Titel: Über Konflikt und Beziehung
AutorIn: Gross, Otto
Datum: 1920
Quelle: Gescannt aus: Otto Gross, Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe, Edition Nautilus 2000: Drei Aufsätze über den inneren Konflikt, 1. Aufsatz.
Bemerkungen: Abgeglichen mit der Erstveröffentlichung in Abhandlungen aus dem Gebiete der Sexualforschung. Band II, Heft 3; A. Marcus & E. Webers, Bonn 1920. In der Veröffentlichung von Ed. Nautilus wurde der Sperrdruck im Original nicht beachtet, hier wird der Sperrdruck des Originals kursiv wiedergegeben.

Die neue Denkweise in der Psychopathologie führt Seelenstörungen auf inhaltlich bestimmte Grundbedingungen zurück; sie ruht auf der Kenntnis der typischen Ausgangslage für schädigende Konstellationen der psychischen Inhalte, des Aufeinandertreffens von unvereinbaren Impulsen. Der Ursprung dieses Wissens war die Entdeckung C. Wernickes von der Bedingtheit affektierter Überwertigkeiten durch das Bestehen von unlösbaren inneren Konflikten.

Die eigentliche moderne Psychologie, die Lehre S. Freuds vom Unbewußten, steht auf der Kenntnis der Veränderung im Ineinandergreifen der Funktionen, der Spaltung der Bewußtseinseinheit durch den inneren Konflikt. Sie rechnet mit der Ablösung unbewußter Komplexe, der »Verdrängung« als Folge jeder Unvereinbarkeit von unaufgebbaren Impulsen mit der Gesamteinstellung der Persönlichkeit.

Die ungeheure, von Freud entdeckte Bedeutung des Sexuellen für das unbewußte Seelenleben ist auf die Tatsache zurückzuführen, daß hier der Widerstreit von unzerstörbarem eigenen Wollen und übermächtigen Suggestionen — der Summe der bestehenden Moralprinzipien und Institutionen auf dem Gebiete der Sexualität — mit absoluter Unausbleiblichkeit den unlösbaren inneren Konflikt erzeugt. Der sexuelle Grundcharakter der Neurose liegt nicht im eigentlichen — am wenigsten im angeborenen — Wesen der Sexualität, sondern in der Tatsache, daß das Gebiet der Sexualität von äußeren Faktoren zum eigentlichen Gebiet des hoffnungslosen inneren Kampfes gemacht wird.

Freud hat die Ansicht ausgesprochen, die ursprüngliche sexuelle Anlage des Menschen und die erste Sexualität des Kindes sei »allsexuell«. Sie enthalte die Summe aller überhaupt existierenden Perversionen in sich. Die »normale« Richtung der Sexualität entstehe nach und nach durch Eindämmungsarbeit, durch Verdrängung der perversen Teilkomponenten, und diese Verdrängung wäre nach Freud im letzten Grund ein Resultat der Erziehung, ein Machteffekt der allgemeinen Anschauung, eine Anpassungsleistung — also ein Endprodukt alles dessen, was ich die »Summe aller Suggestionen« genannt habe.

Die Tatsachen, auf welche Freud diese Meinung stützt, soweit sie das Bestehen aller möglichen Perversionen in der Kindheit und im Unbewußten jedes einzelnen erweisen, sind einwandfrei. Allein die prinzipiellen Annahmen Freuds über das Wesen der sexuellen Anlage, über die Art der angeborenen Sexualität, sind davon streng zu scheiden und ich bekenne, daß ich mich in diesem Punkt im Gegensatz zur Meinung des großen Meisters befinde.

Ich definiere Perversion als Übertragung sexueller Triebenergie auf etwas seinem Wesen nach nicht Sexuelles, und nehme an, daß jede wirkliche Perversion, wie im letzten Grunde jede seelische Störung überhaupt, auf ungünstige Einwirkung von außen her, auf eine den angeborenen Anlagen, dem angeborenen Artcharakter und der Individualität entgegenstrebende Fremdeinwirkung zurückgeht. Die Summe aller Perversionen, die allerdings in der Seele des Kindes, und zwar ausnahmslos jedes Kindes, und ebenso im Unbewußten jedes Menschen überhaupt sich haben nachweisen lassen, ist meiner Meinung nach die Folge der auf jedes Kind und jeden Menschen überhaupt einwirkenden, im großen und ganzen gleichgerichteten Familien- und Milieusuggestion. Ich schicke dies hier als Behauptung voraus und werde später genauer auf diese Dinge zurückkommen.

Ich erinnere an die Definition, die ich [1] vom inneren Konflikt an sich gegeben habe: es ist der Kampf des Eigenen und Fremden in uns. —

Vor dem Versuch eines näheren Eingehens auf diese Definition ist eine Überlegung einzuschalten. Sie bezieht sich auf die Lehre Alfred Adlers und auf den Gegensatz zwischen den beiden großen psychoanalytischen Schulen, zwischen Adler und Freud, ein Gegensatz, der meiner Meinung [nach] im letzten Grund nur ein scheinbarer ist und einer gegenseitigen Ergänzung, einer Kombination von beiden Richtungen zu einem Ausbau der Erkenntnis vom inneren Konflikt Platz machen könnte.

Adlers Lehre geht letzten Grundes auf eine psychanalytische Vertiefung von Nietzsches Idee vom »Willen zur Macht« zurück. Nach Adler ist es das treibende Prinzip des Individuums, sein Ich um jeden Preis, mit jedem Mittel zur Geltung zu bringen und — dies ist das geniale Neue in seiner Lehre — vom Unbewußten heraus zu protestieren gegen die Unterdrückung von außen her. Nach Adler ist das sexuelle Moment in der Psychoneurose selbst nur Symbolik, symbolischer Ausdruck für jene revolutionäre, aber auch vergewaltigende Tendenz. Was Adler vor allem über den inneren Widerstand der Frau gegen die ihrem Geschlecht widerfahrende Unterdrückung und über die psychologischen und psychopathischen Ausdrucksformen dieses Widerstandes gelehrt hat, das gehört zum Tiefsten, das ein Forscher erfassen konnte [2].

Ich selber halte nun den »Willen zur Macht«, d.h. den »Ichtrieb« in seiner Gestalt als vergewaltigende Tendenz für ein sekundäres, im letzten Sinn bereits pathologisches Phänomen, für die durch ewige Unterdrückung verbildete und zugleich hypertrophierte Form jenes ursprünglichen Triebes, den ich als »Trieb zur Erhaltung der eigenen Individualität in der ihr eigenen, angelegten Wesensart« bezeichnet habe. Ich nenne diesen Trieb in seiner ursprünglichen, also nicht durch Widerstand und Überkompensation veränderten Form, in der er also noch nicht auf Vergewaltigung anderer gerichtet ist, das »revolutionäre Moment« im psychologischen Sinne.

Ich kann es nun ausschließlich bei einem inneren Konflikt zwischen einander entgegengerichteten, koexistenten Trieben für möglich halten, daß ein Trieb der Verdrängung unterliegt und dadurch aus dem Unbewußten heraus symbolische Äußerungen findet, d.h. also, pathologische Symptome schafft. Nur durch die Annahme eines inneren Konfliktes scheint mir die Tatsache der Hypertrophierung eines Triebes verständlich zu werden. Und eine solche Hypertrophierung stellt doch der Wille zur Macht, der vergewaltigende »Ichtrieb« im Sinne Adlers, dem ursprünglichen Selbstschutzinstinkte gegenüber dar, den ich als »revolutionäres Moment« bezeichnet habe.

Mit anderen Worten: der »Ichtrieb« im Adlerschen Sinne, der »Wille zur Macht« in seiner ungeheuren, von Adler richtig erkannten psychologischen Bedeutung ist nur verständlich als eine Komponente eines antagonistischen Kräftepaares. Und so erscheint die Synthese der Adlerschen mit der Freudschen Anschauung möglich und geboten, denn die andere Komponente des Triebkräftepaares identifiziert sich von selbst mit der Sexualität im Sinne Freuds.

Wir hätten also die beiden, einander entgegengerichteten Triebe, den Ichtrieb und die Sexualität, und zwischen diesen beiden wäre der krankmachende innere Konflikt.

Es ist aber nicht möglich, anzunehmen, daß in der ursprünglichen Anlage, artgemäß prädisponiert, zwei Triebe angelegt sein könnten, deren naturgemäße Bestimmung es wäre, miteinander in einen unlösbaren, krankmachenden Konflikt zu geraten. Wir müssen hier annehmen, daß durch allgemeinwirkende äußere Schädlichkeiten der ursprüngliche Charakter der angelegten Triebe verändert wird, daß sie durch »Triebverschränkung« — nach Adlers klassischem Ausdruck — mit reaktiven Impulsen des Individuums in unbewußte, immer fester werdende Verbindungen geraten, daß sie durch diese »Verschränkungen«, ich möchte sagen, mit Verzweiflungsreaktionen des Individuums entarten, daß sie durch Kämpfe mit der Außenwelt und endlich miteinander hypertrophieren, so immer mehr konflikterregend werden und endlich Ausgangspunkte neurotischer Symptome sind.

Es steht also das Problem: Wodurch geschieht es, daß die angelegten großen, in ihrem ursprünglichen Charakter doch notwendigerweise harmonisch koordinierten Triebe zu den beiden antagonistischen Triebkomponenten werden, die nun als »Wille zur Macht«, als krankhafter Ichtrieb im Sinne Adlers einerseits und als »allsexuell« gewordene, alle Perversionen umfassende, verdrängungsbedürftige und Psychoneurosen erzeugende Sexualität im Sinne Freuds anderseits vor Augen stehen?

Mit anderen Worten: Ich gab vorhin die Definition — die ich vorläufig als Behauptung hingestellt lasse —: der eigentlich krankmachende Konflikt ist der Konflikt des Eigenen und Fremden in uns. Dann, beim Versuch der Synthese der Adlerschen und Freudschen Lehren hatten wir gefunden: der prinzipielle innere Konflikt ist der des Ichtriebs und der Sexualität. Wenn beide Annahmen richtig sind, so ergibt sich daraus: die zweitgenannte Form ist das Resultat von Veränderungen, welche der ursprüngliche Zustand des Seelenlebens und sein ursprünglicher Konflikt — der zwischen Eigenem und Fremdem im Widerspiel von Anpassung und Widerstand, durch »Triebverschränkungen« und Hypertrophierung der Triebe im gegenseitigen Kampf erlitten haben. Es bleibt das Problem: Durch welche Einflüsse und nach welchen Mechanismen geht diese Veränderung vor sich?

Von der ursprünglichen, artgemäß angelegten Sexualität können wir zusammenfassend wohl nur das eine sagen: die Sexualität als angelegter Trieb und also auch die ursprüngliche Sexualität des Kindes ist Trieb nach Kontakt, im physischen und psychischen Sinne.

Der Trieb nach der Erhaltung der eigenen Individualität, wie ich ihn nenne, ist der Verteidigungsinstinkt zum Schutze aller angelegten Wesensart mit ihren angeborenen Trieben, mit Einschluß natürlich der Sexualität in ihrer individualitätsgemäßen Art.

Es ist selbstverständlich, daß diese beiden Triebe miteinander zunächst harmonisch koordiniert sein müssen — wie alle ursprünglichen Triebe und Anlagen überhaupt.

Nun wirkt der Druck der Umgebung auf das Kind als Zwang zur Anpassung, d.h. als Unterdrückungstendenz dem Instinktleben gegenüber. Die Umgebung versagt dem Kinde den Kontakt im physisch-sexuellen Sinne überhaupt gänzlich, im psychischen bindet sie die Aussicht auf Kontakt — der durch das verschwindend geringe psychologische Verständnis des Erwachsenen für das Kind schon auf ein Minimum und fast auf Surrogate beschränkt ist — an die Bedingung der Anpassung, des Verzichtes auf individualitätsgemäßes Sein.

Es ist dies jenes Geschehen, das ich als die »Vereinsamung des Kindes« durch die bestehenden Milieuverhältnisse bezeichnet habe [3].

Ich sehe in der Einsamkeit, in die das Kind versetzt wird, den eigentlichen Ursprung aller neurotischen Angst und damit jenes eigentümlich angstvollen, verzweifelt-rücksichtslosen Charakters, der allen aus dem Unbewußten hervorbrechenden Impulsen ein so spezifisches Gepräge verleiht.

Der erste dem Kinde notwendig gewordene innere Konflikt, der Konflikt des Eigenen mit dem eindringenden Fremden, verliert also seine Reinheit eigentlich schon von Anfang her durch eine Triebverschränkung, die einen von den eigenen Instinkten, die Sexualität, mit einer Anpassungstendenz an andere, d.h. mit einer Bereitschaft zur Aufnahme von Fremdsuggestionen zusammenbindet. Der seelische Selbsterhaltungsinstinkt hat fortan zu kämpfen nicht nur gegen die Suggestionen von außen her, sondern auch gegen die eigene Sexualität als solche, welche die affektive Energie für die suggerierten Inhalte zu stellen begonnen hat.

Und damit hat der eigentliche antisexuelle »Protest« im Sinne Adlers eingesetzt. Er ist seinem Wesen nach auf Isolierung gerichtet. Der »Ichtrieb« als antisexueller Protest ist jetzt der Instinkt der Selbsterhaltung um jeden Preis, er zielt auf die Erhaltung der großen Einsamkeit um einen herum durch eigene Kraft.

Erklärlich ist die Existenz und die Entwicklungsrichtung dieses Triebes allein durch seinen nie aufhörenden Antagonismus mit einem gleichstarken, immerwirkenden, entgegengerichteten Triebe, den mit der Sexualität als Kontaktbedürfnis um jeden Preis, welche den Trieb der Anpassung, der Hingabe des eigenen Ich an andere, der Selbstaufgabe in sich aufgenommen hat.

Damit, daß die infantile Sexualität den Impuls zur Hingabe des eigenen Ich an Andere, der Unterwerfung zwecks Vermeidung der Vereinsamung in sich aufgenommen hat, ist ihr das masochistische Moment zu eigen geworden. Wir können sagen, der Masochismus ist der Versuch des Kindes, sich mit der ihm gegebenen passiven Situation zu identifizieren und so durch Unterwerfung einen gewissen Kontakt mit der Umgebung zu erlangen. Das treibende Motiv im Masochismus ist die Angst vor der Einsamkeit, Angst vor der Einsamkeit ist aber ein Motiv, das auch das ganze Leben hindurch zur Geltung kommen muß. In den bestehenden Verhältnissen ist die Art der gegenseitigen Beziehungen der Menschen zueinander — die inneren Gründe für diese Beziehungen sind auch Gegenstand unserer Problemstellung hier — in so hohem Grade korrumpiert, daß die Alternative zwischen Einsambleiben und sich vergewaltigen zu lassen wohl jedem und immer in seinem ganzen Leben entgegensteht. Die infantile Tendenz, durch Unterwerfung Anschluß zu erreichen, wird damit dauernd erhalten. Nun haben wir früher gesagt, die masochistische Tendenz ist ein Sichabfinden-wollen und eine Bejahung der infantilen Situation dem Erwachsenen gegenüber. Zwar ist ein Mensch wohl selten im späteren Leben in Wirklichkeit so einsam, wie er als Kind gewesen ist, aber ein Kind hat wenigstens noch die Hoffnung auf eine Erleichterung dieser Einsamkeit um den Preis der Unterwerfung. Durch eine unbewußte Erinnerung an diese Hoffnung fixiert sich eine Sehnsucht und Tendenz ins Infantile zurück durchs Leben hindurch. Wir können also den Masochismus auch definieren als das Bestreben zur Wiederherstellung der infantilen Situation den Erwachsenen gegenüber.

Wir können annehmen, daß der Masochismus ursprünglich und vielleicht wirklich während einer bestimmten, einen Zeitabschnitt ausfüllenden Periode mit der Sexualität als solcher, als dem Kontaktbedürfnis um jeden Preis, zu einer Einheit zusammenschmilzt. Demgegenüber stellt der Selbsterhaltungstrieb der Persönlichkeit, als antagonistische Komponente, zunächst den antisexuellen Protest als solchen dar. Allein es kommt wohl sehr bald schon dazu, daß die infantile Tendenz, durch Unterwerfung zum Kontakt mit den anderen zu kommen, auch rein dem sexuellen Bedürfnis gegenüber als unzureichend empfunden wird. Die Angst der Einsamkeit, die sexuelle Isolierung selbst muß auch die Tendenz entspringen lassen, den sexuellen Kontakt, wenn auch nur in grobphysischer Form, und doch auch irgendeine surrogative Art von seelischer Beziehung, wenn möglich, erzwingen zu wollen. Das Kind hat die verzweifelte Sehnsucht, erwachsen zu sein: dies Erwachsensein-wollen ist seinem Wesen nach, in genauem Gegensatz zur Lage der Dinge beim Masochismus, ein souveräner Inhalt der Selbsterhaltungstendenz.

Erwachsensein und überhaupt stark sein bedeutet aber auch eine Aussicht auf Erfüllung des Wunsches, sich Sexualität erzwingen zu können. So kommt es zu einem Kompromiß zwischen der Sexualität und der Selbsterhaltungstendenz in ihrer hypertrophischen Form, zu einer Triebverschränkung von Sexualität und Willen zur Macht. Gerade der seelische Zustand des Kindes, die Einsamkeitsangst und das Ohnmachtsgefühl, die seinem Unbewußten einen der Angst naheverbundenen Gehalt von Haß und Rache verleihen, führen zu den oft so gewaltsamen und grauenhaften Charakterzügen der Vergewaltigungstendenz. Das Verbindungsresultat der Sexualität mit dem Willen zur Macht, in seinem Wesen ein Kompromißgebilde aus Angst vor der Einsamkeit und Willen zur Erhaltung der Einsamkeit, ist die sadistische Triebkomponente.

Wir können also sagen: Es wird durch äußeren Druck, durch die das Kind umgebende Alternative zwischen Selbsthingabe und Einsamkeit in jedem Menschen ein masochistisches Moment geschaffen als Ausdruck der Unüberwindlichkeit des Bedürfnisses nach Kontakt. Demgegenüber bildet sich der »antisexuelle Protest« als kompensierende Hypertrophierung des seelischen Selbsterhaltungstriebes. Nunmehr aber kommt es zu einem Kompromiß zwischen diesem auf Erhaltung der Einsamkeit gerichteten Triebe mit der Sexualität, mit anderen Worten: es bildet sich auch eine sexuelle Teilkomponente heraus, in welcher die Erhaltung der eigenen Isolierung zugleich mit sexuellem Sichauslebenwollen zustande kommt. Es wird der hypertrophische Ichtrieb in seinem Wesen als Abwehr des Kontaktes und Durchsetzen des eigenen Ich dem andern gegenüber, also »der Wille zur Macht« zu einem sexuellen Ausdruck gebracht. Dies aber ist, das Wort in seinem weitesten Sinne genommen, das Wesen des Sadismus. Es bildet sich also auch in jedem Menschen ein sadistisches Moment als Ausdruck der Unüberwindbarkeit des seelischen Selbsterhaltungstriebes. So wird der große innere Konflikt, ursprünglich der Konflikt zwischen dem Eigenen und Fremden, dann als Konflikt zwischen der Sexualität und dem Ichtrieb, zwischen Hingebungstendenz und Willen zur Macht, zuletzt als Ganzes in das Gebiet des Sexuellen hineingezogen und fixiert sich als Konflikt zwischen zwei antagonistischen Triebkomponenten sexueller Natur, zwischen dem masochistischen und sadistischen Moment.

Auf den Konflikt in dieser letzten Form geht weiterhin alle innere Zerrissenheit des Individuums zurück und alles ewige Mißlingen in den Beziehungen der Individuen zueinander. In der sadistisch-masochistischen Verbildung der großen Triebe beruht die Pathologie der Beziehung. —

Ich gab vorhin die Definition: Die Sexualität in ihrer ursprünglichen Form ist das Bedürfnis nach Kontakt mit den anderen, im physischen und psychischen Sinne. Und: Jede Perversion ist Übertragung sexueller Energie auf ursprünglich Nichtsexuelles.

Ich habe mich ferner gegen die Auffassung Freuds von der Allsexualität, die alle Perversionen vom Ursprung her mit umfasse, gewendet. Es scheint nun ein Widerspruch zwischen dieser meiner Meinung und meiner eigenen Definition. Denn dieser letzten nach umfaßt die ursprüngliche Sexualität die homosexuelle Komponente in sich.

Es fragt sich nun, inwieweit diese homosexuelle Komponente tatsächlich eine Perversion bedeutet. Nach der gegebenen Definition müssen wir die Frage stellen, inwieweit die Richtung der homosexuellen Komponente tatsächlich in das Gebiet der durch ursprüngliche Anlage umgrenzten, eigentlich sexuellen Inhalte fällt. Ob etwas durch Anlage vorgebildet sein kann, entscheidet sich durch das Bestehen oder Fehlen einer biologischen Zweckmäßigkeit.

Dies Problem ergibt sich also, inwieweit in der homosexuellen Triebkomponente eine artgemäße Zweckmäßigkeit, ein — sit venia verbo — teleologisches Moment gelegen ist.

Ich glaube, der angeborenen, also »normalen« Sexualität ist eine homosexuelle Komponente angeschlossen und es ist deren Funktion, die Einfühlung in die sexuelle Einstellung des anderen Geschlechtes zu ermöglichen. Denn Einfühlen kann man sich nur in das, was man innerlich miterlebt, und das bedeutet im Falle der Einfühlung in sexuelle Empfindungen des anderen Geschlechtes, in sich selbst ein homosexuelles Partialmotiv zur Geltung kommen zu lassen.

Wohin die biologische Zweckmäßigkeit dieses Vorganges eingestellt ist, wird am besten verständlich, wenn man sich die mit der Unterdrückung der homosexuellen Komponente unvermeidlich gegebene Unterdrückung der sexuellen Einfühlung in das andere Geschlecht vor Augen stellt. Es ergibt sich dann, daß durch diesen Verdrängungsvorgang das Erleben der sexuellen Situation als einer Gemeinsamkeit, einer verbindenden Welteinwirkung von vornherein unmöglich gemacht ist, also im sexuellen Vorgang eines das andere nur als das Werkzeug seiner Befriedigung empfinden kann, gegen dessen eigenes sexuelles Tun und Empfinden sich die dem eigenen Miterleben — als einem homosexuellen Motiv — entgegengerichtete Verdrängungstendenz verneinend und fernhaltend einsetzt. Und dies genügt fast schon allein zur Erklärung für die grauenerregende Universalität jener Erscheinung, für die August Strindberg den Ausdruck gefunden hat: »Der Haß der Geschlechter gegeneinander ist ohne Namen, ohne Grenzen, ohne Ende.«

Die Unterdrückung und Verdrängung der angeborenen homosexuellen Teilkomponente — ich nenne dieselbe in ihrer ursprünglichen Gestalt, im Gegensatz zu ihrer durch komplizierte Triebverschränkungen modifizierten und verbildeten »sekundären« Erscheinungsform die »primäre« Homosexualität — erfolgt zunächst einmal durch die ihr entgegengerichteten Moralsuggestionen der Umgebung. Die Summe aller dieser Suggestionen an sich wäre noch eher — als reiner seelischer Fremdkörper — einer späteren Ausstoßung fähig. Unendlich erschwert aber sind für jeden solchen Eliminierungsversuch die hinzukommenden Triebverschränkungen der homosexuellen Komponente mit wirklichen Perversionen, vor allem mit dem sadistisch-masochistischen Kräftekomplex und mit der Perversion, für welche Freud Begriff und Ausdruck der »Analerotik« gefunden hat.

Wir wollen hier zuerst die Triebverschränkung der Homosexualität mit der Analerotik — welche aus Gründen, die wir sogleich besprechen werden, nur beim Mann von größerer Wichtigkeit ist — besprechen und dann zum Homosexualitätsproblem und seinen tiefen Zusammenhängen mit unserem eigentlichen Thema, dem sadistisch-masochistischen Kräftekomplex und den Störungen der Beziehung im engeren Sinne zurückkehren.

Die Entstehung der Analerotik kann man mit der des Masochismus in eine gewisse Parallele bringen. Man kann sagen, der Masochismus ist in erster Linie Resultat und Fixierung der Erniedrigung, welche das psychische Moment des Kontaktbedürfnisses erfährt, von der Analerotik gilt dasselbe in bezug auf das physische Moment der Sexualität. Wie die Verschiebung sexueller Energie auf das Gebiet der analen Region und der exkrementellen Funktionen, also nach meiner Terminologie auf ein anlagegemäß und seinem Wesen nach nichtsexuelles Gebiet zustande kommt, das wird verständlich, wenn man sich das folgende vor Augen stellt. Das physisch-Sexuelle wird im Kind, soweit es der Umgebung als solches erkennbar, d.h. soweit es eben anlagegemäß auf die natürlichen Regionen und Funktionen der Sexualität konzentriert ist, mit allen Mitteln unterdrückt und zur größtmöglichsten Verdrängung gebracht. Die exkrementellen Funktionen dagegen lassen sich nicht unterdrücken und nicht verdrängen, auf diesem Gebiet bedarf das Kind während einer größeren Lebensperiode einer Hilfe von seiten des Erwachsenen und kommt mit ihnen auf diesem Gebiet in eine körperliche Berührung. Das sexuelle Kontaktbedürfnis des Kindes, durch die Unterdrückung von seiten der Umgebung in Verdrängung begriffen, der Kontrolle des Bewußtseins dadurch entzogen und somit der Korrekturmöglichkeit gegenüber Verirrungen beraubt, mit der Suggestion der moralischen Verneinung belastet und damit an sich schon im Niveau erniedrigt, ist dadurch vorbereitet zur Verschiebung seiner sexuellen Energie auf jenes einzige Gebiet, auf welchem die physische Berührung mit der Umgebung ermöglicht und gegeben ist, auf das Gebiet der Körperpflege und seiner Intimitäten, und so ist für das Kind gewissermaßen die Übertragung sexueller Empfindungen auf das analerotische Gebiet zur Bedingung geworden, unter welcher es doch noch irgendeinen physisch-sexuellen Kontakt mit der Umgebung, und sei derselbe auch noch so surrogativ, als solchen erleben kann. Und überdies: Vom Unbewußten des Erwachsenen her zu dem des Kindes kommt die im Erwachsenen seinerseits bestehende latente Analerotik der korrespondierenden Entwicklung im Kinde entgegen.

Die eigentlich folgenschwere Verankerung der Analerotik der Homosexualität ist übrigens aus körperlichen Gründen natürlich nur beim Mann existent, denn der bleibend fixierte, voll entwickelte Ausdruck dieser Verankerung ist selbstverständlich die Päderastie. Wesen der Päderastie ist die Verschmelzung von drei besonderen Triebmotiven: Homosexualität an sich, Analerotik und symbolische Darstellung des einen Geschlechtes durch das andere. (Wir werden auf dieses letzte Moment noch später in anderem Zusammenhange zu sprechen kommen.) Infolge dieser besonderen, typisch symbolischen, in einer spezifischen Sexualgeste fixierten Triebverschränkung der Homosexualität mit der Analerotik beim Mann ist auch bei diesem die Verdrängung der Homosexualität eine viel radikalere und intensivere als beim Weib. Soviel ich sehe, hat die Homosexualitätsverdrängung auch nur beim Mann die besondere Qualität des Ekels.

Wir kommen nun zu unserem engeren Thema zurück.

Wir haben gesagt, daß die Homosexualität ursprünglich und ihrer Anlage nach nicht nur antagonistisch zur Heterosexualität eingestellt ist, sondern im Gegenteil eine Hilfskomponente derselben bedeutet. Wir sehen aber, daß dieser Zustand sich im Verlaufe der Veränderungen, welche die Sexualität in ihrer Entwicklungsrichtung gestalten, in sein vollkommenes Gegenteil zu verwandeln pflegt. Tatsächlich finden wir der Regel nach die heterosexuelle und homosexuelle Komponente in denkbarst scharfem Antagonismus stehend. Es ist nun das Problem, wodurch dieser Antagonismus geschaffen wird und inwiefern seine Herausbildung mit der des sadistisch-masochistischen Gegenkraftpaares in Wechselwirkung verbunden ist.

Die wertvollste psychologische Definition der Homosexualität, die wir bisher besitzen, ist die von W. Stekel. »Die homosexuelle Neurose«, sagt er in seinem großen Werk über Onanie und Homosexualität, »ist eine durch die sadistische Einstellung zum entgegengesetzten Geschlecht bedingte Flucht zum eigenen Geschlecht.« Ich glaube hinzufügen zu müssen: sadistische oder masochistische Einstellung. Wir werden sehen, daß diese Umschaltung notwendig wird, wenn Stekels Definition auf die Homosexualität der Frau adaptiert werden soll. —

Wir setzen also den Fall, es sei in der Heterosexualität eines Mannes die sadistische Komponente zu intensiver Ausbildung gelangt. Vorausgesetzt, daß diese Triebrichtung nicht zur absoluten Beherrschung des ganzen Seelenlebens kommt — daß also nicht eine bewußte, komplette Perversion entsteht — so muß der Impuls zur Flucht vor dem sadistischen Impuls und zu seiner Überkompensierung durch das Gegenteil zur Geltung kommen. Die Flucht vor der Perversion erfolgt nun einerseits in der Richtung auf den Masochismus hin, andererseits aber auch — da wir ja eine heterosexuelle Orientierung des Sadismus angenommen haben — in der Richtung auf das homosexuelle Empfinden zu. In diesem Falle wären also Homosexualität und Masochismus Strebungsziel einer Triebtendenz und Wirkungen einer Ursache. Es ist darum naheliegend, daß zwischen diesen Motiven, der Homosexualität und dem Masochismus, eine Triebverschränkung zustande kommt, daß also eine masochistisch geartete Homosexualität sich herausbilden wird. Besonders wenn wie im gegebenen Falle noch durch allgemein wirkende, typische Momente ein innerer Zusammenhang zwischen Homosexualität und Masochismus hergestellt wird. Wir werden solche typischen Momente später kennen lernen [4].

Oder wir nehmen an, es sei in der Heterosexualität einer Frau der Masochismus zu dominierender Intimität gelangt, so ist es naheliegend, daß sich als Abwehr gegenüber der eigenen Tendenz zur Unterwerfung unter den Mann einerseits eine Überkompensation in Form des Willens zur Macht, bzw. der sadistischen Einstellung und andererseits eine Flucht in das lesbische Empfinden zur Geltung bringen wird. Es ergäbe sich dann eine Triebverschränkung des Willens zur Macht mit dem lesbischen Empfinden, besonders wenn auch hier, wie im oben angenommenen Fall, typische psychologische Momente den inneren Zusammenhang der beiden Triebkomponenten vermitteln.

Mit anderen Worten handelt es sich darum, welche Komponente vom sadistisch-masochistischen Antagonistenkomplex der Regel nach mit der Heterosexualität, welche mit der Homosexualität in Verbindung tritt, unter welchen Voraussetzungen und aus welchen Gründen in einem Falle die eine, im anderen Falle die andere Kombination zustande kommt. Wir werden sehen, daß diese Kombinationen nicht so sehr von den zufälligen individuellen Schicksalen bestimmt werden, als daß sie sich vielmehr im wesentlichen in zwei typische, große Gruppen ordnen. Sie sind typisch verschieden für Mann und Weib.

Wir kommen hier auf ein Moment zu sprechen, dessen Aufdeckung eine der großen Entdeckungen Alfred Adlers bedeutet. Wir wissen durch ihn, daß die Begriffe »Mann« und »Weib« — für das Unbewußte, als Abspiegelung der bestehenden Institutionen in Sozietät und Familie — die Bedeutung von »überlegen« und »unterliegend« anzunehmen pflegen. Es wird, als seelischer Niederschlag der bestehenden Zustände, das gegenseitige Verhältnis der Geschlechter zu einem Symbol der Herrschafts- bzw. Unterwerfungssituation.

Mit der geradezu gesetzmäßigen Festlegung — dem Adlerschen Symbolgesetz — ist der typische symbolische Ausdruck, die typische fixierte Geste für die beiden Komponenten des masochistisch-sadistischen Komplexes von selbst gegeben. Der »Ichtrieb«, der Wille zur Macht und Vergewaltigung, der Sadismus verschmilzt und identifiziert sich bei beiden Geschlechtern mit dem Leitmotiv: »Mann sein wollen«, das Kontakt- und Hingabebedürfnis, die Unterwerfungstendenz, der Masochismus — in Ablösung seiner ursprünglichen Symbolik: »Kind sein wollen« — mit dem Leitmotiv: »Weib sein wollen«.

Daraus ergibt sich also: Beim Mann ist die sadistische Komponente heterosexuell, die masochistische Komponente homosexuell orientiert. Beim Weib ist die masochistische Komponente heterosexuell, die sadistische oder hier besser gesagt, die auf Erhaltung der Persönlichkeit gerichtete aktive Komponente homosexuell orientiert.

Ich hebe hervor, daß es sich hier nur um den dominierenden Typus, d.i. um das Geschehen im Unterbewußtsein des Nicht-Perversen handelt. —

Wenn es der typische notwendig gegebene Ausdruck des Unterwerfungsbedürfnisses ist, Weib sein zu wollen, so muß der Masochismus des Mannes notwendigerweise zunächst einmal — von der Zurückwendung der homosexuell verschränkten Komponente auf das andere Geschlecht werden wir später sprechen — seinen homosexuellen Wesenszug bekennen. Wir können das ganze Gebiet der passiven Homosexualität des Mannes, in welchem Grade der Ausprägung bzw. der Bewußtseinsbeherrschung sie sich zeigen mag, und ebenso im Grunde jeden Masochismus beim Mann wohl am besten verstehen als Triebverschränkung der Homosexualität mit der masochistischen Komponente.

Und wenn es der typische notwendige Ausdruck des Ichtriebes ist, Mann sein zu wollen, so muß der »Ichtrieb« der Frau in jedem Grade seiner Ausbildung, sei es als eigentlicher Sadismus, als Willen zur Macht oder auch nur als Selbsterhaltungstrieb der Persönlichkeit im engeren Sinne, sich unvermeidlich in der Triebverschränkung mit der Homosexualität fixieren. Die homosexuelle Komponente in der Frau spielt ihre größte dominierende Rolle als Realisierung des »Protestes« gegen die der Frau in ihrer gegenwärtigen Situation geschehende Unterdrückung, und durch den Protestcharakter gewinnt das lesbische Moment seine eigenartige psychologische Charakteristik. Es muß hier aber noch einmal betont werden: das lesbische Protestmotiv richtet sich nicht nur gegen die Unterdrückung von außen her, sondern vor allem auch gegen den Impuls im eigenen Innern, dieser Unterdrückung entgegenzukommen, also gegen die eigene masochistische, speziell also heterosexuell-masochistische Hingabetendenz [5].

Wir fassen das Gesagte zusammen. Aus den großen ursprünglichen Trieben, dem Kontaktbedürfnis — der primären Sexualität — und dem Trieb zur Erhaltung der eigenen Persönlichkeit werden unter dem Druck der Umgebung, dem Zwang zur Anpassung als Kontaktbedingung und der Angst vor der Einsamkeit die antagonistischen Triebtendenzen zum Durchbrechen der Einsamkeit um den Preis der Unterwerfung — der Masochismus — und zum Durchsetzen der eigenen Persönlichkeit um den Preis des aktiven Erhaltens der eigenen Einsamkeit, auch in der Sexualität durch Vergewaltigung des Sexualobjektes — der Sadismus.

So bildet sich also der masochistisch-sadistische Antagonistenkomplex als dominierender Ausdruck des inneren Konfliktes. Durch typische Verschränkung mit der homosexuellen und heterosexuellen Einstellung gewinnen die masochistisch-sadistischen Impulse ihre weitere Ausgestaltung in verschiedenem Sinne. Unter dem Einfluß der bestehenden besonderen Lage der Frau, durch welche für das Unbewußte die Begriffe Männlichkeit und Weiblichkeit zu Symbolen eines Herrschafts- und Unterwerfungsverhältnisses werden, gewinnt beim Mann das Unterwerfungsbedürfnis, bei der Frau der Selbsterhaltungstrieb und Wille zur Macht notwendigerweise seinen symbolischen Ausdruck durch das homosexuelle Motiv. Und damit formt sich der sadistisch-masochistische Antagonistenkomplex zu zwei für beide Geschlechter verschiedenen, typischen Kräftepaaren: beim Mann heterosexueller Sadismus und passive Homosexualität, bei der Frau heterosexueller Masochismus und aktive Homosexualität.

Dies ist, so weit ich sehe, die typische Entwicklung des großen Antagonistenkomplexes. Es ist wohl selbstverständlich, daß alle Bildungen des Unbewußten und der im Unbewußten verankerten Triebe selbst immer wieder Ausgangspunkt noch weiterer, umwandelnder und, wie wir wissen, kompensierender und kontrastierender Entwicklung sind. Die Grundeinstellungen beim Mann und Weib, die wir zu formulieren versucht haben, sind wohl als wirkende und richtende Faktoren in der Tiefe fixiert, doch schafft die weitere Entwicklung des Innenlebens das Auftauchen auch entgegengesetzter, das äußere Geschehen oftmals beherrschender Erscheinungen.

Als modifizierende Faktoren wirken vor allem jene, welche im einzelnen Falle die Ausbildung manifester, totaler Homosexualität bewirken. Welche Momente hier ursächlich in Frage kommen — Inzestabwehr, spezielle Überkompensationen —, liegt nicht in unserem engeren Fragegebiet. Soviel ist ohne weiteres verständlich: wo mehr [oder] minder das ganze sexuelle Empfinden in das Gebiet der Homosexualität hinübergezogen wird, dort ist kein Einstellungsunterschied zwischen der sadistischen und masochistischen Komponente mehr in Wirksamkeit. In Fällen totaler Homosexualität ist jede Komponente des Antagonistenkomplexes im Sinne der dominierenden gerichtet. Wir werden diese Frage noch einmal kurz zu berühren haben.

Ferner: Als modifizierende Faktoren der typischen Grundeinstellung können besondere, aus dem infantilen Leben und den infantilen Situationen her persistierende Motive wirken. Es scheint, daß eine Anzahl von Individuen durch eine Art von Entwicklungsverzögerung überhaupt nicht dazu kommt, das eigentliche große Problem des Erwachsenen, die Frage der gegenseitigen Beziehung der Geschlechter zueinander und die Auseinandersetzung mit den Macht- und Kampfmotiven zwischen den Geschlechtern überhaupt anzuschneiden. Für die unbewußte Orientierung solcher Individuen kommt nicht das Macht- und Unterwerfungsverhältnis zwischen Mann und Weib, sondern das souveräne Problem der infantilen Periode, das Machtverhältnis zwischen Kind und Eltern bzw. zwischen Kind und Mutter als persistierend führendes Motiv zur Geltung. In solchen Fällen kann, im Widerspruch zum Adlerschen Symbolgesetz, die Mutter bzw. das Weib als Macht- und Überlegenheitssymbol fungieren, das Weib also zum Objekt der Unterwerfungstendenzen werden.

Bei Frauen ergibt solche Persistenz der infantilen Muttersymbole den lesbischen Masochismus.

Beim Mann ergibt sich beim Persistieren derselben Symbolik — der weiblichen Machtsymbolik — als unmittelbares Resultat ein heterosexueller Masochismus. Soweit ich sehe, scheint mir dieser primäre heterosexuelle Masochismus — im Gegensatz zur typischen, sekundären Form, deren komplizierterer Aufbau später besprochen werden wird — in einem Teil der Fälle selbst zu einer schweren Perversität gesteigert, im anderen durch eine absolute Überkompensierung umgekehrt und in totale Absperrung der Beziehung zur Frau verwandelt zu werden. In diesen Fällen wird der als Überkompensierung entwickelte Machtwille dann in das Gebiet der Homosexualität verschoben, so daß sich resultierend reine Fälle von aktiver (sadistischer) totaler Homosexualität beim Manne ergeben. Ich gedenke diesen Problemen in einer späteren Arbeit näherzutreten.

Des weiteren: Wie in dem einen Falle die Nachwirkungen aus dem Infantilen modifizierend zur Geltung kommen, so sind es im anderen die Realitäten des Lebens, in das der Erwachsene eintritt, welche als praktische Nötigungen gewissen im Unbewußten festgelegten Gefühlsorientierungen entgegentendieren bzw. auf ihre Überkompensierung hinarbeiten. Als reguläres Geschehen vollzieht sich ein solcher Prozeß im typischen Verhältnis von Mann zu Mann. Es ist nicht möglich, daß dieses Verhältnis — ich spreche von der allgemeinen Entwicklung, dort, wo die Homosexualität nur als unbewußter Impuls und latentes Konfliktmotiv fungiert — ausschließlich von der passiven masochistischen Einstellung diktiert bliebe. Das Persistieren einer solchen Disposition würde das betreffende Individuum in seinen Existenzbedingungen derart schädigen, es derart zum Unterliegen im Ringen um den Lebensplatz bestimmen, daß es entweder zum Untergang oder zur Korrektur durch überkompensierende Momente kommen muß. Natürlich spielt sich diese Weiterentwicklung nicht mehr in der Form als solcher erkennbarer sexueller Motive ab. Vielmehr sind diese Vorgänge recht eigentlich Gebiet der Kämpfe um Macht und Geltung der Persönlichkeit, deren klassisches Bild uns Adler gezeichnet hat. —

Wir kommen auf unser eigentliches Problem zurück: auf die Beziehung der Geschlechter zu einander und ihre Wechselwirkung mit den großen typischen pathogenen Faktoren, dem sadistisch-masochistischen Antagonistenkomplex und seinen typischen Gestaltungen bei Mann und Weib.

Ich sehe bei diesem Geschehen eine typische Korrektur der Homosexualität, die sich wiederum in Form einer Kompromißbildung vollzieht. Im Lauf der Entwicklung kommt bei der überwiegenden Mehrzahl der Menschen — bei allen, bei denen nicht ganz besondere psychische Bedingungen vorliegen, also vor allem besonders intensive Konflikte mit besonders starken und besonders stark unterdrückten inzestuösen Einstellungen heterosexueller Art — die von der Anlage her überwiegende Extensität und Intensität des heterosexuellen Fühlens zur dominierenden Geltung. Nun steht die homosexuelle Komponente in ihrer anlagegemäßen primären Gestalt — das wurde schon gesagt — mit der heterosexuellen in einem keineswegs antagonistischen Verhältnis, sie stellt ja im Gegenteil ihrer biologischen Bestimmung nach eine Hilfskomponente dar. Allein in ihrer primären Form ist die Homosexualität wohl bei keinem Individuum mehr erhalten, sie ist durch die Triebverschränkungen, die wir besprochen haben, verändert worden und steht in dieser »sekundären« Gestalt im ausgesprochensten Antagonismus zum heterosexuellen Empfinden. Zwischen Homosexualität und Heterosexualität wird nahezu bei allen Menschen ein Zustand absoluter Unvereinbarkeit geschaffen. Die Korrektur dieses Zustandes geschieht nunmehr, soweit ich sehe, auf zweierlei Art. Es wird entweder die heterosexuelle Komponente unter Beibehaltung ihres qualitativen Charakters auf das homosexuelle Objekt übertragen — das sind dann die Fälle von totaler Homosexualität — oder es geschieht das Umgekehrte: Das homosexuelle Moment wird in der qualitativen Beschaffenheit, die es im Ablauf seiner Entwicklung erhalten hat, inhaltlich auf das heterosexuelle Objekt gerichtet [6].

Wir haben früher die beiden typischen Gestaltungen des großen Antagonistenkomplexes bei beiden Geschlechtern formuliert: beim Manne heterosexueller Sadismus und passive Homosexualität, beim Weib heterosexueller Masochismus und aktive Homosexualität. Aus diesen Prämissen heraus vollzieht sich die Rückinversion als Übertragung der beiden homosexuellen Komponenten auf das andere Geschlecht. Es wird also beim Manne der ursprüngliche homosexuelle Masochismus inhaltlich auf das Weib gerichtet und beim Weib die lesbische Aktivität auf den Mann [7].

Mit dieser Rückinversion der homosexuellen Komponenten ist der Komplex der großen Antagonisten in seiner Ganzheit in die Heterosexualität zurückgezogen, der innere Konflikt spielt sich von da an innerhalb des heterosexuellen Gebietes ab. Das große Triebkräftepaar, von dem der innere Konflikt getragen wird, hat damit seine Inhaltsbildung abgeschlossen und seine für den Nichtperversen typische, definitive Gestalt erreicht.

Bei beiden Geschlechtern sind nunmehr beide Komponenten des sadistisch-masochistischen Antagonistenkomplexes auf dasselbe Objekt [gerichtet], das heterosexuelle, und damit unmittelbar einander entgegengerichtet, als unmittelbare, einander gegenseitig überkompensierende und miteinander direkt konkurrierende Gegenkräfte.

Und damit sind wir den eigentlichen Problemen unserer Untersuchung nahegekommen. Wir fragen uns: welche Bedeutung hat die Hereintragung der homosexuell gewordenen Komponenten des großen inneren Konfliktes für die Beziehung der Geschlechter zueinander?

Wir müssen zunächst erkennen, daß hier ein Vorgang der korrigierenden Überkompensation gegeben ist. Der auf das heterosexuelle Objekt zurückgewendete Masochismus des Mannes wirkt nunmehr seinem heterosexuellen Sadismus entgegen und die auf den Mann bezogene lesbische Aktivität der Frau ihrem heterosexuellen Masochismus.

Wir haben gesehen: Der Masochismus des Mannes hat die Grundtendenz »Frau sein wollen« und die lesbische Aktivität der Frau die Grundbedeutung »Mann sein wollen«. In der Hereintragung dieser Komponenten in das gegenseitige Verhältnis von Mann und Frau liegt eine Ausgleichtendenz gegenüber der Differenz der Geschlechter.

Und diese Ausgleichtendenz hat eine im höchsten Grade teleologische Bedeutung. Wir müssen bedenken, daß die psychischen Typen »Männlichkeit« und »Weiblichkeit«, so wie wir sie heute kennen, ein künstlich geschaffenes Produkt, ein Resultat der Anpassung an bestehende Verhältnisse sind. Die heutige Familienordnung bedingt noch immer die Abhängigkeit der Frau vom Mann, sie hat den Willen zur Macht in der Sexualbeziehung des Mannes zur Frau und die Tendenz zur Unterwerfung der Frau dem Mann gegenüber zur Grundbedingung und schafft damit eine Anpassung beider Geschlechter an die ihnen aufgezwungene Form des gegenseitigen Verhältnisses. Mit anderen Worten: Der Sadismus des Mannes und der Masochismus der Frau werden durch den Druck der bestehenden Verhältnisse und durch die unter diesem Druck erfolgende Umbildung des sexuellen Empfindens zu den allgemein charakteristischen Wesenszügen der Typen »Männlichkeit« und »Weiblichkeit«, so wie wir sie heute kennen.

Daß die Herausbildung dieser beiden Typen dem eigentlichen tiefsten Sinn des Individuums und der Beziehung, das Ausreifen der eigenen persönlichkeitsgemäßen Anlagen und die Erreichung innigen gegenseitigen Kontaktes zugleich zu vollenden, absolut hindernd entgegensteht, ist selbstverständlich. Daß sie dem angeborenen und unverlierbaren Streben der menschlichen Natur gegenüber einen ewig störenden Fremdkörper darstellt, beweisen die verzweifelten Versuche des Unbewußten zu ihrer Korrektur und Überkompensation.

Die Einbeziehung des Masochismus beim Manne und der lesbischen Aktivität bei der Frau in das gegenseitige Verhältnis — also die Tendenz eines jeden von beiden Teilen, sich mit dem anderen Geschlecht zu identifizieren — bedeutet aber eine Strebung nicht nur nach Ausgleich, sondern auch nach Umkehrung des bestehenden Herrschafts- und Unterwerfungsverhältnisses. Sie streben damit, wie alle in Antagonistenkomplexe eingeordneten Triebkomponenten, über den eigentlichen biologischen Sinn, die wirkliche biologische Zweckmäßigkeit hinaus. Das ist ja Wesen und Begriff der Überkompensation.

Die lesbische Aktivität der Frau, auf den Mann übertragen, wirkt also innerhalb der gegenseitigen Beziehung in zweifacher Art: einerseits als Wille zur Gleichordnung und andererseits als überkompensierter hypertrophischer Trieb, darüber hinaus als »Wille zur Macht« und als antisexueller Protest. Als Wille zur Gleichordnung der Geschlechter ist diese Tendenz der Träger aller Strebungen der Frau, welche auf geistige Differenzierung und freiheitliche Entwicklung der gegenseitigen Beziehung gerichtet sind. In ihrer hypertrophischen Form bedeutet sie die stete, von realen Gründen unabhängige Angst vor einer Unterwerfungsmöglichkeit — die Angst vor der eigenen masochistischen Tendenz — und schließt damit letzthin die Möglichkeiten vollkommener unmittelbarer Gefühlsbeziehung aus.

Der Masochismus des Mannes, auf die Frau übertragen, führt einerseits zu einem Kompromiß mit dem Protest der Frau und wird in vielen Fällen zum allerdings überkompensierten Ausdruck für ein Kontaktbedürfnis auf Grund der Gleichordnung. Es ist dies die resignierte Geste des Mannes, der auf die Anerkennung der eigenen Person in der Beziehung verzichtet hat.

Andererseits liegt es im Wesen jedes überkompensierenden, einem Antagonistenkomplex angehörenden Triebes, daß er seinen Antagonisten selbst wieder wach erhält. Mit anderen Worten: Die masochistische Tendenz des Mannes, als ein übertreibendes, über die Gleichordnung der Geschlechter hinaustreibendes Moment, erzeugt einen Gegendruck im eigenen Innern, sie läßt den durch die eigene Hingebungstendenz stets gefährdeten Trieb zur Selbsterhaltung nicht zur Ruhe kommen und bringt ihn als Impuls der übertriebenen Selbstbewahrung, der Abwehr oder Rache, immer wieder an die Oberfläche.

Es ist im Wesen des Korrekturversuches durch Überkompensation, daß er zuletzt doch immer nur den Kampf der Extreme ergeben kann und nicht das seelische Gleichgewicht, weder im Innern des Individuums noch in der Beziehung der Individuen zueinander. Und dennoch ist in ihm das Beste, das wir haben: das Streben nach Beziehung. —

[1] Über psychopathische Minderwertigkeiten.

[2] Anm. d. Transkriptors: Dieser Absatz wurde in Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe, Edition Nautilus 2000, ausgelassen; wahrscheinlich einfach vergessen.

[3] Über Destruktionssymbolik. [Anm. d. Transkriptors: Ein Teil dieses Artikel wurde auch »entkleidet vom fachwissenschaftlichen Beiwerk« als Vom Konflikt des Eigenen und des Fremden veröffentlicht.]

[4] Ich gebe als Beispiel des Flüchtens vom heterosexuellen Sadismus in die Homosexualität eine charakteristische Traumanalyse: / Bei einem Angstneurotiker, den ich vor kurzem zu behandeln Gelegenheit hatte, ließ sich der folgende, mehrfach wiederholte Traumtypus erweisen. / Es handelte sich darum, daß von zwei Träumen einer Nacht — deren Inhalt ja nach der Konstatierung Freud's gesetzmäßig im engsten Zusammenhange steht — der eine Traum heterosexuell-sadistisch und der andere homosexuell orientiert war. / Ich führe einen solchen Doppeltraum als Beispiel an: / 1. Er geht mit seiner Freundin durch einen Wiesengrund. Die Gegend ist von eigenartiger Schönheit, er fühlt sich in seltsamer Weise eins mit der Frau. Er sagt zu ihr: »Hier ist es wie im Paradies.« / Er bleibt an einem Wasserlauf zurück, betrachtet die Tiere, welche im Wasser sind. Am Rande des Baches sind riesengroße Regenwürmer. / Er hat auf einmal ein beklommenes Gefühl, fühlt eine drückende Einsamkeit. Die Frau ist weit von ihm weggegangen, er geht ihr nach, aber die Stimmung von vorher ist nicht mehr da. Sie fangen an, davon zu reden, daß die Zeit drängt, daß sie nicht länger mehr hier bleiben können, er fühlt sich allein und gedrückt bei diesem Gespräch. Erwachen mit Angst und sexueller Erregung. / 2. Er sitzt an einem Wirtshaustisch, bei ihm sind junge Leute, er erkennt in ihnen seine ehemaligen Couleurbrüder aus der Studentenzeit. Einer von ihnen beugt sich zu ihm und küßt ihn auf den Mund. — / Einfälle zu den Regenwürmern: So große Regenwürmer hat er vor vielen Jahren in Brasilien gesehen. Dann: Als ganz kleiner Knabe hatte er die Gewohnheit, wenn er spielend in der Erde grub, die Regenwürmer in zwei Teile zu schneiden und sich zu freuen, daß beide Teile sich bewegten. Dann, unter lebhafter Angst, eine Reihe sadistischer Impulse aus frühester Kinderzeit. / Der übrige Trauminhalt bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. Im Zusammenhang sehen wir, wie das Auftauchen des sadistischen Impulsmotivs das Beziehungsgefühl zum Weib durchkreuzt und lebhafte Angst erzeugt, und wie sich der Träumende beim Wiedereinschlafen von dem eigenen sadistischen Moment und damit überhaupt vor der Heterosexualität in eine homosexuelle Phantasie geflüchtet hat. — / Über Homosexualität als Deckung von heterosexuellem Sadismus überzeugend bei W. Stekel, Onanie und Homosexualität

[5] Die Psychologie des lesbischen Motives hat ihren Ausdruck meines Wissens zum erstenmal in Ch. Baudelaire's Gedicht »Lesbos« in einer die ganze Tiefe des Problems erfassenden Form gefunden.

[6] Über Existenz und Wesensart der homosexuellen Züge bei heterosexueller Objekteinstellung orientiert das Meisterwerk von W. Stekel »Onanie und Homosexualität«.

[7] Eine geradezu einzigartige Darstellung eines solchen Seelenzustandes bietet die psychologisch vollendete Novelle von H. H. Ewers: »Der Tod des Barons Jesus Maria von Friedel« (in der Novellensammlung »Die Besessenen«). Sie befaßt sich mit dem Seelenleben eines Mannes, der sich periodisch als Weib empfindet und auch als Transvestierter auftritt, während die anderen Perioden den Kontrastcharakter hervortreten lassen, so daß ein »second etat« auf Basis eines zweispältigen sexuellen Empfindens zustandekommt. In seinen weiblichen Perioden ist dieser Mann zu lesbischen Frauen orientiert. Für uns ist wichtig, daß der Geschilderte sich (in diesem Seelenzustand) selbst als Weib empfindet und qualitativ auch als solches fühlt, während seine Objektwahl eine heterosexuelle bleibt.