Titel: 8 Stunden am Tag zu viel…
AutorIn: Kaduuk
Bemerkungen: Originaltext anonym veröffentlicht in "Kaduuk - Amsterdamse Anarchistische Krant", Nr. 3, Amsterdam, April 2012, S. 1-2.
Deutsche Übersetzung in "Fernweh", Nr. 9, München, Mai 2014, S. 1-2.

„Die schlimmste Erpressung, der wir in dieser Gesellschaft ausgesetzt sind, ist die Wahl zwischen arbeiten und vor Hunger sterben.“

Ich hasse nicht nur meinen Job, ich hasse alle Jobs. Und das ist offensichtlich nicht in Ordnung. Um zu existieren oder einfach nur zu überleben, bin ich gezwungen zu arbeiten. Das ist die Art und Weise wie diese Gesellschaft strukturiert ist. Arbeiten, Steuern bezahlen und sterben. Und das ist etwas weitgehend akzeptiertes. Du weißt schon, wir müssen dazu beitragen diese großartige kapitalistische Welt fortschreiten zu lassen, die Wirtschaft am Laufen zu halten, den Staat am Laufen zu halten. Wir müssen immer beschäftigt sein, damit wir unsere eigenen Träume vergessen und keine “Probleme” verursachen. Also unsere Verzweiflung über unsere verschwendete Zeit und unsere unerfüllten Leben damit befriedigen wenigstens etwas „getan” zu haben. Doch dieses “etwas” ist nicht einfach “irgendetwas”, sondern das Rückgrat, das eine Welt aufrecht erhält, die auf denen, die ausbeuten und jenen, die ausgebeutet werden, basiert, eine Welt der Hierarchien zwischen Menschen auf der Grundlage der Macht des Geldes – egal ob wir dem zustimmen oder nicht.

Nach der Logik der Arbeit, stelle ich etwas nicht her, weil ich es brauche. Ich stelle etwas her, weil ich dafür bezahlt werde. Ich produziere für Fremde. Ich genieße diesen Herstellungsprozess nicht, ich muss mich selbst dazu antreiben, es so schnell wie möglich zu tun, weil mein Chef mich überwacht und mich immer daran erinnert, dass Zeit Geld ist. Und genauso wie ich entfremdet bin von dem, was ich produziere, bin ich gleichermaßen entfremdet von dem, was ich konsumiere. Ich muss für Essen, Kleidung und Unterhaltung Geld ausgeben. Ich gebe es für ausgefallene technische Geräte aus, um meinen Haushalt zu vereinfachen, so dass ich weiterhin arbeiten kann, Tag für Tag für Tag. Und jeder Gegenstand, den ich mir zulege, wurde von irgendeinem anderem Lohnarbeiter produziert, der von irgendeiner anderen Firma ausgebeutet wird, irgendwo anders auf diesem Planeten und da ich erschöpft von der Arbeit bin, habe ich keinen Nerv darüber nachzudenken, welche Chemikalien sich in dem Produkt befinden oder unter welchen Bedingungen es hergestellt wurde.

Wenn wir nach einem Arbeitstag nach Hause kommen, sind wir natürlich zu müde, um uns überhaupt noch daran zu erinnern, wie es ist zu leben. Unsere Träume, Ideen und Wünsche werden durch eine endlose Flucht in den Konsum ersetzt, durch leere Unterhaltung, durch Ströme von Alkohol und Drogen, die wir konsumieren, nur um unser Elend zu ertränken und um dazu in der Lage zu sein, morgen die gleiche Scheiße wieder zu tun. Diese Umstände bringen uns dazu, alles zu schlucken, alles zu akzeptieren, womit wir gefüttert werden. Erschöpft vom Alltag sind wir froh über die Existenz einer Regierung, die Regeln aufstellt um unsere Leben zu regulieren, so dass wir nicht nachdenken oder Verantwortung für uns selbst oder andere übernehmen müssen. Erschöpft von allem, werden wir zu unterwürfigen Bürgern, bereit die Macht über unsere Leben an die abzugeben, die dafür bezahlt werden, über die “wichtigen” Dinge nachzudenken; wir werden bereit dazu, ihre Entscheidungen zu akzeptieren, und sind erleichtert, uns nicht damit beschäftigen zu müssen über die Konsequenzen nachzudenken. Wir akzeptieren stillschweigend die Absurdität der “Politik” und finden uns damit ab, uns Autoritäten zu unterwerfen, die über unser Leben entscheiden.

Unsere Freundschaften und Beziehungen sind durchzogen vom Druck der Arbeit. (Ein guter Elternteil sein, heißt sich finanziell um seine Kinder zu kümmern – dafür zu sorgen, dass es immer ein Dach über ihren Köpfen und Essen auf dem Tisch gibt.)

Doch was dabei verloren geht ist Zeit miteinander zu verbringen, sich wirklich kennenzulernen, sich emotional, geistig und unabhängig vom Materiellen umeinander zu kümmern. Die Zeit, die uns zwischen arbeiten und schlafen bleibt ist voll von den aufgezwungenen Verantwortungen des täglichen Lebens – Essen kaufen, Rechnungen bezahlen, Ausruhen für den nächsten Tag.

Wir werden gegen unseren Willen in diese Situation gezwungen (aufgrund der Privatisierung des Eigentums). Heutzutage kann alles, was wir zum Überleben brauchen, nur in einem Laden oder von einem Unternehmen gekauft werden. Jeder Schritt im Kreislauf der Produktion und des Konsums sorgt auch für dessen Erhalt. Es ist ein schlauer Schachzug der Profitmaximierung, dass wir von beidem versklavt werden und unser Überleben gleichzeitig davon abhängig geworden ist. Wir sind gefangen in diesem Kreislauf, weil wir dazu gebracht wurden zu denken, dass wir dem ganzen nicht mehr entfliehen können, zu denken, dass wir nicht nein sagen können, dass wir ohne das globale System der Produktion und des Konsums nicht überleben können, weil wir nur durch Geld Zugang zu den Dingen haben, die wir brauchen. Und um Geld zu verdienen müssen wir unsere Zeit verkaufen. Wir müssen arbeiten.

Über die Zerstörung der Arbeit zu reden führt oft zu dem Vorwurf ein Parasit, ein fauler Schmarotzer zu sein. Die Entscheidung, die Moral, Gesetze, Identitäten, Spezialisierungen und Verpflichtungen dieser Gesellschaft abzulehnen, ist eine Entscheidung, die daraus resultiert, jeden Morgen aufzuwachen und an Millionen andere Möglichkeiten zu denken, den Tag zu verbringen, anstatt arbeiten zu gehen. Ich rede davon, die Fähigkeiten und das Wissen, welches wir und unser Umfeld für nützlich und notwendig halten, zu lernen und auszuüben; Ich rede davon, jedem Pfad, den uns unsere befreite Kreativität entlang führen könnte, zu folgen; in anderen Worten, Dinge zu machen, weil wir es wollen und nicht weil wir es müssen. Aber nein: am Ende erzählt mir diese Gesellschaft, dass ich ein Niemand bin, wenn ich nicht arbeite.

Wie auch immer, es scheint, dass die meisten Leute dazu gezwungen sind, dies zu akzeptieren und in manchen Fällen sogar die miserable Identität eines Arbeiters den unbekannten Möglichkeiten des eigenen Denkens und des Tragens der eigenen Verantwortung vorziehen. Alles in allem, ist die Belohnung, die ein Arbeiter, der seine Unterwürfigkeit unter Beweis stellt, von der Gesellschaft bekommt, sich selbst als “ehrlicher” und guter Bürger bezeichnen zu dürfen. Und das wird die Maßeinheit für den Wert und die Erfüllung eines Individuums: Ein Grundsatz, der außerhalb von ihr selbst kreiert wird, der ihr die Moral dieser Gesellschaft auferlegt und nichts mit der eigenen Idee von Selbsterfüllung und Respekt gegenüber sich selbst und der eigenen Umwelt zu tun hat. Sie würden sich lieber ihr komplettes Leben für ihre Bosse prostituieren, aber am Ende zumindest mit einem reinen Gewissen nach Hause gehen – das Gewissen, die eigene Pflicht erfüllt zu haben, zum Wohlstand der Nation beigetragen zu haben, sogar wenn diejenigen, die diese Nation am laufen halten, die ersten sein werden, die von ihrer verlorenen Zeit profitieren. Das Ziel ist es jemand zu sein, der auf der stärkeren Seite steht, jemand zu sein, der Teil dieses Spiels ist. Natürlich gibt es in diesem Spiel viel mehr Verlierer als Gewinner, jeder weiß das. Das komische daran ist, dass so wenige die Möglichkeit in Betracht ziehen, es nicht zu akzeptieren und schlussendlich zu revoltieren, um die individuelle sowie kollektive Freiheit zurück zu erlangen.

Dieses System ist so “lukrativ”, dass diejenigen, die von den „ehrlichen Opfern“ der Arbeiter schmarotzen, es verteidigen werden, indem sie den Arbeitern das Leben nehmen, wenn sie es müssen – genauso wie sie es am 1.Mai 1886 in Chicago getan haben, als die Bullen gegen Arbeiter, die sich in einem wilden Streik für den 8 Stunden Tag befanden, das Feuer eröffneten und einige von ihnen töteten. Mehr als hundert Jahre später erinnern wir uns immer noch an jene, die für ihre Würde gekämpft haben, weil sie sich von niemandem wie Sklaven behandelt haben lassen und ihnen niemand weismachen konnte, dass sie nichts Wert sind.


Wenn wir davon sprechen weder Sklaven noch Herrscher sein zu wollen, sprechen wir nicht von besseren Jobs, besserer Bezahlung, besseren Belohnungen oder besseren Bedingungen, weil wir dann letztendlich nur darüber reden, wie wir unsere Sklaverei bequemer gestalten könnten. Wir sprechen davon, die Arbeit als Ganzes vollständig zu zerstören.