<em>« Die autoritäre Gesellschaft ist uns verhasst, wir bereiten das Experiment einer freiheitlichen Gesellschaft vor.

Obwohl wir nicht wissen, was diese Gesellschaft uns bringen wird, wünschen wir uns diesen Versuch – diese Veränderung.

Anstatt in dieser veralteten Welt stecken zu bleiben, in der die Luft zu dick zum Atmen ist und die Ruinen einstürzen, als wollten sie im aufgewirbelten Staub alles verhüllen, beeilen wir uns, auch den Rest einzureissen. »</em>

Zo d‘Axa

Dieses Buch, das 1895 in Frankreich zum ersten Mal publiziert wurde, kann als einfacher Augenzeugenbericht einer Epoche oder auch als kurzer autobiographischer Roman gelesen werden. Mit etwas mehr Bedacht jedoch, lassen sich darin einige Perlen, einige Ideen erkennen, die dazumals wie heute eher selten scheinen. In einer Zeit, in welcher der Anarchismus oft idealistische, manchmal fast schon religiös anmutende Charakterzüge annahm, hebt sich Zo d‘Axa, der Autor und Akteur dieser Geschichte, als Ketzer der anarchistischen Bewegung hervor, der sich hartnäckig weigert, sich auf den „Glauben“ an irgendeine abgeschlossene Theorie, an irgendeine rettende Zukunft zu stützen, um seine Revolte nur für die Gegenwart, für das Unmittelbare, für die « stolze Freude des sozialen Kampfes » zu leben. So schrieb er in der von ihm gegründeten Pariser Wochenzeitschrift „l‘Endehors“ [„der Ausserhalb-Stehende“]: « Weder einer Partei noch einer Gruppe zugehörig. Ausserhalb. Gehen wir – als Individuen, ohne den rettenden und blind machenden Glauben. Unser Ekel vor der Gesellschaft bringt keine unabänderlichen Überzeugungen hervor. Wir kämpfen aus Freude am Kampf und ohne den Traum einer besseren Zukunft zu träumen. Was geht uns das Morgen an, das erst in einigen Jahrhunderten sein wird? Was gehen uns die Grossneffen an! AUSSERHALB aller Gesetze, aller Regeln und aller Theorien – sogar der anarchistischen –, vom jetzigen Augenblick an, sofort, wollen wir uns unseren Gefühlen des Mitleids und des Zorns, unserer Wut und unseren Instinkten hingeben – mit dem Stolz, wir selbst zu sein »

Umgeben von einer anarchistischen Bewegung, die sich manchmal selbst in einem dichten Netz aus Dogmen, Vorschriften und Normen verwickelte, kommt Zo d‘Axa schliesslich zum Punkt, zu sagen: « Ich bin kein Anarchist ». Wie um zu sagen: wenn dies Anarchisten sind, dann kann ich es nicht sein. Eine Schlussfolgerung, zu der auch heute manche Leute gelangen können, in Anbetracht gewisser Ausdrücke des Anarchismus, die sich in Ideologien einsperren und sich kaum von der Tätigkeit von „Politikern“ unterscheiden. Aber sollte die Haltung eines Zo d‘Axas nicht gerade das Fundament des Anarchismus sein? Jene Haltung, die jede fixe Idee, jede abgeschlossene Theorie, jeden ideologischen Glauben hartnäckig zurückweist, um die eigenen Ideen und Praktiken in einer stetigen Spannung mit dem alltäglichen Leben, mit dem eigenen alltäglich geführten Kampf zu entwickeln und zu vertiefen?

Schon immer hat ein grosser Teil der anarchistischen Bewegung die Anarchie als Heilmittel für alle Übel der Menschheit hingestellt, als ein rettendes Reich voller Liebe, Glück und Gleichheit. Um es zu schaffen, die Massen davon zu überzeugen, ihnen zu folgen, sahen sich viele Anarchisten verleitet, die Revolution als ein erlösendes Licht darzustellen, das über der Welt aufgeht, als ein Jubel von Glückseligkeit. Zo d‘Axa hielt solche Versprechungen für Scharlatanismus und Marktschreierei. Er empfand nicht das Verlangen nach einem übergeordneten Ideal, das es zu erreichen gilt. Er weigerte sich, den Ausgebeuteten ein Paradies zu versprechen, das den Referenzpunkt des Willens bildet, auf die Realität einzuwirken und das Leben zu verändern. Der Antrieb für seine Revolte war schlicht und einfach der Abscheu gegenüber dem, was ihn umgab. Jedes Alternativprojekt einer gesellschaftlichen Organisation, die sich auf antiautoritäre Prinzipien stützt, war ihm also völlig fremd, denn: man kann nicht versprechen, und noch weniger halten, was man nicht kennt. Daraus folgt, dass auch die Art und Weise, wie er sich ausdrückte, bereitwillig ohne jene sozio-ökonomischen Analysen auskam, die einer gewissen Art von revolutionärer Propaganda so lieb ist, die objektive Bestätigungen, realistische Vorschläge und effiziente Resultate nötig hat.

Eine Welt ohne Herrschaft, in all ihren Ausdrucksformen, ist unmöglich vorauszusehen. Jeder Versuch, sie vorauszuplanen, würde darauf hinauslaufen, ein Ritual zu vollführen, um sich die Angst vor dem Unbekannten auszutreiben. Wie ein Kind in der Dunkelheit, dass laut singt, um sich Mut zu machen. Viele, die diese Gesellschaft untergraben wollen, sind daran gewöhnt, komplexe theoretische Gesellschaftsentwürfe zu konstruieren, um die Panik zu überwinden, die sie ergreift, wenn sie an ein Leben ohne all die Sicherheiten denken, welche uns die niederträchtigen Gewohnheiten von heute zu liefern vermögen. Aber bis zu welchem Punkt sind diese vorgeplanten Projekte eines gesellschaftlichen Wiederaufbaus nur das Echo des Gesangs des verängstigten Kindes? Oder schlimmer noch, inwiefern sind diese plausiblen, besonnenen und rationalen Projekte schlichte Köder, um die Zustimmung der Leute zu erheischen?

Entgegen diesem „politischen“ Anarchismus, der so vernünftig mit dem „gesunden Menschenverstand“ argumentiert, hält Zo d‘Axa « [seinen] Enthusiasmus für eine grosse Sehnsucht offen ». Eine Bekräftigung, die man auch aus den Seiten des Endehors immer wieder herauslesen kann: « Die Aktion ist Schwester des Traumes ». Denn verfällt ein Agieren, das keine Träume zu realisieren hat, so irrational sie auch seien, nicht zwangsläufigen in den tristesten Aktivismus? Genauso wie ein Träumen, das als Konsequenz daraus nicht bedeutet, zu agieren, in den plattesten Ästhetismus verfällt.

Muss nicht gerade diese Spannung zum Irrationalen die Triebkraft für jedes revolutionäre Bestreben sein, das nicht in der gegenwärtigen Realität stecken bleiben will? « Es gab in meiner Natur schon immer eine grosse Schwäche: Die Liebe für das Fantastische, für die aussergewöhnlichen und unglaublichen Abenteuer, für die Unterfangen mit unbegrenzten Horizonten und deren Resultat niemand voraussehen kann. » Ein tiefer Abgrund trennt eine solche Haltung von der Haltung des anarchistischen Syndikalisten Luigi Fabbri, der, wie immer gegen die Akte der individuellen Revolte polemisierend, « diesen Rausch nach neuen Dingen, diesen Geist der Gewagtheit, diese Begierde nach dem Aussergewöhnlichen, welche die überempfindlichsten Gemüter in den anarchistischen Reihen angetreiben hat » verurteilte, da « dies jene Elemente sind, die am meisten dazu beitragen, die Idee zu diskreditieren. »

Aber waren es nicht schon immer diejenigen, die – wenn auch alleine vorangehend – das versuchten, was unmöglich schien, alle Dogmen missachteten und sich von jener „grossen Schwäche“ für das Fantastische treiben liessen; waren es nicht schon immer eben diese „Ketzer“, welche neue Wege eröffneten?

<em>« Leben und dieses Leben im hochmütigen Vergnügen des gesellschaftlichen Kampfes ertasten.

Das ist mehr als eine Laune des Geistes: es ist eine Wesensart – und zwar sofort.

Lange genug hat man die Menschen vorangetrieben, indem man ihnen die Eroberung des Himmels ankündigte. Wir wollen noch nicht einmal darauf warten, bis die ganze Erde erobert ist. […]

Und wenn einige auf dem Weg stehenbleiben, wenn es Menschen gibt, die nichts wachrütteln kann, wenn es zu Sklaven geborene Menschen, unverbesserlich heruntergekommene Völker gibt, dann um so schlimmer für sie! Verstehen heisst, voranzugehen. Und die Freude besteht darin, zu handeln. Wir haben nicht genug Zeit, um auf der Stelle zu treten: das Leben ist kurz. Individuell wollen wir den Stürmen entgegenlaufen, die uns fordern. »</em>