Titel: Mit der Ideologisierung des «Gefangenen» abrechnen
Untertitel: Um zu offensiven Perspektiven zurückzufinden
AutorIn: A Corps Perdu
Datum: Juli 2009
Thema: Gefängnis
Bemerkungen: Veröffentlicht in A Corps Perdu, internationale anarchistische Zeitschrift, Nr. 2, November 2009. Teil des Dossier "Eingeschlossen von allen Seiten".

Für Revolutionäre mag es trivial erscheinen einmal mehr auf die Frage des Gefängnis im engeren Sinne zurückzukommen. Unsere Erfahrungen und unsere Überlegungen sind besiedelt von Berichten jener, die dort in der Vergangenheit gekämpft haben oder Gefährten, die sich dort regelmässig aufhalten. Durch unsere Beteiligung an Kämpfen wir auch, dass der Schatten des Gefängnis für jene, die gegen die Macht in all ihren Formen kämpfen, eine permanente Bedrohung ist. Abgesehen von diesen Aspekten, die uns direkt betreffen, drängen die jüngsten Veränderungen des Gefängnis uns dennoch dazu, nocheinmal kurz auf diese Frage zurückzukommen.

Die massenhafte Inhaftierung als Verwaltungsform

Das Gefängnis ist in erster Linie ein expansives, immer komplexeres und umfangreicheres Instrument, das eine enorme Anzahl Individuen verschlingt; oft sogar jenseits der Taten, die sie begangen haben könnten. Wir leben in einer Zeit massiver Inhaftierungen, in der europaweit Baustellen für Gefängnisstrukturen aller Art aus dem Boden schiessen, während von einer Anzahl überbevölkerter Gefängnisse zu einer anderen, noch viel beträchtlicheren, übergegangen wird. Lasst uns klarstellen, dass es in diesem Prozess nicht bloss die reellen Mindestdauern der Langzeitstrafen sind, die in die Höhe schiessen (25, 30 Jahre und mehr), sondern, dass sich auch der Spielraum dessen, was erlaubt ist, verkleinert und sich die Liste der Delikte verlängert: Immer mehr Taten und Verhaltensweisen fallen unter das Strafgesetz, während die kleinen Strafen immer öfters Haft bedeuten. Kurzum, man endet immer öfters im Loch, nicht aufgrund von Taten, sondern aufgrund dessen, was man ist: Internierungszentrum, weil man die erforderlichen Papiere nicht besitzt, psychiatrische Anstalt, weil man «abnormales» Verhalten aufweist, Polizeigewahrsam, weil man arm ist, in einem Quartier, wo Tag und Nacht Sperrstunde herrscht, Gefängnis, weil man sich in einer unruhigen Situation verdächtig verhält, usw. Zur gleichen Zeit und um das Werk zu vollenden, büffeln ganze Armeen von fleissigen Soziologen und Juristen an «alternativen Strafen» herum, die ermöglichen das Gefängnis nach Hause zu bringen und somit die Anzahl Personen, die «für eine Strafmassnahme in betracht kommen» zu vergrössern.

Unter solchen Umständen wäre es eine zumindest beschränkte Behauptung, dass das exponentielle Anwachsen der Anzahl Menschen, die durch die Kerker des Staats gehen, automatisch an das Anwachsen einer Konfliktualität gebunden ist, die in Schach gehalten werden muss, oder, dass es sich um eine Präventionsmassnahme des Staates handelt, in Anbetracht kommender Unruhen. Es ist eine Methodes des Zwangs, gewiss, aber es ist auch eine Methode der Verwaltung und manchmal sogar der Produktion, die sich, sowie andere auch, in ständiger Umstrukturierung befindet.

Über die Verfeinerung der Folter

In unseren Demokratien, die so gerne Lektionen über Freiheit geben, funktionieren die Gefängnisse nach dem Abbild dessen, was draussen abläuft. Sie sind eine Waffe in den Händen der Mächtigen, die es ermöglicht, die Ausbeutung zu gewährleisten. Denn diese letztere beruht einerseits auf der Akzeptierung der Lohnarbeit, um an Geld zu kommen, oder sogar einer Zustimmung zu dieser besonderen Form von Arbeit und andererseits auf der Angst vor Bestrafung, die jegliche Aktivität betrifft, die ermöglicht der Gewalt der Lohnarbeit zu Entgehen; Angst auf einen Schlag das Wenige, das man angesammelt hat, zu verlieren, von seinen Angehörigen getrennt und eingesperrt zu werden. Die Kontrolle über die Körper und Geister dient ausserdem dazu, uns davon zu überzeugen, dass die kleinsten Fehltritte bekannt sind und Gefahr laufen böse zu enden. Dies verstärkt die Angst und neutralisiert die Neigung nach einer Revolte, die den simplen Protest übersteigen würde.

Auf gleiche Weise beruht die Gefängnisverwaltung ihrerseits auf der Integration der Norm und der Grad an Resignation bestimmt das Einschliessungsregime. Im Gefängnis – wo das Gefühl der brutalen Repression ausgeliefert zu sein stärker und die Kontrolle noch direkter ist – gehen diese Regime mit subtileren Mechanismen einher, die über den traditionellen Deal «du bleibst ruhig und wir lassen dich in Ruhe» hinaus gehen (die beiden Terme des Tausches, durchaus variabel in ihrer Geometrie, weiten sich natürlich über die Gesamtheit der Umgebung aus). Dies ist nichts Neues, in Berichten von Sträflingen aus aller Welt finden sich Beispiele von exemplarischen Strafen gegen Widerständige, während die Folgsameren auf die anderen Druck ausüben, damit alles «zum Besten» verläuft; die Praxis der Balance[1] kann dazu verhelfen, sich bessere Überlebenschancen zu sichern.

Ohne erneut auf die Reformen eingehen zu wollen, womit die Geschichte des Gefängnis gespickt ist, kann man feststellen wie sich, besonders in unseren Breitengraden, das Spiel von Zuckerbrot und Peitsche verfeinern konnte. Während sich die Zunichtemachungsmethoden perfektionierten, (auf die Einzelzelle und die Prügel folgten spezielle Isolationsregime, manchmal mit Entzug der Sinneswahrnehmungen…), hat auch das Gewähren von gewissen Verbesserungen, meistens als Reaktion auf Revolten und Meutereien, zur sozialen Befriedung innerhalb der Mauern beigetragen. Drinnen sowie draussen beschränkt sich die Kontrolle nicht schlicht auf die immer ausgeklügelteren Überwachungseinrichtungen. Sie beruht auch auf dem, was man zu verlieren hat und dringt noch viel tiefer in die Intimität eines jeden ein: Der Fernseher (abgesehen von der generelle Verdummung, die er induziert), die verschiedenen Drogen (unbeachtet der Verwüstung die sie bewirken), die sozial-medizinischen Untersuchungen oder die aktive Teilnahme am System – meistens durch Arbeit – um Hafturlaub oder vorzeitige Entlassung zu erreichen, sind ebenso Erpressungsmittel für gutes Verhalten. So tritt der Wärter in jenem Moment aus seiner strikten Rolle als Peiniger und Schlüsselträger heraus, wo er zu dem wird, der die Haftbedingungen etwas verbessern kann. Und zwar nicht weil gegen ihn gekämpft wurde, sondern weil sein Spielchen der tausend kleinen Privilegien mitgespielt wurde. So kommt es, dass man, durch das immer mehr an seinen Feind gebundene Einrichten des eigenen Käfigs, manchmal vergisst, dass je länger die Leine wird, desto enger sich auch das Halsband zieht.

Letztendlich hat auch die Erschaffung einer zunehmenden Zahl unterschiedlicher Statuten viel zum Zerfall von dem Bewusstseins einer Bedingungs- und Interessensgemeinschaft beigetragen, auch wenn dies nicht der einzige Faktor dafür ist. Auch hier ist das Gefängnis nichts anderes als das konzentrierte Abbild der Beziehungen, die draussen bestehen.

Wandel und Mythos des «Gefangenen»

Ohne weder die sozialen Beziehungen noch die Delinquenz von füher mystifizieren zu wollen, kann man doch nichts als die Ausbreitung der Warenherrschaft feststellen. Der grosse Erfolg des Kapitals liegt darin, dass es ihm innert dreissig Jahren gelungen ist, seinen Horizont totalitär zu machen. Im Knast wird dies oft betrauert als das «Verschwinden der alten Ethik» (Gefangene gegen Wärter, deliktgebundene Hierarchie, Verweigerung jeglicher Form von Balance) zugunsten eines Dschungels von Allianzen, doch in Wirklichkeit ist diese Feststellung eine viel weitreichendere. Die Spannung zwischen den Klassen, die erlaubte, dem Kapital eine Gegenzu entgegnen (im Allgemeinen basierend auf Gleichheit und Freiheit), hat sich in eine Rebellion gegen das Kapital, ausgehend vom Kapital verwandelt, diesmal jedoch mit seiner verschärften Reproduktion als einzige Möglichkeit. Ein Teil der Delinquenz, die sich früher inmitten einer starken sozialen Konfliktualität rund um den Produktionsapparat entwickeln konnte, ist im Wesentlichen Kommerz geworden und ist seither viel kompatibler mit den Erfordernissen der kapitalistischen Akkumulation, deren Werte sie reproduziert.

Es überrascht daher nicht, dass – im Gefängnis als auch sonstwo – die Händler, für die sich Komplizität in Handelsbeziehungen und Freundschaft in Zweckbeziehungen verwandelt haben, die Gewinn/Kosten-Logik übernehmen und bereit sind, an dem bestehende Dealersystem mitzuwirken.

In einer vermassenden und atomisierenden Gesellschaft, wo sich ein jeder mit der Ungewissheit konfrontieren muss, die mit der Enteignung in allen Bereichen des Lebens verbunden ist, ist es nicht weniger verwunderlich, dass sich die Lager immer mehr verfeinden und dass der Antagonismus immer mehr dazu tendiert ein Krieg aller gegen alle zu werden. Diese Kriegslogik stellt uns vor eine komplexe Situation: Menschen, die im sozialen Krieg gefangen wurden, jedoch vom Bürgerkrieg geprägt sind, in dem sie aufwuchsen und zu dessen Aufrechterhaltung von überall her beigetragen wird.

Natürlich sind die kriminellen Beziehungen, die über die Warenlogik hinausgehen, oder sich dieser entziehen nicht vollständig verschwunden, doch dafür muss in einem Rechtssystem, das sich nach dem Abbild des Übrigen gestaltet, immer teurer bezahlt werden. Hier verhandelt man seine Strafe mittels eines Anwaltes und verkauft sich einem Richter. In einem solchen Kontext kriegen jene, die gegen die Autorität revoltieren und im Knast landen oder jene, die Langzeitstrafen absitzen müssen und es schafften ihre Wut zu bewahren, die Veränderung der sozialen Beziehungen in voller Wucht zu spühren: Es wird nicht nur immer schwieriger Komplizen zu begegnen, oft werden sie auch isoliert durch die Gefängnisund durch anderen Häftlinge, die in ihnen eine potentielle Gefahr sehen.

Es geht hier selbstverständlich nicht darum, einstimmig mit der Macht zu behaupten, dass die Gefangenen schlimmer sind als andere (was absolut keinen Sinn macht), sondern darum, eine Umkehrung zu verhindern, die aus den Gefangenen auf eine homogene Weise Individuen macht, die zwangsläufig aufständischer sind als andere. Den Mythos des «rebellischen Gefangenen» über Bord zu schmeissen, bedeutet eine alte Vorstellung aufzugeben, nach der die Gefangenen an sich und als ganzes Subjekte sind, die dazu neigen Werte wie Emanzipation und Freiheit in sich zu tragen und das System radikal in Frage zu stellen.

Zweifellos sind im Knast Wut und Zorn präsent und verbreitet, ihr Ausdruck – wie radikal auch in seiner Form – trägt jedoch selten Inhalte und Perspektiven mit sich, die mit dem Bestehenden brechen. Im Allgemeinen stellt die Normalität der Herrschaft eine erdrückende Last dar (das Gewicht der Moral und der internen Hierarchien, die Befriedung, die dafür sorgt, dass nicht nach jedem Mord oder jeder Verprügelung eine Revolte ausbricht, und viel mehr noch, dass man nicht erkennt, dass es dabei um eine minimale Selbstverteidigung geht) und wenn in jedem Moment alles explodieren kann (sowohl beim Hofgang aufgrund einer Auseinandersetzung zwischen Gefangenen über Belanglosigkeiten, als mit den Wärtern bei den gewöhnlichen Streitereien während den Besuchszeiten) geschieht es oft, dass diese Explosion in alle Richtungen geht – was der Verwaltung sehr zu Gunsten kommt. Ganz wie in der Gesellschaft halt…

Jedes Zeitalter verwüstet seinen Käfig

Es geht also nicht darum, die Konfliktualität, die innerhalb sowie ausserhalb der Mauern bestehen kann zu leugnen, sondern darum, sich eher zu fragen, wie man diese verbreiten und vertiefen kann, als ihre Formen zu verherrlichen.

Der bedingte Reflex, der darin besteht, «die Gefangenen» bedingungslos zu unterstützen hat seine Grenzen bereits gezeigt, und zwar in dem Sinne, dass er die Widersprüche, die den Knast durchdringen verkennt und völlig ausklammert. Gelegentlich ist es vorgekommen, dass eine Solidarität mit kämpfenden Gefangenen auf sehr klaren Grundsätzen und Kontexten veranlasste, den eigentlichen Gefängnisrahmen zu übersteigen und die Gesamtheit der Gesellschaft und des System in Frage zu stellen, das die Gefängnisse nicht nur benötigt, sondern selbst zu einem geworden ist. Dennoch, sich auf diesem Terrain, das alle miteinschliesst zu bewegen, darf keineswegs darauf hinauslaufen, abzuwarten was dort innerhalb der Mauern passiert, oder darauf, sich vor eine hypothetische Gefangenenbewegung zu stellen, um das anzugreifen, was überall bereits das Gefängnis repräsentiert. Das immense Gefängnis begreifen und analysieren, worin wir uns alle befinden und dessen Mauern im Alltag spürbar sind, müsste dazu beitragen einen gewissen Aktivismus zu vermeiden, der aus dem Gefängnis ein künstlich vom Rest getrenntes Thema macht.

Die notwendige Solidarität mit Individuen, mit denen uns Affinitätsbande verbinden und derren Kampf gegen diese Welt wir teilen, ist etwas selbstverständliches, doch es wird komplizierter, wenn es darum geht, aufgrund von Taten, die uns interessant erscheinen, zu intervenieren, deren Motivation wir aber nicht kennen. Eine der Grundlagen für Solidarität könnte also darin bestehen, den Kampf wirklich gegen alle Gefängnisse aufzunehmen, angefangen bei unserem, und gegen die Welt, die es produziert. Denn zu Kämpfen, um alle Formen des Einschliessens zu zerstören ist heute nötiger denn je. Ausserdem können die praktischen Perspektiven, die dies öffnet – der Kampf gegen die Domestizierung der Körper und Geister und die Käfige, die uns von allen Seiten aufgezwungen werden – ermöglichen die falsche Trennung zwischen Innen und Aussen zu überwinden und dabei die Verbindungen zwischen den verschiedenen Einschliessungsformen zu machen, aber auch die Unterschiede, die sehr wohl Real sind, hervorzuheben: Zwischen dem, was die Herrschaft und die bestehende Ordnung stärkt und verfestigt und dem, was entgegen dem nach mehr Freiheit für alle strebt.

[1] «Balance» ist ein umgangssprachliches Wort für die Praktik, Leute den Wärtern oder Bullen auszuliefern, um sich selbst Vorteile zu verschaffen.