Ich kann nicht hinaus aus meinem Tag. Aber ich stehe über ihm. Ich will und es ist. Konnte je ein König mehr?

Eine Regierung über mir?

Wo?

Und wenn ich die Regierung nicht anerkenne?!

Ich brauche nur zu wollen, und sie ist nicht mehr. Eine Regierung ohne Regierte. Wo ist die Regierung? Ich habe keine, da ich sie nicht achte, da ich sie nicht anerkenne.

Sie kann mich töten. Wäre sie darum Regierung? Ein Stein, den ein Knabe nach mir wirft, kann mich töten, ein durchgehendes Pferd kann mich töten. Sind Knabe, Stein, Pferd darum Regierung?

Aber ich lege meine Hände in den Schoß.

Ein Regierungssoldat kann mich an nützlicher Arbeit – und nur notwendige Arbeit ist nützliche – hindern. Ein einziger Soldat. Aber tausend Regierungssoldaten, die Kanonen haben und Tanks, können mich nicht zwingen, Arbeit zu leisten. Sie können mich zwingen, an der Arbeitsstelle zu stehen; aber sie können nicht erzwingen, daß die Arbeit, zu der sie mich zwingen, braubar ist.

Wer Ohren hat zu hören, höre!

Wer Hände hat zu fühlen, fühle!

Gibt es eine Regierung, die über mir steht? Sie kann mich töten. Jedoch ich verliere nichts dadurch, ich gewinne. Ein Getöteter ist ein Ankläger, den kein Gericht und keine Gefängnismauern zum Schweigen bringen können.

Die Regierung kann mich töten. Ich verliere nichts dadurch. Aber die Regierung verliert einen Mann, von dem sie hoffte, daß sie ihn regieren dürfte. Was aber ist eine Regierung ohne Männer, die nicht regiert werden können ?

Und wenn mir mein Nichtregiertwerdenwollen mehr wert ist als mein Leben? Mein Leben ist begrenzt, Regiertwerden ist unbegrenzt.

Oh, wie arm bist du, Regierung! Du Regierung, die du wähnst, zu regieren und die du doch nicht bist, wenn ich dich verneine.

Oh, wie arm seid ihr, ihr in euren Versammlungen, wo ihr redet und nicht handelt.

Ihr füllt euch mit Haß gegen Noske [1], der in seiner ersten Bluttat schon seinen Untergang sich selbst verordnete, Euer Haß gegen ihn? Wer kein Gewissen hat und keine Seele, wird von Haß nimmermehr getroffen. Und wie könnte Haß ihn treffen, da er die Liebe nicht kannte, da er nur Führer war, der die Geführten gebrauchte, um Herrscher werden zu können.

Hat ein einziger eurer Führer ein anderes Ziel, als über euch herrschen zu können oder um mit euch andere zu beherrschen?

Seid jeder selbst ein Führer!

Sei jeder sein eigener Führer!

Ich brauche keinen Führer. Wozu denn ihr, die ihr gut seid wie ich, die ihr denken könnt wie ich?

Ich will niemand erziehen.

Ich will niemand überzeugen.

Ich will niemand bekehren; denn wenn ihr denket, so werdet ihr die Wahrheit wissen und werdet wissen, was zu tun ist.

Denket! Dies von euch zu fordern, da ihr doch Menschen seid und denken könnt, ist mein Recht. Mein Recht. Mein ur-ewiges Recht

Gebt jenem Noske zwei Millionen Regierungssoldaten. Laßt ihn die Soldaten und die Offiziere wählen aus Kreisen, die menschlich auf einer noch tieferen Stufe stehen als die, mit denen er herrschen will. Was tut es?

Wieviel Ewigkeits-Werte, wieviel unersetzbare Kräfte verschwendet ihr, wenn ihr schreit: Bluthund! Er lacht dessen. Er lacht mit Überlegung. Haßerfüllte Menschen schaden nicht dem Gehaßten. Haßerfüllte Menschen werden am leichtesten beherrscht, werden am leichtesten regiert von geschickten Herrschern und Führern.

Laßt uns besonnen sein! Nein, ich will nicht besonnen sein. Nein, ich will keine reale Politik treiben, von der die Menschheit zu Grunde gerichtet wurde. Ich will keine positive Mitarbeit leisten. Die positiven Vorschläge sind es, die mich zum Regierten machen und die meinen Menschen in mir töten.

Die Regierung kann morden. Sie kann, sofern sie will – und sie wird es zu gegebener Stunde tun – hunderttausend Menschen morden. Diese großen Fähigkeiten hat sie. Aber sie hat nicht die Fähigkeit, mich zu zwingen, daß ich für sie arbeite. Was tut sie, wenn die Bahnen nicht laufen, wenn keine Kohlen aus den Gruben geholt werden, wenn kein Mensch Munition für sie macht? Dann verweigert sie mir die Lebensmittel der Entente. Und wenn ich mir nun aus diesen Lebensmitteln, die mir dadurch entwertet werden, daß man mit ihrer Hilfe Menschen zu denkfaulen Sklaven erniedrigt, garnichts mache?

Wenn ich sage: Lieber noch ein Jahr durchhalten, lieber Weib und Kind verrecken lassen, lieber Brot und Schuhe nehmen, die hinter einer Glas-Scheibe aufgestapelt liegen, um mich mit beispielloser Frechheit zu verlocken, geduldig die Sklavenketten zu tragen! so ist dies der erste bewußte Aufschrei: Revolution!

Aber in euren Versammlungen und in euren Parteien schwätzt ihr und schachert ihr um Dinge, die nicht euch angehen, sondern die angehen euren Tyrannen. Hampelmänner, die an Fäden hängen und die Finger sehen, an denen jene Fäden geknüpft sind und dennoch nicht aufschreien. Nein!

Geführte! Verführte! Angeführte! Ihr entrüstet euch über Gewaltherrschaft! Aber es ist keine Gewaltherrschaft ohne Beherrschtseinwollende. Ich lasse meine Hände ruhen im Schoße und die Regierung braucht zwanzig Beamte, um mich zu zwingen, etwas zu tun, was ich nicht tun will.

Habt ihr Ohren zu hören, so höret!

Habt ihr Hände zu greifen, so greifet.

Wartet ihr auf den Propheten? Auf den Apostel? Auf den Führer? Um der einen Gewaltherrschaft zu entgehen und sich der neuen zu fügen!

Die Regierung mit allen ihren ungeheuren Machtmitteln ist ein Nebelhauch, wenn ich es will. Und wenn ich es will, das darf auch heißen: wenn ich nicht will. In meinem Nicht-Wollen bin ich stärker als alle Mächte, die wollen!

Versteht ihr?

Welch ein armseliges Ding ist doch eine Handgranate! Ein Machtmittel gedankenschwacher Knechte ein Maschinengewehr! Wer sich verläßt auf Handgranaten und auf Maschinengewehre, wird am ehesten beherrscht, am leichtesten regiert, wird am raschesten Herren über sich nötig haben. Ich stütze mich auf mein Wollen. Und in meinem Nicht-Wollen bin ich der Stärkste und der Mächtigste aller Erdenbewohner. Ich will nicht und wenn ich gleich sterben müßte. Ich rühre mich nicht und wenn ich verhungern müßte. ich arbeite nicht und wenn mir gleich der Leib verdorret. Was schert mich Weib, was schert mich Kind, laß sie betteln gehen, wenn sie hungrig sind! Nur dann werde ich der Herrschaft und der Knechtschaft ledig sein und mein Brot und meinen Wein in Fülle haben.

Füllet die Löcher und Gräben, die euch auf euren Wege hindern, mit Kadavern aus; denn auch das sind Brücken. Gute Brücken, bessere als Partei-Büchelchen.

Aber ihr müßt Programme haben. Wenn ihr wißt was ihr wollt, so braucht ihr keine Programme. Und wenn ihr nicht wißt, was ihr wollt, so werden die Programme euch erst recht nichts nützen, weil sie euch bringen werden, was ihr nicht wollt.

Denket! Aber ihr könnt nicht denken, weil ihr Statuten braucht, weil ihr Vorstands-Mitglieder wählt, weil ihr Minister einsetzet, weil ihr Parlamente braucht, weil ihr ohne Regierung nicht leben könnt, weil ihr ohne Führer nicht leben könnt.

Ihr gebt eure Stimmen ab, damit ihr sie verliert und wenn ihr sie für euch gebrauchen wollt, so habt ihr keine mehr, so fehlen sie euch, weil ihr sie abgegeben habt.

Denket! Nichts anderes braucht ihr zu tun. Werdet euch eurer ruhigen Passivität bewußt, worin eure unüberwindliche Macht beruht. Laßt getrosten, unbekümmerten Mutes das Wirtschaftsleben zusammenbrechen, es hat mir keinen Segen gebracht und auch nicht euch.

Laßt mit Bewußtsein die Industrie verfaulen, sonst werdet ihr an der Industrie verfaulen. Ihr streikt. Bravo, ihr Knechte! Die Industrie wird fett durch eure Streiks und ihr verhungert. Ihr streikt und siegt. O, ihr Sieger! Ein mageres Brötchen habt ihr ersiegt: aber der Besiegte fand auf eurem Siegerfest zwei Landgüter. Oh, ihr Sieger! Ihr Versieger! Euer Führer ward dabei Minister, ihr stolzen Sieger!

Ihr braucht kein Plüsch-Sofa in eurer Wohnung. Das Plüsch -Sofa, das ihr habt, ist das Zeichen eures Knechtsduft. Solange ist das Plüsch-Sofa zu eurem Glücke nötig, so lange ihr Sklaven seid.

Einer unter euren Nasführem sagte.- Möglichst viel Bedürfnisse haben und diese Bedürfnisse auf erträgliche Art befriedigen zu können, das ist Sozialismus!

Der euch das sagte, war ein eitler Schwätzer, denn er betrog euch um die Voraussetzungen. Er hat euch in die Knechtschaft geführt.

Nein: Keine Bedürfnisse haben, und das wenige Notwendige sich verschaffen ohne zu dienen, das allein macht meinen Herrscher zum Nichtmehr-Herrscher. Das Kapital herrscht nur da, wo gekauft wird. Verstehst du?

Denket! Besinnet euch auf euch selbst, nicht auf euer Programm! Werde jeder ein Selbe!

Du sprichst, Ich möchte gerne, aber mein Freund Maxe muß mitmachen. Freund Maxe sagt: Ich mache mit, aber mein Freund Friedrich muß dabei sein. Und euer Freund Friedrich sagt: Wir können das nicht allein, die Masse muß es tun, wir müssen erst die Masse haben.

Ihr werdet nie die Masse haben. Die Masse denkt nicht, weil sie nicht denken kann, darum hat sie Parteien, Programme und Führer.

Aber du, der Einzelne, denkt, kann denken.

Die Masse erfordert Einigkeit. Aber nie waren Menschen einig, niemals werden Menschen einig sein.

Mit aller eurer Weisheit, mit allen euren technischen Kunststückchen vermögt ihr nicht einmal zwei Uhren in gleichen Gang zu bringen. Aber die Menschen sind keine Uhren. Ihr jedoch wollt sie in gleichen Gang bringen.

O, ihr Verblendete, könnet ihr Hirne in einer Maschine erzeugen und sie den Menschen einsetzen? Aber ihr wollt die Masse, ihr wollt die Einigkeit der Masse. Welch eines Beweises bedürft ihr noch, daß ihr Geführte, Verführte seid?

Ich muß es tun. Dann wird es auch Freund Maxe tun und auch Freund Friedrich.

Ich bin ein winziges Stäubchen in der Masse. Wie kann die Masse in Bewegung kommen, wenn ich, das winzige Stäubchen, mich nicht zuerst bewege. Das Stäubchen muß sich bewegen, dann wird die Masse sich bewegen. Und wenn das Stäubchen dabei zum Kadaver wird, dann wird es stinken. Und auch der Gestank eines Kadavers bewegt die Masse.

Eure Führer haben nie an sich gedacht, sie haben immer nur an das Volk gedacht und an das Proletariat. Den Erfolg sehet ihr jetzt. Hätten sie nur an sich gedacht, hätten sie sich nur auf sich selbst besonnen, so wären sie Menschen geworden. So aber wurden sie Parteipäpste und ihr Heloten.

Meinen eigenen Gesetzen will ich leben. Mein eigener König, dessen einziger Bürger ich gleichzeitig bin, will ich sein. Keine Regierung über mir und keine Regierten neben mir.

Tut desgleichen! Saget: Ich will! Saget : Ich will nicht!

Ich bedarf eurer nicht. Weder zum führen, noch zum geführt werden. Nicht weil ich stark bin, nicht weil ich mich überhebe, sondern weil ich Wucher treibe mit meinem Denken. Weil ich das Pfund, das jedem Menschen gegeben ist, nicht gebrauche, damit ein anderer Wucher damit treibe und ich zur Knechtschaft verdammt werde.

Tut desgleichen!

Wenn ich ein Haus bauen will, das zu bauen meinen beiden Händen zu schwer wird, so will ich euch bitten. Helft mir! Dann mögt ihr kommen und ich will euch ein Gleiches tun, wenn ihr der Hilfe bedürftig seid. Aber ich komme gewiss nicht, euch zu sättigen, damit ihr brauchbarere Sklaven werdet: Rußland.

Mein Leben ist sicher, so lange ich das Leben meiner Mitmenschen heilig achte. Ich brauche keine Sicherheits-Wache vor meinem Hause, weil man mir nichts stehlen kann. Plünderer gibt es immer nur da, wo ein Mensch mehr besitzt als er braucht und der andere nicht satt wird.

Ihr aber braucht die Polizei. Wenn sich zwei von euren Weibern streiten, so laufen sie zur Polizei. Wenn euch jemand einen alten Pantoffel wegnimmt, so holt ihr die Polizei. Durch euch wird die Polizei fett, durch euch mästen sich die Richter. Ihr ruft die Polizei und gebt ihr dadurch das Recht, ihre Notwendigkeit zu beweisen.

Aber ich sage euch: Zehnmal besser und in Ewigkeit besser ist es, daß die Polizei euch holt, als daß ihr die Polizei holt. Wer die Polizei braucht, der wird von ihr gefressen, aber wer sie nicht braucht, der wird sie vernichten.

Mord auf Mord! Aber würde ich den Mörder revolutionärer Menschen hassen, so wäre er ja geehrt durch meinen Haß. Durch seinen ersten Mord hört der Mörder auf, Mensch zu sein. Wie sollte ich hassen, was weder Mensch ist noch Tier.

Dein Parteibuch macht dich zum Verführten, zum Angeführten. Darum ist es besser, du läßt dein Geld von den Würmern zerfressen, als daß du es deiner Partei gibst, denn die Partei vertröstet dich auf die Zukunft, auf das Wohlergehen deiner Enkel. Das aber tut die Kirche auch, die dich auf das Himmelreich vertröstet. Zukunft und Himmelreich ist das Gleiche. Sie können schön sein, vielleicht. Überlass die Zukunft ruhig der Partei und das Himmelreich der Kirche. Dein aber sei die Gegenwart ! Nimm sie dir. Wäre die Zukunft besser und das Himmelreich schöner, so würden die guten Leute sie dir nicht für deine Groschen verkaufen wollen.

Ich sage dir wieder: Es ist besser, du läßt dein Geld verbrennen, als daß der Herr sich daran bereichert, weil du ihm Waren abkaufst.

Deine Streiks verlacht der Kapitalist. Aber an dem Tage, an dem du zum ersten Male deine Füße mit alten Lumpen umwickelst, statt Schuhe und Strümpfe zu kaufen, werden seine strotzenden Glieder von bleicher Angst durchschlottert werden.

Darum zerstöre das Wirtschaftsleben nicht nur von innen, sondern auch von außen. Auf den Ruinen der Industrie erblüht deine Freiheit, nicht auf ihren Festungen und Schlössern.

Lass' dein Geld von den Würmern und Maden zerfressen, erzwinge den zwanzigfachen Lohn und verringere deine Arbeit auf den hundertsten Teil deines Könnens und es wird dir tausendfachen Segen bringen.

Weihrauch in der Kirche und Geschwätz in den Versammlungen ist dasselbe. Eine Zeitung lesen oder gar bezahlen und Kirchenlieder auswendig lernen führt zum gleichen Ziel.

Kein Gott wird dir helfen, kein Programm, keine Partei, kein Führer, kein Stimmzettel, keine Masse, keine Einigkeit. Nur ich selber kann mir helfen. Und in mir selber werde ich allen Menschen helfen, deren Tränen fließen.

Ich helfe mir. Hilf du dir, Bruder! Handle! Sei Wollen! Sei Tat!

Du schreist: Es lebe die Welt-Revolution! Es klingt sehr gut. Aber sind die Telegraphenkabel schon in deinen Händen? Hast du schon eine Rotations- Maschine in die Luft gesprengt? Du schreist: Es lebe die Welt-Revolution! Aber dein Bruder, den du umarmt hälst, hört den Schrei schon nicht mehr. Wie könnte ihn da die Welt hören?

Kaufe dir keinen Sonntagsrock und schäme dich nicht, daheim auf einer Kiste zu schlafen und ohne Hosenboden lachend durch die elegantesten Straßen zu gehen, das ist mehr getan für die Revolution als die Internationale zu singen und den Hokuspokus zu studieren, den dir die Päpste aus Berlin und Moskau verkaufen.

So lange du noch ein Fünkchen Schamgefühl hast, weil du Bedürfnisse, die zur bürgerlichen Wohlanständigkeit gehören, nicht befriedigst, so lange du dich noch schämst, zu sagen: Ich bin stolz darauf, wie der verkommenste Strolch auszusehen! so lange wirst du auf deine Freiheit nicht hoffen dürfen.

Die Wohlanstândigkeit des Bürgers ist nicht auch die meine. Ich habe meine eigene. Sich zu schämen, wie ein Strolch auszusehen, ist das Vorrecht des Bürgers. Dieses Vorrecht auch zu haben, für einen wohlanständigen Bürger gehalten zu werden, macht dich, Prolet zum Knecht. Dem Bürger gleich zu sein oder gleich zu scheinen, macht dich zum Sklaven. Ich aber vernichte den Bürger, weil ich sein Dasein zerstöre dadurch, daß ich ihm nichts zu verdienen gebe, um auszusehen wie er.

Von jeher wurden freie Völker umso leichter unterjocht, je leichter es war, sie zu überreden, daß mit einer Kattunhose bekleidet zu sein schöner aus sehe, als nackt herum zu laufen. Die Kattunhosen, die sie gamicht brauchten, die in ihnen nur den Glauben erweckten, sie würden dadurch dem europäischen Bürger ebenbürtig, machten sie zu ausgebeuteten Knechten.

Die elende Glasperlenkette der Negerin und das Plüsch-Sofa der Proletenfrau ist dasselbe. Es macht den Mann und die ganze Klasse zu Heloten.

Und abermals sage ich: Erzwinge mit allen Mitteln den fünfundzwanzigfachen Lohn für den fünfhundertsten Teil deiner heutigen Arbeit, iß trockenes Brot, kleide dich in Lumpen, die du dir auf dem Kehrhaufen suchst und füttere mit deinem Geld die Mäuse: Das vollkommene Chaos des Wirtschaftslebens, bewußt hervorgebracht durch deine passive und durch deine aktive Tat, ist das erste Frühlicht-Dämmern des Tages, der dich zum Menschen macht!

Die Staubwolken einer vollständig zertrümmerten Industrie allein zerbrechen deine Ketten.

Flicke nicht, was zerreißen muß!

Halt nicht fest, was zusammenbrechen muß!

Bricht ein Stein aus den Zwingburgen des Wirtschaftslebens und aus den Festungen der Industrie, so wirf gleich hundert Steine hinterher.

Hebst du nur einen einzigen der herausbrechenden Steine auf und fügst ihn gar wieder ein, so ist dein Verrat nichtswürdiger als der Verrat eines Spions, der dich umlauert.

Entreiße deinem Gegner seine schärfsten Waffen. Seine schärfsten Waffen sind nicht Kanonen und Soldaten. Gold ist weniger wert als loser Sand, wenn deine Arbeit nicht dahinter steht.

In der Industrie willst du deine Ketten von dir streifen? Mit dem blühenden Wirtschaftsleben willst du deinen Gegner niederringen? Sagte ich es nicht, daß du ein Bürger bist, weil du wie ein Bürger denkst?

Die Sache des Bürgers kann nie die deine sein! Die Industrie, die dem Bürger Macht gab, dich zu knechten, kann dir nie Freiheit oder Leben bringen.

Die Industrie, die ist, kann nie die Gleiche sein, der du bedarfst. Die Industrie, die ist, bringt nichts anderes hervor als Waffen, dich zu knechten.

Die Industrie, die Reichtum deinem Leben geben soll, kann nur wachsen auf den zerstäubten Trümmern der Industrie, die ist.

Der Führer wird dir es anders sagen. Darum ja ist er ein Führer und darum ja bist du ein Angeführter. Kinder-Erzeuger bleiben in Knechtschaft. Sklaven erzeugen: Kinder. Jedes Kind, das du erzeugst, ist ein Ring in deiner Sklavenkette. Kauf dir ein Plüsch-Sofa und zeuge ein Kind, beides ist das Gleiche, beides führt zum gleichen Ziel.

Wenn du dein ganzes Hab und Gut in einen Sack verstauen kannst, der dir bis zu den Hüften reicht und du diesen Sack auf deinen Schultern tragen kannst, dann werden die Kanonen verrosten und die Mauern der Zwingburgen werden umfallen beim Klang einer Hirtenflöte.

Ich handele! Ich handele, wenn ich mich nicht stark genug fühle, in Aktivität! Ich handele, wenn ich mich stark genug fühle, in Passivität! Das zweite ist das Stärkere, denn es stärkt nicht meinen Gegner, der aus meiner Aktivität Kräfte schöpft.

Ich warte nicht auf die Einigkeit; denn ich bin die Einigkeit.

Ich warte nicht auf die Masse; denn ich bin die Masse.

Ich warte nicht auf die Revolution; denn ich bin die Revolution.

Ehe die Revolution ist, muß der Revolutionär sein!

Ehe die Masse ist, muß der Einzelne sein!

Ehe die Einigkeit ist, muß der Eine sein, der Selbe!

Das Wort muß sein, bevor das Feldgeschrei und die Parole sein können.

Demokratie ist Mehrheit, Mehrheit ist Herrschaft. Die Mehrheit ist das Gewand, unter dem der Nicht-Mensch den Dolch verborgen hält. Mehrheit ist die Hirnzelle derer, die nicht zu denken vermögen. Mehrheit ist das Szepter der Betrüger und Halunken.

Abstimmung ist beabsichtigter Betrug, weil der Niedergestimmte im Recht ist.

Abstimmung und Mehrheit sind die blutrünstigen Henker des Menschen.

Gegenrevolutionär ist, wer etwas kauft; denn der Pfennig, den du zahlst, der wird zu einem Taler, mit dem man dir das Mark aus den Knochen dörrt.

Sei du selbst, und du wirst immer einig sein!

Sei Wollen!

Sei Nicht-Wollen!

Sei Tat!

Ob du auf deinen Knien liegst und Gott bittest oder ob du deine Sache in die Hand eines Führers legst, es ist das gleiche.

Ob du dir ein Gebetbuch kaufst oder ein Partei-Mitgliedsbuch, es ist dasselbe.

Wirf das Mitleid von dir, denn Mitleid ist die Revolution des Bürgers.

Beweine nicht die Opfer, die im Kampfe fallen; denn die Träne, die in deinem Auge blinkt, erfüllt den, den du vernichten sollst, mit Siegerhoffen.

Was kümmern dich die Opfer, die von den Zähnen jenes Ungeheuers, das zu vernichten du geboren wurdest, zerrissen wurden? Je größer die Zahl der Opfer ist, die jenes Ungeheuer frißt, umso sicherer sein Tod. Gehen selbst Götter an zu vielen Opfern zugrunde, warum nicht um vieles rascher jene Ungeheuer. Ob das Ungeheuer die Opfer frißt oder sich damit belasten muß oder sie in den Straßen faulen läßt, daß sie die Luft verpesten, ist gleich; ihre Maden werden den Leib des Ungeheuers auffressen.

Solange es Hungernde neben Satte gibt, ist das Mitleid der Satten eine Verhöhnung der Hungernden und das Mitleid der Hungrigen mit den Opfern eine Bestätigung und Anerkennung des Rechtes der Satten, satt zu sein auf Kosten der Hungernden.

Höret, so ihr Ohren habt, zu hören!

Denket, so ihr Hirne habt, zu denken!

Aber glaubet nicht!

Aber glaubet nichts!

Aber vertrauet nicht!

Vertrauet nur eurer eigenen Kraft!

Eure Kraft ist unerschütterlich, so ihr sie nicht von selbst erschüttert. Unüberwindlich seid ihr, so ihr eure Hände in den Schoß legt! Sei es dann: Verhungert nicht ungewollt, sondern verhungert mit Bewußtsein. Verhungert mit eurem Wollen, nicht mit dem Wollen derer, die euch beim Verhungern bald Gesellschaft leisten werden, sobald ihr zu hungern beginnt.

Die Iren hungern in den Gefängnissen bis zum Tode für die Freiheit ihres Landes. Ist eure Sache nicht größer als die der Iren?

Die Völker Indiens haben keine Waffen und sie haben keine Zeitungen. Aber sie werden das Weltreich Britannien vernichten durch schweigenden Widerstand. Dagegen helfen alle Kanonen und alle Geldsäcke der Erde nicht. Ist eure Sache nicht heilig wie die heilige Sache der Völker Indiens?

Ihr starbt auf den Schlachtfeldern für die, die durch euren Tod fett wurden. Wohl denn, sterbt für eure eigene Sache!

Und ich sage euch: Es ist besser, ihr legt die Hände in den Schoß, als daß ihr Maschinengewehre zur Hilfe nehmt. Was durch Waffen erzwungen wird, kann jeden Tag durch Waffen genommen werden. Aber was ihr durch euer Wollen oder durch euer Nicht-Wollen erobert, kann kein Gott euch nehmen; denn Gott ist nichts als Wille. Ihr aber habt mehr als euren Willen, ihr habt Hände, die eine ganze Erde zu formen vermögen.

Ich bin unbesiegbar, wenn ich nicht will, was ein anderer will!

Du bist unbesiegbar, wenn du nicht tust; was ein anderer will!

Ihr werdet unbesiegbar sein, wenn nicht die Masse, sondern der Eine, der Einzelne, gröber und stärker wird als der mächtigste Regent. Die Macht des mächtigsten Regenten zerbricht an dem Nicht-Wollen des schwächsten Sklaven.

Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln? Nein, ihr törichten Plapperer!

Abschaffung des Privateigentums an der letzten Hose!

Wissen ist Macht? Nein!

Tat ist Macht!

Wissen macht frei? Nein!

Tat macht frei!

[1] Gustav Noske (1868-1946). Sozialdemokratischer Minister in Deutschland. Ist verantwortlich für die Niederschlagung der Spartakistenaufstände und der Räterepubliken in Deutschland um 1919.