Titel: Nichts anzubieten
Datum: 2016
Quelle: Dissonanz. Anarchistische Zeitung, Nr. 24, Zürich, 30. März 2016 (dissonanz-a [ät] riseup.net)

„Was wäre denn die bessere Lösung?“. „Aber wie wird in der Anarchie XY geregelt?“. „Wie könnte es denn besser funktionieren?“.

Es scheinen diese Fragen den Leuten, die sie stellen, höchst gewichtig vorzukommen. Man hat den Anspruch, dass, wer eine Veränderung vorschlägt, ja, dann noch die komplette Zerstörung des gegenwärtigen Systems anstrebt, auch einen Plan habe, wie es danach aussehen soll. Eine Utopie, schön ausgebaut zu einem Konzept, das den gegenwärtigen Vorstellungen von Funktionalität entspricht. Ansonsten reagiert man genervt auf die Kritik, die einem so unzweckmässig erscheint, bloss negativ, die keine Sicherheiten bietet.

Doch, auch ich kann mich auf die genau gleiche Ebene begeben. Ich frage euch: „was sind denn eure Lösungen?“. „Habt ihr denn überhaupt eine Lösung?“. Genausowenig! – – Oder, wollt ihr etwa behaupten, euer suhlen in der Resignation wäre eine Lösung? Eure Akzeptanz der Tatsache, dass es andere Leute sind, die über unsere Leben, unsere Zukunft bestimmen? Haben die, die eure Leben bestimmen, die ihr unterstützt und wählt, eine Lösung? Was für eine Lösung? Sich selbst einen Platz an der Sonne zu sichern vielleicht... Einen Platz, den ihr nicht kriegen werdet. Und ihr, resigniert, versucht im höchsten Fall noch irgendetwas “Gutes” zu tun, zu “helfen”, die Realität etwas erträglicher zu gestalten. Und als Zückerchen gibt es für uns einen derartigen Überfluss an Brot und Spielen, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat, und auch der soll uns ruhig halten – wenigstens können wir uns das Leben, das Abenteuer im Fernsehen anschauen...

Wir haben euch nichts anzubieten. Aber: ihr habt mir auch nichts anzubieten, ausser vielleicht ein Leben der Anpassung, Resignation und Unterwerfung. „Aber, uns geht es gut damit“... sagt ihr... Und ich glaub′s euch nicht! Oder vielmehr, ich stelle die Qualität von dem, was ihr “gut gehen” nennt, in Frage. Und natürlich, dafür habt ihr Psychologen, Therapeuten und Psychiater, die dieses “persönliche psychologische Problem” behandeln... Die Frage, was das Leben anzubieten hat, ist die, die wir aufwerfen. Nicht rein von einem abenteuerlustigen Blickwinkel her, auch wenn das Vegetieren, zu dem wir verdammt sind, natürlich auch einen massiven Mangel an Abenteuer bedeutet. Sondern einfach vom Anspruch darauf, nicht herumkommandiert, eingegliedert, ausgeschlossen, registriert, eingeschlossen, ausgebeutet, verkauft, gestresst und bevormundet zu werden. Vom Anspruch darauf, dass einem jedem Individuum sein Leben selbst gehört – und nicht dem Staat, der Gesellschaft und/oder dem Markt, abhängig von der Rendite, die es abwirft; dass es nicht auf eine Maschine reduziert wird, auf eine Ware, ein Produkt.

Woher nehmen wir das Recht auf diesen Anspruch? Wo uns das doch in Konflikt mit einer ganzen Gesellschaft bringt? Das reduzierte Leben scheint den meisten eine Selbstverständlichkeit. War es nicht immer so, seitdem die Geschichtsschreiber ihr Papier vollkritzelten? Ist dieser Anspruch nicht aussichtslos? Und deshalb haltet ihr euch die Nase zu, um den Geruch der Leichen in den Kellern der Gesellschaft nicht zu riechen, nicht darob zu kotzen. Deshalb nehmt ihr die Schlafmittel, um diesen Albtraum zu vergessen – und damit auch eure Träume... Deshalb konsumiert ihr die Ablenkung, um die Zukunft und die todeslangeweilige und trotzdem stressige Gegenwart zu vergessen. Hauptsache man lässt euch dabei in Ruhe.

In dieser Friedhofsruhe der lebenden Toten wird es als störend empfunden, überhaupt auf den Totengeruch hinzuweisen. „Das ist kein Friedhof, das ist das gute Leben“. Ja ja, die Arbeitsplätze, die zubetonierte Gegend, der Flachbildfernseher, Geldnot, die Nachrichten, der Strassenverkehr, der Bahnhof, das Amt, die Familie, das Altersheim, das Wochenende, die Bar, das Date, das Internet, die Überwachungskameras, der Wecker, das neueste Gadget, der Bürokratiekram, die Ferien, der Supermarkt,... das ist das Leben! Das gute Leben! Und das beste am ganzen: alle wissen, dass es die Welt zerstört, dass es auf den Buckeln und Leichen von Millionen errichtet wurde... „Was wäre denn die bessere Lösung?“

Wie gesagt, wir haben nichts anzubieten. Keine Lösung all der Probleme, die das, was wir vorschlagen, erzeugen könnte. Der Vorschlag, den wir in den Raum stellen, ist, alle Strukturen, die uns, wie andere, unterdrücken und somit der Möglichkeit eines freien Lebens berauben, anzugreifen und letztendlich aus der Welt zu schaffen. Wir wissen, dass wir damit auch eine ganze Reihe von Strukturen anvisieren, von denen unser heutiges, gewohntes Leben hier abhängig ist, seien es wirtschaftliche, politische oder technologische. Deshalb sagt ihr, müssten wir erklären, wie es anders gemacht werden kann. Ansonsten sei die Zerstörung der gegenwärtigen Ordnung wahnsinnig, ein Sprung in die Katastrophe. Deshalb haltet ihr euch dann doch lieber an die Zukunftsperspektiven der gegenwärtigen Ordnung. – Ernsthaft? Eine Ordnung, die selber gerade die höchst realen Lebensgrundlagen der menschlichen Spezies am vernichten ist? Die gerade auf der ganzen Welt Bürgerkriege und Massaker veranstaltet? – – Wirklich, wenn wir von Wahnsinn und Katastrophen reden wollen, dann bietet das höchstens noch mehr Gründe, von dieser Ordnung nichts als Ruinen übrig zu lassen.

Nun, wir wissen nicht, wie das Leben auf freien Grundlagen genau organisiert werden sollte. Wir wissen auch, dass diese Ungewissheit wohl nicht aufzuheben ist, ausser durch das Experiment. Aber, um ein solches Experiment durchführen zu können, muss eben die Freiheit erst erobert werden. Und, nur wenn Leute beginnen, andere Ansprüche zu stellen und diese auch geltend zu machen, wird es möglich, wirkliche Diskussionen über die konkreten Möglichkeiten der Befreiung zu diskutieren. Die Zukunft ist nur das, was sich vielleicht schon in der Gegenwart abzeichnet, wenn wir fähig sind, es umzusetzen. Die Befreiung beginnt da, wo wir uns die Gegenwart zurückrauben, wo wir eingreifen in den Ablauf der Dinge, zur Tat schreiten. Nur in den leider allzu seltenen Momenten, in denen der Staat die Kontrolle verliert, beginnen wir zu erahnen, welche Möglichkeiten uns die Freiheit bieten könnte. Eine leise Ahnung, die oft schnell vergessen ist wie ein Rausch.

Man mag uns vorwerfen, dass die Anarchie, so wie wir sie anstreben, nur verschwommen, zerstörerisch, negativ ist. Doch dies ist völlig logisch. Denn, wie sollten befreite Verhältnisse aus der Verfasstheit der gegenwärtigen gesellschaftlichen Beziehungen abgeleitet werden können? Da doch heute alle Beziehungen ökonomischen, staatlichen und moralischen Zwängen unterworfen sind? Und sich in einem mehr und mehr architektonisch abgesteckten, technologisch überwachten Freiluftgefängis abspielen...

Die mal verschwomm′neren mal klareren Erfahrungen der Revolte machen es uns immer unaushaltbarer, in dieser Gesellschaft weiterzuvegetieren, da wir gemerkt haben, dass sie angreifbar ist, das nichts einfach gegeben ist. Und deshalb gehe ich hier dazu über, euch zu kritisieren. Euch alle, die ihr glaubt, dass nichts verändert werden kann, alles gott... äh... staatgegeben ist. Kennt ihr den Geschmack der Revolte denn wirklich nicht, oder habt ihr effektiv einfach keinen Geschmack?

Wenn letzteres der Fall sein sollte, dann, wirklich, haben wir euch nichts anzubieten. Aber, solche Angebote, nach denen ihr sucht, gibt es wahrscheinlich auch im Supermarkt genug...