Vorwort

    Vorwort [zu A Crime Called Freedom]

    Einführung [zu Un crimine chiamato libertà]

    Redaktionelle Anmerkungen [zu Os Cangaceiros #2]

      1. Leinen los!

      2. Die universelle Geschichte der Verzweiflung

      3. Die Fanatiker der Apokalypse

      4. Wir, die Cangaceiros

    „Prisoner's Talkin' Blues“

    Chronologie

    Die Freiheit ist das Verbrechen, das alle Verbrechen enthält

    Die Wahrheit über einige durchgeführte Aktionen zugunsten der Meutereien in den Gefängnissen

    Samisdat!

    Le Pen in Nantes

    Sie scheissen auf uns? Sie werden nicht mehr lange auf uns scheissen!

    Das Europa der Hooligans[21] und der Tod des Fussballs

      Die „Unruhestifter des Fussballs“ schlagen zurück...

    Pfoten weg!

      „Mesrine“ hält die Polizei in Atem

    Geld her oder wir töten euch

    Unter dem Einfluss der Angst wird nichts Menschliches entstehen

    Die industrielle Domestizierung

    „13.000 Ausbrüche“-Dossier

      Vorwort

      Chronologie

      Korrespondenz

        5. Februar 1990

        Paris, 27. Februar 1990

        Paris, 28. Februar 1990

        Paris, 1. März 1990

        Paris, 1. März 1990

        Paris, 2. März 1990

        Paris, 2. März 1990

        Paris, 2. März 1990

        Lyon, 29. März 1990

        17. September 1990

      Dem Versand der Pläne beigefügter Brief

    Die vernebelte Spur von Os Cangaceiros durch die soziale Pampa[41]

    Quellenangaben

„Wenn wir die Banken plündern, dann deshalb, weil wir erkannt haben, dass das Geld der Hauptgrund all unsres Elends ist. Wenn wir die Fenster einschlagen, dann nicht, weil das Leben teuer ist, sondern weil die Waren uns davon abhalten, um jeden Preis zu leben. Wenn wir die Maschinen zerstören, dann nicht aus dem Wunsch, die Arbeit zu beschützen, sondern um die Lohnsklaverei anzugreifen. Wenn wir die Polizei angreifen, dann nicht, um sie aus unseren Vierteln zu jagen, sondern um sie aus unseren Leben zu vertreiben. Das Spektakel würde uns gerne fürchterlich aussehen lassen. Wir versuchen viel schlimmer zu sein.“


[Ein Plakat aus dem Milieu von Os Cangaceiros, Anfang der 1980er]

Vorwort

Seit einigen Jahren gibt es in anarchistischen und anti-autoritären Milieus ein vermehrtes Interesse an Os Cangaceiros. Diese sozialen Rebellen aus Frankreich hatten nichts als Verachtung übrig für die selbstopfernde Ideologie, die von den „Spezialisten des bewaffneten Kampfes“ praktiziert wurde. Sie richteten verheerenden Schaden am französischen Staat an, indem sie die Infrastruktur der Unterdrückung angriffen, weit verbreitete Revolten unterstützten, geheime Pläne von noch im Bau befindlichen Gefängnissen stahlen und veröffentlichten, Büros von Firmenkollaborateuren überfielen und ihre Leben in absolutem Widerspruch lebten zur auf der Arbeit basierenden Welt. Zwischen Januar 1985 und Juni 1987 haben Os Cangaceiros drei Nummern einer gleichnamigen klandestinen Zeitschrift herausgebracht, in der sie allerlei Texte veröffentlicht haben: kompromisslose Analysen, spielerische Flugblätter und abenteuerliche Reiseberichte von Revolten aus ganz Europa. In Italien erscheint 2003 ein Buch mit Anti-Knast Texten von Os Cangaceiros (Un crimine chiamato libertà). Wolfi Landstreicher übersetzt jenes Buch 2005 auf Englisch und erweitert es um einige, nicht Gefängnis bezogene Texte (A Crime Called Freedom). Wir haben diese Anthologie als Vorlage für das nun vorliegende Buch benutzt. Zusätzlich zu Wolfi Landstreichers Textauswahl haben wir noch eine Reihe anderer Texte ausgewählt, die wir für interessant hielten oder die uns auf eine angenehme Art und Weise angesprochen haben. Vor kurzem erschien auch eine deutschsprachige Ausgabe basierend auf der englischen Version A Crime Called Freedom. Wir haben uns an die französische Originalausgabe gehalten, um dieses Buch zu realisieren. Die eckigen Klammern [] stammen nicht aus dem Original und wurden von uns hinzugefügt.

Vorwort [zu A Crime Called Freedom]

Dieses Buch ist ein Werk der Liebe. Vor 15 Jahren bin ich zum ersten Mal auf Übersetzungen der französischen Gruppe Os Cangaceiros gestoßen. Ich fand sie faszinierend und wollte mehr darüber erfahren. Es war deutlich, dass dies nicht irgendeine weitere militante Gruppe von Spezialisten im bewaffneten Kampf war. Sie hatten nichts als Verachtung für die, von solchen Gruppen vorangetriebene, selbstopfernde Ideologie und Praxis der Militanz. Einige Jahre später erfuhr ich, dass Os Cangaceiros eine Gruppe bestehend aus Delinquenten war, die vom Geist des französischen Aufstands von 1968 mitgerissen wurden; ein Aufstand der nicht nur eine „Studentenrevolte“ war, wie die Medien versuchten ihn darzustellen, sondern der die ganze französische Gesellschaft umspannte. Die Gruppe kam 1968 in Nizza zusammen. Sie nahmen sich das bekannte Grafitti „Ne travaillez, jamais!“ [Arbeitet niemals!] zu Herzen und begannen ihre Leben in absolutem Widerspruch zur ganzen, auf der Arbeit basierenden Welt zu leben und riskierten so konstant ins Gefängnis zu wandern. Sie reisten in den 1970ern und frühen 1980ern durch ganz Europa und beteiligten sich an Revolten. Die Erfahrungen mit dem Justiz- und Gefängniswesen brachten sie in den 1980er Jahren dazu, sich auf Angriffe gegen eben dieses zu fokussieren. Der Großteil der Texte in diesem Band bezieht sich auf ihre Aktivitäten gegen das Gefängnis. Ich finde die Ideen, die sie formulieren, besonders interessant, da sie die besten Aspekte einer nicht-dogmatischen (und Nicht-Arbeiter) Klassenanalyse mit einer – überhaupt nicht primitivistischen – Kritik an der Zivilisation kombinieren und somit eine leidenschaftliche, theoretische Waffe zur Anwendung im sozialen Krieg gegen die herrschende Ordnung erschaffen.

Leider wurden nur sehr wenige Texte von Os Cangaceiros vom Französischen ins Englische übersetzt. Von diesen Übersetzungen scheinen einige grob und andere bloß Auszüge zu sein, manchmal ohne jeglichen Kontext. Ich spreche kein Französisch, deswegen war ich erfreut, als einige italienische Kameraden Un crimine chiamato libertà veröffentlichten, ein Buch, das eine Reihe von Texten mit Bezug auf die Aktivitäten von Os Cangaceiros gegen das Gefängnis umfasst. In diesem Buch wird erwähnt, dass verschiedene Anarchisten anderes Material von Os Cangaceiros ins Italienische übersetzt haben. Ich habe die italienischen Kameraden gebeten, mir auch dieses Material zukommen zu lassen. Das Buch, das ihr in den Händen haltet, enthält alle Texte, die in Un crimine chiamato libertà erschienen sind (ausgenommen der Bibliographie) und einige weitere Texte von denen ich dachte sie würden dazu passen. Einige der italienischen Texte existierten bereits im Englischen, allerdings in grober und manchmal unvollständiger Form. Ich habe sowohl die grobe englische als auch die italienische Übersetzung für die hier abgedruckte englische Version verwendet. Zusätzlich zum Material aus Un Crimine..., habe ich auch die „Editorial Notes from Os Cangaceiros #2“ hinzugefügt, übersetzt von der italienischen Version, erschienen in Anarchismo unter dem Titel „Francia. Os Cangaceiros“. Dieser Text gibt einen Eindruck zu den sozialen Veränderungen, die in den späten 1970ern und frühen 1980ern in Frankreich stattgefunden haben, und die erklären, warum das Gefängnis damals für die Unterschicht zu einem größeren Risiko wurde. Ich habe außerdem zwei Texte hinzugefügt, die schon auf Englisch erschienen sind; „Nothing Human Is Achieved in the Grip of Fear“ und „Industrial Domestication“. Letzterer hilft um einige der Ideen zu verdeutlichen, die bereits in den Texten gegen das Gefängnis gegenwärtig sind, indem er den Aufstieg des Industrialismus untersucht und die Gefängnis-ähnliche Qualität der ersten Fabriken aufzeigt, welche zur Domestizierung der Armen entwickelt wurden. Diese beiden Texte wurden von mir etwas bearbeitet damit sie einfacher zu lesen sind und besser zum Stil der anderen passen. Die mit WL signierten Fußnoten wurden von mir hinzugefügt. Die anderen Anmerkungen/Fußnoten bestanden schon in einer der anderen Versionen des Texts. Ich habe außerdem einige der von Protagonisten von Os Cangaceiros geschriebenen Texte zu den

millenaristischen[1] Revolten übersetzt. Diese werden in einer gesonderten Ausgabe erscheinen, ebenfalls bei Eberhardt Press. Ich habe diese Texte nicht ausschließlich wegen der Freude übersetzt, Schriften, die mich inspiriert haben, in englischer Sprache gedruckt zu sehen. Ich hoffe sie werden Diskussionen provozieren, die darauf abzielen, eine anti-politische Praxis des Kampfes gegen das Gefängnis und die Gesellschaft, die es erschafft, zu entwickeln, eine Praxis, die über die gegenwärtige Wohltätigkeits- und Sozialhilfe-artige Praxis der Gefangenenunterstützung hinaus zu einer wirklich revolutionären Solidarität wird. Das wäre die größte Freude.

Wolfi Landstreicher November 2005

Einführung [zu Un crimine chiamato libertà]

Seit einiger Zeit verbreitet sich in der sogenannten Bewegung ein erneuertes Interesse an allem, das sich auf das Gefängnis und die dortigen Lebensverhältnisse bezieht. Berichte, Websites, Komitees, Aktionen und Kampfinitiativen florieren. Über jene Motive, die eher zufällig (gerichtliche Untersuchungen und Verhaftungen) und politisch (oftmals bleibt den Kameraden durch das Fehlen einer Projektualität, mittels derer man mit Vereinbarungen experimentieren und Komplizen finden kann, nur das Unglück des Gefängnisses, um sich auszutauschen, was so die Unterschiede auf null reduziert) sind, hinaus, ist der Hauptgrund, warum die Kritik am Gefängnis solch Aufmerksamkeit erweckt, ein recht einfacher, fast eine Banalität: es wird immer einfacher für jemanden, um innerhalb der Wände des Gefängnisses eingesperrt zu werden. Dies passiert nicht nur durch eine generalisierte repressive Antwort, die der Staat auf die Radikalisierung und die Zunahme der sozialen Kämpfe geben könnte, da es der gleiche soziale, ökonomische und technologische Fortschritt ist, der sich in diesem beunruhigenden Paradox manifestiert: wir könnten alle wieder im Gefängnis landen, weil wir alle schon in einem Gefängnis leben. Niemand ausgenommen.

Wir könnten alle im Gefängnis landen. Der Triumph dieser Gesellschaft des Geldes hat dazu geführt, dass sich die Lebensverhältnisse von Millionen von Menschen verschlechtert haben. Dies wirft sie in eine prekäre Situation, in der sie nur verschlechternde Bedingungen erwarten. Es zerstört die Sicherheiten, die fähig sind, dem Sinn der Existenz auf dieser Erde irgendeine Bedeutung zu geben. Es macht jeden sozialen Zusammenhang, der nicht ökonomisch ist, zunichte. Es erregt Gefühle von Verzweiflung, Angst und Zorn. Während in der Vergangenheit die Kälte eines leeren Herzens durch die Fülle eines vollen Magens teilweise kompensiert wurde, kann eine solche Illusion heute nicht länger aufrecht erhalten werden. Wachsende emotionale und materielle Armut haben das Individuum in jener Ecke isoliert, in die es durch den Prozess der sozialen Reproduktion eingeschlossen wurde. In einer solchen Situation ist es kein Zufall, dass mehr und mehr Menschen verlangen, an der einzig existierenden Gemeinschaft – der Gemeinschaft des Kapitals – teilzunehmen und das in der einzig vorstellbaren Art, dem Konsum von Waren. Die Sirenen der Werbung schlafen nie und laden jeden dazu ein. mehr, mehr und mehr zu konsumieren. Man kann sich leicht vorstellen, was passiert, wenn jene, die nichts sind und nichts besitzen, pausenlos angestiftet werden zu haben, mit dem Ziel in Erscheinung zu treten: sie strecken ihre Arme aus, treten anderen auf die Füße, ohne Rücksicht auf niemanden.

Als ob dies nicht genug wäre, hat die institutionelle Ambition des Vorwegnehmens jeder möglichen Art der Flucht aus einer Welt, die uns als „die bestmögliche“ verkauft wird, zur Kriminalisierung von jedem Verhalten geführt, das die soziale Ordnung (mit all ihren Regeln, ihren Gesetzen und ihrer Moral) nicht blind akzeptiert und verteidigt. In seiner Anmaßung, jeden Impuls und jede menschliche Leidenschaft zu regulieren und zu kodifizieren, um den Frieden der Marktplätze und Straßen zu wahren, hat das Gesetz das Feld der Illegalität beträchtlich ausgeweitet, viele neue Verbrechen und so auch neue Kriminelle, die Häftlinge von morgen, erschaffen. Dies hat zu einem Bedarf an mehr Polizei, mehr Richtern und mehr Gefangenen, und somit zu einem sich selbst nährenden circulus vitiosus geführt. Es reicht mittlerweile schon aus, um einfach ohne Befehl zu atmen, um das Risiko einzugehen, hinter verschlossene Riegel gesperrt zu werden.

Wir leben alle schon in einem Gefängnis. Im Laufe der letzten Jahre wurde die physische Struktur des Gefängnisses weiter und weiter von unseren Augen entfernt – in die Peripherie, wo ihre düstere Anwesenheit die protzigen Fenster des städtischen Zentrums nicht verdunkelt, sondern gänzlich zur Verwahrlosung jener Peripherie passt. Zugleich beginnt ihr Schatten mehr und mehr über uns allen zu hängen, ohne uns für einen Moment alleine zu lassen. Der Verdienst, wenn wir es so nennen können, liegt in der Einführung von neuen Technologien, die einen unvorstellbaren Sprung in der Sphäre der sozialen Kontrolle erlaubt haben. Wie bei jeder anderen technologischen Innovation, haben auch die Überwachungstechnologien – die im Gefängnis getestet werden, um die aufrührerischsten Gefangenen in Schach zu halten – eine zivile Anwendung gefunden. Schließlich beginnt die Sicherheit innerhalb der Gefängnisse mit der Sicherheit außerhalb der Mauern. Dies erklärt die aufsehenerregende Anzahl an Videokameras, die an jeder Ecke unserer Städte gefunden werden können (und sogar innerhalb von Bussen und Zügen), die obligatorischen Routen, die wir für unsere Fortbewegung gezwungen werden zu nehmen, die Magnetdetektoren, die uns an den Ausgängen von vielen Geschäften inspizieren, die Kennzeichnungscodes, die unsere Individualität ersetzen, die unzähligen Verbote, die es zu respektieren gilt, genauso wie die vielfältige Ansammlung von Wächtern, die eingesetzt werden um die Welt zu beschützen; kurz gesagt, all die Dinge, die unsere Existenz quälen. Dank den neuen Ausweiskarten, müssen wir nicht mehr verhaftet werden, um unsere Fingerabdrücke abzugeben. Nachdem wir alle potenzielle Kriminelle sind, werden wir auch alle als solche behandelt. Schritt für Schritt wird die gesamte Gesellschaft zu einem riesigen Freiluftgefängnis, aus dem es unmöglich ist auszubrechen. Abgesehen vom Realisieren des schlimmsten totalitären Albtraums – derjenige, der nicht einmal mehr gepanzerte Autos oder Soldatenstreifen auf die Straßen schicken muss, da er diese teilweise mit kleinen, weniger sichtbaren, technologischen Prothesen ersetzt hat –, verwischt all dies den Unterschied zwischen denen, die sicher hinter Gitter und denen, die sich jenseits der Gitter befinden. Er wird dermaßen verwischt, dass jede Vorstellung von Freiheit bloß zu einer nebulösen Abstufung verkommt und auf der anderen Seite die Unterwerfung dem Zwang sorgfältig, wissenschaftlich, konkret und darüber hinaus normal wird. Als Beitrag zum Kampf gegen die Gefängnisgesellschaft haben wir beschlossen, diese Sammlung von Texten zu publizieren, welche die Gruppe Os Cangaceiros in Frankreich verteilten. Ihre Aktivitäten – die ungefähr von 1984 bis in die frühen 1990er andauerten – waren wichtig, da sie es schafften, sich nicht auf eine bloße theoretische Kritik des Bestehenden zu reduzieren, sondern eine konsequente praktische Kritik aufrecht erhielten und verbreiteten. Benannt nach den brasilianischen Gesetzlosen, welche im 19. Jahrhundert reiche Grundeigentümer beraubten, während sie die Polizei verhöhnten, haben sich Os Cangaceiros in einer Umgebung zusammengeschlossen und entwickelt, die mit sozialer Delinquenz begann und direkt in revolutionäres Handeln überging. (Wir erinnern uns, dass Frankreich die Heimat diverser Mandrins, Lacenaires, Mesrines, etc. ist.) Sie waren die Autoren einer gleichnamigen Zeitschrift, von der nur drei Ausgaben veröffentlicht wurden. Diese waren reich an Analysen und Dokumentationen über Gewalt in der französischen Peripherie und den Streiks, die entfesselt wurden, um sich gegen die industrielle Restrukturierung, die damals ihren Lauf nahm, zu widersetzen, sowie über Aufstände, die sich in anderen Ländern, wie Spanien, Großbritannien oder Südafrika, ereigneten. Sie veröffentlichten Flugblätter und Manifeste, die aufgrund der unüblichen Positionen, die sie einnahmen, herausstachen – wir erinnern uns an eines zur Verteidigung von Fußball-Hooligans, nach der Heysel Tragödie im Jahr 1985. Sie waren außerdem Autoren von zwei Büchern, einer umfassenden Anthologie von Texten über den Millenarismus und einem Tagebuch über eine tödliche Krankheit, die eine von ihnen traf. Weiters veröffentlichten sie ein Dossier über die neuen Gefängnissen, die auf französischem Boden gebaut wurden.

Nach den Beobachtungen, dass „die Delinquenz am Beginn der 1970er ein Verlangen nach Freiheit, ein wildes Kehren, ein Bandenspiel“ ausdrückte und, dass diese „kriminelle Freiheit“ in den frühen 1980ern durch eine extrem heftige Polizeirepression und die Erpressung der „Herrschaft der Notwendigkeit“ beendet wurde, blieb Os Cangaceiros nichts anderes übrig, als das „Ende einer Epoche“ zur Kenntnis zu nehmen und sich auf den Beginn einer Epoche der Verzweiflung vorzubereiten, gezeichnet von der Rückkehr der „gefährlichen Klasse“ zur unkontrolliertesten Wut. „Wir reden nicht nur über Gewalt: sie ist unser Element, man kann sagen unser tägliches Schicksal. Die Gewalt ist zuerst die der Zustände, die uns auferlegt werden, jene der Menschen, die sie verteidigen und leider seltener, jene, die wir ihnen in die Fresse zurückschlagen.“ Eher Totengräber der alten Welt als Erbauer der neuen, näher den Armen und ihrer Explosion der Gewalt als einer Arbeiterklasse, die sich ideologisch auf eine erlösende historische Mission festsetzt, trachteten Os Cangaceiros danach, der Verweigerung aller Existenzbedingungen eine Stimme und eine Begründung zu geben, auch wenn diese Verweigerung besonders wilde Formen annehmen könnte. Sie taten dies mit einem Bewusstsein, das sicherlich nicht von einer politischen Militanz kommen konnte, gegenüber der sie immer größte Verachtung zeigten, sondern eher von einer aufrichtigen Lebensdimension außerhalb des Gesetzes heraus, welche sie mit Stolz geltend machten.

Kurz gesagt, waren sie soziale Banditen, einige von ihnen waren schon für gewöhnliche Verbrechen verurteilt worden und alle waren sie ständig in Gefahr die Gastfreundschaft der heimatlichen Gefängnisse kennen zu lernen. Unter diesen Voraussetzungen ist es überflüssig zu erwähnen, dass die Gefängnisse entschlossene Feinde und die Gefangenen loyale Komplizen in Os Cangaceiros gefunden hatten. Die Revolten, die im Mai 1985 in verschiedenen französischen Gefängnissen ausbrachen, gaben ihnen die Gelegenheit, dies zu demonstrieren. Einen Monat später, im Juni, übernahmen sie die Verantwortung für einen Sabotageakt gegen einige Anlagen der Nationalen Französischen Eisenbahngesellschaft (SNCF) in Châtelet-en-Brie, das in-Brand-Setzten der Schienen der Strecke Nantes-Paris mit Reifen und Stroh, die Blockade der Paris-Brüssel Züge, deren Wagons mit solidarischen Graffitis für die Kämpfe der Gefangenen bedeckt wurden. Wie so oft in diesen Situationen, auch aufgrund der Einfachheit der verwendeten Methoden, entwickelte sich diese Idee weiter und begann sich im ganzen Land zu verbreiten. Innerhalb weniger Wochen wurde die Eisenbahn zum Hauptziel von Solidaritätsaktionen für Gefangene. Weitere Ziele waren Druckereien, in denen Zeitungen gedruckt wurden, die U-Bahn, die Autos einiger Staatsbeamter, eine Firma die Gefängnisarbeit ausnutzte, Autos der Tour de France... Viele dieser Aktionen blieben anonym oder andere Gruppen bekannten sich dazu (wie die Unterstützergruppe der gefangenen Rebellen, die Freunde der rebellierenden Gefangenen, die Eisenbahn-Hooligans, das Unterstützerkomitee der Gefangenen, Los Bandoleros...).

Die nationale Presse war in Panik versetzt und suchte nach Schutz, beschwor das Schreckgespenst des Terrorismus und verurteilte jene mysteriöse Gruppe, die hinter all diesen Aktionen stehen sollte. Os Cangaceiros wiesen ihrerseits jegliche Verbindung zwischen ihnen und dem „Terrorismus“ (ein Ausdruck, den sie ohne die kleinste Spur von Verlegenheit verwenden, um auf die Gewalt verschiedenster bewaffneter politischer Gruppen hinzuweisen, etwas sehr eigenartiges, wenn man bedenkt, dass sie sich selbst zu Feinden der Sprache des Staates erklärten) verächtlich zurück, in dem sie nichts anderes sahen, als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, ein typischer Ausdruck gauchistischer Impotenz. Ihre Gewalt war von ganz anderer Natur: „Unsere Aktionsmittel sind jene, die jeder Proletarier verwendet: Sabotage und Vandalismus. Wir machen keine symbolischen Aktionen; wir schaffen Unordnung, genauso wie es kämpfende Arbeiter zu tun wissen, wenn sie Straßen und Eisenbahnschienen blockieren oder Material und Fernsehsender, etc. sabotieren.“ Nicht zu vergleichen mit dem Fetischismus des bewaffneten Kampfes, der den Militanten verschiedener Kampforganisationen so teuer ist. Vier Jahre später, 1989, gingen Os Cangaceiros im Kampf gegen die Gefängnisinstitution einen Schritt weiter. Von aktiver Solidarität mit Gefangenen, gingen sie über zu direkten Kämpfen gegen die Konstruktion von neuen Inhaftierungseinrichtungen. Dieses Mal gab ihnen das sogenannte „Programm der 13.000“ die Möglichkeit dazu. Dies war ein ambitioniertes Projekt, ins Leben gerufen von der Regierung, um das französische Gefängnissystem komplett zu reorganisieren. Ein Projekt, das vorsah, die ältesten und am wenigsten adäquaten Anstalten zu schließen, andere zu sanieren und neue, viel modernere Gefängnisse zu bauen. All das unter dem Banner der absoluten Sicherheit, die durch den massiven Einsatz von neuen Technologien erreicht werden sollte, die es möglich machen, den Häftling in jedem seiner Bewegungen auf diskrete und sterile Weise durchgehend zu kontrollieren. Das deklarierte Ziel war es, 13.000 neue „Plätze“ für Gefangene zu schaffen (daher auch der Name des Projekts), um Überbvölkerung zu vermindern; das eigentliche Ziel war es, den Eingeschlossenen einen neuen Schlag zu verpassen und den Gerechtigkeitswahn zu fördern, der sich in großen Teilen der Gesellschaft ausbreitete.

Os Cangaceiros fassten die Herausforderung der französischen Regierung ins Auge und begannen im April 1989 einen langen Kampf, der gekennzeichnet war von Sabotagen auf den Baustellen der neuen Gefängnisse, sowie durch Diebstähle von Bauplänen der Gebäude (zu Lasten der Gemeinden) und die Zerstörung von Büros öffentlicher Unternehmen, welche die Zuschläge für den Bau erhielten. Unter den vielen Aktionen, die sich über das gesamte Staatsgebiet erstreckten – und obwohl sie von der nationalen Presse zensiert wurden, viele andere Liebhaber der Freiheit inspirieren konnten –, wollen wir an jene Lektionen erinnern, die dem Architekten Christian Demonchy, verantwortlich für den Bau verschiedenster Gefängnisse, auf offener Straße erteilt wurden. Nach mehr als einem Jahr der Sabotage, verschafften sich Os Cangaceiros Zugang zu 10.000 Adressen von Bewohnern in der Umgebung von zukünftigen Gefängnissen, denen sie Auszüge eines umfangreichen Dossiers schickten, das Daten und Informationen über die im Bau befindlichen Strafanstalten enthielt (das Resultat ihrer „Besuche“ bei Geschäftsstellen der in den Bau verwickelten Unternehmen).

Im November 1990 wurde letztendlich das ganze Dossier Treize mille belles (Dreizehntausend Ausbrüche) veröffentlicht. Seine Verteilung provozierte tausende Kontroversen und den Zorn der französischen Regierung, nachdem verschiedenste Auszüge in landesweiten Zeitungen veröffentlicht wurden. Das Dossier enthält u.a. exakte technische Unterlagen zu den vielen im Bau oder Umbau befindlichen Gefängnissen mitsamt deren Umrissen; Informationen zu den verwendeten Materialien; Inventar; Kontrolle von Zugang, Türen und Schlössern; elektrischen oder hydraulischen Systemen; Sanitäreinrichtungen; Überdachung; und externen Anlagen. Und, darüber hinaus, detaillierte kleine Pläne von allen Gebäuden und ihren Einzelheiten. Die Polizei, die schon im Sommer 1987 damit begann, ihre Bemühungen zu intensivieren, um Os Cangaceiros zu neutralisieren, führte in den französischen subversiven Kreisen Durchsuchungen durch, was vielleicht ein Aussetzen der „öffentlichen“ Aktivität der Gruppe erklärt. Es scheint als war der bloße Besitz von Treize mille belles ausreichend, damit gegen einen ermittelt wurde und sogar die Herausgeber der Zeitschrift Mordicus, die sich getraut hatten, einige Auszüge aus dem Dossier zu veröffentlichen, bekamen Probleme mit dem Gesetz. Wie dem auch sei, heute wissen wir, dass niemals irgendjemand für die Aktionen, die Os Cangaceiros zugeschrieben wurden (sie lösten sich in den frühen 1990ern in Luft auf), angeklagt oder verurteilt wurde.

In diesem Büchlein haben wir einige Texte versammelt, die in der zweiten Ausgabe ihrer Zeitschrift vorkommen, welche im November 1985 veröffentlicht wurde und hauptsächlich von den französischen Gefangenenrevolten im Mai 1985 und den Aktionen in Solidarität mit ihnen handelt, die sich in den Monaten danach entwickelten. Außerdem haben wir andere Texte aus dem Dossier Treiz mille belles verwendet, darunter eine Chronologie der Aktionen gegen das „Programm der 13.000“ zwischen 1989 und 1990, zusammen mit den Briefen, die Os Cangaceiros an ihre „Opfer“ schickten, um die Verantwortung für die Aktionen zu übernehmen, mit der Einleitung des Dossiers und dem Brief, der dem Dossier beilag.

Ohne eine neue militante Position vorschlagen zu wollen, hoffen wir, dass das Lesen dieser Texte neue Ideen zur Reflexion über mögliche und praktische antipolitische Perspektiven im Kampf gegen die Institution des Gefängnisses liefern kann. Ein Kampf, der unmöglich getrennt werden kann vom Kampf gegen die Gesellschaft, die diese Gefängnisse hervorbringt.

Redaktionelle Anmerkungen [zu Os Cangaceiros #2]

1. Leinen los!

Unsere Epoche ist gekennzeichnet von der Rückkehr der Armen zur ursprünglichen Wildheit. Das ist ein positiver Bruch mit der vorhergehenden Periode. Die Arbeiterbewegung, dominiert von den reformistischen und stalinistischen Ideen, und organisiert von bürokratischen Mechanismen, hat es fast überall geschafft, die Proteste der Armen zu zivilisieren. (Der Front populaire[2] war der wichtigste Moment in diesem Prozess.) Die Integration der alten Arbeiterbewegung in die Zivilgesellschaft ist nunmehr vollständig abgeschlossen.

In den 1970er Jahren haben sich die kämpfenden Arbeiter so viel bewegt, wie es innerhalb der Grenzen des bestehendes Systems nur möglich war. Ihre Kämpfe setzten sich wiederholt über die Gewerkschaftsvorschriften hinaus, blieben jedoch fast immer in Einklang mit dem Gewerkschaftsapparat selbst: die Gewerkschaften waren somit fähig, mit ausreichender Kraft zu manövrieren und auszugleichen, um diesen Zermürbungskrieg letztendlich für sich zu entscheiden. Die überzogenen Forderungen, welche die aufrührerischen Arbeiter damals stellten, scheinen momentan abzuklingen. Innerhalb der Betriebe war der Großteil der wichtigen Konflikte der letzten paar Jahre hauptsächlich defensiver Natur und wurde gegen die Auswirkungen der neuen industriellen Modernisierung geführt.

In den 1970er Jahren konnten es sich die Gewerkschaften nicht ohne Risiko erlauben, die Ausschreitungen der aufrührerischen Arbeiter öffentlich zu verleugnen. In den 1980er Jahren konnten sie es sich nicht mehr erlauben, diese zu unterstützen. In Polen denunzierte die Führung der Solidarność[3] 1981 die wilde Streikbewegung und verleugnete die endlosen Forderungen der Arbeiter im Namen des nationalen Interesses. In Großbritannien versuchte der TUC[4] mit allen Mitteln, jegliche Bestrebungen der praktischen Solidarität mit den streikenden Minenarbeitern zu unterbinden, organisierten somit deren Isolation und schafften es letztendlich, deren Niederlage zu garantieren. In Frankreich kämpften die CGT[5] und die CSL[6] von Dezember 1983 bis Januar 1984 in der Talbot Fabrik [in Poissy] – der eine innerhalb, der andere außerhalb – gegen die streikenden, unqualifizierten migrantischen Arbeiter; jene wurden in Isolation besiegt. In Spanien findet man eine ähnliche Aufteilung von Polizeifunktionen bei der UGT[7] und der CCOO[8], die in letzter Zeit vorgegangen sind gegen die Praxis der selbstorganisierten Versammlungen, welche Teil der aktuellen Kämpfe geblieben sind. Die Liquidierung dieser Arbeiterrevolten wurde überall unter dem selben Namen verkauft. Um einen Streik zu beenden, appellierten die Gewerkschaften früher an die Interessen der Arbeiter. Jetzt appellieren sie an die Interessen des Unternehmens. In dieser Periode haben die Bürokraten den Punkt erreicht, an dem sie verhandeln; bei den Arbeitern der 1970er Jahre wäre das nicht vorstellbar gewesen. Der Gewerkschaftsapparat verhält sich heute als systematischer Verwalter, indem er sich in die Angelegenheiten des Betriebs einmischt. Das reformistische Konzept der Selbstverwaltung ist in die Gewerkschaftspraxis eingetreten, die sich nunmehr hauptsächlich um die Unternehmensmitbestimmung bemüht. Das, was 1968 noch nicht offensichtlich war, ist es jetzt geworden.

Die Arbeiterbewegung definierte sich folgendermaßen: es ging darum, aus der Masse der Arbeiter ein kollektives, juristisches Subjekt zu machen, das die Interessen im Rahmen der Zivilgesellschaft verteidigte. Die Kämpfe der 1970er Jahre brachten dies zum Explodieren. Damals konnten die Armen, die noch durch identische Arbeitsverhältnisse in der Fabrik vereint waren, eine einzigartige Kraft formen, die sich in der Forderung nach einem anti-hierarchischen Lohn und in der gemeinsamen Arbeitsverweigerung ausdrückte (Absentismus, Verlangsamung des Arbeitstakts, Sabotage...). Gegen diese Kraft reagierte der Kapitalismus wie folgt: er führte die Kräfte des Marktes als einzige Referenz wieder ein, und leitete auch die Reorganisation der Arbeitsausbeutung ein, indem er Konkurrenz schürte inmitten der Armen. Die Gewerkschaften, die sich auf die Lohnhierarchie und die Identifizierung des Arbeiters zu seinem Betrieb stützen, nahmen an der Gestaltung dieser Konkurrenz vollständig teil. Zur gleichen Zeiten haben sie auch mit der Sprache der alten Arbeiterbewegung aufgeräumt und diese mit dem empirischeren Jargon der Verwalter ersetzt. Wie es ein Experte neulich erklärte, „stellen die Betriebe zuweilen fest, dass sie Gesprächspartnern gegenüberstehen, die überraschenderweise die gleiche Wirtschaftssprache sprechen, wie sie selbst“. Das Hauptanliegen der Gewerkschaften ist lediglich, juristisch mit den Chefs und dem Staat zu ratifizieren, etwas, das schon längst gängige Praxis ist, beispielsweise das Geschwätz über „die Flexibilität der Arbeitszeit“ oder den Mindestlohn. Mittlerweile wird es auch schon akzeptiert, dass die Gewerkschaften, die Geschäftsleute und der Staat die gleiche Sprache sprechen (einzig eine kleine Minderheit an Gewerkschaftsaktivisten klammert sich verzweifelt an die Sprache der früheren Arbeiterbewegung, deren Loblieder sie immer noch weiter singen). Das Zeitalter ist vorbei, in dem die Arbeiter in ihren Kämpfen sehr weit vorankommen konnten, wenn sie hinter dem Schild der Gewerkschaften in Deckung gingen, und ihre Delegierten unter Androhung von öffentlichem Dissens dazu zwangen, ihnen zu folgen.

Zum ersten Mal in Frankreich wurden Streikende individuell – und nicht ihre Gewerkschaften – dazu verurteilt, eine Entschädigung an die Streikbrecher zu bezahlen. Zuerst geschah das Anfang 1985 im Delsey Werk nahe Calais, später dann im Transportwesen, als fünfzehn Fahrer, die in Folge eines Streiks gefeuert wurden, vom Gericht in Arras dazu verurteilt wurden, 52.600 Francs aus ihrer eigenen Tasche an sieben Nicht-Streikende zu bezahlen, die in der „Vereinigung für die Arbeitsfreiheit“ organisiert waren!

Die Vermittlungen, die die Arbeiter integrieren sollen, haben jetzt einen ganzen Zyklus abgeschlossen. Zur Zeit wird von den Arbeitern gefordert, dass sie der gleichen Logik folgen wie ihre Gewerkschaften, und sich vollständig mit dem Betriebsablauf identifizieren. In Großbritannien, beispielsweise, schreiben amerikanische und japanische Unternehmen, welche einige Automobil- und Elektroniksektoren übernommen haben, ihre Bedingungen vor: die Manager definieren in enger Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften die neuen Regeln für die Verwaltung der Arbeit, und beauftragen diese mit deren Durchsetzung bei den Arbeitern (in manchen Fällen ist dies eine Klausel, mit der der Angestellte freiwillig das Recht zu Streiken aufgibt!). Dieser Fortschritt der Arbeitsausbeutung musste jedoch von einer Konditionierung der Arbeitskräfte begleitet werden, so wie es auch in Japan und Südkorea getan wird. Wenn die Fabriken dort echte Kasernen sind, in denen die Arbeit militarisiert ist, dann ist es trotzdem notwendig, den Arbeitern einen religiösen Kult aufzuzwingen. Die Notwendigkeit und der Terror reichen nicht aus – nicht einmal in Asien –, um bei den Lohnabhängigen Enthusiasmus für die Arbeit zu wecken. Die Chefs der japanischen Betriebe, die sich wie wahre Sektenführer geben, wissen das nur zu gut. Aufgrund der Unmöglichkeit, neue Formen der Arbeitsausbeutung einschließlich auf dem Kasernenregime zu organisieren, hat der Feind mit dem Hinzufügen neuer religiöser oder säkularer Lügen geantwortet. Das drückt sich auch gut in der Aussage eines dynamischen, französischen Unternehmers aus, der verkündete, dass „es den Unternehmen an einem Glaubensbekenntnis mangele“ (es handelt sich wieder einmal um den unvermeidlichen Bernard Tapie).

Diese einzigartige Stärke der aufrührerischen Arbeiter wurde Anfang der 1980er Jahre im Namen der Krise zerschlagen, was den Kapitalisten die Möglichkeit gab, den Armen ungehindert die drakonischsten Bedingungen aufzuzwingen. Es ist eine Rückkehr zur Grundlage des Kapitalismus, ins 19. Jahrhundert: die Menschen durch Hunger unterjochen und das Spektakel des Mangels organisieren (wie beim Phänomen der sogenannten „neuen Armen“). Auf diese Art lassen sich die Menschen Löhne und Arbeitsbedingungen aufzwingen, die vor zehn Jahren noch undenkbar waren. Die Arbeitskraft ist ganz und gar dem Arbeitgeber vorbehalten – das wird dann mit dem gewerkschaftlichen Euphemismus „Arbeitsflexibilität“ benannt; unbezahlte Überstunden, Arbeit an Sonntagen, unter Androhung von Entlassung erpresste Lohnkürzungen. Es kommt sogar vor, dass Betriebe, die Schwierigkeiten haben, an die freiwillige Teilnahme der Arbeiter appellieren, so dass Kapital generiert werden kann durch die Spende eines Teils oder ihres ganzen Gehalts! Das extremste Beispiel hierfür gab es Anfang 1985 in Lyon: eine Führungskraft, die in extremis an die Spitze eines Unternehmens mit Problemen gewählt wurde, hat als Bedingung zur Rettung vorgegeben, dass seine Angestellten ihm das Äquivalent von zwei vollen Monatsgehältern vorschießen müssten. Die wenigen, die sich weigerten, taten gut so: sobald die Zahlungen durchgeführt waren, flüchtete der neue Generaldirektor mit der Kasse ins Ausland.

Alles was auf dem Boden herum kriecht, wird durch Schläge regiert!

2. Die universelle Geschichte der Verzweiflung

Noch nie hat sich das Prinzip des Geldes unter der Herrschaft des Spektakels in der aktuellen Form der reinen Notwendigkeit manifestiert. Auch die Menschen waren niemals so in ihrem Zustand der Bedürftigen erniedrigt worden. Es geht darum, die Armen an ihren Platz zu weisen. Es ist notwendig, ihnen den Mund vor der Allmacht des Geldes wässrig zu machen. In Polen, beispielsweise, ist es nicht allzu schwierig, Geld aufzutreiben, indem man auf dem Schwarzmarkt mauschelt, wie es viele Leute machen. Aber es ist sehr schwierig, an Waren zu kommen: die Geschäfte sind leer. Hier ist die Knappheit anders geregelt: die Geschäfte sind randvoll, aber es ist sehr schwierig Geld aufzutreiben.

Wir haben hier in Frankreich Polen getroffen, die in Erschrecken ausbrachen über den Arbeitseifer der Franzosen: dort gibt es nichts derartiges, im Gegenteil! In unserem verfluchten Land scheint die Tatsache, eine Arbeit zu haben, sei sie noch so dreckig und schlecht bezahlt, für sehr viele Menschen eine himmlische Gunst zu sein. Trotzdem finden sich Menschen, die auf das Almosen spucken. Die mittlerweile unumkehrbare Akkumulation von lebenslangen Arbeitslosen ist selbstverständlich eine unmittelbare Konsequenz der immer rationelleren Organisation der Ausbeutung. Aber viel mehr als ein quantitatives Resultat, handelt es sich um etwas Qualitatives. Es sind zum Großteil die Jungen, die es nicht akzeptieren können, sich den neuen, den Arbeitern auferlegten Bedingungen zu unterwerfen. Viele Junge haben keine Arbeit, weil sie keine wollen. Und zur selben Zeit, wo die Lohnarbeitsbedingungen immer schändlicher werden, werden die Existenzbedingungen der Arbeitslosen immer erstickender.

Anfang 1984 griff der französische Staat die freiwillige Arbeitslosigkeit an, indem er das Sozialhilfesystem auf fast null reduzierte. Daraufhin drängte er auf die Einführung von unterbezahlter, freiwilliger Arbeit. Sechs Monate lang haben wir jungen Idioten zugesehen, wie sie im Fernsehen verkündeten, dass diese Arbeit, auch wenn sie schlecht bezahlt sei, besser wäre als einfach nur nichts zu tun. Ein zweifacher Streich des Staates: er schafft es, die Leute dazu zu bringen zu sagen, dass sie außerhalb der Arbeit – auch wenn es schlecht bezahlte, gemeinnützige Arbeit ist – nicht wissen, was sie mit ihrer Jugend anfangen sollen. Arbeiten heißt, nichts zu tun haben! Dann akzeptieren jene, die sich abrackern und kein Rückgrat haben, mit Freude irgendeinen Mindestlohnjob. Wenn es aufgrund der wachsenden Unterwerfungskonditionen immer unerträglicher wird zu arbeiten, so wird es auch immer schwieriger nicht zu arbeiten. Es ist nicht einmal mehr möglich, seinen unmittelbaren Lebensunterhalt zu planen, indem man gelegentlich rackert oder Arbeitslosengeld kassiert.

Anfang der 1970er Jahre wirkte die Delinquenz auf uns wie ein Verlangen nach Freiheit, eine wilde Spritztour, ein Bandenspiel. Obwohl die Suche nach dem Geld sicher dazugehörte, stellte sie nicht das Hauptziel dar. In den 1980er Jahren war diese Atmosphäre der Unbekümmertheit erschöpft. Der Höhepunkt dieser kriminellen Freiheit war der Herbst von 1981 mit seinen Krawallen und Bränden im Osten von Lyon. Seitdem haben der Staat und die Verteidiger der bestehenden Gesellschaft Maßnahmen ergriffen, um derartige Ausschreitungen unmöglich zu machen: die Herrschaft der Notwendigkeit tat das Übrige. Ein Junge aus Minguettes [Vorort von Lyon, in dem sich diese Krawalle abspielten] erzählte uns 1981, dass sie Autos stahlen, um Spaß zu haben. Heute müssen diese eine nützliche Funktion haben und zumindest mehreren Diebstählen oder Einbrüchen dienen – und erst dann kann man Spaß haben. Es ist schwierig geworden, große Karren zu stehlen! Die Heftigkeit der polizeilichen und gerichtlichen Repression, die von einer noch nie dagewesenen Welle von standrechtlichen Exekutionen unterstrichen wurde, kennzeichnete das abrupte Ende einer Epoche. Alle diese lebenslangen Arbeitslosen füllen nun die Gefängnisse und verursachen dort eine automatische Überbevölkerung. Auch die Arbeiter werden nicht verschont und haben immer häufiger mit der Polizei zu tun. Schulden, die Unmöglichkeit Miete und sonstige Kredite zu bezahlen, ungedeckte Schecks, Diebstähle in Supermärkten, etc. führen dazu, dass immer mehr Menschen das Gefängnis riskieren.

Diese Rückkehr zur wildesten Herrschaft der Notwendigkeit hat zur Folge, dass Feindseligkeit und Konkurrenz – welche alle Arten der Beziehungen unter den Armen in dieser Gesellschaft regulieren – geschürt werden. Die Isolation und die Atomisierung dominieren zweifellos alles, und daraus folgt eine nie dagewesene Stimmung der Angst und der Unterdrückung – in einigen großen Städten der USA hat es den Punkt erreicht, dass Menschen plötzlich an Einsamkeit sterben. Die Verbreitung von Heroin, die die Wut von vielen Jugendlichen fast vernichtet hat, ist offensichtlich eine der unmittelbareren Konsequenzen dieses Vorgangs und verstärkt diesen wiederum. Nunmehr ist keine Vermittlung mehr möglich zwischen dem Elend der Menschen und der Zivilgesellschaft. Die Revolten, die nach 1968 auftraten, haben den Feind gezwungen, die Unterdrückung zu modernisieren, und somit die Welt noch unerträglicher und das Elend noch sichtbarer zu machen. Der alte Leitsatz von 1789 rückt wieder in den Vordergrund der feindlichen Anliegen zurück: das Vakuum zwischen der herrschenden Klasse und den Armen aufzufüllen, welches in den vergangenen Jahren auf gefährliche Weise angewachsen ist. Das ist es, was einer gesamten Generation von Reformisten im Auftrag des Staates zu schaffen macht. Sie sprechen selbstverständlich nur die Sprache des Staates und predigen der Masse der Armen die demokratische Lüge. Es ist das Bürgertum, die sich knallhart konfrontiert sieht mit dem, was sie definiert: die Abwesenheit der Gemeinschaft wird durch die erneuerten sozialen Verhältnisse auf ihren Höhepunkt getrieben.

Die Gewalt, die unter den Armen regiert und manchmal offen unter ihnen praktiziert wird, entspricht der Gewalt der Verhältnisse, denen sie ausgesetzt sind. Im gleichen Moment, in dem alle Armen mit voller Wucht die Gesetze des Krieges aller gegen alle zu spüren kriegen, können sie nicht mehr nach einer zivilisierten Existenz streben und werden somit absolut gefährlich. Dieser Moment, in dem die Trennung in alles eindringt, zeigt außerdem, dass die Armen kein kollektives juristisches Subjekt darstellen können, wie in Zeiten der früheren Arbeiterbewegung. Ihre Unzufriedenheit kehrt zu ihrer Grundlage zurück, das heißt zur Wildheit, welche ihre Revolte charakterisierte, bevor die Gesellschaft versuchte, sie zu zivilisieren. Der letzte Streik der Minenarbeiter in Großbritannien hat uns folglich gezeigt, wie die Streikenden kriminelle Aktionsformen annahmen, die an die Strafexpeditionen erinnerten, welchen sich die englischen Arbeiter Anfang des 19. Jahrhunderts widmeten (Engels berichtet darüber in „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“), also zu Zeiten, bevor das Gewerkschaftswesen die Armen zivilisiert und ihre Wut vernichtet hat.

3. Die Fanatiker der Apokalypse

Im Heysel Stadion hatten die Leute, die zu einem wichtigen Fußballspiel gingen, keine bestimmten Gründe zur Unzufriedenheit; im Gegenteil, sie gingen in erster Linie dorthin, um einen netten Abend zu verbringen. Die Organisatoren des Spektakels konnten sich nicht vorstellen, dass das Elend der Menge innerhalb des Stadions dermaßen explodieren könnte. Es gab kein Motiv für Gewalt, behaupteten sie. In Heysel musste das Spektakel seine Funktion der Manipulation für die einsame Menge im Sekundentakt und live vor Millionen Menschen demonstrieren. In diesem Moment glitt es ihm aus den Händen! Die Organisatoren gerieten live in Panik. Und das, was die Zuschauer so schockierte, waren nicht die 38 Toten, sondern die Tatsache, dass sie live Zeugen einer solchen Gewalt wurden, welche das Spektakel ihnen dieses Mal nicht vorenthalten konnte. Sie genierten sich dafür, das gesehen zu haben. Der Skandal war so groß, dass sie in der BRD die Ausstrahlung ganz einfach gestoppt haben. Ein Journalist von Le Monde fragte sich bestürzt in einem Artikel zu dieser Angelegenheit, „welchen Eindruck all dies bei den Völkern von Schwarzafrika erzeuge (das Fußballspiel wurde auch in verschiedenen afrikanischen Staaten live ausgestrahlt), welchen wir einmal versuchten, unsere Zivilisation aufzuzwingen?...“. Seitdem sah man, wie ein Reggae Konzert in Guinea angesichts der Begeisterung der Zuschauer plötzlich aufhörte, nachdem diese schließlich die gesamte Anlage der Show zerstören. Im Gegensatz dazu gaben zur gleichen Zeit in Griechenland die Organisatoren eines Konzerts den Künstlern die Anweisung, einzig mit dem Zweck zu spielen, die entfesselte Menge zu beruhigen: trotzdem behandelte die Menge die Musiker wie schlechte Diener, unfähig die Unzufriedenheit zu lindern, und machte alles kaputt. Die Wilden sind überall auf der Welt.

Die bloße Tatsache, dass wir die Hooligans gegen die Verleumdung und Repression verteidigten, führte allseits zu einem Skandal, sogar unter uns nahestehenden Menschen. Die Argumente, die uns entgegengestellt wurden, gehören alle zum selben moralischen Urteil, das hier einzig irrationale und unmotivierte Gewalt sieht. Es gibt keine unmotivierten Handlungen in dieser Welt: es gibt Menschen, die teilweise sehr teuer für dieses Wissen bezahlen. Dann ist der Hooliganismus eine unmittelbare Manifestation der Unzufriedenheit, die weder verwunderlich noch schockierend ist, nach einer Woche der Langeweile und der Arbeit. Das Elend ist immer etwas Beschämendes für die Reformisten, ein Sakrileg. Sie verstehen nicht, aus was das Elend des täglichen Lebens besteht, und darum auch nicht die Gewalt, die es verursacht. Wir behaupten, dass die Armen nur im Bruch aller sozialen Zügel und im Umsturz aller Gesetze vereint sind. Anderenfalls stellen sie in keinster Weise eine Gemeinschaft dar. Es ist einzig im Ausdrücken ihrer Unzufriedenheit, wo sich die Armen treffen können. Dadurch findet eine Umkehrung der Situation statt und es stellt sich ein vereinter Zusammenstoß mit dem gemeinsamen Gegner heraus. Ein englischer Polizeikommissar beklagte am Tag nach dem wunderschönen Aufruhr von Handsworth die Tatsache, dass die Leute das ganze als Vergnügung ansahen, genauso wie beim Fußball Hooliganismus. Jedenfalls hat die Tragödie von Heysel neue Zustände für die Hooligans geschaffen mit den darauffolgenden militärischen Rastern für die Stadien. In Zukunft werden jene, die zu einem Match gehen, um sich abzureagieren, gezwungen sein, die Bullen anzugreifen, welche sich en masse vor Ort befinden, anstatt gegen die anderen Supporter zu kämpfen. Dies geschah bereits am 9. Oktober in Leicester.

Der Moment, in dem die Bourgeoisie und der Staat die Organisation der Trennung abschließen, welche die Armen definiert und deren Existenz absolut unerträglich macht, ist auch der Moment, der die Bedingungen für einen Umsturz der Situation erschafft. Das, was die Menschen trennt und zu Armen macht, ist auch das, was sie definiert. Die Armen kennen einander nicht, sie erkennen einander. Anfang September 1985 erschossen die Bullen bei einer Verfolgungsjagd nach einem missglückten Überfall in Marseille einen der jungen Räuber in der Nähe vom Vorort La Paternelle: sie wurden sofort von den örtlichen, aufgebrachten Einwohnern angegriffen, und mussten sich nach einem heftigen Austausch von Steinen und Granaten zurückziehen. Zur großen Verwunderung der Bullen und der Journalisten, da das unglückliche Opfer nicht aus dieser Nachbarschaft stammte und auch kein Araber war (wäre er aus La Paternelle gewesen, hätten die Bullen mit einem Aufstand zu tun gehabt, genauso gewalttätig wie in Brixton oder Tottenham). Die vorwiegend arabischen Jugendlichen, die La Paternelle bewohnen, erkannten sich sofort im Schicksal wieder, das die Bullen für diesen unbekannten Jugendlichen vorbehalten hatten, da sie genau die gleichen Schindereien erleiden. Sogar im Quartier des Halle[9] in Paris, das sich jedoch psychogeographisch exakt von den nördlichen Vierteln Marseilles unterscheidet, provozierte die Verhaftung eines kleinen Dealers eine Zusammenkunft von 400 Personen, welche die Bullen und sogar die Kulisse angriffen (das passierte letzten September). Die Gleichgültigkeit und die Angeberei, welche widersprüchlicherweise in Halles regieren, bekamen so einen Entwurf zur Überwindung präsentiert. Darüber sind wir erfreut.

4. Wir, die Cangaceiros

Wir sprechen viel über die Gewalt in den Banlieues. Allerdings denken wir nicht, dass es dort ist, wo sich alles abspielt. Es leben dort lediglich viele Mitmenschen, und oft wir selbst. Wir reden nicht nur über Gewalt: sie ist unser Element, man kann sagen unser tägliches Schicksal. Die Gewalt ist zuerst die der Zustände, die uns auferlegt werden, jene der Menschen, die sie verteidigen und leider seltener, jene, die wir ihnen in die Fresse zurückschlagen. Wir kennen nicht alle unsere Feinde, aber wir wissen, was sie verteidigen. Alle unsere Verbündeten sind nicht zwangsläufig unsere Komplizen. Es kommt vor, dass sie es sind. Wir haben keine Beziehung zu allen unseren Verbündeten. Die Arbeitslosen, welche die Armut bekämpfen, sind genauso unsere Verbündeten, wie die Arbeiter, die gegen die Arbeit revoltieren und der Kontrolle der Gewerkschaften entwischen. Wir meinen nicht eine universelle Wahrheit zu besitzen, aber wir wollen sie kommunizieren. Universelle Wahrheiten sind jene, die kommuniziert werden, nicht jene, die man besitzt. Jenen, die sich fragen, ob wir Freunde der Versammlungen oder der Vermittlungen sind, antworten wir, dass es uns wichtig ist zu wissen, wie die Menschen den Dialog errichten und organisieren. Wir sind keine Terroristen, weil wir uns in der Klandestinität aufhalten: brav gräbt der alte Maulwurf, wurde einst gesagt. In unserem Zeitalter gelten die Menschen, die revolutionäre Ansprüche erheben, als Träumer. Aber der Mensch ist aus dem gleichen Stoff gemacht wie seine Träume. Wir sind Revolutionäre. Os Cangaceiros bedeutet: „Alles ist möglich“, „Wir befinden uns im Krieg“, „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt“. Wir sind zahlreich, im Vergleich zur herrschenden Atomisierung. Wir haben viele Verbündete auf der ganzen Welt.

Unser Programm ist sehr alt: ohne tote Zeit zu leben. Wir haben selbstverständlich vor, ihm durch den Skandal Aufmerksamkeit zu verschaffen. Es gibt keine anderen würdigen Mittel für so ein Programm. Unsere Existenz an sich ist schon ein Skandal. Natürlich sind wir nicht unentbehrlich: allerdings mussten wir das bei mehreren Anlässen bereits sein. Im sozialen Krieg kann niemand entbunden werden. Wir sind auch sehr misstrauisch – die Erfahrung beweist, dass man es manchmal nicht genug ist. Das Misstrauen beurteilt das Vertrauen, das man anderen zugesteht. Wir gehören nicht wirklich zu dem, was man üblicherweise als „die Welt der Arbeit“ bezeichnet, obwohl wir aus dieser hervorgegangen sind. Aber wenn die Kämpfe, die diesem Namen würdig sind, stattfinden, dann bekämpfen sie auch die Welt der Arbeit und richten sich auch gegen das, was die Armen zwingt zu arbeiten; die Notwendigkeit des Geldes.

Wir erklären die Tatsache, dass es zum jetzigen Zeitpunkt in Europa keine einzige andere Gruppe wie die unsere gibt, mit dieser anderen Tatsache, dass wir ganz einfach die ersten sind. Selbstverständlich hat unsere Zeitschrift eine lächerliche Verbreitung im Vergleich zu unseren enormen Ambitionen. Aber wir zählen auf die Geisteskraft unserer Leser dies wettzumachen, und das stellt unsere Ambitionen nicht in Frage. Die Verbreitung einer derartigen Zeitschrift hat selbstverständlich nichts mit der massiven und täglichen Verbreitung der Lügen der Presse zu tun. Wenn das Publikum unserer Zeitschrift quantitativ limitiert ist, dann richtet sie sich an mögliche Gesprächspartner und nicht an eine Masse von Zuschauern. Und es ist besser, spezielle und kämpferische Leute zu haben, anstelle einer gestaltlosen Masse. Das begünstigt unsere enormen Ambitionen. Wir sind gegen jegliche Hierarchie und unsere Vereinigung verhält sich insoweit egalitär, dass jeder in der Lage sein sollte mitzuentscheiden. Die Tatsache, dass wir auf Intellektuelle wie Marx und Hegel Bezug nehmen, stört uns nicht: in ihrem Zeitalter konnte man ein Intellektueller sein, ohne eine intellektuelle Hure zu sein. Heutzutage ist das vorbei und sogar unmöglich. Außerdem waren sie nicht nur Intellektuelle, da sie eine Wirkung auf die Welt hatten. Wir betrachten es als möglich, Kontakt mit anderen Gruppen unter dieser Grundbedingung zu unterhalten: die Überwindung jeglicher Art der Agitation/Propaganda in ihrem Wirken. Das, was wir an der Politik kritisieren, ist der Staat.

Es geht darum, neues Blut in diese Epoche zu bringen und die dafür nötigen Mittel zu besitzen. Als wir die streikenden Minenarbeiter in Großbritannien trafen, stellte man uns mehrmals diese elementare Frage: „Über welche Kraft verfügt ihr in Wahrheit? Was werdet ihr mit den Informationen, die wir euch geben, tun können?“. Auf diese Fragen muss man in der Lage sein, klar und deutlich zu antworten, umso mehr, da eine Gruppierung wie die unsere nicht für alle begreifbar ist. In Polen fragte man uns auch: „Aber wer seid ihr denn? Was ist eure Bewegung?“. Wir müssen den universellen Charakter unserer Existenz ausdrücken können. Das Interesse, das wir an den Revolten unserer Mitmenschen haben, geht über das Interesse hinaus, das ein oft mittelloser, isolierter Armer für diese Welt hat. Allerdings muss klar sein, dass wir nur über das sprechen, was uns betrifft. Wir beabsichtigen keinesfalls, den Kämpfen anderer zu assistieren. Wir beabsichtigen bloß, sie zu treffen und an ihrer Fröhlichkeit teilzunehmen. Der Großteil der kämpfenden Arbeiter, die wir getroffen haben, ist immer noch beeinflusst von dem aktivistischen Geist der ehemaligen Arbeiterbewegung. Beim derzeitigen Stand der Dinge kann man nur auf Begegnungen mit für sich genommen isolierten Individuen setzen, obwohl wir diese manchmal durch organisierte Gruppen erreichen, welche immer noch diese Illusionen des Syndikalismus bewahren und wo aufrührerische Arbeiter zu finden sind. Wenn der Aktivismus dieser Gruppen uns auch kalt lässt, kennen wir dort Menschen, die uns durch die Verweigerung der Arbeit sehr nahe sind.

Die jungen Kids der Vororte haben die Gewohnheit, Menschen isoliert oder in lokalen Banden anzutreffen und sind, wenn sie uns treffen, immer verwundert, eine gegründete und organisierte Gruppe zu sehen. Im Gegensatz dazu haben die kämpfenden Arbeiter vielmehr die Gewohnheit, Menschen zu sehen, die als Mitglieder einer offiziellen Organisation handeln, und sind, wenn sie uns treffen, erstaunt, Individuen zu sehen, die scheinbar nur in ihrem eigenen Namen handeln. In Großbritannien oder in Spanien waren daher viele kämpfende Arbeiter überrascht, eine Gruppe lebenslanger Arbeitsloser zu sehen, die organisiert ist, internationale Kontakte und Informationen hat, und über gewisse Mittel verfügt, obwohl sie unabhängig vom gesamten Gewerkschafts- und Politikapparat existiert. Letztlich sorgen wir durch unsere bloße Existenz für Aufregung.

Aber die einzig ernsthafte Gefahr, die wir laufen, ist ohnehin in Armut zu sterben.

Geschrieben von: Yves Delhoysie, Georges Lapierre, Louise Rivière

„Prisoner's Talkin' Blues“

Das Schicksal der Häftlinge innerhalb der Mauern ist untrennbar verbunden mit den allgemeineren Bedingungen, die den Massen der Armen heutzutage in der Gesellschaft vorbehalten sind. Das hat die Welle der Meutereien von Mai 1985 bewiesen, die hauptsächlich von Untersuchungshäftlingen durchgeführt worden sind, und zwar ausschließlich in den Maisons d'arrêt [Untersuchungshäftlinge und Strafen bis zu einem Jahr] – die Haftanstalten für Langzeitgefangene sind ruhig geblieben, aber selbstverständlich erhalten nun einige Untersuchungshäftlingen „lange Strafen“ und werden dann dorthin wechseln. Die Mehrheit der Meuterer gehörte zu jenen „Untersuchungshäftlingen“, die schlussendlich doch alle verurteilt werden, mindestens für solange, wie die Zeit, die sie bereits auf ihr Urteil wartend verbüßt haben: dabei handelt es sich um „Kleinkriminelle“, also Menschen, die wir draußen sehr oft antreffen können. Die Revolte, die sich innerhalb der Mauern anbahnt, ist nichts weiter als die Fortsetzung der Revolte, die sich draußen bereits in den Vorstädten vollzogen hat: und eine Konsequenz ihrer Repression.

Im Frankreich von 1985 zählen die Gefangenen zu den wenigen Menschen, die sich noch mit Herz und Verstand der Revolte hingeben.

Diejenigen, die der generellen Niederschlagung draußen noch entkommen, erkennen sich zwangsläufig in der Revolte der Häftlinge wieder: wegen ihrem Inhalt sind sie forciert, ihr eine universelle Bedeutung einzuräumen. Zumindest eine Sache ist sicher; die Revolte gegen die Gefängnisse bricht auch draußen los. Diese Welle der Revolten war ebenso gegen das Gefängnis wie gegen die Justiz gerichtet. Bisher sind die Revolten über die Strafanstalten hergefallen, mittlerweile fallen sie auch über das Gerichtswesen her. Die Häftlinge haben sich bereits gegen die Vollstreckung ihrer Strafe aufgelehnt, jetzt revoltieren sie gegen das Urteil der Gesellschaft. Bisher haben die Häftlinge gegen die Art und Weise protestiert, wie sie innerhalb der Mauern behandelt werden, mittlerweile protestieren sie auch gegen die Art und Weise, wie sie von einer Gesellschaft behandelt werden, deren Allgemeinwohl von der Justiz repräsentiert wird. Die Revolte der Gefangenen wird von den Staatspartisanen um so mehr als gefährlich empfunden, wenn sie mit der Zerschmetterung des gesamten Rechtssystems droht, welches das Kernstück des Staatsapparats und das Sicherheitsventil der bürgerlichen Gesellschaft bildet. Es war also nur logisch, dass ihre Revolte draußen auf ein Echo stoßen würde.

Unser Ziel ist es nicht unbedingt, im Drinnen ausgedrückte Forderungen, die nach einzelnen Verbesserungen der Haftbedingungen streben, draußen zu unterstützen. Wir sind solchen Forderungen gegenüber nicht kleinlich: wir wissen, wie die Dinge im Inneren ablaufen. Wir versuchen an erster Stelle, die Idee selbst des Gefängnisses zu bekämpfen. Wir wollen die Zerstörung dieser verfluchten Institutionen erreichen. Wir können also jede Form der Forderung ermutigen und hoch heben, die diesen einzigartigen, lebensnotwendigen Anspruch beinhaltet: „Luft!“. Wir gehören zu jenen Menschen, die riskieren, im Gefängnis zu landen und verweigern somit gänzlich das unabwendbare Schicksal.

Die Schwierigkeit, die sich uns, den sich nach praktischem Reichtum sehnenden Armen, stellt, besteht darin, wie wir die Wörter finden, um deutlich unsere Revolte und unsere Sehnsucht auszudrücken – das heißt Wörter, um uns gegenseitig zu verstehen. Die Strategie des Feindes ist zweigleisig: einerseits dafür zu sorgen, dass die Armen sich von den lebenswichtigen Fragen abwenden und stattdessen gegen Windmühlen ankämpfen, und andererseits, wenn sie das dann tun, sie davon abzuhalten, sich zu treffen und ein gemeinsames Verlangen zu entdecken.

Die meisten Erklärungen, die man bezüglich der Revolte der Gefangenen vernehmen kann, sind ganz einfach falsch, weil sie die juristische Sprache des Staates sprechen. Das Ziel von all diesem Pseudo-Gerede ist es, dass die Armen, in diesem Fall die Gefangenen, nicht einmal mehr die Wörter finden, um ihre Unzufriedenheit und ihre Revolte auszudrücken: sie können nicht miteinander sprechen, da sie sich nur mit der Sprache ihrer Meister ausdrücken können. Es ist das Ziel der Staatspartisanen und der Verteidiger der bestehenden Gesellschaft, dass die Armen nur noch im Stande sind zu reden, wenn sie sich an ihre Meister wenden. Jeder, der die Rechtssprache spricht, spricht mit dem Staat – ausschließlich mit dem Staat – und zwar nach dessen Muster. Diese Lüge, die es nicht erst seit gestern gibt, soll die Revolte der Armen ein für alle Mal zivilisieren.

Denn man kann ein modernes kapitalistisches Land nicht mit roher Gewalt regieren, indem man an jeder Straßenecke Panzer stationiert. Das Gleiche gilt für die Aufrechterhaltung der Ordnung in den Gefängnissen. Ein moderner Staat ist gezwungen, all die formellen Freiheiten zu garantieren, die notwendig sind für den einwandfreien Verlauf der Geschäfte. Zwei wichtige kapitalistische Länder, Argentinien und Brasilien, haben das voriges Jahr erkannt (das Bürgertum Südafrikas beginnt das auch gerade zu verstehen). Ein kapitalistisches Land kann nicht gedeihen, wenn es auf die Armen feuert, sobald diese sich in Bewegung setzen: damit sie sich mit ihrer Arbeit am Reichtum der Gesellschaft beteiligen, muss es ihnen die Sprache der Staatsräson aufdrängen und ihre Köpfe mit universellen und abstrakten Konzepten aus der bürgerlichen Gesellschaft füllen. Sie müssen sich mit dem Allgemeinwohl dieser Gesellschaft identifizieren, und es war gerade der historische Kraftakt des Bürgertums, dem dieses Meisterstück gelungen ist. Jeder moderne Staat muss notwendigerweise diese armen Wilden zivilisieren, einschließlich jener, die von der Gesellschaft in den Gefängnissen isoliert wurden. An dieser Front tobt also die Schlacht der Ideen. Die Staatspartisanen wissen, dass sie die Revolte der Häftlinge nicht mit roher Gewalt – welcher sie sich zu Beginn allerdings mit den entsprechenden Risiken bedienen müssen – niederschlagen werden, sondern mit dem Pseudo-Dialog, mit der Lüge. Wir hingegen müssen die angeblichen Rechtsfragen in soziale Fragen verwandeln, und die Operation, welche die modernsten Staatspartisanen im Moment durchzuführen versuchen, vereiteln.

Wie kürzlich ein Ex-Häftling bezüglich der Gefängnisverwaltung gesagt hat, „versuchen sie immer, dich an deiner Strafe teilhaben zu lassen; das ist ihr Dialog, alles andere ist unmöglich“. Es gibt sogar Menschen, die sich darin spezialisiert haben; die Sozialarbeiter. Die sogenannte „Sozialarbeit“ hat ihren Ursprung in den Praktiken der Kirche. Historisch ist sie aus dem Austausch von Almosen gegen das Bußsakrament hervorgegangen. Die Sozialarbeiter sind laizistische Pfaffen, die im Namen des Staates predigen. Das Justiz- und Gefängnissystem dominierende Gedankengut geht in dieselbe Richtung. Sie träumen sogar davon, dem Status des Wärters neuen Glanz zu verleihen, indem man ihm die Attribute des Erziehers zukommen lässt. Früher war die dem Gefangenen auferlegte Buße ohne Umschweife, physisch und sehr brutal (man braucht nur die grausamen Berichte von Überlebenden aus der Strafkolonie zu lesen); heute gibt sie sich moralischer, fast schon spirituell, zugleich aber behält sie die Grundlagen der Gefangenschaft und die damit implizierte Gewalt bei (es sterben viele Menschen in den französischen Gefängnissen). Die Repression übernimmt einen moralischen Inhalt und sogar Rechtfertigungen. Auch will sie in die Köpfe eindringen und verhindern, dass die Revolte, die nunmehr chronisch ist in den Gefängnissen, ihre Wörter finden kann.

Die aktuellen Verantwortlichen der Repression versuchen, einen endlosen Pseudo-Dialog zu provozieren und aufrechtzuerhalten über die vielfältigen Verbesserungen, welche in das Gefängnissystem eingeführt werden könnten, und rechtfertigen somit dessen Existenz. Dabei handelt es sich um eine Hintertür, um die Häftlinge von der Richtigkeit ihrer Strafe zu überzeugen. Der Staat meint bessere Chancen zu haben dies zu erreichen, wenn er der Repression den Pseudo-Dialog hinzufügt, da die bloße physische Gewalt nicht ausreichen wird.

Indem sie das Konzept der Strafe an sich verweigern, stehen die Delinquenten offen zu dem, was sie in der Gesellschaft sind. Die Häftlinge wissen ganz genau, dass das Strafgesetzbuch abhängig ist von der Zeit und jenem Staat entspricht, welcher zur aktuellen Gesellschaft gehört: das Gleiche gilt für das Strafverfahren.

Das reformistische Bewusstsein äußert sich immer in der Form der Rechtfertigung. Im Gegensatz dazu erscheint das Verhalten der Meuterer als nicht gerechtfertigt (wie die Zerstörungen in Fleury am 5. Mai), genauso wie ihre einzig eingestandene Begründung („Luft!“): so etwas ist nicht verhandelbar mit dem Staat. Die Häftlinge setzen sich zur Wehr gegen das Urteil, dem sie ausgesetzt sind: das Gefängnis wird nicht mehr als ein unabwendbares Schicksal wahrgenommen.[10]

Die linken Erzieher, die versuchen, die Delinquenten zu rechtfertigen und Ausreden zu finden für ihre Delikte, bringen uns gerade noch so zum Lachen. Man muss sich bereits als Angeklagter im Büro vom Richter rechtfertigen (zudem kann man leicht den Überblick verlieren, wenn man sich allzu sehr rechtfertigen will: dasselbe passiert auch in Polizeigewahrsam). Man stelle sich vor, dass man sich auch als Häftling noch rechtfertigen müsse! Die Meuterer aber wissen, dass sie aus der Sicht derjenigen, die sie verurteilen, keinen redlichen Grund haben. Gegenüber dem Staat ist das Schweigen wirklich die Waffe der Armen.

Es sitzen die verschiedensten Menschen im Gefängnis. Hauptsächlich handelt es sich bei den Häftlingen allerdings um Delinquenten, die die Gesellschaft entschieden hat zu isolieren. Der Ausdruck der Delinquenz soll keine Verwirrung stiften. Sein chronischer Gebrauch ist in einer gewissen Epoche aufgekommen, um eine Gesamtheit an Verhalten zu benennen, die die kurzzeitige Auflösung der gesellschaftlichen Barrieren und die Verachtung des Gesetztes sowie fremden Eigentums gemein haben. Mit diesem Begriff identifiziert die Zivilgesellschaft den Jugendlichen, der samstagabends auf den Ball geht, um sich zu prügeln, die Hausfrau, die im Supermarkt stiehlt, den Knaben, der Raubüberfälle begeht, den Arbeiter, der Material aus der Fabrik stiehlt, oder all diejenigen, für die der Diebstahl die einzige Möglichkeit zum Überleben darstellt, also Arme jeglicher Sorte, die in unterschiedlichem Maß nicht mehr komplett integriert werden können. Es ist eine Epoche, wo die Arbeit und das Gesetz vielen Armen nicht mehr als heilig erscheinen.

„Délinquer [eine deutsche Übersetzung von diesem französischen Verb existiert nicht]: 1429, aus dem Lateinischen delinquere, verfehlen, sich vergehen, von linquere, verlassen. Delinquent, 14. Jahrhundert, aus dem [französischen] Partizip Präsens délinquens. Delinquenz, 20. Jahrhundert.“ (Larousse Etymologique)

Falls das Individuum Rechte hat, dann nur weil es auch Pflichten hat. Wenn es diese nicht erfüllt, kann es nicht ernsthaft die Ausübung seiner Rechte in der Gesellschaft und gegenüber dem Staat einfordern. Außer wenn es bereit wäre, sich zu bessern, seine Schuld abzubüßen (besonders indem es im Strafvollzug für wenig Geld arbeitet) und wenn es den nötigen Willen für eine Wiedereingliederung unter Beweis stellt (siehe den bedingten Straferlass und die überwachte Freiheit: man urteilt ein zweites Mal über das Individuum, diesmal über seine tatsächlichen Willen, sich wieder einzugliedern). Wenn der Häftling an seiner Wiedereingliederung arbeitet, so kann er hoffen, von einem Teil der Ungnade verschont zu werden: er behält einige wirksame Rechte bei. Der Staat hat nach den ersten Meutereien von 1971 und 1974 sehr schnell verstanden, dass man das Individuum besser nicht komplett von der Zivilgesellschaft isolieren sollte. Im vorliegenden Fall verpflichtet er den Verurteilten, für das Recht zu kämpfen, um erneut wieder in ihr aufgenommen zu werden. Und das ist nicht die kleinste Scheußlichkeit!

Auf jeden Fall hat die Zivilgesellschaft bereits Eintritt gefunden ins Innere der Mauern; (oft) arbeiten die Häftlinge. Sie findet Eintritt gemäß den speziellen Modalitäten, die den sozial unwürdigen Individuen vorbehalten sind. Da die Häftlinge sich außerhalb der Integrationsmechanismen der Gesellschaft befinden, kann sich die Ausbeutungsquote ihrer Arbeit als außergewöhnlich hoch und ihr Lohn als außergewöhnlich niedrig erweisen.

Es gibt alle möglichen Menschen, die behaupten, sich für die Revolte der Häftlinge zu interessieren. Viele davon sind Reformisten, die fordern, dass die Gesellschaft den Gefangenen die Ausübung ihrer Rechte anerkannt. Aber was sind das für Rechte? Das Recht der Verteidigung? Dieses gilt nur für die Sache, über die geurteilt wird, nicht für die Vollstreckung der Strafe: das Gefängnis ist ein geschlossenes Universum, wo es keinen Platz geben kann für eine „widersprüchliche Debatte“. Die Menschen- und die Bürgerrechte?

Die Menschenrechte sind nichts als Vorrechte und anerkannte Garantien für das atomisierte Individuum in der bürgerlichen Gesellschaft, in der es nur Platz für zwei Sorten von Leuten gibt: für diejenigen, die Geld verdienen und diejenigen, die arbeiten. Wie könnten wir, wir die diese Gesellschaft nicht bereichern, sondern – ganz im Gegenteil – ihr Geld kosten, wie könnten wir auch nur daran denken, von diesen Vorrechten und Garantien zu profitieren? Mit welcher sozialen Aktivität könnten wir uns rühmen?

Den Bürgerrechten? Der Bürger ist das politische Individuum, das heißt ein abstraktes Individuum. Der Häftling ist kein Bürger.

Es gibt einerseits das tatsächliche Mitglied der bourgeoisen Zivilgesellschaft, das isolierte und engstirnige Individuum, das von ihr als die Essenz des Menschen angesehen wird, und andererseits die moralische Person, den Bürger. Es ist wichtig, die moralische Person (den Angeklagten, den Verurteilten) von dem realen Individuum (dem Häftling) zu unterscheiden. Letzteres ist das Individuum, das es als Mitglied der Gesellschaft versäumt hat, seine Pflichten gegenüber den demokratisch festgemachten Regeln zu erfüllen; und die moralische Person ist der Angeklagte, dem man würdevoll das Recht auf Verteidigung einräumt. Der Angeklagte ist ein Bürger.

Dem Verurteilten bleibt nichts anderes übrig, als sein Schicksal innerhalb der Mauern zu akzeptieren. Er kann seine Rechte dann nicht mehr geltend machen, da er nicht durch irgendeine Arbeit zum Reichtum der Gesellschaft beiträgt (abgesehen von der Arbeit, die er wegen der Misere oder aufgrund der Vorschriften gezwungenermaßen verrichten muss). Der Staat handelt logisch, wenn er die Möglichkeit ablehnt, Gefangenengewerkschaften zu erlauben. Er lässt dem Häftling nur einen Weg offen: seinen Leidensweg beschreiten, durchhalten und seine Strafe, den Schmerz und die Erniedrigung in aller Stille akzeptieren – und sich durch die Gefängnisarbeit komplett zu bessern. Die Justiz und die Gefängnisinstitution – laizistisch in der Theorie, religiös in der Praxis – sind Abbilder des Bürgertums. Bei der Wiedereingliederung handelt es sich um diesen stillschweigenden Leidensweg, bei dem der Häftling während der ganzen Zeit nichts zu sagen hat, seine Stimme nicht erheben darf, sich nicht beschweren und schon gar nicht protestieren darf. Dieses christliche Ideal wird immer noch von vielen Leuten im Gefängnis verinnerlicht.

Schlimmer als alles, was man im Knast erleben muss, ist dieses Gefühl der völligen Abhängigkeit gegenüber den Regeln, die selbstverständlich da sind, um das Individuum zu bändigen. Das Gefängnis hat einen Aspekt der „Um-erziehung“, ist gleichzeitig Schule und Kaserne (sehr deutlich in Großbritannien zum Beispiel, und noch deutlicher in den berüchtigten Lager einiger stalinistischer Länder). Die Willkür der Wärter ist nichts weiter als eine Zurschaustellung der Autorität der Vorschriften. Der Staat will jene Individuen komplett in den Griff bekommen, gegen welche die Kontrolle der Zivilgesellschaft in einem bestimmten Moment nicht ausgereicht hat: und somit muss er ihnen die Regeln mit Gewalt aufzwingen. Hierin gleicht das Gefängnis der Kaserne, wo man das Individuum dazu bringt, sich den wichtigsten Regeln der Gesellschaft zu beugen, dem Gehorsam und der Disziplin. Der Status des Soldaten und der des Gefangenen haben folgendes gemeinsam: es handelt sich um ein Individuum, dessen Schicksal komplett vom Staat abhängt. Das geht soweit, dass man die Schikanen der Hierarchie ohne Murren erdulden muss. Trotz all der Vergünstigungen und Kompromisse, die die Gefängnisverwaltung zugestehen könnte – und wir wissen, dass sie eher geizig ist in dieser Hinsicht –, wird es immer diese spontane Rebellion des Häftlings gegenüber den Vorschriften geben.

Der Beschuldigte hingegen war noch nicht das Objekt der moralischen Verurteilung: man hält ihn gänzlich für den Staat, an einem sicheren Ort, zur Verfügung. Wir können nicht oft genug wiederholen, wie sehr die Lage eines Untersuchungshäftlings der einer Geisel ähnelt. Übrigens können wir anmerken, dass Großbritannien – welches die französischen Reformisten ganz scharf gemacht hat mit seinem „habeas corpus“ – 1980 die Untersuchungshaft in sein Strafverfahren eingeführt hat, also zu einem Zeitpunkt, wo der soziale Krieg einige Fortschritte gemacht hat.

Nebenbei können wir darauf hinweisen, dass das Gefängnis, obgleich die linken Humanisten etwas anderes behaupten, für immer ein Ort der ultimativen Erniedrigung bleiben wird: als Beweis können wir die aktuellen Regierungsmaßnahmen anführen, welche darauf abzielen, den kleinen Delinquenten vor dem Gefängnis zu schonen, denjenigen, der sich noch nicht komplett von der Gesellschaft ausgeschlossen hat, der bloß ein harmloses Delikt begangen hat und von dem man erwarten kann, dass er sich mithilfe seiner Arbeit wieder in das Sozialsystem eingliedern wird. Dann liegt es an ihm, dies unter Beweis zu stellen, indem er X Stunden eine „gemeinnützige“ Arbeit verrichtet.

Der Staat wird immer einzelne Verbesserungen im täglichen Leben des Häftlings zugestehen können, doch er wird ihm niemals auch nur das kleinste Stückchen Würde eingestehen können. Die Gefängnisdisziplin wird immer das letzte Wort haben. Die Forderung, dem Häftling die gleichen Rechte einzuräumen wie dem Angeklagten (zum Beispiel das Recht, dass man im Gerichtssaal von seinem Anwalt unterstützt wird), hat gar keine Chance erfüllt zu werden, weil der Häftling im Gegensatz zum Angeklagten keine juristische Person ist. Der Häftling ist ein reales Individuum, der Gesellschaft nicht würdig.

Die Reformisten verlangen, dass man dem Häftling die soziale Würde zugesteht, anders ausgedrückt, die Menschenrechte. Aber woraus besteht diese Würde? Es ist die Würde, die die bürgerliche Demokratie dem Arbeiter zuspricht. Natürlich sind die Häftlinge manchmal Arbeiter, sehr schlecht bezahlte Arbeiter. Es ist die Gefängnisverwaltung, die sich darum kümmert, ihre Arbeitskraft an verschiedene Arbeitgeber zu verkaufen, und es ist auch die Gefängnisverwaltung, die dabei das Geld einsteckt: schließlich ist der Häftling ihnen eine Belastung und kostet Geld. Würde man dem Häftling einen normalen Lohn gewähren, dann würde der größte Teil für seine Unterhaltungskosten (die die Gefängnisverwaltung einbehält), seine Anwaltskosten und seine Geldstrafen draufgehen, und zusätzlich würde er damit noch die Opfer seiner Straftaten entschädigen!

Inwiefern haben die Armen in der Zivilgesellschaft bürgerliche und politische Rechte? In der Form des Zwangs. Die Zivilgesellschaft bestimmt das gesamte „System der Bedürfnisse und der Arbeiten“. Die Armen beteiligen sich nur, weil sie Geld gewinnen für andere, denen sie gezwungenermaßen die Ausbeutung ihrer Arbeit zugestehen. Das wahre Bedürfnis, welches das Sozialsystem kreiert und reproduziert, ist das Bedürfnis nach Geld. Die Armen erleben dies unter der einzigartigen Form des Mangels, und infolgedessen in Form der Notwendigkeit. Nur die Bürgerlichen haben eine positive Beziehung mit dieser Essenz der Gesellschaft. Gewiss, die bürgerliche Demokratie proklamiert, dass jeder frei ist Geld zu gewinnen. Sie gesteht jedem das Recht zu Geschäfte abzuwickeln. Jedes Individuum kann somit Fuß fassen in der Welt – es existiert bloß eine Welt, die der Geschäfte. Und die moderne bürgerliche Gesellschaft, so wie es sie in Europa, in den Vereinigten Staaten und in Japan gibt, ermöglicht vielen Armen, den Glauben daran aufrecht zu halten, dass sie Geld gewinnen. Der Zwang, der auf den Lohnarbeiter ausgeübt wird, und die Notwendigkeit, die all seine Bedürfnisse innerhalb der gleichen Grenze festlegt, verflechten sich somit in die Sprache der Gesellschaft. Die brutale Herrschaft der Notwendigkeit verwandelt sich auf rätselhafte Weise in ihr Gegenteil, und so kommt es, dass es motivierte Arbeiter gibt, zufriedene Konsumenten, verantwortliche Wähler und sogar Knastbrüder, die ihre Schuld gegenüber der Gesellschaft wieder gutmachen...

Die Notwendigkeit des Geldes herrscht mittels einer Vielzahl an Rechtsverhältnissen, die sich selbstverständlich durch Erzwingung aufrechterhalten. Und jede Form der Unzufriedenheit stellt, indem sie ausgedrückt wird, eine Verletzung dieser Verhältnisse dar, auf welche die Gesellschaft mit dem extremsten Zwang antwortet, dem Gefängnis. Diejenigen, die niemals arbeiten, sind Ausgestoßene.

Zusätzlich zur Isolation, die bereits das atomisierte Individuum in der Zivilgesellschaft charakterisiert, kommt dann noch die Gefängnisisolation hinzu. Der eingesperrte Delinquent ist das Objekt einer wahren sozialen Verfluchung, die sich auch in der relativen Gleichgültigkeit gegenüber den Meutereien äußert. Wenn nur all jene, die bereits mit dem Gefängnis zu tun hatten, oder jene, die Verwandte dort haben, die Meutereien unterstützen würden, indem sie die Bullen aus einem Hinterhalt angreifen (so wie das im Mai 1985 in Rouen und in Montpellier versucht wurde)... All diese Menschen sind sich nicht bewusst, dass sie eine soziale Gefahr bilden: und manchmal reicht es aus, sich dessen bewusst zu werden, um wirklich eine zu werden. Der Staat behandelt all die Delinquenten wie eine soziale Gefahr, aber er zerstört sie einer nach dem anderen. Das Recht kennt nur das einzelne Individuum, das als eine Abstraktion gegenüber der Gesellschaft angesehen wird. Es ist aufgrund dessen, was er konkret in der Gesellschaft darstellt, dass ein Armer verurteilt wird.

Obwohl der Delinquent als isoliertes Individuum verurteilt wird, revoltieren die Gefangenen doch als kollektives Subjekt. Nachdem man sich erst innerhalb der Mauern befindet, ist es wahrlich unwichtig, wieso man sich dort befindet: man ist zusammen, alle in der gleichen Scheiße und gleich behandelt. Die Häftlinge revoltieren gegen ein gemeinsames Schicksal.

Was auch immer die speziellen Ursachen der Meutereien sein mögen, so werden sie doch nie ein Ende finden durch irgendeine Reform oder kleine Verbesserung, weil man im Gefängnis dauernd für irgendwelche Kleinigkeiten betteln muss, die draußen absolut üblich sind. In einer dermaßen verzweifelnden Umgebung wird solch einer Kleinigkeit eine große Bedeutung beigemessen und dies kann eine Gelegenheit bieten für eine Revolte: an Gelegenheiten wird es niemals fehlen. Es mag zwar vorkommen, dass die Gefängnisverwaltung mithilfe einer Repression und anschließenden Veränderungen kurz für Ruhe sorgen kann; doch deren Kurzlebigkeit ist schon vorbestimmt. Diese soziale Kritik des Rechts konnte nur aus dem Inneren der Gefängnisse kommen, denn wenn die Justiz die Individuen einen nach dem anderen verurteilt und das einzelne Schicksal dabei eine Privatangelegenheit bleibt, dann sperrt es sie gemeinsam ein. Genau hier entstehen die Bedingungen einer Revolte, die sich gegen die Autorität der Gefängnisverwaltung und die Konditionen des Eingesperrtseins wendet, und allgemeiner gegen ein Sozialsystem, das sich auf das Gefängnis stützt. Von hier aus kann, indem man sich auf die kollektive Revolte bezieht, draußen eine Bewegung entstehen, die sich nicht nur in diesem menschlichen Protest wiedererkennt, sondern auch ihre Auswirkungen vergrößert: etwas, das nicht in einer unilateralen Opposition zu den Konsequenzen steht, sondern das sich in einem offenen Konflikt befindet mit den Voraussetzungen des Staates.

Arbeiter können für Lohnerhöhungen kämpfen. Ebenso können aufsässige Häftlinge mithilfe ihrer Aktion Strafverminderungen erreichen. Die Gefangenen kämpfen nicht für eine allgemeine Reform der Gefängnisbedingungen, genauso wenig wie streikende Arbeiter sich um eine Arbeitsreform bemühen: sie überlassen derartige Sorgen den bürokratischen Gewerkschaftlern (und einer der bedeutsamen Aspekte der Revolte vom Mai war die quasi unmittelbare Flucht der ASPF[11]: dass sie sich einer niederträchtigen Radiosendung hingegeben hat, ist nicht verwunderlich, aber dass sie gleich danach von den Häftlingen aus Fleury angeprangert wurde, zeugt von der Deutlichkeit der Ereignisse). Das Einzige, was die Häftlinge innerhalb der Grenzen des bestehenden Systems in Würde verlangen können, ist ein wenig Luft. Reformen wird es ohnehin geben – und zwar immer, um das entfachte Feuer zu besänftigen.

Die erreichten Abänderungen des Haftregimes waren immer verbunden mit einem Kräftemessen mit dem Staat. Die Häftlinge wissen auch durch Erfahrung, dass diese Vorteile, die mithilfe der schlimmsten Drohungen errungen wurden, sich sehr schnell in eine weitere Schandtat verwandeln, sobald wieder Ruhe eingekehrt ist.

Die Revolte der Gefangenen ist immer eine universale Drohung, da diese Individuen im Namen des Allgemeinwohls der Gesellschaft eingesperrt sind. Deshalb entsteht auch immer ein wichtiges politisches Ereignis daraus: jede Welle von Meutereien erzeugt irgendein Projekt, das sich die Reformierung der Gesetze zum Ziel gesetzt hat.

Die Linke hatte versprochen, das gesamte Gefängnisregime zu verändern, und hat schlussendlich nicht einmal den Versuch gewagt. Sobald sie an der Macht war, hat sie schnell verstanden, dass das ein Spiel mit dem Feuer bedeuten würde. Es existieren keine möglichen Veränderungen des Haftregimes, außer die, den Eingesperrten Luft zu verschaffen. Die Linke weiß sehr wohl, dass die geringste Öffnung endlose Unruhen mit sich bringen könnte. Inzwischen ist das Gefängnis eine Sache, mit der jede Regierung sich ganz sicher Scherereien einhandeln wird. Sie wird sich die Finger schmutzig machen, ganz gleich, wie sie es anstellt. Das Konzept des Allgemeinwohls ist das Herz des Rechtssystems, das die Meuterer angreifen. Der Staat und seine Partisanen beziehen sich unaufhörlich darauf, im Gegensatz zu dem latenten Kriegszustand, der in der wirklichen Gesellschaft wütet. Sie erzeugen eine dermaßen stark ausgebildete Identifizierung der Menschen mit diesem angeblichen Allgemeinwohl, dass im Frankreich von 1985 jede Trennlinie zwischen den Armen und der Zivilgesellschaft aufgehoben zu sein scheint; dass die Delinquenz immer mehr Opfer in den eigenen Reihen der Armen verursacht. Auf der einen Seite verwandeln sich die Orte, an denen das Geld und die Waren im Überfluss vorhanden sind, immer mehr in uneinnehmbare Festungen, auf der anderen Seite werden die Bedingungen, die man den Arbeitenden aufzwingt, immer unerträglicher. Dies führt zu deutlich härteren Bedingungen für diejenigen der Armen, die nicht arbeiten, indem es die Isolation jedes Einzelnen auf seiner Suche nach Geld noch verstärkt (und die Verbreitung von Heroin bei den Jugendlichen verschlimmert diesen Prozess noch mehr). Der Staat und das Bürgertum errichten ein System militärischer Verteidigung des Privateigentums, der Zirkulation des Geldes und der Waren, und lösen gleichzeitig den Krieg aller gegen alle aus, den erbarmungslosesten Konflikt des Eigeninteresses. Die Autorität des Staates erkennt ihr Fundament in der konfusen Feindseligkeit wieder, die in der ganzen Gesellschaft herrscht.

Aus diesem Blickwinkel erscheint die Revolte der Gefangenen als eine Möglichkeit, diese Lage zu überwinden. Der Protest gegen die Justiz und gegen das Gefängnis kristallisiert das Allgemeinwohl von all den Armen heraus, die abhängig sind von den Notwendigkeiten und die auf verschiedenste Weise jene Repression ertragen müssen, die im Namen des Allgemeinwohls der bestehenden Gesellschaft ausgeübt wird.

Die Solidarität mit den Meutereien beruft sich nicht auf Empfindungen und wendet sich auch nicht an eine sogenannte öffentliche Meinung. Wir wollten ganz einfach mit denen sprechen, die sich drinnen befinden. Und die Tatsache, dass ihre Revolte stark genug war, um draußen eine solche Reaktion hervorzurufen, ist nicht ihr kleinster Verdienst.

Yves Delhoysie

Chronologie

5. Mai, 1985: In Fleury-Mérogis randalieren die Gefangenen des D4 Flügels und zerstören den gesamten Trakt. 6. Mai: Abermals in Fleury weigern sich 300 Inhaftierte des D1 Flügels nach ihrem Hofgang zurückzukehren; 60 von ihnen zünden die Krankenabteilung an.

7. Mai: In Bois d’Arcy klettern ca. 15 Jugendhäftlinge [Insassen jünger als 18 Jahre, die normalerweise in separaten Abteilungen gehalten werden] auf das Dach und bleiben dort bis zum 9. Mai unterstützt und versorgt durch die anderen Gefangenen.

8. Mai: In Lille klettern ungefähr zehn Gefangene auf das Dach. In Bastia verweigern Insassen das Gefängnisessen in Solidarität mit den anderen Gefängnissen. [Die „Verweigerung von Gefängnisessen“ ist nicht exakt das gleiche wie ein Hungerstreik, dennoch kann es ein Weg sein diesen auszuführen.]

9. Mai: In Fresnes klettern 400 Insassen auf die Dächer und liefern sich Zusammenstöße mit der Polizei, die dabei einen Gefangenen tötet. In Compiègne lösen ca. zehn Gefangene die „Morgenschicht“ auf den Dächern ab. Im Bonne-Nouvelle Gefängnis in Rouen klettern ca. 50 Jugendhäftlinge auf die Dächer, während andere Gefangene ihre Zellen zerstören; nach scheinheiligen Verhandlungen kletterten ca. 30 Gefangene in Solidarität mit Fresnes zurück auf das Dach.

10. Mai: Vom 9. bis zum 10. Mai sind Gefangene auf den Dächern in Douai. Es gibt einen kurzen Zusammenstoß mit den CRS [Französische Bereitschaftspolizei]. In Amiens klettern ungefähr 50 Gefangene auf die Dächer. In Nizza befinden sich 60 Gefangene auf den Dächern; während einem Zusammenstoß mit der Polizei schließen sich ihnen ca. 20 Jugendhäftlingen an. In Béziers nehmen 130 Gefangene drei Wächter und einen Krankenpfleger stundenlang als Geisel. 11. Mai: In Evreux, Saintes und Coutances klettern Gefangene auf die Dächer und bekämpfen sich mit der Polizei. Dasselbe passiert am nächsten Tag in SaintBrieuc.

19. Mai: Gefangene zerstören das gesamte Gefängnis von Montpellier [Brandstiftung und Verwüstungen] und liefern sich Kämpfe mit der Polizei. Draußen greift die Menge, bestehend aus Freunden und Verwandten der Gefangenen, die Polizei von hinten an.

Darüber hinaus brechen in verschiedensten Gefängnissen Unruhen aus, von der Verwüstung von Zellen und versuchter Brandstiftung (in Rennes, Angers, Metz, etc.) bis zur kollektiven Verweigerung von Gefängnisessen (Lyon, Frauen und Männer in Fleury, Ajaccio, Auxerre, Saint-Malo, Avignon, Chambéry, etc.). In dieser Zeit häufen sich die Selbstmorde. Die Rebellen in Douai und Evreux erhalten sehr harte Strafen unter dem Vorwand der verursachten Schäden.

17. Juni: Auf der Eisenbahnstrecke Nantes-Paris wird in der Nähe von Nantes eine Barrikade in Solidarität mit den Gefängnisrevolten in Brand gesteckt. 20. Juni: Sabotage an den TGV Anlagen im Süden von Paris.

27. Juni: Auf der Eisenbahnstrecke Toulouse-Paris wird in der Nähe von Toulouse eine Barrikade in Brand gesteckt. 30. Juni: In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli wird der Druck der Pariser Tageszeitungen lahmgelegt durch Sabotage der IPLO Druckerei nahe Nantes. „Wir haben uns dazu entschlossen, der nationalen Presse einen halben Tag der Stille aufzuerlegen, zu Ehren der rebellierenden Knastbrüder.“ Diese Aktion ist weiters in Solidarität mit all den toten Gefangenen, die „ge-selbst-mordet“ wurden. „Alle diese Zeitungen sind bekannt für ihre Feindseligkeit gegen die jüngste Bewegung der Revolten in den Gefängnissen.“

1. Juli: Sabotage an den Eisenbahnanlagen der NîmesTarascon Strecke. Jedes Mal verursachen diese Aktionen längere Unterbrechungen im Zugverkehr und stundenlange Verspätungen der täglichen Züge. Die Forderungen sind immer die gleichen:

– Ein Straferlass für alle verurteilten Gefangenen

– Die Freilassung von allen Untersuchungshäftlingen

– Das endgültige Stoppen von allen Abschiebemaßnahmen gegen Immigranten

– Die Aufhebung aller Sanktionen gegen die Rebellierenden.

2. Juli: Der TEE-Zug Paris-Brüssel wird nahe Compiègne gestoppt. Die vier Forderungen werden auf die Wagons gesprayt. Fenster werden eingeschlagen und Exemplare des Pamphlets „Freiheit ist das Verbrechen...“ werden durch die zerstörten Fenster geworfen. 5. Juli: Sabotage auf der Paris-Le Havre Strecke. Vier Personen werden zwei Tage später in Rouen in Verbindung mit dieser Aktion verhaftet und für drei Monate eingesperrt.

8. Juli: Vom 7. bis 8. Juli klettern in Chaumont Gefangene auf die Dächer, um ihre Sorgen angesichts der anstehenden präsidialen Amnestie am 14. Juli [Tag der Stürmung der Bastille] zu demonstrieren, welche verspricht sehr dürftig zu werden. Es kommt zu Konflikten mit der Polizei. Vier der Rebellen erhalten schwere Strafen.

9. Juli: Ein anonymer Sabotageakt wird gegen die Paris-Straßburg Linie, die nahe Chaumont entlang läuft, ausgeführt.

12. Juli: Am frühen Morgen werden in Paris zwei U-Bahn-Strecken mehrere Stunden lang durch schwere Objekte blockiert, die in Solidarität mit den Rouen 4 und den Rebellen von Chaumont auf die Gleise geworfen werden. Wieder werden die vier Forderungen publik gemacht.

13. Juli: In Lyon werden zwei Autos der Behörden in Solidarität mit den Gefangenen in Lyon in Brand gesteckt. Noch bevor Details bekannt sind, entflammen erneut zahlreiche Unruhen in verschiedensten Gefängnissen (Fleury, Loos-lez-Lille, Toul, etc.).

14. Juli: Im Saint-Paul Gefängnis von Lyon rebellieren ca. 20 Gefangene in der „psychiatrischen“ Abteilung, die sie verwüsten und anzünden. Die lächerliche präsidiale Amnestie wird angekündigt: ein bis zwei Monate Reduzierung der kurzen Haftstrafen. Die JAP [Strafvollzugsrichter] werden ihr Arbeitspensum ausweiten: zwischen 3.000 und 4.000 Gefangene sollen in den nächsten Tagen freigelassen werden. Diese Neuigkeit wird von zahlreichen Unruhen in den Gefängnissen des Landes begleitet.

15. Juli: In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli werden die Reifen des Konvois, der die Tour de France begleitet, in Solidarität mit den verurteilten Rebellen aufgeschlitzt (ungefähr 100 Fahrzeuge werden unbrauchbar gemacht). In Toulouse wird ein Unternehmen, welches Gefangene beschäftigt, durch Brandstiftung zerstört. 14. August: In Lille klettern dutzende Gefangene auf die Dächer.

18. August: In Lyon wird die ROP Druckerei der Pariser Tageszeitungen verwüstet. Die Distribution ist somit schwer beeinträchtigt. Erneut war es das Ziel, die Zeitungen für ihre Lügen und Feindseligkeit gegen die Rebellen zu züchtigen. Der Text „Die Wahrheit über einige Aktionen...“ wird in den Räumlichkeiten zurückgelassen. Während Unruhen in Guadeloupe können ca. 30 Gefangene nach Ausschreitungen im Gefängnis in Pointe-à-Pitre ausbrechen.

Die Freiheit ist das Verbrechen, das alle Verbrechen enthält

Wir haben viele Freunde im Knast, wir selbst sind zukünftige Beute für den Knast. Es versteht sich also von selbst, dass wir die aktuelle Welle der Revolten, die am Sonntag des 5. Mai durch eine Meuterei in einem Teil von Fleury-Mérogis ausgebrochen ist, schon sehr lange haben kommen sehen. Die Häftlinge konnten die Schweinereien, denen sich die Wärter immer offener hingaben, nicht mehr ertragen. Zwei bestimmte Fälle haben das Fass offensichtlich zum Überlaufen gebracht:

— März: die Ermordung von Bruno Sulak durch die Wärter nach einem fehlgeschlagenen Ausbruch. Die Lügner, die im Fernsehen auftreten und für die Zeitungen schreiben, präsentierten uns diesen Mord als einen Unfall, während die Wärter von Fleury sich damit brüsten, ihn niedergestreckt zu haben.

— Anfang April: während einem Fluchtversuch hat sich in einem Gefängnis von Lyon ein Wärter einige Schläge eingefangen. Seine Kollegen ließen das nicht unbeantwortet und haben einen Streik eingeleitet. Einige Tage später, immer noch in Lyon, haben Häftlinge auf deren Arroganz reagiert, indem sie zwei von diesen Scheißkerlen geschlagen haben. Daraufhin folgte ein landesweiter Streik der Wärter, bei dem die Hofgänge, die Besuche und die Ausgänge gestrichen wurden, und die eh schon unerträglichen Gefängnisbedingungen somit noch verschlimmert wurden (die täglichen Scherereien, die Demütigungen und die Prügel werden zur Banalität).


Diejenigen, die von der Überbevölkerung der Gefängnisse sprechen, sind dieselben, die sie bis zum Platzen gefüllt haben! Diese Aussage halten sie selbst aber natürlich für verkehrt. Für uns geht es nicht darum, neue Gefängnisse zu errichten, sondern darum, die schon bestehenden zu leeren.

Die Forderung der revoltierenden Gefangenen ist klar: Freiheit! Sie verhandeln sie nicht mit der Gefängnisverwaltung, sie beginnen, sie sich einfach zu nehmen: auf die Dächer steigen, das ist Freiheit, die man dem Staat entrissen hat. „Wir atmen frische Luft“, sagen sie; innerhalb einer Zeitspanne von einigen Stunden plaudern sie miteinander, ohne belauscht zu werden, sprechen sie über die Mauern hinweg mit ihren Freunden draußen, beleidigen sie die Aasgeier, die sie unterdrücken, schmeißen sie Dachziegel nach ihnen und – zu guter Letzt – machen sie von sich reden. Das sind wahrlich freie Besuchszimmer!


Die Gefängnisverwaltung und die Medien schreiben die Revolte von Fleury-Mérogis einer Handvoll politischer Aktivisten zu (besonders Action Directe). Besorgt über ihre eigene Berühmtheit, haben diese sich immer an den Lügen beteiligt und solche Aussagen nicht widerlegt. All diese Lügner haben denselben Coup bereits Ende 1984 beim Hungerstreik von Fleury abgezogen. Aber belassen wir die Aktivisten bei ihrer Phrasendrescherei...

Eine wahre Solidarität existierte hingegen unter den Häftlingen (in Bois d'Arcy waren die in den Zellen verbliebenen Häftlinge dazu bereit, alles zu zerstören, falls man die anderen von den Dächern räumen würde: das ist der Grund, warum die GIGN[12] nicht eingeschritten ist und sie 40 Stunden lang draußen an der Luft waren, indem sie von ihren Knastkumpanen versorgt wurden; in Bastia sind Häftlinge in Solidarität mit den Meuterern der anderen Knästen in den Hungerstreik getreten). Diese Solidarität war auch draußen vorhanden: so am 19. Mai in Montpellier, wo Leute sich für die Häftlinge eingesetzt haben und die Bullen – die Hunde losgelassen haben, um sie zu zerstreuen – aus dem Hinterhalt angegriffen haben.

Die Hauptsorge der Häftlinge war es, mit der Außenwelt zu kommunizieren, ihre Revolte gegen das Eingesperrtsein und die tägliche Tyrannei in die Lüfte zu schreien. „Sie wollen uns töten“, „Sie vergasen uns, sie knüppeln uns nieder“, konnte man in Bois d'Arcy auf den Transparenten lesen.


Die Häftlinge nehmen, wenn sie revoltieren, ein enormes Risiko auf sich. Jeder weiß von vornherein, dass die Gefängnisverwaltung ihm diesen einen Moment brutal heimzahlen wird: Isolationshaft, Streichung der Straferlasse[13], Verlegungen, Prügel, „Selbstmorde“. In Douai wurden drei Knastbrüder, die auf das Dach gestiegen sind, ihre Solidarität mit der Revolte mittels Dachziegeln ausgedrückt haben und dann sogleich wieder runter gestiegen sind, von einem Sondergericht zu 6 und 15 Monaten ohne Bewährung verurteilt (einer von ihnen sollte im Juni freikommen). Diese Verurteilung soll abschrecken.


Die Angst, die erzeugt wird von dem repressiven Terror und der Verzweiflung, wenn man wieder in die bedrückende Isolation des Knast zurückkehren muss, ist im Moment selbst der Revolte dermaßen vorhanden, dass einige sie auf sich selbst richten und sich verstümmeln. In Fleury und in Montpellier haben verschiedene Häftlinge sich auf die Barbiturate[14] gestürzt, diese hinuntergeschluckt und daraufhin alles verwüstet. 25 von ihnen haben sich eine ernste Vergiftung zugezogen. Andere haben sich die Venen aufgeschnitten und ihre Freunde dazu aufgerufen, es ihnen gleichzumachen. Einer ist gestorben. Währenddessen haben sich mehrere Häftlinge in verschiedenen Knästen erhängt. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es im Gefängnis von Saint-Paul in Lyon tagtäglich Häftlinge, die sich verstümmeln oder versuchen sich zu erhängen.


„Die Freiheit ist das Verbrechen, das alle Verbrechen enthält“, und gegen dieses Verbrechen verteidigt sich die alte Welt: der Staat beseitigt momentan auf physische Weise die ganze schöne Jugend, die nicht resigniert – dieselbe Jugend, die von den Bullen und den Spießern ermordet wird –; diejenigen, die die Justiz zu packen kriegt, werden vom Staat so lange wie möglich lebendig in seinen Gefängnissen begraben, um gleichzeitig all jenen Angst zu machen, die es geschafft haben, draußen zu bleiben. Für all jene bezahlt der Staat Pädagogen und andere Scheißfliegen, die alles daran setzen, sie zu demoralisieren und sie ihre Freunde im Knast vergessen zu lassen...

Die Vorstädte verlieren ihre Jugend, die Gefängnisse füllen sich. Da haben wir das Geheimnis der Überbevölkerung. Die Lakaien des Staates wollen glauben machen, dass es sich um eine Frage der Mittel handelt! Die Überbevölkerung wird angeblich durch ein schlechtes Funktionieren des Gefängnissystems verursacht, in Wahrheit jedoch wird sie durch ein optimales Funktionieren des Justizsystems verursacht. Die einzige Möglichkeit, die Überbevölkerung in den Gefängnissen in den Griff zu bekommen, besteht selbstverständlich darin, sie zu leeren, so wie es die Aufrührer in Fleury gesagt haben – in diesem Punkt konnten sie nicht klarer sein: in der unterzeichneten Erklärung „Les 600 meneurs“ [Die 600 Anführer] widersetzen sie sich dem Bau von neuen Gefängnissen. Die Häftlinge aus Montpellier haben sich für eine praktische Lösung der Überbevölkerung entschieden: sie haben quasi alle Zellen zerstört!

Die Häftlinge revoltieren gegen die Justiz, genauer gesagt gegen diese Geiselnahme, welche die Untersuchungshaft ist – sie werden zwangsweise zu einer unbestimmten Gefängnisstrafe verurteilt, welche im Nachhinein bestätigt und im schlimmsten Fall noch durch eine Verurteilung verlängert wird. Wir erinnern übrigens an die Bewegung kollektiver Anfragen für provisorische Freilassungen in Lyon im Sommer 1984.


Seitdem es Gefängnisse gibt, ist alles, was die Häftlinge erzielt haben, nur zustande gekommen, indem sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, indem sie revoltiert haben. An bestimmten Momenten haben sie es geschafft, Breschen in das Haftregime zu schlagen.

Das, was die Häftlinge mit viel Kraft und Blut erreichen konnten, schränkt die Gefängnisverwaltung ein, und bedient sich dann der Verbesserungen des Haftregimes, um sie zu erpressen.

Die Wärter verfolgen jedes noch so kleine Stückchen Freiheit in allen Handlungen des alltäglichen Lebens: durch die permanente und sadistische Willkür dieser Schweine wird der Freiheitsentzug an jedem einzelnen Tag raffinierter. Im Knast besteht die Freiheit auch daraus, sitzen, liegen und stehen zu können, wann immer man will.

Seit Peyrefitte und Badinter sind alle vom Staat hervorgebrachten Reformprogramme wegen einer Verringerung des Risikos von Explosionen entstanden, und nicht etwa aus Sorgen der Menschlichkeit. Die Häftlinge fordern keine Reformen: sie haben deren Realität gespürt. Die Anwendung jeder einzelnen von ihnen hängt vom guten Willen der Gefängnisverwaltung und der Wärter ab. Das, was als eine Begünstigung präsentiert wurde, wird so zu einer weiteren Schandtat.


— Die freien Besuchszimmer werden von einigen verweigert, solange das, was man durchmachen muss, um von ihnen zu profitieren, erniedrigend ist.

— Die Todesstrafe wurde angeblich abgeschafft, sie ist nicht mehr Teil des Strafgesetzbuches, sie ist mittlerweile viel banaler, demokratischer. Sie wird jetzt von einer Masse an Spießern und Bullen ausgeführt, und in den Knästen von den Wärtern.

— Ebenso ist die Abschaffung der Q.H.S.[15] nur ein humanistischer Bluff (entwickelt von der Linken): das beste Beispiel von diesem Opportunismus ist die Tatsache, dass sie Knobelpiess mithilfe einer humanistischen Kampagne frei bekommen haben. Knobelpiess hat die Abscheulichkeit der Q.H.S. angeprangert, sie haben ihn ausgenutzt und nicht gezögert, ihn dort erneut einzusperren.[16]


Die Q.H.S. wurden in ihrer Funktion als gesondertes Isolationsregime niemals abgeschafft. Sie haben bloß ihren Namen gewechselt. Man nennt sie nun Q.I. (Quartiers d'Isolement [Isolationstrakte]). 1983 wurde ein neues Gefängnis namens „Les Godets“ in der Nähe von Nevers eröffnet, in dem Häftlinge eingekerkert werden, die als besonders gefährlich betrachtet werden. Dort können 80 Gefangene unter einem extrem strengen Überwachungsregime gehalten werden.


Darüber hinaus wollen die Gefängnisverwaltung und die Wärter die Konditionen des Q.H.S. auf die Gesamtheit des Gefängnisses ausweiten; die Zahl der Isolationszellen ist gestiegen, der Status des D.P.S.[17] wird immer öfter verwendet und die Kerkerzellen werden immer voller.


— Anlässlich der Spannung, die in den Knästen herrscht, behält sich die Gefängnisverwaltung immer öfter das Recht vor, noch härter zu bestrafen und spezielle Sanktionen über die Gefangenen zu verhängen. Schikanen und Prügel stehen an der Tagesordnung. Die Gefängnisverwaltung treibt die Gefangenen zum Selbstmord, oder verfälscht Morde zu Selbstmorden. Im Knast gibt es niemals einen natürlichen Tod, diejenigen, die dort sterben, sterben durch den Knast. Einen Mord bezeichnet man als „Unfalltod“, so wie bei Mohammed Rhabi in Rouen und Bruno Sulak in Fleury, die beide während einem Fluchtversuch von den scheiß Wärtern ermordet wurden; so wie bei Alain Pinol in Fresnes, der von den Bullen ermordet wurde. Ebenso ist auch der Freitod eines Gefangenen ein Mord der Gefängnisadministration, welche bereitwillig Stricke austeilt. Und wenn es immer mehr davon gibt (mindestens 20 seit Jahresbeginn), dann deshalb, weil die Konditionen immer unerträglicher werden.


— Auf die Immigranten wird ein zusätzlicher Druck ausgeübt. Der Gefängnisstrafe kann sich eine weitere Strafe hinzufügen: die Abschiebung. Es kommt vor, dass sie ihre Zeit bereits abgesessen haben und dennoch monatelang im Knast verfaulen, bevor das Abschiebeverfahren vollendet ist.

Kommen wir abschließend zu den berüchtigten Reformen von Badinter. Seine neueste Spielerei ist die gemeinnützige Arbeit, eine schöne Gemeinheit. Man kann bereits jetzt davon ausgehen, dass die durch die gemeinnützige Arbeit frei gewordenen Plätze sogleich von neuen Untersuchungshäftlingen besetzt sein werden. Diese moderne Version der Zwangsarbeit ist nicht beneidenswerter als der Knast, so dass verschiedene Verurteilten sie verweigern.


All diejenigen, die Rechte im Gefängnis einfordern (Gefangenengewerkschaft), reichen bei weitem nicht an die Bewegungen der Gefangenenrevolten heran, da diese unter Lebensgefahr ihre Ansprüche mit Gewalt durchsetzen müssen. „Der Kampf der Gewerkschaft wird in und mit der Gesetzlichkeit ausgetragen werden, indem alle Konflikte vor den kompetenten Gerichten stattfinden“: das ist das Programm der Gefangenengewerkschaft...

Wir haben schon gesehen, was die Gewerkschaften draußen sind. Sie dienen nur dazu, die Revolte der Menschen zu lenken und zu domestizieren. Sie kämpfen für Reformen, die das Elend gestalten sollen. Sie dienen auch der Erstickung wirklicher Forderungen, an die die Armen spontan bei ihrer Revolte denken.

Die Gefangenen kämpfen nicht mehr für Reformen, von denen sie mittlerweile wissen, dass es nur Illusionen waren: anstatt sich in die abstrakte Sphäre des Rechts zu stellen, können sie etwas fordern, das wenigstens ein konkretes Resultat haben wird, eine generelle Verringerung der Strafen. Es geht um folgende Forderungen:


— EIN STRAFERLASS FÜR ALLE VERURTEILTEN

— DIE FREILASSUNG ALLER UNTERSUCHUNGSHÄFTLINGE

— DER ENDGÜLTIGE STOPP DER ABSCHIEBEMASSNAHMEN

und selbstverständlich:

— DIE AUFHEBUNG DER SANKTIONEN FÜR ALLE MEUTERER


Die Forderung nach der Freilassung der Untersuchungshäftlinge überschreitet eine spezifische Forderung an das Gefängnis. Weit über den Staat und die Gefängnisverwaltung hinaus, wendet sie sich an all die Armen, für die die Untersuchungshaft ein Damoklesschwert ist, das täglich über ihren Köpfen aufhängt wird. Es handelt sich um eine an die Gesellschaft gestellte Herausforderung, die zwangsläufig bei all jenen im Kopf widerhallt, die entschieden haben, sich nicht zu unterwerfen.


Die Justiz- und Gefängnisaffären bleiben fast immer private Angelegenheiten, bei denen jeder Einzelne sich ohnmächtig inmitten seiner Isolation wiederfindet, ob nun im Inneren, während man auf seinen Prozess wartet, oder draußen für diejenigen, die Freunde im Gefängnis haben und oftmals nichts tun können, außer sie finanziell zu unterstützen und sie besuchen zu gehen. Die Meuterer haben unmittelbar durchführbare Forderungen formuliert, die zumindest als Ziel haben, so viele Leute wie möglich aus dem Knast zu holen. Diese Forderungen sind eine Offensive der Gefangenen gegen ihre Isolation und ein Aufruf an diejenigen, die draußen sind, damit sie praktisch handeln, um diese Isolation zu durchbrechen. Es geht darum, Druck auf die Gesellschaft auszuüben, die Welt zu nerven mit ihren Gefängnissen, von denen sie am liebsten überhaupt nichts hören würde.

Os Cangaceiros Anfang Juni 1985


Verteilt in Paris, Lyon, Marseille sowie in vielen anderen Städten, vor allem in der Umgebung von Gefängnissen; übertragen auf Radios in Marseille und Toulouse. Übersetzt ins Englische, Deutsche [Bei dem hier abgedruckten Text handelt es sich um eine Neuübersetzung unsererseits.], Spanische und Italienische.

Die Wahrheit über einige durchgeführte Aktionen zugunsten der Meutereien in den Gefängnissen

Es ist zum ersten Mal in diesem verrotteten Land, dass sich eine Bewegung der praktischen Sympathie zugunsten revoltierender Gefangener manifestiert. Mit diesem Schicksalsschlag hatten weder die Reformisten noch die Jammernden gerechnet, all diejenigen, die glauben, dass sie schamlos das Leiden der Häftlinge ausnutzen können, um damit ihre eigene Feigheit zu rechtfertigen, ihr eigenes Interesse am Status Quo! Vor allem aber war dies ein harter Schlag gegen den Staat!

Draußen gibt es eine große Schar von Narren, die es sich erlauben das Maul aufzureißen, um endlose Erörterungen darüber zu verfassen, was sie schamhaft als „das Problem der Haft“ bezeichnen, obwohl sie selbst gar keine eigene Erfahrung der Sache haben und besser täten den Mund zu halten. Ihr anmaßender Lärm steht im Gegensatz zum Schweigen, das man den revoltierenden Häftlinge aufzwingt (und der allseitigen Zensur, welcher ihre Kommuniqués ausgesetzt waren).

Im Inneren eines Gefängnisses zirkulieren die Informationen dank der öffentlichen und heimlichen Gerüchte. Zwischen den Gefängnissen sieht die Sache allerdings anders aus. Aus diesem Grund hat die geschriebene Presse eine gewisse Bedeutung im Gefängnis (zusätzlich zu der Tatsache, dass die Lektüre eines Käseblatts immer ein, zwei Stunden totschlägt).

Die Langeweile und die Isolation sind die beiden einzigen Gründe, wieso man der geschrieben Presse im Knast ein wenig Interesse schenkt: und jede einzelne ihrer Lügen ist umso schmerzhafter.

Die Feindseligkeit der gesamten Presse gegenüber den revoltierenden Häftlingen ist einstimmig: wenn sie nicht die Politik des Schweigens unterstützen, dann die der Verleumdung. Und alle ihre Kommentatoren wiederholen die gleichen dummen Fragen, welche nur Intellektuelle sich stellen können, mit dem eindeutigen Ziel, Zweifel und Verwirrung zu stiften. Das Einzige, was sie unterscheidet, ist die Art, wie sie an die Autorität appellieren, um die Revolte zu bändigen. Am einen Ende des Spektrums ruft Le Figaro dazu auf, den Druck auf die Inhaftierten noch mehr zu verstärken und hört nicht auf, sich über eine angebliche Nachsicht der Regierung zu empören; am dem anderen Ende unterstützt Libération fröhlich eine Regierung, die von Reformen spricht, und schwärmt vom kulturellen Schnickschnack, mit dem man vorhat, die Wut der Gefangenen zu zähmen.

Die Feindseligkeit ist noch größer, wenn es für all diese Lügner darum geht, über einige Gesten realer Solidarität gegenüber den Inhaftierten zu berichten, welche ihrem Geschreibsel also widersprechen[18].

Wir zählen nicht zu denjenigen, die sich im Schreiben und Reden über das Gefängnis spezialisieren (und wir zählen auch nicht zu denjenigen, die versuchen Treffen in Beaubourg zu organisieren oder sich 2 Stunden mit dem Direktor von Fleury-Mérogis unterhalten, wie einige dies letztes Jahr schamlos taten).

Das Risiko, im Gefängnis zu landen, und die Tatsache, dass viele von uns dort eine Zeit abgesessen haben, konditioniert zu einem großen Teil unser Leben. Lasst uns klarstellen, dass diejenigen von uns, welche bereits verurteilt und inhaftiert wurden, dies immer wegen dem allgemeinen Gesetz waren; wir empfinden überhaupt keine Art der Affinität gegenüber den „politischen Gefangenen“.

Der Kampf der Gefangenen betrifft uns also ganz. Anfang Juni haben wir ein Faltblatt verteilt, welches den Forderungen der Meuterern ein verstärktes Echo gab, und dies mit dem Geist der Revolte selbst. Dabei handelt es sich unserem Wissen nach um das einzige draußen produzierte Dokument[19], das sich deutlich auf die Seite der Revolte stellte, und dabei den ängstlichen Erklärungen der Aktivisten in nichts nachstand. Die vier abschließenden Forderungen, die wir draußen aufgegriffen haben, waren die gleichen, die im Inneren von den Meuterern geäußert wurden, in den seltenen Schreiben, die durchsickern konnten, und vor allem in ihren Taten. Einige Menschen haben anschließend einen Skandal provoziert, besonders indem sie den Zugverkehr an verschiedenen Orten des Landes gestört haben. Sie gaben diesen Forderungen somit die Bekanntheit, die ihnen bis dahin verweigert wurde; und bekräftigten so die Realität der Revolte.

Die Feindseligkeit der Medien war von Anfang an systematisch; alle haben sie seit den ersten Aktionen von Attentaten gesprochen. Und die Absperrung eines Bahngleises oder die Zerstörung von Lichtsignalen als „Attentat“ zu bezeichnen, ist nicht nur ein verabscheuender Unsinn, sondern eine Art und Weise, die Repression auf den Plan zu rufen, indem man jede Aktion der praktischen Solidarität gegenüber den Meuterern mit Terrorismus gleichsetzt. Es ist geradezu widerlich, wie in einigen Zeitungen von „Schienenterroristen“ die Rede ist. Eine Zeitung ist sogar soweit gegangen, dass sie infolge einer Aktion gegen den TEE von „als Geisel genommenen Zugpassagieren“ gesprochen hat (apropos Geiseln; sie hat jedoch nicht von den 25.000 Inhaftierten in Untersuchungshaft gesprochen?!). Wenn man die Dinge in einem passenden Verhältnis betrachtet, dann handelt es sich dabei höchstens um organisierten Vandalismus.

Unsere Aktionsmittel sind die, die jeder beliebige Proletarier anwendet: Sabotage und Vandalismus. Wir machen keine symbolischen Aktionen; sondern wir schaffen Unordnung, genauso wie dies häufig von kämpfenden Arbeitern getan wird, die Straßen oder Bahnschienen versperren, Material und Fernsehsender sabotieren, etc.

Das was den Stil der Aktionen charakterisiert hat, die während einem Monat, von Mitte Juni bis Mitte Juli 1985, durchgeführt wurden, war die Unkompliziertheit. So konnte der TEE Paris-Brüssel gestoppt werden mithilfe üblicher Zangen, welche, indem die beiden Schienen miteinander verbunden wurden, die Durchfahrt eines Zuges vortäuschen konnten, was die Signalampel automatisch auf rot stellte. Fünfzehn Personen haben ausgereicht, um einen wichtigen Zug anzuhalten, die Forderungen der Meuterern vom Mai zu sprayen, die Fenster einzuschlagen und Flugblätter hineinzuschleudern (die Zollbeamte und die Zivilbullen, welche immer im ersten Wagon von Paris-Brüssel sitzen, haben keinen Finger gerührt). Das Signallicht des TGV konnte mit einem simplen Hammer sabotiert werden; auf diversen Linien wurden Schaltschränke mit etwas Benzin in Brand gesetzt.

Dass Stroh im Sommer gut brennt, musste ein Stuhlflechter aus Toulouse feststellen, der seine Gewinne auf Kosten von Gefangenen machte. Die „Bandoleros“ haben sein Geschäft in Schutt und Asche gelegt! In Nantes wurde jene Druckerei sabotiert, welche die nationale Presse für den Westen druckt, indem man Sand, Kies und Nägel in die Kompressoren einführte, die die Rotationspresse antreiben. In Paris wurden zwei U-Bahn-Strecken auf die einfachste Art der Welt blockiert: indem man Baustellenmaterial auf die Gleise geworfen hat.

Jedes Mal wurden alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um die Sicherheit der Reisenden nicht zu gefährden. Es war aus dieser Notwendigkeit heraus, jeden Unfall zu vermeiden, weshalb wir darauf verzichteten, den TGV auf dieselbe Weise anzuhalten wie zuvor den TEE. Es schien uns zu gefährlich, einen Hochgeschwindigkeitszug abrupt anzuhalten, so dass wir uns damit begnügten, Material zu sabotieren, um den Verkehr zu unterbrechen.

Ermutigt durch die Verhaftungen von vier Personen Anfang Juli in Rouen, haben die spezialisierten Lügner sogleich eine weitere Stufe der Schandtat überschritten: indem sie unterstellten, dass diese vier sehr wohl für die Entgleisung verantwortlich sein könnten, die sich drei Tage nach der Aktion der „Hobos aus dem Valde-Seine“ auf der Strecke Le Havre-Paris ereignet hat. Die Presse berichtete, dass sie Schaltschränke, welche das Signallicht versorgten, angezündet hatten, was zur Störung der Vorrichtungen geführt hat. Aber wie selbst die SNCF es schon mehrmals betont hat, kann dies keine Konsequenzen für die Sicherheit der Reisenden haben, da solche Zerstörungen automatisch die Rotschaltung des Signallichts zur Folge haben, d.h. das Anhalten von Zügen, die sich dem Bereich nähern, später ein Neustart mit reduziertem Tempo (eine Geschwindigkeit von 35km/h).

Die Verantwortung der „Hobos aus dem Val-deSeine“ ist <em>absolut nicht impliziert<em> in diesen Unfall. Und dennoch! Sie werden angeklagt wegen der „Zerstörung von Geräten, die eine Gefahr für Personen verursachen könnte“, und riskieren somit ein Strafverfahren, bei dem sie einem Schwurgericht ausgesetzt sind. Antenne 2, France-Soir und Paris-Normandie haben sich nicht gescheut, die Verleumdung bis an die Spitze zu treiben! All das mit dem Ziel, möglichen Nachahmern dieser Art Aktionen Angst zu machen und sie einzuschüchtern.

In der Frühe am Freitag den 12. Juli wurde die U-Bahn in Paris gleichzeitig an zwei Stellen lahmgelegt; noch am selben Abend berichten Le Monde und FranceSoir, dass die Saboteure Flugblätter mit der Unterschrift „Schwarze Ordnung“ hinterlassen haben: das ist falsch. Es muss sich hierbei um eine Provokation der Bullen handeln, die zuerst an Ort und Stelle waren und die Dinge dann in ihrer Manier präsentierten: es ist bekannt, dass „Schwarze Ordnung“ der Name ist, mit welchem die italienischen Geheimdienste vor einigen Jahren tödliche Bomben im Bahnhof von Bologna hochgehen ließen. Man erkennt sofort die Analogie, die die Bullen hier herstellen wollten... Trotz einer Gegenerklärung am gleichen Abend hat France-Soir diese extravagante Erfindung in ihrer Ausgabe am nächsten Tag wiederholt.

Nachdem sich die spezialisierten Lügner zuerst gefragt haben, ob wir Terroristen oder schlechte Spaßvögel seien, sind sie von der Unterstellung zur Denunziation übergegangen: keine große Überraschung in einem sozialen System, dessen Aufrechterhaltung sich auf die Polizei und die Lüge stützt. Sie reden von „einer mysteriösen Gruppe“, die das alles organisiert haben soll; ein Ignorant, der sich wichtig vorkommt, erzählt France-Soir, dass „diese Gruppen sich aus dem anarchistischen Linksextremismus rekrutiert, am Rande zwischen Verbrechen und Terrorismus“. Stellen wir sogleich ein für allemal klar, dass wir, Cangaceiros, nicht dem Linksextremismus (ob anarchistisch oder anders) entstammen: wir zählen unter uns keinen einzigen ehemaligen Aktivisten. Keiner von uns hat sich jemals inmitten der politischen Betrügereien bewegt. Wir haben nur eine einzige Form von Beziehung mit den politischen Gruppen und Organisationen: den Krieg. Alle sind sie unsere Feinde, ohne Ausnahme. Wir befinden uns nicht „am Rande des Verbrechens“: wir sind Verbrecher. Was nicht heißen soll, dass wir „aus unserer Situation als Verbrecher eine professionelle Situation gemacht haben“, wie ein bekannter Marseiller Kommissar sagen würde. Wir haben hingegen nichts, aber auch gar nichts mit dem Terrorismus zu tun. Die armen Kerle, die sich darin verwickeln lassen, sind nichts als Automaten, welche widerliche Ideologien ausführen, im Dienste einer Maschinerie mit Polizeimentalität und einer hierarchischen Funktionsweise: wie wir schon gesagt haben, wir verachten die Aktivisten.

Andere Lügner deuteten an, dass wir über große finanzielle Mittel verfügen würden und gaben zu verstehen, dass dies alles „von wichtigeren Organisationen unterstützt wird“. Also was denn nun? Die Mafia? Der KGB? Die Roten Brigaden? Oder etwa Opus Dei? Schließlich wollen sie sagen, dass wir gut organisiert sind und bezeichnen uns als „stark strukturiert“ (was für eine entsetzliche Vorstellung!). Sie finden unsere Texte zu sauber gedruckt; dabei weiß doch jeder, dass man nicht im Geld schwimmen muss, um anständig einige tausend Zeitschriften drucken zu lassen. Es wird schlicht und einfach unterstellt... Es wird verleumdet und durcheinandergebracht, alles in der Hoffnung, dass am Ende irgendetwas auf dem Schreibtisch des Richters übrig bleiben wird...

Eine der lächerlichsten Verleumdungen bestand darin, dass die Presse und das Fernsehen behaupteten, dass einer der vier Angeklagten von Rouen Philosophielehrer sei! Die Schulbehörde hat dies einige Tage später korrigieren müssen: die beleidigte Person war in Wahrheit nur eine simple Aufsichtsperson in einer Sekundarschule, und zwar vor zehn Jahren! Hier erkennt man gut diesen alten Polizeireflex, der darin besteht, auf einen klugen Kopf zu zeigen, welcher für diese Idioten zwangsläufig diplomiert sein muss! Sie selbst sind nichts als diplomierte Idioten. Die Proletarier wissen für sich selbst zu denken: sie haben es nicht nötig, dass man ihnen etwas beibringt. Ganz abgesehen davon können Philosophielehrer nicht denken, da sie nichts vom Leben wissen.

Mit diesen zweifelhaften Behauptungen abschließend, sagen wir, dass eine Gruppe, die eine Zeitschrift publiziert und ihre Positionen häufig mittels Plakaten, Flugblättern und Broschüren mitteilt, nicht als obskur und mysteriös bezeichnet werden kann. Ein Faltblatt, das weitläufig verbreitet wurde, erklärt ausreichend die Beweggründe dieser Aktionen: nicht ein einziger Teil der Presse – ob Fernsehen, Radio oder Zeitung – hat sich gewagt, ehrlich über dessen Inhalt zu berichten. Sie haben es vorgezogen, Schätzungen anzustellen, aus einfachen Sachen ein Geheimnis zu machen: genauso wie das Geschwätz über das „Problem des Gefängnisses“, das rund um die Revolte der Gefangenen herrschte. Obwohl es sich um eine äußerst einfache Sache handelt, hören sie nicht auf damit, sie komplizierter zu machen, damit wir irgendwann nicht mehr verstehen, über was da überhaupt geredet wird. Es geht darum zu wissen, ob man die Existenz der Gefängnisse akzeptiert, oder ob man sie ablehnt. Jede Zweideutigkeit ist ausgeschlossen.

Wir wollten die Forderungen großflächig verbreiten, welche der Revolte vom Mai logischerweise entsprungen sind, und somit die Isolation der Gefangenen anbrechen, nachdem alles unternommen wurde, um – das Fieber der Meutereien vergangen – sie in Schweigen zu ersticken.

Draußen bedrückt uns gewöhnlich ein Gefühl der Ohnmacht, wenn wir unseren Blick auf das richten, was drinnen passiert. Dieses Gefühl der Ohnmacht wurde erstmals überkommen. Obgleich wir wenige waren, haben wir der Revolte vom Mai mit einfachen und wirksamen Mitteln eine schöne Öffentlichkeit zugesichert.

Und falls diese Aktionen eingeschränkt geblieben sind, dann hängt das ganz offensichtlich mit unserer eigenen Isolation in der Gesellschaft zusammen.

Die Machtergreifung der Linken hat es dem französischen Kapitalismus ermöglicht, seine Schwierigkeiten im richtigen Moment zu überwinden: insbesondere hat es ihm erlaubt, die Mehrheit der Arbeiter mit Hilfe der Gewerkschaften zu zügeln. Durch die Ausdehnung von Überwachung und Kontrolle hat sie außerdem die Modernisierung der sozialen Isolation beschleunigt: all das ist eine notwendige Voraussetzung für die Politik der Gefängnisisolation gerichtet auf diejenigen, welche sich dieser Kontrolle noch entziehen. Der soziale Frieden, der angeblich in diesem Land herrscht, stützt sich zu einem großen Teil auf die Überbevölkerung der Gefängnisse. Das ist alles.

Natürlich konnte man sich, unter dem Druck der Revolte, einen frischen Wind für den 14. Juli erhoffen: wir haben gesehen, wie sehr die Sozialisten uns alle verhöhnen können. Aber was soll man von einem Staat anderes erwarten als Schläge und Lügen? Und was soll man sich von einem Drecksack wie Mitterand erwarten, der 1955 als Innenminister den Beschuss von streikenden Arbeitern in Nantes befohlen hat?

„Alles was auf dem Boden herum kriecht, wird durch Schläge regiert.“

UNSERE FREUNDSCHAFT DEN HOBOS AUS DEM VAL-DE-SEINE!!!


UNSERE FREUNDSCHAFT DEN MEUTERERN VON CHAUMONT, LYON, DOUAI, EVREUX UND ALL DEN ANDEREN.

Anfang August 1985 Os Cangaceiros

Dieser Text wurde als Plakat in Paris, Lyon und Marseille geklebt und in einigen anderen Städten verteilt. Einige Exemplare wurden der Presse nach der Sabotage der Druckerei in Lyon zugeschickt.

Samisdat!

Die erste Ausgabe der Zeitschrift OS CANGACEIROS ist soeben erschienen; ihr werdet allerdings Schwierigkeiten haben, sie in einem Buchladen zu finden.

Zum Beispiel mussten wir sie persönlich aus dem Buchladen „Parallèles“ entfernen, da dieser die Ansprüche über seine Mittel stellte, indem er eine offizielle Adresse für die Zeitschrift verlangte. Als Vorwand benutzten sie die eventuellen Scherereien, die eine Zeitschrift, die ohne Adresse auftrat, ihnen einhandeln könnte; sie fügten hinzu, dass sie nicht dazu bereit wären, Ärger zu riskieren wegen Texten, mit denen sie nicht einverstanden sind. Ihre Hauptsorge in dieser Angelegenheit war die Tatsache, dass sie mit der Polizei in Einklang sein wollten, für den Fall, dass diese sich für uns interessieren würde.

Feigheit oder Feindseligkeit? Überraschend von einem Buchladen, der den Schriftstücken gegenüber angeblich neutral sein sollte. Bizarr von Leuten, die den Schwerpunkt ihres Geschäfts auf die Verbreitung von ebensolchen Schriften gelegt haben. Somit haben wir diese kleine Erpressung, die sich auf die Bekanntheit von „Parallèles“ bei der Verbreitung solcher Zeitschriften stützt, verweigert.

Diese kleine Angelegenheit erleuchtet etwas mehr die aktuellen Voraussetzungen der Verbreitung revolutionärer Theorie in Frankreich und allgemeiner in Westeuropa.

Jeder theoretische Ausdruck der Wahrheit geht zwangsläufig von Leuten ohne Spezialisierung aus. Dieser stößt dann auf die spontane Zensur jener Leute, die sich in der Verbreitung der Parole spezialisiert haben, und das noch ehe die Polizei und die Justiz sich darum kümmern.

Verleger, Buchhändler und sogar einige Drucker wetteifern miteinander um die Niederträchtigkeit. Nennen wir zum Beispiel das Buch von J. Mesrine, das 1977 von J.C. Lattès herausgegeben wurde, während sein Autor lebendig eingemauert im QHS von La Santé saß. Sofort nachdem Mesrine ausgebrochen war, hat der couragierte Lattès sich darum bemüht, das Buch nach einer simplen Aufforderung der Polizei, die unglaublich von „dem Staatsfeind“ bloßgestellt wurde, aus dem Umlauf zu nehmen – um es gleich am Tag nach seiner Hinrichtung wieder raus zu bringen.

Erwähnen wir noch den Fall, wo ein Drucker aus der Provinz – Wochen später auf Rat seines Anwalts – die dritte Ausgabe von „Les Fossoyeurs du Vieux Monde“ [Die Totengräber der alten Welt] nicht raus bringen wollte, unter dem Vorwand, dass sich darin ein Foto von Mesrines Kadaver befand, das mit einem kurzen, aufschlussreichen Ausschnitt aus seinem Buch versehen war (dabei war das Buch, indem sich dieser störender Ausschnitt befand, nicht einmal offiziell verboten). Um die Feigheit solcher Leute zu unterstreichen, weisen wir darauf hin, dass diese Zeitschrift – schlussendlich woanders gedruckt – weder beschlagnahmt noch gerichtlich verfolgt worden ist.

Ganz ähnlich war das Verhalten eines anderen, „kooperativen und selbstverwalteten“ Druckers aus der Provinz, der sich im Herbst 1981 weigerte, das Flugblatt „Expédition sans retour“ [Reise ohne Rückkehr] zu drucken, das von den schönen Krawallen in Großbritannien des vorigen Sommers erzählte, in Anbetracht der Unruhen, die zu jenem Zeitpunkt in den Vorstädten von Lyon herrschten. Zehn Tage ließ er die Autoren warten, bevor er seine Absage mitteilte, und das obwohl auf die Ereignisse unverzüglich die Veröffentlichung eines solches Textes erfolgen musste.

Vor kurzem hat eine andere Affäre diese Kombination aus böser Absicht und Niederträchtigkeit sehr gut illustriert. Es handelt sich dabei um das Buch „Bureaucrates et manipulateurs du balai“ [Bürokraten und Manipulateure, haut ab!] von James Schenkel, Ex-Arbeiter bei Peugeot. Nachdem er dem Hinhaltemanöver von Éditions Spartacus ausgesetzt war (welche das Prinzip der Publikation zuerst akzeptiert hatten, dann vier Monate lang Ausflüchte machten, um sich am Ende dann der Veröffentlichung zu verweigern), bekam er die Absage mehrerer Pariser Verleger. Schlussendlich mussten die Menschen, die beschlossen hatten, bei der Veröffentlichung des Buches behilflich zu sein, sich ganz allein darum kümmern. Seit seiner Herausgabe gab das Peugeot

Unternehmen den Buchhändlern aus der Region von Montbéliard den Befehl, das Buch abzulehnen – und kein einziger hat gegen das Verbot verstoßen. Fügen wir noch hinzu, dass in anderen Regionen Frankreichs einige Buchhändler sich beim bloßen Überfliegen seines Inhalts direkt geweigert haben, es in ihren Bestand aufzunehmen.

Diese unterschiedlichen Beispiele zeigen ausreichend, wie es mit der Redefreiheit steht, die offiziell hier herrscht. Diese formelle Freiheit vermag es, unsere Mitmenschen im Osten zu täuschen, die dort eine viel rudimentärere Repression erleiden. Es gibt dort nur eine einzige Lüge[20], die man den Menschen auftischt, hier gibt es tausende davon. Dies ist, worauf sich die Meinungsfreiheit im Westen beschränkt. Man kann absoluten Blödsinn erzählen und schreiben; sogar die subversivsten Theorien werden verwässert durch die uns umgebende Leblosigkeit – als kulturelle Kuriositäten, die man sich in einigen Buchläden beschaffen kann. Solange es sich nur um Wörter handelt, wird man sie tolerieren. Falls man den Sinn der Wörter in Taten wahrnehmen kann, und umgekehrt (was die Wahrheit einer Theorie ausmacht), dann werden sie früher oder später auf irgendein Hindernis bei der Verteilung stoßen.

Die Wahrheit einer revolutionären Theorie muss hier notgedrungen unter ganz ähnlichen Bedingungen zirkulieren wie bei den Proletariern im Osten: unter den Bedingungen des Samisdat.

Unser Projekt stützt sein Gelingen auf das objektive Zusammentreffen von Proletariern, und die regelmäßige Berichterstattung, die wir in unserer Zeitschrift veröffentlichen, wird anders zirkulieren als mithilfe der Buchhändler. Außerdem sind wir uns bewusst, dass die Mehrheit der Menschen, die wir gerne treffen und als Gesprächspartner haben – und die Ideen haben – niemals einen Fuß in eine Buchhandlung setzen.

Die Theorie, welche die Kommunikation als Gesamtaktivität begreift, kann nur in der Praxis der Kommunikation widergespiegelt werden. Sie kann ausschließlich von den Bedingungen widergespiegelt werden, die der Kommunikation auferlegt werden: die soziale Klandestinität.

Os Cangaceiros Paris, 18. März 1985


Verteilt in Paris, Marseille, Toulouse, etc.

Le Pen in Nantes

Am Freitag den 15. Juni organisierte Le Pen in Nantes eine Versammlung, bei der sich der Abschaum aus Bürgertum, Geschäftsleuten und Verehrern der Ordnung zusammenfand. Die linken Parteien trödelten mit einer lahmen Gegendemonstration durch die Stadt und packten ihre Transparente kurz darauf ruckzuck wieder ein. Sie konnten kaum mehr tun als das. Die Kampagne gegen die Immigranten, „für die Ordnung und Sicherheit der Eigentümer und der Bewohner“, das ist auch ihr Werk; von dem Angriff mit einem Bulldozer gegen ein Asylbewerberheim in Vitry, bis hin zum Abschieberekord von Immigranten durch den Minister Deferre, der kontinuierlichen Verstärkung der Polizei, etc.

Bei den Demonstrationen gegen Le Pen waren die guten-linken-demokratischen Marionetten nur anwesend, um ihr Wahl-Geschäft gegenüber dem der bösen-rechten-und-extrem-rechten Marionetten geltend zumachen. Doch auf Dauer wird das Kasperletheater ermüdend: zwei Tage später haben die Zuschauer sich bei den Wahlen massiv enthalten.

An diesem Freitag aber haben einige Jugendliche, denen dieser Mischmatsch fremd ist, sich auf der Straße versammelt, um ihre Wut zum Ausdruck zubringen, ebenso gegen die ekelhaften Bullen und Politiker wie gegen die Welt, welche sie verteidigen.

Der erste, der dran glauben musste, war auf der Brücke Lu ein Kontrolleur der Semitan [Verkehrsgesellschaft der Stadt Nantes], der als notorischer Bulle allgemein bekannt ist. Sein Auto wurde ohne weiteres von einigen seiner früheren Opfer mit Steinen angegriffen. Einige Linke, die zu intervenieren versuchten, haben auch etwas abbekommen.

Auf den Geschmack gekommen durch diese Vorspeise, machten sich die ca. fünfzig Jugendlichen auf ins Zentrum, wo sie nicht geizig waren mit Bolzen und Pflastersteinen für die Schaufenster (<en>Der Kunde ist König</em> – so wie die Geschäftsleute sagen – wurde Wirklichkeit!). Diese Eskapade wurde leider durch die von den Geschäftsleuten schnell herbeigerufenen Bullen unterbrochen, bevor das viel versprechende Werk weitergeführt werden konnte. Die darauffolgende Nacht wurde von einigen Scharmützeln belebt, bei denen Bullen und kleine Idioten ein paar Ohrfeigen kassierten.

„Was bringt es, Schaufenster einzuschlagen?“, haben einige gutgläubigen Seelen gejammert, die mehr zur Erhaltung der alten Welt neigen als zu seiner Zerstörung. Die wirkliche Frage lautet eher wie folgt: wieso gibt es nicht mehr Menschen, die gegen eine Welt revoltieren, in der Geschäftsleute, Bullen und Politiker Vorzeigepersonen sind? Wieso erdulden so viele Proletarier ohne aufzumucken ihre Arbeit (das französische Wort travail stammt ab vom [vulgär] lateinischen tripalium, einem Folterinstrument[, mit dem man rebellische Sklaven bestraft hat])? Wieso akzeptieren so viele Proletarier, dass sie an der Kasse passieren müssen, um sich Waren zum Überleben zu kaufen? Und wieso passieren so viele in den Wahlkabinen, um sich Sklaventreibern unterzuordnen?

Da wir an diesem Freitag den 15. nicht zahlreicher waren, und somit auch nicht stärker, haben die Bullen es fertig gebracht, einem jungen Immigranten, den sie festgenommen und zusammengeschlagen haben, ohne Beweise eine Anklage wegen „Beschädigung von Immobilien“ und „Rebellion“ an den Hals zu hängen. Natürlich haben sich die Tintenscheißer von Presse-Océan bereitwillig der polizeilichen Arbeit angeschlossen, indem sie die Identität und die Adresse der betroffenen Person in ihrem Geschmiere vom 18. Juni veröffentlicht haben, und ihn somit für eventuelle Angriffe von rassistischem Abschaum freigegeben haben.

Es wäre jetzt schade, diese ganze schöne Jugend, welche am 15. Juni in Nantes die Pflastersteine herausgerissen hat, zu isolieren, und eine Geisel in den Krallen des Feindes zurückzulassen. Damit das klar ist...


Unbekannte Nantes, 1. Juli 1984


Der Text wurde von einigen Freunden geschrieben, die in anschließend auf ihrem Arbeitsplatz in Nantes verteilt haben.

Sie scheissen auf uns? Sie werden nicht mehr lange auf uns scheissen!

„Konvergenz 84 für ein farbiges, ethnisch vielfältiges und multikulturelles Frankreich“?! Wieder einmal Menschen, die den Staat im Namen der „Gleichberechtigung der Rechte und Völker“ anflehen, die die linke Wange hinhalten, wenn man sie auf die rechte Wange schlägt.

Der Staat will uns den Brotkorb höher hängen mit seinen Reformversprechungen.

Die Wichser, die uns regieren, werden sich wohl ganz schön amüsieren, wenn sie sehen, wie junge Immigranten sich wie Mikadostäbchen einwickeln lassen von diesem ganzen Geschwätz. Die Pfadfinder der „Konvergenz 84“ mahnen sich an, in unserem Namen zusprechen: aber sie wollen den Frieden – wir, wir sind im Krieg.

Wir wissen genau, dass die Justiz laufend die Bastarde ermuntert, die auf uns schießen. Die Justiz existiert vor allem, um Jugendliche wie uns, die nicht unsere Jugend mit Arbeit oder Verzicht verlieren wollen, zu zerquetschen. Die Versprechen des Staates? Da stehen wir drüber.

Nach dem erbärmlichen pazifistischen Marsch vom Dezember 1983, hat der Staat versprochen, jedem Immigranten eine Aufenthaltserlaubnis von zehn Jahren auszustellen. Und bald wird er sie auch ausstellen, aber an wen? An die guten Immigranten, die anständigen Arbeiter – diejenigen, die nicht arbeiten und „gravierende Probleme mit der Polizei“ hatten, werden von all dem nichts abbekommen.

Verdammt nochmal! Wenn man einen Staatsmann vor sich hat, schüttelt man nicht seine Hand, man spuckt ihm in die Fresse! Und „Konvergenz 84“, der seinen Sketch vorführt unter dem Patronat von Georgina Dufoix; nach dem, was sie kürzlich geleistet hat, diese Schlampe (Verbot der „Familienzusammenführung“ und Schließung der Grenzen für zukünftige Immigranten). Wir vergessen nicht unsere Freunde, die vor kurzem aus Marokko oder Tunesien herkamen, und die der sozialistische Staat, dieser Dreck von Dufoix und Joxe, wie Hunde ausgewiesen hat.

Man hindert uns daran, uns frei auf der Oberfläche der Erde zu bewegen, indem man die Grenzen schließt. Man hindert uns daran, uns frei auf den Straßen zu bewegen, indem man ständig Bullen auf uns hetzt. Und nach all dem, was wir bereits erlitten haben, sollen wir auch noch freundlich sein und in Ruhe mit dem Staat diskutieren, um ein paar Krümel auszuhandeln? Geht’s noch?!

Wir sind nicht das Frankreich von Morgen. Nieder mit Frankreich. Nieder mit allen Nationen. Und Scheiße für die Gestalter des Elends!


EINIGE RATTEN AUS DEN WESTLICHEN VORORTEN


Dieser Text wurde in den westlichen Vororten verteilt, als die Idioten mit ihrem Marsch der Konvergenz 84 dort vorbeizogen.

Das Europa der Hooligans[21] und der Tod des Fussballs

Wir sind erzürnt über die Kampagne der Lügen und der Denunziation, die momentan gegen die Fußballhooligans und insbesondere gegen die Fans von Liverpool stattfindet. Während des Sommers von 1981 haben wir diese Fans von LFC [Liverpool Football Club] kennengelernt, als sie sich an den Krawallen von Toxteth beteiligt haben; wir sind Freunde geworden (in solchen Situationen schließt man schnell Freundschaften). Wir ertragen es nicht, mit ansehen zu müssen, wie sie von idiotischen Journalisten und der hysterischen Meute, welche von den boshaften Äußerungen der Presse angetrieben wird, beleidigt werden.

Die Fans von Liverpool sind in absolut keiner Hinsicht verantwortlich für die 38 Toten im Station von Heysel in Brüssel. Die wahren Verantwortlichen sind die Veranstalter des sportlichen Spektakels, die die Menschenmengen in den Rängen einpferchen. Diese Installationen sind dafür bestimmt, passive Massen zu empfangen, die sich damit zufrieden geben zuzuschauen.

Die polizeiliche Einkesselung geht soweit, dass die Menschen bei einem Notfall nicht fliehen können. Wenn es am 11. Mai in Bradford dermaßen viele Tote gab, dann war das, weil die Zuschauer nicht über die Notausgänge entkommen konnten: die Verwalter des Stadions hatten sie blockiert, um zu verhindern, dass Schaulustige ohne Eintrittsticket über diesen Weg ins Stadion gelangen könnten! In Heysel hat sich ein Angestellter des Stadions geweigert, den in Panik geratenen Italienern eine Tür des aufs Spielfeld führenden Notausgangs zu öffnen. Die Bullen haben die Menschen mittels Schlagstöcken zurückgedrängt, um zu verhindern, dass sie sich auf das Spielfeld flüchten; einige Sekunden später gab es 38 Tote.

38 Tote, was ist das? Jedes Wochenende sterben zehnmal so viele Menschen im Straßenverkehr und daraus wird keine Staatsaffäre gemacht! Denn schließlich handelt es sich dabei ja nur um isolierte Arme in ihren Seifenkisten. In Brüssel handelte es sich um eine Menschenmenge; und das Sozialsystem, das auf der Manipulation von vereinzelten Mengen basiert, muss zusehen, wie diese Mengen sich jeglicher Betreuung entziehen, selbst dann, wenn man sie wie Tiere in einem vergitterten Gehege zusammenpfercht. Ein Tifosi[22] hat erkennen müssen: zusammengepfercht wie sie es waren, war es unvermeidlich – und wir würden noch hinzufügen; menschlich –, dass die englischen Fans explodierten und den Zaun durchbrachen, welcher sie von den anderen isolierte.

Die englischen Fans wollten sich nur ein wenig austoben: zuerst in einer prächtigen Prügelei mitmischen, sich anschließend alle zusammen mit der Polizei anlegen und sich dann nach dem Spiel in der Stadt amüsieren.

Soviel zum Abend vom 29. Mai im Stadion von Heysel. An jenem Abend fand das Ereignis nicht auf dem Spielfeld, sondern auf den Tribünen statt: und ausnahmsweise war es diesmal ein echtes Ereignis. Diese Veranstaltung war ein Abbild vom Albtraum, den man uns als Leben präsentiert: Manipulation der Massen und polizeiliche Einkesselung bilden das Fundament der realen Welt.

Die Realität hat sich ihre Rechte zweifellos am Abend jenes 29. Mai in Brüssel zurückerobert. Der Albtraum, welcher das Spektakel aus den Sport Shows verbannt hat, ist wieder an der Oberfläche aufgetaucht. „Das, was ein Fest hätte sein müssen, hat als Tragödie geendet“, bedauern sie. Vor allem aber bedauern sie, dass das Drama sich vor dem Spiel ereignet hat. Ihre schöne, auf Eurovision übertragene Sportveranstaltung wurde schlichtweg von der Realität versaut! Das Spiel hat dann aber doch noch stattgefunden, allerdings nur wegen vulgären Gründen der Ordnung (wie immer wird man sagen: die Veranstalter fühlten sich gezwungen nachzugeben: „Was sollen wir denn nun mit all diesen Menschen tun?“). Zudem braucht man nur hier und da den Kommentaren zu lauschen: der pawlowsche Reflex all dieser Köter ist es, zu behaupten, dass an diesem Abend nicht genug Bullen anwesend waren.

Alle europäischen Staaten bedienen sich heute dieser 38 unglücklichen Opfer, um eine hysterische Gegenoffensive gegen die Fußballhooligans zu starten: und all die europäischen Medien lügen über das, was tatsächlich an jenem Abend passiert ist, um die Repression gegen die englischen Fans hervorzurufen. Die schlimmsten Dreckskerle sind natürlich die Sportjournalisten: schaut euch die Artikel von L’Équipe an! Das Ideal des Sports wurde hoffnungslos geschändet! Und das ist gut so, denn das Ideal des Sports ist nichts als Scheiße.

Jedes Wochenende gehen in Großbritannien Proletarier rudelweise zum Spiel, um zu zerstören, sich zu schlagen und sich so zu amüsieren! In Wahrheit scheren sie sich einen Dreck um den Sport. Wir auch. Das angebliche Sportereignis ist für sie nichts weiter als eine Ausrede, um sich aufzubrausen mithilfe des Getränks, von dem man weiß, dass es die Gemüter erhitzt (im Übrigen ist es weitläufig bekannt, dass Sportler – wahre Sportler – keinen Alkohol trinken!). Sie sind voller Hass. Ist das denn nichts?! Auch wir spüren Hass. „We hate humans“, sagten vor einigen Jahren die Jugendlichen der „Red Army“ von Manchester United. „Ich gehe aus einem einzigen Grund zum Spiel: wegen der Schlägerei. Es ist eine wahre Besessenheit, von der ich nicht mehr los kommen kann“, erklärt einer der „Crazy Red Brigade“ aus Liverpool. Wir kommen ebenso wenig los von dieser Obsession. In London gruppierten sich 1984 500 Hooligans in der „Intercity Firm“ Gruppe, um während den Spielen alles systematisch kurz und klein zu schlagen. Einer von ihren machte nach ihrem verheerenden Aufenthalt in Paris folgende Aussage: „Wir wollten uns mit den Faschisten vom „National Front“ anlegen, aber eure Bullen haben uns keine Zeit dazu gelassen. Somit hatten wir dann nur einen einzigen Wunsch; alles kaputtmachen.“

Überall auf der Welt wendet sich die vom Spektakel hervorgerufene, unbefriedigte Begeisterung gegen das Spektakel selbst: in Dakar, in Peking, in Liverpool, in Marseille, in Detroit, in Tiflis und noch anderswo...

Die einfältigen Geister finden es absurd, dass Leute sich dermaßen wegen eines Spiels prügeln. Das was sie nicht verstehen, ist, dass das Spiel selbst keine Bedeutung hat. Es handelt sich dabei um eine von unzähligen Gelegenheiten: schließlich ist es aufregender, zu einem Fußballspiel oder auf ein Rockkonzert zu gehen, statt auf eine politische Demonstration. Die Fans prügeln sich häufig untereinander. Und wenn schon? Was bedeuten sie denn schon im Grunde für die anderen? Nichts.

Wer sonst, außer den linken Banausen, wundert sich darüber, dass Proletarier sich zum Spaß untereinander prügeln?! Die Proletarier haben nichts, das sie verbindet. Sie sind komplett getrennt. Das wahre Elend der Menschen, das ist diese absolute Isolation, welche ihren täglichen Alltag mitbestimmt: meistens äußert sich das durch Gleichgültigkeit, und manchmal auch durch Feindschaft. Nur die Sklaven des Spektakels und die Lakaien des Staates haben Angst vor der Realität der Misere, denn sie sind es, die dafür verantwortlich sind.

Von dieser Realität wird die Überschreitung ausgehen. Dieselben, die sich, weil sie andere Fußballvereine unterstützen, untereinander prügeln, schließen sich zusammen, um gemeinsam die Bullen anzugehen – so wie das auch bei den Schlägereien samstagabends beim Ausgehen oder bei den rivalisierenden Banden der Vorstädte der Fall ist. Am 29. haben die Engländer, die Italiener und sogar die Belgier die Bullen unaufhörlich mit Wurfgeschossen eingedeckt. Vor dem Spiel haben sie auch noch einen Juwelierladen geplündert und die Einnahmen vom Spiel gestohlen. Das alles regt die europäischen Staatsmänner fürchterlich auf.

Die Thatcher Regierung hat beschlossen, zum Gegenschlag gegen die Fußballhooligans auszuholen: und das nach den Randalierern von 1981 und den streikenden Minenarbeitern von 1984 – weil die selben undisziplinierten Proletarier, welche bereits niedergeschlagen worden sind, sich an anderer Stelle dafür rächen werden. Während des Streikes der Minenarbeiter haben sich zahlreiche Hooligans Seite an Seite mit ihnen gegen die Bullen geschlagen.

Wir teilen voll und ganz die Begeisterung dieser Hooligans, welche alles auf ihrem Weg niederschlagen, und sind angewidert von den geplanten Maßnahmen gegen die britischen Fans. Die gegen die Fußballvereine verhängten Sanktionen dienen dazu, ihre Fans davon abzuhalten, ins Ausland zu reisen. Zuhause kriegen sie eine maximale polizeiliche Überwachung zu spüren: eine harte richterliche Repression (kürzlich haben Hooligans von Chelsea Gefängnisstrafen von 6 Monaten bis 5 Jahren ohne Bewährung erhalten), verstärkte polizeiliche Absicherung der Stadien (obligatorische Magnetkarten für die Fans, das Verbot von Alkoholkonsum im Stadion und in seiner nahen Umgebung unter Androhung gerichtlicher Verfolgung, systematische Kameraüberwachung).

Bis jetzt fanden die meisten Fußballkrawalle während oder vor dem Spiel statt. In Brüssel fanden sie vor dem Spiel statt, und sie können sogar ohne jegliches Spiel ausbrechen, so wie das am 7. März 1985 in Doncaster (Stadt im Süden von Yorkshire) der Fall war: zwei Tage waren vergangen, seit dem tragischen Ende des lang andauernden Minenarbeiterstreiks. Mehrere hundert Fans einer regionalen Mannschaft aus Sheffield haben sich Gruppen junger Minenarbeiter angeschlossen und haben sich dann im Stadtzentrum (wo es bereits im Sommer 1981 Krawalle von jungen Kids gab) verteilt und alle Geschäfte verwüstet. Die Kommentatoren, Bullen ebenso wie Journalisten, wunderten sich hauptsächlich darüber, dass an jenem Tag weder in Doncaster noch in seiner Umgebung irgendein Spiel stattfand.


ES LEBEN DIE UNRUHESTIFTER DES FUSSBALLS!


Os Cangaceiros Anfang Juni 1985


Dieser Text wurde auch auf Englisch übersetzt und in Großbritannien verteilt. Auszüge aus dem Text dienten als Vorlage für ein Plakat, das in Paris, Lyon, Marseille, sowie in anderen Provinzstädten geklebt wurde; und um das Prinzenparkstadion während des Finales der französischen Meisterschaft.

Die „Unruhestifter des Fussballs“ schlagen zurück...

Sie machten einen sympathischen Eindruck und waren gut gekleidet. Jacques Marchand, der zu diesem Zeitpunkt (gestern gegen 15 Uhr) allein war in den Büros der Union syndicale des journalistes sportifs[23] in der Rue Bergère, glaubte, dass es sich um angehende Kollegen handeln würde, welche sich für eine Mitgliedschaft interessierten oder auf der Suche nach Auskünften waren. Und das umso mehr, als einer von ihnen ganz zu Beginn wissen wollte, für welche Zeitschrift ein guter Freund von uns arbeiten würde. Wirklich sympathisch diese jungen Leute. Doch plötzlich verwandelten sich diese drei, denen man bereitwillig einen Presseausweis gegeben hätte, in Judoka und machten den Präsidenten der USJSF handlungsunfähig, welcher sich berechtigt fühlte, sie zu fragen, ob sie sich in einem nüchternen Zustand befänden. Unsere jungen Besucher rieten ihm unter Androhung schlimmer Misshandlungen, dass er sich ruhig verhalten solle (sie duzten ihn, aber ohne ihn zu beleidigen). Während einer von ihnen sich vor die (weit geöffnete) Tür stellte, bemühten sich die zwei anderen darum, die Wände mit einem fürchterlich riechenden Produkt zu beschmieren, das Jacques Marchand anfangs für Benzin hielt, sich im Nachhinein aber als Ammoniak herausstellte. Dem fügten sie nicht nur Farbe hinzu, sondern auch noch Exkremente, was beweist, dass sich neue Berufsaussichten eröffnen für die Moto-Crottes[24] Fahrer der Stadt Paris. In weniger als zwei Minuten nach Beginn ihres Angriffs gegen die USJSF (eine Aktion, die – nebenbei bemerkt – dem soeben gesagten eine offizielle Anerkennung zukommen lässt), machte sich das Kommando der Schmierfinke zu Fuß aus dem Staub. Als Begründung lassen sie ein Flugblatt an Ort und Stelle, in dem sie ihre Solidarität mit den Hooligans geltend machen, welche ihnen zufolge Opfer einer „hysterischen Gegenoffensive“ der Medien sind, insbesondere der Sportmedien, an erster Stelle L’Équipe, da sie zu schreiben wagte, dass das Ideal des Sports geschändet wurde: „Viel Glück, bemerken unsere jungen Leute, denn das Ideal des Sports ist nichts als Scheiße“ (schon wieder!). Und fügen hinzu: „Die einfältigen Geister finden es absurd, dass Leute sich dermaßen wegen eines Spiels prügeln. Das was sie nicht verstehen, ist, dass das Spiel selbst keine Bedeutung hat. Es handelt sich dabei um eine von unzähligen Gelegenheiten. Wer sonst, außer den linken Banausen, wundert sich darüber, dass Proletarier sich zum Spaß untereinander prügeln? Die Proletarier haben nichts, das sie verbindet. Wir teilen voll und ganze die Begeisterung dieser Hooligans, welche alles auf ihrem Weg niederschlagen, und sind angewidert von den geplanten Maßnahmen gegen die britischen Fans.“ Es ist festzuhalten, dass dieses ausführliche Flugblatt keine Drohung ausspricht und dass es sich dabei um ein simples Manifest in Solidarität mit den Hooligans handelt, den Opfern einer „maximalen polizeilichen Überwachung“. Es endet mit einem leidenschaftlichen „Es leben die Unruhestifter des Fußballs“ und ist unterzeichnet mit Os Cangaceiros. Ungeachtet dieser südamerikanischen Referenz, ist es die französische Polizei, die mit dieser Untersuchung beauftragt wurde.


G. Ed. L’Équipe, 18. Juni 1985

Pfoten weg!

November 1979: der Staat ermordet Jacques Mesrine. Die humanistischen Aktivisten, die immer nach der Schlacht angelaufen kommen, um die Toten zu zählen, sind am Heulen: sie hatten sich einen schönen Prozess und eine gerechte Strafe gewünscht! Als ob diese Welt hätte tolerieren können, dass ihr erklärter Feind am Leben bleibt und noch einmal das Wort ergreift!

DIE FREIHEIT IST DAS VERBRECHEN, DAS ALLE VERBRECHEN ENTHÄLT.

Februar 1984: der Filmheini A. Génovès glaubt, dass er ungestraft Gewinne erzielen kann, indem er einen Film über die mittlerweile abgekühlte Leiche macht. Die Familie und die Freunde von Mesrine versuchen, sich der Veröffentlichung dieses Filmes in den Weg zustellen. Das Gericht schickt sie zum Teufel, indem es an Charlie Bauer gewendet hinzufügt, dass er in Anbetracht seiner „beschämenden Gefängnisstrafe“ nur das Recht habe, seine Fresse zuhalten.

Auf Anfrage des Milliardärs Lelièvre dagegen ordnet dasselbe Gericht an, dass alle Szenen, in denen dieser dargestellt wird, gestrichen werden. Das ist weder Gerechtigkeit noch Ungerechtigkeit.

DAS IST DER PERMANENTE KRIEGSZUSTAND GEGEN DIEJENIGEN, DIE DEN STAAT ANGREIFEN.

Die Polar-isierung[25] des Lebens von Mesrine ist nur ein Vorwand, um ihn unter der Verleumdung zu begraben. Demnach (F. Calvi in Le Matin) kämpfte Mesrine „gegen die ganze Welt oder beinahe“. Als bestünde die ganze Welt aus Zuhältern, Bullen, Journalisten oder Generaldirektoren, den einzigen „Opfern“ von Mesrine! Oder etwa er war eine Art aktivistischer Humanist in Sachen Gefängnissen, den man (G. Millet auf Frane-Inter) sogar mit dem Fernsehidioten Yves Montand verglichen hat!

Mesrine bekämpfte nicht die ganze Welt, sondern die Totalität dieser Welt, und das sagt er auch. Aus genau diesem Grund wurde er erschossen. Und es ist auch aus diesem Grund, dass Tausende Menschen sich in ihm wiedererkannten, so wie das im vorherigen Jahrhundert mit Lacenaire[26] der Fall war. Seine Revolte gründete nur auf seiner eigenen Rache, er ergriff nicht das Wort im Namen Anderer, er war kein Aktivist.

„Ich kannte den Irrationalismus meiner Theorie, welche nicht im Stande war, eine neue Gesellschaft zu gründen. Aber was war sie, diese Gesellschaft, denn schon mit ihren schönen Prinzipien und Gesetzen?“ „Sie bewunderte den Gauner, indem sie die grausame Realität mit ihren Kinohelden verwechselte.“ (Mesrine, Der Todestrieb)

„Mesrine“ hält die Polizei in Atem

Es war 22:45 gestern Abend im „Quatre Eden“, als die Veranstalter der Abendvorstellung „Clap 2“, welche „Gorky Park“ und „Mesrine“ in einer nationalen Voraufführung ausstrahlten, einige Minuten vor Ende des ersten Films die Zuschauer aller Kinosäle darum baten, ihre Sitzplätze einstweilen zu verlassen.

Dreißig Minuten zuvor hatten sie einen anonymen Anruf erhalten, der sie darüber informierte, dass eine Bombe „explodieren würde, falls der neue Film von A. Génovès, Mesrine, ausgestrahlt werden sollte“. Bereits am Eingang des Kinos wurden Flugblätter verteilt, die diesen Streifen feindselig kritisierten, weil er anti-Mesrine sei. „Die Polarisierung des Lebens von Mesrine ist nur ein Vorwand, um ihn unter der Verleumdung zu begraben.“

Nichtsdestotrotz verlief die Evakuierung geordnet und ruhig. Nach einer gründlichen Suche, bei der nichts gefunden wurde, gestatteten die Polizisten die Fortführung der Abendvorstellung „Spécial Polar“.


F.M.L.

Paris-Normandie, 29.02.1984

Geld her oder wir töten euch

„Ich werde wiederkommen und alles zerstören!“

In der Nacht vom 21. März 1984 hat Jean Moreau, ein 49 Jahre alter Arbeitsloser, die Büros der Assédic[27] in Rennes verwüstet, da diese sich geweigert haben, ihm Geld auszuzahlen, auf das er gewartet hat. Computer, Telefone, Schreib- bzw. Rechenmaschinen und Sanitäranlagen; er hat alles massenweise zerstört. All die herumliegenden Dokumente wurden mithilfe eines Feuerlöschers zerstört. Eine anständige Leistung! Abertausende von uns hatten die Lust, dasselbe zu tun wie Jean Moreau. Haben immer noch diese Lust...

Es kommt für uns nicht in Frage, über das Elend zu weinen!

Für all die verlorene Zeit auf der Arbeit (auch wenn es nur drei Monate waren, um so Geld von der Assédic zu erhalten) und für unsere abgenutzte Jugend schuldet uns die Gesellschaft und der Staat noch etwas!

Wir lehnen jegliche Idee eines Lebens ab, das sich unweigerlich auf das Existenzminimum beschränkt.

Die Notwendigkeit des Geldes verschlingt unser Leben. Sie frisst unser Gehirn, sie frisst unsere Eier. Der Staat hat soeben, im Einverständnis mit den Unternehmern und den gewerkschaftlichen Bürokratien, beschlossen, das erbärmliche Arbeitslosengeld zu kürzen und denjenigen die Gelder zu streichen, die offensichtlich nicht die Absicht haben, wieder in die Hölle zurückzukehren.

Wir werden uns das nicht gefallen lassen. Dies ist eine Warnung an die Angestellten der Assédic, die einen auf Bullen machen, sich mit dem Geld des Staates identifizieren und uns das Arbeitslosengeld streichen! Für den Rest – das heißt im Wesentlichen – werden wir uns schon zu bedienen wissen. Ohne zu zahlen.


Einige lebenslange Arbeitslose Ende März 1984


Zuerst in Nantes verteilt, anschließend in Paris, den Arbeitsämtern in Le Havre und den Vororten von Marseille.

Unter dem Einfluss der Angst wird nichts Menschliches entstehen

Die Serie der aktuell in Paris begangenen Attentate hat als unmittelbare Folge die Verstärkung der polizeilichen Kontrolle. Paris befindet sich heute im Belagerungszustand.

Das Geschwätz der Medien diesbezüglich: „Wer hat das getan?“ verheimlicht die zentrale Frage: „Wer profitiert davon?“. Die polizeiliche und spektakuläre Ausnutzung dieser Attentate ist Teil einer Strategie des Staates: die Atmosphäre einer allgemeinen Niederlage in Frankreich noch mehr zu vervollständigen. Eine Idee muss nämlich progressiv in die Köpfe gelangen: die Steigerung und die Systematisierung der repressiven Maßnahmen sind notwendig und unvermeidbar. Die Banalität der anvisierten Ziele dieser Strategie der diffusen Panik festigt bei jedem einzelnen und bei allen das Gefühl der Angst und der Hilflosigkeit. Der Weg ist geebnet; die Justiz kann jeden lebendig begraben, der seinen Kopf erhebt.

In diesem verrotteten Land ist jeder Proletarier, der sich nicht als schuldig befindet, verdächtig und kann als solcher ermordet werden. Seit dem Aufflammen der französischen Vororte von 1981, hat der Staat – auf Initiative der Spießbürger – die soziale Reaktion ausgepackt, welche die Niederschlagung all jener beschleunigt hat, die sich in diesem Land noch bewegt haben. Die in den Marseiller Vorstädten platzierten Bomben (1981 in La Cayolle und Bassens, 1983 in La Bricarde) und die tödlichen Sommer von 1982 und 1983 sind zwei Aspekte einer entscheidenden Phase. Falls nicht die Justiz, so sind es nunmehr der Terror und die Isolation, welche die meisten derjenigen lähmen, die sich noch nicht unterworfen haben.

Der Staat hat den Nagel nun endgültig eingeschlagen. Das was in Wirklichkeit schon längst die Regel war, vollendet er nun mithilfe von Gesetzen. Das Badinter Projekt des Strafgesetzbuches bestätigt die Berechtigung zu töten, indem die „Notwehr“ auf die Verteidigung von Eigentum ausgeweitet wird. Die Kulisse steht: Polizeigewahrsam von vier Tagen, Zusammenstellung krimineller und terroristischer Karteien, allgemeine Erhöhung der Strafen für alle Formen der Kriminalität, Abschaffung der Straferlasse...

Die Medien bemühen sich darum, glauben zu machen, dass einzig die Terroristen den Staat angreifen, und dass somit diejenigen, die den Staat angreifen, notgedrungen auch alle Terroristen sein müssen. Ihre Absicht ist deutlich: jeden Akt der Revolte mit Terrorismus gleichzusetzen, wobei dieser Begriff die emotionale Belastung noch um ein vielfaches vergrößert. Der Terrorismus ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.

Die Kampagne der Sabotagen zugunsten der Meutereien in den Gefängnissen (Sommer 1985) war das Werk einiger organisierter Proletarier. Die Medien haben sie mysteriösen „Schienenterroristen“ zugeschrieben. Erst kürzlich, am 20. Dezember 1985, hat man die wilden Streikenden der U-Bahn beschuldigt, die Pariser als Geiseln zu nehmen. Am gleichen Tag in Nantes sollen Courtois, Khalki und Thiolet die Medien angeblich als Geiseln genommen haben[28]. Dies ist eine widerliche Umkehrung der Realität vonseiten derjenigen, deren Beruf es ist, die Köpfe zu kolonisieren; diese Halsabschneider sind uns ganz besonders zuwider.

Die Manipulation erreicht ihr Ziel. Die kommenden Prozesse werden in einer fürchterlichen Atmosphäre stattfinden für diejenigen, die wirklich die Zielscheibe des Staates sind. Nachdem man sie an den Pranger des Terrorismus gebunden hat, werden sie erschreckende Strafen erhalten.

Im Gegensatz zu dem, was sich in den 70er Jahren in Italien abgespielt hat, handelt es sich bei diesen Attentaten nicht um die letzten Patronen eines verzweifelten Staates. In Frankreich gedenken seine Partisanen, die Machtposition, die er in den letzten Jahren errungen hat, zu festigen. Der italienische Staat hat rasche Mittel benutzt, die dazu in der Lage waren, Terror in der Bevölkerung zu stiften und bei derselben Gelegenheit seine außerordentliche Anwendung der Polizei und sogar der Armee zu rechtfertigen. Seitdem aber wissen wir, dass eine solch „außerordentliche“ Anwendung, die zu einem bestimmten Moment gefordert wurde, später zur Regel wird.

Wir spüren auf direktem Wege die Intensivierung der Kontrollmaßnahmen. Die grauenvolle deutsche Vergangenheit gibt uns einen Vorgeschmack dessen, was uns gerade an der Nase packt. Es wird immer schwerer, sich vor den Augen des Staates zu verstecken. In dieser Welt können nur die Waren frei zirkulieren. Für uns, die Armen, wird die bloße Bewegung zu einer Gefahr.


NIEDER MIT FRANKREICH!


Os Cangaceiros Paris, 12. Februar 1986

Die industrielle Domestizierung

„Wenn sich das Kapital der Wissenschaft bemächtigt, wird der aufsässige Arbeiter immer gezwungen sein zu gehorchen.“ Andrew Ure, The Philosophy of Manufactures, 1835

„Als früher jemand einen Geschäftsmann als Arbeiter bezeichnete, riskierte dieser eine Schlägerei. Wenn man ihnen heute aber erzählt, dass Arbeiter eine wichtige Rolle innerhalb des Staates spielen, bestehen sie alle darauf Arbeiter zu sein.“ M. May, 1848

Der Begriff der industriellen Revolution, der häufig benutzt wird um die Periode von 1750 bis 1850 zu bezeichnen, ist eine reine bürgerliche Lüge, ähnlich die der politischen Revolution. Er beinhaltet nicht das Negative und geht von einer Vision der Geschichte aus, die die technologischen Fortschritte als einzige Geschichte betrachtet. Dies ist ein doppelter Erfolg für den Feind, der so die Existenz von Managern und einer Hierarchie als die unausweichliche Konsequenz der technischen Notwendigkeiten legitimiert, und der eine mechanische Konzeption des Fortschritts vorschreibt, welcher als positives Gesetz und als sozial neutral angesehen wird. Es ist der religiöse Moment des Materialismus, der Idealismus der Materie. Eine solche Lüge war selbstverständlich für die Armen bestimmt, bei denen sie bleibende Schäden hinterlassen sollte. Um sie zu widerlegen, reicht es aus, sich an die Fakten zu halten. Die Mehrheit der technischen Innovationen, die die Entwicklung der Fabriken ermöglicht haben, wurde bereits eine gewisse Zeit zuvor entdeckt, blieb bis zu jenem Zeitpunkt aber noch ungenutzt. Ihre großräumige Anwendung ist keine mechanische Konsequenz, sondern hat ihren Ursprung in einer historisch datierten Entscheidung der herrschenden Klassen. Diese Entscheidung beruhte nicht so sehr auf den Sorgen der reinen technischen Effizienz (eine oft sehr fragwürdige Effizienz), sondern vielmehr auf einer Strategie der sozialen Domestizierung. Die industrielle Pseudo-Revolution läuft somit auf ein Unternehmen der sozialen Konter-Revolution hinaus. Es gibt nur einen einzigen Fortschritt: den Fortschritt der Entfremdung.

In dem davor bestehenden System genossen die Armen noch eine große Unabhängigkeit während der Arbeit, die sie gezwungen waren zu verrichten. Die vorherrschende Form war die heimische Werkstatt: die Kapitalisten liehen den Arbeitern Werkzeuge, versorgten sie mit Rohstoffen, und kauften ihnen die Fertigprodukte am Ende wieder für schändliche Preise ab. Die Ausbeutung war für die Arbeiter bloß ein Moment des Geschäfts, über den sie keine direkte Kontrolle ausübten. Die Armen konnten ihre Arbeit noch als eine „Kunst“ bezeichnen, bei welcher sie einen beträchtlichen Spielraum an Entscheidungen besaßen. Vor allem aber blieben sie Herr über die Nutzung ihrer Zeit: ihre Arbeitszeit entzog sich jeder Berechnung, da sie zu Hause arbeiteten und aufhörten, wenn sie es für angebracht hielten. Ihre Arbeit war charakterisiert durch Abwechslung und Unregelmäßigkeit, da die heimische Werkstatt in den meisten Fällen bloß eine Ergänzung zu den landwirtschaftlichen Aktivitäten war. Daraus ergaben sich Fluktuationen der industriellen Aktivität, die nicht mit dem harmonischen Aufstieg des Handels vereinbar waren. Die Armen besaßen somit noch eine beträchtliche Macht, die sie fortwährend anwendeten. Die Praxis der Veruntreuung von Rohstoffen war an der Tagesordnung und versorgte einen ausgedehnten parallelen Markt. Vor allem konnten diejenigen, die zu Hause arbeiteten, Druck auf ihre Arbeitgeber ausüben: die häufigen Zerstörungen von Webstühlen waren eine Methode der „Kollektivverhandlung durch Aufruhr“ (Hobsbawm). Geld her oder wir schlagen alles kurz und klein!

Das Bürgertum war gezwungen, den Arbeitsbereich gezielt zu kontrollieren, falls es diese bedrohende Unabhängigkeit der Arbeiter ausradieren wollte. Dies war der Grund für die allgemeine Verbreitung der Fabriken. Es ging darum, den Arbeitsbereich zu autonomisieren, zeitlich und geographisch. „Es sind nicht so sehr die absolut Müßigen, die die Allgemeinheit stören, sondern diejenigen, die nur die Hälfte ihrer Zeit arbeiten“, schrieb schon Ashton 1725. Das Wesen des Militärs wurde auf die Industrie angewendet, und die Fabriken wurden wortwörtlich nach dem Modell der Gefängnisse gebaut, welche zudem deren Zeitgenossen waren. Eine gigantische Umfassungsmauer trennte sie von allem, was nicht zur Arbeit gehörte, und es wurden Wachen eingestellt, um diejenigen zurückzuhalten, die es anfangs für selbstverständlich hielten, ihre unglückseligen Freunde besuchen zu gehen. Im Inneren hatten drakonische Regeln den eigentlichen Zweck, die Sklaven zu domestizieren. Ein Schriftsteller hatte 1770 einen neuen Plan vorgeführt um Arme hervorzubringen: das Haus des Schreckens, in dem die Bewohner täglich vierzehn Stunden festgehalten werden und mithilfe einer Hungerdiät an der Leine gehalten werden. Seine Idee war der Realität nur kurz vorausgegangen: eine Generation später hat man das Haus des Schreckens ganz einfach Fabrik genannt.

Es war in England, wo die Fabriken sich zuerst ausbreiteten. In diesem Land hatten die herrschenden Klassen ihre internen Konflikte schon seit langem überwunden und sie konnten sich deshalb ungebremst der Leidenschaft des Handels hingeben. Die Repression, die auf die Niederlage des millenaristischen Angriffs der Armen[29] folgte, hatte den Weg für die industrielle Gegenoffensive geebnet. Die Armen in England hatten also das traurige Schicksal, dass sie als erste die ganze Brutalität eines sich entwickelnden sozialen Mechanismus zu spüren bekamen. Es ist selbstredend, dass sie ein solches Schicksal als eine absolute Erniedrigung betrachteten, und diejenigen, die dieses Schicksal akzeptierten, mussten mit der Verachtung ihrer Mitmenschen rechnen. Bereits zu Zeiten der Levellers war es üblich anzunehmen, dass diejenigen, die ihre Arbeitskraft gegen einen Lohn verkauften, in der Tat die Rechte der „frei geborenen Engländer“ aufgaben. Schon bevor überhaupt mit der Produktion begonnen werden konnte, hatten die ersten Fabrikbesitzer große Probleme, Arbeitskräfte zu rekrutieren und sie mussten hierfür oft weite Strecken zurücklegen. Danach mussten sie die Arbeiter an ihrer neuen Arbeit festhalten, denn Desertionen gab es en masse. Aus diesem Grund kümmerten sich die Fabrikbesitzer auch um die Unterkünfte ihrer Sklaven, als Vorzimmer zur Fabrik. Die Bildung dieses großen industriellen Reserveheers zog eine Militarisierung der Gesamtheit des sozialen Lebens mit sich.

Der Luddismus war die Antwort der Armen auf die Einführung dieser neuen Ordnung. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts hat sich in einem Klima der aufständischen Wut die Bewegung der Maschinenstürmer entwickelt. Dabei handelte es sich nicht nur um eine Nostalgie des goldenen Zeitalters des Handwerks. Der Durchbruch der Herrschaft der Quantität, des serienmäßigen Plunders, hat sicherlich zu einem guten Teil zur Wut der Menschen beigetragen. Von da an überwog die notwendige Zeit, um eine Arbeit zu verrichten, über die Qualität des Resultats, und diese inhaltliche Abwertung jeder einzelnen Arbeit hat die Armen dazu geführt, sich allgemein an der Arbeit zu vergreifen, was sich als dessen Kern herausstellte. Der Luddismus war aber an erster Stelle ein antikapitalistischer Unabhängigkeitskrieg, ein „Versuch der Zerstörung der neuen Gesellschaft“ (Mathias). „Alle Adeligen und alle Tyrannen müssen getötet werden“, lautete eines ihrer Flugblätter. Der Luddismus ist das Erbe der millenaristischen Bewegung einiger Jahrhunderte zuvor: obwohl er sich nicht mehr durch eine universelle und einheitliche Theorie ausdrückte, blieb er dem politischen Geist und jeder ökonomischen Pseudo-Rationalität gegenüber vollkommen fremd. Zur gleichen Zeit in Frankreich hingegen waren die Aufstände der Canuten – die sich auch gegen den Prozess der industriellen Domestizierung richteten – schon verseucht durch die politische Lüge. „So verdunkelte ihr politischer Verstand ihnen die Wurzel der geselligen Not, so verfälschte er ihre Einsicht in ihren wirklichen Zweck“, schrieb der Marx von 1844. Ihr Slogan war „arbeitend leben oder kämpfend sterben“. In England, während das Gewerkschaftswesen nur wenig bekämpft bzw. sogar toleriert wurde, stand auf dem Zerstören von Maschinen die Todesstrafe. Die totale Negativität der Luddisten hatte sie gesellschaftlich unakzeptabel gemacht. Der Staat hat auf zwei verschiedene Arten auf diese Bedrohung reagiert: er hat eine moderne professionelle Polizei gebildet, und die Gewerkschaften offiziell anerkannt. Der Luddismus wurde zuerst von der brutalen Repression zerschlagen und ist dann ausgestorben, nachdem die Gewerkschaften es geschafft hatten, die industrielle Logik durchzusetzen. Ein englischer Beobachter hat 1920 mit Erleichterung berichtet, dass „das Feilschen über die Bedingungen der Veränderung den bloßen Widerstand gegen die Veränderung übertrumpft hat“. Ein schöner Fortschritt!

Von all den Verleumdungen, die über die Luddisten verbreitet wurden, kam die schlimmste von den Verteidigern der Arbeiterbewegung, welche in ihnen eine blinde und kindische Demonstration sahen. So ein Ausschnitt aus dem Kapital, welcher eine fundamentale Fehlinterpretation einer Epoche darstellt:

„Es bedarf Zeit und Erfahrung, bevor der Arbeiter die Maschinerie von ihrer kapitalistischen Anwendung unterscheiden und daher seine Angriffe vom materiellen Produktionsmittel selbst auf dessen gesellschaftliche Exploitationsform übertragen lernt.“ Diese materialistische Auffassung der Neutralität der Maschinen genügt aus, um die Organisation der Arbeit, die eiserne Disziplin (in dieser Hinsicht war Lenin ein konsequenter Marxist) und schließlich den ganzen Rest zu legitimieren. Angeblich geistig zurückgeblieben, haben die Luddisten zumindest verstanden, dass die „materiellen Produktionsmittel“ an erster Stelle Instrumente der Domestizierung sind, deren Form nicht neutral ist, da sie die Hierarchie und die Abhängigkeit gewährleistet.

Der Widerstand der ersten Fabrikarbeiter zeigte sich hauptsächlich in Bezug auf eine Sache, die eines ihrer seltenen Eigentume war, und derer sie beraubt wurden: ihrer Zeit. Ein alter religiöser Brauch sah es vor, dass die Menschen weder am Sonntag noch am darauffolgenden „Blauen Montag“ arbeiteten. Am Dienstag erholte man sich vom zweitägigen Trinkgelage, so dass die Arbeit vernünftigerweise erst wieder am Mittwoch beginnen konnte! Diese gesunde Praxis war zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Regel und in einigen Gewerben überlebte sie bis 1914. Die Arbeitgeber benutzten verschiedene Zwangsmittel, um diesen institutionalisierten Absentismus zu bekämpfen, ohne Erfolg. Nachdem die Gewerkschaften Fuß gefasst hatten, hat man den „Blauen Montag“ durch einen freien Nachmittag am Samstag ersetzt, ein glorreicher Sieg: die Arbeitswoche hat sich somit um zwei Tage erweitert!

Es war nicht bloß die Frage der Arbeitszeit, die beim Blauen Montag auf dem Spiel stand, sondern auch die Frage über die Verwendung von Geld. Die Arbeiter kehrten nicht zur Arbeit zurück, bevor sie ihren ganzen Lohn ausgegeben hatten. Seit dieser Epoche wird der Sklave nicht mehr nur als Arbeiter betrachtet, sondern auch als Konsument. Adam Smith hat eine Theorie über die Notwendigkeit aufgestellt, den inneren Markt zu entwickeln, indem man ihn für die Armen zugänglich macht. Und wie der Bischof Berkeley 1755 schrieb: „Ist die Schaffung von Bedürfnissen nicht die beste Möglichkeit, die Menschen zu industrialisieren?“ Wenn auch nur von geringer Wichtigkeit bis dahin, so adaptierte sich der den Armen bewilligte Lohn doch den Notwendigkeiten des Marktes. Diese jedoch benutzten das zusätzliche Geld nicht nach den Erwartungen der Ökonomen; die Erhöhung des Lohns war gewonnene Zeit bei der Arbeit (was eine nette Umkehrung der utilitaristischen Maxime von Benjamin Franklin ist: time is money). Die so gewonnene Zeit in der Fabrik verbrachte man in den – zurecht so genannten – Public Houses (während dieser Epoche verbreiteten sich die Neuigkeiten über Revolten von Pub zu Pub). Je mehr Geld die Armen besaßen, desto mehr tranken sie. Den Geist der Ware haben sie zuallererst in den Spirituosen entdeckt, zum größten Bedauern der Ökonomen, die davon ausgingen, dass sie das Geld sinnvoll ausgeben würden. Die gemeinsam vom Bürgertum und den „fortschrittlichen (also nüchternen) Fraktionen der Arbeiterklasse“ geführte Kampagne für Mäßigkeit entstand nicht so sehr aus Sorge um die öffentlichen Gesundheit (die Arbeit richtet noch mehr Schäden an, ohne dass sie aber deren Abschaffung fordern), sondern diente der Ermahnung, dass man seinen Lohn sinnvoll ausgeben sollte. Hundert Jahre später wundern sich dann dieselben, wenn Arme auf Essen verzichten, um sich eine „überflüssige“ Ware zu kaufen.

Die Sparpropaganda wurde eingeführt, um diese Neigung zur unmittelbaren Geldausgabe zu bekämpfen. Und wieder einmal war es „die Avantgarde der Arbeiterklasse“, welche die Spareinrichtungen für die Armen etablierte. Das Sparen verstärkt den Zustand der Abhängigkeit der Armen und die Macht ihrer Feinde noch mehr: die Kapitalisten konnten die vorübergehenden Krisen überwinden, indem sie die Löhne senkten und die Arbeiter so an die Denkweise des existenziellen Minimums gewöhnten. Aber Marx hat in Grundrisse einen damals unlöslichen Widerspruch aufgezeigt: jeder Kapitalist verlangte von seinen Sklaven, und nur von den seinen, dass diese als Arbeiter sparten; alle anderen Sklaven waren für ihn Konsumenten, und mussten also Geld ausgeben. Dieser Widerspruch konnte nur sehr viel später gelöst werden, als die Entwicklung der Ware die Einführung der Kredite für die Armen erlaubte. Immerhin hat das Bürgertum, wenn es es auch einmal geschafft haben soll, das Verhalten der Arbeiter während ihrer Arbeit zu zivilisieren, es niemals geschafft, deren Geldausgabe komplett zu domestizieren. Es ist das Geld, wodurch die Brutalität immer wieder hervorgerufen werden wird.

Nachdem die Abschaffung des Blauen Montags die Arbeitswoche verlängert hatte, „haben die Arbeiter sich nunmehr ihre Freizeit während der Arbeit eingerichtet“ (Geoff Brown). Die Verminderung des Arbeitstempos wurde zur Regel. Es war schlussendlich die Einführung der Stückarbeit, die die Disziplin in den Werkstätten durchsetzte: Fleiß und Arbeitsleistung haben schlagartig zugenommen. Die bedeutendste Folge dieses Systems, welches seit den 1850er Jahre allgemein eingeführt wurde, war, dass sie die Arbeiter zwang, die industrielle Logik zu verinnerlichen: um mehr zu gewinnen, musste man mehr arbeiten, was sich allerdings negativ auf die anderen Lohnarbeiter auswirkte, und zur gleichen Zeit wurden die am wenigsten fleißigen entlassen. Um diese ungezügelte Konkurrenz zu beseitigen, ist die Kollektivverhandlung über die zu liefernde Arbeitsmenge und dessen Verteilung und Entlohnung entstanden. Die gewerkschaftliche Schlichtung hat sich durchgesetzt. Nachdem dieser Sieg der Produktivität einmal errungen war, haben sich die Kapitalisten damit einverstanden erklärt, die Arbeitszeit herunterzusetzen. Das berühmte Gesetz der zehn Stunden, falls es tatsächlich ein Sieg für die Gewerkschaften darstellte, war also eine Niederlage für die Armen, die Sanktionierung des Scheiterns ihres langen Widerstandes gegen die neue industrielle Ordnung.

Somit wurde die allgegenwärtige Diktatur der Notwendigkeit eingeführt. Nachdem die Überreste der früheren sozialen Organisation einmal beseitigt waren, gab es nichts mehr auf dieser Welt, das nicht von den Erfordernissen der Arbeit bestimmt wurde. Der Horizont der Armen begrenzte sich auf den „Existenzkampf“. Jedoch kann man die Alleinherrschaft der Notwendigkeit nicht als simplen quantitativen Anstieg des Mangels begreifen: es handelte sich hierbei vor allem um die Kolonisierung des Verstandes durch das ordinäre und grobe Prinzip der Nützlichkeit, eine Niederlage des Denkens. Man messe hier die Konsequenz der Niederschlagung dieses millenaristischen Bewusstseins, welches die Armen während der ersten Phase der Industrialisierung angespornt hatte. Damals hatte man die Herrschaft der brutalen Notwendigkeit deutlich als das Werk einer Welt begriffen, dieser auf dem Eigentum und des Geldes gründenden Welt des Antichristen. Die Idee der Abschaffung der Not war nicht getrennt gewesen von der Idee der Realisierung des Paradieses auf Erden, „diesem spirituellen Kanaan, wo Wein, Milch und Honig fließen und das Geld nicht existiert“ (Coppe). Mit dem Scheitern dieses versuchten Umsturzes hat das Bedürfnis einen Schein von Unmittelbarkeit erlangt. Der Mangel wurde von diesem Moment an als eine natürliche Katastrophe betrachtet, dem nur die zunehmend intensivere Arbeitsorganisierung Abhilfe schaffen konnte. Mit dem Triumph der englischen Ideologie entzog man den Armen, denen bereits alles genommen worden war, nun auch noch die eigentliche Idee vom Reichtum.

Der Kult der Nützlichkeit und des Fortschritts findet seinen Ursprung und seine Legitimität im Protestantismus, besonders in dessen puritanischer angelsächsischer Form. Indem sie aus der Religion eine Privatangelegenheit machte, bestätigte die protestantische Ethik die von der Industrialisierung verursachte soziale Atomisierung: das Individuum stand Gott gegenüber ebenso isoliert, wie es auch isoliert der Ware und dem Geld gegenüberstand. Danach stellte sie gerade die Werte in den Vordergrund, die von den modernen Armen verlangt wurden: Ehrlichkeit, Genügsamkeit, Abstinenz, Sparen, Arbeit. Die Puritaner, diese Arschlöcher, die pausenlos die Feste, die Spiele und die Ausschweifung bekämpften, also alles was sich der Logik der Arbeit widersetzte, und die den millenaristischen Geist als „das Ersticken jeglichen Unternehmergeistes beim Menschen“ (Webbe 1644) bezeichneten, haben den Weg freigemacht für die industrielle Gegenoffensive. Außerdem kann man von der Reformation sagen, dass sie der Prototyp des Reformismus war: aus einer Spaltung heraus entstanden, begünstigte sie ihrerseits alle weiteren Spaltungen. An andere stellt sie „nicht einmal die Forderung des Christentums, sondern nur noch der Religion überhaupt, irgendeiner Religion“.

Es war 1789 in Frankreich, als sich diese Prinzipien vollständig verwirklichen konnten, indem sie ihre religiöse Form endgültig ablegten und sich im Recht und in der Politik ausbreiteten. Frankreich war ein Nachzügler in diesem industriellen Prozess: ein unversöhnlicher Konflikt trennte das Bürgertum und den Adel, welcher jeglicher Mobilisierung des Geldes gegenüber stutzig war. Paradoxerweise war es dieser Rückstand, welcher das Bürgertum dazu führte, das modernste aller Prinzipien vorzubringen. In Großbritannien, wo die herrschenden Klassen sich seit langem auf einem gemeinsamen historischen Weg vereint hatten, „hat die Erklärung der Menschenrechte Gestalt angenommen, nicht eingekleidet in die römische Toga, sondern in den Mantel der Propheten aus dem Alten Testament“ (Hobsbawm). Hier lag also nun das Limit, die Unvollständigkeit der theoretischen Konter-Revolution aus Großbritannien: schließlich beruhte die Staatsbürgerschaft dort weiterhin auf der Doktrin der Wahlen, die Gewählten erkannten sich wieder in der Frucht ihrer Arbeit und in ihrer moralischen Zustimmung zu dieser Welt. So ließ sie den Pöbel außer Acht, welcher noch von einer Welt der Freude träumen konnte. Die Zwangsarbeit in den Fabriken hatte zu Beginn das Ziel, diese bedrohende Stärke zu verringern, sie gewaltsam mithilfe eines sozialen Mechanismus zu integrieren. Es hatte dem englischen Bürgertum noch an der Feinheit beim Lügen gemangelt, welche dessen Gegenstück auf der anderen Seite des Ärmelkanals charakterisierte und es diesem erlaubte, die Armen zuerst mit der Ideologie einzuschränken. Auch heute noch legen die englischen Verteidiger der Alten Welt mehr Wert auf moralische Richtigkeit als auf politische Meinungen. Die besonders sichtbare und arrogante soziale Grenze, welche die Reichen von den Armen in diesem Land trennt, geht einher mit der schwachen Verbreitung der Idee der politischen und rechtlichen Gleichheit der Individuen.

Obwohl die moralische Indoktrinierung der Puritaner am Anfang zur Folge hatte, all jene zu vereinen und zu stärken, welche in einer sich verändernden und unsicheren Welt ein besonderes Interesse zu verteidigen hatten, begann sie alsbald mit den Verwüstungen zulasten der unteren Klassen, nachdem diese bereits unter dem Joch der Arbeit und des Geldes zusammengeklappt waren, um so deren Niederlage zu vollenden. Ure empfahl seinesgleichen, die „moralische Maschinerie“ mit der gleichen Gewissenhaftigkeit zu pflegen wie die „mechanische Maschinerie“, um so „den Gehorsam akzeptabel zu machen“. Nachdem diese moralische Maschinerie erst einmal von den Armen aufgenommen worden war, sollte sie bald ihre unheilvollen Folgen aufzeigen, indem sie der aufkommenden Arbeiterbewegung ihren Stempel aufdrückte. Es vermehrten sich die methodistischen, wesleyanischen, baptistischen und anderen Arbeitersekten, bis sie schließlich genauso viele Gläubiger versammelten wie die Kirche Englands, Institution des Staates. In diesem, den neuen Industriegebieten gegenüber feindlich gesinnten Umfeld, zogen sich die Arbeiter ängstlich in die die Kapelle zurück. Man ist immer dazu genötigt, Kränkungen zu rationalisieren für die man keine Rache ausübt: die neue Arbeitermoral erklärte die Armut zum Gnadengesuch und das Sparen zur Tugend. An jenen Orten war die Gewerkschaft der unmittelbare Sprössling der Kapelle und die laizistischen Prediger verwandelten sich in Gewerkschaftsvertreter[30]. Die vom Bürgertum geführte Kampagne, um die Armen zu zivilisieren, sollte die soziale Wut nur indirekt übertrumpfen, da es ausreichte, dass die Arbeitervertreter diese Kampagne aufgriffen – denn sie übernahmen in ihren Kämpfen gegen ihre Meister nunmehr deren Sprache. Die – noch – religiösen Ausdrucksformen, die von der Domestizierung der Denkweise verursacht werden konnten, waren aber bloß eine Begleiterscheinung. Die Domestizierung hatte in der wirtschaftlichen Lüge eine viel effizientere Basis.

J. und P. Zerzan[31] haben diesen Widerspruch treffend hervorgehoben: es war im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts, als die Armen die entwürdigendsten und verstümmelndsten Konditionen in allen Bereichen ihres Lebens ertragen mussten, als jeglicher Widerstand gegen die Einführung der neuen kapitalistischen Ordnung geschlagen war; es war genau in diesem Moment, dass Marx, Engels und alle ihre Epigone mit Genugtuung die Geburt der „revolutionären Armee der Arbeit“ begrüßten und glaubten, dass die objektiven Bedingungen endlich geschaffen waren für einen siegreichen proletarischen Angriff. In seiner berühmten Ansprache 1864 an die Internationale beginnt Marx mit einer detaillierten Schilderung der entsetzlichen Situation der englischen Armen, um kurz darauf „die wunderbaren Erfolge“ zu feiern: das Gesetz der zehn Stunden (wir haben gesehen, was es damit auf sich hatte) und die Errichtung genossenschaftlicher Fabriken, welche „ein Sieg der politischen Ökonomie der Arbeit über die politische Ökonomie des Eigentums“ darstellte! Wenn die marxistischen Kommentatoren ausgiebig das schreckliche Schicksal der Arbeiter des 19. Jahrhunderts geschildert haben, so betrachten sie dies gewissermaßen als unvermeidbar und vorteilhaft. Unvermeidbar, weil es eine fatale Folge der Erfordernisse der Wissenschaft und der notwendigen Entwicklung der „Produktionsverhältnisse“ war. Vorteilhaft insofern „das Proletariat vereint, diszipliniert und organisiert worden ist durch den Produktionsmechanismus“ (Marx). Die Arbeiterbewegung bildete sich auf einer rein defensiven Basis. Die ersten Arbeiterorganisationen waren „Gesellschaften des Widerstands und der gegenseitigen Hilfe“. Doch während die revoltierenden Armen sich zuvor immer im Negativen wiedererkannt hatten, durch die Benennung der Klasse ihrer Feinde, war es auf und wegen der Arbeit – welche mit Gewalt ins Zentrum ihrer Existenz gerückt wurde –, dass die Arbeiter in ihr nach einer positiven Gemeinschaft suchten, nicht von ihnen selbst hervorgerufen, sondern von einem äußeren Mechanismus. Diese Ideologie nahm zuerst Gestalt an inmitten der „aristokratischen Minderheit“ der qualifizierten Arbeiter, „dieser Sektor, für den sich die Politiker interessieren und aus dem diejenigen stammen, welche die Gesellschaft nur allzu gerne als die Vertreter der Arbeiterklasse begrüßen will“, wie es Edith Simcox 1880 sachdienlich festgestellt hat. Die riesige Masse der noch unregelmäßigen und unqualifizierten Arbeiter hatte aus diesem Grund kein Bürgerrecht. Es waren sie, die, als die Gewerkschaften ihre Türen öffneten, den legendären kämpferischen und wilden Geist der englischen Arbeiter bewahrten. Es begann eine lange Phase sozialer Kämpfe, die gelegentlich sehr gewaltsam waren, aber denen jegliches einigendes Prinzip fehlte.

„Obwohl die revolutionäre Initiative wahrscheinlich in Frankreich starten wird, kann allein England als Antrieb für eine ernsthaft ökonomische Revolution dienen. (…) Die Engländer haben all das benötigte Material für die soziale Revolution. Was ihnen fehlt, ist der sich verallgemeinernde Geist und die revolutionäre Leidenschaft.“ Diese Aussage des Generalrats der Internationalen beinhaltet gleichzeitig die Wahrheit und das falsche Bewusstsein einer Epoche. Von einem sozialen Standpunkt aus betrachtet, hat England schon immer ein Rätsel dargestellt: das Land, das die modernen Voraussetzungen der Ausbeutung hervorbrachte und das somit als erstes eine große Masse an Armen erzeugte, ist auch das Land, dessen Institutionen seit mittlerweile drei Jahrhunderten unverändert geblieben sind und das nie von einem revolutionären Angriff erschüttert worden ist. Dies steht im Gegensatz zu den Nationen des europäischen Kontinents, und widerspricht der marxistischen Auffassung der Revolution. Die Kommentatoren haben versucht, dieses Rätsel mit einem britischen Atavismus zu erklären, was zum tausendfach wiederholten Blödsinn über den reformistischen und anti-theoretischen Geist der englischen Armen geführt hat, im Vergleich zum radikalen Bewusstsein, das die Armen in Frankreich geleitet hat, immer bereit dazu, auf die Barrikaden zu steigen. Solch eine ahistorische Vision vergisst erstens die theoretische Fülle während der Jahre des Bürgerkrieges im 17. Jahrhundert und zweitens die Ausdauer und die Gewalt, die immer schon die sozialen Kämpfe der englischen Armen gekennzeichnet haben, und die seit Mitte dieses Jahrhunderts unaufhörlich gestiegen sind. In Wirklichkeit ist dies des Rätsels Lösung: die Revolte der Armen hängt immer davon ab, was ihr gegenübersteht.

In England haben die herrschenden Klassen ihre Unternehmung der Domestizierung kurzerhand mit der rohen Gewalt eines sozialen Mechanismus durchgesetzt. Auch bedauern die englischen Historiker oft, dass die „industrielle Revolution“ nicht von einer „kulturellen Revolution“ begleitet wurde, welche die Armen in den „industriellen Geist“ integriert hätte (solche Überlegungen haben sich in den 1970er Jahren vermehrt, als die Ausbreitung der wilden Streiks den Ernst der Lage enthüllte). In Frankreich war die bürgerliche Gegenoffensive zuerst theoretischer Art, durch die Herrschaft der Politik und des Rechts, „dieses Wunder, das die Menschen seit 1789 missbraucht“ (Louis Blanc). Diese Grundsätze vertraten ein universelles Projekt, es war ein Versprechen der Teilnahme, das man den Armen machte, sobald diese die Modalitäten als die ihren anerkannten. Ein Teil der Armen ernannte sich um 1830 zum Sprachrohr und forderte, dass „man den Menschen, die erniedrigt worden sind, ihre bürgerliche Würde zurückgeben müsse“ (Proudhon). Ab 1848 wurden die gleichen Grundsätze gegen das Bürgertum im Namen der „Republik der Arbeit“ vorgebracht. Und wir wissen, wie sehr der Ballast von 1789 bei der Niederschlagung der Commune mitgewirkt hat. Es ist ein soziales Projekt, das sich im 19. Jahrhundert in zwei teilte. In England, der Metropole des Kapitals, konnten die sozialen Kämpfe nicht in einem gemeinsamen Angriff verschmelzen, wodurch sie in „ökonomische“ Kämpfe verkleidet wurden. In Frankreich, der Geburtsstätte des Reformismus, blieb dieser gemeinsame Angriff in einer politischen Form gefangen und überließ somit das letzte Wort dem Staat. Das Geheimnis des Fehlens einer revolutionären Bewegung jenseits des Ärmelkanals ist also identisch mit dem Geheimnis der Niederlage der revolutionären Bewegungen auf dem Kontinent.

Heute schließt dieser Prozess, dessen Entstehung wir soeben beschrieben haben, ab: die klassische Arbeiterbewegung hat sich endgültig in die Zivilgesellschaft integriert, während sich eine neue Unternehmung der industriellen Domestizierung abzeichnet. Heute gelangen ebenso die Größe wie die Grenzen der vergangenen Bewegungen – welche immer noch die sozialen Bedingungen einer jeden Region dieser Welt bestimmen – ans Licht.


Léopold Roc

 

„13.000 Ausbrüche“-Dossier

Guten Tag,


In der vorliegenden Broschüre stellen wir Ihnen folgendes zur Verfügung: die detaillierten Pläne einiger Gefängnisse des „Programm der 13.000“, die Richtlinien des Justizministeriums und eine ausführliche technische Notiz des Bauleiters der SüdZone. Außerdem werden Sie eine Darlegung von unserem Standpunkt sowie eine Chronologie von Aktionen, die unsere Vereinigung durchgeführt hat, vorfinden.

Gewiss werden Sie das Interesse verstehen, den Inhalt dieser Broschüre so großflächig wie nur möglich zu verteilen. Solch ein Thema kann sich nur im Vertrauen verbreiten, weitab von den üblichen Informationsgängen. Die Bedingungen, die denjenigen im Jahre 1990 in Frankreich aufgelegt werden, die von ihrer Revolte hören machen wollen, machen es manchmal unausweichlich, auf eine Form der Verbreitung zurückzugreifen, die bereits in anderen Ländern erfolgreich angewendet wurde; die des Samisdats. Jede Wette, dass das auch hier möglich ist. Eventuell können Sie diese Broschüre mit den Mitteln ihrer Wahl vervollständigen und kopieren; durch ihr Format ist sie besonders geeignet für Fotokopien.

Wir haben versucht, diesem Projekt zuvorzukommen, indem wir das Geheimnis, welches dieses Programm vom Bau neuer Knäste umgab, teilweise enthüllten. Unser Ziel ist vor allem praktisch: Informationen in Umlauf zu bringen, die den Betroffenen nützlich sein werden. In diesem Sinne handelt es sich hierbei um eine dauerhafte Initiative. Darauf setzen wir unsere Hoffnung.

Die verschiedenen Aktionen und Diebstähle, die wir begangen haben, kann ein Jeder durchführen, solange er nur entschlossen ist. Wir haben uns stets darum bemüht, die Initiativen zu kennzeichnen, die unsere Vereinigung genommen hat. Im Anhang wird man die Briefe lesen können, die wir an die Betroffenen verschickt haben. Wir haben uns immer mit Bedacht dieser Aktionsart hingegeben. Wir haben alle Risiken einer solchen Unternehmung abgewogen. Auf jeden Fall ist es unser Ziel, dass diese Broschüre sich ihren Weg freischaufeln wird.

Vorwort

Dass die Welt so erscheint, wie sie ist, sollte genug der Niederträchtigkeit sein.

Als Dante „Das Inferno“ schrieb, hat er auch nicht obendrein noch gefordert, dass man dort Reformen verkünden müsse!

Serge Coutel, L’Envolée [Der Höhenflug]

Seit nunmehr 20 Jahren verweigern immer mehr Häftlinge die Sanktionen. Genauso wie sie außerhalb der Mauern die Regeln des sozialen Spiels verwerfen, lehnen sie auch im Inneren die Buße und die Strafe ab, welche seit ungefähr zwei Jahrhunderten die Gefängnismoral bildeten, mit der man sie zerquetschte. Heute fechten die Gefangenen der Demokratie nicht mehr nur die Gefängnispolitik irgendeiner Regierung an, sondern sie greifen offen das Prinzip der Haft an. Um diese Welle noch nie dagewesener Agitation abzuwehren, hat das Justizministerium ein beispielloses Programm der Knasterneuerung- und modernisierung angewendet.

Bis zu den Krawallen von 1971 war die Verwaltung in den französischen Gefängnissen wie festgefahren. Die Gefängnisverwaltung schaffte es, dass die unvermeidliche Revolte, welche die Haft bei einigen Gefangenen hervorbrachte, isoliert blieb, oder dass zumindest nicht davon in der Gesellschaft geredet wurde (und falls doch, dann nur in den Lokalnachrichten). Die Explosionen von 1971 und 1974, welche die Gesamtheit der Vollzugsanstalten entflammten, haben eine neue Situation erschaffen. Die Kraft des Krawalls und die Gewalt der Repression waren ein Schock für die Gesellschaft. Die Gefängnisverwaltung fühlte sich genötigt, Zugeständnisse zu machen und eine Gefängnisordnung zu reformieren, die seit Jahrzehnten unverändert blieb. Seither haben die Häftlinge nicht mehr damit aufgehört, die Gefängnisautorität zu durchbrechen.

Wohingegen die Trennung und die Atomisierung zu herrschenden Verhältnissen geworden sind, sind die Orte, an denen man eine kollektive Kritik praktisch ausarbeiten kann, immer seltener geworden. Paradoxerweise ist das Gefängnis noch ein solcher Ort. Gänzlich verschieden von dem, was sich in den meisten Fällen außerhalb der Mauern abspielt – wo die Erfahrung des Elends alleine erlebt wird und oft einer individuellen Entwaffnung gleichkommt –, wird die von den Häftlingen geteilte Erfahrung des Elends zu einer Waffe gegen die Einsamkeit und die Gefängnisstille. Weil sie sofort auf eine kollektive Resonanz stößt – trotz des „administrativen“ Willens, jeden komplett abzuschirmen –, erzeugt solch eine Erfahrung einen gefährlichen Zusammenhalt. Das beweisen die anhaltenden kollektiven Bewegungen, die seit 1985 die Gefängnisse erschüttern, und die solidarischen Netze, die sich seither gebildet haben. Ungeachtet der destruktiven Behandlungen und der zusätzlichen Haftjahre, lässt die Rebellion die Knäste in regelmäßigen Abständen aufflammen. Der Anspruch der Freiheit äußert sich in aller Deutlichkeit.

Das düstere „Programm der 13.000“ ist vor allem eine Antwort – mit bewährter Technik und Strategie – auf diese Situation der andauernden Revolte innerhalb der Mauern. Ebenso wie der Staat die Industrie umstrukturiert, baut er auch Gefängnisse mit „neuen Normen“, schließt einige und renoviert andere. Man ersetzt baufällige Gefängnisse, wo viele Ausbrüche stattfinden, und zerstört zugleich ganze Plattenbausiedlungen, wo vor zehn Jahren Revolten stattfanden. Um die Aufsässigkeit der dort zusammengepferchten Menschen zu domestizieren, wurden die „großen Vororte“ polizeilich renoviert und mit den neuen Farben der Epoche angestrichen. Dort findet man nunmehr, inmitten des gemeinsamen Elends, die Eigenschaften jeder fortgeschrittenen Gesellschaft: die Polizei und die demokratische Lüge.

Mit den neuartigen Gefängnissen tritt die repressive Modernität in die Mauern ein. Das erklärte Ziel – die Humanisierung, die Hygiene, die Entleerung der überbevölkerten Einrichtungen[32] – verheimlicht den wahrhaftigen Wunsch, diese Orte an die soziale Ordnung anzupassen. Die alten Einrichtungen können diesen Anspruch nicht erfüllen und sind zum Aussterben verurteilt. Die Gefängnispforten öffnen sich für die Außenwelt, um dem Zivilisationsprinzip unserer Zeit Eintritt zu gewähren; der technisch ausgerüsteten Trennung. Die reine Repression war lange Zeit das einzige Mittel der Autorität, um Revolten zu zerschlagen. Heute muss man sie von vornherein verhindern, man muss sie bereits als Gedanke ersticken. Die reformistischen Maßnahmen haben mehr und mehr die Rolle, die Individuen nicht nur dazu zu zwingen, die sozialen Regeln zu respektieren, sondern sie voll und ganz zu vereinnahmen. Die Reform ist die Fortführung der Repression mit anderen Mitteln. Sie verschafft der sozialen Kontrolle eine gesteigerte Effizienz. Diese Besorgnis bildet den Kern der Entwicklung der neuen Gefängnisse.

Zum ersten Mal im 20. Jahrhundert verfügt die Gefängnisverwaltung über ein neuartiges und adäquates Werkzeug, um im großen Stil die Strategie ihrer Wahl anzuwenden; und nicht mehr unsystematisch zu reagieren. Bisher ist sie bloß zurückgewichen, indem sie die Haft nach und nach liberalisiert hat. Die 13.000 neuen Zellen bilden einen neuen Handlungsraum, der eine bessere Verwaltung aller Häftlinge ermöglichen wird. Man stelle sich bloß die besessene Anwendung der Richter angesichts dieser zusätzlichen Zellen vor. Die quasi systematische Einsperrung entspricht ihrer Regel; als Erinnerung: jedes Jahr werden 100.000 Gefängnisstrafen ausgesprochen. Dieses Programm bietet dem Justizministerium die Möglichkeit, ihre zukünftige Gefängnispolitik im Voraus zu planen. Die Ausweitung der bewährten Mittel, um jeden Ausbruch und jede kollektive Bewegung schnellstmöglich einzuschränken – wenn man sie schon nicht verhindern kann –, geht so weit, dass sie sogar den Anschein erweckt, die Idee des Ausbruchs selbst zu unterdrücken.[33] Die Gefängnisverwaltung hat aus den in den Einrichtungen gemachten Beobachtungen Nutzen gezogen, vor allem aus denen, die während der Badinter-Periode eröffnet wurden. Die gigantischen Gefängnisse von Loos-les-Lille, Les Baumettes, Fleury, etc. gehören oft zu den ersten, die sich erheben. Die dort herrschende Spannung und die hohe Anzahl an Häftlingen zeigen, inwiefern das „Problem der Überbevölkerung“ nichts anderes ist als ein Machtverhältnis. Es geht darum, die Häftlinge systematisch voneinander zu isolieren.

Die architektonische Konzeption der neuen Einrichtungen beruht auf folgendem Imperativ: nicht allzu große Knäste, wo die Zerstreuung und die räumliche Aufteilung das Grundprinzip bilden. Seit der Einführung des kleinen Gefängnisflügels mit 25 in Einzelzellen abgeschiedenen Personen, wurden die Gänge mit der ständigen Sorge nach Abgrenzung zwanghaft auseinander gehalten.[34] Außerdem macht der modulare Aufbau die verschiedenen Gefängnisflügel wasserundurchlässig. Zum Beispiel können die Besuchszimmer und die sozialpädagogische Abteilung, obwohl sie sich auf dem selben Stockwerk im selben Gebäude befinden, nicht miteinander kommunizieren. Jede Bewegung, ob horizontal oder vertikal, wird von elektronische gesteuerten Schleusen gelenkt und reguliert.[35] Attikas[36] machen den Zugang zu den Dächern schwierig; die Hofgänge wurden multipliziert, um die Zahl der Häftlinge zu verringern, da der Hofgang eine besonders geeignete Gelegenheit für eine kollektive Aktion ist. Die Vorrichtungen, die verhindern sollen, dass mögliche Meuterer das gesamte Gefängnis unter ihre Kontrolle bringen, wurden perfektioniert und – im Vergleich zu den bereits bestehenden Gefängnissen – vor allem systematisiert. Alle Auflehnungsversuche müssen diese Hindernisse bei ihrer Ausweitung mit einkalkulieren. Jede Wette, dass der Zorn und der Einfallsreichtum der Meuterer dem beikommen wird.

Auf diesem Hintergrund der verstärkten Sicherheit will die Gefängnisverwaltung den Zeitvertreib der Häftlinge bestimmen. Pädagogische Pseudo-Aktivitäten werden diesbezüglich angeboten. Immerhin dient diese kleine trübsinnige Animation dazu, ein etwas vertretbareres Image der neuen Gefängnisse vorzuzeigen als das eines hochmodernen Grabmals. Es werden hingegen echte kleine Industriezonen in diese Gefängnisse eingeführt, die häufig selbst in der Gegend eines Industriegebiets liegen. Alles deutet darauf hin, dass es sich dabei nicht um heimwerkliche Tüfteleien handelt, sondern dass die Ausbeutung der Gefängnisarbeit sich in einem größeren Rahmen abspielen wird. Verträge lassen Privatgesellschaften an der Verwaltung dieser Orte teilhaben. Diese Unternehmen haben ihre Kosten künstlich niedrig gehalten, um den Markt zu dominieren. Sie nehmen das jetzt mit der Ausbeutung der Strafanstalten wieder auf, also auf Kosten der Häftlinge. Sie sind verantwortlich für die „Hotellerie“ (wie diese Bazillen das zu nennen wagen): die Wäscherei, die Kantine, die medizinische Versorgung und natürlich die Gefängnisarbeit und die Ausbildung der Häftlinge. Auf diese Weise will das Justizministerium die Knäste finanziell rationalisieren, wobei es allerdings versäumt hat, die Kosten des Materials[37] und des Personals in seinen Voruntersuchungen mit einzuberechnen. Die technischen Innovationen und die Einführung von Privatpersonal schränken die Belegschaft (und die Vorrechte) der Wärter ein. Ungeachtet des ganzen Werbegefasels, kommt unmissverständlich das Anliegen ans Licht, Einrichtungen zu eröffnen, die High-Tech Unternehmen sehr ähnlich sind, sowohl auf der wirtschaftlichen Ebene wie auch auf der Ebene der perfekten Kontrolle. Das ist zweifelsfrei die „Weltoffenheit der Gefängnisse“, die das Justizministerium sich vorstellt.

Das Übernehmen von Verantwortung, das pausenlos wiederholt wird, damit die Individuen sich der Rationalität der Arbeit beugen, dient auch dazu, die Häftlinge der Rationalität des Gefängnisses zu unterwerfen; und sie dazu zu bringen, teilzuhaben an ihrer eigenen Strafe. Die Gefängnisverwaltung verfügt bereits über ein Arsenal an Zwangsmaßnahmen, um die Dauer der Haftstrafe anzupassen (Begnadigungen und Bewährungen – für diejenigen, die es sich verdient haben –, Gerichtssaal, Isolationstrakte und Kerkerzellen, Streichung der Besuche und der Aktivitäten, etc.). Die Modernisierung verstärkt und erweitert das Feld der widerwärtigen Kalkulationen, denen sie die Häftlinge unterordnen will. In diesen neuen Verwesungsorten werden die Beschädigungen und die Akte des Vandalismus, die in den alten Knästen mehr oder weniger anonym verübt worden sind, unmittelbar lokalisierbar. Es ist alles vorgesehen, um die Verursacher so schnell wie möglich zu identifizieren und zu bestrafen. Eine weit verbreitete Methode, die darin besteht, die Sicherungen eines ganzen Flügels herauszureißen, wird von nun an mittels eines Sicherungskastens in jeder Zelle leicht zu lokalisieren sein. Da die Kanalisationen manchmal verstopft werden, um ein ganzes Stockwerk zu überschwemmen, wurden technische Saugheber unter jeder Zelle installiert, die augenblicklich auf den Täter dieser doch sehr natürlichen Rache hinweisen. Das ist eine weitere Anwendung der individualisierten Kontrolle. Sie gewinnt an Bedeutung, wenn man bedenkt, dass die Gefängnisverwaltung in vielen Fällen nicht mehr über die Mittel verfügte, um die widerliche Gefängnisordnung weiterhin strikt aufrechtzuerhalten. Mit diesen sterilen Knästen jedoch wird das wieder möglich sein.

Die neuartigen Gefängnisse sind angepasst an die Bedürfnisse unserer Zeit. Wir stellen folgendes Paradox fest: mittlerweile ähneln die Gefängnisse den Fabriken. Nicht nur, dass die Raumaufteilung dieser Orte Vorschriften aufzwingt, die an die neuen Techniken der Arbeitsorganisation adaptiert wurden, sondern es wird alles peinlich genau so konzipiert, um jegliche Subversion zu behindern oder zu verbieten. Ein ausgeklügeltes elektronisches System, welches den Häftling in einem dichten Kontrollnetz umschließt, überwacht alle seine Bewegungen, manchmal mithilfe eines Magnetkartensystems. Man würde meinen, man befinde sich im Forum Les Halles oder in einem Büro des Verteidigungsministeriums... Kurioserweise wurden diese Techniken zuerst in der Arbeitswelt getestet – kurze Zeit später galten sie als banal –, bevor sie in das Gefängnisuniversum eingeführt wurden. Auch wenn die Führungskräfte diesen Zwang dermaßen integriert haben, dass man ihn schon dankbar annimmt, so verspüren doch die Häftlinge, ebenso wie die unqualifizierten Arbeiter, unmittelbar deren Unterdrückung. Diese Techniken bilden die wichtigste Geräteausstattung, um die explosiven Beziehungen zwischen den Wärtern und den Häftlingen einzuölen, damit sie so unpersönlich wie nur möglich werden. Die Funktionalität dieser Orte will die Reibungsflächen ausradieren und jeden einzelnen Häftling in eine unpersönliche Umgebung zerren. So wird die Unterdrückung abstrakter. Es geht nicht so sehr darum, eine undifferenzierte Masse an Gefangenen mit der eisernen Faust zu verwalten, sondern vielmehr darum, all die kleinen Aspekte ihrer Haft zu gestalten. Die Methode der Repression kann nicht verschwinden – sie bildet den durch das Gefängnisuniversum bedingten Hintergrund –, sie neigt dazu, sich in diese kalte und unpersönliche Verwaltung zu verfälschen, die so charakteristisch ist für unsere heutige Zeit.

Der Bau neuer Einrichtungen kommt im rechten Augenblick, um der Justiz, die über die Bedürftigkeit ihrer Mittel klagt, unter die Arme zu greifen. Darüber hinaus hat das Justizwesen Beispielcharakter. Damit dieser wirksam bleibt, darf es keine Unregelmäßigkeiten geben. Darauf stützt sich die ganze Macht des Gesetzes. Aus diesem Grund gibt es spezielle Zellen für Behinderte und ganze Flügel für Drogenabhängige; denn niemand entwischt der Inhaftierung. Man merkt schnell, dass die hygienische Auffassung dieser Sterbeheime den Richtern erweiterte Möglichkeiten des Einsperrens verschafft.[38] Allgemeiner darf niemand der Allmacht der Welt entkommen. Da die Gesellschaft die gesamte menschliche Perspektive auf die Logik des Geldes beschränkt hat – ohne denkbares Jenseits –, erscheint das moderne Gefängnis notwendigerweise wie ein hermetisch verschlossenes Universum ohne Ausweg. Der triumphierende Kapitalismus bestätigt überall die Idee einer unausweichlichen Welt. Dasselbe Gefühl der Unabwendbarkeit wütet im Inneren der Mauern.

Die neuen Festungen werden errichtet, um jedem die magere Alternative verstehen zu geben. Entweder man erduldet das Diktat einer erzwungenen Eingliederung oder man erträgt die Härte des Ausschlusses; mittels einer Fülle an „unschlagbaren“ technologischen Mitteln; mittels Gefängnisabteilungen, wo jeder Kontakt mit anderen oder der nächsten Umgebung nahezu unmöglich ist. Das Prinzip der Isolations- und Disziplinartrakte wurde gefestigt, so dass die Gefängnisverwaltung in aller Ruhe die 22 neuen Isolationstrakte verwenden kann, um die Aufsässigen zu brechen. Es wurde alles genau ausgerechnet, damit die Insassen weder eine Sicht nach draußen noch auf den Rest des Gefängnisses haben, und so dass sie nichts hindurch hören können. Diese Trakte befinden sich meistens im letzten Stockwerk eines Gebäudes, auf derselben Ebene wie ihr vergitterter Hofgang. Die Fenster, die sich an der Zellendecke befinden, verunmöglichen jegliche Sicht. Diese Gefängnisse stehen ihren großen Schwestern, den amerikanischen Hochsicherheitsgefängnissen, in nichts nach. Zur willkürlichen Gewalt des Wärters kommt der hygienisierte Terror hinzu. Die Raffinierung, mit der sich die Gestalter dieses Projekts abgemüht haben, um jegliche Idee eines anderen Auswegs als dem des Sports, der Phiole, der Studien oder der Arbeit abzuschaffen, hat als Ziel, das Denken der Häftlinge einzuschränken. Das angekündigte Bemühen um Humanisierung? Die Isolation und den Verlust jeglicher Orientierung noch weiter treiben, indem man die Haft der Untersuchungsgefängnisse anpasst an die Gefängnisse für Langzeitgefangene.

Die hohen Mauern mitten in den Städten waren eine Warnung, eine Mahnung zur Ordnung, doch erweckten sie manchmal auch die Neugierde und die Unterstützung der Passanten im Falle von Unruhen. Mittlerweile erscheint die Gefängnismacht weit weg von freundschaftlichen Stimmen, ohne Zeugen, außerhalb der Stadtmauern.

Dieses ganze technologische Arsenal hat nicht verhindern können, dass die Gefängnisse von Villeneuve, Tarascon, Neuvic und Saint-Mihiel bereits während den ersten Wochen nach ihrer Inbetriebnahme, und noch bevor alle Zellen vollständig besetzt waren, Protestbewegungen erlebt haben. Trotz der Vorrichtungen, die ihnen den Zugang zu den Dächern hätten verwehren sollen, haben die Meuterer es geschafft hinaufzusteigen. Die Meuterer haben gleich die modernsten Bedingungen ihrer Haft kritisiert: die Kontrolle mittels Magnetkarten, die durch die Privatisierung der Kantine bedingten Preissteigerung und Rationierung, die Einzelzellen. Vom Aspekt der Menschlichkeit aus betrachtet, macht es selbstverständlich keinen Unterschied, ob man allein oder mit anderen zusammengedrängt in einer Zelle eingesperrt ist.

Das resignierte Schweigen, das wir so häufig in der Gesellschaft beobachten können, steigert umso mehr die Würde der aufsässigen Häftlinge. Ungeachtet all der Risiken, konnten sie sich so ein großes Gehör verschaffen, dass sie all diejenigen in Bedrängnis gebracht haben, die mit Schlägen und Verachtung regieren. Bei jedem Hungerstreik, bei jeder Weigerung vom Hofgang zurückzukommen, bei jeder Verwüstung der Einrichtungen, bei jeder Meuterei, sind ihre Forderungen seit Jahren dieselben geblieben: die Auflösung der Isolationstrakte, der Kerkerzellen und der Gerichtssäle; die automatische Bewilligung von Straferlassen, Ausgängen und frühzeitigen Entlassungen; den Mindestlohn für arbeitende Häftlinge; intime Besuchszimmer; die Begnadigung für alle sanktionierten oder verurteilten Meuterer. Wir wollten ihnen die Anerkennung zukommen lassen, die sie verdient haben, indem wir die Pläne und eine technische Dokumentation einiger der neuen Gefängnisse, wo sie eventuell hin verlegt werden könnten, an die Öffentlichkeit getragen haben; mit dem Hintergedanken, dass man ihnen diese mit angemessenen Mitteln zukommen lassen wird. Wir grüßen den Geist der Revolte, der sie anspornt.

Chronologie

Die Sabotageoperation gegen verschiedene Unternehmen, die am Bau von den neuen Gefängnissen beteiligt sind, hat Ende April 1989 begonnen. Jeder, der bereit war, an diesem Gefängnisbauprogramm teilzuhaben, musste mit Vergeltungsmaßnahmen unsererseits rechnen.

Da wir riskieren, uns jederzeit selbst inmitten der Opfer dieses „Programm der 13.000“ wiederzufinden, haben wir zum Teil eine ganz natürliche Wut befriedigen können. Gleichzeitig haben wir mit der Dekadenz unserer Epoche gebrochen, die es will, dass man alles mögliche tun kann, solange es dafür nur finanzielle oder staatliche Gründe gibt. Es war höchste Zeit, den öffentlichen Angelegenheiten ein wenig Moral einzuflößen und dafür zu sorgen, dass jedes Unternehmen, welches uns einsperren will, nicht gänzlich ungestraft davon kommt.

Dagegen zeugt das absolute Schweigen der lokalen und nationalen Presse bezüglich unserer Sabotageaktivität von ihrer skandalösen Schlagkraft. All diejenigen, die ausgiebig über den Bau der neuen Knäste geredet haben, haben sich ebenso viel Mühe gegeben, unsere Aktionen zu verheimlichen. Ob sie nun im Auftrag eines Dritten oder aus Eigeninitiative heraus gehandelt haben; es ist immer eine Omertà im Dienste des Staates. Wir begrüßen den perfekten Akt des Vandalismus gegen die Baustelle des Gefängnisses von Villepinte (im Januar 1990). Die einfallsreichen Saboteure haben die bereits vollendeten Installationen und Konstruktionen komplett zerstört, indem sie ganz einfach die auf dem Gelände stehenden Bulldozer benutzt haben. Als die Presse davon berichtete, konnte sie es sich natürlich nicht verkneifen, ein neues Wort zu erfinden: den Vandalismus-Terrorismus.

Von Ende April bis Ende Juni sind wir auf verschiedene Baustellen eingedrungen (Aix-les-Milles, Tarascon, Villeneuve-les-Maguelonne, Pontoise, Maubeuge, Baupame), wo wir den für den Bau bestimmten Beton mithilfe einer kinderleichten Methode sabotiert haben. Indem man Zucker in den Zement schüttet in einem Verhältnis von eins zu tausend (also 1 Kilogramm für 1 Tonne), kann man tatsächlich das Erhärten des Betons verhindern. Er ist somit definitiv geschwächt und wird brüchig, sobald er erst einmal getrocknet ist. Obwohl wir die Wirkung dieser Aktion nicht beobachten konnten, verspüren wir dennoch die Genugtuung, dass wir die mit dem Rohbau beauftragten Unternehmen Zeit und Geld gekostet haben. Dem fügt sich natürlich die Genugtuung hinzu, dass nicht alle Mauern so solide sind, wie sie den Anschein haben.

An diese Operation anschließend, haben wir außerdem Interventionen in den Rathäusern durchgeführt, um uns an den Plänen der Gefängnisse zu vergreifen. Wir benutzten die Überprüfung der Baugenehmigungen als Vorwand, um sie dann ganz behutsam zu stehlen. Unser Ziel ist es, sie der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, damit sie eventuell eine richtige Anwendung finden werden. In Anbetracht ihrer extremen Bedeutung bedauern wir, dass diese Diebstähle nicht zahlreicher waren.

Am 1. Mai nehmen wir uns dem Fall BRUGEAUD an. Dieses Unternehmen öffentlicher Arbeiten, welches sich am Bau der Gefängnisse von Neuvic-sur-Isle und Uzerche beteiligt, stellt uns freundlicherweise einen Teil der vermessenen Pläne und die komplette Buchhaltung der Baustelle von Uzerche zur Verfügung. Nach diesem Einbruch werden die Räumlichkeiten, die Akten und die Schreibtische mit Ammoniak parfümiert.

Am 14. Mai wird die Filiale von GTM in Saint-Gélydu-Fesc ordentlich verwüstet. Die Gesamtheit des Materials, der Schreibtische und der Akten wird systematisch mit Säure und Ammoniak bedeckt. Wir zweifeln nicht daran, dass der Schadensbetrag sehr hoch ist. Im Übrigen bringen wir von diesem Ausflug eine sehr kostbare Beute mit; detaillierte Informationen über die Beteiligten an diesem Unternehmen, die Pläne des Gefängnisses von Villeneuve-les-Maguelonne sowie eine technische Dokumentation hinsichtlich der Sicherheit in den Knästen, welche wir hier für alle Fälle veröffentlichen.

Am 25. November interessieren wir uns für die SCBTP von Pontoise, welche den Fehler begangen hat, im Auftrag von Spie Batignolles den Rohbau für das Gefängnis von Osny zu übernehmen. Ihre Parkanlage für Kleintransporter und Lastkraftwagen geht in Rauch auf.

Am 25. Januar 1990 geben wir uns der unwiederbringlichen Verwüstung der Steuerelektronik von der Betonzentrale in Salon-de-Provence hin. Die BETONS DE FRANCE beliefern die Baustellen in der Süd-Zone. Außerdem werden zwei Betonmischer mit Säure ausgespült.

In der Nacht vom 11. auf den 12. Februar wird in einem Vorort von Bordeaux die Niederlassung von FORCLUM ernsthaft durch ein Feuer beschädigt. Dieses Unternehmen ist mit den Anti-Ausbruch Sicherheitsvorrichtungen für die gesamte Region West beauftragt. Sie beliefert die Gefängnisse mit Alarmanlagen und Überwachungskameras und ist zuständig für die Einrichtung des zentralen Informationspostens.

Am 23. Februar in Paris gerät der Architekt Christian Demonchy auf seinem Weg zur Arbeit in einen Hinterhalt. Auf offener Straße wird er von zwei von uns heftig verprügelt. Er ist unter anderem bereits verantwortlich für einen Club Med in Marokko und für den Knast von Mauzac im Rahmen des Badinter Programms. Zurzeit kümmert sich diese blasse Gestalt mit dem Büro Janet-Demonchy um die Entwürfe der Gefängnisse der Nord-Zone im Rahmen des Chalandon Programms. Kurz darauf benachrichtigen wir postalisch die anderen verantwortlichen Gestalter des Projekts, um ihnen klar zu machen, dass sie solch ein Handeln teuer zu stehen kommen kann; sie werden es nicht mehr wagen, dies zu ignorieren.

Am 21. Februar bespritzen wir in Vincennes die Büroräume des ASTRON Unternehmens mit einem konzentrierten CS-Gas, was eine vorübergehende Arbeitsunterbrechung provoziert. Dieses Ingenieurbüro liefert den Gefängnissen fertige Werkstätten.

Mitte April wird in Laon die Steuerelektronik der Betonzentrale ORSA zerstört, während ständig ihre Betonmischer vorbeifahren, um das Gelände mit Beton zu versorgen.

Anfang Juli beschaffen wir uns auf betrügerische Weise von Téladresse (Vertriebsabteilung von France Télécom) eine Liste mit 10.000 Adressen auf Etiketten, um so unserer Aktivität die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die sie verdient hat. Auf Kosten der PTT [Postes, télégraphes et téléphones] vervielfältigen wir die Poststempel mehrerer Frankiermaschinen, um dann bestimmte Exemplare von den Plänen und einige Stichproben von den sich in unserem Besitz befindenden Akten massiv zu verschicken; und zwar in den folgenden Städten: Aix-en-Provence, Aleçon, Argentan, Arles, Arras, Auxerre, Baupame, Beaucaire, Joux-la-Ville, Laon, Lille, Marseille, Montpellier, Neuvic-sur-Isle, Paris, Périgueux, Salon-de-Provence, Taracson, Villeneuve-les-Maguelonne. Und vergessen wir nicht die Briefe, die wir an das Justizministerium sowie an die wichtigsten Führer der betroffenen Unternehmen geschickt haben.

Anfang November beginnen wir damit, ein umfassendes Dossier über die Gefängnisse zu verbreiten. Indem wir die Existenz dieses Dossiers ans Licht bringen, setzen wir auf die Neugierde und das Interesse, das dieses Dossier verursachen könnte in einer Epoche, in der alles, was auf der Medienbühne erscheint, vom Spektakel des Augenblicks diktiert wird. Wir wollen auch auf die Bühne steigen – mit feindlichen Absichten.

Korrespondenz

5. Februar 1990

z. Hd. BETON DE FRANCE Quartier St. Jean 13300 SALON-DE-PROVENCE

Betr.: Destroy


Monsieur,


Wir bestätigen Ihnen hiermit die Ziele unseres Besuchs vom Dienstag, den 25. Januar dieses Jahres. Ihr Beton hat einen Geruch, den der Zellen. Sie haben geglaubt, ihn gemächlich gießen zu können, um die zukünftigen Gefangenen des Untersuchungsgefängnisses in Salon-de-Provence lebendig zu begraben. Das Geschäft der „13.000 Plätze“, das Ihre Bequemlichkeit garantieren sollte, garantiert auf jeden Fall nicht Ihre Sicherheit. Unser Besuch hat das belegt.

Monsieur, erhalten Sie ein weiteres Mal den Ausdruck unserer sehr zerstörerischen Gefühle.

Os Cangaceiros

Paris, 27. Februar 1990

Mr. DEMONCHY Christian z. Hd. L’IMPREVU Rue de Citeaux 75012 PARIS

Betr.: Hinterhalt


Gut von deinen Wunden erholt, Architekt? Hast du herausgefunden warum? Ungeniert, ohne Zurückhaltung irgendeiner Art, hast du Zentimeter für Zentimeter diese Käfige erarbeitet, in denen man sogar Behinderte einsperrt. Innerhalb der Mauern, die du entworfen hast, werden Individuen, die mehr wert sind als du, regelmäßig verprügelt werden. Es ist gut, dass du einen Vorgeschmack von dem erhalten hast, was tausende Gefangene in viel höherem Grade ertragen werden müssen. Sicher, Architekt, ist deine Firma nicht weniger niederträchtig. Wenn man betrachtet, was ihr baut, um normale Bürger unterzubringen, kann man eure Kompetenz, Delinquenten wegzusperren, bereits erahnen. Man kann leicht von den Hochhausblöcken des 13. Arrondissements auf die Gefängniszellen schließen. Du Schwein, schau dir deine Schnauze gut an, wir konnten von deinem erschöpften Gesicht ablesen, wie tief du selbst in deine Projekte verwickelt bist. Früher hast du Mauern gebaut, nun wirst du sie abreißen.

Os Cangaceiros

Paris, 28. Februar 1990

Grands Travaux du Midi 34000 SAINT-GÉLY-DU-FESC

Betr.: Destroy


Herrschaften,


Unser Besuch Ihrer Räumlichkeiten liegt schon einige Monate zurück – es war am wunderschönen Sonntag des 14. Mai 1989 –, also denken wir, dass es nützlich ist, wenn wir Ihre gute Erinnerung wieder hervorrufen. Die Zeit vergeht dermaßen schnell. Es ist die gleiche Zeit, die von den Mauern des Gefängnisses, welches Sie unaufhörlich erbauen, zurückgehalten wird.

Wir wollen uns bei Ihnen bedanken für die ausführliche Dokumentation über die Gefängnisbaustellen der Süd-Zone, deren Bauherren ihr seid, die Sie gezwungenermaßen zu unserer Verfügung gestellt haben. Unsere Vereinigung hat diese detailliert studiert, und deren Ergebnisse werden demnächst zur öffentlichen Kenntnis gebracht werden.

Für GTM stellt die Ausbreitung und Modernisierung des französischen Gefängnissystems einen lukrativen Markt dar. Das, was Ihr Knowhow und Ihre Technologie für tausende Individuen, darunter auch uns selbst, reserviert, ist nicht nur Einsperrung – was schon zu viel ist –, sondern obendrein die Unterdrückung von allen Möglichkeiten der Meuterei oder der Flucht. Das Resultat scheint für Sie schon erreicht zu sein, bis zu dem Punkt, dass Sie sich nicht vorgestellt hatten, es könnte im Voraus eine Revolte hervorrufen, also einige komplett entgegengesetzte Unternehmungen. Sie werden erfahren, dass Sie sich geirrt haben.

Das Geld, das mit diesem Projekt verdient werden kann, ist Ihnen dermaßen zu Kopf gestiegen, dass Sie die zugehörigen Erwägungen ganz vergessen haben. Deshalb mangelte es uns nicht an angenehmer Überraschung über Ihre Nachlässigkeit: die so vertraulichen Dokumente in Ihren Räumlichkeiten waren so schlecht geschützt! Die Überraschung war ohne Zweifel weniger angenehm für Ihre Geldgeber des Justizministeriums.

Der traurige Zustand, in dem wir Ihre Räumlichkeiten hinterlassen haben, als wir weggegangen sind, das ist alles, was wir Ihren Gefängnisausführungen in Zukunft wünschen.

Os Cangaceiros

Paris, 1. März 1990

Noelle JANET Rue de Citeaux 75012 PARIS

Betr.: Zusätzliche Information


Trauriger Klon,


Wir haben uns deine Zusammenarbeit mit DEMONCHY gut gemerkt. Sein Missgeschick vom 23. Februar 1990 hat dich vielleicht ratlos gelassen.

Zweiköpfige Banden wie die eure nehmen dank der staatlichen Subventionen stark zu. Alle tragen auf ihre Weise zu einer Architektur des Einsperrens bei, was so gut zum polizeilichen Urbanismus unserer Zeit passt. Einige widmen sich dem Verwüsten des Raums gemäß den Imperativen der Immobilienspekulation. Andere, solche wie ihr, haben es als gewinnbringend erachtet, der orwell’schen Albträume des Staates eine Form zu verleihen. Ihr dachtet in vollständiger Neutralität zu wirken, im Schutze eurer Kunst. Wir haben das anders beurteilt.

Im Falle, dass Sie den Kopf woanders haben, betrachten Sie den Ihres Geschäftspartners, er hatte das Privileg, Informationen aus erster Hand zu erhalten.

Os Cangaceiros

 

Paris, 1. März 1990

Société Countainvillaise de Bâtiment et Travaux Publics

Betr.: Destroy


Herrschaften,


Sie haben in der Nacht des 25. November 1989 einen schrecklichen Brand gehabt, der, im Gegensatz zu dem, was Sie versucht haben jedem weiß zu machen, alles andere als ein Unfall war. Und ja, Pech gehabt! Die Fahrzeuge Ihrer Gesellschaft standen auf der Baustelle des zukünftigen Gefängnisses von Pontoise. Demnach wurden diese durch unsere Dienste zerstört.

Sie glaubten vielleicht, dass Sie während ihrer Arbeit nichts zu befürchten hatten, weil Sie nicht die erste Rolle spielten. Oder Sie haben ganz einfach nicht gedacht, dass es dort etwas zu befürchten gibt und man gab sich zweifellos nicht die Mühe Sie zu warnen. Das alles hat Sie ab dem Zeitpunkt, an dem Geld zu verdienen war, welches die Firma vorantreibt, auch gar nicht mehr interessiert. Was machte es Ihnen schon aus, dass Sie an der Errichtung eines Gefängnisses arbeiteten?! Es war doch bloß eine Baustelle, ein Auftrag!?

Wir sind unter jenen, die riskieren, sich eines Tages an diesen leblosen Orten wiederzufinden. Wir wissen schon, wie man mit Schweinen und Schwachköpfen Ihrer Art umzugehen hat!!!

Sie werden also Ihrer Versicherungsgesellschaft erklären müssen, dass es sich nicht um einen Unfall handelte, sondern um Brandstiftung.

Os Cangaceiros


Kopien an: SPIE-BATIGNOLLES, das Justizministerium, so wie an Ihre Versicherungsgesellschaft

Paris, 2. März 1990

Société ASTRON Rue Charles Pathé VINCENNES

Betr.: Vergasung


Sklaven,


Man hat also Pläne für das große urbane Projekt am Ende dieses Jahrhunderts gemacht: das „Programm der 13.000 Plätze“!

Eure Teilnahme beschäftigt sich, wie wir wissen, fleißig mit der „Lieferung von fertigen Werkstätten“. Zum Freiheitsentzug kommt allerdings auch noch die Arbeitsausbeutung der Gefangenen hinzu. Wir wissen, dass das eure geringste Sorge ist, umso mehr, da wir mit eigenen Augen eure abscheuliche Arbeitsgewissenhaftigkeit feststellen konnten. Wenn ihr gewillt seid, bis Sonntagabend gebeugt über euren Zeichentischen zu bleiben, bezweifeln wir nicht, dass ihr ebenfalls mit Gasmasken ausgestattet arbeitet.

Das CS-Gas, das wir in euren Räumlichkeiten verbreitet haben, ist leider nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was jedem Gefangenen, der revoltiert, massiv verabreicht wird. Wir grüßen euch nicht, ihr Bürohengst-Versager.

Os Cangaceiros

Paris, 2. März 1990

Société BRUGEAUD Rue des Martyrs TULLE

Betr.: Destroy


Herrschaften,


Es ist fast ein Jahr vergangen, seitdem wir die Gelegenheit gefasst haben, um in Ihre Büroräume einzudringen und dort ein detailliertes Dossier zu entwenden, das Ihre Teilnahme am Bau des Gefängnisses von Uzerche enthält – Sie wissen schon, der Knast, in dem die Gefangenen als Versuchstiere zur Erprobung der am Fußknöchel festgemachten „elektronischen Fußfessel“ dienen werden, um deren Bewegung innerhalb der Mauern zu überwachen!

Ein Jahr ist eine lange Zeit. Vielleicht haben Sie uns vergessen. Wir wollen Ihr Gedächtnis auffrischen. Vielleicht hofften Sie, dass Ihre geografische Isolation ausreicht, um Ihnen eine gewisse Anonymität zu gewähren und den guten Deal des Vertrags, der zwischen Ihnen und Fougerolle unterzeichnet wurde, zu schützen?!

Sie wurden entdeckt, unheimliche Erbauer! Die Adressen Ihrer regionalen Zweigstellen und Ihre Bankkontakte sind kein Geheimnis mehr für uns.Seien Sie versichert, dass wir diese mit der ganzen Aufmerksamkeit aufgesucht haben, die ihnen zusteht.

Os Cangaceiros

Paris, 2. März 1990

Mr. ELADARI René Direktor des Projekts der „13.000“ z.Hd. Gefängnisverwaltung Rue St. Honoré PARIS

Betr.: Information


Monsieur,


Wir freuen uns, Ihnen eine Kopie des von uns an die Gesellschaft GTM adressierten Briefes zu übermitteln.

Da Sie verantwortlich sind für den guten Ablauf und die Ernsthaftigkeit dieses Projekts, sind wir uns sicher, dass Sie daran interessiert sind, das Verschwinden einer gewissen Anzahl vertraulicher Dokumente von Baustellen im Süden zur Kenntnis zu nehmen.

Seien Sie versichert, dass wir Sie über die Entwicklung unserer Arbeit auf dem Laufenden halten werden.

Os Cangaceiros

Lyon, 29. März 1990

Société FORCLUM Rue Victor Billon 33000 LE BOUSCAT

Betr.: Plünderung


Herrschaften,


Unser Besuch in Ihren Räumlichkeiten während der Nacht vom 11. auf den 12. Februar 1990 bedarf einige Bemerkungen unsererseits.

Wir hatten die Freude, festzustellen, inwieweit Ihre Firma, die sich damit brüstet, auf dem Gebiet der Gefängnissicherheit zu wirken, sich anderweitig seltsamerweise als unfähig herausstellt, ihren eigenen Rücken zu decken. Tatsächlich war es ausreichend für uns, eines der Fenster Ihrer Büros aufzustoßen, um dort einzudringen und vorzugehen, ohne das kleinste Hindernis anzutreffen.

Außerdem mangelt es der Lektüre Ihrer Dossiers, obgleich sehr eintönig, nicht daran, sich als äußerst lehrreich herauszustellen. Erlauben Sie uns anzumerken, dass es Ihnen an Diskretion mangelt. Vielleicht verleiht Ihnen die Tatsache, dass Sie für den Staat arbeiten, ein Selbstbewusstsein und ein Gefühl der Straffreiheit, so dass Sie sich von nichts beunruhigen lassen?

In der Tat von nichts, außer von unserem Eingreifen.

Ihre Geldgeber werden wahrscheinlich überrascht sein, herauszufinden, mit welcher Leichtigkeit man bei Ihnen an vertrauliche Auskünfte gelangt. Seien Sie versichert, dass wir alles gut benutzen werden, was nicht zerstört wurde.

Os Cangaceiros

Kopien an: Mr. ELADARI René, Direktor des Projekts „13.000“; GTM Zweigstelle in Saint-Gély-du-Fesc; SOGEA Limousin, Limoges CX

17. September 1990

Adressat: ORSA BETON 02000 LAON

Betr.: Unser Besuch Ihrer Räumlichkeiten Mitte April 1990

Ihr schöne Betonzentrale – Ihr froh Ihr baut Gefängnis in Laon – Wir sauer Wir zerstören Computer-Schaltpult – Ihr sauer Wir bevorzugen Ihr sauer – Wir froh

Dem Versand der Pläne beigefügter Brief

Anfang November 1990,

Sehr geehrte Damen und Herren,


Wie Sie sicherlich bereits wissen, ist vor kurzem in Ihrer Gegend eine Justizvollzugsanstalt in Betrieb gegangen, auf dem Territorium der Gemeinde XXXX.

Wir beginnen ab heute damit, bestimmte Pläne dieses Gefängnisses zusammen mit verschiedenen Informationen über sein allgemeines Funktionieren und seine Sicherheitsvorrichtungen in Umlauf zu bringen. Wir hoffen sehr, dass dies den Häftlingen, die einen Ausbruch planen, von Nutzen sein wird. Wir denken vor allem an diejenigen, die sich in Hochsicherheitstrakten befinden, da diese sich nicht auf dem Gefängnisgelände einordnen können, und somit erheblich in ihren eventuellen Ausbruchsprojekten gehindert werden[39]. Aus diesem Grund laden wir Sie dazu ein, diese Dokumentation so breit wie möglich in Ihrem Umfeld zu verteilen, insbesondere indem Sie neue Kopien davon anfertigen. Man kann hoffen, dass sie so die Betroffenen mittels deren Verwandten, Eltern oder Freunden erreichen wird.

Unsere Initiative wird Sie vielleicht ein wenig überrascht haben. Die Menschen, denen eine hohe elektronische Überwachung auferlegt ist, die der Willkür der Folterknechte in Stahl- und Betonkäfigen ausgesetzt sind, und die trotzdem immer öfters meutern, diese Menschen sind nicht allein mit ihrem Zorn. Wenn auch nicht alle Gefangene Außenseiter oder Rebellen sind, so riskiert doch jeder Arme, der sich den unmenschlichen Mechanismen dieser Gesellschaft nicht anpassen will und – erst recht – jeder, der gegen sie revoltiert, auf irgendeine Weise früher oder später das Gefängnis. Zu jenen Menschen gehören wir.

Die europäischen Gefängnisse sind in den letzten Jahren zu Orten geworden, an denen sich der soziale Dissens äußert. Diese Gesellschaft hat dermaßen gut die Leere und die Stille eingeführt, dass es paradoxerweise innerhalb der Mauern ist, wo sich das Verlangen nach Freiheit noch ein Gehör verschaffen kann, im Westen wie im Osten.

Das „Projekt der 13.000 Plätze“, von dem die Anstalt in XXXX erst der Anfang ist, hat als Ziel, die Bewegung der Aufsässigkeit zu brechen, die seit den Meutereien von 1985 die Gefängnisse dieses Landes durchquert; und nicht etwa das Gefängnisregime zu humanisieren, wie es die Lügner im Dienste des Staates behaupten. Unser Ziel hingegen ist die Ausweitung dieser Revolte, draußen wie drinnen.

Glauben Sie bloß nicht, dass es einfach für uns war, an diese Pläne und diese technische Dokumentation zu gelangen. Sie mussten gestohlen werden. Außerdem hielten wir es für angebracht, uns auf betrügerische Weise (auf Kosten der Télécoms und der Post) die für diesen Versand benötigten Mittel anzueignen. Es ist nicht uninteressant zu wissen, dass diverse Dienste, die modernen Unternehmen zur Verfügung gestellt werden und die alle für ein reibungsloses Funktionieren der Gesellschaft arbeiten, zweckentfremdet werden können; und zwar mit einem diametral entgegengesetzten Ziel. Wir hoffen, dass die öffentliche Neugierde alles Übrige tun wird. Nur die Kraft der Kommunikation kann die Gefängnismauern zum Einsturz bringen[40].

Wir schließen die Möglichkeit nicht aus, auf telefonischem Wege mit Ihnen in Kontakt zu treten, um von Ihrer Reaktion beim Empfang dieses Dossiers zu erfahren, und um eventuell über deren Beweggründe zu diskutieren.

Hochachtungsvoll,

Os Cangaceiros

Die vernebelte Spur von Os Cangaceiros durch die soziale Pampa[41]

Zwischen 1985 und 1990 erlangte die Gruppe „Os Cangaceiros“ durch einige durchschlagende Aktionen in Frankreich einen gewissen Ruf; jetzt, da Os Cangaceiros der Vergangenheit angehören, sind es wahrscheinlich diese Aktionen, die es wert sind, in der Erinnerung zu bleiben, oder eher noch die Lektionen und Kritiken, welche man daraus ziehen kann. Die folgenden Anmerkungen versuchen dennoch weder Bewunderung noch Verachtung zu erregen: ich denke ganz einfach, dass sie nützlich sein können für andere, die sich auf einen ähnlichen praktischen Dissens einlassen wollen.[42]

Die verschiedenen Sabotageakte, die wir ausführten, waren die Erklärung, dass eine handvoll entschlossener Leute sich etwas effizienterem hingeben können als dem gewohnten Flugblatt/PamphletVerteilen, wenn es darum geht, Solidarität oder Unzufriedenheit auszudrücken. Im Jahr 1985 war es die Idee, die Forderungen der damals revoltierenden Gefangenen durch die Störung des Schienenverkehrs im großen Rahmen zu verbreiten. Das Blockieren von Autobahnen und Eisenbahnlinien hat eine lange Tradition im französischen Arbeiterkampf und durch das Anwenden dieser Mittel wollten wir verdeutlichen, dass die Revolte eines Gefangenen ein ebenso legitimer sozialer Kampf ist wie jeder andere: genauso wie Arbeiter für eine Lohnerhöhung streiken, revoltieren Gefangene für die Reduzierung der Strafen – und bei beiden steht natürlich mehr auf dem Spiel als die ausgedrückten Forderungen. Selbstverständlich erkannten die Medien und der Staat dies nicht an und wetterten gegen die von Kriminellen unterstützten Terroristen (oder umgekehrt). Trotzdem wurde diese Art, Solidarität zu zeigen, gut von den Menschen innerhalb der Gefängnismauern aufgenommen und auch von jenen draußen. Im Zuge der Berichte über unsere Aktionen musste die Presse auch die Forderungen der Gefangenen erwähnen und erlaubte so die weitere Verbreitung eben jener Forderungen. Es muss auch hinzugefügt werden, dass die vier wegen dieser Aktionen angeklagten Personen, trotz der irren Beschuldigung des Terrorismus, letztendlich sehr milde Strafen bekamen, dank einer lokalen Verteidigungskampagne, die in Bezug auf die „Terroristen“-Frage die entgegengesetzte Richtung einschlug.

Obwohl wir diese bestimmte Art der Aktion nicht endlos reproduzieren und unsere ganze Zeit auf dem Gleisschotter verbringen wollten, griffen wir im Februar 1986 noch einmal darauf zurück. Dieses Mal, um Abdelkarim Khalki zu unterstützen, der seinen großzügigen Sinn für Freundschaft und Menschlichkeit gezeigt hatte, indem er versuchte, seine Kumpels, Courtois und Thiolet, während ihres Prozesses zu befreien. Er nahm das Gericht, die Jury und die Journalisten als Geisel. Nach 36 Stunden scheiterte sein Versuch, jedoch nicht bevor sie es schafften, die Richter, das Rechtssystem und die Gesellschaft live in der Hauptsendezeit des Fernsehens zu „richten“. Jetzt war Khalki im Hungerstreik und forderte, dass der Innenminister das von ihm gegebene Versprechen einhielt, ihn im Austausch für das Aufgeben von Thiolet und Courtois gehen zu lassen. Eines Morgens fanden tausende Pariser eine gute Ausrede, um zu spät zur Arbeit zu kommen, nachdem wir praktisch das ganze U-Bahn-Netzwerk für mehr als eine Stunde lahmgelegt hatten, indem wir ganz einfach schwere Gegenstände auf die Gleise warfen und die elektrischen Hauptleitungen durchschnitten. Plakatierte Poster in und um die U-Bahn-Stationen informierten jeden über Khalkis Situation und seine Forderungen. Wiederum zwang diese Aktion die Presse dazu, Khalkis Hungerstreik, den sie bis zu diesem Zeitpunkt vertuschte, zu erwähnen. Selbstverständlich hielt die Regierung nie ihr Versprechen und Khalki bekam eine schwere Strafe. Wie unser Poster damals sagte: „Was kann man vom Staat außer Lügen und Schlägen erwarten?“

Die Reihe von Aktionen, die wir zwischen 1989 und 1990 ausführten, gründeten auf einer anderen Perspektive. Dieses Mal war es keine direkte Antwort auf eine gerade stattfindende Revolte[43], sondern eine Entscheidung, um irgendwie gegen den geplanten Bau von neuen Gefängnissen vorzugehen. Das bedeutete, dass wir selbst das Timing und die Mittel wählen konnten, die wir für angebracht hielten, ganz abgesehen von den offensichtlichen Gründen, warum einen die Aussicht auf 13.000 neu gebaute Käfige ankotzt. Wir hatten auch persönliche Gründe für unseren Ärger, da wir in den letzten Jahren permanenten Auseinandersetzungen mit der Polizei ausgesetzt waren, welche versuchte, die Cangaceiros mit so wenig wie möglich Aufsehen zu beseitigen, was uns zur ständigen Flucht zwang. Es war keine Übertreibung anzunehmen, dass diese Gefängnisse auch für uns gebaut wurden und da „Angriff die beste Verteidigung ist“, dachten wir, dass wenn wir schon gefasst würden, dann auch für etwas sich Lohnendes. Dennoch spielte das Gefühl eines sorgenvollen Notfalls auch eine schädliche Rolle bei der ganzen Sache. Das spielende Element, notwendig für jede Art der subversiven Aktivität, neigte sich in eine neurotische Besessenheit vom erzwungen erfolgreichen Ergebnis zu verwandeln.

Der abschließende Bericht, den wir zu dieser Kampagne veröffentlicht hatten, könnte einen betrügerischen Eindruck von Leichtigkeit und Mühelosigkeit hinterlassen. Genau genommen rannten wir für mehr als ein Jahr mit unseren Köpfen gegen die – gut bewachten – Wände der Regierungsbüros, privaten Unternehmen, Baustellen und geheime Daten beherbergenden Orte, mit dem Eindruck, dass unsere Sabotage nur ein Nadelstich gegen eine monströse Maschinerie war. Damit konfrontiert, war unsere erste Reaktion, unsere Ziele zu überschätzen, was zu einer gefährlichen (d.h. unkontrollierten) Eskalation führen kann. Zudem neigen Langzeitpläne in Zusammenhang mit Hit-Squad Aktivitäten dazu, ihre eigene „militärische“ Logik zu entwickeln, die uns von distanzierteren und selbstkritischeren Reflektionen entfremdet und die Mittel somit den Zweck erfüllen.[44] So unhierarchisch die Gruppe auch sein mag, hatte trotzdem jeder das Gefühl, die Initiative zu verlieren und es dauerte einige Zeit, bis wir realisierten, dass wir eine viel effizientere und einfachere Karte ausspielen konnten, nämlich die weite Verbreitung der geheimen Pläne und Dokumente, die in unsere Hände gelangt waren. Dies war jedoch nicht nur eine Änderung der Taktik; und ich möchte einige allgemeinere Überlegungen zu diesem Thema aufwerfen.

Die erste betrifft unsere Beziehung zu den Medien. Die Art der Sabotageaktionen, die wir 1985 und 1986 ausführten, war sehr abhängig von der Medienberichterstattung. Wie sehr man die Medien auch hasst, man braucht auch ihre Aufmerksamkeit, denn was ist eine solidarische Aktion wert, wenn jene, an die sie gerichtet ist, nichts davon mitbekommen? Und deshalb ergibt man sich ihrer Macht: der Macht, dich zu verleumden, deine Sache übertrieben aufzublasen, um Repression zu provozieren, oder dich ganz einfach nicht zu erwähnen und so unbemerkt zu bleiben. In den Jahren 1989 und 1990 hatte die Presse offensichtlich die Anweisung bekommen, unsere Aktivitäten auszublenden: sogar die lokalen Zeitungen, die es nie versäumen würden, über einen überfahrenen Hund zu berichten, schrieben keine einzige Zeile über die Sicherheitsfirma, die wir zu Asche verbrannt hatten oder über den Gefängnisarchitekten, den wir in Paris auf offener Straße verprügelt hatten.

Mit der Verbreitung des „13.000 Ausbrüche“-Dossiers stellten wir das Problem auf den Kopf. Bevor die Medien auch nur irgendwas erfuhren, waren sich schon zehntausende Menschen darüber bewusst was passierte. Wir hatten das Dossier zum Beispiel an alle Cafés der Orte geschickt, an denen neue Gefängnisse gebaut wurden, und unsere Spione vor Ort meinten, dass es in allen Bars Diskussionen nährte, die den ganzen Tag anhielten. Einer Lokalzeitung zufolge eilte eine entsetzte Rentnerin zum lokalen Gemeindeamt und fragte, ob es wahr sei, dass Gefangene durch sabotierte Gefängnismauern ausbrechen könnten. Die Beamten kopierten das Dossier, das die Frau erhalten hatte („die Kopierer waren an diesem Tag sehr beschäftigt“, schrieb ein Journalist) und es wurde an höhere Institutionen weitergeleitet. Die Journalisten waren dann gezwungen, herumzueilen, um eine Kopie des Dossiers zu ergattern und so gingen an diesem Tag die Neuigkeiten ihren Weg; von den Lokalzeitungen zur nationalen Presseagentur, bis ein Regierungsvertreter eine Pressekonferenz veranlasste, um die Öffentlichkeit bezüglich möglicher Gefahren der Enthüllung dieser Dokumente zu „beruhigen“. Und nur weil wir dieses Mal die Presse nicht als notwendiges Übertragungselement gebraucht hatten, um die Öffentlichkeit zu erreichen, waren ihre Meldungen weitaus folgerichtiger und genauer als gewöhnlich – manchmal sogar lustig. Le Figaro druckte einen ganzseitigen Artikel mit dem Titel „Ausbrüche – Anleitung zur Anwendung“, in dem sie unseren ganzen Brief rezitierten, und eine andere Zeitung kommentierte: „Diese Cangaceiros sind genauso romantisch wie ihre Vorfahren (d.h. die brasilianischen Sozialbanditen), aber besser organisiert.“ Ein TVNachrichtensprecher schlussfolgerte: „Man könnte denken, das sei ein schlechter Witz, denn waren diese Personen nicht schon der Polizei bekannt?“ Dies ist die Moral zur Geschichte: die beste Nutzung der Medien (anstatt von ihnen benutzt zu werden) ist, zu versuchen, sie zu übergehen.[45] Sie zuerst verzichtbar machen, damit sie vielleicht als gewöhnlicher Verstärker der Geschehnisse fungieren, ohne dass wir ihre Hilfe einsetzen.

Hinter der Medienproblematik liegt jedoch eine viel substanziellere Frage. Je mehr wir danach strebten, dem Gefängnisprogramm beständigen Schaden zuzufügen, desto mehr entwickelte sich das unbehagliche Gefühl, dass wir einen „eins gegen eins“ Kampf gegen den Staat führten – eine Herausforderung, die wir als solche offensichtlich verdammt waren zu verlieren. Wir waren „Die letzten Mohikaner“ in ihrem verzweifelten Angriff gegen die Bleichgesichter. Schlussendlich war es von geringerer Wichtigkeit, ob die Medien über diesen Kampf berichteten bzw. ob es Sympathie oder Verachtung in der Öffentlichkeit erzeugen würde, denn die „Öffentlichkeit“ konnte ohnehin nichts anderes als eine Öffentlichkeit von weit weg betrachtenden Zuschauern bleiben. Wir betrachteten uns nie als sich opfernde Avantgarde, dennoch fanden wir uns in eine Ecke gedrängt wieder, in der unsere „guten Absichten“ wenig Nutzen hatten. Die Option, die Gefängnispläne zu verbreiten, war so etwas wie ein Durchbruch, der Anklang fand, nicht bei den Zuschauern, sondern bei potenziellen Komplizen, die sich in unserer Initiative erkannten und diese weiterführen konnten. Dies funktionierte ganz gut. Obwohl einige Gefangene sicherlich von dem Dossier wussten und begeistert darüber waren, wissen wir nicht, ob es Häftlingen wirklich geholfen hat, um einen Weg aus dem Gefängnis zu finden (seither jedoch hat die Presse, sobald es in einem dieser Gefängnisse Unruhen gab, es niemals versäumt, an jene fehlende Dokumente zu erinnern, die irgendwo dort draußen frei zirkulieren). Nichtsdestotrotz trug die spielerische Seite des Stehlens verbotener Dokumente bzw. des heimlichen Weiterreichens an andere sicher zur großräumigen Verbreitung bei. Sogar Leute, die uns für gewöhnlich nicht mochten, schätzten es, dass wir dem Staat gezeigt hatten, was wir von ihm halten. Dieser schlussendliche Erfolg war auf alle Fälle auch eine Ablehnung gegen unsere frühere Perspektive, ganz abgesehen von der Freude, dass wir es durchgeführt hatten, denn letztendlich hinterließ die ganze Sache uns in völliger Erschöpfung.

Um zur entfremdenden Seite von langzeitlicher klandestiner Aktivität zurückzukommen: die Polizeistrategie gegen uns passte bemerkenswert gut auf die oben beschriebene. Wie ich bereits erwähnte, hatte es die Polizei auf ein hartes Durchgreifen ausgelegt, zusammengetragen zu einem spektakulären Schauprozess, komplettiert mit erfundenen Beweisen und es scheint, als ob sie auch versuchten, uns zu infiltrieren, um uns dazu zu bringen, Bomben zu legen.[46] Ihr Hauptinteresse dieser Jahre lag jedoch darin, uns durch permanente Schikanen von unseren potenziellen Verbündeten zu isolieren. Im Februar 1991 folgte dem „13.000 Ausbrüche“ Skandal eine mittels der Medien inszenierte Razzia in mehreren Städten, bei der 25 Menschen verhört und ihre Wohnungen durchsucht wurden. Dem Mordicus Magazin, das Teile unseres Dossiers veröffentlicht hatte, wurde mit gerichtlichen Schritten gedroht. Nachdem der französische Staat sich 1987 Action Directe entledigt hatte, suchte er nach einem neuen offiziellen inneren Feind, und wir waren definitiv auf ihrer Liste ganz oben, um diese Rolle einzunehmen. Es ist Grundschule der Polizeipsychologie, dass je mehr ein Individuum oder eine Gruppe vom Rest der Gesellschaft abgeschnitten ist, es/sie mit einem umso erhöhten Level an Gewalt reagiert, was es/sie wiederum weiter isolieren wird. Die Nachrichtensperre der Medien über unsere Aktionen gegen die neuen Gefängnisse hatte zweifellos dies zum Ziel und wir entblößten uns dem zugegebenermaßen. Wir dachten, es sei mit einer Kritik am Terrorismus abgetan, da wir nie eine Möglichkeit versäumten, um unsere Verachtung für Action Directe, Rote Armee Fraktion, Brigate Rosse, etc. auszudrücken, und weil wir uns weigerten, auf Bomben und Gewehre zurückzugreifen – „unsere Aktionsmittel sind die, die jeder beliebige Proletarier anwendet: Sabotage und Vandalismus“. Dies verfehlte jedoch die essentielle Frage: im Kontext von sozialer Regression kann eine Gruppe von Leuten, die ihre gewaltvolle Revolte durchsetzt und so heraussticht, einfach hervorgehoben, isoliert und auf feindliches Terrain – den Bullen in deinem Kopf – geschleppt werden. Unbewusst findet man sich darin wieder, sein eigenes Verhalten und die eigenen Gedanken nach ihnen zu formen und dies ist ihr erster Sieg.

Dieser Widerspruch präsentierte sich auch im weniger öffentlichen Teil unserer Aktivität, dem organisierten Diebstahl, „la reprise“ (das Wiederaneignen), wie es die anarchistischen Illegalisten im späten 19. Jahrhundert nannten. „Ne travaillez jamais“ [Arbeitet niemals]: wir erachteten diesen Ausdruck niemals nur als poetischen Slogan, sondern als unmittelbares Programm. Natürlich ist auch Diebstahl in vielen Belangen eine Art der Arbeit, deren Aufteilung, Organisation und Resultate jedoch dir selbst gehören. In einem permanenten Kampf zu leben, lässt dich einige wertvolle Fähigkeiten verfeinern und letzten Endes – nur wenn du erfolgreich warst – hast du die Freude, dich dem vorhergesagten Schicksal zu widersetzen. Außerdem, wie Woody Allen es in „Take the Money and Run“ ausdrückt, sind die Arbeitszeiten gut, man trifft interessante Menschen und die Bezahlung ist ordentlich. Natürlich war unser Ziel weder unsere Kohle für Sportautos, Paläste oder Champagner rauszuschmeißen (obwohl nichts falsch ist mit Luxusgütern!) noch Kapital für irgendeine Businessinvestition anzuhäufen. Auch wenn wir es kollektiv geschafft hatten, einen netten Betrag zu bunkern, die Frage nach der kollektiven Verwendung, die unseren sozialen Ambitionen entsprach, stellte sich noch immer. Auch weil wir mit dieser abstrakten radikalen Sprache brechen wollten, von der wir nie wussten, woher sie eigentlich gekommen war, denn wir wollten aus unserer eigenen konkreten Situation als Delinquenten in dieser Welt sprechen. In dieser Hinsicht fühlten wir, wie weit entfernt wir von den alten anarchistischen Illegalisten in Spanien und anderswo waren, die Teil von nachhaltigen Gemeinschaften waren und deren Diebstähle als untrennbare Bestandteile eines anhaltenden Kampfes betrachtet werden konnten. Durruti hatte sich beleidigt gefühlt, wenn die Presse ihn einen Bösewicht nannte; er war ein Arbeiter unter anderen Arbeitern, die ihn auch als solchen erkannten.[47] Natürlich sind die Dinge jetzt völlig anders, da nahezu alle kämpfenden Gemeinschaften und soziale Traditionen zerstört wurden. Das Geld, das wir uns nahmen, erlaubte natürlich ein größeres Maß an Solidarität und Großzügigkeit – ohne die die Erfahrung unserer Freundin Andrea nicht möglich gewesen wäre.[48] Dennoch, wer waren wir in dieser Hinsicht, wenn nicht eine isolierte Gruppe unter isolierten Individuen? Wir hatten viele Gespräche über eine dadaistische Verwendung des Geldes, über eine Vergesellschaftung und darüber, die allgemeine Notwendigkeit des Geldes anzufechten, was allerdings zu nichts führte. Nicht, dass die Idee falsch war – ich bin noch immer überzeugt davon, dass jeder Versuch, sich dem sozialen Zerfall zu widersetzen, sich der finanziellen Frage, in welcher Weise auch immer, stellen muss –, aber ihre Anwendung bedarf einer größeren Basis als einem Dutzend Irregulärer, die sich auf der Flucht befinden.

Tatsächlich bewältigten wir nie wirklich unsere subjektiven Sehnsüchte: neben unserem Willen, irgendwie zu einer neuen Welle von sozialem Dissens beizutragen – d.h. ein Ziel auf lange Sicht, gekoppelt mit einem sorgfältigen Bedenken für die angemessene Vermittlungen – gab es auch diesen groben Impuls für unmittelbare Rache, der an uns nagte. Am allerwenigsten möchte ich mich dagegen aussprechen, Rache zu nehmen mit Handlungen von spektakulärem Draufgängertum und ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken – dies ist ein menschliches Handeln, das keine weitere Erklärung braucht und immer große Bewunderung im Untergrund hervorruft.[49] Was die Aktionen gegen das Gefängnis angeht, brachte uns der Anblick dieser Architekten, die sorgfältig Käfige für Menschen planen, der kleinen Unternehmer, die sich die Hände reiben in der Vorstellung des Profits, den sie damit erzielen werden, und der Lakaien des Staates, die alles kaltherzig beaufsichtigen, oft in Versuchung zu weniger symbolischen Reaktionen. Es schien jedoch, dass wir entgegen aller Erwartungen noch nicht verzweifelt genug dafür waren.[50]

Sicherlich ließ das Leben im Alltag der 1980er Jahre in Frankreich (und Europa) wenig Platz für Optimismus, aber wir nahmen uns der Situation mit einem völligen Fatalismus an, der uns wiederum zu einem verschärften Voluntarismus ermutigte, soweit es unseren eigenen Kampf anging. Deshalb ist es bezeichnend, dass, obwohl wir uns niemals als Anti-Gefängnis Aktivisten sahen, sich alle unsere Aktionen trotzdem gegen das Gefängnis richteten, als ob jede Perspektive mittlerweile genauso starr war wie eine Gefängnismauer. Ich glaube nicht, dass wir die einzigen waren, die sich bloß über die Ebbe nach der revolutionären Flut der Sechziger und Siebziger beklagten, ohne übermäßig zu hinterfragen, ob die „radikalen“ Konzepte und Praktiken, die wir immer noch mittrugen, nicht auch für diese Situation verantwortlich gemacht werden könnten.

Insbesondere, da ich hier an Englisch sprechende Leser schreibe, weiß ich, dass diese Anmerkungen leicht von einigen Leuten als Bestätigung für ihre alte individualistische Haltung interpretiert werden können, welche a priori jede Art von kollektivem Versuch als einen „Brutplatz für hierarchische Macht“, als „Entfremdung des Individuums durch die Gruppe“, etc. abtut. Ich glaube dennoch, dass diese Art von Kritik irrelevant ist. Wohl wahr, sobald Menschen sich für ein langfristiges Ziel zusammentun, besteht das Risiko, dass Machtkämpfe ausbrechen, sich spezialisierte Rollen entwickeln oder emotionale Gefühle hinter dem Schleier der „Objektivität“ unterdrückt werden – und Os Cangaceiros war davon überhaupt nicht ausgenommen. Dies ist jedoch kein Grund, sich zurück zu lehnen und darauf zu warten, dass „die Revolution“ auf magische Art und Weise all diese Probleme löst: sie existieren ohnehin und sind deshalb Teil eines durch kollektive Aktivität ermöglichten Experiments, von dem man viel Nützliches lernen kann. Die eigentliche Frage ist eher, ein ausreichendes Niveau an Austausch zwischen der Gruppe und ihrem sozialen Umfeld zu erreichen bzw. zu halten; durch Scheitern neigt die Gruppe dazu, einer anderen Logik zu folgen und wird so zu ihrer eigenen Bestimmtheit – eine Art von Autismus, der wiederum zwischenmenschliche Konflikte verschärft.

In all diesen Jahren waren wir sehr zwanghaft mit der Idee beschäftigt, einen großen Skandal zu verursachen, etwas in der dadaistisch-surrealistischsituationistischen Tradition; eine punktuelle und spektakuläre Tat, die den latenten Negativisimus ausdrückt, der die Gesellschaft untergräbt – und irgendwie war das Resultat von „13.000 Ausbrüche“ so etwas. Jedoch erfuhren wir auch die Grenzen dieser Idee. Der hauptsächliche Fehler der meisten radikalen Post-68 Agitationen war ihre Unfähigkeit, bleibende Brüche in der Kohärenz der Gesellschaft zu verursachen, der geduldige Aufbau von sozialen Bünden durch verschiedenste Vermittlungen und Initiativen. Diese „radikale“ Einstellung reduzierte sich selbst zu oft auf die bloße Brandmarkung der Gesellschaft in all ihren spezifischen und begrenzten Aktivitäten, anstatt zu versuchen, in innovativer Weise innerhalb eines festgelegten Terrains zu agieren. Es waren die gewöhnlichen Kommentare von außen zu stattfindenden Kämpfen (oft mit einer „wir wissen eh schon wie’s ausgehen wird“ Haltung), oder, etwas weniger passiv, die „Hit-and-Run“ Aktionen, welche unfähig waren, einen bleibenden dynamischen Impuls zu haben. Diese wären vielleicht zu Zeiten einer möglichen revolutionären Situation relevant („keine Zeit zu verlieren, Mai ‘68 oder rein gar nichts“), dies ist jedoch nicht länger der Fall. Und da die Cangaceiros nach den Grenzen solch eines Konzeptes strebten, es als totale Herausforderung lebten, fühlten wir mit einer besonderen Schärfe, dass es uns bloß in eine radikale Sackgasse geführt hatte: einsame Seefahrer auf der wilden See.

Ich will hier keine Verbitterung aufkommen lassen. Dies war ein Abenteuer in einer Epoche, in der Abenteuer eher selten waren. Glücklicherweise endete es nicht wie das Schicksal der meisten illegalen Gruppen in einer tragischen Niederlage – und was dich nicht umbringt, macht dich stärker. Weil es aber nur ein Abenteuer war, ging es nicht über den Willen seiner Protagonisten hinaus. Letztendlich war das einzige, in dem die Cangaceiros übereinstimmten, dass eine solche Vereinigung nicht weiter wünschenswert war, so dass jeder seinen eigenen Weg ging und versuchte, was auch immer er aus dieser Geschichte gelernt hatte, in die Praxis umzusetzen. Deswegen werde ich die Frage offen lassen, ob diese Erfahrung nur eine verspätete Erscheinung des Post-68 Radikalismus war oder den Weg für etwas neues ebnete.

Léopold Roc Mai 1995

Quellenangaben

Vorwort [zu A Crime Called Freedom]: Foreword in Os Cangaceiros: A Crime Called Freedom, S.7, Eberhardt Press, Oregon, 2006 [Roofdruk Edities, Februar 2013]

Einführung [zu Un crimine chiamato libertà]: Introduzione in Os Cangaceiros: Un crimine chiamato libertà, NN / l’arrembaggio, Triest, 2003

Redaktionelle Anmerkungen [zu Os Cangaceiros #2]: Notes éditoriales in Os Canngaceiros, Nr. 2, S.3, November 1985

„Prisoner’s Talkin’ Blues“: „Prisoner’s Talkin’ Blues“ in Os Cangaceiros, Nr. 2, S.59, November 1985

Die Freiheit ist das Verbrechen, das alle Verbrechen enthält: La liberté, c’est le crime qui contient tous les crimes in Os Cangaceiros, Nr. 2, S.80, November 1985

Die Wahrheit über einige durchgeführte Aktionen zugunsten der Meutereien in den Gefängnissen: La vérité sur quelques actions menées en faveur des mutineries dans les prisons in Os Cangaceiros, Nr. 2, S. 83, November 1985

Samisdat!: Samizdat! in Os Cangaceiros, Nr. 2, S. 77, November 1985

Le Pen in Nantes: Le Pen à Nantes in Os Cangaceiros, Nr. 1, S. 57, Januar 1985

Sie scheißen auf uns? Sie werden nicht mehr lange auf uns scheißen!: On se fout de nous? On s’en foutra pas longtemps! in Os Cangaceiros, Nr. 1, S. 59, Januar 1985

Das Europa der Hooligans und der Tod des Fußballs: L’Europe des hooligans et la mort du football in Os Cangaceiros, Nr. 2, S. 78, November 1985

Pfoten weg!: Bas les pattes! in Os Cangaceiros, Nr. 1 , S. 56, Januar 1985

Geld her oder wir töten euch: Du fric ou on vous tue in Os Cangaceiros, Nr. 1, S. 53, Januar 1985

Unter dem Einfluss der Angst wird nichts Menschliches entstehen: Rien d’humain ne se fait sous l’emprise de la peur in Os Cangaceiros, Nr. 3, S. 87, Juni 1987

Die industrielle Domestizierung: La domestication industrielle in Os Cangaceiros, Nr. 3, S. 43, Juni 1987

„13.000 Ausbrüche“-Dossier: Os Cangaceiros proposent Treize Mille Belles, November 1990

Die vernebelte Spur von Os Cangaceiros durch die soziale Pampa: The Blurred Trail of Os Cangaceiros in the Social Pampas, Mai 1995

 

 

 

 

[1] Die millenaristischen Bewegungen, welche in Europa ab dem 13. bis ins 17. Jahrhundert tätig waren, versuchten, ein Goldenes Zeitalter einzuführen und in diesem Leben mit sich im Reinen zu sein. Sie entstanden aus einem messianischen Christentum, das alle temporäre Autorität – Kirche und Staat – als den AntiChrist und als ein Hindernis für die Ankunft des Milleniums sah, der tausendjährigen Herrschaft von Christus auf der Erde. Seine Anhänger stellten stolz wirtschaftliche, sexuelle, religiöse und bürgerliche Tabus zur Schau und verwendeten eine Vielfalt von Mitteln, einige davon gewalttätig, um ihre Utopie zu realisieren.

[2] Der Front populaire (dt. Volksfront) bezeichnet die Regierung der vereinigten linken Parteien, die von 1936 bis 1940 in Frankreich an der Macht war. A.d.Ü.

[3] Solidarność (dt. Solidarität) ist eine polnische Gewerkschaft, die 1980 aus einer Streikbewegung entstanden ist. Sie gilt als die größte Gewerkschaft aus dem ehemaligen Ostblock. A.d.Ü.

[4] Der Trades Union Congress (TUC) ist ein Dachverband von Gewerkschaften in Großbritannien. A.d.Ü.

[5] Die Confédération générale du travail (CGT) (dt. Allgemeiner Gewerkschaftsbund) ist ein französischer Gewerkschaftsbund, der traditionell der Kommunistischen Partei nahesteht. A.d.Ü.

[6] Die Confédération des syndicats libres (CSL) war ein rechtslastiger Gewerkschaftsbund in Frankreich (1977-2002). A.d.Ü.

[7] Die Unión General de Trabajadores (UGT) ist eine spanische Gewerkschaft marxistischer Prägung. A.d.Ü.

[8] Comisiones Obreras (CCOO) ist eine der Kommunistischen Partei nahestehende Gewerkschaft. A.d.Ü.

[9] Viertel mit dem größten Freizeit- und Einkaufzentrum von Paris mit jährlich über 41 Millionen Kunden. A.d.Ü.

[10] So kommt es immer häufiger vor, dass Angeklagte mit einer Haltung der offenen Rebellion gegenüber dem Gericht auftreten, und den Anspruch der Richter und der Geschworenen, über sie zu urteilen, zurückweisen. Wir erinnern uns, wie 1984 in Paris zwei Personen, die in separaten Fällen für Überfälle angeklagt waren, nacheinander, zu Beginn derselben Sitzung des Schwurgerichts, abgelehnt haben, dass der abscheuliche Gerichtspräsident Gitesse über sie urteilt – derselbe, der während der vorigen Sitzung den Freispruch des nicht weniger abscheulichen Polizisten Evra veranlasste, Mörder zweier junger Autofahrer. Die Weigerung der Angeklagten hat für eine Verfahrenskrise im Schwurgericht der Region Seine gesorgt. Erst kürzlich haben die Brüder Ghellam einen schönen Skandal provoziert: „Zwei Brüder, die angeklagt sind, einen Überfall mit Geiselnahme begangen zu haben, und die am Montag und Dienstag vor dem Schwurgericht von Alpes-Maritimes erscheinen sollten, haben ihre Anwälte gleich nach der Eröffnung der Gerichtsverhandlung abgelehnt, und somit das Gericht gezwungen, den Prozess auf ein späteres Datum zu verlegen. Michel Ghellam (26 Jahre) und sein Bruder Roland (37 Jahre), die beschuldigt werden, am 9. Oktober 1980 einen bewaffneten Raubüberfall auf den Hauptsitz der Post in Antibes begangen zu haben, übten scharfe Kritik an der Justiz „der Reichen“, ihren eigenen Anwälten, „die diese verdorbene Justiz zum Leben brauchen, sie aber nicht anprangern“, den „Befehle befolgenden“ Journalisten und den Polizisten, die für ihre Überwachung verantwortlich sind und „nur auf eine Geste ihrerseits warten, um sie abzuknallen wie Kaninchen“. (Libération, 24.9.1985) Nach einer langen Unterbrechung der Sitzungen hatte das Gericht entschieden, zwangsweise zwei Anwälte zu bestimmen und den Prozess für den 7. Oktober anzusetzen. Daraufhin haben sie sich drei Wochen später geweigert, am Prozess teilzunehmen. Natürlich kann man sich ein solches Verhalten nur erlauben, wenn man für ein sehr großes Delikt angeklagt ist, oder ein sehr kleines: wenn man sehr viel zu verlieren hat, oder sehr wenig. Im Rahmen einer harmlosen Affäre hat eine Gruppe Punks aus Lyon es im Frühling 1985 geschafft, die Justiz lächerlich zu machen: da einer von ihnen wegen dem Diebstahl von Decken aus einem Schlafwagon der SNCF angeklagt war, haben seine Freunde im Saal ein Flugblatt verteilt mit dem Titel „Keine Gnade für Deckenklauer, hacken wir ihnen die Hände ab!“... Und dem Gerichtspräsidenten, der ihm gemeinnützige Arbeit vorschlug, hat der Angeklagte seine klare Ablehnung zu verstehen gegeben (schlussendlich hat er 15 Tage auf Bewährung erhalten): dies ist der erste uns bekannte Fall, wo jemand die Würde hatte, die gemeinnützige Arbeit zu verweigern. Vielleicht handelt es sich bei dieser Gruppe von Punks um dieselben, die die erfreuliche Initiative ergriffen haben, das Plakat „Du fric ou on vous tue“ (siehe Os Cangaceiros Nr. 1) [siehe S.xxx] in Lyon zu vertonen. Außerdem können wir auch noch an die Bewegung der massiven Forderungen nach vorläufigen Entlassungen erinnern, welche letztes Jahr in Lyon entstanden ist, die Richter in Verlegenheit und Panik versetzt hat und im September 1985 wieder zum Vorschein gekommen ist im Gefängnis von Baumettes in Marseille.2

[11] Association Syndicale des Prisonniers de France (ASPF): eine am 15. April 1985 im Gefängnis von Fleury-Mérogis gegründete Gefangenengewerkschaft, die dafür eingetreten ist, dass die Häftlinge sich zusammenschließen und sich selbst vertreten können. Im Dezember 1985 ist sie von der Gefängnisverwaltung zerschlagen worden. Am Ende ihrer kurzen Lebensdauer zählte sie 1700 Mitglieder aus über 35 Gefängnissen. A.d.Ü.

[12] Groupe d’intervention de la gendarmerie nationale (GIGN): eine 1973 gegründete Spezialeinheit der französischen Gendarmerie mit dem Einsatzschwerpunkt Terrorismusbekämpfung und Geiselbefreiung. A.d.Ü.

[13] Eine weitere Verarsche: bei den „Straferlassen“ handelt es sich im Grunde genommen um Ergänzungen der Haftstrafe, die man denjenigen aufbrummt, die das Maul zu weit aufreißen. Die Richter berechnen die Haftstrafe mittels der Begnadigungen: wenn sie wollen, dass ein Häftling mindestens neun Monate einsitzt, dann bekommt er ein Jahr.

[14] Dieses Medikament war in der Vergangenheit ein häufig verwendetes Mittel zum Selbstmord. A.d.Ü.

[15] Als QHS (Quartier de haute sécurité) bezeichnet man die Hochsicherheitstrakte in Frankreich und Belgien. A.d.Ü.

[16] Ganz besonders wollen wir die Aufmerksamkeit auf die unerträgliche Situation der Verurteilten richten, welche in den Isolationstrakten eingesperrt worden sind, oder die, wie Knobelpiess, immer noch dort eingesperrt sind, diejenigen, welche die Gefängnisverwaltung ganz besonders auf dem Kieker hat, um ihnen heimzuzahlen, dass sie sich dem Gefängnisregime niemals untergeordnet haben. Nennen wir noch den Fall von Charlie Bauer, der 1962 wegen Diebstählen zu 20 Jahren Freiheitsentzug verurteilt wurde. Nachdem er den Härtetest der Q.H.S. lange ertragen musste, wurde er 1976 auf Bewährung entlassen. Kurz darauf wird er zu fünf Jahren wegen Hehlerei verurteilt und somit erneut eingesperrt. Zusätzlich kommen dann noch die restlichen sechs Jahre seiner frühzeitigen Entlassung hinzu. Er wird erst 1990 wieder freikommen. Bauer kämpfte gegen die Q.H.S. und lernte dort Mesrine kennen, was die Gefängnisverwaltung ihm nicht verzeihen kann.

[17] Als Détenu particulièrement signalé (D.P.S.) werden Gefangene bezeichnet, die als gefährlich gelten und deshalb besonders strikten Kontrollmaßnahmen unterliegen. A.d.Ü.

[18] Einzig die Radiosendung „Parloir libre“ [Freies Besuchszimmer] auf „Fréquence Montmartre“ unterschied sich von all diesen Verfälschern, indem sie ehrlich über die Ereignisse berichtet und den scheußlichen Artikel der Dreckszeitschrift VSD so behandelt hat, wie er es verdiente.

[19] Seither haben wir von einem anderen Flugblatt erfahren, das sich ebenfalls deutlich auf die Seite der Revolte stellt und das von den „Prisonniers De La Démocratie“ [Gefangenen der Demokratie] verfasst und in ihrer 3. Broschüre reproduziert wurde.

[20] In Polen gibt es deren drei.

[21] Die Hooligans sind keineswegs alle neonazistische Skinheads, und alle Skinheads auch nicht gleich Neonazis. Allein diese kleinen Bazillen von faschistischen Skinheads des PSG [Paris SaintGermain Football Club] sind verantwortlich für ihre rassistischen Äußerungen und ihre neonazistische Ideologie.

[22] Tifoso (fälschlicherweise Tifosi, Plural) ist eine Bezeichnung für italienische Fußballfans. Abgeleitet wird das Wort von der Infektionskrankheit Typhus (Italienisch: tifo) und bedeutet soviel wie „am Fußballfieber leidend“.

[23] Union Syndicale des Journalistes Sportifs de France (USJSF): die 1958 gegründete Gewerkschaft der Sportjournalisten in Frankreich; 2008 umbenannt in Union des journalistes de sport en France (UJSF). A.d.Ü.

[24] Dabei handelt es sich um ein Wortspiel, das sich nicht ins Deutsche übersetzen lässt. Crotte ist Umgangssprache für Kot. A.d.Ü.

[25] Polar-isierung: das französische polar bedeutet Krimi. A.d.Ü.

[26] Pierre François Lacenaire (1800-18136) war ein französischer Verbrecher und Dichter. A.d.Ü.

[27] Assédic (Association pour l’emploi dans l’industrie et le commerce): Arbeitslosenversicherungskasse für Industrie und Handel. Im Jahr 2008 sind die Assédic und die ANPE (Agence nationale pour l’emploi; Arbeitsamt) verschmolzen und bilden seither den Pôle emploi; nationale Arbeitsvermittlung (Arbeitsamt). A.d.Ü.

[28] Während einem Prozess betritt Khalki (der vor gerade mal drei Wochen aus dem Gefängnis entlassen worden ist) den Gerichtssaal. Er befreit seine beiden Freunde, Courtois und Thiolet, über die gerade geurteilt wird. Sie schnappen sich den Richter, einige Gerichtspersonen und die Geschworenen. Dann fordern sie, dass Kameraleute in den Gerichtssaal kommen, damit sie sich öffentlich auslassen können über die Polizei, das Gefängnis, die „Justiz“, ihre Unschuld in diesem Prozess, über ihr Leben, das immer wieder durch das Gefängnis unterbrochen worden ist (sie haben zwei Jahre lang im Gefängnis auf ihren Prozess gewartet), etc. Sie ergeben sich zwei Tage später im Austausch gegen das Versprechen des Staats, dass Khalki in ein Land seiner Wahl ausgeflogen wird. Dieses Versprechen bricht der Staat und auch ein langer Hungerstreik von Khalki kann nichts an seinem Schicksal ändern. Diese Aktion der dreien löste große Sympathie aus bei den Proletariern in Frankreich. A.d.Ü.

[29] Siehe L’Incendie millénariste, S. 233-58

[30] Ein vielsagendes Beispiel: die 1891 in Manchester gegründete Arbeiterkirche hatte als einzige Funktion, die Arbeiter aus dem Norden dazu zubringen, einer unabhängigen Arbeiterpartei beizutreten. Gleich danach ist sie wieder verschwunden.

[31] Industrialism & Domestication, Black Eye Press, Berkeley, 1979

[32] Dem Justizministerium mangelt es wohl an Fantasie, um solch eine Dummheit von sich zu geben. Je mehr Gefängnisse gebaut werden, desto mehr Menschen werden eingesperrt! Diese Banalität hört man sogar aus den Mäulern von Gefängnisdirektoren. Die Überbevölkerung bringt eine fürchterliche Einengung mit sich, was ein weiterer Grund für die Revolten darstellt. Indem es die Häftlinge „rational“ in Kategorien aufteilt, gibt das Justizministerium vor, aus Gründen der Sauberkeit zu handeln – das wird bei jedem noch so kleinen Anlass ausposaunt –, doch in Wahrheit geht es nicht um humanistische Bestrebungen, sondern darum, die Ordnung aufrecht zu halten. Die freien Zellen warten auf neue Bewohner, das gilt ebenso für heute wie für die Zukunft. Das Justizministerium hat – wie es in der technischen Dokumentation zu lesen ist – sogar schon gefordert, die Ausrüstung unverhältnismäßig aufzustocken, um sich so auf eine zukünftige Überbevölkerung vorzubereiten.

[33] Die widerliche Demagogie diesbezüglich besteht darin, uns mit sogenannten lockeren Haftbedingungen vollzulabern, die angeblich wiederholte Ausbrüche begünstigen. Die Realität sieht leider ganz anders aus. Die Ausbruchsrate liegt bei 0,08% im Jahr; also im Durchschnitt 40 von den im Ganzen 48.000 permanenten Häftlingen. Nebenbei grüßen wir die 60 Ausbrecher, die den Wärtern vor kurzem entwischt sind.

[34] Von den Maßnahmen, die in diese Richtung gehen, erfährt man in den Dokumente von GTM oder bei der Lektüre der Pläne. Erwähnen wir zum Beispiel die exklusiv für Wärter reservierten Treppen.

[35] Zusätzlich zum Zugangskontrollsystem, das es ermöglicht, jede noch so kleine Bewegung zu kontrollieren, kommen in den Hauptgängen noch elektronische Anwesenheitsdetektoren hinzu. Diese werden nachts eingesetzt, um denjenigen, der an ihnen passiert, sofort auswendig zu machen und sogleich den Alarm im zentralen Informationsposten auszulösen. Draußen wird der Wehrgang mit Kameras überwacht und, zuzüglich zu der 6,5 Meter hohen Umfassungsmauer und den Wachtürmen, hat man oben auf der Umfassungsmauer einen sogenannten Erkennungsstacheldraht installiert, der, sobald man ihn berührt, den Alarm auslöst und die Kameraüberwachung im betroffenen Sektor aktiviert.

[36] Eine Art Vorsprung aus Beton, der als Überhang auf den Dächern befestigt wird. A.d.Ü.

[37] Somit ist die Widerstandskraft einiger Materialien oder Vorrichtungen sehr verschieden, je nach der Zone, in welcher sie verwendet wurden.

[38] Im Gegenzug zu dem, was sie glauben machen wollten, haben die Richter mit ein, zwei vorläufigen Freilassungen gegen die automatische Begnadigung der politischen Gefangenen demonstriert, und zwar nicht etwa, um eine Ungerechtigkeit anzugehen, sondern um ihre Unabhängigkeit und ihre Einsperrvorrechte zu schützen und zu verteidigen. Die trockene administrative Entscheidung, Naccache [tunesischer Aktivist] freizulassen, hat die elementare Hoffnung der Häftlinge – rauskommen – stark getroffen. Ihre Wut hat sogleich wieder gesprudelt. Ihre Bewegung gegenüber der raschen Bearbeitung der Affäre Naccache war eine direkte und simple Reaktion gegen eine verdammte Offensichtlichkeit: für uns steht keine Freiheit in Aussicht.

[39] Sie halten hier nur eine Stichprobe eines umfassenderen, vollständigen Dossiers in Händen, das demnächst großflächig verteilt werden wird.

[40] Sie werden sicherlich erfreut darüber sein, sehr geehrte Damen und Herren, dass wir sie ganz exklusiv darüber informieren, dass die Mauern einiger Anstalten nicht so stabil sind, wie sie den Anschein haben. Unsere Vereinigung hat dort zu Beginn der Bauarbeiten mit einer einfachen Methode experimentiert: Zucker in einem Verhältnis von eins zu tausend (also 1 Kilogramm Zucker für 1 Tonne Zement) verhindert das Erhärten des Betons, so dass dieser, wenn er einmal getrocknet ist, brüchig wird...

[41] Die deutsche Übersetzung von diesem Text wurde im Herbst 2010 als Broschüre veröffentlicht und für diese Gelegenheit noch einmal leicht überarbeitet. A.d.Ü.

[42] Dieser Text gibt meine persönliche Sicht zu diesem Thema wieder und obwohl ein Teil davon aus einer kollektiven Reflexion entsprungen ist, würden wohl einige der früheren Protagonisten meiner Ansicht nicht zustimmen. L.R.

[43] Obwohl wir dies natürlich als Teil des anhaltenden Kampfes gegen das Gefängnis betrachteten, hatte sich die Situation seit 1985 – dank einer Anzahl von Individuen und Gruppen – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Mauern verändert. Über die sporadisch ausbrechenden Unruhen hinaus, begann sich damals eine Bewegung zu organisieren, die sich z.B. in landesweiten Streiks der Gefangenen, Komitees von kämpfenden Gefangenen und öffentlicher Unterstützung, wenn Insassen wegen Rebellion vor dem Richter erscheinen mussten, manifestierte. Brillante kritische Texte wurden in Untergrundmagazinen der Gefangenen veröffentlicht. Diese Bewegung scheint heute ausgestorben zu sein.

[44] Einem der Minenarbeiter aus Yorkshire zufolge hatten die engagiertesten von ihnen dieselbe Erfahrung während der Streiks von 1984 bis 1985 gemacht: sie waren so vertieft in die tägliche Organisation von Streikposten und Blitzaktionen, dass sie keine Zeit mehr hatten, um über die allgemeine, auf dem Spiel stehende Perspektive zu diskutieren (in der Armee ist es nur den Generälen erlaubt, über Strategien zu sprechen). Jedoch hatten ihre Frauen in den Küchen Zeit und Bereitschaft für tiefgründigere Reflektionen.

[45] Ein gutes Beispiel dafür sind jene Hacker, die geheime Daten im Internet veröffentlichen, diese dadurch Millionen potenziellen Benutzern zugänglich machen und somit eine Nachrichtensperre unmöglich machen.

[46] Laut Behauptungen in Le Figaro im November 1990, an denen wirklich etwas dran sein konnte. Bereits 1983 schrieb ein gewisser X. Raufer ein Buch „über soziale Gewalt“, in dem er uns als eine Gruppe von verbitterten Halbintellektuellen bezeichnete, die begierig waren, Öl in jedes bestehende Feuer zu gießen! Zu jener Zeit, als die Polizeioperationen gegen uns begannen, war Raufer persönlicher Berater für Sicherheitsfragen von Pasqua, dem Minister für Inneres, der einmal versprochen hatte, die Subversiven mit Subversion zu bekämpfen.

[47] Für „tragische Banditen“, wie die Bonnot-Bande, die sich der Gesellschaft mit einer „live fast die young“ Haltung widersetzten, sah die Sache anders aus; was verständlich war in Anbetracht des Gemetzels, das nur kurze Zeit später mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges eintrat.

[48] Andrea war eine Kameradin der Cangaceiros, deren Kampf gegen Krebs im Endstadium in der von Os Cangaceiros veröffentlichten Broschüre „N’dréa“ (Februar 1992) beschrieben wird. Der englische Titel der Broschüre lautet „N‘Drea: One Woman‘s Fight to Die Her Own Way“.

[49] Das beste Beispiel dafür in Frankreich ist immer noch Jacques Mesrine.

[50] Im Oktober 1994 erwähnte ein französisches Magazin in Zusammenhang mit der Berichterstattung über zwei junge Anarchisten, die angeblich einige Polizisten und einen Taxifahrer in Paris erschossen hatten, Os Cangaceiros als weiteres Beispiel für „drohenden anarchistischen Nihilismus“.