitpunkt gibt es keine Ähnlichkeiten mit dem Vagabundendasein eines Auguste Vaillant oder dem Einbrecherleben Ravachols, die sich beide meistens fast ohne Geld durchschlugen. Doch Émile Henry ignorierte die vorherrschenden Verhältnisse der Proletarier nicht und wandte sich von dem vornehmen Schicksal eines korrekten Bourgeois ab. 1889 weigerte er sich an der Aufnahmeprüfung der polytechnischen Schule teilzunehmen, vor allem aus anti-militaristischen Gründen. Er entschied sich, mit einem seiner Cousins zusammenzuarbeiten. «Für diesen jungen Mann, “völlig neu in seinem Leben”, der immer in einer geschützten Umgebung gelebt hatte, die günstig für seine Entfaltung war, erweckte die Entdeckung der sozialen Realität ein tiefgreifendens Gefühl der Revolte. Ausgehend von einer gefühlsmässigen Enttäuschung bis zur Desillusion über die Gesellschaft, setzt sich der junge Émile allmälich an den Rand des “traditionellen” sozialen Lebens.» Manche haben weniger kurze Erinnerungen, Leiden und Wut als andere: Die Verbrechen der Kommune, Exil oder Tod, Ausbeutung und Vergiftung, machten bereits Teil seines kurzen Lebens aus…

«Du, die du mich kennst, du könntest ihnen sagen, dass die Kriminellen diejenigen sind, die den Menschen mit Herzen das Leben verunmöglichen, diejenigen, die diese soziale Ordnung, wo jeder leidet, unterstützen; du könntest ihnen sagen, dass es nicht jene sind, die aufgrund ihrer Würde ihre Rolle in dieser Gesellschaft verweigern, die sich auf die Seite des Volkes stellen, ein Teil des Volkes sind, und sich vollständig dessen Emanzipation hingeben.»

(Brief von Émile Henry an seine Mutter aus der Consiergerie [Bereich für Inhaftierte im Pariser ‘Palais de la Cité‘] 19. Februar 1894)

Für die Leute bleibt das Schwierigste zu verstehen, wieso er, zu einer solch ruhmreichen und geruhsamen Karriere berufen, endlich angestellt an einem stabilen Posten, das Elend und die Galeere wählte – «die Marginalität» –, seine Anstellung hinschmiss und seinen Militärdienst – «ein bürgerlicher Akt par excellence» – verweigerte. Dem anfügend, folgt ein bisschen Psychologie der unteren Etage – «schwierige Integrierung in die Gesellschaft», «Hypersensibles und idealistisches Wesen», «fast völliger Verlust von Anhaltspunkten», «Situation von Anomie», und der Fall ist abgeschlossen. «Es liegt an dieser sehr besonderen psychologischen Veranlagung, die natürlich einen günstigen Boden für die Beteiligung in einer radikalen Bewegung bietet, dass Émile Henry mit den Libertären zusammentraf.» Marginalisierung, soziale Verzweiflung, und man entdeckt die alte Leier wieder, die ein Leben erklärt, begründet und umrahmt, um es als etwas «abgetrenntes» darzustellen, während es dem von vielen anderen gleicht.

Badier setzt Émile Henry ausserhalb der Welt, ausserhalb des Gewöhnlichen, als ob er nichts mit anderen zu tun hätte, ausser mit anderen Anarchisten. Er wendet diese Vorstellung weitgehend auf die gesamte anarchistische Bewegung in den Jahren 1880-1890 an: «Isolierung (…) seit dem Ausschluss aus der Internationale 1872 », «isoliert und abgeschlossen von dem Rest der Gesellschaft», «auf der Suche nach effizienten Handlungsmöglichkeiten und vorallem nach einer wirklichen Identität». So legt er nochmals den Übergang zu gewaltätigeren Aktionen dar: «Einmal die Hoffnung aufgegeben, sich unter dem selben Banner zu sammeln, nämlich dem der Internationalen, der gesamten Arbeiterklasse, widmeten sich die Anarchisten den aufständischen und illegalen Aktionen, auf Kosten des Arbeiterkampfes und seiner Forderungen.» Eine stark bestreitbare Vorstellung, da die Anarchisten in keiner anderen Epoche so stark Anteil nahmen und sich mit dem kämpfenden Arbeitermillieue vermischten, woraus sie sehr oft hervorkamen und die derzeit an Stärke gewann. Manche führten gleichzeitig und gemeinsam aufständische und illegale Aktionen sowie den Arbeiterkampf, worin der Grossteil seine ersten Waffen schmiedete. Dies während die Sozialisten – der andere Pfeiler der revolutionären Bewegung dieser Epoche – sich immer mehr dem Parlamentarismus zuwendeten. Kurzum, das Isolieren und Eingrenzen eines Individuums oder einer «Bewegung» ist stets das beste Mittel, um die Kämpfe und die Revolten einer Epoche herunterzuspielen.

Émile Henry, nach Badier: Ein Bourgeois sowie auch ein Marginalisierter, doch schlussendlich ein Terrorist. Eine Figur, die heute noch mehr als gestern differenziert, isoliert und aufschreckt. Ein Wort, das der Autor ausgiebig benützt, sogar in seinem Titel, ohne nur einmal nach dem vergangenen oder aktuellen Sinn des Wortes und was sein Gebrauch impliziert, zu suchen. Nun, «das Wort “Terrorismus”, das keinerlei Bezug mehr zu seinem ursprünglichen Sinn hat und nur angewendet wird, um die politische Gewalt des Anderen herabzuwürdigen, wird gerne von der Polizei gebraucht, um verschiedenste Handlungen über einen Kamm zu scheren.»[3] Der übermässige Gebrauch in diesem Buch ist daher besonders ärgerlich. Auch wenn zur Zeit Émile Henry‘s und seinen Komparsen, ein Terrorist derjenige war, der den Terror als Mittel benutzte, um seine Ziele zu erreichen. Doch es ist offensichtlich, dass es die Bourgeoisie war, die terrorisiert wurde. Eine wichtige Nuance, die die Bourgeoisie, ihre Regierung und ihre Presse stets zu verhüllen versuchten und vergessen machen wollten. Um das Bild des Anarchisten oder des Terroristen zu prägen, als impulsiv, neurotisch und bereit alles zu zerstören und ohne Unterscheidung alles und jeden anzugreifen.

In die Menge schlagen… der Bourgeoisie

«Ich wollte der Bourgeoisie zeigen, dass ihre Vergnügen nicht länger vollkommen sein würden, dass ihre unverschämten Triumphe gestört werden sollen, dass ihr goldenes Kalb auf seinem Sockel schwankt, bis es der letzte Stoss definitiv in Dreck und Blut herabwerfen würde. (…) Und die unschuldigen Opfer? (…) Das Haus in dem sich die Geschäftsräume der “Compagnie de Carmaux” befand, war nur von Bourgeois bewohnt. Es würde also keine unschuldigen Opfer geben. Die Bourgeoisie in ihrer Gesamtheit lebt von der Ausbeutung, so soll sie auch in ihrer Gesamtheit ihre Verbrechen sühnen. (…) Die guten Bourgeois, die ohne ein Amt zu bekleiden, dennoch die Coupons ihrer Verpflichtungen erhalten, die müssig von den Vorteilen der Produkte der Arbeiter leben, auch die müssen ihren Anteil Strafe erhalten.»

(Deklaration von Émile Henry bei seinem Prozess)

Die Tat von Émile Henry markiert eine Wende in der propagandistischen Praxis dieser Jahre, doch ist der Grund dafür nicht in seiner Vergangenheit, seinem Charakter oder einer «terroristisch» gewordenen Handlung zu suchen. Durch sein Ziel und seine Absichten schlug er eine Bresche, in die sich seine Feinde stürzten, in die sich auch Badier stürzte.«Émile Henry nahm nicht diese oder jene symbolische Persönlichkeit der Institutionen oder Machtinhaber als Zielscheibe, sondern das Volk in seiner Gesamtheit.» Schon vor der Inhaftierung von Émile musste man sich vor dem beschworenen Gespenst der Anarchisten fürchten. «Die Regierung behandelte das Volk, wie gewisse Eltern ihre Kinder behandeln, sie regen Angst vor irgendeinem imaginären Monster an, um sie ruhig zu halten.»[4] Bei ihm geht man einen Schritt weiter: Das ist ein Bourgeois, ein Intellektueller, und er stürzt sich auf egal wen. Er will «in die Menge schlagen» ungeachtet «unschuldiger Opfer». Badier geht noch weiter, Émile Henry leugne «die Existenz eines sozialen Antagonismus» um «die Gesamtheit der Gesellschaft ohne die geringste Unterscheidung» anzugreifen. Einen sozialen Antagonismus, den man auf den restlichen Seiten des Buches schnell wieder vergass. Und wenn man Henry‘s Deklaration von seinem Prozess nochmals liest, zeigt sich sehr deutlich, dass es ihm darum ging, in eine Menge von Bourgeois zu schlagen.

«Sie empfinden Verachtung für das menschliche Leben.» «Nein, für das Leben der Bourgeois», erwidert er seinen Richtern. Die Unterscheidung mag einfach und leichtfertig erscheinen, nun, da der Klassenunterschied täglich verwirrter erscheint. Das war weniger so, als der soziale Krieg in vollem Gange war, sich deutlicher ausdrückte, als Antagonismen markanter und physischer waren. Nicht, dass Ausbeutung und Herrschaft heute nicht mehr töten, doch auf eine maskiertere und gleichzeitig kaum verdeckte Weise. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts konnte die Armee in eine Masse von Streikenden schiessen und etwa zwanzig Tote verursachen. Anderswo töteten andere Streikende einen Ingenieur, indem sie ihn aus dem Fenster stiessen. Badier erinnert an all das, mit Betonung auf «ein tiefes soziales und politisches Unbehagen der Epoche» oder «die schwierige Lehre der Demokratie, das Problem der Glaubwürdigkeit, unter dem schon die Republik leidete, sowie die Verzweiflung und die Resignation eines Teils der Bevölkerung »

Die Bourgeoisie, die Henry anfällt, ob mit oder ohne Funktion, mit oder ohne Uniform, ist verantwortlich für die blutigen Tage der Kommune oder die tödlichen Repressionen gegen die letzten Streiks, so wie damals in Fourmies[5] (bei einer Demonstration von Streikenden erschoss das Militär neun Personen und verletzte mindestens 35.). Sie lebt in Wohlstand, während sich andere zu Tode arbeiten und im Elend sterben. Nun griff sie die Anarchisten an, alle Anarchisten ohne Unterschied, um sie wegzuschliessen, zu isolieren, zu verbannen. Die simple Sache, beim Verlassen einer Bar etwas angetrunken «Es lebe die Anarchie» zu rufen, wurde von nun an zu einem Akt mit schweren Konsequenzen, während ein paar Monate früher, das Innenministerium angestrengt versuchte, Fortuné Henry, den Bruder von Émile, aufgrund einer Veranstaltungsreihe zur Verteidigung von Ravachol und «der Explosionen, des Rechts zu stehlen, des Rechts zu töten» festzunehmen. Die Liste der von der Polizei überwachten Anarchisten weitet sich aus, um die Ohnmacht zu vertuschen, jeglicher individuellen Handlung zuvor zu kommen. Am 1. Januar 1894, nach der Bombe von Vaillant und vor derjenigen von Henry, führte die Polizei 552 Hausdurchsuchungen in ganz Frankreich durch, gefolgt von 117 Verhaftungen. Das selbe in den Monaten Februar und Juli. Das Parlament wählte gleichzeitig sehr schnell die berühmten «lois scélérates»[6] Für Émile Henry stellt sich nicht mehr die Frage nach weiteren symbolischen Zielen, die Bourgeoisie in ihrer Gesamtheit muss nun angegriffen werden.

Trotzdem, es zeigt sich klar, dass die Version, die fortdauert, die eines wenig gezielten Angriffs, eines Angriffs auf die schwache Masse von Wählern ist. Das Ziel bringt einen zu Überlegungen wie: Ein musikalisches Café überfüllt mit Bourgeois ist kein Parlament, kein Haus eines Bourgeois und auch kein Kommissariat. Émile selbst wagt sich an riskante Überlegungen gegenüber den Angestellten, die, sowie die Bourgeoisie, ihren Teil der Repressalien verdienen würden: «All jene die mit der gegenwärtigen Ordnung zufrieden sind, die das Vorgehen der Regierung billigen, es befürworten und sich zu ihrem Komplizen machen, diese Angestellten mit 300-500 F im Monat, die das Volk noch mehr hassen als die dicken Bourgeois. Diese dumme und ehrgeizige Masse, die sich immer an der Seite des Stärksten sammelt, Durchschnittsgäste im Terminus und anderen grossen Cafés». Und er fügt an: «Deshalb habe ich in die Menge geschlagen, ohne meine Opfer vorher auszuwählen» Er fügt seinem Klassenhass nur jenen auf eine träge Masse hinzu, mit welcher alles möglich wäre, wenn sie sich nur der Gewalt der Bourgeoisie verweigern würde. Hass auch auf jene, die bereit sind, ihre Brüder der selben Misere für nichts zu verraten als ein bisschen Dankbarkeit von ihrem Meister und eine sklavenhafte Verbeugung. Wie jener Diener der Ravachol denunzierte oder der Angestellte, der half, Henry festzunehmen.

Jenseits der öffentlichen Meinung

«Selbst unter den Arbeitern, für die ich kämpfe, halten mich viele, irregeleitet durch ihre Zeitungen, für ihren Feind. Aber das stört mich kaum. Ich kümmere mich nicht um das Urteil anderer.»

(Deklaration von Émile Henry bei seinem Prozess)

Um die fanatische Version eines jungen Terroristen, der unschuldige Opfer angreift, abzustützen, interessiert sich Badier für die Aufnahme seiner Tat. «Auch abgesehen von seinen terroristischen Taten galt Émile Henry in den Augen der Öffentlichkeit als echter Fanatiker. Da, wo seine Vorgänger als Verzweifelte wahrgenommen wurden oder als “Opfer des sozialen Systems”, veränderte sich nun die Wahrnehmung durch die grosse Öffentlichkeit der anarchistischen Verbrechen.» Es ist wohl nicht nötig, das Gegenteil beweisen zu müssen: Bestimmt waren da skeptische, wütende, ängstliche, streitlustige, den Zeitungen bereitwillig Glauben Schenkende. Doch die Quellen sind etwas limitiert: Selbst bei den offiziellen Soziologen findet man Skepzsis gegenüber den Möglichkeiten der Presse, die Meinung der braven Leute wiederzugeben; dem kann man nachgehen. Die Anarchisten nahmen sich dieser Kritik schon an, sie kennen die Presse als Dienerin der Macht: «Die Bourgeois waren sich selbst zweifellos bewusst, dass das Geld, dass von der Regierung grosszügig in die Überwachung, Provokation und Zurückschlagung der Anarchisten gesteckt wurde, nicht ausreicht, um die Bewegung zum Stillstand zu bringen, wenn sie nicht die offiziellen Handlungen verstärken, indem sie die öffentliche Meinung durch gesprochene und geschriebene Worte kontinuierlich beeinflussen. Wie ich schon sagte, die Presse ist das Instrument dieser Gegen-Propaganda, die Verleumdung das Mittel.»[7]

Andere Bezeugnisse bringen voneinander abweichende Elemente hervor. Eine Kneipe in Belleville zum Beispiel berichtete von dem Interesse, das seine Kundschaft für die Anarchisten hegte. So weckte Henry nicht die selbe unbestreitbare Symphatie, die Vaillant umgab. «Wieso sich gegen Individuen richten, die friedlich in einem öffentlichen Raum sitzen?» Doch daran klammert man sich auch fest. «Die bourgeoise Gesellschaft kann (mit welcher Verachtung!) die barbarische Gewalt des Krieges, den man gegen sie eröffnete, angefacht durch eine Handvoll unzureichend zivilisierter Arbeiter, nicht mehr zurückweisen. (…) Als er vor dem Assisenhof erscheint, wird sein Verhör kommentiert, abgewogen und man erwähnt jedes geringste seiner Worte mit der offensichtlichen Genugtuung, ihn in Oberhand, über alles und jeden zu sehen.»[8] Es ist schwierig, der Freude zu widerstehen, hier und da einige herausgepickte Reaktionen auf die Explosionen, die diese Jahre prägten, zu erwähnen. Fern von den besser zutreffenden Analysen, die wir mittlerweile kennen: «Letzter Fieberanfall einer Kinderkrankheit» für Jean Maitron oder eine «episodische und sterilisierende Abweichung vom Anarchismus» für Daniel Guérin… In der vorher genannten Kneipe bedauerte man nach der Tat von Vaillant, dass im «Aquarium» (Parlament) nicht mehr verletzt wurden. Ein Bulle berichtet von den vernommenen Äusserungen nach der Explosion auf der Boulevard Magenta: «Ah!, sagt einer, von den Opfern sprechend, ein paar Kühe weniger. Wir haben schon genug von den Bullen und Hohlköpfen. Der Traum, mein Junge, wäre, wenn sie alle bis zum Letzten erwischen. Das wäre ein Fest.»[9] Fortuné Henry, aufgebracht von der Verhaftung Ravachols, durchreist das Land und hält Vorträge vor bis zu 600 Leuten: «Er sprach nur davon Bosse, Bourgeois, Kapitalisten, Kommissare etc. zu beseitigen, zu töten oder hochgehen zu lassen. “Schneid den Bauch von 4 oder 5 Bossen auf, sagte er, und die anderen sollen ihre Rechnung machen… Wir werfen sie aus dem Fenster wie Watrin… Wir sprengen sie in die Luft… Man braucht nicht gross zu reden, sondern zu handeln, etc…”»[10] Eine Kampagne, die nach den Worten des Innenministers an die Justiz, «viele Übel» verursachte[11]. Einige nutzten diese Gelegenheit, um ihre Eigentümer oder Abwarte einzuschüchtern, und verfassten Drohbriefe, die sich bald zu tausenden in den Schachteln auf den Polizeibüros ansammelten. «Und man sah den Eigentümer jenem Polizeikommissar, der Ravachol festnahm, ein paar Tage frei geben, da er sich angesichts dieser Sache, von anarchistischen Repressalien bedroht sah. Oder auch den Richter von Saint-Etienne, der flüchtete, um die Handlanger von Ravachol nicht verurteilen zu müssen. Auch wenn das isolierte Fälle sind, geben sie ein Bild der Krise wieder…»[12] Es drängte sich also auf, diesen tödlichen Spielereien ein Ende zu setzen. Alle Mittel, die man zur Hand hatte, wurden nun in Gang gesetzt.

Und die Tat von Henry, die sich ein paar Wochen nach dem populären Erfolg jener von Vaillant und der Empörung, die seine Exekution auslöste, ereignete, sollte einer anderen Absicht dienen. Die grosse Presse spielte an verschiedenen Fronten, die für ihn alle nicht sehr günstig waren: Seine «bourgeoise Vergangenheit» und seine «unschuldigen Opfer». Was die « öffentliche Meinung»</em> betrifft, brauchen wir uns also nicht weiter mit Badier zu streiten. Nach ihm erregten diese beiden Attentate «Unverständnis und vor allem Wut in der öffentlichen Meinung. Sodass das französische Volk, mit seinen Dirigenten in der ersten Reihe, von nun an noch kräftiger gegen die Anarchisten ankämpfte.» Für ihn lässt sich die öffentliche Meinung offensichtlich in der grossen Presse nachlesen, und das «französische Volk» folgt blind seinen Dirigenten… Wie auch immer, die Hinrichtung von Henry war bestimmt ein taktischer Fehler. Sogar Maurice Barrès wirkt ebenso betroffen wie Clémonceau während dem Spektakel der Hinrichtung. «Während das Auto, das mich von diesen schändlichen Szenen entfernt, an dem Leichenwagen vorbeifuhr, der pfeilschnell nach Ivry raste, sah ich die Menge jener grüssen, die auf dem Trottoir des Terminus noch hätten gelyncht werden sollen. Der Morgen des 21. hat der Revolte gedient und der Gesellschaft geschadet. Der Kampf gegen die Ideen wird mit psychologischen Mitteln geführt, nicht mit den Accessoires von M. Deibler.»[13] Einige Zeit davor, flog das Restaurant Foyot in die Luft. Der Urheber blieb unbekannt. Danach starb Pauwels mit der Bombe, die für die Madeleinekirche bestimmt war, einem «Tempel der gehobenen Bourgeoisie». Ein Ziel, das als etwas bessere Wahl angeschaut wurde, wenn er nicht mit seiner Kreation in die Luft geflogen wäre… Schlussendlich erdolchte Caserio Carnot. Es brauchte den Prozess der Dreissig, der im Juli dieses turbulenten Jahres geführt wurde, und seinen groben Streich, um das Spiel zu beruhigen…

Bei den “echten” Anarchisten…

«Ich weiss auch, dass manche, die sich Anarchisten nennen, jede Solidarität mit den Propagandisten durch die Tat ablehnen. Sie versuchen eine fadenscheinige Unterscheidung zwischen Theoretikern und Terroristen zu etablieren. Zu feige, ihr eigenes Leben zu riskieren, verleugnen sie diejenigen, die handeln. Aber der Einfluss, den sie auf die revolutionäre Bewegung zu haben glauben, ist gleich null.»

(Deklaration von Émile Henry bei seinem Prozess)

Émile Henry wusste seit einigen Jahren, dass er sich durch seine Taten die Kritik von vielen Gefährten einfing. Er hat jenen Konflikt weitergetragen, der mit der Berühmtheit Ravachols entstanden ist. Er hat ihn zusammen mit seinem Bruder durch Vorträge unterstützt. Sie haben die Polizei beängstigt, da sie an dem Tag der Exekution, in Montbrison intervenierten. Und bei dieser Gelegenheit wurden sie festgenommen. Auch in der anarchistischen Presse hatte sich Émile den moralischen Verurteilungen der Anarchisten entgegengestellt: <em>«Ist es den nötig, dass die zukünftigen Ravachols, bevor sie im Kampf ihren Kopf riskieren, ihre Projekte vor das grosse Gericht der Malatestas stellen, die über die Angebrachtheit oder Unangebrachtheit der Tat richten? (…) Wenn ein Mensch in der gegenwärtigen Gesellschaft zu einem Revoltierenden wird, der sich seiner Taten bewusst ist (und das war Ravachol), zu jemandem, der nachdenkt und Schlüsse aus seinem Leben zieht und die Gründe seines Leidens analysiert, dann richtet dieser alleine darüber, ob es begründet ist oder nicht, Wut zu haben, Wild oder “erbarmungslos” zu sein. (…) Jeder von uns hat eine spezielle Physiognomie und Fähigkeiten, die ihn von seinen Kampfgefährten unterscheiden. (…) Doch wir erkennen ihnen nicht das Recht an zu sagen: “Unsere Propaganda ist die einzig Gute; ausserhalb der unseren, gibt es kein Heil.” Das ist ein altes Überbleibsel des Authoritarismus, das wir nicht unterstützen wollen, und wir sollten uns beeilen, unsere Sache von deren Priestern und ihren Anhängern zu separieren.»[14]

Und wie zu erwarten, erntete seine Tat viel Kritik. Badier stützt sich auf die Kritik von Elisée Reclus – «alle Attentate von der Art wie jenes im Terminus werden von den echten Gefährten als Verbrechen angesehen» – oder von Octave Mirbeau – «Ein Todfeind der Anarchie hätte nicht besser gehandelt als Émile Henry» – um die negativen Reaktionen unter den Anarchisten zu erläutern. Auch hier, seine Quellen sind etwas beschränkt. Als Mirbeau solche Töne anschlug, hatte er mit seinem Artikel schon so manchen Anarchisten rasend gemacht. Andere Literaten rund um la revue blanche haben tatsächlich Émile Henry‘s «unbeugsame Deklaration» verbreitet, was sie verleitete ihn als «pur bösartiges Wesen» zu beschreiben.[15] Einige erfreuten sich an dem Gefährten und seiner Tat, oder unterstützten ihn zumindest. Und man muss zumindest jenen allgemeinen Willen anerkennen, einen Gefährten in den Händen der Justiz nicht durch seine Kritiken und Verurteilungen zu zerdrücken.

Sogar bei einigen Sozialisten finden wir erstaunliche Reaktionen. «Bedenken wir, wenn es keine Unglücklichen mehr gibt, die an Hunger sterben, gäbe es dann auch keine Anarchisten mehr? Wenn diese bloss starke und entschlossene Hoffnungslose sind, dann sind die anderen schwache und unterworfene Hoffnungslose; alle, in gleichem Masse, sind Opfer des politischen und sozialen Zustands.» Trotzdem betonen sie klar ihre Distanz zu den Anarchisten und nutzen die Gelegenheit, um ihre eigene Sache zu verkaufen: «Gibt es denn keine Mittel, unsere Gesellschaft vor den kriminellen Attentaten der Anarchisten zu schützen? Es gibt da eines, ein sehr simples. Gebt der Arbeiterklasse Hoffnung, und auch die Anschläge werden stoppen. Gebt den Massen den Glauben, dass die Regierung und die Abgeordneten wirklich an dem Wohlstand arbeiten, gebt ihnen die Hoffnung, dass eine bessere Zukunft entstehen mag. (…) Und es wird keine Anarchisten mehr geben.» Jeder profitiert, von den Ereignissen, um auch noch seine Gegenposition zu behaupten, doch unterschiediche Handlungsweisen vorschlagend.

Als Konzept treibt die Propaganda der Tat tiefgreifende Risse in das anarchistische Milieu. Nicht so sehr um die Frage der Mittel, sondern eher, was « die Anarchie » denn bezeichnen soll und was würdig ist, sie zu repräsentieren. Die Separation zwischen den Theoretikern und denen die Handeln, die schon Émile Henry unterstrich, zeigt sich eindeutig während dem Prozess der Dreissig, der im Juli 1894 stattfand. Dreissig Beschuldigte aus verschiedensten Richtungen werden zusammengepfercht in einer « kriminellen Vereinigung », Theoretiker wie Jean Grave, Künstler wie Félix Fénéon, Einbrecher wie Ortiz. Ein Viertel der Angeklagten werden freigesprochen, der Rest, Banditen und Einbrecher, werden verurteilt. Und als Krönung der Ironie, wurde dieser Prozess als grosser Sieg präsentiert. Gerechtigkeit ist eingekehrt? Man wüsste gerne was Ortiz davon hielt.

«Dieses weise Urteil trug zwar zur Beruhigung bei, war jedoch nicht der ausschlaggebende Grund, der zum Ende der Attentate führte. Das war die Verurteilung, durch die Anarchisten selbst, des “individuellen Dynamits”, eine Verurteilung, die sich schon vor den ersten Bomben Ravachols abzeichnete.»[16]. In Wirklichkeit kamen, selbst diejenigen, die an den Zügeln des Diskurses ziehen, die Theoretiker Grave, Kropotkin, Recus, um nur einige zu nennen, zu den Worten zurück, die sie 10 Jahre zuvor zu Gunsten der Illegalität und dem Gebrauch von chemischen Substanzen ausgesprochen hatten, um der Anarchie in dem sozialen Kampf neue Flügel zu verleihen. Von der Propaganda der Tat behielten sie nur noch den leichtesten Aspekt, jene meist geschriebene Propaganda, die alle wachrütteln und das gute Bewusstsein aufbringen sollte, um dann massenhaft ihre Feinde anzugreifen. Von den Taten bleibt nichts übrig. Denn tatsächlich waren es die Taten, die die anarchistischen Ideen populär machten… «Die anarchistischen Attentate haben der Propaganda viel mehr genützt, als die zwanzig Jahre der Broschüren von Reclus und Kropotkin. (Félix Fénéon) betont die Logik von verschiedenen Attentaten, die ihm am anarchistischsten scheint, wie dem Angriff von Gallo auf die Börse, von Ravachol auf die Magistratur und Armee (Kaserne Lobeau), von Vaillant auf die Abgeordneten oder von Henry auf die Wähler, die vielleicht schuldiger sind als die Gewählten, da diese durch jene gezwungen werden, den Beruf von Abgeordneten auszuführen.»[17]

Das, was in diesem Moment mitspielt, liegt jenseits von dem Charakter von Henry oder seiner Tat, es ist die Zunahme einer Unklarheit rund um den Klassenkampf, den die Anarchisten führen, eine sehr gut in Szene gesetzte Vernebelung, als ob tagtäglich durch diejenigen herbeigeführt, die sehr klar wissen, auf welcher Seite sie stehen. Es ist auch der aufgenommene Bruch zwischen denjenigen, die einen vernünftigen und gut umschriebenen Bewegungsanarchismus preisen und sich selbst die Mission zuschreiben, diesen neuen -ismus auszulegen, zu beschreiben und die Massen davon bewusst zu machen; und denjenigen, die sich in die Aktion stürzen, nicht an den Grenzen der Legalität resignieren und sich wie viele andere gegen die Verhältnisse wehren.

Was die Propaganda der Tat betrifft

«Und, sowie die Sympathie der Menge – unwiderlegbar – den Feinden dieser Gesellschaft gilt, die sie gebückt gehen lässt, unter dem untragbaren Joch des Reichtums, fühlen sich die Arbeiter, verwirrt in ihrem Elend, von den Anarchisten angezogen. Den Doktrinen und Theorien völlig gleichgültig gegenüberstehend, kreieren sie, durch die Verschmelzung von Bitterkeit, Misere und düsterer Verzweiflung, einen Anarchismus, der für die herrschende Klasse genauso schrecklich ist, wie die Propaganda der Tat: Den Anarchismus des Gefühls.»

(Henry Leyret, 1895)

Schliesslich kann man, doch ohne den Diskurs der Presse, der Polizei oder der Justiz dieser Epoche zu repetieren, einen kritischen Standpunkt bezüglich dieser Taten annehmen. Diese Seite des individuellen Martyrers – die uns so sehr berührt – sticht allzu oft hervor, um nicht kritisiert zu werden. Denn es sahen sich nicht alle so, wenn auch einige auf diesen Aspekt anspielten, es waren vorallem die Literaten, die damit ihr Geld machten. Ein anderer, noch ärgerlicherer Aspekt ist die geäusserte Idee, die Massen durch exemplarische Taten wach zu rütteln und zu leiten. Treffender erscheint die Propaganda der Tat als der Wille von allen und jedem, alltäglich das, wonach sie trachten, in Taten umzusetzen. Das ist auch eine Reflektierung von Handlungen diffuser und geteilter Revolte, was verhindert, dass man eine Praxis anderen überordnet – wie die marmite à renversement oder Dynamit – oder unter lauter theoretischen Positionen stecken bleibt. Die Betonung der Explosionen verdeckt manchmal das kollektive Projekt einer neuen Gesellschaft.

Denn die Propaganda der Tat war nicht nur diese paar Bomben der 1890er Jahre, die so aussergewöhnlich und spektakulär durch die Presse dargestellt wurden. «Es ist wichtig, dass man sich nicht von den Explosionen betäuben lässt: Sie stellen bloss ein Aspekt dar, den geringsten, angesichts all der individuellen und kollektiven Akte der Revolte; von Fälschungen über Bomben und Watrinage[18] bis zur individuellen Enteignung.» [19] Die Propaganda der Tat, eine ganze Palette von Handlungen, von dem Aushändigen von Flyern bis zum Einbruch, von gewalttätigen Reden über Brandstiftung, bis zum Fälschen von Geld. Sie war für einige der simple Wille zu leben, wie sie wollten, in Konfrontation mit jenen, die die etablierte Ordnung erhalten. Sie wurde also nicht auf einige Bomben limitiert, und noch weniger auf einige Bomben in Paris. In den Ardennen (Gebiet im Süden von Belgien), waren die 1880er Jahre von verschiedenen Taten geprägt: 1884, Brandstiftung bei einem Grossgrundbesitzer; 1887, Dynamit wurde durch das Fenster eines Industriellen geschmissen; 1888, die Schiefergruben-Arbeiter ziehen mit der schwarze Fahne in den Streik; ohne die Tumulte und Unruhen mitzuzählen, die während den Wahlen in den Sälen der Stellungspflichtigen mit der Gendarmerie stattfanden. Das Jahr 1891 war ein aussergewöhnlich bewegtes Jahr: Streiks, Waldbrände (in der Nacht vor dem 1. Mai brachen gleichzeitig drei Brände aus), Explosionen in zwei Polizeistationen, gefundene Sprengsätze auf dem Fenstersims eines Industriellen, und dies allein in dieser Region. Man hat also die Propaganda der Tat auf ihren einfältigsten Ausdruck reduziert: Einige Taten, an ein paar einzelnen Orten und in einem beschränkten Zeitabschnitt, während sie sehr viel mehr als das war.

Es waren auch nicht bloss die Taten von anarchistischen Gruppen, die unter sich organisiert und koordiniert gewesen sein sollen. Viele der Taten von Anarchisten sind schlicht inspiriert von Taten, die in den Arbeitermilieus schon längst Ausdruck fanden. Umgekehrt bezeichneten sich einige in Folge gewisser Praktiken als Anarchisten, ohne jemals durch Personen oder Geschriebenes mit Anhängern einer Gruppe oder einer Idee in Kontakt gekommen zu sein. Einige trafen diese Entscheidungen alleine, wie Clément Duval 1886 [20] oder Léon Léauthier 1894. Es ist das Zusammentreffen einer Idee, eines radikalen Diskurses und schon existierender Praktiken, die die Stärke eines gewissen Moments und die Anarchie dieser Jahre ausmachten. Das Geräusch der Bomben lässt die Nähe zwischen den sich als Anarchisten deklarierenden und den Vagabunden, Dieben, Geldfälschern, Abtreiberinnen und Schmugglern vergessen. Es ist auch das allen gemeinsame Verhältnis von Ausbeutung, dem viele zu entkommen suchten. Vereinigungen von Arbeitern oder von Übeltätern. Einige Proletarier erkennen sich also in diesen verschiedenen Vorgehensweisen wieder, um ihren Verhältnissen zu entfliehen, sich zu organisieren und weiterhin gegen die Ausbeuter anzukämpfen. Darum besteht dabei keine « Bewegung », sondern eine Vielheit von Leuten, die sich auf die Anarchie berufen. Eine Vielheit, die mit dem Prozess der Dreissig überlistet wurde, was zur Teilung zwischen den Literaten und Theoretikern einerseits und den Schelmen der Anarchie andererseits führte.

Diese Brüche würden sich mit der Zeit bestätigen. Die Anhänger eines orthodoxen Anarchismus, der geradlinig und rein ist, haben die Oberhand gekriegt. Und es ist immer sehr heikel, über die Propaganda der Tat und dieses anarchistische Jahrhundertende zu sprechen. Als Echo hören wir stets die Verurteilungen der Gewalt, von den Toten und Verwundeten. Man beginnt lieber über den Syndikalismus zu sprechen (mit dem Echo: gut, sehr gut, konstruktiv, gloriöse Vergangenheit, die goldenen Jahre des Anarchismus…). Das hat zumindest den Vorteil, niemanden mehr aufzuschrecken. Trotzdem hat die Propaganda der Tat, in all ihren Facetten, einen gewissen Erfolg gehabt, und das muss gesagt werden. Auch sie war international. Und jene, die sie verteidigen, gingen vieleicht wegen ihres Zurückziehens verloren.

[1] Walter Badier, Emile Henry, de la propagande par le fait au terrorisme anarchiste, Les éditions libertaires, 2007. Alle folgenden Zitate ohne Herkunftsangabe wurden aus diesem Buch entnommen.

[2] Ein Kochtopf, gefüllt mit explosivem Material, das beim Umdrehen des Topfes eine chemische Reaktion auslöst; eine Bombe, die oft von Anarchisten verwendet wurde.

[3] Aussage eines angetrauten Familienmitgliedes (Graf Ogier d‘Yvry) während dem Prozess von Emile Henry, zitiert von Jean Maitron in: Ravachol et les anarchistes, Paris, Gallimard, 1992, p. 99

[3] Aussage eines angetrauten Familienmitgliedes (Graf Ogier d‘Yvry) während dem Prozess von Emile Henry, zitiert von Jean Maitron in: Ravachol et les anarchistes, Paris, Gallimard, 1992, p. 99

[4] Léon de Mattis, « Etat et terrorisme », Indymedia Paris, 18 April 2008

[5] Jacques Mesnil, Le Mouvement anarchiste, Bruxelles, Bibliothèque des Temps Nouveaux, nr. 9, 1897, p. 48

[6] Bei einer Demonstration von Streikenden erschoss das Militär neun Personen und verletzte mindestens 35.

[7] (auf deutsch etwa: Die abscheulichen Gesetze) eine Reihe von Gesetzen, die als Reaktion auf die anarchistischen Attentate erlassen wurden. Sie betrafen vorallem anarchistische Publikationen und die Handhabung von Unterstützern der Propaganda der Tat).

[8] Jacques Mesnil, Le Mouvement anarchiste, op. cit., p. 55

[9] Henry Leyret, En plein faubourg, Notations d‘un mastroquet sur les moeurs ouvrières (1895), Les Nuits Rouges, 2000, p. 160-161

[10] Ernest Raynaud, zitiert von André Salmon, La Terreur noire, Paris, Union Générale d‘Editions, 10/18, 1973, T.I, p. 255 [8] Bericht von der Präfektur von Aisne an den Innenminister Laon, 8 August 1892, Archives Nationales, F7 15968 Dossier von Fortuné Henry

[11] Brief des Innenministers an den Justizminister, Paris, 10. November, AN, F7 15968

[12] Jean Maitron, Ravachol et les anarchistes, op. cit. p. 13

[13] Maurice Barrès, zitiert von Jean Maitron, Ravachol et les anarchistes, op. cit., p.117. Deibler war der Henker, der die Guillotine bediente. Er exekutierte viele Anarchisten, von Ravachol bis zu den “Bandits Tragiques”.

[14] Emile Henry, L‘En Dehors, nr. 69, 28. August 1892

[15] Jean-Pierre Lecercle, Littérature, Anarchies, Paris, Place d‘armes, Mai 2007, p. 61

[16] Jean Maitron, Ravachol et les anarchistes, op. cit. p. 14

[17] Félix Fénéon in einer Diskussion mit Paul Signac, zitiert von Caroline Granier, « Nous sommes des briseurs de formules »: Les écrivains anarchistes en France à la fin du dix-neuvième siècle, Thèse, Paris-VIII, 2003, vol. II

[18] Ein Wort das sich etablierte, nachdem Betriebs-Ingenieur Watrin, von aufgebrachten Arbeitern aus dem Fenster gestossen wurde.

[19] Jean-Pierre Lecercle, Littérature, Anarchies, op. cit. p. 161

[20] Beschuldigt des Einbruchs und der Plünderung eines bourgeoisen Hotels und des versuchten Mordes an dem Agenten der ihn verhaften wollte. Er bezieht sich auf anarchistische Ideale.