Titel: Thesen über den Rassismus
AutorIn: Machete
Datum: November 2008
Thema: Rassismus
Bemerkungen: Von Les Amis de Nemesis. Entwendet und verändert in der italienischen Zeitschrift Machete, nr. 3, November 2008. Auf Deutsch zuerst veröffentlicht in Grenzenlos - Anarchistische Zeischrift, nr.1, Juli 2011, Zürich.

I

Der Rassismus ist gegenwärtig die einzige Diskrepanz, die vom politischen Spektakel zugelassen wird: er ist also, auf eine in der Praxis bestätigte Weise, zu einem rein spektakulären Thema geworden. Seine monopolhafte Stellung innerhalb der falschen Debatten ermöglichte die Beseitigung jeglicher wirklichen sozialen Frage, indem er sie alle ersetzte. Er repräsentiert fortan die Debatte in einer Epoche ohne Debatte. Er simuliert die Kritik in einer Epoche ohne Kritik. Er ist zu einem besonders geschätzten Ersatz des Denkens geworden, angesichts dessen wirklichen Verschwindens.

II

Der Rassismus ist schon immer eine vergiftete Sache gewesen, unweigerlich dazu erkoren, Träger und Übermittler des falschen ideologischen Bewusstseins zu sein. Denn der Rassismus bestimmt im Allgemein die Position jener, die sich ihm entgegenstellen, und somit sehen sich auch seine Feinde dazu verleitet, sein Spiel zu spielen. Der Dummkopf, der auf einen Schwarzen los geht, weil er schwarz ist, ermutigt durch das Exempel einen anderen Dummkopf, der den Schwarzen in Schutz nehmen wird, weil er schwarz ist. Auf diese Weise verschwinden alle wirklichen Beurteilungsfaktoren eines Individuums zu Gunsten einer leeren formalistischen Opposition, und enthält und beherrscht – im tatsächlichen und im übertragenen Sinne – die rassistische Position die antirassistische. Den Schwarzen bleibt nur noch, das Delirium zu vollenden, indem sie die Anderen als «dreckige Weisse» behandeln und wohl noch rassistischer werden, als die Weissen. Der Antirassismus war selten, äusserst zaghaft und nur in Theorie allgemeingültig; in der Praxis hingegen gestaltet er sich weitläufig nach dem amerikanischen Modell, welches sich in einer schmutzigen Ausgeglichenheit zwischen Rassismen äussert, die scheinbar fähig sind, sich untereinander als Rassismen zu tolerieren. Die Wirklichkeit ist nicht mehr relevant, wie beispielsweise die unsagbare Grobheit im Umgang, die gewisse Linke unter den Migranten mit dem Vorwand zu rechtfertigen neigen, dass diese «kulturell bedingt» sei; und die endlos und unausbleiblich die rassistischen Proteste nährt. In einem derart verzogenen Kontext ist der Antirassismus nicht mehr bloss das gute Gewissen jener, die ein spezifisches Elend im allgemeinen Elend aufheben wollen: die Antirassisten meinen, dass die Schwarzen gleich gut behandelt werden sollen wie die Weissen, übergehen jedoch in Stille die Tatsache, dass als Voraussetzung erforderlich ist, dass die Weissen selbst zunächst gleich schlecht wie die Schwarzen behandelt werden – wodurch die Schwarzen schliesslich gleich gut behandelt werden, wie Schwarze.

III

Die rassistischen Kategorien gelten schon seit langem nicht mehr nur im Bezug auf die Hautfarbe oder Ethnie und haben sich auf andere empirische Eigenschaften wie Geschlecht, Alter, Gewicht, erotische Neigungen oder auf sogenannte „kulturelle“ Eigenschaften, wie Religion, Sprache oder Dialekt, regionale Herkunft, Ernährung oder traditionelle Kopfbedeckung ausgeweitet. So gedenkt die Verwaltungslogik über die lebendige und individuelle Intelligenz zu triumphieren. Da sind wir nun, beim Ergebnis dieser erbärmlichen Logik angelangt: Es ist nicht nur, dass uns Beamte und Ideologen registrieren, als ob wir Repräsentanten der verschiedenen Kategorien wären, sondern dass dichte Massen tapferer Soldaten auf die Türen der Registrierbüros des Spektakels zudrängen, um ihre Einschreibung zu fordern. Eine Einschreibung, die sie gefügig als etwas betrachten, das ihre „Natur“, ihre „Wurzeln“ aufzeigt, kurz gesagt, als das, was sie auszeichnet und unterscheidet, wozu sie sich bekennen können, als das, was sie sind. Unvermeidlich tauchen andere Soldaten auf, die sie bestreiten und beschliessen, sie zu hassen. Die Balkanisierung der Menschheit ist eine bewährte Methode, um sie zu trennen: sie hat noch grosse Tage vor sich. Die beiden Lager, die sie einteilt, die Rassisten und die Antirassisten, reihen sich für ein Gefecht auf, das kein Ende hat, da es keine Perspektive hat.

IV

Dieses Verwirklichungsstadium der Verwaltungslogik ist im Grunde vor allem der positive Rassismus: die Zeit gibt sich nicht mit dem negativen Rassismus zufrieden (der Hass auf den Anderen), sondern organisiert eine noch viel bedeutsamere Verbreitung seines identitären Korrelats, die Begeisterung für das, als was man sich selbst betrachtet. In gewisser Hinsicht ist der positive Rassismus die schlichte Umkehrung des negativen Rassismus, er ist aber auch die Form, unter der letzterer brütet, bevor er offen ausbricht. Er ist seine illusorisch friedliche Version, seine bloss vorübergehende Höflichkeit. Der positive Rassismus wurde zuerst von den assoziierten Antirassisten im Stil von SOS Rassismus im Bezug auf Opfer des negativen Rassismus ausgeübt, die sie dummerweise (und christlicherweise) zu idolisieren begannen; dann hat dieser positive Rassismus eine egozentrische Form angenommen, und zwar in dem Masse, wie eben diese Opfer, ständig misshandelt und gleichzeitig umschmeichelt, die Schmeicheleien schliesslich ernst nahmen (dadurch, dass sie misshandelt wurden, seien sie die Zukunft der Menschheit!), und sich nun endgültig für die Grössten halten. Doch die beiden Formen des Rassismus sind bloss, unter unterschiedlichen Umständen, Ausdruck des Mangels an Individualität, zu dem die Lohnsklaven und Arbeitslosen verdammt sind, Individualität, die sie in irgendeinem, zum überziehen bereiten „kulturellen“ Trugbild fixfertig vorzufinden suchen, während es doch nötig wäre, sie in einem ganzen Leben voller Freiheit zu kreieren.

V

Kein Individuum, das den kleinsten Funken Liebe für die Freiheit in sich trägt, kann sich auf vorbestimmte Weise definieren. Eine solche Definition, das heisst, die Akzeptierung und Verteidigung der eigenen „Ursprünge“, ist, als Billigung und Verdopplung der eigenen objektiven Entfremdung, die Manifestation selbst der subjektiven Entfremdung des Individuums. Die „Wurzeln“ werden von Feiglingen, Ermüdeten und Unterworfenen geliebt, von jenen, die darauf warten, zu sterben: sie sollen als Erklährung und als Entschuldigung für ihren Zustand von lebenden Toten herhalten. Es handelt sich dabei um die anti-menschlichste menschliche Position, um die anti-philosophischste philosophische Position, um eine Vorstellung von Freiheit, die am meisten einer Gefängniszelle gleicht. „Das ist meine Kultur!“, sagt der Unbewusste, der nicht nachdenken will, und der es auch uns verbieten will. Was diese „Kultur“ betrifft: in der universellen Ideologie unserer Zeit ist sie nichts mehr weiter, als eine den Teilbereichen jeglicher Art beigegebene, radikal unkritische Kaution. Um ihre rein apologetische und warenförmige Mission zu erfüllen, umfasst sie alle altertümlichen Praktiken und alle neusten Moden, das Ganze geschickt vermischend, bis es nur noch ein undeutlicher Brei ist. Seit Platon und Aristoteles weiss man, dass der Geld- und Warenhandel dem Inhalt gegenüber gleichgültig sind und ihn tatsächlich gleichgültig machen; die alte Kultur, auch wenn sie «bourgeoise» war, interessiert die Ware nicht im geringsten, das, was sie interessiert, ist, unter dieser neuen, jeglichen Inhalts entleerten Bezeichnung, eine unendliche und unbegrenzt vergrösserbare Masse an sinnentleerter Gadgets zu verkaufen, die jedoch fähig sind, eine Rolle als Identitätsstütze anzunehmen. Kurz gesagt, das einzige, was noch verkauft wird, ist Identität. Die «Kultur», die in der Epoche der Aufklärung Öffnung durch Erkenntnis bedeutete, teilt heute systematisch gleiche Interessen mit dieser rückbezüglichen Bewegung, mit dieser Illusion eines «Ursprungs» oder einer «Natur» in Reichweite aller Geldbeutel. Sie ist «Blut und Boden», aber gerade nur so weit, wie es geht, um nicht den Dritten Weltkrieg auszulösen.

VI

Um eine Opposition gegen die rüpelhafteren reaktionären Führer vorzutäuschen, wirft die rechtschaffene politische Kaste Europas ihnen bloss ihren Rassismus vor (ihren Antisemitismus, beim Beispiel Haider). So werden Neonazis von Demokraten zurechtgerückt, welche sich darauf beschränken, sie zu bitten, ihre Sprache zu korrigieren, um am Bankett zugelassen zu werden: sie brauchen bloss ihre rassistische Manie zurückzulassen, damit auch sie Demokraten werden können. Der Nazismus würde sich auf den Antisemitismus reduzieren, und auf nichts als diesen. Wenn Hitler nicht sechs Millionen Hebräer massakriert hätte, wäre er wahrscheinlich als Demokrat beurteilt worden. Die verschiedenen nationalistischen Führer riskieren also nichts: erst machen sie mit einer öffentlich und absichtlich inakzeptierbaren Manie auf sich aufmerksam und heben sich somit aus dem Knäuel von Machtanwärtern hervor; dann verlassen sie diese Manie mehr oder weniger und steigen siegreich wieder ins politische Spiel ein, um den Rest ihres Programmes zu realisieren, das auf diese Weise stillschweigend zugelassen wird. Dabei wird ihnen niemand vorwerfen, für einen Polizeistaat, einen ultra-liberalen Kapitalismus, eine identitäre Ausbeutung der stupiden nationalen Folklore, einen starken moralischen Konservativismus, oder eine totale Unterwerfung durch die Arbeit, das Geld und das Kapital zu sein: denn diese Neigungen teilen alle, von der Rechten bis zur Linken.

VII

Noch bevor er eine Meinung und eine Form von falschem Bewusstsein ist, existiert der Rassismus in den Taten, denen die Meinung, wie üblich, und auch wenn sie sie zu kritisieren glaubt, nur nachfolgt. Die individuelle und kollektive Realität wird von der gesamten sozialen Praxis durch ein Netz von tatsächlichen Unterteilungen organisiert, die illusorisch als rechtliche Unterteilungen präsentiert und erfahren werden. In diesem untauglichen Kontext sieht sich jeder einzelne Mensch verleitet, aus der Notwendigkeit eine Tugend zu machen und sich mit seiner parzellären Realität zu indentifizieren. An Stelle eines Zusammenlebens, in dem das Individuum selbst die bevorzugte zentrale Realisierung und somit das mehr oder weniger bewundernswerte Ergebnis der kombinierten sozialen Fähigkeiten ist, kennen wir nur eine verfallene Welt, in der das Individuum als Nebensache, als zusätzlicher Kostenaufwand, als vernachlässigbare Begleiterscheinung im Hinblick auf die Valorisierung des Kapitals gilt. Denn dieses muss die menschliche Realität in rational ausbeutbare Begrenzungen fassen: womit die wohlbekannte zerstreuende Macht der Ware an ihre intrisischen Grenzen stösst, zumindest in Sachen Unterteilung der Kundschaft und angemessener Spezialisierung der Produkte. Denn Kategorien sind ebenso sehr auch Märkte. Wenn sich die Ware gezwungen sah, alle Chinesischen Mauern des Planeten niederzureissen, die Anzeichen gemacht hätten, ihr zu widerstehen, kann sie sich dennoch nicht gegenüber einer ununterteilten Menschheit wiederfinden, in Bezug auf welche sie sich nicht verorten könnte; und dies hat sie mit derselben praktischen Notwendigkeit verstanden. Die alten Diskrepanzen, wenn auch unter einer veränderten, degradierten und simulierten Form, müssen für das Fortbestehen der sozialen Warenordnung erhalten werden, und sei es nur, um die Vereinigung des weltweiten Proletariats, im Elend und eines Tages in der Revolte, zu verhindern. Ausgehend von dieser Tatsache, jene ihrer Aufrechterhaltung am Infusionstropf, haben die alten Diskrepanzen ihre spontane, ursprüngliche Natur verloren, und ihre Verfechter sehen sich zu einer zwanghaften, verkrampften, theatralischen Existenz verdammt. In Wirklichkeit zielen all ihre Anstrengungen darauf ab, sie mit einer hoffnungslos verlorenen Dimension wiederzuvereinigen. Der Rassismus selbst hat seine Funktion geändert. Von «politisch» und «totalitär», ist er zu einem unmittelbaren Agenten des Kapitals geworden. Als identitäre Reaktion beabsichtig er, die grösste Schwäche des Kapitalismus im fortgeschrittenen Stadium zu ersetzen: Das Kapital hat keine andere Kultur anzubieten, als kaufen und verkaufen: diesen Brocken ist es heute dabei, immer offener auszuspucken, während es hofft, dass die ganze Bevölkerung mittlerweile genug entstellt ist, um sich damit zufriedenzugeben.

VIII

Wie wir bereits sagten, das menschliche Wesen wird nicht durch seine «Wurzeln», durch seine Herkunft, durch seine vergangenen Bestimmungen definiert, sondern definiert sich selbst, aktiv, durch die Art und Weise, auf die seine soziale Existenz, das heisst, sein Leben und sein Zusammenleben mit anderen Individuen und mit deren Gemeinschaft im Allgemeinen es konkret definieren und diese von ihm selbst definiert werden. Der Mensch existiert nur wirklich, wenn er seine Freiheit, sich die Umgeben zu erschaffen, die er sich wünscht, in allen Zügen ausschöpft; wenn er also die Welt verändert; wenn er ohne ohne Kompromiss das Joch des Privateigentums und der Ökonomie von sich schüttelt; wenn er gemeinsam mit jenen lebt, die diesem Projekt zustimmen und sich bewusst und offen daran beteiligen. Anders gesagt, keiner von uns und unseren Zeitgenossen existiert wirklich als freies Individuum, denn die Freiheit kann nur zum Preis unserer heutigen Lebensweise existieren: unserer Zeit entgeht die gesamte Freiheit, ohne Ausnahme.

Was den Rassismus betrifft, er ist nur eine Ausflucht, um den Mangel eines Lebens in Freiheit fernzuhalten. Dank dem Rassismus, und dem Anti-Rassismus, versucht sich ein breiter Teil der Menschheit mit dem Elend zufriedenzugeben, in dem er verfault, während er sich zu diesem Elend als das seinige bekennt (oder ein leicht verändertes Elend fordert, mit dem er sich schliesslich identifizieren könnte). Doch kann die Selbstemanzipierung der Menschheit passieren, ohne die Selbstauflösung ihrer entfremdeten Kategorien?

IX

Es ist von grösster Wichtigkeit, diesen rationalen Kern des Rassismus hervorzuheben und ihn diesem letzteren gegenüberzustellen. Denn die Zurückweisung der rassistischen Kategorien wird nicht von selbst kommen: kein Kranker lässt seine Symptome zurück, ohne vorher ihre verdeckte Wahrheit hochgehen zu lassen. Die rassistische Denkensweise ist für einen Menschen unentbehrlich, der von seinem Mangel an Freiheit, von seiner Bedingung als Sklave tief geschwächt ist. Ein auf so wenig reduzierter Mensch hat gar nicht die Mittel, um seinen illusorischen Trost fallenzulassen: «Sklave, vielleicht, aber von Rasse!». Es ist völlig unnütz, zu versuchen, ihn von der Dummheit einer solchen Sichtweise zu überzuegen, denn diese Dummheit ist für ihn Lebenswichtig – eine «lebensnotwendige Lügen», wie Nietzsche sagte. Nur durch das Wiederfinden des Geschmacks für ein Leben in und von Freiheit, wird er diese Trugbilder vekümmern lassen.

X

Es ist also nicht der Anti-Rassismus, der den Rassismus zum Verschwinden bringen wird, von dem er in Wahrheit nur das falsche Gegenüber ist, und ebensowenig wird es der Geist der Toleranz tun, diese Einschläferung des Geistes. Nur die Subversion der bestehenden Ordnung ist fähig, die Individuen einander wieder näher zu bringen; jeden sich sebst, seiner lebendigen Natur und seiner Selbstverwirklichung wieder näher zu bringen; und jene, die «sich täuschen vor Wut» wieder zu den eigentlichen Zielen zu bringen.