(Der folgende Text ist eine polemische Zuspitzung, mit dem ernsten Anliegen, auf Probleme in antiautoritären Gruppen aufmerksam zu machen, wobei keine Lösungsvorschläge mitgeliefert werden. Ich vermute, dass auch viele andere Antiautoritären ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass hierarchiefreie, basisdemokratische Prozesse möglich sind und auch produktiv sein können – für anarchistische Ansätze sind sie unumgänglich. Dazu müssen Vereinbarungen getroffen werden, eine kollektive Organisierung geschehen und das „Bockhaben“ Einzelner darf nicht die verbindliche Übernahme von durch die Gruppe definierte Aufgaben ersetzen. Das heißt selbstverständlich nicht, dass alle Aktivitäten in Gruppen durchzuführen sind.)

Allem vorangestellt sei, dass niemand gezwungen werden darf; dass niemand gezwungen werden darf, dies oder jenes tun zu müssen – sei es im Namen der Sache (stets bewusst unbestimmt gehalten, damit sie von Durchsetzungsstarken nach ihrem Gutdünken definiert werden kann), der Gruppe (auf die wir sozial und emotional angewiesen sind), der Ideale (auch wenn sie nicht so genannt werden) oder der Grundsätze (auch wenn oft geleugnet wird, dass es welche gibt und geben sollte). Im Gegensatz zu Verträgen die verpflichten und sich Dritter bedienen, um unter Androhung von Zwang eingehalten zu werden sind gemeinsame Vereinbarungen Definitionssache. Sie werden getroffen, sie können verändert und aus ihnen kann sich zurückgezogen werden. Aus ihnen sollte sich zurückgezogen werden, wenn sie dem Willen einer oder eines Vereinbarenden zutiefst widerstreben und sich keine Möglichkeit auftut oder sie verweigert wird, die Vereinbarung entsprechend anzupassen. Den Einzelnen muss ihr voller Wert, als den ganz bestimmten und wandelbaren Menschen zukommen, die sie sind. Ihre Anerkennung, ihr Bewusstsein, ihr Selbstrespekt speisen sich aus ihrer Fähigkeit und ihrem Recht Nein zu sagen und sich aus einer Vereinbarung zurück zu ziehen – möglichst begründet, möglichst ohne Groll, möglichst ohne die Anderen zu verletzen, möglichst in selbstkritischer Auseinandersetzung anstatt aus einer Affekthandlung heraus.

Ein Problem im undogmatisch-linken Gewabere ist, dass selten Vereinbarungen getroffen werden. Diese Haltung ist fatal, haben die Einzelnen doch jeweils ganz bestimmte Ansprüche, an die anderen und einen Gruppenzusammenhang. Die*der Antiautoritäre ordnet sich nicht unter – und sei es unter die Vereinbarung, welche in kollektivem Gruppenprozess gefunden wurde. Darum werden kollektive Gruppenprozesse zum Finden von Vereinbarungen soweit es geht gleich vermieden, schließlich würde das bedeuten, dass die Einzelnen jeweils Position beziehen und eigene Ansichten zu einem Thema entwickeln müssten. (Was freilich etwas ganz anderes ist, als irgendwelche Standpunkte nachzuplappern oder sich einfach denen anzuschließen, die charismatisch auftreten oder zu denen man sich hingezogen fühlt.)

Darin zum Ausdruck kommt ein sehr verschrobenes Verständnis liberaler Freiheit, bei dem niemand ins vermeintlich Eigene hineinreden soll. Übertüncht wird es mit den Reflexen der repressiven Durchsetzung von „Harmonie“, „achtsamen Umgang“, „angemessenem Redeverhalten“ und anderem. Sie speisen sich aus jener tief sitzenden Angst, vor den anderen unangenehm aufzutreten, möglicherweise irritierende, verstörende und unpopuläre Dinge zu sagen, bei Jüngeren gar als uncool zu gelten. Eine ziemliche Gradwanderung, fordert und honoriert das antiautoritäre Rudel doch gleichzeitig auch Initiative, vermeintlichen Eigensinn und markante Charakterzüge. Mit der falschen Annahme, ihnen auf diese Weise Geltung zu schaffen, werden gemeinsame Vereinbarungen also wo es geht vermieden. Wo sie getroffen werden, wird ihre prinzipielle Auflösbarkeit betont. Gemeint damit ist aber ihre Unverbindlichkeit. Wo jene nicht erwähnt wird, ziehen sich im Verlauf einfach verschiedene Einzelne aus ihnen kommentarlos zurück. Oder sie geben irgendwelche Gründe an, wobei die eigentlichen ihnen zumeist selbst nicht bewusst sind. Und die aufgrund der falsch verstandenen Freiheit, welche oft Beliebigkeit meint, auch nicht oft auch nicht bewusst gemacht werden.

Ein anderes, damit stark verknüpftes, Problem besteht darin, dass jede*r nur tun soll, worauf sie*er „Bock“ hat (Stichwort „Voluntarismus“). Hat eine Person keinen Bock auf eine Sache, kann er*sie ja auch schlecht dazu gezwungen werden. Trotzdem gibt es hier die Möglichkeiten der emotionalen Erpressung oder des wohlwollenden Einbindens oder des pseudo-ernstgemeinten „Nachfragens“. Damit hat sich’s aber auch. Schließlich wurden zumeist gar keine gemeinsamen und möglichst basisdemokratischen Vereinbarungen getroffen, geschweige denn gemeinsame Aufgaben definiert und diese kollektiv und gerecht verteilt. Was bleibt ist darum der Bock. Wenn jemand Bock hat, was zu machen, darf sie*er es gerne tun. Immer gerne, denn Initiative und selbständiges Engagement sind so wichtig. Ob das dann im Sinne der Anderen geschieht, in ihrem oder gar dem gemeinsamen Interesse oder ob es sie überhaupt interessiert – stellt sich dann meistens erst hinter her heraus.

Die Einen lassen sich also von der Gruppe mitschleifen, weil sie in ihr vorrangig ihre sozialen Bedürfnisse befriedigen (fast immer ohne, dass dies direkt zugegeben oder explizit ausgesprochen werden würde), weil sie durch Initiative, Klugscheißerei und das Lächeln anderer gehemmt sind und ihre Fähigkeiten unterschätzen, oder weil sie zu feige und in ihren Schädeln zu verstrickt sind, um etwas anzupacken, was nie ihren Perfektionsvorstellungen entspricht oder gar scheitern könnte. Die Anderen haben „Bock“: Sie beschreiben, wie die Lage im Allgemeinen und Speziellen aussieht (stets vergessend, dass es sich um ihre eigene Perspektive handelt, die sie den anderen unterschieben). Sie definieren, welche Aufgaben es (ihrer Meinung nach) objektiv zu tun gäbe und auf welche Weise (die sich ja nun mal bewährt hat) diese gelöst werden müssten. Sie tun dann so, als hätte es an diesem Punkt schon eine kollektive Meinungsbildung darüber gegeben und werfen die Frage auf, wer denn nun die Aufgabe übernähme – um sie letztendlich immer wieder selbst zu übernehmen.

Es ist klar, dass es sich hierbei nicht um einen basisdemokratischen Prozess für kollektive Vereinbarungen handelt, der die Einzelnen mit ihren jeweiligen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Ressourcen ernst nimmt oder überhaupt wahr nimmt. Unsäglicherweise wird genau die Haltung des Bockhabens für derart verfehlte Gruppenprozesse, die sich in der Regel sehr schnell einschleifen, als Voraussetzung angesehen. Auf Dauer führt zu Widersprüchen, wenn beispielsweise doch jemand Fragen nach Gleichberechtigung, dem „Klima“, der Effektivität, den eigenen Gruppenzielen oder des Fernbleibens einzelner Personen von der Gruppe, anspricht.

Damit wird dann verschiedentlich umgegangen. Manche bestehen darauf, dass alles so weiter laufen müsse wie bisher und wenn jemand keinen Bock hätte, dann sei’s nun mal so, denn ohne „Bock“ könne man nichts machen. Manche überlegen, wie sie es Einzelnen, denen „kein Bock“ zu haben unterstellt wird mit Argumenten zu überzeugen oder eher noch mit Leckerlis zu konditionieren, wenn sich Bock in Ansätzen zeigt. Manche sehen schon etwas weiter, weil sie das eh tun; weil sie (vielleicht aus purer Freude) eh immer alles – als „zwischenmenschlich“ Betrachtete – problematisieren (wahrscheinlich, weil es sooo „interessant“ ist). Sie schlagen dann zum Beispiel vor, mal „grundsätzlich über uns“ zu reden und sich dafür „soviel Zeit, wie es eben braucht“ zu nehmen, in der putzigen Annahme, dass sich „alle wohlfühlen“ sei das wichtigste auf der Welt. Am Ende wird dann viel geredet. Was ja menschlich immer so gut tut und so wichtig ist, denn es gibt ja so viel zu lernen, weil wir „sind ja alle in ner Gesellschaft groß geworden, wo wir das überhaupt nicht so erlernen können mit der Hierarchiefreiheit und der Achtsamkeit und deswegen is ja schon voll gut, dass wir da jetzt mal drüber reden“ und so weiter.

Nur Fragen nach eigener Organisierung, Strukturierung, und Modi der Vereinbarungsfindung der Ermöglichung ihrer verbindlichen Einhaltung werden penibel vermieden. Eher werden die beobachteten „Probleme“ vor Dritten ausgeweidet und im besten Fall noch eine Person herangezogen, die tolle Erfahrungen mit Gruppenprozessen hat, da voll sensibel ist und das klärende Gespräch moderieren würde. Nur sich mal hinzusetzen und die erste gemeinsame Entscheidung zu treffen (man könnte sagen: die Mutter aller Entscheidungen), nämlich jene, wie in der Gruppe künftig Vereinbarungen getroffen und ihre weitestgehend verbindliche Umsetzung abgesichert werden können, das geschieht nicht. Ebenso wenig, wie die darauf folgenden Vereinbarungen darüber, worin Inhalte der Gruppe bestehen, wie sie funktionieren, auf welche Zeit sie bestehen soll und letztendlich auch darüber, wer zu ihr gehören soll und wer nicht. Denn: dem liberalen, antiautoritären Bewusstsein scheint schon all dies ausschließend, unfreundlich, hierarchisch, zurichtend, mit Zwang behaftet und aus „unserer privilegierten Position heraus“ anmaßend zu sein. Insgeheim geht es ihm aber um die Angst, Abstriche von dem zu machen, was als „Freiheit“ missverstanden wird; es geht um den Unwillen kritisiert zu werden; die Anstrengung die Anderen als Einzelne und als Gruppe wirklich mitzudenken oder um die Vermeidung der Erkenntnis, dass die Gruppe vielleicht doch nicht nur Selbstzweck und zur Steigerung des Selbstwertgefühls der Einzelnen da sein, sondern auch tatsächlich die auch Ziele verfolgen müsste, unter deren Dach sie sich ursprünglich (zumindest offiziell) zusammen fand.

Und also – wenn sie sich nicht totdiskutiert, gestritten oder harmonisiert haben; wenn nicht zu viele klammheimlich oder mit knallender Tür gegangen sind, während andere ihren Leistungsfetisch pflegen – bleibt alles beim Alten: Irgendwelche einzelnen Leute haben Bock auf irgendwas, fangen es unabgesprochen und intransparent an, ob die anderen darauf Bock haben oder nicht, wobei sie sich einreden im Sinne der Gruppe zu handeln. Einige, die das Bedürfnis danach haben, bestimmen für sich und andere die Inhalte und Ziele der Gruppe und wer dazu gehören soll, wobei sie dauernd aneinander geraten, weil sie jene nie als kollektive, verbindliche Vereinbarungen einrichten. Manche wiederum setzen sich kaum oder gar nicht mit diesen Dingen auseinander, weil sie keinen Bock haben, sich an etwas völlig unbestimmten zu beteiligen, wo mehrere Einzelne gleich verschiedene Richtungen vorgeben und Ansprüche aufmachen wollen, die aber nie kollektiv gefundene sind. Enttäuschungen und Handlungsunfähigkeit sind die Folgen. Im besten Fall haben aber alle unheimlich viel am Gruppenprozess mit diesen tollen Menschen gelernt und werden es genauso in der nächsten Gruppe wiederholen.

(Wie zu Beginn erwähnt handelt es sich beim Text um eine polemische Zuspitzung und gezielte Überzeichnung. Das viele Gruppenprozesse trotz aller Schwierigkeiten auch funktionieren und wunderbares hervorbringen soll damit in keiner Weise in Abrede gestellt werden. Es ging um die Betonung der Wichtigkeit gemeinsamer Vereinbarungen und des Nachdenkens über hierarchiefreie Strukturen. Ebenfalls richtet sich der Text nicht gegen einen achtsamen Umgang miteinander und wäre falsch verstanden, wenn die Probleme bei den Einzelnen ausgemacht werden würden. Weiterhin ist die Unterscheidung zwischen Bock haben/keinen Bock haben logischerweise so einfach in der Realität nicht vorhanden. Damit sollte vielmehr eine verkürzte Wahrnehmung beschrieben werden, warum Einzelne Initiative ergreifen und sich Arbeit aufladen und andere kaum. Außerdem bin ich selbst überhaupt nicht frei von voluntaristischem Denken und individualistischem Handeln, was seine negativen Auswirkungen angeht, sondern muss selbst fortwährend hinzulernen und mich kritisch reflektieren.)