Herr Berner, das letzte Mal, als wir Sie interviewt haben (Dissonanz Nr. 7, 5. August 2015), verglichen Sie den Staat mit einem religiösen Kult. Nun, da wir uns in der Wahlperiode befinden, was können Sie darüber sagen?

H. R. Berner: Genau, wenn wir das objektiv betrachten, dann unterscheidet sich der Staat nicht gross von einem religiösen Kult, es gibt da keine effektiven Unterschiede. Die Wahlen sind ein religiöses Ritual, das in unserem Land alle 4 Jahre stattfindet, die Gläubigen versammeln sich in den heiligen Stätten (Wahlbüros) und äussern, indem sie ein Papierzettel in einen dafür vorgesehenen Behälter werfen, ihren Vorzug für eine spezifische Gruppe des Klerus (Partei). Den Wahlen geht eine prä-elektorale Periode voraus, in der sich die verschiedenen Parteien, jede mit einer gewissen Eigenart, im öffentlichen Raum exponieren und versuchen, die Bevölkerung zur eigenen Weltanschauung zu bekehren. Man kann sie überall sehen: auf den Marktplätzen am Samstagmorgen, auf den Plätzen, auf den Strassen und manchmal sogar vor der eigenen Haustüre wie die Zeugen Jehovas. Ausserdem hängen diese Parteien in der ganzen Stadt und auf dem Land gigantische Heiligenbilder auf, mit den Gesichtern von verschiedenen Angehörigen des Klerus, als ob es Heilige wären, damit die Gläubigen auch wissen, wem sie huldigen sollen.

Jedenfalls, um auf die eigentlichen Wahlen zurückzukommen, versammeln sich die Gläubigen, wie wir gesagt haben, um zu wählen, welches die Parteien sind, die ihre Religion für die kommenden 4 Jahre leiten sollen. Die Parteien, die gewählt werden, entscheiden daraufhin gemeinsam, wer effektiv den Staat leiten wird, indem sie sieben Bundesräte wählen, die wir mit den Kardinälen der katholischen Kirche vergleichen können. Um die Analogie fortzuführen, so wird unter diesen sieben Bundesräten schliesslich einer ausgewählt, der der Papst der Staatsreligion sein wird: der Bundespräsident.

Worin bestehen die Gefahren von diesem Kult?

Lassen Sie mich zuallererst eine Vorbemerkung machen: jedes Individuum soll frei sein, seine Spiritualität so zu leben, wie es das wünscht, solange es der Freiheit von anderen nicht schadet. Nun, der Kult des Staates ist, wie praktisch alle organisierten Religionen, ein absolutistischer Kult, das heisst, er toleriert keine anderen Weltanschauungen. Es genügt, das Beispiel der Schweiz zu betrachten, um sich darüber bewusst zu werden. Die Gläubigen, die sich am Ritual der Wahlen beteiligen, sind eine Minderheit der Bevölkerung (etwa 40% der Abstimmungsberechtigten, aber wenn wir diesen Prozentsatz auf die gesamte Bevölkerung berechnen, verringert er sich drastisch), diese wählen eine andere Minderheit, die den Parteien entstammt, welche ihrerseits eine andere Minderheit auswählt, um den Staat zu leiten. Es handelt sich also um eine Minderheit, die eine andere Minderheit wählt, die eine andere Minderheit auswählt, um die gesamte Bevölkerung zu regieren. Wie in jedem Integralismus kümmern sich diese Minderheiten darum, Gesetze zu erschaffen, welchen, ihnen zufolge, alle unterstellt werden müssen, ganz egal, ob es sich um Gläubige oder Ungläubige handelt. Das alles unterscheidet sich nicht gross von den anderen religiösen Integralismen, die in unseren Breitengraden auf heuchlerische Weise so sehr kritisiert werden, wie beispielsweise der islamische Integralismus. Wie mit der Scharia, wie wir bereits im vorangehenden Interview gesagt haben, so wird auch hier, durch Polizei und Gerichte, verhaftet, verurteilt und bestraft, wer die Gesetze nicht respektiert, die von dieser Minderheit erlassen werden, das alles im Ermessen des Urteils von Gelehrten der religiösen Gesetze (Richter, Anwälte und Staatsanwälte). Es ist offensichtlich, dass es für Freidenker und Ungläubige, da sie diesem Regime unterstellt sind, keine Freiheit gibt.

In den letzten Jahren hat dieser Kult nachgelassen. Wenn wir die Statistiken betrachten, können wir sehen, dass die Gläubigen, die sich am Ritual der Wahlen beteiligen, immer weniger werden. Das scheint eine ermutigende Nachricht. Was denken Sie darüber?

Wenn es stimmt, dass die Zahl der Gläubigen rückgängig ist, besonders unter den Jungen, dann scheint das ermutigend, aber wir müssen uns auch bewusst halten, dass dies nicht unbedingt ein Schwinden dieses Kultes bedeutet. Der Rückgang der Gläubigen ist eine der grossen Sorgen, worüber sich alle Parteien einig sind. Wenn wir eine Zeitung augfschlagen, dann können wir sehen, wie sehr die Frage, wie neue Gläubige bekehrt werden können, unter den Mitgliedern der verschiedenen Parteien präsent ist, Parteien, die einen regelrechten Kreuzzug gegen diejenigen gestartet haben, welche sie die „Abstentionisten“ nennen, also diejenigen, die sich weigern, sich am Wahlritual zu beteiligen. Es mangelt nicht an Vorschlägen: von der Tür-zu-Tür-Bekehrung der Jugendlichen, indem die Wichtigkeit und die Verdienste von diesem Ritual erklärt werden (die Kampagene “VoteNow2015”), bis zum Attraktivermachen der Religion für die Jugend (zum Beispiel mit Musikvideos für eine Partei), bis sogar hin zur erzwungenen Bekehrung, indem Strafen eingeführt werden für diejenigen, die sich weigern, ihrer religiösen Pflicht nachzukommen (wie beispielsweise im Kanton Schaffhausen). Jedenfalls, abgesehen vom quantitativen Aspekt, ändert sich, auch wenn es tatsächlich eine Mehrheit sein sollte, die sich am Ritual beteiligt, wenig, es handelt sich noch immer darum, Gesetze aufzuzwingen und die Freiheit von denjenigen einzuschränken, die sich nicht an diesem Kult beteiligen.

In den letzten Monaten ist es zu verschiedenen Angriffen gegen politische Parteien gekommen, wie zum Beispiel in Dornach, wo Demonstranten versucht haben, ein Fest der SVP [schweizer Volkspartei] anzugreifen, oder in Zürich, wo ein Lokal der EVP [evangelische Partei] verwüstet wurde. Was haben Sie dazu zu sagen?

Ich persönlich denke, dass solche Akte gleichzeitig beschränkt und ermutigend sind. Ermutigend, weil man, indem man die Parteien angreift, indirekt den Kult des Staates angreift, aber beschränkt, weil es im Allgemeinen bloss jene Parteien sind, die als die Rückständigsten und Obskurantistischsten wahrgenommen werden, welche angegriffen werden, und nicht die gesamte Politik des Staates, welche ein einheitliches Ganzes bildet, ganz egal unter welchen Farben sie sich präsentiert. Eine andere Grenze ist, dass sich diese Angriffe zu sporadisch ereignen, um über den symbolischen Dissens hinausgehen zu können, und oft bleiben sie bei Kleinkriegen zwischen rechten und linken Sekten stehen.

Wie kann all dem ein Ende gesetzt werden?

Die Tatsache, sich nicht am Kult des Staates zu beteiligen, ist nicht ausreichend, denn, auch wenn wir uns weigern, uns an seinen Ritualen zu beteiligen, so sind wir dennoch gezwungen, Gesetze zu ertragen, die uns von anderen auferlegt werden, und worüber wir nicht bestimmen. Wenn wir unsere Freiheit wollen, und die von jedem anderen Individuum, dann gibt es keine andere Lösung, als diesen Kult zu bekämpfen, sowie jeden anderen religiösen Fanatismus, oder jedweden, der beansprucht, Gesetze aufzuerlegen, die alle zu befolgen haben. Dies ist, was ich sagen kann, etwas anderes kann ich nicht sagen, denn, obwohl die Eure eine wahrlich freie und unabhängige Zeitung ist, habe ich entschieden, das Interview unter Veröffentlichung meines Namens zu akzeptieren, ich könnte also teuer dafür bezahlen müssen, offen zu sagen, was ich denke, da ich sicherlich irgendein “heiliges” Gesetz übertreten und bestraft werden würde.