Titel: Worte an die Jugend
Untertitel: Prinzipien der Revolution
AutorIn: Bakunin, Michail
Datum: 1869
Bemerkungen: Internationale anarchistische Jugendflugschriften. I. Verlag "Junge Anarchisten Leipzig", 1923. Digitalisiert und bearbeitet (UE zu Ü usw.) von www.anarchismus.at anhand eines PDF der Originalbroschüre bei der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Zum Geleit

Lebendig und neu ersteht vor uns eine vor mehr als fünfzig Jahren erschienene Flugschrift. Die ganze Bakunistische Willenskraft strömt daraus hervor - eine Epoche heißen Kampfes wird durch sie erhellt. Der Anfang jener Periode, die Bakunins größte und stärkste internationale Tätigkeit darstellen. Die Wirksamkeit in der spanischen und italienischen Internationale hatten in jenen Jahren seine ganze Kraft entfaltet, und diese seine gradlinige ungebrochene Anschauung hat heute einen doppelten Wert. Gleichzeitig ist diese Flugschrift ein historischer Markstein, obwohl heute der Anarchismus sich weitere Bahnen gesteckt hat. Womit aber Bakunin sicher einverstanden wäre, denn dieses Weiterschreiten, das Entwickeln des geistigen Horizontes, woraus dann in größerer, stärkerer Form das Handeln entspringen muß, war Bukunins Wesen, Sagt ja sein Freund Bjelinski: "daß das ewig bewegende Prinzip, welches in der Tiefe seines Geistes lebt" das unvergängliche und alle Mängel überwiegende ist.

Diese nimmer ruhende, schaffende Kraft hat ja seitens Caussidiere in der französischen Revolution im Februar 1848 zu folgendem Ausspruch verleitet: "Welch ein Mensch, welch ein Mensch, am ersten Tage der Revolution ist er einfach unbezahlbar, doch am nächsten muß man ihn füsilieren".

Und diese seine Eigenschaft ist für uns heute nicht nur ein historisches antiquarisches Hervorkramen, sondern wir erblicken in diesen Elementen die Garantie für die Revolution, die Gewähr dafür, daß ein Verkalken nicht stattfinden kann. Marx scheint diesen berüchtigten Utin, dessen Schrift man heute in Rußland wieder auflegt, um den Anarchismus zu nichte zu machen, auch nur deswegen beauftragt zu haben, Bakunin unschädlich zu machen, weil er fürchten mußte, daß jene nie ruhende geistige, mit dem Handeln identisch verbundene Willenskraft seinen Dogmen gefährlich werden könnte. So wie heute die Sozialdemokratie mit den Kommunisten gegen die Anarchisten darin einig ist: verbreitet über sie Lügen, "immer feste druff".

Hatte sich Bakunin in wissenschaftlicher Hinsicht auch viel an Marx gehalten: er lobt seine Schriften, sein Kapital, so hat er sich andererseits doch selbst nie von solchen Floskeln, die ein Evangelium sein wollten, leiten lassen. Er hat es allerdings unterlassen, in dieser Beziehung selbst Untersuchungen zu machen, die der Antipode des Marxismus gewesen wäre. Wie ja seine ganzen Schriften nicht den dozierenden, lehrhaften Charakter haben, sondern wie Gustav Landauer sagt: "Sie sind so fragmentarisch wie das Leben selbst".

Dieses ist vielleicht auch ein Anlaß mit dazu gewesen, seine Schriften nicht in Sammelwerken herauszugeben, wie man das frühzeitig mit der Marx-Literatur getan hat. Darum sind seine Sachen in Deutschland auch so wenig bekannt. Ist doch seine vorliegende Flugschrift nur bisher einmal in Deutschland in wenigen Exemplaren vorhanden gewesen. Das deutsche Proletariat hat leider nie diesen treibenden Geist aus eigenen Quellen schöpfen können. [Endlich hat man aber im Verlag "Der Syndikalist" mit der Herausgabe seiner Werke begonnen.] Trotzdem also seine Schriften nicht in dem Maße verbreitet waren, wie die übrige sozialistische Literatur, erblickte er in der leidenschaftlichen Wollensrichtung den Hauptweg und nicht in den Büchern akademischer Abhandlung. Sein Wesen war selbst Richtung genug! - "Ich bin ein fanatischer Liebhaber der Freiheit, die ich als das einzige Milieu betrachte, in welchem Intelligenz, die Würde und das Glück des Menschen sich entwickeln und vergrößern können - ich bin ein leidenschaftlicher Sucher der Wahrheit."

Der Marxismus schwört aber auf das Buch der Bücher: Die "Marx-Bibel". Daß solches der gesamten Wissenschaft überhaupt widerspricht, scheinen jene Helden nicht zu wissen, oder sie besitzen dieselbe Starre und denselben Unsinn der Christen - sie glauben ihrer Bibel, auf die alle Sekten schwören. Die Entwicklung der kommenden Dinge wird übrigens zeigen, daß die Anwendung von Bibellehren das wahrhaft pulsierende Leben erdrückt. Hier scheint auch die Bedeutung der Bakuninschriften einzusetzen, wenn die Geschichte nicht selbst solche Menschen wieder gebiert.

Kautzkyanismus, Bernsteinianer, Leninistische und andere Sekten werden die Bedeutung des Anarchismus für die Entwicklung nicht streichen können. Insbesondere die Kommunisten haben in ihren Schriften ihm eine diesbezügliche Anerkennung nicht absprechen können. Sie werden noch mehr anerkennen müssen, denn die Bakuninschen Elemente sind Attribute des wahrhaften Lebens selbst.

Die Jugend, die die Weite des Lebens in viel intensiverer Form spürt, wird den Verkalkungsprozeß sich allein wissenschaftlichdünkender absolutistischer Floskeln nicht mitmachen.

Die Jugend muß einsehen, meint Bakunin, daß das Handeln des wollenden Lebens die Hauptmomente des Sozialismus sind. Wenn aber heute die Handlungen der Anarchisten andere sind als die vor fünfzig Jahren - so handeln wir dennoch in seinem glänzenden nie gebrochenen Geiste: Denn Schaffen des Neuen, Bauen der eigenen Werte des Proletariats, nach selbstverständlicher Vernichtung des Alten, ist das Testament dieses unsterblichen in uns wirkenden Revolutionär.

Sein nie Ruhendes, Wühlend-Schöpferisches - sei unser, der Jugend Weg und Ziel.

Leipzig, 7. Mai 1923

Johannes Stein

Michael Bakunin - Worte an die Jugend

Wir verstehen unter Revolution eine radikale Umwälzung, eine Ersetzung aller Formen des zeitgenössischen europäischen Lebens, ohne Ausnahme durch neue, ihnen gänzlich entgegengesetzte.

Sind alle vorhandenen Formen schlecht, so können neue erst dann entstehen, wenn keine einzige von der Vernichtung verschont geblieben ist; das heißt völlig neue Lebensformen können nur aus dem vollkommenen Amorphismus[1] entstehen.

Im entgegengesetzten Falle, das ist, wenn einige alte Formen oder selbst nur eine unversehrt bleiben sollte, würde dadurch ein Keim der früheren Formen und die Möglichkeit zurückbleiben, daß dieser sich in der Zukunft üppig entfaltet. Mithin würde die Veränderung nur eine vermeintliche und provisorische sein und umsonst würden Opfer und Blut vergeudet werden, um deren Preis man diese Veränderung errungen.

Solche vermeintlichen Veränderungen pflegten bis jetzt in allen Ländern nur von der niederträchtigen vornehmen Welt bewerkstelligt zu werden. Die Anhänger des Staatstums hüllten sich in ein oder das andere liberale Flittergewand, führten durch ihre trunkenen Reden die Volksmassen in den blutigen Kampf; nach dem Siege aber, inmitten der Haufen der für die angebliche Freiheit Gefallenen, errichteten sie neue Galgen und Blutgerüste, auf welchen sie ihre verschont gebliebenen Revolutionsbrüder hinrichteten und auf diese Weise die früheren drückenden Verhältnisse wieder herstellten. Immer pflegten ehrgeizige Leute die Unzufriedenheit und den Zorn des Volkes zur Befriedigung ihres Ehrgeizes zu benutzen. Im Anfange revolutionär und demokratisch, pflegten sie zuletzt Despoten zu werden, und das jeder Organisation bare, preisgegebene Volk wich stets den dichtgedrängten Heeresmassen, und so hat es noch nie eine echte Revolution gegeben. (Freilich kann es eine solche bei einem Volke nicht geben, zwar kann sie in bloß einem Lande ausbrechen, doch zuletzt muß sie von allen Völkern zu Ende geführt werden.)

Zu einer echten Revolution sind Personen erforderlich, und zwar nicht solche, die an der Spitze der Volksmassen stehend, über sie gebieten, sondern solche, die, unter der Menge selbst unbemerkt verborgen, ein vermittelndes Glied zwischen den Volksmassen sind und so der Bewegung unmerklich ein und dieselbe Richtung, einen Geist und einen Charakter verleihen. Nur diesen Sinn hat die Leitung einer geheimen vorbereitenden Organisation, und nur in Bezug darauf ist sie notwendig.

Die Leiter einer echten Volksrevolution zeigen sich, sobald sie das Leben dazu vorbereitet hat, durch Handlungen, schließen sich eng aneinander an und organisieren sich während des Verlaufes der Sache selbst.

Nicht selten hat die lange unterirdische Arbeit, die von der wirklichen Tätigkeit getrennt ist, die Reihen durch unzulängliche Personen ausgefüllt, die beim ersten Andrange stets den Umständen wichen. Je näher die Zeit der echten Volksbewegung heranrückt, umso seltener findet eine Spaltung zwischen Gedanken und Sache statt. Die von den Revolutionsideen durchdrungenen, unmittelbar vor der Umwälzung lebenden Generationen bergen in ihrer Mitte Personen, welche die Zerstörungswut nicht in sich unterdrücken können und die noch vor Ausbruch des allgemeinen Kampfes schleunigst den Feind ausfindig machen und, ohne zu denken, ihn vernichten.

Zuerst gleichsam als Ausnahmefälle, die von den Zeitgenossen als Handlungen des Fanatismus oder der Wut bezeichnet werden, müssen sie immer mehr und mehr in verschiedenen Formen wiederkehren, um dann gleichsam zu einer epidemischen Leidenschaft der Jugend zu werden, und sich schließlich in einen allgemeinen Aufstand zu verwandeln. Dies ist der natürliche Weg.

Die Vernichtung hochstehender Personen, in denen die Regierungsformen oder die Formen der ökonomischen Zersetzung sich verkörpern, muß mit Einzeltaten begonnen werden. Weiterhin wird diese Arbeit immer leichter werden; in demselben Maße, in dem die Panik in der Gesellschaftsschicht um sich greifen wird, die dem Untergang geweiht ist. Taten, zu denen Karakasow, Beresowski u.a. die Initiative ergriffen haben, müssen sich beständig häufen und vermehren und zu Taten von kollektiven Massen werden, wie die der Kameraden von Schillers Karl Moor. Doch muß mit jenem Idealismus aufgeräumt werden, der es verhinderte, daß man nach Gebühr handle; er muß durch grausame, kalte, rücksichtslose Konsequenz ersetzt werden. Alle derartigen kollektiven Taten der Jugend müssen durch den Zufluß empörter, nichts schonender Volkskräfte rasch und immer mehr einen Volkscharakter annehmen.

In Bezug auf die Zeit enthält der Begriff Revolution zwei gänzlich verschiedene Tatsachen: Den Anfang, die Zeit der Zerstörung der vorhandenen sozialen Formen und das Ende, den Aufbau, das heißt die Bildung vollkommen neuer Formen aus diesem Amorphismus. Entsprechend einer jener altersschwachen klassischen Wahrheiten, daß der Anfang keineswegs das Ende sei, wenn er auch unmerklich in dieses überginge, ist die Zerstörung keineswegs ein Aufbau und mit ihm unvereinbar.

Die Dilettanten und die Philister der Wissenschaft, die satten Grübler der guten alten Zeit, schrieben im Kampfe mit den Ideen der allgemeinen Revolution langatmige Abhandlungen über ein und dasselbe Thema: "Ohne einen streng ausgearbeiteten Plan des Aufbaus darf man nicht zerstören". Es scheint mithin, daß sie vergessen hatten, daß alle die edlen, heiligen Menschen die von der Idee eines neuen Lebens beseelt waren und auf friedlichem Wege dem Bestehenden versuchsweise bessere Formen geben wollten, überall verfolgt, geächtet und mannigfachen Leiden und Qualen ausgesetzt waren; ferner, daß wir erst nach Millionen von Opfern zur Überzeugung gelangt sind, daß man eine gewaltige Umwälzung, ein Kampf auf Leben und Tod zwischen den Genießenden und den Unterdrückten die entstellte Welt erneuern könne ...

Unser erstes ist der Kampf, kalter, erbitterter Kampf; unser Ziel ist die vollständige Zerstörung aller beengenden Bande. Ich spreche nicht von den Lügnern von Profession, den niederträchtigen Feiglingen, den Lakaien des Despotismus, die gemietet sind, in Literatur und Wissenschaft die bestehende Ordnung zu verteidigen. Wir kennen auch solche, die aufrichtig Pläne zu einem besseren Leben aussinnen. Sie wissen gut, daß man für keine Änderung, die der Regierung nicht gefällt, ihre Zustimmung erlangen kann. Sie wissen, daß die Vorteile der Regierung denen des Volkes diametral entgegengesetzt sind; sie begreifen, sie wissen daß man mit Gewalt alles nehmen müsse ... Dennoch ersinnen sie solche Pläne, der Teufel weiß, für wen und wozu. Da sie ihr Material aus den bestehenden widerwärtigen Verhältnissen schöpfen, so ist das Resultat stets dasselbe - ekelhaftes Zeug. Jahrzehnte, Jahrhunderte hindurch pflegten diese dummen Leute ihren Wanst mit der Habe des Volkes vollzupfropfen und nur dummes Zeug auszusinnen.

Sie haben ganze Bände geschrieben, mit diesen Bänden werden Bibliotheken angelegt, die Jugend las sie und das Gelesene wurde wieder auf Papier geworfen. So hat unsere Zeit einen Haufen der verschiedensten Rechte des Menschen-Sklaven geerbt, einen Haufen philosophischer Systeme des abergläubigen Menschen. Systeme, von denen das eine aus dem andern entstand und eines das andere verzehrte und so weiter, und dies alles nennt sich Wissenschaft... Abscheulich ...

Die italienischen Bauern verstehen jetzt, die echte Revolution ins Werk zu setzen: sie verbrennen alle Papiere, sobald sie sich einer Stadt bemächtigen. Eine solche Vernichtung muß überall stattfinden. Wir sagen: eine vollständige Zerstörung ist unvereinbar mit dem Aufbau und daher muß sie absolut und ausschließlich sein. Die jetzige Generation muß mit der echten Revolution beginnen. Sie muß mit der völligen Veränderung aller sozialen Lebensbedingungen beginnen, das heißt, die jetzige Generation muß alles Bestehende ohne Unterschied blindlings zerstören, in dem einzigen Gedanken: "möglichst rasch und möglichst viel". Und da die jetzige Generation selbst unter dem Einfluß jener verabscheuungswürdigen Lebensbedingungen stand, welche sie jetzt zu zerstören hat, so darf der Aufbau nicht ihre Sache sein, die Sache jener reinen Kräfte, die in den Tagen der Erneuerung entstehen. Die Abscheulichkeiten der zeitgenössischen Zivilisation, in der wir aufgewachsen, haben uns der Fähigkeit beraubt, das Paradiesgebäude des zukünftigen Lebens aufzurichten, von dem wir nur eine nebelhafte Vorstellung haben können, indem wir uns das dem bestehenden ekelhaften Zeug Entgegengesetzte denken!

Für Leute der bereits begonnenen praktischen Revolutionssache halten wir jegliche Betrachtungen über diese nebelhafte Zukunft für verbrecherisch, da sie nur der Sache der Zerstörung als solcher hinderlich sind, den Gang des Anfanges der Revolution aufhalten, dadurch also ihr Ende in die Ferne rücken. Bei einer praktischen Sache ist dies eine nutzlose Geistesschändung, eine Selbstbefleckung der Gedanken. Wir müssen uns also auf Grund des Gesetzes der Notwendigkeit und strengen Gerechtigkeit ganz der beständigen, unaufhaltsamen, unablässigen Zerstörung weihen, die so lange crescendo wachsen muß, bis nichts von den bestehenden sozialen Formen zu zerstören bleibt.

Nicht die Konspiration ist unsere Aufgabe, sondern der tatsächliche Kampf vom ersten Schritte an. Alles, was für die Sache der Erneuerung des russischen Landes[2] von Nutzen ist, erwächst aus diesem Kampfe. In dem Maße, in welchem der Kampf wächst, werden auch unsere Kräfte wachsen. Daher die Abneigung gegen Trägheit, bei wem und worin sie sich auch äußert. Wir müssen mit allen Mitteln diesen verderblichen sozialen Schlaf stören, diese Eintönigkeit, diese Apathie! Wir glauben nur denjenigen, die ihre Ergebenheit für die Revolutionssache durch die Tat äußern, ohne Folter oder Kerker zu fürchten, daher verwerfen wir alle Worte, denen nicht die Tat auf dem Fuße folgt. Wir haben jene zwecklose Propaganda, die zur Verwirklichung der Revolutionsziele sich weder an die Zeit noch an den Raum hielt, nicht mehr nötig! ... Sie ist uns vielmehr hinderlich und aus allen Kräften werden wir ihr entgegenwirken! ... Wir wollen, daß jetzt nur die Tat das Wort führe, wir wollen nicht, daß sich der Geist im eitlen Geschwätz vernichte, daß der Ton der Polemik, der Eifer in der Presse die Charaktere schände, neue Schwätzer hervorbringe und die Aufmerksamkeit auf leeres Zeug ablenke, die sich jetzt auf richtigere Dinge konzentrieren muß. Alle die Schwätzer, die dies nicht begreifen sollten, werden wir mit Gewalt zum Schweigen bringen! ...

Wir zerreißen alle Bande mit den politischen Emigranten, welche nicht in die Heimat zurückkehren wollten, um sich in unsere Reihen zu stellen, und, solange diese Reihen noch unsichtbar sind, auch mit allen denjenigen, die nicht dazu beitragen wollen, daß diese Reihen öffentlich auf der Bühne des russischen Lebens auftreten. (Eine Ausnahme ist nur für jene Emigranten erlaubt, welche sich bereits als Arbeiter der europäischen Revolution betätigt haben!)

Wir wenden uns jetzt zum ersten- und letztenmal an alle oppositionellen Elemente im russischen Leben und fordern sie zur sofortigen praktischen Tätigkeit auf. Sie mögen sich im Kampfe allen den Ihrigen zu erkennen geben und im Namen der Sache und in ihrer Tätigkeit sich ihnen anschließen.

Wir werden keine Wiederholungen und Aufrufe mehr erschallen lassen. Wer Ohren und Augen hat, wird die Kämpfenden sehen und hören, und wenn er sich ihnen nicht anschließt, so werden nicht wir es sein, die an seinem Untergang schuld sein werden, ebensowenig wie daran, daß alles, was sich aus Feigheit und Niedertächtigkeit hinter den Kulissen versteckt, mit diesen Kulissen erbarmungs- und schonungslos zerschmettert werden wird.

Wenn wir auch keine andere Tätigkeit als die Sache der Zerstörung anerkennen, so sind wir dennoch der Meinung, daß die Formen, in denen diese Tätigkeit sich äußern mag, außerordentlich mannigfaltig sein können. Gift, Dolch, Schlinge und dergleichen! ... Die Revolution heiligt alles in diesem Kampfe in gleicher Weise. Das Feld ist also frei! ... Die Opfer sind von der unverhohlenen Volksempörung bezeichnet! Mögen also alle ehrlichen, frischen Köpfe sich nach jahrhundertelanger Schändung zur Erneuerung des Lebens aufraffen. Mögen die letzten Tage der sozialen Blutegel trübe sein. Jammergeschrei der Angst und Reue wird in der Gesellschaft ertönen.

Die lumpigen Literaten werden lyrische Töne anschlagen. Sollen wir darauf achten? Mitnichten. Wir müssen gleichgültig gegen all dieses Geheul bleiben und uns mit den dem Untergange Geweihten in keinerlei Kompromisse einlassen. Man wird es Terrorismus nennen. Man wird ihm einen tönenden Spitznamen geben. Nun wohl, uns ist es gleichgültig. Wir scheren uns nicht um ihre Meinung. Wir wissen, daß kein einziger in ganz Europa ein ruhiges bürgerliches Leben lebt, und daß kein einziger ehrlicher Mensch uns, ohne heucheln zu müssen, einen Vorwurf machen kann.

Von der zeitgenössischen Literatur, die aus lauter Denunziationen und Schmeicheleien besteht, von der käuflichen Literatur dürfen wir nichts als Abscheulichkeiten und Geklatsch erwarten. Die Interessen der zeitgenössischen realen Wissenschaft sind die Interessen des Zaren und des Kapitals, denen sie ausschließlich dient, ausschließlich, weil bis jetzt keine einzige Entdeckung im Volksleben zur Anwendung kam; alle Entdeckungen werden entweder von den großen Herren, Dilettanten und Schacherern ausgebeutet oder zur Vermehrung der militärischen Macht angewandt.

Die ganze Erfindungsgabe der Studierenden wird nicht auf die Bedürfnisse des Volkes gerichtet. Daher sind auch die Interessen dieser realen Wissenschaft nicht die unsrigen. Brauchen wir denn noch von der sozialen Wissenschaft zu sprechen?

Wem sind nicht Dutzende teurer Namen bekannt, die nach Sibirien oder sonstwo in die Verbannung gingen, weil sie mit dem ehrlichen Wort der warmen Überzeugung die Menschenrechte wieder herstellen wollten. Ihre feurigen, Glauben und Liebe atmenden Reden wurden von der rohen Gewalt erstickt.

Die jetzige Generation muß selbst eine schonungslose, rohe Kraft schaffen und unaufhaltsam den Weg der Zerstörung gehen. Der gesunde, unverdorbene Verstand der Jugend muß begreifen, daß es bedeutend menschlicher ist, Dutzende, ja Hunderte von Verhaßten zu erdolchen und zu ersticken, als im Verein mit ihnen sich an systematischen, gesetzlichen Mordtaten, an dem Quälen und Martern von Millionen von Bauern zu beteiligen, woran unsere Tschinowniks, unsere Gelehrten, unsere Popen, unsere Kaufleute, mit einem Worte, alle Leute vom Stande, welche, die zu keinem Stande Gehörigen unterdrücken sich mehr oder minder unmittelbar beteiligen! ...

Mögen also alle gesunden, jungen Köpfe sofort an die heilige Sache der Ausrottung des Bösen, der Läuterung und Aufklärung der russischen Erde durch Feuer und Schwert gehen und sich brüderlich mit denen vereinigen, die dasselbe in ganz Europa tun werden.

Genf 1869

Michel Bakunin

[1] Aus der völligen Ertötung

[2] Des deutschen Landes ebenfalls (Herausgeber).