Einer der am aufgeladensten Begriffe, die ich in der Kritik einiger Anarchist_innen sehe, ist „Identitätspolitik“. Was genau ist Identitätspolitik? Ich kann keine kohärente Definition aus der Verwendung ableiten; aber dass der Begriff so umhergeworfen wird, scheint zu bedeuten, dass die_der Sprecher_in davon genervt ist, dass sich andere auf Rassismus oder Sexismus fokussieren.

Ich dachte, dass mit Identitätspolitik der Prozess, eine homogene Identität innerhalb einer bestimmten Bevölkerung zu kreieren, gemeint ist. Diese kreierte Identität soll als politische Konsequenz und Machtbasis einer Gruppe von Politiker_innen dienen. Deren Rolle als Ausbeuter_innen, die an der Spitze dieser Bevölkerung sitzen, wird vom gemeinsamen Nutzen dieser bestimmten Identiät versteckt. In anderen Worten benennt dies die Vorlieben von Gloria Steinem[1], Adolf Hitler, David Ben-Gurion[2] oder Ron Karenga[3].

Wenn Anarchist_innen diesen Begriff doch benutzen, verwenden sie ihn häufig gegen Leute, die in den Aufbau von unklaren, heterogenen und komplexen Identitäten involviert sind und die Solidarität auf Leute mit unterschiedlichen Identitäten ausweiten und ganzheitliche Machtkritiken entwickeln. Und die Übernahme einer solche Identität bedeutet nicht gleich auch die Übernahme eines vorformulierten und unhinterfragbaren Dogmas. Zum Beispiel beinhaltet die Gruppe „Anarchist People of Color“ [Anarchistische „farbige Menschen“] Leute, die sich als schwarz, latinas, indigen, asiatisch, palestinensisch und birassisch identifizieren; Migrant_innen und Bürger_innen; Queers und Transpersonen. Von dem was ich von Aussen mitbekomme, widmen sie sich Diskussionen, die diese multiplen Identitäten ins Auge fassen, anstatt innere Unterschiede zu unterdrücken. Ihre öffentlichen Texte repräsentieren eine Diversität von Gedanken anstatt einer einzigen politischen Linie. Ich habe Dinge von APOC-Mitgliedern gelesen, denen ich nicht zustimme und andere Dinge, die mein Denken bezüglich Imperialismus, Rasse, Gender, anarchistischem Kampf und anderen Themen wirklich herausgefordert und weiterentwickelt haben. Ich kenne POCs die kritisch dem gegenüber sind, wie die Gruppe arbeitet und sich nicht mineinbezogen fühlen. Und ich kenne weisse Menschen, die Verallgemeinerungen bezüglich ihrer selbst, die oft bei der APOC vorkommen, überhaupt nicht mögen. Ich lass mich von dem nicht stören, weil ich weiss, dass die Definitionen, die die einen von den anderen haben, ohne Ausnahme nützlich sein können, aber niemals zuverlässig sein können. Abgesehen davon, habe ich ein oder zwei Dinge von Mitgliedern dieser Gruppe gelesen, die zielgerichtet Manipulationen von weisser Schuld waren.

Das weist alles darauf hin, dass diese Gruppe keine Einheit ist und sie eine Bandbreite an Perspektiven auf verschiedene Art und Weise ausdrückt. Jedochgab es, ohne diese Diversität zu betrachten, eine bestimmte Eigenartigkeit von Rückmeldungen von weissen Anarchist_innen: wann auch immer Texte von der Gruppe auf anarchistischen Webseiten veröffentlicht wurden, erschien jedes Mal der Vorwurf der „Identitätspolitik“ unter den Kommentaren.

Wahrscheinlich bedeutet Identitätspolitik für viele Anarchist_innen die Konstruktion von Identitäten innerhalb politischer Projekte? Aber das geht auch nicht so wirklich auf. Es gibt die alten unmodernen weissen Anarchist_innen, die behaupten, dass es nur die Arbeiter_innenklasse gibt und dass eine Betonung auf Rasse und Gender die Arbeiter_innenklasse spaltet und somit den Kapitalist_innen hilft. Andere solidarisieren sich nicht so sehr mit den Arbeiter_innen und identifizieren sich strikt als Anarchist_innen. Eine typische Internettirade von APOC ging bei der Unterstützung von Mumia abu-Jamal hoch, der „kein Anarchist“ ist. (Heisst das, dass was Mumia passiert ist, ist für schwarze Menschen, die sich nur als Anarchist_innen identifizieren nicht relevant, weil sobald sie diese Identifikation gemacht haben, die Polizei aufhört sie als Schwarze zu behandeln und anfängt sie genauso zu behandeln, wie ihre heller behüllten Kamerad_innen?) Am Ende ist es keine kohärente Kritik, sondern nur weisse Menschen, die POCs sagen, wie sie sich identifizieren sollen. Das ist wahre Identitätspolitik im Sinne von Mobutu Sese Seko[4], der nur eine Identität als natürlich oder zumindest unantastbar im öffentlichen Projekt (Volkstum, der Kampf gegen Kapitalismus, was auch immer) und andere Identitäten als überflüssig oder schädlich ansieht. Um fair zu sein, es gibt jene, die Identitätskategorien mit ein bisschen mehr Konsequenz ablehnen. Sie machen es einfacher für sich selbst, indem sie philosophisch individualistisch sind, obwohl mir kein_e einzige_r einfällt, die_der nicht auch zur Bildung einer anarchistischen Identität beigetragen hätte.

Ein geläufiges Argument, das diese Kritiker_innen einer schlecht identifizierten Identitätspolitik bringen, scheint zu sein, dass der_die Sprecher_in ein Lippenbekenntnis für die Übeltäter_innen von Rassismus und Sexismus ablegt, aber dennoch behauptet, dass die Basis von Rassismus und Sexismus die Aufteilung von Menschen in Kategorien entlang von Linien von Rasse und Geschlecht ist und deshalb Leute, die diese Aufteilungen in ihre politische Arbeit miteinbeziehen schuldig sind, diese zu reproduzieren anstatt die Unterdrückung an sich zu anzugreifen. Wie viel zählt diese Hypothese? Zuerst will ich die Logik ein bisschen mehr analysieren. Eine Annahme die diesem Argument unterliegt, ist, dass das chronologisch erste sichtbare Merkmal eines Phänomens, zu der Basis dieses Phänomens werden wird und somit sein zeugendes Merkmal. In anderen Worten ist eine Unterscheidung von Gendern eine Grundvorraussetzung für Sexismus, das heisst, dass Genderunterscheidungen Sexismus erzeugen und wenn wir Genderunterscheidungen zerstören, zerstören wir Sexismus. Was war das für ein Videospiel in dem der Endgegner eines bestimmten Levels dieser böse Käfer ist, der herumfliegt und sich plötzlich in tausende Kopien seinerselbst multipliziert, wenn du aber das Original tötest, dann sterben sie alle? Wie auch immer.... ich glaube mein Punkt ist verständlich: Wenn Identität selbst die Basis der Unterdrückung ist, dann können wir Unterdrückung zerstören, indem wir Identität zerstören. Wobei, wenn wir die Identität nicht berühren würden, würde automatisch Unterdrückung erzeugt werden. Eine weitere Annahme dieser Linie von Begründungen ist, dass Geschichte mechanisch ist, progressiv und unilineal, weil wenn das erste Merkmal eines Phänomens automatisch zur Entwicklung des gesamten Phänomens führt, dann ist da keine Möglichkeit für multiple Ergebnisse oder sogar Stillstand oder Umkehrungen. A führt immer zu B führt immer zu C. Und hier hat die Idee ihre Hüllen verloren. Und – oh Ironie der Ironien! Sie verratet von sich selbst im besten Fall historisch materialistisch zu sein und im schlechtesten Fall sozial-darwinistisch.

In diesem Sinn zeigt das Ganze Ähnlichkeiten mit den schlimmsten Auswüchsen des Primitivismus (welche, versteh mich nicht falsch, meiner Meinung nach einige gute Einflüsse auf anarchistische Theorie und Praxis haben/hatten). Nämlich, dass die Entwicklung der Landwirtschaft unvermeidbar zur Entwicklung von Autorität führte, was historisch unwahr ist, ausser wenn wir Autorität neu definieren zu, nun gut, Landwirtschaft.

Ich kann nicht genug betonen, dass Geschichte weder mechanisch noch progressiv oder unilineal ist, das sind idiotische und schädliche -und doch höchst aufsässige – westliche Mythen, und Gott hilf uns, wenn diese Mythen wahr sind, denn das würde bedeuten, dass ausser wenn Anarchie von den Maschinen der Geschichte vorbestimmt wäre, wir nichts dafür tun könnten sie herbeizuführen.

Die kulturellen Annahmen aufzudecken, die sich hinter diesem bestimmten Verständnis von Identität verstecken, ist lange nicht genug um sie zu widerlegen. Also nehmen wir’s mal für bare Münze: rekreieren Identitätskategorien in sich selbst Unterdrückungen, die auf diese Identitäten einwirken? Ich denke, dass es diesbezüglich keine Beweise gibt. Für jedes Beispiel, das mir einfällt von einer autoritären Gruppe, die Identität benutzt um Unterschiede zu unterdrücken oder Vorurteile zu kreieren, sogar wenn sie gegen Unterdrückung gekämpft haben, kann ich an eine andere Gruppe von unterdrückten Leuten denken, die Identität als ein Überlebensmittel benutzt haben und die Beziehungen mit Menschen und Gruppen mit anderen Identitäten aufrecht erhalten haben um gemeinsam die Machtstrukturen anzugreifen.

Man könnte behaupten, dass wenn es um indigene Leute geht, es überhaupt nicht die Kategorie ist, die sie unterdrückt, sondern die Leute, die gekommen sind und ihr Land gestohlen haben und damit weitermachen sie zu kolonialisieren und in diesem Fall ist die Identität indigen zu sein vielleicht ein lebensnotwendiges Werkzeug dafür kulturellen Genozid zu überleben. Diese Kategorie zu verlieren kommt gleich damit als Volk zu verschwinden und dem Genozid seinen vollen Zug zu erlauben. Man könnte auch sagen das Anthropologen und Philosophen, die Identitäten als Werkzeuge betrachten, nur ihren eigenen manipulativen und mechanischen Weg die Welt zu betrachten, widerspiegeln, und dass eine indigene Identität eine Geschichte, eine Kultur, eine Gemeinschaft und ein unteilbarer Teil von dem ist, was jemand ist. Ich weiss nicht. Jedenfalls haben viele aktive indigene Leute bereits ausgedrückt, dass ein Grund warum sie mit weissen Leuten nicht zusammenarbeiten ist, dass diese ihre Identität und ihr Volkstum leugnen und – als eine Verallgemeinerung – weisse Leute nicht zugehört haben.

Aber diese wage Kritik an Identitätspolitik lehnt solch ein Argument ab. Es ist eine Haltung die viel mit der postmodernen Ablehnung von Grand Narratives [„grossen Fragen“] gemeinsam hat. Diese Ablehnung ist höchst nützlich um die rassischen Mythen von europäischem Volkstum zu leugnen und die Erzählungen, die uns eine gemeinsame Geschichte mit unseren Herrscher_innen geben, abzulehnen. Das ist grossartig. Auf der anderen Seite verhindert eine solche Haltung, dass man Erbschaft und Geschichte von Widerstand und Unterdrückung zur Kenntnis nimmt, was nützlich für die Herrschenden ist. Zum Beispiel, wenn sich jemand selbst nur mit 500 Jahren brutaler kolonialer Unterdrückung und auch 500 Jahren beeindruckendem Widerstand verbinden kann, indem sie_er sich mit einer bestimmten Kategorie von Leuten identifiziert, und wir solche Kategorien für unterdrückerisch und unerwünscht halten, wie soll dann jemand einen Sinn in ihrer Position der Gesellschaft finden, wenn sie in einem scheiss armen Reservat aufwächst und von herrschenden Institutionen und einem Grossteil der Leute auf den Strassen auf eine bestimmte Art und Weise behandelt wird? Ist das nur Zufall? Und wenn sie herausfindet, dass die anderen Leute in ihrer Familie und bestimmte andere Menschen im ganzen Land auffallend ähnliche Erfahrungen gemacht haben, während die dominante Kultur nichts von diesen Erfahrungen sagt, ist das alles bedeutungslos? Oder ist es eine legitime Basis für eine gemeinsame Identität und ein Punkt von dem ein Kampf ausgehen kann?

Ich muss sagen, dass das Beispiel das ich gebe meilenweit entfernt von meiner persönlichen Erfahrung ist. Alle Identitäten, in welche diese Gesellschaft versucht hat mich reinzustecken, passen nicht und die Sturktur ist rauh: Mann, amerikanisch, weiss, Mitglied der Mittelklasse, oder aktueller: Ausgestossener, Versager, krimineller Terrorist. In verschiedenen Ausmassen habe ich diese Identitäten von meinem Körper abgeschält. Die gemeinsame Erfahrung, die ich mit anderen Leuten finde, ist die gemeinsame Entfremdung, unser Wunsch danach, das zu zerstören, was uns geschaffen hat. Das ist zu nihilistisch um eine benannte Identität darauf zu basieren. Tatsächlich hab ich generell nie gewollt zu einer Identitätsgruppe zu gehören und ich habe mich immer seltsam und protzig gefühlt, wenn ich eine anprobiert habe.

Bis ich auf Anarchie gestossen bin. Ich meine nicht Anarchismus oder die anarchistische Bewegung, ich meine die geteilte Erfahrung von Kämpfen mit Leuten, die meinen Hintergrund haben, die meine materielle und emotionale Community bilden, die meine Geschichte teilen und die innerhalb einer sehr wahren Kontinuität von Kampf die bist zum spanischen Bürgerkrieg, der russischen Revolution, der Pariser Kommune (eine Kontinuität, die in den US meiner Erfahrung nach nicht existiert) zurückgeht, lernen und wachsen. Menschen, die eine_n zu sich nach Hause einladen und dir Essen geben, weil du den selben Traum teilst, Leute die sich selbst auf der Strasse für dich riskieren, obwohl sie dich nicht mal kennnen, weil sie dich anschauen und wissen, dass du auf der selben Seite stehst. Es war als ich die Grosseltern des Kampfes, die im mystischen Jahr 1936 gekämpft haben, als Freund_innen getroffen habe und dabei bemerkt habe, dass eines Tages ich oder meine Freund_innen, falls wir überleben, die Opas und Omas sein werden, die Geschichten von einem Kampf erzählen würden, der gleichermassen weit weg ist in der Zeit; es war als mich eine Freund_in durch Moskau geführt hat (oder Barcelona, oder Berlin, oder dieses kleine Dorf in Friesland) und mir gezeigt hat, wo sie unsere Freund_innen Stas und Nastya vor ein paar Monaten getötet hatten, und dort haben die Bolschewiken 1921 einige Anarchist_innen getötet – und ich habe bemerkt, dass diese Orte die selbe Bedeutung haben; und da wurde Geschichte demystifiziert und ich habe entdeckt, dass die Anarchist_innen mein Stamm sind.

Das ist keine Identität die ich jenseits meiner eigenen Erfahrung ideologisieren oder verbreiten will. Aber es ist etwas, dass ich sehr real in meinen Knochen spüre. Und es ist etwas, das mir zeigt, dass mein unwohles Gefühl mit Identität zum Teil eine Entfremdung von der Geschichte des Kampfes war.

Aber die Identität des Anarchisten sagt nicht viel über meine Anfangsposition in der Gesellschaft oder die Formen von Privilegien und Ausbeutung die verschiedenste herrschende Institutionen für mich bestimmt haben. Was ist mit einer Identität die mir von Rassismus und Sexismus, von der Nation auferlegt wurde? Auf diesem Level erzählt mir meine Identität von meiner Abstammung von einer langen Reihe armer Bauern, die über die langen Jahre bewusst beschlossen haben mit einem kapitalistischen, religiösen und rassischen Projekt zu kooperieren, welches mich schlussendlich mit einem Erbe zurückgelassen hat, von dem alles was ich wertschätze abgestreift wurde. Meine lebenden Verwandten haben keine Landwirtschaft mehr und arbeiten auch nicht mehr mit ihren Händen; am Ende war die Landwirtschaft die erste Sprosse auf der Karriereleiter. Sie haben nicht für ihr Land gekämpft und nicht den Einzäunungen oder der Industrialisierung der Landwirtschaft widerstanden und sie haben voll mit den verschiedenen Formen von aktivem Rassismus, an dem weisse Leute engagiert waren, um die Vereinigten Staaten zu schaffen, kooperiert. Und in ihrem Eifer sich gegenseitig zu kontrollieren und innerhalb ihrer ergänzenden reproduktiven Rollen zu bleiben, haben sie Verhaltensweisen von Misshandlung geschaffen, die mich fast zerstört haben bevor ich alt genug war zu verstehen, was zum Teufel hier vor sich geht. Die schlechten Entscheidungen meiner Vorfahren helfen die gut ernährte Misere, in die ich hineingeboren wurde, zu beschreiben und geben meinem Kampf mehr Bedeutung. Und dieser Teil meiner Identität beinhalten überwältigende Ähnlichkeiten mit den Identitäten vieler anderer Leute und überwältigende Unterschiede mit den Identitäten von noch viel mehr anderen Leuten.

Um wieder theoretisch zu werden, das Unbehagen mit Identität scheint mir auch ein Symptom von der postmoderenen Gesellschaft zu sein. Oh Gott, nicht dieses furchterregenden Label (sogar schlimmer als „Identitätspolitik“). Aber nein, geduldige_r Leser_in, ich meine etwas sehr konkretes damit. Ich meine die postmoderne Anerkennung, dass Identität konstruiert ist und ihre Assoziation von Identität mit dem ironischen und unehrlichen, überheblichen und beispiellosen Bombardement des Individuums mit den grundlegendsten Formen von Marketing und Schikane, um die Bildung einer Identität zu manipulieren, die zu nicht mehr als einer kommerziellen Schnittstelle mit Waren und politischen Kategorien geworden ist. Wie verdammt können wir Identität ernst nehmen, wenn sie so offensichtlich für uns von Bekleidungswerbung, Sportteams und Radiogesprächen konstruiert ist?

Wenn wir uns jenseits des historischen Moments bewegen in welchem Identität für viele Leute eine Absurdität geworden ist, was ist dann Identität, wenn nicht ein natürliches Produkt von manipulativen Aussenfaktoren? Ich würde behaupten, dass obwohl Identität ein Projekt ist, welches historisch ist, sie auch nicht natürlich im Sinn davon ist, dass sie von der Natur des menschlichen Verstandes aus entsteht. Identität ist eine Funktion der Art wie Menschen sich selbst verstehen und andere verstehen; und ich würde das chomskysche Argument bringen, dass die erkenntnistheoretische Bewegung zu und jenseits von Kategorien universell zum menschlichen Gehirn selbst ist. In anderen Worten denke ich, dass wir uns selbst und andere schon immer gelabelt haben und labeln, diese Labels herrausfordern, reproduzieren, sie ablegen und die Fragmente in neue Labels integrieren und es gibt nichts Falsches an diesem Projekt, ausser da wo es sich mit einer autoritären Gesellschaft kreuzt, die einen Diskurs und eine Regulierung von Identitäten benutzt, und unter anderem Leute nicht das sein lässt was sie sein wollen. Das heisst, Identitäten zu benutzen oder nicht zu benutzen ist nicht so wichtig wie die realen sozialen Strukturen und Machtdynamiken die hinter diesen Identitäten liegen, anzugehen.

Es scheint mir so, dass das Aufzeigen unserer persönlichen Beziehung zu diesen Machtstrukturen die Bildung einer Identität mit sich bringt, wenn es irgendeine Rede von kollektiver Reaktion beinhaltet, z.B. Kampf. Das ist wahr, sogar wenn wir eine Identität übernehmen die so breit ist wie „die Ausgeschlossenen und Ausgebeuteten“. Unsere Identität wir umso mehr spezifischer, um so spezifischer wir diese Machtstrukturen und wie sie uns beeinflussen untersuchen. Wenn wir versuchen das Patriarchat und Kolonialismus und Migrant_innenarbeit und Alkoholläden zu verstehen, dann ist etwas, dass so undeutlich ist wie „die Ausgebeuteten“ keine nützliche Identität mehr die uns hilft unseren Platz in alle dem verstehen. So eine breite Identität kann nützlich sein um ein atomisiertes Verständnis des Systems zu verhindern – es ist eine umfassende Ablehnung des Systems seitens jeder_m, die_der sich selbst als davon ausgebeutet betrachtet (was grundsätzlich jede_r ist). Aber das muss keine Ablehnung eines spezifischen Ansatzes mit sich bringen, der einen oder mehrere Teile des Systems im Detail betrachtet, im Tandem mit einer spezifischeren Identität, solange dieser Ansatz die holistische Analyse des Systems nicht verliert und somit einen partiellen Kampf gebärt. Nach alledem müssen Identitäten sich nicht selbst gegenseitig ausschliessen. Wenn man das Patriarchat untersucht, dann wird sichtbar, dass unterschiedliche Menschen unterschiedlich kategorische Beziehungen mit Machtstrukturen haben. Aber nur weil jemand sich selbst als Frau versteht, verhindert das überhaupt nicht, dass sie sich auch als Feindin des gesamten Systems, zusammen mit all den anderen Feind_innen des Systems, versteht.

Hier will ich von einem Gedanken provozierenden Artikel von Craige Calhoun über Identitätspolitik zitieren. Er bietet eine prägnante Definition von Essenzialismus in Identität, welche ähnlich zu jener ist, die Lawrence Jarach in seinem Artikel „Essenzialismus und Identitätspolitik“ benutzt, obwohl ich den Artikel von Calhoun besser entwickelt finde, viel präziser und weniger geladen. Er definiert Essenzialismus als die „[Vorstellung], dass individuelle Personen einzigartige, vollkommene, alles in allem harmonische und unproblematische Identitäten haben können“. Und weiter:


<quote>Bosnische muslimische Feminist_innen und andere Befürworter_innen von bosnischen Frauen haben 1993 eine schreckliche Version wie Nationalismus und Gender aneinanderstossen können, erfahren. Serbische Männer haben tausende bosnische Frauen vergewaltigt […]. Das war eine spezifische auf das Gender bezogene Gewaltanwendung, die gleichermassen spezifisch gegen eine national definierte Gruppe eingesetzt wurde. Bosnische Männer haben diesem Unheil noch hinzugefügt, dass sie die Frauen die vergewaltigt wurden als befleckt und unrein behandelt haben. Sie wurden nicht nur im generellen sexistischen Diskurs von weiblicher Reinheit befleckt, sondern in einem spezifischen nationalistischem Diskurs in welchen sie als Töchter, Ehefrauen und Mütter abgeschrieben wurden. Über sich selbst eher als Frauen zu denken, als als bosnische Muslim_innen oder als bosnische Muslim_innen eher als als Frauen machte keinen Sinn. Sie wurden vergewaltigt, weil sie beides waren, und die bosnische muslimische Kultur genauso zu verurteilen wie das serbische Projekt von ethnischer Säuberung (wie es manche amerikanische Feminist_innen getan haben) heisst diese Frauen zu verurteilen. Und doch war die offensichtliche Behauptung beides zu sein, bosnische Muslim_innen und Frauen, nur als politisches Projekt verfügbar (jedoch unausgesprochen) um den Diskurs von Gender, Religion und Nation innerhalb von dem was ihre Identitäten abgeschrieben hat, und auf der Basis von dem, was ihre Körper und ihre Ehre gleichermassen verletzt hat, darzustellen.

[…] Aber die Rätsel liegen nicht nur in Beispielen von starken kollektiven Identitätsansprüchen. Sie liegen auch in dem Ausmass in dem Menschen […] nicht von starken Ansprüchen von Identität – oder Kommunalität – von anderen bewegt werden und anstattdessen auf individualistische Berufungen zur Selbstverwirklichung ansprechen. Ausserdem schliessen sich diese beiden in der Praxis nicht gegenseitig aus. Der selbe Widerwille in komplexen Kämpfen für soziale Veränderung zu kämpfen könnte hinter beidem – einer Präferenz für individualistische, psychologistische Lösungen von Problemen und einer Tendenz die illusorischen Lösungen, die von starken, vereinfachten Identitätsansprüchen im Namen von Nationen, Rassen und anderen vermeintlichen undifferenzierten Kategorien geboten werden, zu akzeptieren – liegen.[5]</quote>


Wie kann es in anarchistischen Kämpfen überhaupt hilfreich sein sich auf kollektive Identitäten zu konzentieren? Mir fallen da ein Haufen Beispiele ein. Hier ist ein gutes. Eine meiner besten Freund_innen an dem Ort wo ich jetzt lebe, war als ich sie traf, eine lesbische separatistische Feministin. Sie ist eine Anarchistin und wir hatten viel Affinität, aber in der Mehrheit ihrer politischen Projekte und persönlichen Beziehungen hat sie sich entschieden ausschliesslich mit anderen Frauen Kontakt zu haben. Sie hat in einem Haus nur mit Frauen gelebt, hat in einer Frauen-Selbstverteidigungsgruppe gearbeitet, sowie in einigen politischen Kollektiven nur mit Frauen und sie hatte nur mit Frauen romantische Beziehungen. Sie hat diese Strategie aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung mit sexueller und sexistischer Gewalt gewählt, weil es für sie so war, dass nur Frauen sie bezüglich dieser Erfahrungen wirklich verstehen und unterstützen konnten, weil sie in diesen Gruppen in denen nur Frauen waren eine andere Dynamik wahrgenommen hatte, die sich sicherer anfühlte und effektive Kommunikation und Aktion besser ermöglichte, und sie genug davon hatte immer ihre Erfahrungen rechtfertigen zu müssen oder mit Männern und antifeministischen Frauen darüber diskutieren zu müssen, dass die sexuelle Gewalt die sie und ihre Freund_innen erfahren haben tatsächlich existiert.

Es wäre arrogant ihr zu sagen, dass diese Erfahrungen ungültig sind und ausserdem scheint ihre Effektivität als Anarchistin ihre Strategie zu bestätigen. Von dem aus, was ich mitbekommen habe, hat sie wichtige Beiträge zum Kampf gegen Sexismus geleistet, was direkte Aktionen gegen Vergewaltiger, Gegeninformation und Teilnahme an theoretischen Debatten, die die meisten Anarchist_innen hier als wichtig erachten, unabhängig davon auf welcher Seite sie stehen. Und sie hat wichtige Beiträge zur anarchistischen Bewegung geleistet, jenseits der feministischen Aspekte. Natürlich kann ich nicht sagen, welche das waren, aber ich würde wetten, dass fast alle Anarchist_innen, unabhängig davon wie sie über sogenannte Identitätspolitiken denken, ihre Arbeit lohnenswert und beeindruckend finden würden. Und an der Basis für viele dieser Arbeiten steht der Safe Space, den sie sich selbst in Frauen-Räumen geschaffen hat.

Die ganze Zeit seit ich sie kenne, hat sie mir nie eine Identität auferlegt oder mich abwertend behandelt oder mich ausgeschlossen. Der ganze Aufwand den ich hatte, war ihr zuzuhören, ihre Erfahrungen als gültig zu akzeptieren und ihre Wahl mit wem sie wann arbeiten wollte zu respektieren, auch wenn es manchmal hiess, dass sie nicht mit mir arbeiten wollte, nicht unbedingt wegen meinem Gender, sonder aufgrund ihrer Gendererfahrungen. Wie ein katalanischer Anarchist erwähnt hat, Separatismus ist nur Separatismus, wenn wir die Autorität akzeptieren, die die beiden zu Beginn zusammengebunden hat. Ansonsten ist es freiwillige Assoziation.

Das begründet eine von vielen Geschichten, mit denen ich vertraut bin, die der Hypothese widersprechen dass anarchistische Kämpfe, die Identität betonen, den Kampf spalten oder Unterdrückung wiederbeleben. Aber dieses Beispiel ist besonders interessant, weil diese Freundin jetzt keine lesbische Separatistin mehr ist. Sie arbeitet jetzt in gemischten Gruppen und hat Beziehungen mit Typen. Sie lehnt ihre alte Strategie nicht ab, sie hat sich nur davon wegbewegt. Es war ein nötiger Teil ihres Prozesses. Andere Anarchafeminist_innen verweilen permanenter in diesem Aktionsmodus und obwohl wir weniger gemeinsame Basis haben zu kämpfen, respektiere ich, dass sie wichtige Arbeit tun, was ich daran sehen kann, um nur ein Beispiel zu nennen, wie sehr sie meiner Freundin geholfen haben. Für mich wärs die Höhe der Arroganz eine Art Ablaufplan für sie zu verfassen, zu verlangen, dass sie Separatismus als eine Phase durchlaufen. Solange ich ihre Arbeit respektiere und sie meine, ist der Kampf nicht gespalten. Die Spaltung erscheint dann, wenn wir den Kampf von Menschen, die sich dafür entschieden haben, sich auf einen anderen Teil des Systems zu fokussieren, für ungültig erklären.

Ich wünschte all diese hochnäsigen Idioten, die den Begriff „Identitätspolitik“ anpreisen würden verstehen, dass anarchistische Theorie und Praxis existiert um unseren Zwecken zu dienen. Das soll nicht heissen, dass alles geht, dass ich ok bin und du ok bist, aber dass die Basis für unsere Kritik sein sollte, wie gut unsere Praxis uns in unserem Kampf für Befreiung dient, und nicht wie gut unsere Praxis in einen klaren Entwurf passt, der auf einer reinen anarchisitischen Ideologie beruht. Doch hör ich ziemlich oft die Formel: Anarchismus steht unfreiwilligen Kategorien gegenüber, also steht es im Gegensatz zu Anarchismus, wenn man sich als Frau oder als POC auf irgendeine Art organisiert, weil es diese Kategorien reproduziert. Das erinnert mich an debattierende Pazifist_innen. „Wir wollen eine friedliche Welt, also kannst du keine Gewalt benutzen, um dort hinzukommen.“

Nicht nur, dass es viele Beispiele für Kämpfe gibt, die von der Entwicklung oder Verteidigung einer Identität unterstütz werden, ich würde behaupten, dass die Ablehnung von Identität die in einer Ablehnung von politischer Auseinandersetzungen mit Identität enthalten sind, uns in eine Zeit zurückverschlägt als soziale Kämpfe absichtilich institutionelle Formen übernommen haben – in eine Zeit, als die anarchistische Bewegung noch nicht gelernt hatte, was Anarchismus wirklich ist. Eine Ablehnung von Identitätsunterscheidungen und die begleitende Homogenität einer impliziten Identität (ob es „die Ausgebeuteten“ oder „die Arbeiter_innen“ sind) macht mehr Sinn bei der Organisationsform von „wir sind eine grosse Vereinigung“, die von diesem Kampf weitgehend aufgegeben wurde. Der Kampf existiert weiter innerhalb von Netzwerken, welche eine heutzutage üblichere Organisationsform sind. Ein fundamentaler Bestandteil von Netzwerken wie ich sie verstehe, ist die Autonomie ihrer Bestanteile. Und diese Autonomie und die Fähigkeit verschiedener Teile die anderen zu erkennen und mit ihnen in Beziehung zu treten, wird in dem fortlaufenden Projekt der Identitätsbildung präzise entwickelt.

Ja, Identät kann missbraucht werden. Genauso wie Kultur oder Individualität. Identität abzulehnen ist genauso absurd wie Kultur oder Individualität abzulehnen, wenn wir bemerken, dass Identiäten zu bilden ein Teil davon ist, Mensch zu sein. Was wir ablehnen sollten sind Grenzen, Reinheit und Kontrolle innerhalb der Identitätsbildung.

Es ist nicht genug Rassismus und Sexismus aufzulösen. Ja, Rasse und Gender sind sozial konstruiert, aber das macht sie nicht weniger real (ausserdem war Gender möglicherweise nicht in jeder Gesellschaft in der es existiert (hat) unterdrückend). Rassismus und Sexismus verlangen spezifische Aufmerksamkeit und einen andauernden Kampf um zerstört werden zu können, genauso wie Kapital ein soziales Konstrukt ist, wird Kapitalismus auch nicht ohne spezifische Aufmerksamkeit und einen andauernden Kampf zersört werden. In einer Kritik von Seximus innerhalb der Bewegung vor Ort, hat ein griechischer Insurrektionalist, der auch ein Anarchist und ein Feminist war, gesagt, dass Freiheit nicht theoretisch ist, sondern praktisch. Freiheit existiert nicht indem man sie kundtut, sondern wenn wir herausfinden wie sie von grundauf funktioniert. Ich stimme vollen Herzens zu: Das ist der Unterschied zwischen der liberalen und der anarchistischen Vorstellung von Freiheit.

Wenn wir diese praktischen Details ausarbeiten, dann beginnnen wir bei unseren eigenen Erfahrungen und werden unsere eigenen Strategien entwickeln. Aber Anarchie kann nur von einer Diversität an Erfahrungen und Strategien profitieren.

[1] US-amerikanische Feministin, Journalistin und Politikerin. Mitbegründerin der National Women’s Political Caucus, der Women’s Action Alliance, sowie des feministische Magazin „Ms.“. usw.

[2] Zionist, Sozialist, Führer der jüdischen Arbeiterbewegung, 1949–1954 und 1955–1963 erster Ministerpräsident Israels

[3] Konservativer, nationalistischer amerikanischer Autor und Aktivist der Black Power-Bürgerrechtsbewegung, und Begründer des Kwanzaa Festes.

[4] 1965–1997 Präsident der Demokratischen Republik Kongo, Putschist und Diktator.

[5] Craig Calhoun (1994), Social Theory and the Politics of Identity, p.13. pp.28–29. Der Artikel von Jarach „Essentialism and Identity Politics“ erschien in Anarchy Magazine no.58, 2004. [auf Deutsch: Der Essentialismus und das Problem der Identitätspolitik]