Ein menschliches Wesen während Monaten und Jahren auf ein paar wenigen Quadratmetern einsperren. Es kontrollieren, beobachten, erniedrigen und seiner Sinneserfahrungen berauben. Das Gefängnis ist unbestreitbar eine Form von Folter.

Und doch, trotz der Abscheulichkeit der Folter, kann die Gesellschaft nicht ohne das Gefängnis. Um es besser auszudrücken, das Gefängnis ist nicht einfach eine Ausdünstung des Staates, die darauf abzielt «abweichende», nicht konforme, überflüssige oder unerwünschte Menschen zu unterdrücken und/oder zu isolieren, es ist im Gegenteil ein organischer Bestandteil der Gesellschaft. Die Entwicklung der Dinge genau betrachtend, können wir behaupten, dass das Gefängnis keine Erweiterung der Gesellschaft ist, sondern die Gesellschaft eine Erweiterung des Gefängnisses. Anders gesagt: die ganze Gesellschaft ist ein Gefängnis, in welchem die Strafanstalten nur der offensichtlichste und brutalste Aspekt eines Systems darstellen, das uns alle zu Komplizen und Opfern, uns alle zu Eingeschlossenen macht.

Dieser Text soll eine kurze Reise im Innern der «Trakte und Abteilungen» unserer Welt sein, eine Reise, die nicht beabsichtigt, das Subjekt zu erschöpfen, sondern die Verantwortlichkeiten hervorzuheben. Denn, wie schon öfters gesagt wurde: die Ungerechtigkeit hat einen Namen, ein Gesicht und eine Adresse.

Der Abolitionismus

Die Abschaffung des Gefängnisses ist absolut undenkbar ohne die Abschaffung, oder besser, die Zerstörung der gegenwärtigen sozialen Verhältnisse. Diejenigen, die noch immer die Ansicht verfechten, dass die Beseitigung der Folter innerhalb dieser Welt möglich ist, begehen also einen groben Fehler und leisten – auch wenn wir, in gewissen Fällen, ihre Aufrichtigkeit erkennen können – ein offen konservatives Werk. Das Argument, den staatlichen Gebrauch der Einsperrung zu beseitigen, da das Gefängnis nicht immer existierte (tatsächlich ist es eine ziemlich neue Erfindung), führt im besten Fall zu nichts. Und im schlechtesten, wie es allzu oft passiert, führt es zur Formulierung von Thesen, die «den Abweichenden» durch alternative Zwangsmassnahmen wieder in die Gesellschaft integrieren wollen. Was in Wirklichkeit auf den Vorschlag hinausläuft, das Gefängnis durch eine erzwungene «Wiedereingliederung» des Individuums zu überwinden, indem man dieses in einen Prozess kultureller, moralischer und intellektueller Neubildung integriert. Mit anderen Worten, indem der freie Wille definitiv ausgemerzt wird. Was dies anbelangt, hat der moderne Staat schon einiges an Vorarbeit geleistet, und er hat es bestimmt nicht nötig, dass wir ihn mit der einen oder anderen Form von abolitionistischem Demokratismus unterstützen. Die Verliese, die Ledergürtel und die systematischen Leibesstrafen (alle ohne gänzlich verschwunden zu sein) haben den Platz subtileren Zwangsmethoden überlassen, deren Ziel, neben dem Freikaufen der Körper, auch die Zerstörung der Geister ist. Die Berufung auf die Psychiatrisierung der Abgeschotteten, die «Wiederintegrierung» durch soziale Arbeit, die Delegierung der Kontrolle an die Sozialhilfe und die technologischen Neuerungen wie die elektronische Fussfessel, sind alles Praktiken, die darauf abzielen, die Feindseligkeiten zu durchbrechen und «den Abweichenden» zu seinem eigenen Bullen zu machen. An diesen x-ten Zwangsmitteln der Macht sehen wir besser denn je, inwiefern die Mauern der Gefängnisse die ganze Gesellschaft umfassen.

Wenn wir die Gefängnisse als eine Verallgemeinerung der Strafe auf industriell konzentrierter Ebene verstehen, sind sie der Ausdruck eines spezifischen politischen und ökonomischen Systems und daher nicht etwas unabwendbares. In dem Moment, wo dessen Entwicklung erfordert, die Strafe an neue politische und ökonomische Verhältnisse und Anforderungen anzupassen, wird die Herrschaft nicht zögern, das Gefängnis hinter sich zu lassen. Der Mensch hat sich in Wirklichkeit nicht von der Sklaverei, der Folter und dem Galgen befreit, vielmehr hat die Politik ihre Zwangs- und Strafmassnahmen an die (ideologischen und kommerziellen) Anforderungen der Produktion angepasst. Das Gefängnis, im Sinne von Mauern und Gitterstäben, taucht mit der industriellen Revolution auf, wandelt sich während diese vorbeizieht, und es ist durchaus denkbar, dass es in Zukunft wieder zurückgelassen und/oder transformiert wird. Das alles bedeutet jedoch nicht, dass das Gefängnis, diesmal im Sinne einer Gesellschaft und politischen Notwendigkeit (der Einsperrung und Kontrolle), verschwinden wird. Wie sich hingegen im Verlauf der Geschichte gezeigt hat, neigen die Maschen des Zwangs dazu, sich selber in dem Masse zu verengen, wie die Erscheinung des «Zwangs» verschwommener und ungreifbarer wird.

Von der Zerstörung des Gefängnisses

Wenn wir also davon ausgehen, dass der Knast dieser Gesellschaft innewohnt, und dass sich das bestehende Herrschaftssystem momentan nicht von ihm trennen kann, scheint es offensichtlich, dass der Wille, die Gefängnisse zu zerstören, mit der Zerstörung der bestehenden sozialen Verhältnissen verbunden ist. In einem Wort: um gegen das Gefängnis zu sein, muss man unweigerlich auch Revolutionär sein. Diese Behauptung mag etwas platt und absolut wirken, doch eigentlich zeigt sie gut auf, was die Grenzen, oder besser, was die wichtigste Grenze der verschiedenen Kämpfe gegen die Gefängnisse ist. Menschen ohne revolutionäre Vision in einen Kampf gegen die Existenz von Gefängnissen verwickeln zu wollen, wäre wie zu denken, sie in eine Schlacht zu verwickeln, die die Beseitigung des Geldes voraussetzt. Es zeigt sich deutlich, dass man, um sich auf solche Ziele zu konzentrieren, den Teilkampf überwinden und zu einer Vision und Kritik der Totalität des Bestehenden gelangen muss.

Die Arglosigkeit zahlreicher Kämpfe gegen das Gefängnis hat jedoch oft dazu geführt, diese Angelegenheit als etwas auf sich selbst stehendes zu behandeln, etwas der Herrschaft aufgesetztes und nicht als einer ihrer Grundpfeiler. Das Problem ist, dass das Gefängnis weder eine Mülldeponie noch eine Autobahn ist, wo es denkbar wäre, dass sich eine Opposition innerhalb der Herrschaft entwickelt.

Die Anstrengungen sollten also nicht mehr darauf abzielen, die Leute auf etwas zu sensibilisieren, das entweder die revolutionäre Kritik oder die simple «solidarische» Unterstützung voraussetzt, sondern vielmehr darauf, die Tatsache vor Augen zu führen, dass das Gefängnis eine Angelegenheit aller ist, da es überall ist. In einem Wort, wir werden vor allem praktisch handeln müssen, um die Trennung zwischen dem Gefängnis, betrachtet als Mauern und Gitter und dem Gefängnis, betrachtet als Gesamtheit von Strukturen und Beziehungen, zu überwinden.

Potentielle «Weggefährten», die wir unterwegs antreffen könnten, werden bestimmt nicht zu Revolutionären, indem sie sich unsere Predigt gegen die Knäste anhören, sie könnten aber vielleicht unsere Komplizen werden, als Gefangene in der Revolte gegen eine Gefängnisgesellschaft, die uns alle unterdrückt.

Von der Anschuldigung des Elends

Die gegenwärtigen ökonomischen Verhältnisse und die autoritäre Wende der Regierungen bewirken, dass alle Armen potentiell das künftige Knast-«Vieh» darstellen. Der alte Spruch, der besagt: «du hast einen Fehler begangen, nun sollst du bezahlen», auch wenn er in der Ideologie irgendwelcher begriffsstutziger Bürger noch präsent bleibt, wurde schon längst von den Fakten überholt: Es ist nicht mehr einfach die Wahl der Extra-legalität[1] oder der Illegalität die den Fehler bestimmt, sondern schlicht und vorallem das Klassenverhältnis. Die legislativen Daumenschrauben, die sich täglich etwas tiefer in das Fleisch der Armen bohren, demonstrieren deutlich, dass es die Armut ist, die man anschuldigt und verfolgt, und nicht die Tat an sich. Im gleichen Masse, wie sich das Elend ausbreitet, werden immer mehr Handlungen in das Strafgesetzbuch eingetragen, so dass es selbst für den blindesten und optimistischsten der Ausgebeuteten ersichtlich wird, dass die Gefängnispforten früher oder später auch hinter ihm zuschlagen.

In der modernen Gesellschaft ist die Figur des Kriminellen dabei zu verschwinden, um jener des Schuldigen Platz zu machen. Darum sind wir alle, als Bewohner der Gefängnisgesellschaft, auf austauschbare Weise dazu bestimmt, hinter den Stacheldrähten zu verfaulen: sei es nun in einer Strafanstalt, einem geschlossenen Zentrum oder einem Flüchtlingslager.

Wenn man dieser Logik folgt, erscheint es auch nicht so paradox, dass angesichts der anwachsenden Gewalt, einem Symptom des weltweiten Bürgerkrieges, nicht so sehr die Gewalt an sich verfolgt wird (von dem Moment an, wo sie für den Status quo vielmehr das Lebenselexir darstellt, als eine Bedrohung), sondern eher die simple Tatsache zu existieren und zu sein. Um es nocheinmal zu wiederholen, die Menschen werden bestraft, einge– und oft eliminiert – weil sie arm und/oder für den Markt und das produktive Funktionieren überflüssig sind, und nicht weil sie tatsächlich durch extra-legales Handeln eine Bedrohung darstellen.

Es ist also kein Zufall, dass der Alltag in den Gefängnissen, der Ausdruck der sozialen Beziehungen zwischen Gefangenen, zwischen Wärtern, zwischen Verwaltern und das Zusammenwirken all dessen, nicht so sehr auf der Kraft des Zwangs beruht, sondern vielmehr auf der Wiederzusammensetzung – in Miniatur und auf verschärftere Weise – der selben entfremdeten sozialen Beziehungen, die ausserhalb der Gitterstäbe gelebt werden.

Von der Reproduktion der Verhältnisse

Die Geistesschwäche der tapferen Verteidiger der «Menschenrechte» gründet in der Behauptung, dass die Einsperrung eine Verschlimmerung des Verhaltens von wieder freigelassenen Individuen bewirke. Das Sprichwort besagt, dass das Gefängnis eine Schule der Gewalt und der Verdummung menschlicher Wesen ist. Durch diese simplen Überlegungen, können wir deutlich erkennen, welcherart das morbide Band ist, das diese «guten Seelen» des Rechtes mit dem System unterhalten, das uns umgibt.

Es ist nicht die Gewalt des Gefängnis, die in die Gesellschaft eindringt, sondern vielmehr das Gegenteil: Das hierarchische System, die Machtmissbräuche, der Machismus und die Unterwerfung, die in den Beziehungen zwischen den Gefangenen erlebt werden, sind die selben Beziehungen, die ein jeder von uns im Innern des sozialen Gefängnisses in sich trägt. Das Gefängnis reflektiert das, was draussen ist, und nicht umgekehrt. Wenn die Ursachen der entfremdeten Beziehungen in dem Gefängnis gesucht werden müssen, dann ist dieses Gefängnis alles, die Totalität des Bestehenden und der Wesen, die von der Einsperrung durchdrungen sind.

Von den moralischen und erzieherischen Gefängnissen

Wenn wir unter Gefängnis den Zwang von Körpern und Geistern, die Entfremdung von und durch sinnliche Erfahrungen, die auferlegte Hierarchie und die Pflicht zur Unterwerfung vor den Gesetzen (moralischen, juridischen und sittlichen) verstehen, wird offensichtlich, dass sich das Überleben, zu dem wir verurteilt sind, im Innern eines Gefängnisses abspielt, das kein ausserhalb kennt.

Schon von den jüngsten Jahren an büssen die «zivilisierten Menschen» ihre Strafe im Innern der Gefängnisgesellschaft ab und gewöhnen sich so an die Einschliessung als Norm. Die sogenannte Erziehung in den familiären und schulischen Strukturen ist nur der Anfang jener Lebenslänglichkeit, die uns abwechselnd zu Gefangenen und zu Wärtern der Reproduktion der Einsperrungs-Ideologie macht. Im Grunde basiert die passive Hinnahme der Situation des Gefangenen auf der Norm und der Ideologie: Von ganz klein an lernt das Individuum praktisch unmittelbar die Unterwerfung (ideologisch auch Respekt genannt, obwohl er nicht im geringsten eine gegenseitige Basis impliziert) gegenüber der Autorität und den Hierarchien. Die Beziehung zum Vater, zu den Eltern, den Lehrern oder den Priestern kommt nicht «auf natürliche Weise» durch Wahl oder Willen zustande, sondern ist eine Verpflichtungssache. Innerhalb solcher Beziehungen hat das Benehmen der Wärter keine Bedeutung – solange sie mit ihrer sozialen Rolle betraut bleiben, können sie alles tun –, genausowenig wie die Sensibilität der Gefangenen: Die familiären und schulischen Autoritäten (oder jene der Gemeinschaft, in den seltenen Fällen, wo ihr Prinzip intakt geblieben ist) handeln für das Wohl des Gefangenen, für seine künftige Eingliederung, dafür, dass er keine «Fehler» begeht, und vor allem, um sich zu versichern, dass das kleine Individuum während dem Aufwachsen die selben Mechanismen reproduziert, auf denen die ganze Einschliessungs-Struktur basiert.

An eben diesem Prinzip der «doppelten Bestrafung» kann man deutlich erkennen, wie die juridische Methode angewendet wird. Die Lehrkraft oder der Vater trifft mit dem betroffenen Subjekt nicht die geringste Vereinbarung, aber schreibt ihm Gesetze vor, die, falls sie übertreten werden, die Bestrafung des Individuums bewirken und nicht notwendigerweise die Sanktion der Übertretung. Wie für jeden Aspekt des sozialen Lebens, ist es der Mensch als Ganzes und in seiner Existenz, der bestraft wird, und nicht die Handlung an sich. Dieser Unterschied könnte als vernachlässigbar betrachtet werden angesichts dessen, dass die Bestrafung eines Aktes so oder so impliziert, dass die Person auf die eine oder andere Weise «anrührt» wird. Er wird dort jedoch fundamental, wo sich diese Begründung auf das idelogische Konstrukt einer Notwendigkeit zu bestrafen bezieht, auf die Schuldsprechung der Menschen in ihrem Wesen und nicht in ihrem Handeln.

Die konzentrierte Organisation der schulischen Strukturen, aber immer mehr auch der Unterhaltung, sind bloss ein « Vorgeschmack », den uns die Gesellschaft offeriert, um die Geister und Gehirne zu domestizieren und sie an die stete Anwesenheit der Hühnerkäfige zu gewöhnen. In den Brutmaschinen der Passivität und der Entfremdung erlernen und verschlingen die Menschen eine zwiespältige und paradoxe «Persönlichkeit», bestehend aus einerseits dem Fakt, sich zu leben wie eine Masse, und andererseits der hierarchischen Idee, sich über diese Masse zu stellen (aber immer als Bestadteil von dieser).

Im Grunde liegt die Hoffnung darin, dass die Autorität eine gute Note erteilt, oder sogar Klassenbester zu werden, wenn möglich, indem man die Klasse erniedrigt, aber stets innerhalb der Klasse.

Die Hauptsache ist also, sich niemals zu fragen, ob es richtig ist, dass uns jemand von einem irgendeinem Podium herab eine Note aufdrückt, eine Note, die immer weniger weder an unseren Verdienst, noch an ein spezifisches Verhalten gebunden ist, sondern schlicht an unser Beisammensein: an den Fakt, Menschen in Gefängnissen zu sein.

Vom Gefängnis der Metropolen

Es genügt, irgendein während der letzten fünfzig Jahre erbautes Quartier zu beobachten, um sich der Art und Weise bewusst zu werden, mit welcher die Macht zu uns schaut. Es genügt insbesondere, die sogenannten Arbeiterviertel [frz.: quartier populaire] zu betrachten, diese Zellen worin die Armen konzentriert und eingeschlossen werden, um als erstes das Bild einer Haftanstalt im Kopf zu haben. Die aufeinanderfolgenden Regierungen haben die Armen stets präventiv für ihre soziale Stellung und ihr Gefährlichkeitspotential verurteilt. Die Aufeinanderfolge und Permanenz der «Volksaufstände» gegen die Arroganz der Mächtigen, getragen vom Traum von einem anderen Leben, haben die «Reaktion» dazu veranlasst, sich mit Mitteln zur Kontrolle und Eindämmung der Unzufriedenheit auf den Strassen auszurüsten. Eines dieser Mittel war die Entwicklung und Restrukturierung des Urbanismus. Wir könnten uns seitenweise über diese Sache auslassen und selbst dann würden wir nicht damit fertig, die beeindruckende Quantität konzipierter und konstruierter Monströsitäten aufzulisten, insbesondere jene der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Angesichts der kürzlichen Unruhen in verschiedenen Städten der Welt verdient der am deutlichsten konzentrierte Aspekt des metropolitanen Monsters jedoch eine besondere Aufmerksamkeit.

Die Architektur der Banlieues ist der Triumph der Entfremdung. Die Stadtteile sind Orte an denen die Untergebenen zusammengepfercht werden, bis sie in ihrer sozialen und individuellen Atomisierung krepieren, während die Wohnblöcke aus armiertem Beton überall mit der Obsession der Kontrolle aus dem Boden schiessen; ganz nach dem Bild dieser langen Korridore mit all den Gittern, die die Zugänge zu Orten der Reproduktion des Marktes und der Macht gegen potentiell gefährliche Menschen filtrieren. Sollten sich die Verbannten des «proletarischen Traumes» einmal auflehnen und gegen die Gitterstäbe schlagen, ja sogar ihre Zellen in Brand stecken, dann wird es mit einem solchen Dispositiv für den Aufseher umso leichter, diese Gänge ganz einfach abzuriegeln, indem er deren Ein- und Ausgänge kontrolliert, bevor von den Wachtürmen geschossen wird. Durch die Videoüberwachung ganzer Sektionen der Metropolen (mit Kameras an jeder Strassenecke), die permanenten Verbindungen zwischen den Aufsehern und die Datenverarbeitungsapperate, die Glasfaserkabel und das drahtlose Kommunikationssystem (die Kabel und Antennen sind überall im Gefängnis platziert), wird eine sehr schnelle Koordination unter den repressiven Kräften möglich. Die Architektur der Befriedung brachte einen qualitativen Sprung mit sich: zuvor sperrte man die Menschen ins Gefängnis, nachdem sie rebellierten, jetzt befinden sie sich bereits darin.

Innerhalb eines solchen Kontexts passiert es allzu oft, dass die Revolten der Gefangenen selbst von der Einschliessung geprägt sind, und zwar indem der Angriff gegen einen Teilaspekt des Gefängnisses geführt wird, ohne seine Substanz anzutasten, oder indem sogar der Mythos und die Verteidigung des Gefängnisses einem Detail desselben gegenübergestellt wird. Was sonst bedeuten Phrasen wie «die Verteidigung des Quartiers», «mein Viertel», «keine Polizei in unseren Strassen», wenn nicht eine Aneignung der Einschliessungs-Ideologie? Wie kann man den Knast, der gegen uns konstruiert worden ist, als das « seine » bezeichnen? Die Viertel sind das Abbild der Einsperrung, zu der wir verurteilt sind, und der Verhältnisse, die uns auferlegt wurden. Als solche gehören sie zur Macht. Und von all dem, was zur Macht gehört, gibt es nichts zu retten.

Damit wollen wir nicht sagen, dass die Wohnblöcke, in denen wir wohnen, in Brand gesteckt werden müssen, oder zumindest nicht sofort. Doch wenn es gegenwärtig nur möglich ist, die Kontrolle zu zerschlagen, indem die falschen Zugehörigkeiten, die die Gefängnisideologie kreierte, aufgegeben werden und dies, um die tausenden Maschen des Kontrollgewebes wirklich zu sabotieren, dann werden wir von all dem nichts zu bewahren haben.

Von der Einsperrung der Geister

Wenn wir davon ausgehen, dass die Gesellschaft ein Gefängnis ist, dann ist das Gefängnis überall. Und in dem Überall gibt es kein Aussen. Schliesslich ist es uns schlicht nicht möglich auszubrechen, weil es keinen Ort gibt, wohin man gehen könnte. Diese Situation, die uns keinen einzigen «Notausgang» lässt, ist objektiv betrachtet untragbar, sie kreiert Bedrängnis, Schmerz und Verwirrung. Die Möglichkeit, einen Raum zu finden, wo man sich ein kleines Fleckchen partieller Freiheit errichten kann, ist mit dem Triumph der Entfremdung von und in den Beziehungen definitiv verloren gegangen. Die reelle Möglichkeit, die bestehenden Verhältnisse umzuwälzen, lässt auf sich warten und sowieso scheint es nur sehr wenige Leute zu interessieren.

Ausgehend von dieser Feststellung braucht die Macht nicht mehr zu lügen und hat von einer Propaganda, nach welcher «dies die besteder möglichen Welten ist», zu einer anderen gewechselt, die besagt: «trotz alledem ist dies die einzigemögliche Welt». Indessen der Tatsache bewusst, dass immer mehr Betäubung nötig ist, um diese Existenz zu ertragen, bietet die Direktion der sozialen Strafanstalt ihren «Gästen» die einzig möglichen «Ausbrüche»: jene, die sich dem Geist annehmen.

Die Unterhaltung und die organisierte Ablenkung der Massen in den Stadien und während der « Ferien » betäubt bestimmt jeglichen Funken von selbstständigem Denken – indem man ihn in der künstlichen und obszönen Ekstase der festenden Meute erstickt –, aber scheinen nicht mehr ausreichend zu sein, um das Krebsgeschwür der Verurteilung zur Gefangenschaft zu stoppen.

Seit mehreren Jahrzehnten und sich stetig weiterentwickelnd wird uns also, dank diversen psychoaktiven Substanzen, ein bisschen überall ein aufgesetzter geistiger Ausbruch angeboten. Allerlei Drogen verschiedenster Art, ob legal oder illegal, überfluten gegenwärtig diesen gigantischen Knast und während sie eine provisorische Flucht anbieten, errichten sie noch dazu ein neues Gefängnis innerhalb des Gefängnisses.

In der russischen Babuschka der Einsperrung ist es dem Direktor endlich möglich, das letzte Stadium der Kontrolle zu erreichen und die Grundlagen für eine Gesellschaft des endlosen Wartens zu entwerfen: Jene einer psychiatrisierten Welt. Eine Welt der Betäubung, wo das Unerträgliche erträglich, wo es lebbar wird. Und wie immer in der Logik der Adaption, wenn irgendetwas lebbar wird, fühlen wir die Notwendigkeit nicht mehr, es zu verändern.

Um die Gedanken unschädlich zu machen, brauchen sie also nicht mehr vernichtet oder mystifiziert zu werden: es reicht schlicht zu verhindern, dass sie entstehen, von ihrer « Geburt » bis zum Verlangen, selbst damit zu beginnen.

Man kann sagen, dass der Ausbruch, den man uns vertickt, die Abtreibung jeglichen Verstands für die Freiheit ist. Er hat die selbe verabscheuenswürdige Funktion wie eine gute humanitäre Schwester in einem Lager, mit dem einzigen Unterschied, dass die Drogen (ob legal oder nicht) nicht einmal zum Verbinden der oberflächlichen Wunden dienen. Den Weg der Zerstörung des sozialen Gefängnisses angehen zu wollen und die permanente Konstruktion psychotischer Zwangsjacken für die Geister beiseite zu lassen, wäre wie den Staat abschaffen zu wollen, während man das Innenministerium verschont. In der modernen Welt ist es notwendiger denn je, die Verantwortlichkeiten des Zwangs neu zu definieren, um ganz klar zu sehen, was die Interessen jener sind (und folglich unsere Angriffsziele), die uns einsperren wollen – sowohl innerhalb als auch ausserhalb von uns selbst.

Es wird Zeit, deutlich zu betonen, dass der Politiker, der Psychiater, der Bulle und der Drogenhändler auf gleiche Weise für unsere Unterdrückung verantwortlich sind. Und genauso, dass das Schicksal des Priesters, des «Bürgers» oder des Ideologen, der die Drogen als «befreiende Substanzen» verherrlicht (auch innerhalb der Szene), verbunden werden muss.

Von der Einsperrung der Körper

Der mangelhaften Rolle der Religion als delegierte Verwaltung des Lebens und des Todes, als Hoffnung (oder Toleranz) angesichts so vieler von den Menschen ertragener Übel und Missbräuche wird heute «endlich» durch eine neue weltliche Religion ausgeholfen: der Wissenschaftsgläubigkeit.

In dieser Demokratie haben wir tatsächlich die Wahl: Unser Körper kann Gott gehören oder den Händen der Wissenschaft übergeben werden. Die Eingebildetsten können auch die beiden Aspekte versöhnen, indem sie ethisch ihre Seele Gott und ihren Körper den Wissenschaftlern übergeben.

Die Entwicklung des Wissens ermöglichte im Namen des kollektiven Wohlbefindens in einen Grossteil des menschlichen Organismus einzudringen und die Kontrolle zu übernehmen. Gegenwärtig sind wir bei der genetischen Fichierung und Kartographierung angelangt. Hunderte neue Lombroso’s[2], eingeschlossen in Laboratorien ein bisschen überall auf der Welt, träumen sogar davon, ihre Techniken zu verfeinern, um den geborenen Kriminellen zu entdecken, der in einem jeden von uns ruht. Diesmal nicht mit Hilfe von Hirnmessungen, sondern von Genen.

In einer medikalisierten Gesellschaft, die einen Grossteil der Übel produziert und gleichzeitig das Monopol und die Kontrolle über ihre Gegenmittel besitzt, verfügen die Wissenschaftler über eine der grösst möglichen Mächte: Jene, das Leben zu erhalten. Es ist auch selbstverständlich, dass diese Betrachtungen nur ein Teil der Realität bleiben werden, solange die wichtigste Macht – wie im Fall der Religion – in der Tatsache liegt, angesichts eines gequälten Lebens, oder eher einer Art zu Überlebens, etwas Hoffnung einzuträufeln.

Von ihrer Machtposition herab teilen sich die weiss behemdten Schakale dennoch bereits die Stücke unserer Körper auf und im Innern des Gefängnisses sind wir nun alle potentiell im Namen des Fortschritts zu opfernde Versuchskaninchen geworden. Uns selbst nicht gehörend, sind wir Instrumente und nicht Subjekte der Debatte. Die verschiedenen Heiligen Offizien und andere wissenschaftliche Kommissionen der Bioethik spielen sich gegenseitig den Ball zu, während sie uns vorschreiben wollen, wie wir zu leben haben, wie wir zu sterben haben, wem wir angehören und wie wir für uns zu sorgen haben. Im Namen Gottes, im Namen der Wissenschaft. In unserem Namen, niemals. Für all sie zählen wir nicht, da wir bloss Gefangene des Körpers sind, den sie uns verliehen haben.

Von der unmöglichen Flucht und der notwendigen Subversion

Wir haben ausführlich gesehen, dass es nirgends eine Möglichkeit gibt, dem sozialen Gefängnis zu entkommen, und dass sich dieses letztere über alle Aspekte des Bestehenden ausbreitet: Die einzige Möglichkeit, die noch bleibt, ist also die «Zerstörung der Inneneinrichtung». Durch die Subversion der sozialen Beziehungen können wir damit beginnen, jene Räume der Freiheit zu rekonstruieren, die man uns entsagt. Und um dahin zu gelangen, müssen wir uns der Hindernisse entledigen, die sich zwischen uns und unser Verlangen nach Emanzipation stellen. Stets dessen bewusst, dass der revolutionäre Weg kein abstrakter Weg ist, nicht abstrakter als die Mechanismen, die Strukturen und die Verantwortlichkeiten der Segregation.

Sicher, in der Revolte öffnen sich Räume der Freiheit nicht von selbst, und wir sehen gut, wie subtil die Grenze ist, die sich in der aktuellen sozialen Konfliktualität zwischen der Implosion des Bürgerkrieges und der Explosion des Sozialen Krieges abzeichnet. Aber es ist auch richtig, dass sich nur in einem Moment des Aufstands ein physischer und temporärer Raum auftut, in welchem das Konstruieren und Erfinden der Grundlagen für befreite Beziehungen möglich ist.

Die Unterstützung, die gegenüber den Revolten der Gefangenen des sozialen Gefängnis erbracht wird, darf und kann nicht akritisch und verherrlichend bleiben. Sie muss sich unbedingt in eine Möglichkeit konstruktiver Komplizenschaft verwandeln: um es noch einmal zu sagen, die Möglichkeiten, den Weg des sozialen Krieges aufzuzeichnen, zeigen sich in der Dialektik, die sich in einem Moment des Bruches unter den Aufständischen errichtet. «Unser Wunsch» ist, zur Aufspürung des Weges beizutragen, auf dem die Gefangenen nicht mehr als Gefangene des sozialen Gefängnisses revoltieren, sondern als Individuen, die die Vernichtung jeglichen Zwangs anstreben.

Es ist nutzlos zu hoffen, dem Ziel gewachsen zu sein, wir müssen uns vor allem unverzüglich die Mittel geben, um es zu sein. Und Basta.

[1] Die Wahl den Rahmen von Legalität/Illegalität hinter sich zu lassen.

[2] Cesare Lombroso gilt als Begründer der kriminalanthropologisch ausgerichteten sogenannten Positiven Schule der Kriminologie. Als selbst bezeichneter Rassist und Eugeniker sorgte er dafür, dass Kriminalität zunehmends unter naturwissenschaftlichen, biologischen und anthropologischen Aspekten betrachet wird.