I. Einleitung.

      II.

      III.

      IV.


I. Einleitung.


Nichts ist problematischer in der Geschichte der sozialen Bewegungen als die historische Wahrheit. Die Ungerechtigkeit, diese Beherrscherin unserer gesamten heutigen Gesellschaftsordnung erstreckt ihre betrügerische Macht selbst auf ein Gebiet, vor dem sie aller Logik nach wenigstens Halt machen müßte, nämlich auf das der historischen Schilderung jener weltgeschichtlicher Ereignisse, welche der Nachwelt überliefert werden. Häufig wird in der Geschichte der Nationen diejenige Version endgültig für die richtige gehalten, welche der im Besitz der Macht befindlichen Majorität genehm ist. So ist es zum Beispiel in Italien, trotzdem doch die Mehrzahl der Männer, welche an der Befreiung und an der Einigung des Vaterlandes mitgearbeitet haben, noch am Leben ist. Selbst hier ist die geschichtliche Wahrheit bereits von derjenigen Partei verdüstert worden, welcher es gelungen ist, sich an die Spitze des Staates zu stellen. Die Geschichte der patriotischen Revolution in Italien ist in der Tat durch erlaubte und unerlaubte Kunstgriffe — kluges Verschweigen und wissentliche Lügen, Verheimlichung oder Zerstörung von Dokumenten, Inhibierung historischer Publikationen etc. — derartig verwirrt und verdunkelt worden, daß es dem historischen Forscher häufig schwer fällt zu erkennen, wo in ihr die Wahrheit aufhört und die Legende beginnt.

Aehnlich verhält es sich auch mit der Geschichte des Sozialismus. Nur mit dem Unterschied, daß die Geschehnisse in der italienischen Geschichte zum großen Teil wissentlich von einer Regierung und einer Klasse entstellt worden sind, die von der fieberhaften Angst beseelt war, ihre soeben erst mehr oder weniger sicher eroberte Machtstellung zu befestigen, während sich in bezug auf die Geschichte des Sozialismus viele Irrtümer ohne irgendwelches Zutun bestimmter Persönlichkeiten gebildet und ganz allmählich, wie von selbst, den Charakter einer historischen Wahrheit angenommen haben. Die Legende schiebt sich hier unmerklich an die Stelle der Geschichte, ja die Legende hat sogar, wie Enrico Malatesta einmal in bezug auf die Pariser Kommune feinsinnig bemerkte[1], häufig ein größeres Interesse für die Forscher als die Wahrheit selbst, da, während die Geschichte nur die nackten, konkreten Tatsachen, die sie selbst nur schwer zu erklären vermag, feststellt, die sich unbewußt bildende Legende den Gesichtswinkel zum Ausdruck bringt, unter welchem die Tatsachen von den Zeitgenossen betrachtet wurden. Die Geschichtslegende zeigt uns auf diese Weise den Seelenzustand eines Volkes, die wahre innere Bedeutung eines historischen Moments. Wenn aber das Studium dessen, was zur Legende geworden ist, nutzbringend sein kann, so ist deshalb andererseits doch die exakte Erkenntnis der Wahrheit, aus welcher heraus ja auch die Empfindungen, welche zur Bildung der betreffenden Legende beigetragen haben, leichter zu erklären sind, nicht weniger notwendig.

Ueber die Geschichte des Sozialismus sich heute schon ein abschließendes Urteil zu bilden, ist meines Erachtens nach freilich unmöglich, da es stets von persönlichen Ueberzeugungen und parteipolitischem Fanatismus beeinflußt sein würde. Die Ereignisse, über die gerichtet werden müßte, liegen uns noch zu nahe, wir selbst sind noch zu sehr in sie verwebt, als daß Unparteilichkeit immer möglich wäre. Wohl aber können wir, als Zeitgenossen, gewissenhaft das Material vorbereiten, mit dem unsere Nachkommen diese neue Geschichte rekonstruieren werden, die den Namen des Sozialismus tragen und in den Augen unserer Urenkel als der größte Ruhm unserer Zeit dastehen wird.

Eine gewisse Periode des Sozialismus — man könnte sie die »heroische Periode« nennen — erscheint, so zeitlich nahe sie uns auch noch liegt, durch eine Unmenge von Vorurteilen, irrtümlichen Ansichten und Unsicherheiten, bereits halb verwischt und unseren Augen verborgen. Gerade diejenigen, die die Geschichte dieser Periode ganz genau zu kennen vermeinen, haben nur eine Teilansicht von ihr — die Ansicht ihres eigenen Teils — und halten diese naiv für die Geschichte des Ganzen. Es ist dies die Periode der »Internationalen« sowie die Zeit der Entwicklung und Verbreitung des Sozialismus in Europa, also die Periode von 1848 bis 1878. Mit der Zeit gewinnen die Ereignisse jener 30 Jahre, und zumal die Art und Weise, in welcher sich damals die Ideen zu bilden und zu formulieren begannen, eine immer größere Bedeutung. Zumal regt die heutige Krise innerhalb des Sozialismus, welche seltsame Analogien mit der damaligen Krise aufweist, sowie die unbestreitbare Rückkehr zu Ideen, welche bis vor kurzem in Vergessenheit geraten waren, dazu an, alles, was mit jener Bewegung zusammenhängt, wieder auszugraben und es auf seine Wesenheit hin zu untersuchen.

Nach dem Untergang der Pariser Kommune schied sich bekanntlich die sozialistische Bewegung in zwei Strömungen, die später zum demokratischen Sozialismus einerseits und zum libertären Sozialismus andererseits führen sollten[2]. Es ist fernerhin bekannt, daß die erstere Strömung bei den nordischen Nationen die Oberhand gewann, während die letztere in den romanischen Nationen vorherrschte. Während die erstere bald eine blühende wissenschaftliche und historische Literatur hervorbrachte, wurde von der letzteren aber nur einiges weniges bekannt, das hier und da in Zeitungen verstreut erschien und das entweder von reaktionären Schriftstellern verleumderisch entstellt oder von Anhängern der sozialistischen Gegenpartei mit unvermeidlicher Parteilichkeit wiedergegeben wurde. Um von Ereignissen, bei welchen die Aktion zweier gegnerischer Parteien im Spiele ist, sich ein einigermaßen exaktes Bild machen zu können, genügt es aber nicht, nur den Bericht und die Meinung einer Partei allein anzuhören; man muß auch die gegnerischen Stimmen vernehmen. Und das ist im fraglichen Falle umso wichtiger, als bei alleiniger Beachtung der Stimmen aus der ersteren Partei ein großer Teil der Geschichte des Sozialismus in den romanischen Ländern in Dunkel gehüllt bleibt und die Ereignisse innerhalb der Anarchistenpartei sowie die stufenweise Entwicklung der anarchistischen Ideen unaufgeklärt erscheinen.

Jedoch auch aus einem anderen Grunde ist es notwendig, zugleich mit der Geschichte der einen Partei auch diejenige der anderen zu studieren, da sich nämlich innerhalb der beiden Strömungen ein Phänomen bemerkbar macht, das auch in der Physik, zwischen gewissen in Kontakt mit einander gebrachten Körpern, beobachtet wird: der eine Teil nimmt mit der Länge der Zeit Ideen, Merkmale und Formeln des anderen an und umgekehrt. Und das umso mehr, als die Meinungsverschiedenheiten zu Anfang geringer waren, als sie es infolge der Zeit wurden. Zur Erkenntnis aller dieser Tatsachen verhelfen aber, ich wiederhole es, die Berichte und Erinnerungen, die von Männern einer einzigen — wenn auch der größeren — Fraktion geschrieben worden sind, nicht; denn alle diese Männer waren und sind unter den Streitenden selbst und können sich deshalb nicht der eigenen Parteileidenschaft entziehen[3].

Heutzutage jedoch sind keine Lücken in der Geschichte des Sozialismus mehr zu beklagen. Die ausführliche und gewissenhafte Studie von Max Nettlau über Bakunin[4], die Memoiren von Peter Kropotkin[5] und Gustave Lefrançais[6], die in jüngster Zeit wieder ans Licht gebrachten, noch nicht fertig herausgegebenen Dokumente und Erinnerungen von James Guillaume über die Internationale und die Jura-Föderation[7], die Untersuchungen über den Ursprung und die ersten Perioden des Sozialismus von Tscherkesoff[8], die mit erläuternden und historischen Fußnoten versehene Neuherausgabe der bis vor kurzer Zeit verschollenen Werke und Korrespondenzen Bakunins selbst[9], die Erinnerungen aus der ersten Zeit der Internationale in Spanien von Anselmo Lorenzo[10], alle diese Werke bieten schon ein ziemlich reiches — übrigens durch neue Schriften noch leicht zu vermehrendes — Material, aus dem die zukünftigen Geschichtsschreiber mit vollen Händen Tatsachen und Dokumente schöpfen können.

Bei einigen dieser Autoren findet man freilich, das versteht sich von selbst, die gleiche parteiische Leidenschaftlichkeit wie bei ihren Gegnern; aber gerade aus dem Widerstreit der Meinungen erkennt man am besten die Wahrheit, und aus der Art, wie die Ereignisse in den verschiedenen Quellen erzählt worden sind, lassen sich historische Schlußfolgerungen ziehen.

Wenn auch wir nun versuchen wollen, durch die Mitteilung einiger aus sorgfältigem Studium der ersten, der heroischen Periode des Sozialismus gewonnenen Beobachtungen dazu beizutragen, die Geschehnisse, welche bis jetzt eine zu parteiische und leidenschaftliche Beurteilung erfahren haben, in ihrem wahren Lichte erscheinen zu lassen, so wird es notwendig sein, auf die ersten Anfänge zurückzugreifen.

Bekanntlich zerfällt die Geschichte der Internationalen in zwei Perioden: die erste von ihrer Begründung im Jahre 1864 an bis zur Verpflanzung des Generalrats nach New-York im Jahre 1872, die zweite von 1872 (Kongreß im Haag) bis nach den Kongressen von Verviers und Gent im Jahre 1877. Die erste Periode ist die bekanntere und wichtigere, sowohl deshalb, weil in ihr die sozialistischen Ideen entwickelt und ausgearbeitet wurden, als auch wegen des heftigen Kampfes, der damals zwischen Marx und Bakunin ausbrach; ferner auch deshalb, weil gerade in jener Epoche Europa die stürmische und gewitterschwangere Periode der Kriege in Deutschland, Italien und Frankreich, sowie der Kommune in Paris durchlebte, sowie endlich aus dem Grunde, weil diese Geschichtsperiode, während deren die Leitung der Internationale ununterbrochen in den Händen von Marx und seinen Freunden gelegen hat, in der reichen sozialdemokratischen Literatur besonders zahlreiche Erläuterer und Chronisten gefunden hat.

Die zweite Periode dagegen, die der sogenannt anarchistischen Internationale, ist weniger bekannt, und zwar aus folgendem Grunde: Der auf dem Kongreß der Internationale im Haag 1872 gefaßte Beschluß der marxistischen Mehrheit — marxistisch in diesem Falle gleich persönliche Anhänger von Marx, nicht gleich Anhänger seiner Lehre gesetzt — bedeutete in Wahrheit die Freigabe des Kampfesfeldes an Bakunin und seine Freunde, wenn auch auf demselben Kongreß Bakunin und Guillaume aus der Internationale ausgeschlossen wurden. Tatsächlich verfiel die von der libertären Richtung geschiedene marxistische Internationale in Untätigkeit. Engels erklärt diese Tatsache folgendermaßen[11]: »Ma quando questc circostanze si produssero, la forma di quell’ organizzazione era invccchiata: lo sviluppo del movimento l’aveva sorpassato. Da allora in poi Marx non si mescolò all’ agitazione« ... Darum auch betrachten die Marxisten, wenn sie von der Internationale sprechen, diese bereits vom Jahre 1872 an als aufgelöst.

Tatsächlich hatte die Internationale mit dem Jahre 1872 nur ihre erste Aufgabe vollendet: die Ausarbeitung und Formulierung der Prinzipien des revolutionären Sozialismus, und es war nun der Augenblick gekommen, wo man zur praktischen Aktion übergehen mußte. Auch wenn wir von allen persönlichen Zwistigkeiten zwischen dem deutschen Nationalökonomen und dem russischen Revolutionär absehen, so muß doch zugegeben werden, daß auf dem Gebiet der praktischen Aktion nicht mehr dieselbe Einigkeit herrschen konnte, die vielleicht hätte aufrecht erhalten werden können, hätte es sich auch weiter nur um Theorien gehandelt. Die Gefolgschaft des einen und des anderen standen im Begriff, zwei von einander abweichende Wege einzuschlagen, und der sozialistische Strom konnte deshalb nicht mehr geeint im selben Bette weiterfließen.

Die Sozialdemokraten traten nach einer Periode der Sammlung in das politisch-parlamentarische Leben ein und ließen somit die revolutionären Propagandaformen der alten Internationale fahren. Die libertären Sozialisten dagegen, deren Temperament größere Befriedigung und Betätigungsmöglichkeit in der revolutionären Propaganda fand, fuhren auf der alten Bahn weiter fort, indem sie die ihnen eigenen revolutionären Charakterzüge nach und nach noch verschärften und in diesem Sinne eine besondere Doktrin entwickelten, die heute unter dem Namen des Anarchismus bekannt ist. Sie waren, bis 1878, und in einigen Nationen bis 1882, die Fortführer der Internationale. Diese lebte, trotzdem die Marxisten sie für tot erklärten, in ihren regionalen, nationalen und internationalen Kongressen und in ihren Riesen-Prozessen noch mehrere Jahre lang weiter fort. In Italien fällt sogar gerade die Zeit der größten Blüte der Internationalen in diese zweite Periode, nach der Pariser Kommune[12]. Der erste, unter dem Namen »Conferenza di Rimini« bekannte Kongreß der Internationale in Italien wurde in den ersten Augusttagen des Jahres 1872 abgehalten. Auf ihm fand auch erst die regelrechte und definitive Konstituierung der italienischen Föderation der Internationalen statt, die hauptsächlich dank der propagandistischen Tätigkeit Andrea Costas zustande gekommen war[13]. Unzählige Prozesse wurden dann noch in Italien nach 1873 bis zum Jahre 1882 gegen die Internationalisten geführt. Dem damaligen Studenten Andrea Costa wurde als einem gemeingefährlichen Individuum der Prozeß gemacht; er wurde sogar als solches unter Polizeiaufsicht gestellt. Der zweite Kongreß der Internationalisten (Bologna 1873) wurde gewaltsam aufgelöst und die Regierung ließ sämtliche Delegierten verhaften[14]. Auch der dritte Kongreß wurde verboten, und man verhaftete die Mitglieder des für ihn konstituierten Korrespondenz-Bureaus. Aber er wurde trotzdem auf dem Lande, in der Umgegend von Florenz, in Pontassieve, unter äußerst dramatischen Nebenumständen, im Oktober 1876 abgehalten. In die gleiche Zeit fallen zwei Putschversuche, von denen der eine im Jahre 1874 sich über fast ganz Italien erstreckte, der andere, im Jahre 1877, in sehr viel begrenzterem Umkreis, in der Gegend von Benevent, stattfand. An dem ersten nahm Bakunin selbst, am zweiten Sergius Stepniak teil[15].

Inzwischen fanden auch internationale Kongresse in Saint-Imier 1872, der als »antiautoritärer« Kongreß bezeichnet wurde, in Genf 1873, Brüssel 1874, Bern 1876, Verviers und Gent 1877, London 1881 und Genf 1882 statt. Die beiden letzteren Kongresse können bereits als anarchistische betrachtet werden, insbesondere die Trennung der Anarchisten von allen denjenigen Elementen, die, ohne Anarchisten zu sein, aus bloßer Opposition gegen Marx Bakunin Gefolgschaft geleistet hatten, bereits seit 1878 eine vollendete Tatsache war[16]. Die Prozesse, die nach 1878 in Italien und Frankreich offiziell gegen die »Internationalisten« stattfanden, und von denen der Prozeß von Lyon 1882, in den bekanntlich Kropotkin verwickelt war[17], als der bedeutendste genannt zu werden verdient, waren in Wirklichkeit nur noch gegen die rein anarchistische Propaganda dieser Fraktion gerichtet.

Die Anarchisten, isoliert von der öffentlichen Meinung, fanden wenig Verteidiger. Nur in Italien erhob sich der bekannte Philosoph Giuseppe Ferrari, ehemals Professor an der Universität Straßburg, und erklärte angesichts der italienischen Kammer den sozialistischen Anarchismus als eine Folge der Impotenz der heutigen Volkswirtschaft und des falsch verstandenen freihändlerischen Freiheitsgedankens. Wolle man, daß die Internationale nicht in Attentate ausarte, so müsse man ihr Ellenbogenraum geben und sie respektieren[18]. Die Rede Ferraris rief in Italien ungeheuren Eindruck hervor, zumal sie zeitlich mit den großen Prozessen gegen die Internationalisten in Rom, Florenz, Livorno, Carrara, Trani, Neapel und Bologna zusammenfiel. Alle diese Prozesse belästigten die Anarchisten zwar durch die mit ihnen verbundene lange Untersuchungshaft, endigten aber übrigens stets mit der vollständigen Freisprechung der Angeklagten.

Die Schriftsteller unter den Marxisten haben die Gewohnheit angenommen, die ganze historische Periode der Internationalen von 1872—80 einfach zu überspringen. Sie haben dadurch den bürgerlichen Schriftstellern das Studium der gesamten sozialistischen Bewegung ungemein erschwert. In dem Wissenskomplex der heutigen Laienwelt entbehrt das Wissen über die Geschichte des Sozialismus jeglicher Kontinuität. Die bürgerlichen Schriftsteller springen von Marx und Engels sofort auf etwa 1880 über. Mit anderen Worten, nach ihnen beginnt die Geschichte der modernen Arbeiterbewegung erst von der Periode an, in welcher der eine Zweig der ehemaligen Internationalen, nämlich die Sozialdemokratie, in den Parlamenten Geltung zu erlangen begann. Selbst die Ausläufer der marxistischen Internationalen sind im Dunkeln geblieben. Auf diese Weise ist die Nachlässigkeit der sozialdemokratischen Historiker Ursache dazu geworden, daß der Durchschnitt unserer Sozialwisscnschaftler nicht nur über die Geschichte der Internationalisten mit anarchistischen Tendenzen und über die Bedeutung Bakunins, sondern auch über die gesamten Anfänge der sozialistischen Bewegung in den romanischen Ländern überhaupt, ja, selbst über die Interpretation, die der Marxismus in ihnen gefunden hat, und sogar über die Entwicklung der sozialistischen Ideen bei Marx und seinen Freunden in der Zeitspanne von 1864 bis 72, so gut wie gar keine exakten Kenntnisse aufweist.

Es ist z. B. immer noch historisches Gut, daß zwischen Marx und Bakunin und ihren respektiven Anhängern dieselbe Verschiedenheit in Methode und Gedankenwelt obgewaltet habe, wie etwa heute zwischen Sozialdemokraten und Anarchisten. Es gibt heute noch ernsthafte Leute, in deren Augen Marx ein parlamentarisch gesinnter Kollektivist und Bakunin ein individualistischer Dynamitarde ist. In Wirklichkeit hingegen war sowohl die heutige Theorie des autoritären und zentralistischen Kollektivismus als auch die des anarchistischen Kommunismus sowie endlich die der individualistischen Propaganda der Tat in der Zeit der Internationalen nur im Keim und dazu noch in ungeheuer verschiedenartigen Schattierungen vorhanden. Zunächst eins: wie weit sonst auch immer ihre Ansichten auseinandergehen mochten, die Mitglieder der Internationalen waren ausnahmslos erstens Sozialisten dem Endziele nach und zweitens Revolutionäre der Methode nach. Der Unterschied zwischen den beiden Richtungen in ihr war mehr praktischer als theoretischer Natur; er betraf mehr die innere Organisation als die theoretischen Grundlinien, mehr die Verschiedenheit der Charaktere und Temperamente als die der wissenschaftlichen Ueberzeugungen.

Karl Marx war eine Gelehrtennatur, fleißig, geduldig, berechnend, zäh, kalt. Michael Bakunin hingegen war ein Mann der Tat, ungeduldig und leidenschaftlich über alle Begriffe hinaus, unregelmäßig, gleichgültig gegen sich selbst, schnell wechselnd in seinen Entschlüssen. Beide hatten in der Schule Hegels gelernt, aber der eine war ein deutscher Jude, und der andere ein slavischer Grande. Die geistige Grundrichtung des einen war materialistisch, die des anderen wies trotz ihrer Tendenz zum Atheismus starke Tendenzen zum Idealismus auf. Der eine beschäftigte sich vorzüglich mit naturwissenschaftlichen und nationalökonomischen Studien, dabei den englischen und deutschen Publizisten der Zeit folgend. Der andere schöpfte mehr aus Schriften philosophischen und historischen Inhalts, aus der französischen und italienischen, Literatur und blieb geistig unter dem Bann der Renaissance-Periode und der großen französischen Revolution. Revolutionär waren sie alle beide, Marx mehr mit dem Gehirn, Bakunin mehr mit dem Herzen. Marx war mehr der große Revolutionierer der Köpfe, Bakunin mehr der große Lehrmeister der Mittel des praktischen Handelns.

Natürlich ist das alles cum grano salis zu verstehen. Aber wer immer die Verschiedenheit der Temperamente dieser beiden Männer vor Augen hat, weiß, daß es ihnen psychologisch auf die Dauer schwer werden mußte, Arm in Arm zu gehen; der weiß auch, daß eben auf Grund der Verschiedenheit der Temperamente auch die geistige Richtung der beiden Männer, die zuerst fast die gleiche gewesen war, mit der Zeit immer mehr divergieren mußte. Ob dem Dualismus jener beiden Männer ein Dualismus der beiden europäischen Rassengemeinschaften, der germanisch-angelsächsischen und der romanisch-slavischen, zu Grunde lag[19]? Wenn man die Geschichte der Internationale verfolgt, gewinnt diese Hypothese beinah an Wahrscheinlichkeit. Ein allerdings konservativ gerichteter Schriftsteller hat in dem Kampf der Romanen und Slaven gegen Marx geradezu das Resultat eines Rassenkampfes und eine Art Revanche für die Siege der Preußen 1870 erblicken wollen[20]. Das ist zweifellos eine arge Uebertreibung. Immerhin hat Bakunin die Niederlage Frankreichs für die Niederlage der Zivilisation gehalten und zwei leidenschaftliche Pamphlete geschrieben, in denen er nachzuweisen versuchte, daß die Bekämpfung Deutschlands im Interesse der internationalen Revolution läge[21], Pamphlete, die von seiten der Marxisten wenig genug goutiert wurden[22].

Ich habe geglaubt, auch auf diese Umstände aufmerksam machen zu müssen, um mich von dem Verdacht zu reinigen, als wollte ich eine Art posthumer Versöhnung zwischen Marx und Bakunin zustande bringen. Es ist hier nicht der Ort, die Geschichte der Kämpfe zwischen den beiden Männern im Schoße der Internationalen mit historischer Präzision zu beschreiben, geschweige denn, die Frage nach dem ethischen Recht oder Unrecht in diesem Kampfe zu beantworten. Wer sich für diese Frage interessiert, der lese die prächtige Vorrede von James Guillaume zum zweiten Bande der gesammelten Werke Bakunins durch[23]. Sicher ist eins: es sind meistens die Tatsachen, welche die Ideen erzeugen, und nicht umgekehrt. Dafür legt gerade die Geschichte des Sozialismus ein beredtes Zeugnis ab. Hätte die übertriebene Auslegung der materialistischen Geschichtsauffassung recht, so hätten die Anfangsform der sozialistischen Bewegung der Syndikalismus sein müssen, die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung, die bekanntlich der anarchistischen nicht allzu unähnlich sieht. Die Sozialdemokraten hiegegen haben, den Ereignissen und der sog. »praktischen« Aktion, deren erster Impuls bekanntlich von Marx selbst ausging, Rechnung tragend, sich den alten Formen des Autoritarismus Louis Blancs genähert und vom kommunistischen Manifest nur das behalten, was Marx und Engels selbst als hinfällig und nur aus der Zeit, in der es geschrieben, erklärlich, hinstellen, während sie die revolutionären und die den wahren »deutschen«, kleinbürgerlichen Sozialismus bekämpfenden revolutionären Thesen beiseite geschoben und bisweilen selbst verleugnet haben.

Das kommunistische Manifest datiert aus einer Periode, in der der eigentliche Sozialismus noch nicht einmal bestand. Es ist geschrieben worden vor der Junischlacht 1848, vor der Gründung der Internationalen 1864, vor der Pariser Kommune 1871, ja, in diesem ganzen Zeitabschnitt der sozialistischen Entwickelung, der fast ein Vierteljahrhundert währte, hat diese kleine Schrift fast gar kein Aufsehen erregt. In kleiner Auflage gedruckt, war sie zu einer bibliographischen Rarität geworden. Erst 1872 wurde die Schrift in weitesten Kreisen bekannt[24]. Ihr gebührt das Verdienst, zum ersten Male und in klarer, synthetischer Form den Grundgedanken sozialistischen Werdens Ausdruck verliehen zu haben: dem Klassenkampfgedanken und der materialistischen Geschichtsauffassung, sowie dem wegen seines in hohem Grade ethischen und revolutionären Charakters meines Erachtens ganz besonders bedeutungsvollen Gedanken der internationalen Klassensolidarität: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« Interessant an dem Schriftchen sind ferner die heftigen Angriffe auf den Staatssozialismus und die Gutheißung der insurrektionellen Methode, die freilich in sonderbarer Weise mit dem Rekonstruktions-Programm kontrastieren, welches sich am Schluß des zweiten Kapitels befindet. In den zehn Artikeln dieses Programmes stoßen wir bereits auf den staatlichen und rein reformerischen Kollektivismus unserer heutigen Revisionisten, auf die Vorschläge zur Konzentrierung des Kredits in den Händen des alleinbesitzenden Staates, auf die despotische Reglementierung der Arbeit, auf die Drohung mit der Konfiskation gegenüber Emigranten und Rebellen u. s. w. Es ist unbegreiflich, wie Marx einen solchen falschen Stein in sein wertvolles Mosaik einfügen konnte. Vielleicht haben Marx und Engels selbst ihren Irrtum eingesehen. In der Vorrede zur zweiten Auflage des kommunistischen Manifestes sagen sie, der Leser möge ihren revolutionären Vorschlägen am Ende des zweiten Abschnitts nicht allzu viel Aufmerksamkeit schenken. Die Kommune habe »den Beweis geliefert, daß die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen kann«[25]. Das ist eine Art Druckfehlerangabe, und es wäre deshalb richtiger, wenn die Sozialisten bei Neuauflage des Manifestes zu Propagandazwecken, ihm die ja ebenfalls von Marx verfaßte Inauguraladresse des Generalrats der Internationalen und des Statutes dieser Gesellschaft, die die Emanzipation der Arbeiter als nur durch die Arbeiter selbst erreichbar darstellen, hinzufügen würden.

Auf diese Weise würde in Zukunft das Mißverständnis vermieden werden können, welches den Sozialismus so vielen in einem freiheitsfeindlichen Licht, etwa wie es A. E. Schäffte in seiner »Quintessenz« dem Sozialismus gegeben hat, hat erscheinen lassen, ein Mißverständnis, das seinerseits Ursache davon geworden ist, daß das obengenannte Buch eines antisozialistischen Bürgerlichen selbst in sozialistischen Kreisen als hervorragendes Propagandawerk gepriesen wird. Arturo Labriola meint mit Recht, daß keine Schrift mehr als diese einen ebenso weitgehenden als verderblichen Einfluß ausgeübt und der Idee eines lächerlichen, starren und gleichsam wie aus einem einzigen Holzklotz geschnitzten (tutto di un pezzo) Kollektivismus, der eine verfluchte Aehnlichkeit mit einem pommerschen Grenadier besitze, Verbreitung verschafft habe[26].

Die Ideen Marxens haben sich zweifellos in der Zeitspanne von 1847–64 wesentlich modifiziert. Nicht das vielleicht, was in ihnen historische oder philosophische Doktrin ist, aber doch das, was sich in ihnen auf praktische revolutionäre Aktion bezieht. Marx ist immer von Instinkt und allgemeiner Geistesrichtung autoritärer Dogmatiker geblieben, aber der Kontakt mit dem begeisterungsvollen Streben, das in den 48er Jahren in allen Völkern zu Hause war, und mit dem revolutionären und ultra-liberalen Ferment, das damals alle jungen Köpfe erfüllte, hatte doch auch Marx dazu gebracht, vieles von jener unverwüstlichen Aspiration nach Freiheit, welche als das Charakteristikum jener Zeit betrachtet werden kann, anzunehmen. Nur daß er, und darin bestand ja sein wissenschaftliches Verdienst, den Begriff der Freiheit von der platonischen, formalen Hülle, welche ihm die Bourgeoisie damals gegeben hatte, loslöste und mit einer Energie und Beharrlichkeit, die schließlich alle Anhänger der sozialistischen Bewegung von damals — und so ist es bis auf den heutigen Tag geblieben — von der Richtigkeit seiner Theorie zu überzeugen wußte, darauf hinwies, daß Freiheit ohne ökonomische Grundlage ein hohles Wort und ohne Aufhebung des Elends nicht möglich sei. Später aber, innerhalb der Internationale und während des Kampfes gegen Bakunin, gewinnt der autoritäre Instinkt bei Marx wieder die Oberhand. Doch es ist gut, sich vor Augen zu halten, daß Marx in der »Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation« 1864, sowie bereits früher in den »Klassenkämpfen in Frankreich« 1850 und in dem »18. Brumaire Bonapartes« 1852, wie endlich auch später in der leidenschaftlichen nachträglichen Verteidigung der Kommune in Paris, dem sogenannten »Bürgerkrieg in Frankreich« 1871, mit anderen Worten jedesmal, wenn er es in seinen Schriften nicht mit sozialistischen, sondern mit bürgerlichen Gegnern zu tun hatte, seine Theorie über das Wesen der Freiheit so scharf zuspitzte, daß sie mindestens zu vier Fünfteln auch von den äußersten Anarchisten akzeptiert werden könnte.

Von der Behauptung im kommunistischen Manifest, daß die Arbeiter kein Vaterland besässen, bis zur Proklamation in der Inauguraladresse, daß die arbeitenden Klassen die Pflicht hätten, sich der internationalen Politik zu bemächtigen, die diplomatischen Tricks im Auge zu behalten und unter Umständen mit aller ihrer Macht gegen sie aufzutreten, und bis zur Apologie der militärischen Rebellion in der Apotheose der Kommune finden wir bei Marx Antimilitarismus und Antipatriotismus, selbst in der heute von Gustave Hervé getragenen Form, genug, um mehreren heutigen sogenannten Marxisten Grauen einzuflößen. So z. B. wenn Marx davon, was er die »Hinrichtung« der Generäle Thomas und Lecomte seitens der Communards nennt, spricht, und dabei sagt: »Einer der bonapartistischen Offiziere, der bei dem nächtlichen Ueberfall auf Montmartre eine Rolle spielte, General Lecomte, hatte viermal dem 81. Linienregiment befohlen, auf einen unbewaffneten Haufen in der Place Pigalle zu feuern; als die Truppen sich weigerten, schimpfte er sie wütend aus. Statt Weiber und Kinder zu erschießen, erschoßen seine eigenen Leute ihn selbst. Dieselben Leute richteten auch Clément Thomas hin«[27]. So sah der praktische Antimilitarismus Marxens aus, also genau so, wie der der heutigen Antimilitaristen.

Für den Sozialismus als einem Ideal der Vergesellschaftung der Produktionsmittel und für die Propaganda gegen das bürgerliche Monopol und Privileg hat Marx sicherlich mehr mit seinen kleineren Werken als mit seinem größten Werk, das als sein Meisterwerk gilt, geleistet. Heute ist vielleicht vom ganzen »Marxismus« das »Kapital« derjenige Teil, der am wenigsten tief in die sozialistische Doktrin eingedrungen ist. Dieses Marxsche Werk, welches innerhalb eines kleinen Kreises von Studierten dazu beigetragen hat, seinem Autor den Namen eines großen Wissenschaftlers zu verleihen, eine Annahme, die sicherlich den Kredit seiner übrigen sozialistischen Ideen erhöhte, hat für die sozialistische Bewegung mehr eine indirekte, als eine direkte Bedeutung gehabt. Ohne das »Kapital« hätte die moderne Arbeiterbewegung sehr wohl existieren können und dieselben Fortschritte gemacht, die sie mit ihm gemacht hat. Ohne die übrigen sozialistischen Ideen Marxens und die unermüdliche Propaganda dieses Mannes aber nicht. In diesem Sinne ist also das Kapital zweifellos nicht Marxens größte Schöpfung[28].

Wir bemerkten bereits, daß die sozialistischen Ideen, die die Klarheit und Schärfe ihrer Prägung in der ersten Periode der Internationalen erhalten haben, zu jener Zeit in der marxistischen wie in der bakunistischen Richtung fast dieselben waren. Wenn Bakunin auf dem 1868 in Genf abgehaltenen Kongreß »für Frieden und Freiheit« seinen Gedanken von der »Gleichmachung der Klassen und der Individuen« als seine Ueberzeugung von der Notwendigkeit der Abschaffung der Klassen und die Vereinheitlichung der Gesellschaft durch die soziale und ökonomische Gleichheit[29] erklärte, wiederholte er nur einen Gedanken Marxens aus dem zweiten Kapitel der Klassenkämpfe in Frankreich: »Das Recht auf Arbeit ist im bürgerlichen Sinne ein Widersinn, ein elender, frommer Wunsch, aber hinter dem Recht auf Arbeit steht die Gewalt über das Kapital, hinter der Gewalt über das Kapital die Aneignung der Produktionsmittel, ihre Unterwerfung unter die assoziierte Arbeiterklasse, also die Aufhebung der Lohnarbeit, des Kapitals und des Wechselverhältnisses«[30], So hatte Marx diesem Gedanken in noch schärferer und besserer Form als Bakunin Ausdruck verliehen. Heute wird er von den Anarchisten allein noch vertreten. Was ist in der Tat die Besitzergreifung des Kapitals und die Expropriation, die in so beredter Weise von Kropotkin gefordert wird[31], anderes als jenes Marxsche Postulat?

Später, im Jahre 1871, hat Marx, während er die Kommune als weit sozialistischer erscheinen ließ, als sie es in Wirklichkeit war, diesem Gedankengang in noch schärferer Form Ausdruck verliehen: »Jawohl, meine Herren, die Kommune wollte jenes Klasseneigentum abschaffen, das die Arbeit der Vielen in den Reichtum der Wenigen verwandelt. Sie beabsichtigte die Enteignung der Enteigner. Sie wollte das individuelle Eigentum zu einer Wahrheit machen, indem sie die Produktionsmittel, den Erdboden und das Kapital, jetzt vor allem die Mittel zur Knechtung und Ausbeutung der Arbeit, in bloße Werkzeuge der freien und assoziierten Arbeit verwandelt«[32]. Marx hat hier offenbar weniger das Ideal der Kommune, als vielmehr sein eigenes Ideal zum Ausdruck gebracht. Wir sehen, hier ist nicht mehr die Rede vom »Arbeitszwang« innerhalb »industrieller Armeen«, wie er 25 Jahre vorher im »Manifest« geplant war.

Marx hatte also damals mit den Anarchisten das Streben nach freier und assoziierter Arbeit gemein, wie er mit Bakunin die Auffassung teilte, daß in der sozialen Revolution »das heutige russische Gemeineigentum zum Ausgangspunkt einer kommunistischen Entwicklung dienen« kann[33].

Marxens kritische Angriffe gegen die Kleinbourgeoisie und ihren reaktionären und zugleich utopistischen Sozialismus[34] sind bis ins einzelnste ausführlich von Bakunin in seinen Broschüren und Artikeln wiederholt worden. Der von Bakunin gegen die Mittelbourgeoisie der »Friedens- und Freiheitsliga« geführte Kampf scheint von Stellen aus den intransigentesten Seiten, die Marx jemals schrieb, beeinflußt zu sein. So schrieb Bakunin einmal: »Der bürgerliche Sozialismus steht jetzt wie ein Zwitterwesen zwischen zwei unversöhnbaren Welten: der bürgerlichen Welt und der Arbeiterwelt. Seine äquivoke und verderbliche Tätigkeit beschleunigt zwar — das ist nicht zu leugnen — auf der einen Seite das Ende der Bourgeoisie, aber korrumpiert doch zur gleichen Zeit das Proletariat schon im Keime. Er korrumpiert es in zweifacher Hinsicht: In erster Linie schwächt und entstellt er sein Programm und sein Lebensprinzip, — und läßt so das Proletariat unmögliche Hoffnungen hegen und zugleich den lächerlichen Glauben an eine bevorstehende Bekehrung der Bourgeoisie zum Sozialismus fassen, — und ist auf diese Weise bestrebt, es an sich zu fesseln und zum Werkzeug der bürgerlichen Politik zu machen«[35]. Zwischen den Angriffen Marxens und denen Bakunins besteht derselbe Unterschied wie zwischen den zwei Temperamenten: Marx ist mehr voll von Sarkasmus und Ironie, Bakunin mehr temperamentvoll und derb.

Wenn, wie bekannt ist, Bakunin den Sozialismus als »die Organisierung der Gesellschaft und des kollektiven und gesellschaftlichen Eigentums von unten nach oben mittels der freien Föderation, und nicht von oben nach unten kraft irgend einer Autorität«[36] auffaßte, so gab Marx seinerseits über diesen Punkt gerade in jenem famosen und nicht gerade anständigen, an die Sektionen der Internationalen gerichteten »Privaten Zirkular« über »die angeblichen Spaltungen in der Internationale«, worin er Bakunin, Malon, Herzen und alle Nichtmarxisten auf das heftigste angriff, eine bezeichnende und sehr klare Erklärung dahin ab: daß »tous les socialistes entendent par anarchie ceci: le but du mouvement prolétaire, l’abolition des classes, une fois atteint, lepouvoir del’Etat, quisert àmaintenirla grande majorité productrice sous le joug d’une minorité exploitante peu nombreuse, disparaît, et les fonctions gouvernementales se transforment en de simples fonctions administratives«[37].

Heute, also nach fünfunddreißig Jahren, beruft sich zu gleicher Zeit ein Sozialist und ein Anarchist auf diesen Marxschen Satz, um zu zeigen, daß das Ideal des Sozialismus nur eins sein kann. Der erste, Arturo Labriola, schreibt: »Das Resultat all seiner Bestrebungen ist die Neubildung jener gesellschaftlichen Synthese, die dem Arbeiter wieder die Produktionsmittel zurückgibt und welche die autonome, nur ökonomischen und aus der Natur des technischen Prozesses selbst hergeleiteten Gesetzen untertane Herrschaft der Produktion schaffen wird, das heißt, jene Gesellschaftsordnung, die alle Sozialisten, von Proudhon bis Marx als »Anarchie« bezeichnet haben«[38]. Der zweite, James Guillaume, bewies, obwohl, wie er sagt, »Marx sich darauf versteifte, uns Föderalisten, die wir doch als solche gerade den sehnlichen Wunsch haben, die Arbeiter in Gruppen zu vereinen und zu organisieren, als Gegner jeglicher Organisation darzustellen«, haarklein, daß die »Endziele der beiden im Kampf mit einander befindlichen Richtungen innerhalb der Internationalen identisch« waren, und daß »Gegner und Anhänger Marxens, Bakunisten und Marxisten, in Wirklichkeit das gleiche Ideal hatten«[39].

Nachdem Marx dem Wort »Anarchie« dieselbe Definition gegeben, die ihm die Anarchisten beilegten und sie als das Ideal aller Sozialisten bezeichnet hatte, mußte er aber ein Kriterium finden, um sich und die Seinen von den Anhängern Bakunins unterscheiden zu können, und so kam er auf das Mittel, den Anarchisten den Charakter von Sozialisten abzusprechen und sie als Freunde der Unordnung und als Feinde der Organisation und jeder Disziplin hinzustellen. Diese Methode ist dann von den Schriftstellern aller anderen sozialistischen Schulen immer weiter angewandt worden, um die Anarchisten zu bekämpfen. Wir werden aber sehen, wie wenig diese Anschuldigung begründet ist und wie die Anarchisten theoretisch Marxisten waren — und es zum Teil noch sind. Vorher aber wollen wir diese kurze Betrachtung der sozialistischen Ansichten Marxens damit schließen, daß wir feststellen:

1. daß das Marxsche Ideal der gesellschaftlichen Rekonstruktion in hohem Grade libertär oder antistaatlich war;

2. daß Marx gleich den Anarchisten schroffer Gegner des bürgerlichen Sozialismus und der Kleinbourgeoisie war;

3. daß Marx Revolutionär war, genau wie die Anarchisten Revolutionäre waren. Mag er darin Recht oder Unrecht haben, jedenfalls steht fest, daß er der Meinung war, die Ziele des Sozialismus könnten ohne »den gewaltsamen Umsturz aller gesellschaftlichen Ordnungen« nicht erreicht werden. (Kommunist. Manifest.)

Wir haben schon bemerkt, wie Marxens Denken auch durchaus antipatriotisch und antimilitaristisch war. Was den Parlamentarismus anbetrifft, so ersparte er auch ihm seine Angriffe und Sarkasmen, die ebenso bissig waren, wie die Schmähungen Bakunins, keineswegs. So spricht er z. B. von einer »unheilbaren Krankheit des parlamentarischen Kretinismus, ... einem Leiden, das seine unglücklichen Opfer mit der erhabenen Ueberzeugung erfüllt, daß die ganze Welt, ihre Geschichte und ihre Zukunft, durch eine Majorität von Stimmen in dem besonderen Vertretungskörper gelenkt und bestimmt werde, der die Ehre hat, sie zu seinen Mitgliedern zu zählen«[40]. Aber bei diesem letzten Punkt zu verweilen ist zwecklos, da diese Frage um 1870 noch nicht spruchreif war und auch noch nicht die Bedeutung besaß, die ihr heute innewohnt.

* * *

Wenn die heutigen Syndikalisten zu beweisen suchen, daß ihre Richtung eine Rückkehr zur Marxschen Doktrin bedeutet, und ihre Gegner sie statt dessen der Annäherung an die Anarchisten beschuldigen, so haben eigentlich sowohl die einen wie die anderen Recht, denn das eine widerspricht nicht dem anderen. Ich möchte hinzufügen »zum Teil«, weil die Syndikalisten nicht vollständig zu Marx zurückkehren und weil sie sich auch weniger den Anarchisten nähern, als es auf den ersten Blick scheint. Sie sind nicht Marxisten tout court, weil sie einige Postulate des Marxismus nicht mehr annehmen können, da sie veraltet sind, und sie sind nicht Anarchisten, weil sie sich andererseits nicht zu dem völligen Bruch mit dem traditionellen Sozialismus zu ermannen vermögen, den die Anarchisten vollzogen haben.

Dagegen haben die Anarchisten durch ihren Geist der Kritik — im etymologischen Sinne des Wortes ihren » revisionistischen « Geist — gewisse Berührungspunkte mit den Reformisten und Revisionisten. Man weiß zum Beispiel, daß die von Bernstein und Graziadei an einigen marxistischen Lehren geübte Kritik in vielen Teilen der von Merlino (als er noch Anarchist war) und von Tscherkesoff gefällten Kritik entspricht[41]. So sind z. B. die einen wie die anderen für die Neutralität der Arbeiterorganisationen gegenüber den sozialistischen Parteien — obwohl mit Zwecken und aus Motiven, die sich diametral gegenüberstehen. Auch die Anarchisten verwahren sich — wie die Reformisten — gegen die zu enge Deutung der Begriffe des historischen Materialismus und des Klassenkampfes und legen den verschiedenen nicht rein wirtschaftlichen Faktoren der sozialen Evolution, den Elementen des Gefühls und der Moral sowie den Ideen der politischen Freiheit eine größere Wichtigkeit bei als es die traditionellen Sozialisten tun; ebenso insgesamt allen Fragen, auf die der ökonomische Determinismus nicht exklusiven Einfluß hat. Die einen wie die anderen sehen im sozialistischen Kampf nicht ausschließlich wirtschaftliche und Arbeiter-Interessen im Spiel, Kropotkin fand in einem seiner letzten Bücher, daß auch in den nicht proletarischen Klassen die Elemente zu einer Solidarität im Keime seien, wie sie ein zukünftiges sozialistisches und libertäres Leben erfordert[42].

Vielleicht liegt in diesen unsichtbaren innerlichen geistigen Beziehungen der Grund für eine Erscheinung, die ich in den zwölf oder fünfzehn Jahren meines politischen Lebens beobachtet habe, und die auch von anderen beobachtet worden sein muß, nämlich dafür, daß fast alle Anarchisten, die aus ihrer Partei ausgetreten sind, um sich der sozialdemokratischen Partei anzuschließen, den reformistischen und revisionistischen Gruppen derselben angehören.

Aber man mißverstehe mich nicht. Es handelt sich dabei, wie ich gesagt habe, um sehr schwache Zusammenhänge, die nicht verhindern, daß im praktischen Leben und im täglichen Kampf Anarchisten und Reformisten Antipoden bleiben. Denn auf dem praktischen Gebiet des revolutionären Kampfes stehen doch, wie ich schon sagte, die Syndikalisten den Anarchisten am nächsten. Und daß dies nicht im Widerspruch mit der Behauptung der Syndikalisten, sie näherten sich wieder Marx, steht, ist ganz klar, weil ja die treusten Marxisten lange Zeit hindurch die Anarchisten gewesen sind, die im Marxismus eine unerschöpfliche Quelle von Argumenten für ihre revolutionäre Intransigenz gefunden haben.

Das, was die Anarchisten von Marx trennte — das möchte ich nochmals nachdrücklichst wiederholen — war eine Frage des Temperaments und daneben eine innere Organisationsfrage der Internationalen, die mit persönlichen Zänkereien durchmischt wurde. In der Doktrin waren die Anarchisten Marxisten, und sie waren es in ihrer Haltung gegenüber der großen und kleinen Bourgeoisie und gegenüber den politischen Parteien. Die Frage des Parlamentarismus konnte sie vielleicht trennen; aber zur Zeit der Internationalen, speziell in der ersten Periode, spielte sie keine Rolle und es wäre nutzlos, darüber nachzugrübeln, welche Stellung Marx eingenommen haben würde, wenn ein derartiges Problem in seiner ganzen Schwere sich vor ihm erhoben hätte. Jedenfalls würden die kleinerem Werke Marxens (wir meinen kleiner nur inbezug auf den Umfang) — Klassenkampf in Frankreich — der 18 Brumaire — Revolution und Konterrevolution — Bürgerkrieg in Frankreich — eher den Glauben an eine ablehnende als an eine zum Parlamentarismus hinneigende Stellungnahme erwecken[43].

Bakunin und die Anarchisten waren nicht nur passive Anhänger der marxistischen Doktrinen, sondern auch ihre eifrigsten Prediger und Propagandisten. Im romanischen und slavischen Europa waren sie sogar — das darf man ruhig behaupten — die ersten und lange Zeit hindurch die einzigen Marxisten überhaupt. Die erste Uebersetzung des kommunistischen Manifestes ins Russische, die im »Kolokol« in London veröffentlicht wurde, rührte von Bakunin her, der auch die Uebersetzung des »Kapitals« begonnen hatte, die er später aus außerhalb seines Willens liegenden Gründen nicht fortführen und vollenden konnte[44]. In Italien verdankt man den ersten Auszug aus dem »Kapital« dem Anarchisten Carlo Cafiero, der ihn damals im Gefängnis schrieb, in das man ihn infolge des Aufstandsversuches von Benevent geworfen hatte. Während Cafiero an diesem Werke Marxens arbeitete, schrieb Liebknecht in Deutschland, daß Cafiero und die anderen Mitglieder der Bande von Benevent »agents provocateurs« seien!

Wenn ich an diese Einzelheiten erinnere, so deshalb, weil sie einen weiteren Beweis für meine Behauptungen bilden. Würde Cafiero in Italien den Auszug aus dem Kapital wirklich angefertigt haben, noch dazu, während der Lärm des Marxschen Kampfes gegen die italienischen Anarchisten immer noch widerhallte, wir wiederholen, würde Cafiero sich dieser durchaus nicht leichten Arbeit unterzogen haben, wenn er nicht ein felsenfest überzeugter Anhänger der Theorien jenes Buches gewesen wäre?

Uebrigens übernimmt es Cafiero selbst, das zu sagen: »Ein tiefes Gefühl der Trauer hat mich beim Studium des Kapitals beschlichen, als ich daran dachte, daß dieses Buch in Italien gänzlich unbekannt ist und wer weiß wie lange noch unbekannt bleiben würde.– –Dieses Buch stellt die neue Wahrheit dar, die ein von den Irrtümern und Lügen eines ganzen Jahrhunderts aufgebautes Gebäude niederreißt, es zermalmt und es in alle Winde zerstäubt. — Hoffentlich hält Marx bald sein Versprechen und wird uns den zweiten Band des Kapitals schenken, der handeln wird von etc. etc.« ...[45]. Auch wurde die erste ital. Ausgabe des kommunistischen Manifestes nur durch die Bemühungen einer Anarchistengruppe in Mailand veröffentlicht. Sie besitzt ein Vorwort von Pietro Gori, der das Bändchen dem Publikum als ein Werk von allerhöchstem Interesse empfiehlt, »das in vorurteilsloser Weise und mit kalter logischer Schärfe den Zerstörungsgedanken, den eigentlichen Vorläufer des modernen Sozialismus im Resumé enthält« und das, trotz der von den Ideen und der Kritik inzwischen gemachten Fortschritte »eine der genialsten Synthesen der sozialistischen Bewegung« ist und bleibt[46].

Oft wirft man — vielleicht nicht so ganz zu Unrecht — den Anarchisten die Armut ihrer Literatur auf ökonomischem Gebiete vor[47]. Aber die Anarchisten antworten sehr treffend darauf, daß sie Sozialisten sind und daß sie als solche mit allen anderen Schulen des Sozialismus die ökonomische Literatur des ganzen Sozialismus gemeinsam haben. Sie können nicht noch einmal dort mähen, wo schon geschnitten ist, und nicht noch einmal wiederholen, was ihre Vettern von der Sozialdemokratie schon in oft so großartiger Weise gesagt haben. Allenfalls konnten sie versuchen, das zu korrigieren, was ihnen in den ökonomischen Theorien Marxens Irrtum zu sein schien. Diese Aufgabe jedoch haben sie durch die Feder Merlinos, Cornelissens, Tcherkesoffs, Nieuwenhuis u. a. mehr auch zur Genüge erfüllt.

Freilich kann man sagen, daß diese Marx-Kritiken sehr spät gekommen sind. Im Anfang waren die Anarchisten in bezug auf die Oekonomie durch und durch Marxisten, und das sogar soweit, daß sie auch die in den Theorien dieses Mannes enthaltenen Irrtümer aufnahmen und sogar den Verlag der marxistischen Propagandabroschüren von Lafargue und Engels besorgten. Ja, noch mehr, es waren die Anarchisten, die am längsten die marxistische Tradition gepflegt haben (ich spreche von den romanischen Nationen und speziell von Italien), und es ist Tatsache, wie ich schon an anderer Stelle bemerkte[48]), daß sie aus dem, was im Marxismus fatalistisch und katastrophisch ist, die sachliche Berechtigung zu ihrer apokalyptischen Haltung abgeleitet haben. Aber sie haben außerdem gleichzeitig auch ihre unwandelbare Treue zum reinen, antibürgerlichen und antistaatlichen Prinzip des Sozialismus, ihren revolutionären Geist und ihre Methode des Kampfes und der direkten Aktion von ihm abgeleitet. So kommt es, daß es scheinen konnte, als ob sich die Syndikalisten dadurch, daß sie die Prinzipien und Systeme des Marxismus wieder aufnahmen, dem Anarchismus genähert hätten.

Michel Bakunin selbst begnügte sich nicht nur in allen seinen Schriften damit, die Marxsche Theorie des Klassenkampfes darzulegen und zu erklären und daraus rücksichtlos die Konsequenzen zu ziehen, sondern er vergaß auch in den Zeiten des heftigsten Kampfes mit Marx niemals die Verdienste dieses Mannes und unterließ es nie, sich in der Theorie als sein Anhänger zu bekennen. Herzen, der ihm daraus den Vorwurf der Schwäche machte, weil er seine Haltung gegenüber Marx für nicht energisch genug hielt, erhielt von Bakunin die Antwort: »Jawohl, ich weiß es, daß Marx genau so unser Gegner ist wie die anderen, ja, ich weiß sehr wohl, daß er sogar der eigentliche Anstifter der gegen uns losgebrochenen verleumderischen Polemik ist. — Trotzdem habe ich ihn gelobt und ihn einen Riesen genannt. Aus zwei Gründen, lieber Herzen. Der erste ist ein Grund der Gerechtigkeit. Wenn wir von den Beschimpfungen, mit denen er uns bedeckt hat, absehen, dann müssen wir doch die großen Dienste anerkennen — ich wenigstens erkenne sie an —, die er der Sache des Sozialismus seit 25 Jahren geleistet hat, und in dieser Beziehung läßt er uns alle unzweifelhaft weit hinter sich zurück. Er ist auch einer der ersten Organisatoren, wenn nicht überhaupt geradezu der geistige Schöpfer des Internationalen gewesen. Nach meiner Auffassung ist das ein ungeheures Verdienst, das ich stets dankbar anerkennen werde, wie immer seine Stellung uns gegenüber sein möge. — Der zweite ist ein politischer und taktischer Grund, den ich für ebenso triftig halte. Marx ist unfehlbar der fähigste Kopf in der Internationalen. Bis jetzt übt er auf seine Partei immer noch einen günstigen Einfluß aus und bildet er die höchste Stütze, den kräftigsten Widerstand gegen den Einbruch bürgerlicher Ideen und bürgerlicher Tendenzen in die Bewegung. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich zu dem Zwecke, mich an ihm zu rächen, auch nur versucht hätte, seinen so großartigen Einfluß zu unterbinden oder auch nur zu schwächen«[49]. Tatsächlich entbrannte kurz darauf der Kampf zwischen den beiden Männern, aber es war Marx der ihn eröffnete.

Hier eine andere, viel besprochene Erklärung Bakunins aus dem Jahre 1870, die sich auf die Ideen bezieht: »Marx als Denker ist auf gutem Wege. Er hat als Prinzip festgestellt, daß alle politischen, religiösen und juridischen Einrichtungen in der Geschichte nicht die Ursachen, sondern die Wirkungen ökonomischer Entwicklungen sind. Das ist ein großer und fruchtbarer Gedanke, den er zwar nicht absolut selbständig erfunden hat — denn er ist schon von anderen vorher empfunden und zum Teil auch ausgedrückt worden —, aber alles in allem gebührt ihm die Ehre, diesen Gedanken wissenschaftlich fest verankert und ihn zur Basis eines ganzen ökonomischen Systems gemacht zu haben». Und weiter: »Es ist wohl möglich, daß Marx sich theoretisch zu einer rationelleren Auffassung der Freiheit aufschwingen kann als Proudhon, aber der Instinkt der Freiheit fehlt ihm: er ist von Kopf bis zu Fuß ein Autoritär«[50]. Auch Bakunin glaubte also wie man sieht, daß in dem theoretischen Begriff der Freiheit Marx selbst Proudhon überlegen war, und daß die Divergenz sich nur auf eine Verschiedenheit des Instinkts, des Gefühls, beschränkte.

Das, was Marx seinerseits Bakunin zum Vorwurf machte, war, daß er die »Anarchie« durch Unordnung und Desorganisation im Schoße der Internationalen einführe. Aber das versteht sich: Jedes Parteioberhaupt schleudert die Anklage der Desorganisation auf die rebellischen Minderheiten in der Partei. Bakunin wollte tatsächlich nur eine weniger zentralisierte Organisation der Internationalen. Aber die Bakunisten waren deshalb nicht weniger fest organisiert als die Marxisten; dafür waren die spanischen, italienischen, belgischen u. s. w. Föderationen ein Beweis. Uebrigens brach Bakunin selbst in beredter Weise eine Lanze zugunsten der Organisation, und zwar sogar in der Zeit, in der er am meisten wegen seinen desorganisatorischen Neigungen angegriffen wurde. Er schrieb während der Kommune: »Wie sehr ich auch dem, das man in Frankreich Disziplin nennt, feindlich gegenüberstehe, so erkenne ich doch an, daß eine gewisse, nicht automatische, sondern freiwillige und überlegte Disziplin immer da notwendig ist und sein wird, wo einige freiwillig geeinte Individuen irgend eine gemeinschaftliche Arbeit oder eine gemeinschaftliche Aktion beginnen wollen. Diese Disziplin ist die freiwillige und auf einen gemeinsamen Zweck hin mit voller Ueberlegung ausgeführte Konkordanz aller individuellen Anstrengungen«[51].

II.

Vom ökonomischen Gesichtspunkte aus gab es eine theoretische Differenz zwischen den beiden Strömungen in der Internationalen nur insofern, als die marxistische kommunistisch, die bakuninische kollektivistisch war. Heute mißt man diesen feinen Unterscheidungen darüber, wie die künftige Gesellschaft organisiert sein soll, keine große Wichtigkeit mehr bei. Immerhin ist die Tatsache wissenswert, daß gegenwärtig diese ganze Definition umgekehrt ist: die Sozialdemokraten nennen sich Kollektivisten, und die Anarchisten bezeichnen sich als Kommunisten. Aber es handelt sich bei alledem mehr um einen formellen als um einen wesentlichen Unterschied. Bakunin wollte ehemals aus demselben Grunde nicht Kommunist genannt werden, aus dem die Anarchisten heute nicht Kollektivisten heißen wollen: »Ich bin gegen den Kommunismus« — so erklärte er auf dem Kongreß der Friedensliga in Genf — »weil der Kommunismus alle Kräfte im Staate konzentriert und weil dieser unvermeidlich das Gesamteigentum in seinen Händen zentralisieren wird, während ich für die Abschwächung des Staates bin«. Das ist derselbe Vorwurf, den heute die Anarchisten dem Kollektivismus machen[52].

Aber wenn die Anarchisten heute gegenüber den Anhängern des Schäffleschen Kollektivismus und der von einigen derselben in dieser Frage eingenommenen Haltung Recht haben können, zur Zeit Bakunins war ihre Kritik verfrüht. Wenn es auch damals bei den Kommunisten eine autoritäre Tendenz aus Temperament und Rasseinflüssen gab, so existierte doch keinerlei autoritäre Theorie. Marx würde während der ersten Periode der Internationalen gewiß nicht das geschrieben haben, was vor einiger Zeit der sozialistische italienische Professor Ignazio Scarabelli in einem, von der parteioffiziösen Critica Sociale zur Propaganda verbreiteten Buch schrieb: »Der Sozialismus will, daß die Einrichtungen der Regierung, also Verwaltung, Gesetze, bürgerliche, strafrechtliche und administrative Verordnungen erhalten bleiben, nur dürfen sie nicht mehr, wie heute, die Klasse der Kapitalisten begünstigen, sondern die Klasse der Arbeiter. Sozialismus bedeutet starkes Regiment etc.«[53]. Friedrich Engels selbst würde das zu widerlegen unternommen haben: »Der Staat war der offizielle Repräsentant der ganzen Gesellschaft, ihre Zusammenfassung in einer sichtbaren Körperschaft, aber er war dies nur, insofern er der Staat derjenigen Klasse war, welche selbst für ihre Zeit die ganze Gesellschaft vertrat: Im Altertum Staat der Sklaven haltenden Staatsbürger, im Mittelalter des Feudaladels, in unserer Zeit die Bourgeoisie. Indem er endlich tatsächlich Repräsentant der ganzen Gesellschaft wird, macht er sich überflüssig. Sobald es keine Gesellschaftsklasse mehr in der Unterdrückung zu halten gibt, sobald mit der Klassenherrschaft und dem in der bisherigen Anarchie der Produktion begründeten Kampf ums Einzeldasein auch die daraus entspringenden Kollisionen und Exzesse beseitigt sind, gibt es nichts mehr zu reprimieren, das eine besondere Repressionsgewalt, einen Staat, nötig machte. Der erste Akt, worin der Staat wirklich als Repräsentant der ganzen Gesellschaft auftritt — die Besitzergreifung der Produktionsmittel im Namen der Gesellschaft — ist zugleich sein letzter, selbständiger Akt als Staat. Der Staat wird nicht »abgeschafft«, er stirbt ab«[54]. Ist die freie und gleiche Assoziation der Produzenten, der wir uns, nach Engels in »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates«, mit großen Schritten nähern, nicht mit der ökonomischen und sozialen Gleichheit in der Freiheit, von der Proudhon und Bakunin sprachen identisch?

Da mich die Entwickelung und Verkettung der Ideen wieder zum Thema des Staates geführt hat, so will ich sagen, daß das, was die staatliche Tendenz in der sozialistischen Welt zum Siege gebracht hat, mehr der Einfluß des Temperaments Marxens als der seiner Ideen gewesen ist, verbunden mit dem doktrinären Autoritarismus Louis Blancs in Frankreich und Ferdinand Lassalles in Deutschland, sowie endlich mit dem revolutionären Autoritarismus der Anhänger Blanquis. Wehn man bedenkt, daß eine wirklich ausgesprochen autoritäre Richtung im demokratischen Sozialismus erst nach dem deutsch-französischen Kriege, der einen ungeheueren Sieg des Militärstaates bedeutete, entstanden ist, so wird es erklärlich, daß dieser Sieg nicht ohne Rückwirkung auf die sozialistische Welt bleiben konnte. »Der Sozialismus« — sagt Krapotkin — »wiederholte den durchlaufenen Weg und kam so zum kapitalistischen Staatsbegriff Louis Blancs und zum staatlichen Kollektivismus, wie ihn Pecqueur und Vidal für die Republik von 1848 formuliert hatten, und nahm außerdem den Charakter des »Zentralisators« an, der ihm von dem deutschen Geiste, dem Geiste Deutschlands, aufgenötigt wurde, wo die Einigung der kleinen Staaten zu einem Einheitsreich der Traum von wohl dreißig Jahren gewesen war«[55].

Alle diese Ursachen zusammen und dazu noch ein natürlicher Geist des Widerspruchs gegen die Genossen von der äußersten Linken, sowie endlich die schroffe Polemik gegen Bakunin und die Libertären, trugen in hohem Grade dazu bei, der Sozialdemokratie den gegenwärtigen staatsfreundlichen Charakter zu verleihen, der zwar von Kautsky und den anderen noch traditionellen Revolutionären geleugnet wird, der sich aber auf dem praktischen Gebiet der Politik immer mehr behauptet und der jetzt von den reformistischen und revisionistischen Gruppen offen vertreten wird. Eduard Bernstein sagt ohne weiteres, daß Engels im Irrtum ist, wenn er das Verschwinden des Staates prophezeit. »Im Gegenteil, je mehr der Staat aufhört, das Organ der Klassenherrschaft und Klassenunterdrückung zu sein, desto mehr dehnt sich sein Wirkungskreis aus«[56]. August Bebel, der in seinen bekannten Parlamentsreden vom 3. und 6. Februar 1893[57] mit Engels darin übereinstimmt, daß, »wenn einmal der Zeitpunkt kommt, wo die Klassengegensätze aus der Welt geschafft werden können und werden, auch die Staatsgewalt aufhört, zu existieren«, legt in diesen selben Reden dar, wie in Deutschland schon durch den Einfluß Lassalles die Tendenz zur Konzentrierung der Macht in Händen des Staates Boden gefaßt habe; er betont freilich gleichzeitig, daß die Ansichten Lassalles niemals bei Marx und Engels Aufnahme fanden. Alles dies beweist, wie im heutigen Sozialismus zwei Seelen lebendig sind, Geister zweier entgegengesetzter, wenn auch der Herkunft nach gleichen Doktrinen. Dieser Dualismus hat gleich zu Beginn der Bewegung die Spaltung zwischen Sozialdemokraten und Sozialanarchisten herbeigeführt. Heute sehen wir im Schoße der ersteren selbst von neuem Keime der Zwietracht zwischen dem Sozialismus, den wir nunmehr als den konventionellen bezeichnen können, und den neuen syndikalistischen Strömungen, die nichts weiter bedeuten als ein Zurückkehren zum wahrhaft traditionellen Sozialismus der Internationale Marxens und Bakunins.

Marx und Bakunin waren zu ihrer Zeit sowohl in der Doktrin als in dem Kampf gegen die Bourgeoisie Kameraden und standen sich viel näher als heute etwa Bernstein und Michels in Deutschland, Jaurès und Lagardelle in Frankreich, Turati und Labriola in Italien. Und das, trotzdem die ersteren sich so schroff getrennt hatten, während die letzteren fortgesetzt in der gleichen politischen Partei vereint bleiben. Die Differenz zwischen dem Kommunismus Marxens und dem Kollektivismus Bakunins — das Problem der Organisation der zukünftigen Gesellschaft ist so ungeheuer kompliziert, daß man, um es genügend auseinanderzusetzen, Bände schreiben müßte, weshalb wir es hier nur flüchtig streifen können — war im Anfang eher ein Wortspiel. In der Folge wurde sie dann gleichsam ein Vorwand, um getrennt zu bleiben, während man ruhig in voller Einigkeit hätte verharren können. Eine theoretische Differenz über die Art der Verteilung der Arbeitsprodukte in der sozialistischen Gesellschaft bestand allerdings, aber sie war nicht derartig, um eine Parteispaltung zu rechtfertigen. Sich streiten, weil man wissen will, ob den Arbeitern, wenn einmal die soziale Revolution gesiegt haben wird, die Lebensmittel nach Maß ihrer Bedürfnisse oder ihres Verdienstes gegeben werden sollen, kommt dem Streit um das Fell des Bären und über die Art der Verteilung, bevor der Bär noch erlegt ist, gleich. Schon sind vierzig Jahre verflossen, und der Bär »Bourgeoisie« erfreut sich einer noch täglich robuster werdenden Gesundheit.

Nicht, daß eine prinzipielle Diskussion jemals schaden könnte! Die Tatsache, daß die Internationale ein großes Laboratorium für Ideen w-ar, aus dem dann der ganze Sozialismus hervorgegangen ist, bedeutet ja gerade ihr Verdienst. Aber glauben, daß die Frage: Kommunismus oder Kollektivismus ? das Motiv zur Trennung zwischen Anarchisten und Sozialdemokraten sein könne, hieße doch, sie auf der einen Seite zu sehr aufbauschen, auf der anderen zu sehr beschränken.

III.

Die Tatsache, daß die Anarchisten vor dem Tode Bakunins, und Bakunin mit ihnen, Kollektivisten waren, ist schon ein unbestreitbarer Beweis dafür, daß man ihnen ihre Qualität als Sozialisten nicht absprechen kann — wie es in der Folge von einigen sozialdemokratischen Schriftstellern und Polemikern geschehn ist.

Ich weiß nicht mit Bestimmtheit, welchen Charakter der Anarchismus bei den nordischen Nationen einnimmt — mir scheint freilich, einen dem der anderen Länder nicht unähnlichen —, aber das weiß ich gewiß, daß der Anarchismus bei den romanischen Völkern als Doktrin und als Bewegung immer sozialistischen Charakter hatte und hat, da er unmittelbar aus der theoretischen und praktischen Arbeit der Internationalen hervorgegangen ist. Was speziell Italien anbetrifft, so können wir sagen, daß Sozialismus und Anarchie sich überhaupt erst in letzter Zeit zu konkreten und bestimmt unterscheidbaren Ideengängen kristallisiert haben, und zwar seit 1892, wo sich auf dem Sozialistenkongreß in Genua die glatte, wenn auch geräuschvolle Scheidung zwischen den beiden Strömungen vollzog. Uebrigens ist, was den Kongreß von Genua anbelangt, an eine wichtige Tatsache zu erinnern. Nämlich daran, daß die Majorität des Kongresses gar nicht für die Spaltung war, und daß, als sich nach den ersten Sitzungen eine Minorität, aus Sozialdemokraten bestehend, sich von der Majorität trennte und in einem anderen Lokale einen separaten Kongreß eröffnete, die Majorität ruhig ihre Versammlungen fortsetzte. Während bei der sezessionistischen Minorität Turati, Anna Kuliscioff und andere Sozialdemokraten waren, blieben in der Majorität außer den Anarchisten auch ausgesprochene Sozialdemokraten, unter ihnen sogar der Abgeordnete Andrea Costa. In Rom war die Trennung zwischen Anarchisten und Sozialisten noch im Jahre 1896 nicht vollzogen. Ja, der Anarchist Pietro Acciarrito, der das Attentat auf das Leben des Königs Umberto ausführte, war noch am Vorabend des Anschlags regelrechtes Mitglied der sozialistischen Partei. In allen diesen Beziehungen liegt vielleicht der Grund, warum in Italien trotz oft recht heftigen Polemiken die Beziehungen zwischen Sozialisten und dem nicht individualistischen Teile der Anarchisten immer freundliche geblieben sind. Enrico Ferri hat oftmals in seinen Reden betont, daß die Sozialisten mit den nicht individualistischen Anarchisten durch eine weitgehende Ideengemeinschaft sind.

Nicht nur zur Zeit der Internationalen, sondern auch später, nachdem die Internationale längst gestorben war, wurde die anarchistische Propaganda unter dem Sammelnamen Sozialismus betrieben. Die anarchistischen Journale trugen oft den Kopfaufdruck »Sozialistische Zeitung«, und auf den Broschüren las man als besondere Bezeichnung für den Inhalt: »Sozialistische Propaganda«. Marx, Engels und Malon wurden bei dem gleichen Gegenstand und in derselben Weise wie Bakunin und Proudhon zitiert. Ist schließlich nicht auch die Tatsache ein Fingerzeig, daß der Ausdruck »Sozialdemokratie«, der heute die orthodoxeste Partei des parlamentarischen Sozialismus, nämlich die deutsche Sozialistenpartei, bezeichnet, von Bakunin selbst in seiner famosen Alleanza (della »Democrazia Socialista«), die die Zornausbrüche Marxens hervorrief, geschaffen worden ist?

In Italien war es, auch nach dem Ende der Internationalen, lange Zeit ganz dasselbe, ob man von Sozialismus oder Anarchie sprach. Vielmehr war dies letzte Wort bei den Anarchisten sogar weit weniger gebräuchlich als das erste[58]. Eine genaue Unterscheidung kam erst später auf. Im »Partito Operaio« vor 1892, der dem »Partito Socialista dei Lavoratori Italiani« voranging, waren die Anarchisten zahlreich vertreten und nahmen aktiven Anteil an den Kongressen, an der Organisierung der Gewerkschaften, an den Streiks u. s. w. Es waren damals sogar einige unter den Anarchisten, die sich später als Sozialdemokraten einen Namen machen sollten, wie die Abgeordneten Noè, Rigola, Bentini und einige andere. Es ist vielfach unbekannt, einen wie großen Anteil an der Organisationsarbeit in den Bezirken von Biella, Mantua und Ravenna anfangs gerade die Anarchisten hatten. Bei dieser brüderlichen Zusammenarbeit von Männern beider Richtungen persistierten zwar die Unterschiede des Temperaments und die Verschiedenheit der Auffassung von der praktischen Arbeit, aber diese Unterschiede nahmen keinerlei theoretische Gestalt an.

Als später einige Sozialdemokraten, als erster unter ihnen Filippo Turati, anfingen, den Anarchisten den Charakter von Sozialdemokraten abzusprechen, haben diese sich so erbittert verteidigt, als wenn man ihnen den teuersten Teil ihrer eigenen Fahne entreißen wollte, und, in Italien wenigstens, hat man ihnen schließlich Recht gegeben. Als nach dem Tode Bakunins (1876) die Anarchisten, mit Ausnahme der spanischen Anarchisten, aus Kollektivsten zu Kommunisten wurden, da waren es, offenbar unter dem Einfluß der Marxschen Doktrinen, die italienischen Anarchisten, die mit großem Eifer auf die Beibehaltung der alten Benennung drangen. Die spanischen Anarchisten hingegen, bei denen die marxistischen Ideen lange Zeit hindurch nicht einzudringen vermochten, blieben bis vor wenigen Jahren Kollektivsten. Heute noch findet man manchen Kollektivsten unter ihnen. Dagegen wurde 1900 eine Berichterstattung im kollektivistischen Sinne dem anarchistischen Kongreß, der in jenem Jahre in Paris abgehaltcn werden sollte, aber dann verboten wurde, von dem spanischen Anarchisten Riccardo Mella vorgelegt[59].

Die ausgedehnte Gemeinschaftlichkeit und der fortgesetzte Austausch der Ideen zwischen den beiden Parteien und auch die Tatsache, daß Anarchisten so vielfach und ohne große tiefgehende Aenderung der Weltanschauung in die sozialistische Partei eintreten und Sozialisten zum Anarchismus übergehen, das alles zeigt, daß das, was die Mutteridee und den fundamentalen theoretischen Kern des Sozialismus bildet, den Anarchisten und den Sozialdemokraten zusammen gemeinsam ist. Das ist die Vergesellschaftlichung des Eigentums auf der Basis der Freiheit und auf dem Mittelswege der sozialen Revolution. Die Scheidung beginnt erst bei der mehr oder weniger eingehenden Interpretierung der Grundbasis und bei dem Maß, mit dem man jene drei fundamentalen Begriffe mißt, die den beiden Strömungen des Sozialismus unleugbar gemeinsam sind. Augustin Hamon — ein Anarchist, der heute der geeinten französischen Sozialistenpartei beigetreten ist — hat in zwei seiner vorzüglichen Schriften manche klare Seite zur Unterstützung der These, daß der Anarchismus eine »Fraktion des Sozialismus« ist, geschrieben[60].

Aber diese Ideengemeinschaft, diese Aehnlichkeit der Tendenzen, schwindet, wenn wir uns von der Betrachtung des reinen revolutionären Sozialismus und des sozialistischen Anarchismus abwenden. Die Reformisten auf der einen und die individualistischen Anarchisten auf der anderen Seite sind tatsächlich aus der sozialistischen Familie ausgetreten und für sie verloren. Die einen kehren auf diesem Wege, die andern auf einem anderen zur geistigen Familie der Bourgeoisie zurück. Das hindert übrigens nicht, daß die einen sowohl wie die anderen nützliche Koeffizienten des Fortschrittes im allgemeinen und auch der Aufbesserung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse der Arbeiterklasse und unterdrückten Volksschichten im besonderen sein können und in Wirklichkeit auch sind.

Wir haben schon darauf hingewiesen, auf welche Weise innerhalb der politisch-sozialistischen Bewegung (der sog. Sozialdemokratie) die autoritäre reformistisch-revisionistische Richtung entstand. Nun noch einige Worte über die Entstehung der individualistischen Tendenz innerhalb der antiparlamentaristischen Richtung des Sozialismus, des sog. Anarchismus, aus der die Sozialdemokraten häufig Grund und Vorwand nehmen, um allen Anarchisten die Qualität als Sozialisten abzusprechen.

Durch ewige Wiederholung ist es zum stehenden Satz geworden, daß die Anarchie eine »Contradicho in adjecto« mit jedem Begriff von Sozialismus, von Organisation, von Solidarität und Moral sei. Wir haben schon an der Hand vieler Beweise gesehen, warum dieser Vorwurf gerade das Gegenteil der Wahrheit ist. Trotzdem finden sich viele, die noch glauben, daß der Anarchismus dem antisozietären Individualismus und nichtsozialistischen Individualismus Max Stirners und sogar Spencers oder — Nietzsches gleich sei und gewesen sei! Alle bürgerlichen Schriftsteller und Journalisten verfallen diesem Irrtum, und auch viele Sozialdemokraten — als erster unter ihnen Plechanow[61] — versinken darin, wenn sie, mit Filippo Turati in Italien und Kautsky in Deutschland so weit gingen, den Anarchismus als die Uebertreibung oder logische Folge des bürgerlichen Individualismus zu bezeichnen[62]. Diese Männer kennen nicht oder vergaßen den historischen Ursprung und den theoretischsozialistischen Gehalt des Anarchismus und halten für traditionellen Anarchismus und seine fundamentale Doktrin das, was nur eine Abart und eine Entartung desselben ist.

Selbstverständlich haben die Anarchisten den individualistischen Schriftstellern viele Argumente gegen den Staat und gegen die bürgerliche Moral entnommen, genau so, wie sie aus den sozialistischen Schriftstellern viele historische Argumentationen gegen den Kapitalismus und den Monopolismus hergeleitet haben, ganz ebenso oft, wie die Sozialdemokraten von bürgerlichen Gelehrten, Literaten und Oekonomen und sogar aus anarchistischen Schriftstellern viele ihrer These günstigen Argumente geschöpft haben. Aber das will durchaus nicht sagen, daß alle Anarchisten Individualisten in dem Sinne sind, den die Individualisten selbst und die Nichtanarchisten diesem Wort geben. Alle Anarchisten sind glühende Verehrer der individuellen Freiheit, aber sie trennen diesen Begriff nicht von der Solidaritätsauffassung; in diesem Sinne sind sie zwar »Libertäre«, aber wenn man eine kleine Minorität ausnimmt, deren Tendenz erst ganz neuerdings zur Ausbildung gekommen ist, nicht Individualisten.

In Wirklichkeit ist der individualistische Anarchismus ganz neueren Datums. Er kam mindestens zwanzig Jahre später auf, als der Anarchismus in sozialistischem Sinne festgelegt worden war und als solcher propagiert wurde. Die extremen theoretisch-antisozialistischen, antisozietären und unmoralischen Folgerungen des Individualismus waren in der anarchistischen Welt bis vor kurzem unbekannt. Als Max Stirner, der als der Theoretiker des Individualismus anzusehn ist, im Jahre 1845 sein Buch »Der Einzige und sein Eigentum« schrieb, erweckte es nur wenig Interesse und erregte nur wenig Aufsehen. Später gar gerieten er und sein Werk ganz in Vergessenheit. Die anarchistische Bewegung blieb davon völlig unberührt, und noch mehr die Doktrin. Die kämpfenden Anarchisten, ausgenommen etwa ein oder zwei stille Gelehrten, kannten ihn lange Zeit hindurch nicht einmal dem Namen nach. Stirners Schriften begannen erst nach 1892 unter ihnen bekannt zu werden, und zwar erst, als man die deutsche dritte Ausgabe des »Einzigen« druckte und die unabhängigen französischen Zeitschriften anfingen, Auszüge daraus, und zwar gerade die paradoxesten Teile, zu veröffentlichen.

Anfangs hatte das eine ausschließlich literarische Bewegung zur Folge. Die Poeten, Novellisten und Kritiker, Aesthetiker und Dekadenten, die sogenannten intellektuellen Anarchisten oder »Gehirne«, wie sie ironisch von den kämpfenden Arbeiter-Anarchisten genannt wurden, bemächtigten sich damals Stirners. Eklektische und in Sensation arbeitende Zeitschriften, wie die Revue Blanche, der Mercure de France, die Revue Rouge, die Plume, die Entretiens politiques et littéraires u. s. w. wurden unter dem Einfluß dieser ästhetischen und literarischen Bewegung, an der Paul Adam, Maurice Barrés, Camille Mauclair, Laurent Tailhade, Zo d’Axa und einige andere teilnahmen, die Organe des Stirnerschen Anarchismus. Max Stirner wurde der »Philosoph der Anarchie« getauft, obwohl er höchstens den entferntesten Vorläufern und Verwandten des Anarchismus zugezählt werden kann.

Die vorgenannten Zeitschriften gingen dann gegen 1895 wieder ein oder gaben doch ihre anarchistische Tendenz auf, und so zerstreuten sich auch die bekanntesten Literaten, die ihre Mitarbeiter waren, und wurden zum einen Teil Nationalisten, Militaristen, parlamentarische Sozialisten, Konservative, und zum andern Teil gar nichts.

Aber der Einfluß dieser literarischen Propaganda schlug seine Wellen auch auf die Gestade der arbeitenden und kämpfenden anarchistischen Welt und, wenngleich weniger (zumal in den nordischen Ländern), sogar auch auf das Gebiet der Doktrin. In England verschmolz sie sich mit den ultraspencerischen Tendenzen und in den Vereinigten Staaten mit den Ueberbleibseln der alten proudhonistischen Bewegung. Bei den romanischen Völkern hatte sie zwar keinen nennbaren Einfluß auf die Doktrin, bewirkte aber, daß die Anarchisten in der Propaganda vielfach paradox wurden und die Betonung der Notwendigkeit der Gewaltanwendung in den Vordergrund stellten. In dieser wollten viele Individualisten kein Eventualmittel, das dazu dienen soll, um sich von gewissen besonders drückenden Formen der Ausbeutung oder Unterdrückung zu befreien (wie die Majorität der Anarchisten sagt), sehen, sondern vielmehr eine Bejahung der individuellen Kraft und des individuellen Willens, ganz jenseits von Gut und Böse. Mancher kam auf diesem Wege sogar dazu, das Recht auf den Privatbesitz wieder anzuerkennen. Jedenfalls betrachteten alle diese Anarchisten insgesamt den Sozialismus als den Gegensatz zur Anarchie. Doch es handelt sich hier um Ausnahmen, um kleine Gruppen, um isolierte Personen, die gar keinen Einfluß auf die Bewegung haben und auch untereinander in keiner rechten Verbindung stehen. Einen Beweis, daß sie garnichts mit dem eigentlichen Anarchismus gemeinsam haben, hat einer von ihnen in einem kürzlich erschienenen Artikel selbst geliefert, in dem er sagt, daß nach seiner Auffassung Bakunin und Kropotkin keine Anarchisten, sondern bloß Föderalisten seien, und weiter erklärt, sich den liberalen bürgerlichen Individualisten näher verwandt zu fühlen als den sozialistischen Anarchisten. Mancher andere dieser Individualisten hat auf den Namen Anarchist überhaupt verzichtet.

Es bleibt also bewährt und bewiesen, daß der Anarchismus heute noch immer so ist, wie er stets war: sowohl in traditionellem als in historischem Wortsinn sozialistisch. Der italienische Anarchist Pietro Gori sagte in diesem Sinne synthetisch, daß »die Anarchie die politische Krönung und den Abschluß der ökonomischen Kritik des Sozialismus« bedeutet[63]. Peter Kropotkin ferner sieht im Anarchismus den Zusammenfluß der beiden geschichtlichen Bewegungen des 19. Jahrhunderts, der politischen mit einer immer wachsenden Betonung des Liberalismus infolge der Bildung der großen Staaten, und der ökonomischen mit einer immer stärkeren Ausprägung des Klassenkampfes infolge der Entwicklung der Großindustrie[64].

IV.

Wir haben gesehen, daß alle Richtungen des modernen Sozialismus im Schoß der Internationalen der ersten Periode, während der noch Marx vorherrschte, entstanden sind, und daß die zweite Periode, während welcher Bakunin prädominierte, nur die theoretische und historische Fortsetzung der ersten war. Auf dem Kongreß im Haag, 1872, begann die autoritäre Tendenz Marxens wieder die Oberhand auch in der Theorie zu gewinnen. Freilich war diese letztere selbst noch im Keim begriffen — ein Keim, der seit 1847 im Marxismus schlief — und die Marxisten wollten deshalb auch ihre autoritären Tendenzen durchaus nicht eingestehen und schlossen Bakunin und Guillaume unter dem Vorwand persönlicher Zwistigkeiten aus der Internationale aus.

Wir haben also gesehen, daß der Anarchismus eine aus der ersten Periode der Internationalen hervorgegangene sozialistische Theorie war, die sich in der zweiten entwickelte und zur Bewegung wurde, und ebenso haben wir festgestellt, daß die anarchistische Theorie keineswegs notwendig und absolut im Widerspruch mit den marxistischen Theorien steht. Aus alle dem ergibt sich die Bestätigung unseres Satzes, daß der heutige Syndikalismus im Recht ist, wenn er behauptet, zur marxistischen Tradition zurückgekehrt zu sein, aber auch dafür, daß es andererseits richtig ist, daß er sich beträchtlich dem Anarchismus genähert hat, umsomehr, als auch die syndikalistische Doktrin bereits vollständig in der Internationalen ausgearbeitet worden ist. Man erinnere sich, daß diese gewaltige Vereinigung, die erste geschichtliche, politische Betätigung der wirtschaftlichen Tatsache des Klassenkampfes, im Ursprung nichts anderes war und auch nichts anderes sein konnte als ein internationaler Bund von Arbeiterorganisationen, von Gewerkschaften: Die Internationale war bereits der Syndikalismus in Aktion. Man erinnerte sich weiter der Sätze, mit denen die Resolutionen ihrer Grundstatuten begründet wurden, speziell die der ersten und der vierten: 1. »Daß die Befreiung des Arbeiters das Werk der Arbeiter selbst sein muß.« — 4. »Daß die ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse der große Endzweck ist, dem jede politische Bewegung als Mittel unterzuordnen ist.« Charakteristisch für die Internationale wie auch für den heutigen Syndikalismus war das Fehlen jeder Rücksicht auf die anderen politischen Parteien und bürgerlich-liberalen Organisationen. Michail Bakunin wurde gerade deshalb sein Beitritt zur Friedens- und Freiheitsliga sehr übel genommen, weshalb sich Bakunin und die anderen denn auch nach dem Berner Kongreß dieser Liga von ihr trennten.

Der unpolitische Charakter der Internationalen ließ sogar in Napoleon III. für eine Zeit die Hoffnung aufkommen, sie könnte ihm nützlich sein, um die französische Arbeiterklasse der gegen ihn gerichteten politisch-revolutionären Bewegung zu entfremden. Karl Marx wußte in seinem Kampf gegen die Anhänger Bakunins kein stärkeres Argument zu finden, um sie als schlechte Internationalisten hinzustellen, als das, daß die Anarchisten fast alle politische Revolutionäre, ehrgeizige Bourgeois, Intellektuelle ohne Beruf, Nicht-Arbeiter seien[65]. Marx hatte Unrecht, weil das nicht wahr war. Aber die Tatsache, daß ein solcher Vorwurf überhaupt erhoben werden konnte, beweist doch, von welcher Grundstimmung die Internationale getragen war. Diese hatte nicht lauter Intellektuelle wie Marx und Bakunin an ihrer Spitze, sondern auch, ja hauptsächlich, viele wirklichen Arbeiter. Aus den Memoiren eines italienischen Internationalisten können wir entnehmen, daß die »Federazione Italiana« fast nur aus Arbeiterverbänden zusammengesetzt war[66]. Der Arbeiterverband in Florenz hatte die Ehrenmitglieder, die Präsidenten und die Besitzenden aus seinem Schoße ausgeschlossen, er nahm den Streik als Kampfmittel an und machte sich die föderale Organisationsmethode der Trades-Unions zu eigen. Sein mir vorliegendes Manifest, mit dem er den Stadt- und Landarbeitern die Konstituierung des Verbandes anzeigte, ist vom 10. Januar 1872 datiert. Der Verband wurde bald sehr mächtig. Er war in den verschiedenen Einzelberufen entsprechende Gewerkschaften eingeteilt, genau wie die gegenwärtigen Arbeiterkammern (Gewerkschaftskartelle). Er bestand aus einer Reihe von Sektionen, von denen die Sektionen der Schuhmacher, der Maurer und der Metallarbeiter die größte Mitgliederzahl und die beste Organisation aufwiesen. Die Schuhmachergewerkschaft brachte es bis auf 700, die Metallarbeiter auf 500 und die Maurer sogar bis auf 1700 Mitglieder. Die ganze Vereinigung kam in Florenz bis zu 5000 organisierten Arbeitermitgliedern. Auch wurde damals ein Vereinsorgan herausgegeben: »Il Fascio operaio«. Aehnliche Organisationen existierten in Rom und Mantua sowie in der Emilia. In den Marken, in Umbrien und in mancher anderen Gegend waren dagegen die rein politischen Propagandazirkel, die mehr den heutigen sozialistischen und anarchistischen Gruppen und Sektionen ähnelten, zahlreicher.

Genau wie in Italien ging es auch in Spanien, wo 1873 in einer gedrängten Broschüre[67] von etwa 100 Seiten, die im Auftrag der Kongresse von Barcelona und Valencia herausgegeben wurde, ganz ausführliche Verhaltungsmaßregeln für die Konstituierung der Internationalen in Abteilungen für die einzelnen Handwerksberufe gedruckt wurden. Nirgends wird in ihr von Sozialisten, Anarchisten oder Republikanern gesprochen, sondern immer nur von »Arbeitern«. Die Beschlüsse der Kongresse der Internationalen bis 1872[68] werden wiedergegeben, und zuletzt enthält sie die zur Konstituierung der Sektionen für die einzelnen Handwerksberufe angewandten Grundrisse. Man könnte beinahe meinen, die heutige »Confederaron Genérale du Travail« in Paris habe ihre Organisationsmethode dieser Broschüre entnommen.

Die anderen charakteristischen Merkmale des Syndikalismus — von denen das der Unterordnung jeder politischen Frage unter die wirtschaftliche und das der Aufsaugung der verschiedenen revolutionären Parteien durch die Arbeiterorganisation, wie wir schon gesehen haben, bereits der Internationalen in Theorie und Praxis eigen gewesen waren — sind: die Annahme des Generalstreiks als Kampfmittel, die revolutionäre direkte Aktion und der antipatriotische Antimilitarismus; endlich der Endzweck: die Expropriation, um eine gleichheitlichc soziale Organisation herzustellen, deren direkte Geschäftsführung die Gewerkschaften übernehmen werden, durch unmittelbare Verwaltung des vergesellschafteten Eigentums ohne politische Vermittler bei der Leitung der Produktion.

Was diesen Endzweck anbetrifft, so haben wir gesehen, daß er sich ungefähr mit dem deckt, den Marx, Engels und Bakunin verkündet haben. Auf dem 1. Kongreß der Internationalen, der gleich nach Gründung dieses Vereins 1865 in Genf abgehalten wurde, besagte gleich die zweite der angenommenen Prinzipienerklärungen ausdrücklich, »daß eine Einigung zwischen Kapital und Arbeit auf gerechten Grundlagen nicht möglich ist, daß die einzige Stärke der Arbeiter in ihrer Zahl liegt, und daß die Gewerkschaften die Umgestaltung des Lohnsystems und die Zerstörung des kapitalistischen Monopols zum gemeinsamen Ziel haben müßten[69].

In bezug auf den Antimilitarismus und den Antipatriotismus bietet die Literatur der Internationalen alle nur denkbaren für das Bestehen dieser Richtung in ihr sprechenden Beweise. Wir haben schon gesehen, wie Marx in seiner Verteidigung der Kommune die Rebellion der Soldaten gegen die Generäle Leeomte und Thomas rechtfertigte und zusammen mit Engels im Kommunistischen Manifest sagte, daß »die Proletarier kein Vaterland haben«. Wir haben auch den analogen Schluß der »Inauguraladresse der Internationalen« zitiert, die doch auch von Marx herstammt. Soweit Marx. Michail Bakunin hat geradezu eine Broschüre gegen den Patriotismus in Gestalt seiner Briefe an die Genossen im Jura geschrieben[70]. Auf dem dritten Kongreß der Internationalen in Brüssel 1868 schloß man nach verschiedenen sehr radikalen Resolutionsbegründungen mit diesen Worten:

»Der Kongreß empfiehlt den Arbeitern auf das sorgfältigste, im Falle des Ausbruchs eines Krieges überall die Arbeit zu verlassen und vertraut auf den Solidaritätsgeist der Arbeiter aller Länder in diesem Krieg der Völker gegen den Krieg«[71]. Wie man sieht, haben wir da bereits den Begriff des Generalstreiks im Kriegsfälle, für den heute der Syndikalist Hervé eintritt.

Der Begriff der direkten Aktion ist schon in den vorhergehenden Fragen, insbesondere der des Generalstreiks, enthalten. Der Generalstreik wurde zum erstenmal in dem Journal L’Internationale (Brüssel, im März 1869) mit folgenden Worten zur Diskussion gestellt: »Wenn die Streiks sich ausdehnen, von einem Ort zum andern sich mitteilen, so ist das ein Zeichen, daß wir nahe vor dem Ausbruch eines Generalstreiks stehen, und ein Generalstreik mit den heute herrschenden Emanzipationsideen kann nur zum großen Zusammenbruch führen, der den Grund zur neuen Gesellschaft legen wird«[72]. Der Kongreß der belgischen Sektion in Antwerpen 1873 lud alle Föderationen ein, »sich auf den Generalstreik vorzubereiten und deshalb auf alle partiellen Streiks zu verzichten, mit Ausnahme in Fällen notwendigster Selbstverteidigung«.

Die Diskussion auf dem im September desselben Jahres in Genf abgehaltenen internationalen Kongreß wurde in geheimer Sitzung geführt. An ihr beteiligten sich Andrea Costa und Paul Brousse. Sie war sehr lebhaft. Emile Pouget sagt in seinem in der Fußnote bereits erwähnten Artikel, daß sich die damaligen Argumente gegen bezw. für die Verteidigung des Generalstreiks nicht sonderlich von denen unterscheiden, die man heute vorzubringen pflegt. Einige betrachteten den Generalstreik als gleichbedeutend mit der sozialen Revolution, andere nur als Agitationsmittel zur Durchführung von Reformen. Jedenfalls endigte der Kongreß mit einer den Generalstreik in ersterem Sinne begünstigenden Erklärung und mit der dringenden Empfehlung an die Arbeiter, die internationale Organisation der Gewerkschaften zu betreiben, »ohne die man der Frage des Generalstreiks keine vollständige Lösung wird geben können«[73].

All diese Probleme, die heute wieder von den Syndikalisten zur Frage gestellt sind, wurden im Schoße der Internationalen durch die obengenannten Resolutionen lebhaft erörtert. Die Resolutionen wurden nicht nur von den Anhängern Bakunins, sondern auch von allen anderen Sozialisten, einschließlich den Jüngern Marxens, mit großer Majorität angenommen. Nur über den Generalstreik vielleicht haben sich die reinen Marxisten damals nicht ausgesprochen, weil die letzten Resolutionen des Kongresses von Genf in der Abwesenheit Marxens gefaßt worden sind[74].

Andererseits habe ich nirgends einen Anhaltspunkt dafür finden können, daß sich Marx und die Marxisten damals als Gegner dieser Idee erklärt hätten. Doch dürfte es ziemlich belanglos sein, darüber Klarheit zu schaffen, da es damals erst recht zwecklos war, über etwas eine Entscheidung zu treffen, das durch die Schwäche der Arbeitermacht noch jetzt unmöglich auszuführen ist. Wir erinnern hier übrigens an die großartigen Erklärungen der französischen und deutschen Internationalisten vor dem Kriege 1870, sowie daran, daß sie toter Buchstabe bleiben mußten.

Wenn ich hier im Geiste die Heroenzeit des Sozialismus heraufbeschwor, die uns heute schon legendenhaft erscheint, wenn ich die Seiten der ersten Geschichte des Sozialismus, so wie sie allgemein bekannt ist, durchblätterte, so habe ich bei alledem keinen anderen Zweck gehabt als den: viele Punkte wieder an das Licht zu ziehen, die in das Dunkel der Vergessenheit geraten waren ; einige Irrtümer richtig zu stellen, die die ewige Wiederholung in den Köpfen der Meisten zu Wahrheiten hat werden lassen; einige zwischen den verschiedenen Gruppen des Sozialismus und in jeder zum Schaden der anderen eingewurzelten Vorurteile auf ihre Lächerlichkeit zurückzuführen; unüberbrückbar geglaubte Ideen- und Methodengegensätze auf ihre wirklichen Größen zu reduzieren; zu zeigen, wie viele Handlungen des heutigen Sozialismus und des heutigen Anarchismus ihre Fehler mehr in späteren Abirrungen und Auslegungen als in der Anfangsbewegung selber haben; gewisse Aehnlichkeiten und theoretische Uebereinstimmungen zwischen beiden Richtungen trotz ihrer charakteristischen und bedeutungsvollen taktischen Verschiedenheiten zusammenzustellen; einige der kausalen Zusammenhänge von Tatsachen und Ideen aufzuweisen, die einzeln betrachtet nicht in ihrer wahren Bedeutung hervortreten; dem Forscher ein weiteres Mittel zu bieten, um die Geschichte des Sozialismus von einem neuen Gesichtspunkte aus zu betrachten; schließlich, es zum allgemein wissenschaftlichen Bewußtsein zu bringen, eine wie viel größereWichtigkeit als die Leidenschaften der Menschen ihre Ideen haben und wie notwendig es ist, die ersteren auszuschalten, um die letzteren zu ernten. Alles dies ohne jede Absicht, diese oder jene Meinung, diese oder eine andere politische und soziale These zur höheren Geltung zu bringen. Mir ist, als ob ich nur in einem sehr interessanten Buch geblättert habe und mir dabei der Gedanke gekommen wäre, meine Beobachtungen, meine Hinweise, die Erinnerungen an andere Schriften und andere Geschehnisse, einige Ideenlücken und einige Irrtümer bei Beurteilung oder Prüfung der Tatsachen am Rande zu vermerken. Doch dies alles — wiederhole ich — ohne einen vorherbestimmten Plan, und nur deshalb, weil mir die eine oder andere Bemerkung interessant genug schien, um sie für den künftigen Forscher aufzuschreiben.

Es lag mir daher jeder Gedanke fern, Geschichte machen zu wollen, und wenn ich einerseits habe feststellen wollen, daß die Ideale Marxens und der Marxisten weniger entfernt von den Idealen der Anarchisten waren, als man glaubt, so habe ich andererseits durchaus nicht beansprucht, Marx ohne weiteres als einen Anarchisten darzustellen: Das würde nicht nur nicht mit seinem autoritären Temperament, sondern auch nicht mit seiner Argumentationsmethode im Einklang gestanden haben. Ich habe nur bezeugen wollen, wie das Ideal des Sozialismus in den ersten Jahren als der noch frische revolutionäre Geist der Kämpfer und die Drangsalierungen der Regierungen den Opportunismus und den Dilettantismus ausschlossen, ein geeintes und einheitlicheres war. Es ist hier die Bemerkung am Platze, daß dieser intransigente Charakter des Sozialismus sich ungefähr bis zum Tode Marxens, der gewissen Schritten seiner Partei, die ihm allzu opportunistisch schienen, seine Kritiken keineswegs ersparte, erhielt. Man wird sich deutlich der beredten Angriffe Liebknechts auf den Parlamentarismus (bis nach 1880) und der Guesdes, Devilles und Lafargues auf die Wahlen, die friedlichen Mittel und den Staat erinnern. Speziell auch, weil weniger weit zurückliegend, mag an die Vorrede Devilles zu seiner Zusammenfassung des Kapitals erinnert sein, in der er das allgemeine Wahlrecht als »die perfideste aller Komödien« und den Staat als eine Einrichtung bezeichnet, die man »auflösen und nicht vervollkommnen« müsse. Das erste französische streng marxistische Journal, die »Egalité«, um 1880 von Jules Guesde, Gabriel Deville und Paul Lafargue redigiert, hatte zum Programm: »den Klassenkampf, die kapitalistische Expropriation, die Inbesitznahme und die Vergesellschaftlichung des Bodens und der Arbeitsinstrumente, die Gleichberechtigung der Funktionen, die Sozialisierung der Erziehung, die freie Liebe und die Rehabilitation des Fleisches, die Aufhebung des Staates«[75].

Trotz all dieser hervorspringenden sprachlichen Aehnlichkeiten kann man zwar nicht sagen, daß die Marxisten Anarchisten waren, ebensowenig wie man sagen könnte, daß die Anarchisten Sozialdemokraten seien, — das wäre eine Contradictio in adjecto ! —, aber wohl, daß sie beide in bezug auf die hauptsächlichsten Theorien Marxens, wie den Klassenkampf, den historischen Materialismus und die Konzentration des Kapitals, Marxisten waren. Darüber herrscht kein Zweifel. Tscherkesoff, Merlino und andere Anarchisten richteten ihre Kritik gegen einige dieser Theorien, wie es später die Revisionisten taten. Der Marxismus fand sogar in einigen Anarchisten Verteidiger gegen die Revisionisten, und es gibt jetzt noch Anarchisten, deren sozialistische Auffassung in hohem Grade marxistisch ist. In dem von einem ans Rußland flüchtigen Anarchisten in Frankreich geschriebenen Buch »Un proscrit« wird versucht, die Einwendungen Tscherkesoffs und Bernsteins gegen die Theorie der kapitalistischen Konzentration zu widerlegen und gesagt, daß Marx immer Recht behalten hat und daß die Anarchisten, die ihn negieren, sich allzusehr von ihrer persönlichen Antipathie gegen den deutschen Oekonomen leiten lassen[76]. Der Anarchist Charles Malato[77] ist ebenfalls in seinen ökonomischen Theorien ein Marxist und sieht immer noch — meines Erachtens zu Unrecht — in der kapitalistischen Konzentration einen revolutionären Koeffizienten. Derselbe marxistische Geist findet sich in dem andern Werk des gleichen, freilich ziemlich oberflächlichen Autors über »Die Philosophie der Anarchie«[78]. In diesen letzten Zeiten haben sich die bekanntesten anarchistischen Schriftsteller allerdings, genau wie die revisionistischen, wenn auch in entgegengesetztem Sinne, ziemlich weit vom Marxismus entfernt, wie wir ja schon bemerkt haben. Andererseits ist es aber wahr, daß viele marxistische Argumentationen immer noch die Bagage bei der Kleinpropaganda des Anarchismus bilden und den Ideengängen dieser ihre Richtung geben.

Ich habe, speziell in den kleineren Werken geschichtlichen Charakters, eine Antipathie Marxens gegen die parlamentarischen Spielgefechte bemerkt und dieser Bemerkung hier öffentlichen Ausdruck verliehen. Damit wollte ich ihn nicht zu einem Antiparlamentarier machen, sondern nur auf seine gewiß wenig mit dem heutigen Parlamentsdusel übereinstimmende allgemeine Gedankenrichtung hinweisen. Was Bakunin und seine Freunde anbelangt, so könnte man gegenteilige symptomatische Tendenzen aufzeichnen. Nicht so sehr die Umschwenkung seiner Schüler Paul Brousse oder Andrea Costa als vielmehr Bakunins eigene Ansicht über die Wahlen, von der uns Benoit Malon berichtet[79]. Bakunin, der sich so an dem republikanischen Wahlsieg über Mac-Mahon 1876 begeisterte und in den letzten Zeiten seines Lebens nicht wenig für das Wahlsystem eingenommen blieb! Auch sein Freund Carlo Cafiero schrieb 1882 der Redaktion des Tito Vezio in Mailand einen Brief, worin er die politische Kandidatur seines Kampfgenossen Emilio Covelli empfahl[80]. Nur wird man daraus nicht schließen dürfen, daß Bakunin und Cafiero keine Anarchisten mehr waren, oder daß sie sich zum Parlamentarismus bekehrt hätten.

Aber alles dies beweist nur, wie Unrecht man hat, in dem Kampf zwischen beiden Richtungen sektiererisch und intolerant zu sein, und daß die Ideen des Sozialismus, wenn sie nur ehrlich betätigt werden, niemals so weit auseinander liegen und so gegensätzlich sind, daß nicht ein sichtbarer Zusammenhang zwischen ihnen bestehen bliebe und damit ein Grund zur Solidarität zwischen allen ihren Anhängern persistiere. Die Geschichte des Sozialismus, so neu, daß noch viele der Männer leben, die sie entstehen sahen, ist schon so groß, daß wir bereits aus ihren Ereignissen lernen können, und zwar in erster Linie, um die Fehler zu vermeiden, in die unsere Freunde in der Vergangenheit verfallen sind, dann aber auch, um ihnen in dem nacheifem zu lernen, was in ihnen an Begeisterung und Liebe für die große Sache wirkte. Ihre revolutionäre Intransigenz war ein Schatz, aber nicht so ihre Intoleranz. Schließlich ist die Toleranz doch nur ein Beweis für das Vorhandensein eines besonders starken und tiefen Glaubens an die eigene Idee, deren Zusammenstoß mit den gegenteiligen Ideen man nicht fürchtet. Denn am Ende ist die Wahrheit niemals ganz auf der einen oder auf der anderen Seite, und die Parteien besitzen vielleicht alle ein wenig mehr oder weniger großes Stück von ihr.

Alle die verschiedenen sozialistischen Parteien haben, wenn sie nicht im Ueber-Opportunismus verkommen, eine nützliche Funktion in der Entwickelung zur grundlegenden Aenderung der wirtschaftlichen Ordnung oder doch zu einer besser organisierten Gesellschaft zu erfüllen. Eduard Bernstein sieht im libertären Anarchismus eine »natürliche und gesunde Reaktion gegen den übertriebenen Staatskultus«[81]. Andererseits hat aber auch ein deutscher Anarchist bei einer Betrachtung der sozialdemokratischen Partei seines Landes ihr »einen wunderbaren Geist der Hingebung und Solidarität« zuerkannt, der im Kampf gegen die Bourgeoisie von ungeheurem Nutzen sei[82]. Im letzten Grunde ist der Sozialismus ein und unteilbar.

[1] Enrico Malatesta: »Il Comune di Parigi; il 18 marzo 1871«, in »Il Pensiero«, Rivista Quindicinale di Sociología, Arte e Letteratura, anno V Nr. 6. Roma, 16 marzo 1907.

[2] In jener Zeit wurden in der Propaganda die Ausdrücke »anarchistisch«, »sozialistisch« und »revolutionär« durcheinander und durchaus äquivalent gebraucht. Vgl. auch Robert Michels: »Proletariat und Bourgeoisie in der sozialistischen Bewegung Italiens«. Studien zu einer Klassen- und Berufsanalyse des Sozialismus in Italien. Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. XXI.

[3] Ueber die große Ungerechtigkeit und die Härten Marxens in der Beurteilung der der anderen Richtung angehörenden Sozialisten vgl. Eduard Bernstein, Dokumente des Sozialismus, Jahrg. I Nr. 1 und Robert Michels: »Hist.-krit. Einführung in die Geschichte des Marxismus in Italien«. Archiv f. Sozialwiss. u. Sozialpolitik, Bd. XXIV, p. 193 ff.

[4] Max Nettlau: »Michael Bakunin«. Eine Biographie. London 1900. Ein Werk von 837 Folioseiten, in drei Bänden, von welchem nur 50 autokopierte Manuskriptexemplare existieren.

[5] Pierre Kropotkine: »Autour d’une vie«. Paris. P. V. Stock édit.

[6] Gustave Lefrançais: »Souvenirs d’un révolutionnaire«. Bruxelles. Bibliothèque des Temps Nouveaux. 604 pp.

[7] James Guillaume: »L’Internationale. Documents et souvenirs (1864–78)«. Paris 1905–07. Société Nouvelle de Librairie et d’Édition, Ed. Comély et Cie. (101, rue de Vaugirard). 3 Bände.

[8] Wladimir Tscherkesoff: »Pages d’histoire socialiste: Doctrine et Actes de la Socialdémocratie allemande«. Paris 1896. Édition des Temps Nouveaux (V°, 4, rue Broca). Sowie »Précurseurs de l’Internationale«. Bruxelles. Bibliothèque des Temps Nouveaux.

[9] Michel Bakounine: »Oeuvres«. Tome I., mit einer langen Einleitung von N. (Nettlau). Tome II., mit Biographie und bibliographischen Notizen von James Guillaume. Paris. P. V. Stock édit. Sowie: »Correspondance avec Herzen et Ogarjew«. Paris. Perrin édit.

[10] Anselmo Lorenzo: »El proletariado militante«. Barcelona. M. Lopez edit. 446 pp.

[11] Federico Engels: »Prefazione a Carlo Marx: »Capitale e salario«. Milano 1893. Critica Sociale edit. p. 11.

[12] Vgl. Ettore Socci (Abgeordneter im italienischen Parlament); »Un anno alle Murate. Memorie«. 2° edizione. Pitigliano 1898. Osvaldo Paggi edit. p. IX.

[13] Alfredo Angiolini: »Cinquant‘ anni di socialismo in Italia« Firenze 1900. G. Nerbini edit. p. 63—65.

[14] S. Andrea Costa: »Bagliori di socialismo«. Firenze 1900, p. 11.

[15] Vgl. Alfredo Angiolini: op. cit. und Francesco Pezzi: »Un errore giudiziario«. Firenze 1882. Tip. Birindelli edit. p. 19—47.

[16] Ettore Zoccoli: »L’Anarchia«. Torino 1907. Biblioteca di Scienze Moderne. Frat. Bocca edit. p. 389—399.

[17] Pierre Kropotkine: »Autour d’une vie«, op. cit. p. 465—69.

[18] »Si, la vostra paura degli internazionalisti, o signori Ministri, non è insensata, perchè l’internazionalista è più forte del repubblicano. La Internazionale si fonda sui problemi della societá, nasce dalla impotenza dell’economia politica, pensa a dar vitto ai lavoranti, che la libertà nostra lascia morire di fame: In una parola, l’internazionalista non è solo l’aomo d’un principio; ma, creato dalla fame e dalla miseria, è figlio della nostra civiltà e delle nostre industrie, ed è un essere ormai ufficialmente troppo noto e troppo inevitabile in tutta l’Europa. Perciò gli internazionalisti tengono i loro liberi congressi in Inghilterra, a Ginevra, a Bruxelles, professano liberamente le loro teorie in Inghilterra ed in Germania. Abbiamo visto dei lords inglesi trattare coi loro contadini insorti, e lungi dal disprezzarli, hanno accettato, se non le loro dottrine, al certo i loro problemi. Torna adunque impossibile il disconoscere la forza di questo nuovo partito; tutti lo paventano, e pertanto voi avete pensato di schiacciarlo senza altro al suo primo apparire nelle nostre regioni. Voi dovete rispettare la libertà: questo principio esige il rispetto d’ogni opinione, sia repubblicano, sia internazionale. Ora, voi avete messo la mano addosso a gente che avevano opinioni diverse dalle nostre, voi avete agito colla abitudine dei tempi antichi, voi non avete cercato la discussione coi vostri avversarii, invece i nostri giornali moltiplicano i sarcasmi, le derisioni, le calunnie, e fanno prevalere la opinione che chi dissente da voi è pazzo, e chi vi accusa è delinquente. Voi che parlate sempre dell‘ Inghilterra, la prendete esattamente al rovescio, nel momento decisivo. Imitatela a dunque, a fronte degli internazionalisti! Là li troverete rispettati, incolumi nell’ esercizio dei diritti, nella professione delle loro dottrine, nel loro libero associarsi; e se talora hannovi dei disordini, e perfino degli assassini, nessuno ivi confonde l’assassino coll‘ internazionalista«. (»Atti Ufficiali del Parlamento Italiano«, anno 1874.)

[19] Hier ist allerdings zu bemerken, daß Marx nicht germanischer, sondern jüdischer Herkunft war. Somit dürfte dieser Rassenvergleich, der auch aus anderen Gründen nichtssagend ist, in sich zusammenfallen. (Anm. d. Uebers.)

[20] Tullio Martello : »Storia dell’ Internazionale«. Napoli 1873. G. Marghieri edit. p. 472—78.

[21] (Michel Bakounine): »Lettres à un français sur la crise actuelle (septembre 1870)«. Es ist weder der Name des Autors, noch derjenige des Herausgebers angegeben. — Michel Bakounine: »L’Empire knouto-germanique et la révolution sociale t. Genève 1871. G. Guillaume édit.

[22] Vgl. z. B. Filippo Turati, der sich einmal in Bezug auf Bakunin folgendermaßen äußerte : »Certo alla base d’ogni altro fattore, dobbiamo porre la razza da cui esce; quella singolare e tuttora misteriosa razza slava, che fonde in sè tanta dolcezza e tanta forza, tanta idealità e tanto spirito pratico, tanto slancio di feconda utopia e tanta terribilità di logica nei fatti; quella stirpe in gran parte sonnolenta ancora (Turati schrieb dies im Jahre 1887), ma il cui ricco avvenire basterebbe a sintomatizzarcelo il fatto significante della invasione delle idee ribelli e dell‘ abnegazione rivoluzionaria in quelle zone sociali, che nel vecchio occidente sono le più frivole, quietiste ed imbelli: l’aristocrazia e le donne«. (Filippo Turati: »Biografia su Bakunin«; Vorrede zu der italienischen Ausgabe von Michele Bakunin: »Dio e lo Stato«, mit Vorwort von Leonida Bissolati. Milano. Fl. Fantuzzi edit. p. 11.)

[23] Michel Bakounine: »Oeuvres«, op. cit., tome II.

[24] Emile Vandervelde: »Le jubilè du Manifeste Communiste«, in der Tageszeitung »Le Peuple«, Bruxelles, 28. mars 1898.

[25] Karl Marx und Friedrich Engels: »Das kommunistische Manifest«. 6. deutsche Ausg. Berlin 1901. Verl.-Exp. »Vorwärts« (Th. Glocke), p. 3.

[26] Arturo Labriola: »Riforme e Rivoluzione sociale«. Lugano 1906. Società Editrice »Avanguardia«. Egisto Cagnoni e Co. edit. p. 166.

[27] Karl Marx: »Der Bürgerkrieg in Frankreich«. Adresse des Generalrats der Internationalen Arbeiter-Association. 3. deutsche Auflage, vermehrt durch die beiden Adressen des Generalrats über den deutsch-französischen Krieg und durch eine Einleitung von Friedrich Engels. Berlin 1891. Verl. Exp. »Vorwärts« (Th. Glocke), p. 38.

[28] Benedetto Croce schrieb in seiner Vorrede zu Carlo Marx: »Rivoluzione e controrivoluzione«, (Roma 1899, Luigi Mongini edit., p. IX) über das »Kapital« folgendermaßen: »Marx passa per scrittore oscuro; il che può esser vero solo quando si alluda al »Capitale«, dove l’oscurità nasce da un incompleta chiarificazione del suo pensiero, e si manifesta principalmente negli enormi difetti di coraposizione di quell’ opera«.

[29] Memoire présente parla Fédération jurassienne de l’Association internationale des travailleurs à toutes les Fédérations de l’Internationale«. Souvillier 1873. Au siège du Comité fédéral jurassien. Partie I p. 27—31; Partie II (»Pièces justificatives«) p. 10.

[30] Karl Marx: »Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848—1850«. Mit Einleitung von Friedrich Engels. Berlin 1895. Verl.-Exp. »Vorwärts«. — p. 48.

[31] Pierre Kropotkine: »Paroles d’un révolté«. Paris. Flammarion édit. p. 315—42. — Derselbe: »La conquête du pain«. Paris. P. V. Stock édit. p. 47—64.

[32] Karl Marx: »Der Bürgerkrieg in Frankreich«. Adresse des Generalrats der Internationalen Arbeiter-Association. Dritte deutsche Auflage vermehrt durch die beiden Adressen des Generalrats über den deutsch-französischen Krieg und durch eine Einleitung von Friedrich Engels. Berlin 1891. Verl. d. Exped. »Vorwärts«, Berliner Volksblatt. (Th. Glocke). — p. 49.

[33] Karl Marx und Friedrich Engels: »Das kommunistische Manifest«, loco cit. p. 6.

[34] Außer im Manifest, op. cit. pag. 25. Vgl. noch »Die Klassenkämpfe in Frankreich«, op. cit.; Der 18. Brumaire des Louis Napoleon. Verlag Buchh. Vorwärts Berlin (ital. Ausg.: Roma. Bibliot. dell Asino. p. 115—17), und fast alle übrigen Schriften von Marx.

[35] Michael Bakunin in der »Egalité«. Chaux de Fonds, le 17 juillet 1879. Abgedruckt in: Memoire présenté par la Féd. juras s. op. Cit., Partie II: »Pièces justificatives«, pag. 18.

[36] Mémoire présente par la Féd. jurass. op. cit., Partie II : Pièces just. — S. auch die zweite Rede Bakunins auf dem Internat. Kongress der Friedensliga in Genf, 1867. (Protokoll des Kongresses, p. 28.)

[37] Karl Marx: »Les prétendues scissions de l’Internationale«. — 1872. pag. 97. — Auch in sozialistischen Propagandaschriften wird häufig das anarchistische Endziel nach Erreichung des sozialistischen Endziels als erstrebenswert anerkannt. (Anm. d. Uebers.)

[38] Arturo Labriola: »Riforme e Riv. Soc.«, op. cit. pag. 206.

[39] James Guillaume: »L’Internationale«, op. cit. pag. 298.

[40] Karl Marx: »Revolution und Kontre-Revolution in Deutschland«. Ins Deutsche übertragen von Karl Kautsky. Stuttgart 1896. Verl. J. H. W. Dietr. p. 107.

[41] Vgl. Saverio Merlino: »Il lato fossile del socialismo contemporaneo«, im »Pensiero«, loco cit., anno I Nr. 4, 5, 6. Dieser Artikel wurde im Jahre 1889 von Merlino für die »Révolte« (Paris) geschrieben, aber damals nicht publiziert. S. auch Wladimir Tscherkesoff: »Pages d’histoire socialiste«, op. Cit.

[42] Pierre Kropotkine: »L’Entr’aide«. Hachette et Cie., édit. Paris 1906. pag. 314—317.

[43] Dieselbe Ansicht äußert Eduard Bernstein in einem Artikel der Sozialistischen Monatshefte.

[44] Robert Michels: »Historisch-kritische Einführung in die Geschichte des Marxismus in Italien«, im Archiv für Sozial Wissenschaft und Sozialpolitik, Bd. XXIV, Heft I p. 210.

[45] »II Capitale di Carlo Marx«, brevemente compendiato de Carlo Cafiero. Edit. C. Bignami. Milano 1879. pag. 5—7.

[46] Carlo Marx è Fedcrico Engels: »Il Manifesto del partito comunista«. Milano 1891. — Biblioteca Popolare Socialista. Edit. F. Fantuzzi. Pag. 5–7.

[47] Roberto Michels: »II Proletariato e la Borghesia nel Movimento Socialista Italiano«. Saggio di scienza sociografico-politica. Torino 1907. Frat. Bocca edit. — p. 205.

[48] Luigi Fabbri: »Socialisino, sindacalismo, anarchismo«, in der Zeitschrift »Il Divenire Sociale«. Roma 1906, 1° giugno e 1° luglio.

[49] Michel Bakounine: »Correspondance« — Edit. Perrin et Cie. Paris, png. 291. — (Brief vom 28. Oktob. 1869.)

[50] Aus einem nicht veröffentlichten Manuskript vom Jahre 1870, das J. Guillaume in seinem Vorwort zu »Oeuvres de M. Bakounine«, op. cit. Vol. II. p. XIII—XIV zitiert.

[51] Michel Bakounine: »Oeuvres«, op. cit. Vol. II. pag. 297.

[52] »Mémoire présenté par la Féd. juras s.« Partie II: »Pièces just.« pag. 28.

[53] Ignazio Scarabelli: »Il socialismo e la superstizioue borghese«. Ferrara 1896 Tip. Sociale, pag. 51—52.

[54] Friedrich Engels: »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft.« 4. Aufl. Verlag Vorwärts Berlin 1891. pag. 40. Vgl. auch Friedrich Engels: »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats«. Zürich 1884.

[55] Pietro Kropotkin: »Parole di un ribelle« (Vorwort zur italienischen Ausgabe, Mai 1904). Ginevra. Edit. »Il Risveglio«. p. VIII.

[56] Eduard Bernstein: Vorwort zur italienischen Ausgabe von Friedrich Engels: »Origine della famiglia, della proprietà privata e dello Stato«. Milano 1901. Uff. della Critica Sociale, pag. XXIII—XXIV.

[57] August Bebel: »Zukunftsstaat und Sozialdemokratie«. Berlin. Verlag des Vorwärts. Eine Rede des Reichstagsabgeordneten A. B. in der Sitzung des deutschen Reichstags vom 3. Februar 1893. p. 9.

[58] Robert Michels: »Proletariat und Bourgeoisie in der sozialistischen Bewegung Italiens«. Studien zu einer Klassen- und Berufsanalyse des Sozialismus in Italien. Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. XXI, Heft II (1905), p. 372 (Anm.): »Der Name der Internationalen hatte in Italien jedoch noch so guten Klang, daß man an ihm noch jahrelang festhielt. Noch 1888 wurden Atti dell‘ Ass. Int. degli Operai gedruckt und die alten Statuten weiterverkauft« (vgl. die der anarch. Richtung des ital. Sozialismus ungehörige, von Malatesta redigierte Zeitschrift »La Questione Sociale«, Florenz 1888).

[59] Riccardo Mella: »Le Collectivisme et le Communisme«. Im »Supplément littéraire« der Zeitschrift »Les Temps Nouveaux«, Vol. III. Pag. 143. Paris.

[60] Augustin Hamon: »Le socialisme et le Congrès de Londres«. Paris. Edit. P. V. Stock, pag. 1—10. Sowie: Socialisme et Anarchisme. Edit. E. Sausot. Paris. pag. 125—230.

[61] Georg Plechanow: »Anarchismus und Sozialismus«. Berlin 1894. Verl. d. Exped. des »Vorwärts« (Th. Glocke); p. 17 ff.

[62] Dieses Gefühl ist in Ländern, in denen dem parlamentarischen Sozialismus ein kräftiger anarchistischer Sozialismus gegenübersteht, fast noch stärker. Hat nicht z. B. auch der holländische Sozialdemokrat Troelstra auf dem Amsterdamer Kongreß von 1904 die unglaubliche Aeußerung getan, der größte Feind des Sozialismus sei nicht die Bourgeoisie, sondern der Anarchismus?

[63] Pietro Gori: »La questione sociale e gli anarchici«. »II Pensiero«, anno IV. Nr. 14. Roma, 16. luglio 1906.

[64] Peter Kropotkin: »The scientific basis of anarchy«. In der Zeitschrift »The Nineteenth Century«. London, August 1887 (Nr. 126).

[65] Vgl. Robert Michels: »Controverse Socialiste«, in »Le Mouvement Socialiste«, II° série, Nr. 184 (mars 1907), p. 284—85.

[66] Vgl. Francesco Pezzi: >Un errore giudiziario«. op. Cit. Pag. 39—46.

[67] »Asociacion Internacional de los trabajadores. Organisacion social de las secciones obreras de la Federacion regional española«. Barcelona 1873. Imp. Luis Tasso.

[68] »Organisacion etc., de la Federacion regional española« op. cit. pag. 12—13.

[69] Michel Bakounine: »Oeuvres« op. cit. Vol. I. pag. 207—260.

[70] »Organisacion etc. de la Federacion regional española«, op. cit. pag. 20.

[71] Zitiert von Emile Pouget: »Enquête, sur la Grève Générale«. »Le Mouvement Socialiste«, VI. année, Nr. 137—388. Paris 1904. pag. 167.

[72] Vgl. Emile Pouget: »La Grève générale«, op. cit. p. 169.

[73] Hierzu ist einerseits zu bemerken, daß Marx in Person überhaupt nur einen Kongreß, und zwar den letzten der Internationale, im Haag 1872, mitgemacht hat, daß aber andererseits die Resolution über den Generalstreik im Kriegsfall, die im Jahre 1868 in Brüssel gefaßt worden ist, Johann Philipp Becker, einen intimen Freund von Marx, zum Verfasser hat. (Anm. d. Uebers.)

[74] Gabriel Deville: »Aperçu sur le socialisme scientifique«. Vorwort zu seiner Zusammenfassung des »Kapitals«, pag. 4—18.

[75] Zitiert bei: Un Proscrit: »L’Inévitable Revolution«. Paris. Edit. P. V. Stock, pag. 65.

[76] Un Proscrit: »L’inévitable Révolution«, op. cit. pag. 105—176.

[77] Charles Malato: »Les Classes sociales au point de vue de l’évolution sociologique«. Paris. Edit. Giard e Brière. pag. 81—83.

[78] Charles Malato: »Philosophie del’anarchie«. Paris. Edit. Stock, pag. 64—92.

[79] Zitiert von Michael Dragomanow: »Mich. Bakunins sozial-polit. Briefwechsel mit Al. Iw. Herzen und Ogarjew«. Einleitung von Prof. Mich. Dragomanow. Stuttgart. Verlag Cotta.

[80] G. Schiralli: »Note su Carlo Cafiero«. Trani. Edit. dal Foro Tranese. pag. 15.

[81] Edouard Bernstein: »Socialisme théorique et socialdemocratie pratique. (Zur Geschichte und Theorie des Sozialismus.) Paris. P. V. Stock édit. Préface p. XXVIII, XXIX.

[82] H.: »En Allemagne« in »Les Temps Nouveaux«. Paris. 23./30. avril 1904. Nr. 52, 53. Auch das Organ der Berliner Anarchisten, »Der Freie Arbeiter«, bewahrt noch dem großen Teil der sozialdemokratischen Partei und ihrer Führer ein gewisses Vertrauen und macht selbst den Reden einiger Parteibearater im Reichstag sein Kompliment (III, 45).