Titel: Idee und Organisation im Lichte konstruktiver Planung des Sozialismus
AutorIn: Drewes, H.
Quelle: Entnommen am 9.10.2015
Bemerkungen: Aus: Die „Räte“ in der anarchosyndikalistischen Diskussion. Texte von M. Nettlau, H. Drewes, A.M Lehning. Texte zur Theorie und Praxis des Anarchismus und Syndikalismus Band 9. Broschüre o. J. Digitalisiert von www.anarchismus.at (Aktualisiert: andern zu anderen, oekonomisch zu ökonomisch usw. – Überschriften neu nummeriert)

      1. Die Streitfrage

      2. Das Problem

      3. Schluß

      4. Der Plan

1. Die Streitfrage

Zwei in der syndikalistischen Bewegung bekannte Persönlichkeiten haben in der „Internationale“ zur Rätefrage Stellung genommen und sind zu direkt entgegengesetzten Auffassungen gelangt. Max Nettlau hat die „Räte“ entschieden abgelehnt, während Artur Müller Lehning sie ebenso entschieden anerkennt. Da die Rätefrage für den Syndikalismus eine gewisse programmatische Bedeutung besitzt – setzte sich doch die GK mehrmals für ein freies „Rätedeutschland“ ein – ist er gezwungen, die Auffassung N.s als unrichtig abzulehnen. Diese Stellung bringt ihn jedoch nun selbst in eine eigenartige zwiespältige Lage, die man in seinen Reihen anscheinend bis jetzt noch nicht überdacht hat, oder vielleicht auch, ihrer Folgerungen wegen, nicht hat überdenken wollen. Der Entwicklung der Räteidee zur Räteorganisation liegt nämlich eine Wandlung der Organisationsform zugrunde, und zwar die Wandlung der Gewerkschaften zu reinen Produktions- oder Betriebsorganisationen, die alle wirtschaftlichen Verbände, Gruppen und Vereinigungen der Arbeiterschaft umfaßt. Davon bleiben selbstverständlich weder der Syndikalismus noch irgend eine der andern revolutionären Gruppen um ihres revolutionären Charakters willen verschont, den sie den sogenannten „reformistischen“ Verbänden gegenüber geltend machen können, um die Notwendigkeit ihres Bestehens und Wirkens auch fernerhin darzutun. Denn der Organisationszweck tritt durch die Wandlung rein in Erscheinung, und der wird, vom Standpunkt praktischer Schaffung des Sozialismus, von keiner der bestehenden Organisationen erfüllt und erfüllt werden können.

Handelt es sich doch um die „Expropriation der Exproprieteure“ und das heißt um die Befreiung der Arbeiterschaft von Knechtschaft und Lohnsklaverei, und das ist ein Problem, das nur an der Produktionsstätte selbst durch die Produzierenden gelöst werden kann. Möge man sich außerhalb der Betriebsorganisation dann noch organisieren wie man wolle – das bleibt dem einzelnen unbenommen – der eigentliche Zweck wird aber restlos durch diese Organisationsform erfüllt. Und kann m. E. nur durch sie erfüllt werden, weil der ihr zugrunde liegende organisatorische Gedanke unmittelb aus der Tätigkeit des Arbeiters und seiner Betriebsstätte entquillt. Ein sehr wichtiger Gedanke, der eine einwandfreie und klare Stellung zur Organisationsfrage ermöglicht. Denn niemals läßt sich die Tätigkeit des Menschen irgendwie parteilich einrangieren, sie ist immer nur rein menschlich; kann darum nur dem Gebot der Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse dienen und keinem andern. Das schlägt auf die Organisation zurück. Sie kann das Gebot nicht durchbrechen und wirkt daher in ihrer gegenwärtigen Form im leeren Raum, weil sozusagen ein „Zwang zur Organisation“ besteht. So darf man die Betriebsorganisation wohl mit Recht als die für den Sozialismus gegebene Organisationsform anprechen, weil sie die beiden Zweige der Wirtschaft: Produktion und Konsumtion, in einer den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen entsprechenden Weise umzuformen, ins Gleichgewicht zu setzen und darin zu erhalten vermag.

Diese Auffassung von der Wandlung der Organisationsform, die die Entgötterung eines Organisationsschemas fordert, das jeder bisher auf seine Weise heiß und inbrünstig anbetete, wird ja bestimmt keineswegs freudige Zustimmung bei allen denen finden, die sich auf eine bestimmte Organisationsform festgelegt haben; einen ernsthaften und begründeten Widerspruch werden sie jedoch kaum dagegen erheben können, wenn sie sich der Mühe unterziehen, die Möglichkeiten zur Schaffung des Sozialismus gründlich und vorurteilslos zu prüfen. Ist es doch ein Treppenwitz der Weltgeschichte, daß sich das ganze organisatorische Leben der Arbeiterschaft bisher außerhalb der Produktions- und Betriebsstätten abspielte, die wir doch gerade sozialisieren wollen. Das führte mit unerbittlicher Folgerichtigkeit zur Beschränkung auf gewerkschaftliche Fragen: Lohnhöhe, Arbeitszeit und allerlei sonstige sozialpolitische Quacksalbereien, die zudem noch, namentlich seit dem Umsturz, den verhängnisvollen parteipolitischen Gegensätzen ausgeliefert wurden; während Produktionsfragen, die die Arbeiterschaft zwangen, ihre organisatorische Macht für eine Umformung der Wirtschaft einzusetzen, unbekannte Dinge bleiben mußten.

Darum ist die viele Jahrzehnte betriebene Organisationsspielerei, die auch in revolutionären Kreisen einen förmlichen Organisationsegoismus gezüchtet hat, ein außerordentlich großes Minus im Kampf gegen den Kapitalismus, das in der Gegenwart die Arbeiterschaft mit wuchtigen Schlägen trifft. Sie ist außerstande, der furchtbaren Schärfe der Krise zu begegnen, weil der Sozialismus „den Weltproblemen meist ohnmächtig und ratlos gegenübersteht“, wie N. in seinem Aufsatz „Klassenkämpfe und Menschheitsentwicklung“ (Nr. 10 der „Internationale“) sagt. Und diese Ohnmacht und Ratlosigkeit, trotzdem die ganze Welt ihn förmlich wie eine Erlösung begrüßen würde, – wenn, ja wenn die Organisation für ihn bestände. Das ist die Frage: Sein oder Nichtsein.

Die Organisation ist bestimmt ein äußerst wichtiger und entscheidender Faktor im Befreiungskampf der Arbeiterschaft: doch kann die organisatorische Praxis das Befreiungswerk ebenso hoffnungsvoll verwirklichen wie hoffnungslos zerstören. Das letztere ist bekanntlich den „freien“ Gewerkschaften in so glänzender Weise zum Nutzen des Kapitalismus gelungen, daß wir uns hüten sollten, es ihnen nachzumachen. Sekundantendienste, wenn auch unfreiwilliger Natur, leisten wir ihnen wirklich genug. Es ist rückhaltlos zugegeben, daß die Organisationsfrage für die Arbeiterschaft schwierig und verworren liegt; namentlich für ihre revolutionären Strömungen, bei denen sie, eben aus der revolutionären Eigenart heraus, das Schmerzenskind bis auf den heutigen Tag geblieben ist. Das zeigt uns ja die Aufrollung der Rätefrage, für die wir N. an sich dankbar sein können. Von Anfang an in eine falsche Linie hineingeraten, die allerdings ganz natürlich schien und nicht zu übersehen war, kann diese Linie nicht mehr verlassen werden, trotzdem sie vielleicht schon als falsch erkannt ist. Denn es hängen jetzt zahllose materielle Interessen daran, und die können sich nicht selbst, um des Irrtums willen, aufgeben; er muß weiter wirken und sogar zur Wahrheit umgebogen werden. Gerade aber diese Tatsache lockt einmal zu gründlicherer Betrachtung, und da bietet die Frage: Räte oder nicht, einen vorzüglichen Anknüpfungspunkt. Liegen doch in ihr die Quellen des Organisationsproblems verborgen, um deren Aufdeckung wir bemüht sein müssen, damit wir der Verwirklichung des Sozialismus um einen Schritt näher zu rücken vermögen. Je unbefangener, vorurteilsloser und gründlicher wir das tun, um so fester und sicherer werden wir schreiten.

Freilich bieten zu diesem Beginnen die keine geeignete Handhabe. Beide zeigen ein gemeinsames Merkmal auf: Sie ordnen den Rätegedanken nach parteipolitischen Gesichtspunkten, und damit ist ihm schon das Urteil gesprochen. Ich will hier übrigens gleich bemerken, daß mir das Wort „Rat“ und seine Anwendung auf die Organisationsform keineswegs etwas feststehendes ist; vielmehr ist es für mich nur eine gebräuchliche Ausdrucksform, durch die ich den ihr zugrunde liegenden Organisationsgedanken, eben die Betriebsorganisation, verständlich machen möchte. Und da ist es nun eigentümlich, daß beide, N. und M. L., Sinn und Wesen des Stoffes, den sie behandelten, nicht begriffen haben. Nach berühmten Mustern bepacken sie die Räteidee mit der Parteiung, obwohl ihre Besonderheit gerade in der Verwerfung der Parteiung liegt. Sie will den Arbeiter nicht mehr als den Parteigänger, sondern nur noch als den Produzenten und Konsumenten fassen, der, einerlei, welchen Beruf er hat und welche Tätigkeit er ausübt, aus der Basis seiner menschlichen Bedürfnisse heraus sich zu der Umwandlung von Wirtschaft und Gesellschaft stellt. Und in der Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse gibt es keine parteilichen Konflikte mehr, da gibt es nur noch restlose Übereinstimmung aller Menschen der Erde, bei noch so großer Verschiedenheit ihrer Auffassungen und Systeme zur Regelung des gesellschaftlichen Lebens. Hier ist der Punkt, wo angesetzt werden muß und mit Erfolg angesetzt werden kann, denn die Bedürfnisse und den Drang zu ihrer Befriedigung haben alle Menschen gemeinsam.

Wenn N. die Richtigkeit dieses Gedankens anerkennt, dann muß er seine Einwände fallen lassen, da sie gegen ein garnicht Vorhandenes gerichtet sind, nämlich gegen Tätigkeiten und Auswirkungen, die die Räteorganisation nicht kennt, nicht kennen kann. Wenn seine an sich trefflichen Darlegungen uns eins beweisen, so dieses, daß er das Opfer eines Irrtums geworden ist. Er bringt die Organisationsform zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse, die alle Menschen eint, auf die Linie des gesellschaftlichen Systems, das sie trennt, und lehnt nun folgerichtig jede Uniformität, als eines „von den Religionen her uns geläufigen alleinseligmachenden Glaubens“ ab. In dieser irrigen Gedankenlinie befangen und weiter getrieben, verwirft er natürlich auch die Räteorganisation, weil er, als ausgesprochener Vertreter der Duldung, ein Feind jeder Majorisierung ist. Er setzt sich ein für die „Minderheitsrechte im Sozialismus“ und wähnt, in den „Minoritäten“ jene Kraft zu erkennen, die imstande sei, den Sozialismus zu schaffen. Leider hängen die „Minoritäten“ doch zu sehr in der Luft, so tief und nachhaltig ich ihren Einfluß in der Gesellschaft werte. Da, wie wir bald noch mehr sehen werden, der Sozialismus nun einmal auch eine Frage der Organisation ist, können die „Minoritäten“ für die gesellschaftliche Umwandlung nur dann zur Geltung kommen, wenn es gelingt, ihre Kraft organisatorisch auf bestimmte notwendige Punkte und Pläne hinzukonzentrieren. Dazu ist die Betriebs- alias Räteorganisation die geeignete Form.

Die Ausführungen M. L.s schaffen noch weniger Klarheit. Er steht unter dem begrifflichen Bann des „revolutionären Syndikalismus“, und da er sich auch für die Räte einsetzt, kommt er auf diese Weise zu einem Organisationsdualismus, zu einer Zweiteilung, bei der man sich eigentlich fragen muß: Wer ist denn nun eigentlich die Macht? Bestimmen die Räte den Syndikalismus oder bestimmt der Syndikalismus die Räte? Unbedingt ist es richtig, wenn er am Schluß schreibt: „Das Schicksal des freiheitlichen Sozialismus, des Sozialismus überhaupt, hängt ab von der Fähigkeit der Arbeiterschaft zur Selbstorganisation“. Doch was heißt das, „Selbstorganisation der Arbeiterschaft“? Das kann doch nur heißen, daß sie sich endlich einen Organisationskörper schafft, vermittels dessen sie die „Expropriation der Exproprieteure“ durchführen kann. Hat sie sich diesen Körper wirklich geschaffen, dann „genügt er sich selbst“, um ein Wort anzuwenden, das der Syndikalismus des öfteren auch für sich beansprucht, da es außerhalb der Expropriation für den Sozialismus keine Aufgaben mehr gibt. Das aber verhindert nun M. L. wieder durch seinen Organisationsdualismus, der ihn ganz logisch dazu zwingt, die Räte parteipolitisch zu gliedern und von ihnen zu behaupten, daß auch sie „keine Garantie für die Freiheit bilden“.

Da haben wir wieder das verhängnisvolle machtpolitische Prinzip, das sich in der Begriffswelt der Arbeiterschaft wie eine Blutkrankheit eingenistet hat und so große Verheerungen anrichtet. Hat man sich zu ihm erst bekannt, dann ist es natürlich unvermeidbar, daß sich die Parteidemagogen mit heißer Erbitterung darum schlagen, und es ist eben nur eine reine Machtfrage, wer es schließlich in der Tasche hat. Hätte M. L. die doch nun zwingend notwendige Frage aufgeworfen, warum die Garantie nicht bestehe, dann wäre er vielleicht auf die Wahrnehmung gestoßen, daß hier Irrtümer bestehen; daß es für die Arbeiterschaft weder „syndikalistische“, noch „sozialdemokratische“, noch „kommunistische“ oder irgend welche anderen Räte geben kann, sondern nur „Produktionsräte“, die mit machtpolitischen Fragen nichts zu tun haben und auf die deshalb M. L.s Befürchtung nicht zutreffen kann. Und er wäre vielleicht weiter auf die Wahrnehmung gestoßen, daß die den Räten zugrundeliegende Organisationsform gar kein „System“, gar keine „Richtung“ ist, die mit ihren Gedankengängen andere „Richtungen“ nach berühmten Mustern „majorisieren“ wolle, sondern die durch die wirtschaftlichen Zustände bedingte natürliche Vereinigung der Produzenten zur Regelung der Bedürfnisse für alle Menschen. Mögen sich die Kapitalisten zunächst dagegen sträuben, das ist ihr gutes Recht, das jedoch kein Recht bleiben wird. Da der der Regelung zugrunde liegende Standpunkt kein anderer ist als der menschliche, und dieser nur die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse kennen kann, wird sich die Räteidee auch durchzusetzen vermögen. So leiden beide Aufätze an Konstruktionsfehlern, die ich nun durch die folgenden Ausführungen zu klären und zu beseitigen hoffe.

2. Das Problem

Die Wandlung der Gesellschaft vom Kapitalismus zum Sozialismus bedingt die innere Wandlung des Menschen; eine Wandlung seiner Ideengänge, seiner geistigen, seelischen und sittlichen Strebungen, damit er für den Gedanken der Freiheit empfänglicher gemacht werde. Sozialismus ist Formung des Menschen zu freier Gemeinschaft. Zur Schaffung dieses Zustandes ist durchaus nicht jener in allen Diskussionen regelmäßig wiederkehrende berühmte „Engel“ notwendig, der sein Erdendasein erst in hundert oder gar tausend Jahren durchwallen könne, weil der Mensch der Gegenwart die moralische und sittliche Reife zur Führung harmonievollen gesellschaftlichen Lebens nicht besitze; sondern dazu ist nur notwendig, daß der Mensch die kapitalistische Denkweise mit ihren vielen Hemmungen und Widersprüchen von sich abstreift. Sie bindert ihn, so zu sein, wie er in Wirklichkeit ist. Sich wandeln heißt, zur Ursprünglichkeit zurückkehren, die der Kapitalismus nicht gelten läßt. Dadurch wird der Mensch das, was wir „Individualität“ nennen, ein „Ich“, das trotz der Millionenmannigfaltigkeit seiner Psyche in die Gesellschaft erst die wahren Harmonien eines rhythmischen Gleichklangs zu bringen vermag. Denn lang verhaltene innere Beziehungen der Menschen, die nicht wirken konnten, weil sie unter dem Schutt und Moder all der Dogmen und Irrlehren, der widersinnigen Gesetze, falschen Sitten und Gebräuche erstickt wurden, werden so zum Aufflammen gebracht. Das ganze gesellschaftliche Leben wird schwunghaft gesteigert und auf höhere sittliche Grundlagen gestellt, ohne daß uns dabei der „Engel“ behilflich zu sein braucht. Die Persönlichkeitswerte des Menschen werden entfaltet und es steigt die Achtung vor dem menschlichen Leben, für das die gegenwärtige Gesellschaft ja nichts als Mißachtung bekundet.

Der Mensch ist nun einmal, aller kapitalistischen Praxis zum Trotz, das Maß aller Dinge; folglich muß er auch zum Ausgangspunkt aller Betrachtungen gemacht werden, damit er nicht mehr, wie bisher, willenloser Spielball der „Verhältnisse“ bleibe, mit denen er sich in ohnmächtigem Grimm herumschlägt. Denn das fehlt uns ja gerade, was dem Mathematiker die Zahl ist, ohne die er seine Aufgaben nicht lösen kann: Wir haben keinen Maßstab zur Beurteilung der Dinge, und diese drehen sich ständig um falsche Ideen und Begriffe, um eine ebenso lächerliche wie gefährliche Formenwelt, die der Mensch zum Götzen über sich gesetzt hat, der nun Anbetung erheischt. Ihm opfert der Mensch in besinnungsloser Raserei die Vernunft, die ihn zwingen müßte, sein Leben nach seinen Bedürfnissen einzurichten; er ist zum Sklaven der Form geworden, die aus dem Schöpfungsprozeß der Natur den „Formenmenschen“ herausquälte, der ein so lohnendes Objekt der Regierungsexperimente aller Herrscher abgibt. Um der Staatsform willen führen die Menschen dauernden Krieg miteinander, zerhacken und zerfleischen sich in wilden Orgien willkürlich aufgezogener politischer Leidenschaften; und trotz allen Rufens nach der „Volksgemeinschaft“ und ähnlichen sinnlosen Parolen bleiben die Menschen durch tiefgeschluchtete Abgründe voneinander getrennt, weil sie die Staatsform nicht zu zerbrechen wagen.

Wollen wir die Dinge wirklich begreifen und ändern, dann müssen wir zuvor einen festen Ausgangspunkt haben, der keiner Schwankung und Veränderung unterliegt – und dieser Ausgangspunkt kann nur der Mensch selber sein, der Mensch, an dem kein Pfaffe irgend einer Fraktion oder Konfession sein Teufelswerk verbrochen hat. Jeder andere Standpunkt sei er, wie er wolle, ist falsch; er ist ein Standpunkt der Parteiung und muß notwendig, früher oder später, im Labyrinth der Irrwege verlaufen. Erst mit dem Maßstab reiner Menschlichkeit messen wir die Dinge richtig. Mit ihm werden wir sie auch meistern, und wenn sich die Besitzenden noch so wild an ihre „göttliche Weltordnung“ klammern, an uralte Eigentumsformen, Erbtheorien und versteinerte Gesetze, die sie sich zum Schutz ihrer Vorrechte geschaffen haben. Es hilft alles nichts: Dem menschlichen Standpunkt steht kein größerer und besserer entgegen, darum hat er allein Anspruch auf Geltung. Selbst die festeste Mauer der Klassenschichtung wird stürzen, wenn wir sie stürmen mit dem „Rechte, das mit uns geboren ist“. Auf daß endlich Friede und Harmonie, Glück und Wohlfahrt in der Gesellschaft ihren Einzug halten können.

Trotz der hohen geistigen und sittlichen Sphäre aber, in der sich die sozialistische Denkweise bewegt, weil durch sie erst ein freies, vorurteilsloses und jeder Unterdrückung abholdes Denken möglich ist, ist dennoch der Sozialismus auch eine Machtfrage, der wir mit klangvollen Freiheitshymnen ebensowenig beikommen können, wie mit demokratischen Klopffechtereien oder grausam verbohrten Diktaturwahnsinn. Wir erhalten den Sozialismus, wie immer wieder betont werden muß, nicht als ein „Geschenk des Himmels“, wie wir die marxistische Terminologie von den „ökonomiscchen Notwendigkeiten“ auch nennen können, sondern nur als die Frucht mühe- und opfervoller Arbeit, die des Einsatzes starker organisatorisch zusammenwirkender Menschen bedarf. Damit wird die Sache des Sozialismus zu einer Sache der Organisation. Ihre Aufgabe ist es, durch planmäßige methodische Arbeit ihrer Angehörigen, so auf die Gesellschaft einzuwirken, daß schließlich der Sozialismus, als das bewußt gewollte Ergebnis der Entwicklung, das organisatorische Werk krönt. Der Wille zum Sozialismus bedingt also auch den Willen zur Organisation; das heißt, den Willen der einzelnen zusammenzufassen und als Massenwillen für den gedachten Zweck einzusetzen.

Aber der organisatorische Gedanke liegt so versteckt und sein Schwerpunkt kann, obschon dies den physischen Gesetzen widerspricht, sogar außerhalb des Kreises der Organisation liegen und von da aus ihr Leben entscheidend mitbestimmen. Hier stoßen wir auf einen Punkt wo die überlieferten organisatorischen Begriffe, in deren Bereich wir uns bewegen, zur Erschöpfung der Aufabe nicht ausreichen und wo uns nur ungehemmtes Denken den Ausblick in das Wesen und die geistigen Triebkräfte der Organisation eröffnen kann.

Wenn z.B. – um im kleinsten Rahmen zu bleiben – zwei Menschen durch gleiche seelische Schwingungen, durch gleiche Ideengänge und gleiche Interessen bewegt werden, so sind sie unzweifelhaft miteinander verbunden. Sie sind eine Einheit, ein organisatorisches Gebilde, ein Zusammenschluß, ohne daß sie dieses innere sie gleicherseits bewegende Leben durch äußere, wahrnehmbare Formen noch beonders zu bekräftigen brauchten. Sie werden durch innere Beziehungen gebunden, durch sie geleitet und auf einen gemeinsamen Weg geführt, und auf diese inneren Beziehungen kommt es an, wenn äußere Formen dem Zusammenschluß Kraft und Einfluß verschaffen sollen. Fehlen sie, dann gibt es auch keinen Zusammenschluß, und keine Macht der Welt wird je imstande sein, ihn künstlich oder gar gewaltsam erzwingen zu wollen, ohne dauernde Konflikte zu schaffen. Siehe den Staat, dessen Gemeinschaftsgedanke, weil nur auf äußeren und nicht auf inneren Beziehungen beruhend, die Menschen auseinandergerissen und getrennt hat. Wohl erzeugt das organisatorische Leben immer natürlich auch äußere Formen der Beziehungen, die in hohem Maße nützlich und zweckmäßig sein können. Ohne die inneren Beziehungen wird es einer Organisation jedoch nie gelingen, zu Kraft und Einfluß zu gelangen; denn beides sind Ausstrahlungen des Willens, und der wird bestimmt nicht durch Beitrag und Mitgliedsbuch geweckt.

Damit dürfte wohl klar geworden sein, daß die äußere Form der Organisation durch die innere bestimmt werden muß; daß wir daher diesen tieferen Begriff zunächst anzuerkennen haben, ehe die Kraft der Organisation wirklich gegen den Kapitalismus und für den Sozialismus eingesetzt werden kann. Die bisherige Organisationsmethode machte es, genau wie der Staat, ungekehrt und hat darum völlig versagt. Sie knüpfte sich an beliebige Begriffe und Wörter, in die man einen beliebigen Inhalt goß, um den Wert der Organisation für die zu Gewinnenden anschaulich zu machen. Davon ist keine Strömung der Arbeiterbewegung verschont geblieben. Alle sind sie dabei in irgend eine Linie der Parteiung hineingeraten, die mit Sicherheit hinführen mußte zur Kultivierung des Organisationsschemas. Darin stecken wir nun so tief und fest, daß jede Organisation mehr oder weniger großen Götzendienst mit ihrem Schema treibt. Der Revolutionär betet das föderalistische ebenso an, wie der Reaktionär das zentralistische; und Gradunterschiede sind es meist nur, die sie trennen, keine Wesensunterschiede. Trotzalledem klingt die typische deutsche Organisationsmethode noch immer in diesen herrlichen Refrain aus: „Kollege, bist du schon organisiert? – Nein? Ja, weißt du nicht, wie du dich dadurch schädigst? Du mußt bei uns Mitglied werden und durch deinen Beitritt unsere Reihen stärken, denn nur durch die Macht der Organisation kann der Kapitalismus beseitigt werden.“ Das klingt so schön, so erbaulich, so überzeugend, und ist doch nichts weiter als die Methode des gerissenen Tetzel, als er einst mit seinem Kasten durch die Lande zog und alle Sünder durch sein hoffnungsvolles Wort entsündigte: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“.

Diese Organisationsmethode hat zu einer verhängnisvollen Vorherrschaft der Organisationsform über die Organisationsidee geführt und jenen klaffenden Gegensatz zwischen Führer und Massen geschaffen, der die Arbeiterbewegung und über sie hinaus das ganze gesellschaftliche Leben durchzieht. Denn wo die Form herrscht, muß die Idee dienen, womit Zweck und Notwendigkeit der Organisation beseitigt wird. Als „organisiert“ gilt auch in der Arbeiterbewegung nur der, der den festgesetzten „Beitrag“ zahlt und dadurch in den Besitz des „Mitgliedsbuches“ gelangt. Also steckt in letzter Linie das Geld als treibende Kraft hinter der Organisation, und nur, wer sich zu diesem obersten Götzen der Zivilisation bekennt, darf sich „Mitglied“ nennen. Tragische, aber unabwendbare Konfusion. Er darf „mitraten“ und „mittaten“, selbst, wenn er recht zweifelhafte Charakterbeschaffenheiten in die Organisation hineinträgt. Ist es doch möglich und ja auch eine immerwiederkehrende Tatsache, daß lediglich durch die Bezahlung des Beitrages irgend ein alltäglicher Lump, ein Gauner oder ein Polizeispitzel die Reihen der Organisation belastet, eine ungeheuer schädigende Tätigkeit auszuüben vermag und dafür von den übrigen Mitgliedern noch als einer der „ihrigen“ angesehen wird. Dagegen betrachtet man den charaktervollen Menschen als einen „Außenseiter“, dem man das Leben so sauer wie möglich machen zu müssen meint, nur weil er ein Feind des Organisationsschemas ist.

Fügen wir hinzu, daß der organisatorische Gedanke stets mit einer gewissen Exklusivität auftrat – bei den amerikanischen Gewerkschaften z.B. besonders stark – indem der „Facharbeiter“ sich streng vom „Hilfsarbeiter“ oder gar „Handlanger“ trennte, wie denn überhaupt, trotz ihres erhebenden Bekenntnisses zur „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, die Arbeiterbewegung das Klassenschema der bürgerlichen Gesellschaft getreulich kopiert hat, dann ist es klar: Auf diesem Wege kommen wir niemals vorwärts. Ein Organisationsschema, das den Gedanken der Gemeinschaftlichkeit nur in sehr homöopathischen Dosen auf bestimmte kurze Augenblicke, auf bestimmte Berufe, Dinge und Gebiete beschränkt, während sein Sinn in der Zeitlosigkeit und Unbegrenztheit liegt, kann den Sozialismus nicht gebären. Es bleibt beim Reden und beim Bekenntnis zu ihm; an beiden sinken die Geschlechter in fruchtlosen Bemühungen dahin. Darum müssen wir heraus aus dem Organisationsschema, das seine Hauptaufgabe in der Regelung der Verwaltungsarbeit erblickt, in Mitgliedsbüchern, Kassengeschäften, Kouponabschneiden, Statistiken, Satzungen usw., sowie in der „Strategie“ tariflicher „Kämpfe“, die stets am „grünen Tisch“ mit dem Munde und der Feder „ausgefochten“ werden; müssen endlich die geistigen und ideellen Bindungen der Gemeinschaftlichkeit herausstellen, die ganze organisatorische Arbeit vertiefen und verinnerlichen, indem wir sie auf die positive schöpferische Seite des Sozialismus einstellen. Eine Aufgabe von unbegrenzter Größe und Fülle, der ich nun mit einer Reihe von Gedankengängen näher treten möchte.

Ist der Sozialismus – sagen wir – im wesentlichen eine wirtschaftliche Frage, und ist er weiter eine Frage der Organisation, dann steht eines unwiderlegbar und unverrückbar fest: dann kann er nicht durch außerhalb der Betriebsgrenzen wirkende organisatorische Kräfte geschaffen werden wollen! Auch nicht durch solche sozialrevolutionären Charakters, wie etwa die des Anarchismus, Syndikalismus oder anderer unter einem x-beliebigen Namen firmierenden Gruppen, deren Aufgabe in dem Augenblick gelöst sein wird, wo die Organisation an der Stätte der Arbeit selbst erfolgt und der ganze revolutionäre Prozeß damit in die „Organisation der Arbeit“ einmündet. Inzwischen haben sie allerdings noch wichtige Aufgaben, die im nächsten Abschnitt näher dargestellt werden.

Es ist also der Sozialismus eine Sache der Arbeitenden selbst, denn wie anders will man die Arbeit im sozialistischen Sinne organisieren, als durch den Zusammenschluß der Arbeitenden an der Arbeitsstätte, damit die Betriebe endlich zum Nutzen der Allgemeinheit verwaltet werden können. Die einem solchen Zusammenwirken zugrunde liegende Organisationsform trägt aber den Charakter einer reinen Betriebsorganisation, die sich herzlich wenig um Weltanschauungsfragen und radikal schillernde Programme kümmert. „Organisation der Arbeit“ ist ihr Zweck, sonst nichts; aber er genügt zu reichster und wechselvollster organisatorischer Tätigkeit. Der Name der Organisation: „Gewerkschaft“, „Betriebsorganisation“, „Räteorganisation“, oder wie immer, man sie nennen will, ist an sich gleichgültig, es kommt auf den Zweck an. Vielleicht kann man sie „Arbeitsgilden des Sozialismus“ nennen, eine Wortprägung, bei der das Wort „Gilde“ ja keineswegs unbekannt ist, und die dem Zweck und Charakter der Organisation sehr gut entsprechen würde. Ich möchte sie daher wohl anerkennen und mich ihrer bedienen. Aber es ist nicht zu leugnen, daß die Dinge auch begrifflich geklärt werden müssen, um Irrtümer zu vermeiden. So sind z.B. die „Gewerkschaften“ und die „Gilden“ beide bestimmt wirtschaftliche Verbände, doch besteht ein großer Unterschied zwischen ihnen in Bezug auf das gesteckte Ziel. Jene werden nie den Kern des sozialistischen Problems zu erfassen vermögen, weil ihre Zweckbestimmung ja in der Anerkennung des Kapitalismus liegt. Wer das bezweifeln sollte, nehme bitte Kenntnis davon, wie Siegfried Nestriepke das „Wesen der Gewerkschaften“ in seinem dreibändigen Werk: „Die Gewerkschaftsbewegung“ erklärt:

„Gewerkschaften sind Dauerverbindungen, „Organisationen“ solcher Personen, die auf Grund freier Vereinbarung ihre Arbeitskraft anderen gegen Lohn oder Gehalt abgetreten haben und nun durch die Gleichartigkeit oder Verwandschaft ihres Berufes oder ihrer Arbeitsstätte eine besondere Interessengemeinschaft empfinden, mit dem Zweck, durch solidarisches Vorgehen, insbesondere die Beeinflußung des Arbeitsangebotes, die gemeinsamen Interessen zu wahren.“

Man kann dieser Zweckbestimmung ordentlich nachfühlen, wie ihr Verfasser bei der Findung Blut geschwitzt haben muß, doch ist sie richtig. Von besonderem Reiz darin ist das Wort: „Dauerverbindungen“. Damit verbannt Nestriepke den Sozialismus auf immer aus der Gesellschaft heraus – oder er muß die Gewerkschaften aufgeben. Da die Arbeiterschaft sich unmöglich für das erste entscheiden kann, bleibt ihr nur das zweite übrig. Sie gelangt dabei auf den Weg. Organisationen, einerlei, ob sie einen sogenannten „revolutionären“ oder „reformistischen“ Charakter tragen, aber außerhalb der Betriebsstätte wirken, können praktisch den Sozialismus nicht lösen, weil er immer „Organisation der Arbeit“ ist. Und die muß an der Betriebsstätte vorgenommen werden durch den Zusammenschluß der Arbeiter, die damit zu Organen der Produktion werden. Insofern besteht tatsächlich zwischen den sozialistischen Arbeitsgilden und den Gilden des Mittelalters eine gewisse Übereinstimmung. Waren diese die Gestalter des wirtschaftlichen, ja, sogar des gesellschaftlichen Lebens der damaligen Zeit, so werden die Arbeitsgilden es für die Zukunft sein, nur in noch höherer Ordnung. Denn die Gilden des Mittelalters kannten noch Rangstufen: „Lehrling“, „Geselle“, „Meister“, die zugleich gesellschaftliche Rangstufen beinhalteten. Die Arbeitsgilden werden diese Rangstufen nicht mehr kennen, sondern nur noch „Arbeitende“, „Tätige“; ohne Rücksicht darauf, ob die Arbeit eine solche „niederer“ oder „höherer“ Ordnung ist, ob es sich um sogenannte „Kopf“- oder „Hand“arbeit handelt. Die „disponierende“ Tätigkeit wird nicht höher bewertet als die „praktische“, und die des „Ingenieurs“ nicht anders als die des „Schlossers“. Alle die Rangstufen und Unterschiede des Kapitalismus, die sich immer im Einkommen äußern, werden und müssen verschwinden, wenn je die Arbeit frei werden soll; das ist der eigentliche Sinn der Wirtschaftswandlung, der nur nach Notwendigkeit und Zweck der Arbeit fragt und der dem Menchen das Gefühl der Unterordnung nimmt. Darin liegt zugleich eine unendlich starke und verbindende Kraft, im Gegensatz zum Kapitalismus, dessen Ungleichheit zerreißt. Überall in der Gesellschaft stößt sie auf die gleichen harmonischen Bindungen, die im Schwingen des rein menschlichen Gedankens liegen; und da dieser über den Parteikämpfen wie ein reines Ideal steht, wird die Größe seiner Erscheinung allmählich auch die am stärksten Widerstrebenden in seinen unwiderstehlichen Bann ziehen. Mit ihm werden alle jene Befürchtungen gegenstandslos, die ständig bei den Erörterungen über die sozialistische Arbeitsreglung auftauchen.

Dabei liegt die Bedeutung der sozialistischen Arbeitsgilden darin, daß sie zugleich Regler des gesellschaftlichen Lebens sind, die die politische Maschinerie des Staates überflüssig machen. Eine geordnete Wirtschaft, in der sich alle Menschen freies Arbeits- und Genußrecht schaffen können, regelt das gesellschaftliche Leben von sich aus und muß daher jede willkürliche Einmischung politischer Kräfte ablehnen. Es erwächst demnach den Gilden die große Aufgabe, die lächerliche und unselige Staatsmaschinerie aufzulösen und das ganze gesellschaftliche Leben von der wirtschaftlichen Seite her neu zu regeln und in Harmonie zu bringen.

Dieser Gedanke besitzt eine gar nicht hoch genug einzuschätzende Bedeutung; er kann, richtig behandelt, gerade in der Gegenwart zu einem propagandistischen Mittel größten Stils werden, weil die Menschen an dem Mittel der Politik zusehens verzweifeln. Statt daß sie herausgeführt werden aus all dem Elend, fühlen sie, daß die Politik sie immer tiefer hineinführt und sie direkt zugrunde richtet. Das sollte von den revolutionären Strömungen ausgenutzt werden. Es gibt für die Arbeiterschaft nur eine große Aufgabe, in die alle anderen eingeschlossen sind, und diese muß sie an der Arbeitsstätte lösen: wie die gesamte Arbeit organisiert wird auf den menschlichen Bedürfnissen und wie diese auf die Arbeit zurückwirken; mit einem Wort, das, was wir die „Bedarfswirtschaft“ nennen. Das aber ist eine Frage, die sich nicht von selbst regelt, sondern gründlicher methodischer Arbeit bedarf, also der Organisation. Und zwar umsomehr, als wir nur zu sehr geneigt sind, sie mit der kapitalistischen Denkweise, mit ihren Ideen und Grundsätzen lösen zu wollen, ein Beginnen, mit dem wir gründlich Schiffbruch leiden würden. Das zeigt mir, neben N., auch der Aufsatz von Fritz Dettmer „Regelung der künftigen Wirtschaft“ in Nr. 10 der „Internationale“, der in sinnverwirrender Weise zum Geldproblem Stellung nimmt. Seiner Aufforderung zur Diskussion gedenke ich zu folgen.

Die Frage der Organisation ist damit wohl festgelegt, und es käme darauf an, die wegführenden Gedanken aufzuzeigen, die das Wirken der Organisation zu bestimmen hätten. Und das ist gar keine „Zukunftsmusik“, sondern schon für die Gegenwart eine Notwendigkeit, weil ja das organisatorische Leben vertieft und verinnerlicht werden muß. Die folgenden Grundzüge würden Stoff zu unerschöpflicher Behandlung geben.

Die ganze kapitalistische Arbeits- und Wirtschaftsweise muß verworfen werden. Was von ihr übrig bleibt, ist nichts weiter als die nackte menschliche Tätigkeit, die Handfertigkeiten, mit denen der Mensch geboren wird und die er dauernd im Kampf ums Dasein einsetzen mußte. Das Wirtschaftsbild aber ändert sich gründlich dadurch, daß der Mensch in den Mittelpunkt des Geschehens rückt und „Mensch“ und „Wirtschaft“ zu einem einheitlichen Begriff zusammenschmelzen. Das hat zur Folge, daß nunmehr die Bedürfnisse der Menschen den Gang der Wirtschaft bestimmen und nicht mehr der Profit das Schreckgespenst für den Kapitalismus: der „Absatzmarkt“ wird durch das Gesetz der Bedürfnisse aus der Gesellschaft verscheucht und damit alle seine verheerenden Erscheinungen, die es im Gefolge hat. Das hat zur Folge, daß die sinnlosen kapitalistischen Wirtschaftsideen und Wirtschaftsmethoden den zweckgesetzten sozialistischen weichen müssen. Hat zur Folge, daß der Grund und Boden, diese Nährmutter alles Werdens und Wachsens, Blühens und Gedeihens, den Menschen zu freier Benutzung zurückfällt, wodurch ihrem Schaffenstrieb und Schaffensdrang unbegrenzte Raumweiten eröffnet werden. Hat zu Folge, daß die Industrialisierung der Wirtschaft der Agrarisierung weicht und die Technik vom Selbstzweck der Wirtschaft auf das Mittel zum Zweck gesetzt wird, wobei gleichzeitig die Maschine zum Diener der Menschen wird, nachdem der Kapitalismus sie zu Herren gemacht hat – kurz, hat zur Folge, daß die Produktion der Bestimmung des Menschen unterliegt, die er jederzeit nach seinen Wünschen und Bedürfnissen regeln kann.

Die Umwandlung der Wirtschaft von der Industrialisierung zur Agrarisierung hat dabei auch einen bedeutenden Einfluß auf den Aufbau und die Gliederung der Organisation. Wenn man sich vor Augen hält, daß so ungefähr drei Viertel der kapitalistischen Industrien, z.B. die chemische Industrie, Waffen-, Flugzeug-, Verkehrsmittel usw. mit ihren weitverzweigten Nebenwirtschaftsgebieten keinerlei „Bedürfnisse“ im sozialistischen Sinn befriedigen, sondern aus rein kapitalistischen Macht- und Profitgesetzen entstanden und zu solch riesenhaften Gebilden gestaltet worden sind, so wird man die industrielle organisatorische Planung wohl danach einstellen müssen. Es hat für den Syndikalismus gar keinen Sinn, „Industrieföderationen“ zu „gründen“, deren einzige Aufgabe entscheidenden Falles darin bestehen würde, den Wirtschaftszweig abzubauen, für den sie „produktiv“ wirken sollen. Die Rückwandlung der Wirtschaft von der Industrie zur Landwirtschaft, die dem Unfug und der Widersinnigkeit industrieller Aufblähung der Wirtschaft durch den Kapitalismus ein Ende macht, ist ein sehr bedeutsames wirtschaftliches Problem, das in syndikalistischen Kreisen viel zu schematisch angefaßt wird. Siehe z.B. den Aufatz von R. B. „Wir marschieren“, Nr. 28 des „Syndikalist“.

Für die Wandlung der Wirtschaft kommt weiter in Frage ihre Umstellung von der „direktorialen“ (kapitalistischen) Arbeitsmethode zur „kollegialen“ (sozialistischen) Methode. Wiederum eine wichtige Frage, die den Arbeitsprozeß gründlich wandelt, indem sie ihn ganz auf die „gegenseitige Vereinbarung“ und auf das technische Können aufbaut. Hier würden die „Räte“ eine große Aufgabe zu erfüllen haben, weil es auch in der sozialistischen Wirtschaft nicht ohne Einteilung und Aufteilung der Arbeit gehen würde; nur freilich, im Gegenatz zum Kapitalismus, wird sich dies im Rahmen der Vereinbarung darüber vollziehen.

Ferner kommt es darauf an, wie die außerhalb des gegenwärtigen Produktionsprozesses stehenden großen Menschenmassen, z.B. das Millionenheer der Beamten, die sogenannten „freien“ Berufe, wie etwa Journalisten, Rechtsanwälte, Wissenschaftler, ein Teil der Ärzte usw., das Personal des Handels, sowie die vielen Drohnen der Gesellschaft, deren „Arbeit“ entweder ganz oder doch im wesentlichen aufhört, allmählich in den Produktionsprozeß eingegliedert werden können, ohne daß sie zur Gefahrenquelle für den Aufbau werden. Da stehen wir doch vor großen und verzwickt liegenden Fragen, die wahrlich einer sorgfältigen vorbereitenden Arbeit bedürfen, um sie im Sinne des Sozialismus zu lösen. Wer das auf dem Wege der „Radikalkur“ zu machen gedenkt, daß man alle, die für die Zwecke der Arbeiterschaft „nicht arbeiten wollen“, einfach „an die Wand stellt“, wie mir einmal ein wackerer KAPD-Mann in einer Diskussion entgegenwarf, der beweist nur, daß ihm jedes Verständnis für das Wesen des Sozialismus abgeht. Ihm ist er eben auch nur ein rein militärisches Problem, das mit dem Schießprügel „gelöst“ wird und dem später der Politiker und Diplomat den Segen geben. Sicher eine sehr geeignete Methode, die Widerstrebenden von der Nützlichkeit und Notwendigkeit des Sozialismus zu überzeugen, wenn man nur die Namen wechselt und den Sozialismus auf das Klischee des Kapitalismus klebt.

Gerade die Gefahr der Rückbildung ist in den Anfangszeiten neuer Entwicklung bekanntlich sehr groß. Die – psychisch bedingte – mangelnde Umstellungskraft der von der Umbildung am stärksten betroffenen Schichten ist die natürliche Ursache für die sich überall einnistenden Reaktionsherde, deren Angehörige die Neubildung zu hindern suchen. Werden da entscheidende Fehler gemacht, dann kann die Neubildung nicht glücken. Ich bewundere daher N., wie er leichtbeschwingten Fußes über all die Schwierigkeiten hinwegeilt, indem er in seinem Aufsatz schreibt: „Daneben wäre der ökonomische Parlamentarismus, den das Rätesystem darstellt ganz überflüssig, da alle wirkliche Arbeit doch sachlich, technisch richtig getan werden muß. Dann würden wohl dort, wo die freiheitlichen Triebkräfte am kräftigsten sind, Beziehungen mit ähnlich disponierten Produktionsstellen angeknüpft werden und der berechnende Austausch durch reichliche, unbemessene gegenseitige Leistungen ersetzt werden, Kristallisationspunkte des neuen wirklich sozialen Lebens, das sich von da aus weiter verbreiten könnte. Anders als durch solche antonome, sachlich und an Solidarität das beste leistende direkte Tätigkeit kann ich mir die Erlernung und Ausbreitung freiheitlicher Praxis gar nicht vorstellen. Die Befreiung der Arbeiter soll das Werk der Arbeiter selbst sein – dieses Wort, das Marx und Bakunin gleicherweise anerkannten, es besagt nichts von Parlamenten und besagt nichts von Räten.“

Ja, wenn eben die „Gilden“ ein „Parlament“ und der „Rat“ ein „Abgeordneter“ wäre, dann würde es stimmen. Zum Glück sind sie es nicht, deshalb ist die Berufung auf Marx und Bakunin in diesem Falle unzulässig. Auch deshalb, weil man die Zukunft nicht Voraussagen kann. So „besagt“ z. B. das „Kommunistische Manifest“ auch nichts von Panzerkreuzern, und die heutigen Epigonen des Marx bauen sie doch.

3. Schluß

In der kapitalistischen Wirtschaft haben wir ein so heillos verworrenes und undurchsichtiges Gebilde, daß die Kapitalisten es selbst nicht mehr meistern können. Auf lauter falschen und widersinnigen Ideen und Grundsätzen laufend, von Schmarotzern aller Art durchsetzt, falsch durchorganisiert, hat man eine Menge überflüssiger und schädlicher Produktionsglieder herangezüchtet, Betriebs- und Wohnstätten bunt durcheinandergewürfelt und zahlreiche Elendsquartiere geschaffen – da bedarf es wahrlich gigantischer Arbeit, um aus dieser „Spottgeburt von Dreck und Feuer“ einen Organismus der Ordnung zu machen. Wir können es gar nicht unbesehen übernehmen und den „freiheitlichen Triebkräften“ einfach in der Gewißheit überlassen, sie würden die „Sache schon schmeißen“, indem sie „Beziehungen mit ähnlich disponierten Produktionsstellen anknüpfen“. So geht es nur, wenn es Kuddelmuddel geben soll. Massen von Menschen werden und können nicht zu gleicher Zeit an einem Punkt dasselbe wollen, selbst dann nicht, wenn sie alle gleicher Meinung sind. Immer werden sich bestimmte einzelne und Gruppenkräfte aus der Masse herauskristallisieren, die „Ratgeber“ sind und „Rat empfangen“ und das tun, was Zeit und Augenblick an notwendiger Massenarbeit fordert. Das hat mit Parlament nichts zu tun oder nur dann, wenn es sich um den Schutz von Eigentumsformen handelt; einerlei, ob das durch die Wahl von Nazis oder Kommunisten geschieht. Um den Schutz des Eigentums handelt es sich aber immer beim Parlament, sonst wäre es nämlioh nicht da. Wo trifft das nun bei den Gildengruppen zu? Ihre Aufgabe ist es doch gerade, eine herrschaftslose und eigentumslose Ordnung zu schaffen, damit das Parlament auf immer aus der Gesellschaft verschwinde. Sie sind ja das, was aus N.s Ausführungen so stark heraustritt: „Kristallisationspunkte des neuen, wirklich sozialen Lebens“, eben, weil sie endlich schöpferisch wirken und zugleich Machtpunkte darstellen, um die schöpferische Aufgabe durchführen zu können und zu sichern.

Und mich dünkt, daß wir der letzteren Aufgabe im Anfang einer etwaigen Wandlung nicht werden entraten können, so wenig sie N. gefallen mag. „Wir wollen doch nicht so naiv sein, anzunehmen, daß sich die Beziehungen mit ähnlich disponierten Produktionsgruppen“ in der von ihm geschilderten, so friedlichen Weise vollziehen würden, wenn das Werk nicht gesichert würde. Ja, wenn Freiheit selbstverständlich wäre, dann brauchte man darüber nichts zu schreiben, denn die Macht als solche besteht doch; nur das ist die Frage, ob sie in Wirksamkeit treten muß. Leider versagt er uns und sich selbst diese Hoffnung, denn er schreibt ja: „Wir haben von Sozialdemokraten und Kommunisten, wenn sie die Macht hätten, nur Peitsche, Kerker und Tod zu erwarten.“ Ich bin in diesem Falle winklich nicht Stoiker genug, mich mit der trostvollen Aussicht des Todes durch seinen köstlich-gemütlichen Hinweis abzufinden, daß es den Minoritäten heute, früher und überall nicht besser gegangen wäre, sondern bin der Meinung, daß die Umwandlung der Wirtschaft mit allen durch die Freiheit gebotenen Machtmitteln geschützt werden muß. Sozialdemokraten und Kommunisten sollen nicht in die Lage kommen, uns mit „Peitsche, Kerker und Tod“ für den freiheitlichen Aufbau der Wirtschaft zu bedrohen. Eine genügende Sicherung des Werkes wird sie bestimmt davon abhalten.

Niemand soll gezwungen werden, sich gegen seinen Willen am Aufbau zu beteiligen, weil er von Freiheitsgedanken getragen werden muß, um Dauerhaftigkeit und Bestand zu haben. Der Aufbau ist ein viel zu großer, menschlicher, und die Arbeit ein viel zu feiner psychologischer Prozeß, als daß wir es wagen könnten, ihn mit jener sturen militärischen Formel zu beginnen, die noch immer das ganze Abc der Weisheit aller politischen „Reformatoren“ gewesen ist, wenn sie die Völker mit „Freiheitsgesängen“ berauschten: „Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt!“ Nein, das wollen und werden wir dem Kapitalismus nicht nachmachen. Darum kann jeder, der nicht mit dem Herzen bei der Sache ist, zunächst abwarten; er kann zusehen und sich auf den neuen Zustand einstellen. Er wird sogar erhalten, weil genügend Kräfte vorhanden sein werden, die sich mit Feuereifer der neuen Ordnung widmen. Ich meine, damit gewähren wir das Menschenmöglichste an Einsicht und Verständnis für die Gedankenwelt des anderen und bekunden damit einen Adel der Gesinnung, wie er beispiellos in der Geschichte dastände.

Darum aber glaube ich auch, ein Recht zu haben, wenn ich sage: Stören lassen wir uns das große Werk der Befreiung nicht, das wir im begeisterungsvollen Jubel unserer eigenen Menschwerdung unerbittlich durchzuführen entschlossen sein müssen —, wer es aber stört, der wird rücksichtslos vernichtet, und wenn die Erde Ströme von Blut trinken müßte. So tief beklagenswert ein solches Opfer sein würde, es müßte gebracht werden um der reinen Sache willen, weil sich die Arbeiterscharen durch die Raubtierinstinkte und starrsinnigen Reaktionsgelüste politisch verhetzter Desperados, die selbst nur blutdürstige Diktatur, aber kein positives Wirtschaften kennen, ihr Befreiungswerk nicht unterbinden lassen können. Wenn die Freiheit mit der Knechtschaft im Entscheidungskampfe liegt, dann soll sie mit harter Entschlossenheit die Knechtschaft zertrümmern und ihr keine weichherzigen sentimentalen Gefühle entgegenbringen, wenn sie sich mit Gewalt am Ruder erhalten will. Sonst ist der ganze Kampf sinnlos und überflüssig und wäre, ob seiner verhängnisvollen Auswirkungen, besser gar nicht begonnen. Das ist mein Standpunkt in dieser Frage, von dem ich annehme, daß er der Standpunkt vieler Kameraden sein wird. Wenn N. ihn nicht teilt, so tut mir das zwar leid; aber ich vermag es nicht zu ändern und muß in diesem Falle seinen Widerspruch ertragen mit jener heiteren Ruhe, die in der Zuversicht eines für richtig erkannten und durch nichts zu erschütternden Standpunktes liegt.

Im vorstehenden glaube ich, die Hauptlinien eines_ schöpferischen Aufgabenkreises gezeichnet zu haben, auf denen eine wirksame sozialistische Propaganda sich bewegen könnte. Wer da meint, daß die Durchführung der Aufgabe ohne Plan, ohne Zusammenhalt, ohne Vereinbarung möglich sei, dem soll es unbenommen sein, an seiner Auffassung festzuhalten. Die Zeit würde ihn belehren, daß er irrte. Wer das aber nicht meint, der wird nach Mitteln und Wegen suchen, wie er gemeinsam mit anderen wirken kann, um die Aufgabe der Lösung entgegenzuführen: Zusammenschluß, Organisation!

Das Stichwort für diese gemeinsame Arbeit heißt: „Planung des Sozialismus!“ Planung nach der ideellen und organisatorischen Seite hin: Konzentrische Tätigkeit aller Revolutionäre, die schöpferische, sozialistische Ideen zum Inhalt des Zeitgeistes zu machen versuchen, damit die Menschen gezwungen werden, sich mit ihnen auseinanderzusetzen; Darstellung von Gedankenbildern, die ein zukünftiges Wirtschafts- und Gesellschaftsbild zeichnen, dessen Verwirklichung die Menschen aus Not und Sklaverei herausführen muß; Klärung der Begriffe und Ideen, damit die Menschen zur Einsicht kommen, auf welchen tollen und wahnwitzigen Irrungen sich das kapitalistische Leben abspielt, und zur Überzeugung, daß sie sich solchen Irrungen nicht länger ausliefern können; organisatorische Formung für diesen Klärungsprozeß, damit ein aktives und planmäßiges Eingreifen in den Gang der Ereignisse zu gegebener Zeit erfolgen kann und Aussicht auf Sieg verheißt.

Dieser geistige Klärungsprozeß ist eine Voraussetzung des Sozialismus; ihr Maß und ihre Ausdehnung bestimmen sein Wachsen. Wie ich einmal sagte: Der Erfolg des Tages nach der sozialen Revolution hängt davon ab, was am Tage vor ihm geschaffen worden ist. Man kann von einem Boden keine Frucht erwarten, den man vorher nicht bearbeitet hat. Das ist ein unzerbrechliches Gesetz des Werdens und Wachsens, das für die kleinsten und größten Dinge gleicherseits Geltung besitzt; für den Ablauf einer kleinstädtischen Idylle ebenso wie für den Prozeß der sozialen Entwicklung der Welt. In einer mit großer Kraft und Schönheit gezeichneten Darstellung bezieht sich auch Kropotkin in seinen „Memoiren“ einmal auf die Wichtigkeit solcher Vorbereitung, indem er das Scheitern der Pariser Kommune auf die mangelnde Ideenklärung der Kommunarden zurückführte, und wir selbst wissen aus eigener Erfahrung, daß der Umsturz 1918 nur deshalb ergebnislos war, weil die geistige Klärung der Arbeiterschaft für ihn nicht bestand. Stets vor selbständigem geistigen Handeln ängstlich behütet, im Autoritätswahnsinn großgezogen, mit hirnlosen politischen Phrasen vollgepfropft, verstand sie nichts von der „Organisation der Arbeit“. Die damaligen politischen Machthaber waren deshalb gezwungen – grausame Selbstverspottung einer politischen Doktrin! -, die fast überall geflohenen Großkapitalisten wieder zurückzurufen und ihnen den „Aufbau“ der Wirtschaft zu überlassen. Und dafür schmettern nun alle Partei- und Gewenkschaftsbonzen den Bannfluch auf die Kapitalisten herab, weil sie das – doch ganz natürlich! – mit ihren Ideen und Methoden taten, und nicht mit denen, die die Bonzen von ihnen verlangten. Merkwürdiges Völkchen, diese Bonzen, die von eigener Wirtschaftsplanung selbst nichts verstehen, dafür aber immer von den Kapitalisten fordern, daß sie das Gesetz des Profits zugunsten der Arbeiterschaft durchbrechen oder gar aufheben sollen. Für eine solche absonderliche Logik sogar noch Anerkennung zu verlangen, obwohl sie auf derselben Höhe steht, wie die, daß man dem Wasser gebieten könne, den Berg hinaufzufließen, ist seltsam. Da sich an dem Zustand der Unreife bisher nichts geändert hat und es einstweilen keine monarchistische Verfassung zu stürzen gibt, die den Bonzen wieder Gelegenheit zur „fruchtbarer Tätigkeit“ geben würde, kann sich die Arbeiterschaft weiter am ihrer Notlage festbeißen. Wir aber wolllen sie zum Anlaß breit aufsteigender Gedankenarbeit machen, die den dritten und letzten Abschnitt behandelt.

4. Der Plan

Der frühere Reichsgerichtspräsident Simons hat dem „Schöpfer der deutschen Reichsverfassung“, Hugo Preuß, ein nekrologisches Werk in der vom Carl Heymann-Verlag herausgegebenen Sammlung „Meister des Rechts“ gewidmet. Darin wird der „Schöpfer“ nach Gebühr gewürdigt als ein Mann, dessen Bedeutung Ebert nach dem Zusammenbruch der Monarchie erkannte. Denn Preuß war „Fachmann“ auf dem Gebiete des Verfassungswesens, wie man „Fachmann“ auf dem Gebiete geschäftlicher Bankrotte sein kann, die man glücklich durch eine zwanzig- bis dreißigprozentige Liquidation hindurchbringt, um das Geschäft nach der Beendigung derselben wieder von neuem anzufangen. Herr Preuß wußte, daß ein Volk ohne sorgfältig stilisierte und paragraphierte Verfassungssätze ebensowenig lebensfähig ist, wie etwa der Bankrotteur ohne die Spekulation auf die Dummheit seiner Lieferanten. Und er wußte ferner, daß trügerische Ideen und Begriffe gar wichtige Waffen zum Regieren, und das heißt zum Knechten und Beherrschen der Völker sind, ohne die kein Mensch an die Bestimmung der Staatsmänner und aller sonstigen göttlichen und weltlichen Autoritäten glauben würde – also bediente er sich ihrer ebenfalls, die vor ihm schon die Staatsmänner aller Zeiten und Völker zum gleichen Zweck angewandt hatten. Er legte im Winter 1918/19 den „Volkskommissaren“, als Frucht seiner langen Studien, die Unterlagen zu den Vorschlägen vor, die später in Weimar als die jetzige deutsche „Reichsverfassung“ das Licht der Welt erblickten. So besteht denn die Bedeutung des „Schöpfers“ nach Simons darin, „daß er in einem Augenblick, als Deutschlands politische Form zugleich mit seiner politischen Macht zerbrach, der einzige Mann war, der mit einem fertigen, den Umständen der Zeit angepaßten Programm in die Bresche sprang. Dadurch hat Preuß eine Entwicklung ermöglicht, die nach allen Erfahrungen der Weltgeschichte hätte unmöglich erscheinen müssen: daß ein in dem gewaltigsten aller Kriege geschlagenes, ausgehungertes, ausgeblutetes Volk aus dem völligen Verfall einer stark autoritären Verfassung (als ob die jetzige nicht autoritär wäre. D.) und ohne die Schulung altererbter politischer Verantwortlichkeit, im Innern von revolutionären Zuckungen hin und her geworfen, von außen durch schweren politischen Druck der Feinde und durch eine erbarmungslose wirtschaftliche Blockade gelähmt, innerhalb eines halben Jahres sich eine freie Verfassung schuf, die ohne grundlegende Veränderungen ihr erstes Jahrzehnt überdauern konnte“.

Ich bitte sorgfältig Wort für Wort zu lesen und sich einzuprägen: In dieser überaus wichtigen und aufschlußreichen Darstellung werden die bewegenden Kräfte eines Zeitabschnittes bloßgelegt, die eine bedeutsame Mahnung an uns richten. Wenn die Nationalversammlung im Sommer 1919 nicht gesprengt wurde, obwohl ihre Anhänger infolge des noch stark nachwirkenden russischen Beispiels selbst damit rechneten, weshalb man ja von Berlin nach Weimar „verzog“, so können wir hier den Grund dazu erkennen. Denn nicht jene vierhundert Männlein und Weiblein, genannt „Nationalversammlung“, die Vorsehung im Leben des deutschen Volkes glaubten spielen zu können, wenn sie ihre Zeit mit unnützen Reden und Abstimmungen totschlugen, als – wie Oswald Spengler in seiner Schrift: „Neubau des Deutschen Reiches“ erwähnt – „in Weimar sich die bekanntesten Helden dieses Possenspiels betranken, an dem Tage, wo in Versailles unterzeichnet wurde“, – also nicht sie waren die Lenker der Geschicke, sondern das war der Mann, um dessen Werk sie ein parlamentarisches Komödienspiel großen Stils aufführten. Nur von innen heraus, durch zentrifugale Kräfte, konnte die Versammlung damals auseinanderfliegen, wenn sie, ohne Grund unter den Füßen, planlos zu arbeiten gezwungen war -, aber daß das nicht geschah, dafür hatte Preuß gesorgt. Sein Werk band sie, trotz der heftigen „Kämpfe“, die darum entbrannten, und das war ihre Rettung.

Ihn und seine Ideen hätten demnach die Gegner der Nationalversammlung unschädlich machen müssen, wenn sie ihr schon die Möglichkeit des Arbeitens nehmen wollten. Da man jedoch Ideen nicht einkerkern oder töten kann – denn sie fluten zeitlos und grenzenlos im Raum der Zeitgeschichte -, bleibt nichts anderes übrig, als sie durch größere und bessere Ideen zu ersetzen, wenn eine nichtgewollte Entwicklung abgefangen werden soll. Im ersten Satz des „Kommunistischen Manifestes“ heißt es, daß die Geschichte aller Gesellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen sei. Das ist richtig. Ebenso richtig ist indes, daß sich im Wogen der Klassenkämpfe immer wieder einzelne und Gruppenkräfte herauskristallisieren, die den Kämpfen das endgültige Gepräge geben. Siehe die Französische Revolution und ihren großen Triumpfator. Und da diese Kräfte durch innere Beweggründe bestimmt werden, so sind es schließlich doch die Ideen, die als letzte Ursache in der Geschichte wirken. Mag man sie nicht erkennen und darum bezweifeln – sie wirken, und zwar auch in einzelnen Personen, wie uns die Geschichte der Weimarer Verfassung ebenfalls zeigt.

Und das ist es nun, was so gedankenvoll in uns wogt und so bitter macht: Man muß Situationen vorbereiten, wenn man sie meistern will – das scheint uns eine altväterliche hausbackene Weisheit zu sein, deren Selbstverständlichkeit man in allen Lebenslagen peinlich beachtet, beim Familiendiner und Kirmesfest ebenso wie beim Pferderennen und Boxmatsch. Nie würde man die Veranstaltung erleben, wenn man sie nicht vorbereitete. Nur bei der größten Situation, die die Geschichte kennen würde, der Befreiung des Menschen, läßt man die Vorbereitung grundsätzlich nicht gelten; überläßt vielmehr die Situation stets dem „gegebenen Augenblick“, in der sicheren Erwartung, daß sie sich „schon selbst“ helfen werde, damit nur ja nicht der Mensch zur Aktivität für sie gezwungen sei, und zwar auf Grund jenes verflucht gescheiten Wortes, daß man „Revolutionen nicht machen könne“, da sie Elementarereignisse der Geschichte seien, die zu ihrer Zeit, wie eine Naturerscheinung, hervorbrechen würden. Um so mehr schüttet man freilich später seinen Mißmut in ununterbrochenen Schleusen der Kritik auf die „verpfuschte Revolution“ und ihre „Macher“ herab, wenn sie regelmäßig anders verläuft, als sie, nach der Meinung ihrer Kritiker, hätte verlaufen müssen. Eine fatalistische Betrachtungsweise, die bei Anhängern der „materialistischen“ Geschichtsauffassung gewiß höchst humoristisch wirkt.

Gewiß können Revolutionen nicht „gemacht“ werden, wie man ein Stück Möbel „macht“, ein Bierfaß oder eine Fischleine. Das stimmt. Aber sie sind auch keine Erscheinungen rein mechanisch wirkender Kräfte, die des Zutuns der Menschen entbehren könnten. Das stimmt ebenfalls. Bitte, wo bleibt in der Gegenwart die Revolution, wenn sie Elementarausbruch großer Notstände und Volksleidenschaften sein soll? Wir haben einen Industrie- und Handelsfeudalismus, dessen Macht die seines kleinbürgerlichen Vorgängers aus der Zopfzeit weit übersteigt; wir haben einen Klerus und einen Adel, der das Auspressen so gut versteht, wie der des Fünfzehnten oder Sechzehnten Ludwig; haben Not und Elend, das selbst der Mann, dessen Name der augenblickliche Reparationsplan trägt, als eine „Schande für den Kapitalismus“ bezeichnet hat. Kein Zulustamm würde sich solche Drangsalierungen von seinem Häuptling gefallen lassen, wie das deutsche Volk sie zur Zeit von seinen „Häuptlingen“ zu ertragen hat, ohne daß er gesteinigt würde.

Bitte, wo bleibt also die Revolution auf alle die schamlosen Herausforderungen und Peinigungen? Da muß es doch wohl hapern mit jenen rein mechanischen Erklärungsversuchen von der „Naturgewalt“ der Revolution, wenn sie ausbleibt, wo sie doch eigentlich unbedingt ausbrechen müßte. Was fehlt da? Nun, jene Kräfte, die notwendig sind: Kräfte des Willensimpulses, Kräfte des Geistes, Kräfte des Widerstandes; alles Kräfte ersten Ranges, auf die es in allen Ereignissen ankommt, weil sie im Geltungstrieb des Menschen zusammenströmen. Auf sie hat aber der Mensch Einfluß, und wenn sie nicht in Erscheinung treten, so deshalb, weil sie nicht geweckt und fruchtbar gemacht worden sind, einerlei, ob es aus Unverständnis oder aus Widerstand nicht geschah. Man kann also gar nicht erwarten, daß sie sich für die Sache der Arbeiterschaft in einem Zeitpunkt „geltend“ machen sollen, wo ihr Einsatz dringend gefordert werden müßte.

So sind demnach die Revolutionen doch wohl Erscheinungen, die man auch in hohem Maße „machen“ kann, insofern, als man sie aus den psychischen Kräften des Menschen heraus entwickelt, ohne daß man sie natürlich zeitlich, auf Tag und Stunde gar, vorausbestimmen könnte. Wem dieser Gedanke der „Planung der Revolution“ schrecklich erscheinen sollte, dem sei zur Beruhigung gesagt, daß er erstens nichts weiter ist als eine systematische Schöpfung des Sozialismus und damit eigentlich nur ein großes Werk der Pädagogik, das letzten Endes auf die Entfaltung aller Fähigkeiten des Menschen hinausläuft. Und das Recht, Mensch zu sein, hat doch wohl jeder Mensch. Wirkt es sich dahin aus, daß es gesellschaftliche Formen zertrümmert, die der Entfaltung des Menschen hinderlich sind, so liegt der Grund des Konfliktes dann doch nicht beim Menschen, sondern bei den Formen.

Zum zweiten sei gesagt, daß man nicht mit Steinen werfen soll, wenn man selbst im Glashause sitzt. Denn niemals, dessen dürfen wir sicher sein, wurde soviel „in Revolution gemacht“ wie in der Gegenwart – nur freilich, es „macht“ jeder einen Schinderkarren daraus, an den er seinen Parteiwimpel hängt. In zahlreichen geheimen Zusammenkünften werden zur Zeit Programme und Parolen geschmiedet, die der zukünftigen Entwicklung die „Linie“ geben sollen; Ämter und Posten werden schon jetzt verteilt, auf daß ja keine Lücke in der Regierungsmaschinerie entstehe, wenn „losgeschlagen“ werden sollte; politische Verbindungen verwegenster Art werden erwogen und verworfen; Fäden ungeheurer Intrigen gesponnen, um den verhaßten Gegner unschädlich zu machen – und dieses ganze „Trauerspiel der satten Bosheit“ wagt man später „Revolution“ zu nennen, wenn der eine Politiker den anderen von der Spitze weggejagt hat und nun die Sache noch schlechter macht als sein Vorgänger.

Fürwahr, eine schöne Begriffsbestimmung des Wortes „Revolution“! Sie wird den Großindustriellen, bei aller ihrer Abneigung gegen den revolutionären Gedanken, dennoch belustigtes Lächeln abnötigen, angesichts der Tatsache, daß sich ihnen der Begriff der „wirtschaftlichen Revolution“ immer mit dem Begriff des „Besseren“ und „Größeren“ verbindet, das an die Stelle des „Schlechteren“ und „Kleineren“ zu treten hat. Nie werden sie sich zu wirtschaftlicher Rückbildung entschließen, aus der einfachen Erwägung heraus, damit der organischen Entwicklung der Wirtschaft Gewalt anzutun. Todsicher ist es in der Politik aber immer der Fall, selbst, wenn sie anfangs den Zug nach vorwärts nahm. Da muß es wohl stimmen, daß die Politik eine Plage der Menschen ist und bleibt; eine Lebensform des absolut Schlechten, weil sie auf einem absolut falschen Gedanken beruht: dem Gedanken der Herrschaft! Herrschen, herrschen und noch einmal herrschen – das ist aller politischen Weisheit Schluß, mit dem sie sich „geltend“ macht und dabei verkennt, daß Gewalt überhaupt keinen Anspruch auf Geltung besitzen kann. Würde es uns möglich sein, hinter die Kulissen des politischen Spiels zu schauen, das da gegenwärtig im Namen von Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit von der Menschenkreatur am Menschentum verbrochen wird, wir würden erschrecken über die maßlos barbarische Gesinnung, die das politische Machtprinzip im Menschenhirn großgezogen hat, und im berechtigtem Zorn den ganzen Marxismus in den Orkus wünschen, weil er in sinnloser Verblendung den Sozialismus ebenfalls in die politische Linie hineintrieb und ihn damit zur Ohnmacht verdammte gegenüber den Weltproblemen, die er doch meistern soll.

Für dieses frevelhafte Spiel, das grausamste Verneinung alles Menschlichen und Freiheitlichen ist, gibt es nur die eine Antwort: Es muß rücksichtslos zerschlagen werden durch eine fruchtbare positive Einstellung, durch die wir zugleich Einfluß auf die kommenden Dinge gewinnen. Das ist jetzt von uns ernsthaft zu beachten. Der Sieg des Sozialismus ist ein Sieg des reinen schöpferischen Gedankens zur Schaffung eines freien Menschentums und nur in dieser grundsätzlichen positiven Herausstellung überhaupt zu gewinnen. Ihm gegenüber versagt die Macht des Kapitalismus wirklich, weil sie versagen muß. Jede andere Ideenströmung im Kampfe gegen ihn weiß er aber unschädlich zu machen und mit Sicherheit für sich zu gewinnen. Er steckt sich hinter jedes Gedankensystem, um sein eigenes lebensfähig zu erhalten; benutzt jede Schichtung der Arbeiterschaft, um mit ihrer Hilfe seine Herrschaft zu erhalten; er spannt, wie wir heute schon wahrnehmen können, sogar den Bolschewismus für sein System ein, damit er unter dem Rufe der sich zu ihm bekennenden Massen: Tod dem Kapitalismus! in die kapitalistische Linie einschwenke. Eine weltgeschichtliche Situation von tragischer Größe und Unabwendbarkeit, die uns nur das eine sagt, daß wir den Kapitalismus bisher zu flach und falsch eingeschätzt haben.

Wohl trifft die weiter vorn von ihm gegebene Charakteristik, als eines völlig sinnlosen Systems zu – doch wie soll es beseitigt werden, wenn sich die Menschen zu seiner Sinnlosigkeit bekennen, zum mindesten aber bei ihren vielen Zweifeln nicht nicht wissen, was es Besseres gäbe? Der Kapitalismus hat die Welt in lauter Interessengebiete aufgeteilt und die Menschen in ein so feinmaschiges Netz dichter und unübersichtlich verflochtener Beziehungen verwoben, daß gegebenenfalls schon das bloße Aufzucken eines nicht genehmen Gedankens genügt, um Interessengruppen gegen ihn zum Widerstand zu mobilisieren. Und welche Minen dann springen, um ihn unschädlich zu machen, davon erfahren die Massen meist leider nichts. Aber die stärksten Repräsentanten des Kapitalismus selbst, – die könnten uns ein Zeitgemälde von unerhörter Durchschlagkraft geben, mit welcher Planmäßigkeit die Interessengruppen des Kapitalismus auf den verborgenen Pfaden der Intrigen „arbeiten“, wie sie Abhängigkeitssphären schaffen, um ihre Zwecke zu erreichen. Immer fassen sie dabei die Menschen an der schwächsten und verwundbarsten Stelle: am nervus rerum, und wehe dem, dessen Gedankenwelt damit nicht abgeschlossen hat – er wird sein Opfer, so sicher wie das Tier, das durch den Biß der Giftschlange gefällt wird.

Der Größe solcher Situation sollten wir uns endlich gewachsen zeigen. Mahnt sie uns doch, daß wir den Kapitalismus mit revolutionären Schlagwörtern, mit der Ausmalung von Elendsbildern und der ständigen Wiederholung simpler revolutionärer Phraseologie nicht zur Strecke bringen können. Dazu gehört mehr: Positive Einstellung, konstruktives Bauen, schöpferisches Schaffen, eigene Wirtschaftspläne! Darauf müßte sich der gesamte Apparat der linksrevolutionären Strömungen der Arbeiterbewegung festlegen, unter Einschluß aller derjenigen, denen es wirklich ernst ist mit der Beseitigung des Kapitalismus. Ein „Block freiheitlicher Minoritäten“ also, der sich, einer lichtvollen Erscheinung gleich, aus dem politischen Hexensabbat herauskristallisiert und sich der Sache des Sozialismus in der vor ihm liegendein ernsten Stunde annähme! Dem ewigen Weltgetümmel um das politische Machtprinzip würde er seinen Ruf entgegensetzen: Wir haben genug von den politischen Schaumschlägereien der Parteidemagogen aller Richtungen; es ist ihnen doch niemals um eine Besserung des gesellschaftlichen Systems, sondern immer nur um ihre eigene höchstwerte Persönlichkeit zu tun. Wir wollen endlich die Wirtschaft wandeln und nicht mehr die Politik! An dieser ist doch nichts zu wandeln. Sie ist und bleibt ein Fremdkörper in der Gesellschaft. Ein gefährlicher und dazu höchst lächerlicher, den man zum Nutzen der Menschen ungefähr mit derselben Berechtigung einsetzen kann wie die Weisheit des Nashorns für die geistreichen Aphorismen eines Nietzsche. Jeder, der sich im Rahmen der Politik bewegt, beweist damit, daß er Diktator spielen will, und sei es gegebenenfalls auch nur in Krähwinkel.

Der Gedanke des „Blocks“ liegt dabei gar nicht so fern, wie er scheinen könnte. Haben sich „Kampfbünde“ der verschiedenen linken Strömungen zu Verteidigungsmaßnahmen gegen den Faschismus bilden können, so sollte sie die Logik der Dinge zwingen, diese auch als Angriffsfronten gegen den Kapitalismus auszubauen, worin meiner unmaßgeblichen Meinung nach der Zweck eines „Kampfbundes“ noch viel mehr gegeben scheint. Eine Fülle positiver schöpferischer Arbeit in dem hier geforderten Sinne wartete der „Kampfbünde“, und unter so ansehnlichen Minoritäten, deren Leistungsfähigkeit sich in der Öffentlichkeit bestimmt Geltung verschaffen würde, bekäme der Sozialismus endlich Leben, um sich dem Kapitalismus gegenüber durchzusetzen.

Dazu wäre die Grundlage der gemeinsamen Arbeit, um die bekanntlich immer am heftigsten gestritten wird, in diesem Falle in idealer Weise vorhanden: Es ist der hier geforderte rein menschliche Standpunkt, der alle Menschen einen kann, wenn sie vereint schaffen wollen. Da hat der Streit um organisatorische Glaubensbekenntnisse, um Dogmen und Theorien, um „Sein“ oder „Bewußtsein“ der Menschen, um „ideelle“ oder „materialistische“ Geschichtsauffassung nichts mehr zu suchen; hat der „Anarchist“ keine Veranlassung, auf dem „Syndikalisten“ herumzuschlagen, und dieser nicht auf dem „Spartakisten“ und „Unionisten“ und umgekehrt. Es ist ja ein lächerlicher Streit, der sich in all den antiparlamentarischen Strömungen der Arbeiterbewegung abspielt, die links von der Kommunistischen Partei die Welt verbessern wollen und dabei vergessen, daß die soziale Frage eine rein individuelle, eine menschliche Frage ist. Prinzipiell sind sie alle grimmige Drachentöter, nämlich des Kapitalismus, nur tötet ihn keiner durch schöpferischen Kampf, durch den allein er zu töten ist. Alle wollen ihn aus verschiedener „Ideologie“ beseitigen und merken nicht, daß ihre „Ideologien“ nichts sind als politische Verirrungen, offener und verschleierter Natur, die den gemeinsamen Kampf bindern.

Versuchen wir doch einmal, die Frage so zu lösen: Jeder Mensch hat ein Recht auf Existenz und Freiheit. Zugegeben allseits. Folglich hat kein Mensch sich knechten zu lassen. Abermals zugegeben. Folglich muß der Kapitalismus beseitigt werden. Zum dritten Male zugegeben. Nun gut, da haben wir die klarste, knappste und beste Formel, eine Art Generallinie zum Kampf gegen den Kapitalismus, die allem verbissenen Streit um „Ideologien“ ein Ende macht und überzeugend zeigt, daß der rein menschliche Standpunkt einen gemeinsamen und einheitlichen revolutionären Kampf ermöglicht. Jeder Revolutionär kann sich in Gemeinschaft mit anderen auf dieser Kampfeslinie zusammenfinden und so allmählich eine Front gegen den Kapitalismus wachsen und erstarken lassen, die dem Sozialismus hoffnungsvolle Ausblicke ermöglicht.

Wenn es also nicht geschieht, dann liegt in der Ideologie oder Psyche ihres Besitzers irgendwo eine innere Hemmung, ein versteckter Konstruktionsfehler, gleich, ob er politischer, persönlicher oder sonstiger Art ist, der ihn hindert, für die beiden fundamentalen Geltungsprinzipien des Menschen, für Existenz und Freiheit, ohne Einschränkung einzutreten. Wird der Fehler beseitigt, dann besteht Harmonie, und die Vernunft ist dann der große Regulator, der Meinungsverschiedenheiten über Form, Art und Stärke des gemeinsamen Kampfes entweder beseitigt oder ihn zum mindesten nicht hindert. Bleibt der Fehler bestehen, weil jeder seinen eigenen organisatorischen Kohl bauen will, dann freilich wird es zu einheitlicher gemeinsamer Kampfesführung nicht kommen können. Schließlich müssen die revolutionären Strömungen aber auch einmal beweisen, daß sie die Sache besser zu machen verstehen als der Kapitalismus, und sich nicht ständig darauf beschränken, ihm seine Unfähigkeit und sein Sündenregister vorzuhalten. Das wirkt bei ihnen auf die Dauer ebenso langweilig und so wenig überzeugend wie bei den „reformistischen“ Kritikern. Die Feindschaft gegen den Kapitalismus in allen Ehren – nur leider, sie schafft den Sozialismus nicht. Die Arbeit für ihn beginnt erst jenseits der Grenzen der kapitalistischen Gedankenwelt, und nur, wer den Flug dorthin unternimmt, wird den Sinn des revolutionären Gedankens und damit den Sinn des Zeitgeschehens wirklich erfassen. Damit komme ich zu meinen Schlußbetrachtungen, die die letzten Ausführungen noch einmal mit aller Schärfe, an Hand der gegenwärtigen Lage, umreißen sollen.

Vielleicht ist es richtig, wie N. sagt, daß der Sieg des Sozialismus einer Zukunft angehört, die „unerwartet nahe sein kann“. „Nahe“ insofern, als der Kapitalismus eine chaotische Weltlage geschaffen hat, deren Gewalt gleichsam wie Donnerschläge wirkt, und die ihre Reflexe, ihre Rückwirkungen, nunmehr mit großer Kraft und Schärfe auch in der Gedankenwelt der Menschen widerzuspiegeln beginnt. Die Menschen fangen an zu zweifeln an der Fähigkeit des Kapitalismus, die Lage zu meistern, und sehen ihr Geschick in dunkler Zukunft, seiner Unfähigkeit ausgeliefert. Stimmen wie: „So geht es nicht mehr weiter“, und „eines Tages muß die ganze Geschichte zusammenbrechen“ geben solche Zweifel wieder. Wer in die Zeit hineinhorcht, kann ihr Echo in allen Stärken und aus allen Tiefen, „oben“ und „unten“ widerschallen hören; nicht nur in den sogenannten „breiten Massen“, sondern auch in Kreisen und Schichten, die bestimmt nicht zu ihnen gehören und keinerlei sozialistischer Anwandlungen verdächtigt werden können. Hat doch die „Proletarisierung“ der Gesellschaft einen eigentümlichen breiten Umfang angenommen und das hemmungs- und besinnungslose Wüten der kapitalistischen Produktionsgesetze die Existenz selbst solcher Individuen, ja, ganzer Schichten, zermürbt, die vor einem halbdutzend Jahren noch so etwas einfach für unmöglich gehalten hätten. Die Unsicherheit der Existenz ist eine allgemeine Zeiterscheinung geworden, und Wendungen, wie: „Wir müssen uns einschränken“, „müssen uns verkleinern“, eine Art „Programm“ der Glaubenshaltung, das zeigt, wie der Kapitalismus, trotz unerhört gesteigerter Produktion, den Lebensraum der Bevölkerung eingeengt hat. Wer Geld hat, kann heute seine Ansprüche auf eine luxuriöse Wohnung ziemlich uneingeschränkt befriedigen, ohne erst bauen zu müssen, denn er findet überall, sogar in den „Villenvierteln“ der Städte, Vermerke: „Dieses Haus – Wohnung – ist zu verkaufen“ oder „im ganzen oder geteilt zu vermieten“. Ja, wer manche Villen von innen betrachtet, wird dem Bau von außen bestimmt nicht anmerken können, einer wie verhältnismäßig einfachen Lebenshaltung sich ihre Bewohner befleißigen müssen, weil auch sie die Krise spüren.

Dazu kommt der aufreizende Widerspruch des Kapitalismus, der noch niemals so stark in Erscheinung getreten ist wie in der Gegenwart: Die überreiche Fülle der zum Verkauf lagernden Güter, die nicht verkauft werden können, weil die Kaufkraft zu schwach ist. Diesen Widerspruch sehen und – was wichtiger ist – fühlen heute auch sogenannte „wohlhabende“ Schichten am eigenen Leibe. Ihre Kaufkraft ist ebenfalls geschwächt, und sie sind nicht mehr imstande, ihren früheren Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Das stößt sie ganz von selbst zu kritischen Erwägungen, daß da doch etwas „nicht stimmen könne“, daß da Fehler liegen müssen, die zu beseitigen seien. Schließlich seien doch die Güter für den Genuß der Menschen geschaffen und nicht für den Kehrichthaufen. Je nach der Art seines Temperamentes nimmt so jeder Stellung zu der Krise: Der eine tobt, wettert und flucht über den „gräulichen Zustand“; der andere erträgt ihn in stiller Resignation als eine „Fügung“ oder „Schickung“, die womöglich der „Allerhöchste“ herabsende; der dritte mit stoischem Gleichmut, der durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist, und der vierte „macht Schluß“, weil ihm das Leben unter „diesen Umständen“ unerträglich dünkt.

Für die Arbeiterschaft ist das alles nun gewiß ein sehr schlechter Trost angesichts der Tatsache, daß für sie die Krise immer bestanden hat, von allem Anfang an; sozusagen als eine „normale“ Erscheinung des Kapitalismus, die dazu gehöre, wie etwa der Deckel zum Topf. Aber so ist es: Jetzt hat die Krise einen unerwartet großen Umfang angenommen und auch bürgerliche Schichten in ihren Wellenbereich hineingezogen, die bisher davon verschont geblieben waren. Nun mit einem Male die Besorgnis, die Angst und die Aufregung. Die Krise wird zum Gegenstand öffentlicher Behandlung und Versuchsobjekt zahlreicher Maßnahmen, die alle nichts nützen; man redet von einer „Notlage“, ohne zu bedenken, wie man sich damit ohrfeigt. Als ob eine „Notlage“ erst dann bestehe, wenn sie bürgerliche Schichten ergreift, und nicht auch schon, wenn die Arbeiterschaft von ihr „allein“ betroffen wird. Gerade nach dieser Seite hin wirft die Krise so manche Frage auf, die der sozialistischen Propaganda wertvollen Stoff zur Behandlung bietet; und wir selbst werden uns wohl dazu verstehen müssen, die Propaganda für den Sozialismus noch auf ganz andere Grundlagen zu stellen, als wir es bisher gewohnt waren.

Doch dem sei nun, wie ihm wolle. Es ist kein Wunder, daß die Untergrabung und Zermürbung der materiellen Existenz auf die Gedankenwelt der Menschen zurückwirkt, und in dieser Rückwirkung erblicke ich die weitaus bedeutsamste Erscheinung der Zeit, die ich geradezu als eine Zeiterfüllung für den Sozialismus bezeichnen möchte. Wir leben nicht nur auf einer Grenzscheide der Ereignisse, sondern auch, was viel wichtiger und tiefgreifender ist, auf einer Grenzscheide der Ideenwelten! Das Trümmerfeld, das der Kapitalismus in der materiellen Existenz der Völker angerichtet hat, hat seine Wellen auf die Ideenströmungen hinübergeworfen und ihm ein geistiges Trümmerfeld zugesellt. Ihm gehört unsere ungeteilteste Aufmerksamkeit. Die Vorstellungen der Menschen über die Richtigkeit und Zweckmäßigkeit des kapitalistischen Systems, die solange unverrückbar und fest schienen, geraten durcheinander, beginnen zu wanken und zu stürzen und schaffen jenen Zustand der Gärung, des Suchens und Tastens, der ein neues zu gebären sich anschickt. „Die Revolution ist ... der Umsturz der erworbenen Ideen und geläufigen Vorstellungen über all die Erscheinungen und die so verwickelten Beziehungen der Menschenherde“, so charakterisiert auch Kropotkin in seinem Werk: „Die Französische Revolution“ den Zustand geistiger Wandlung, der für die Revolution selbst von entscheidender Bedeutung ist.

Die nächste Zukunft wird sich um diesen geistigen Gärungs- und Klärungsprozeß abspielen. Ich wage zu behaupten: Die wankende Ideologie des Kapitalismus wird geradezu zur Schicksalsfrage des Sozialismus, denn sie schafft bei den Menschen jenen Zustand inaktiver Geneigtheit, der Bereitwilligkeit und des Nichtmehrwiderstrebenwollens, der dem Sozialismus goldene Brücken baut. Ganz unmerklich, aber immer mehr, verliert der Kapitalismus seine geistigen Machtkräfte, und es weben sich Fäden von ihm zum Sozialismus hinüber, die ich fast als eine Erscheinung embryonalen Wachstums ansehen möchte. Ist erst der Zweifel im Menschen entstanden, dann findet die Forschung einen Weg, ins Innerste vorzudringen und Besitz von dem zu nehmen, was solange dem Ansturm verschlossen war.

Es besteht demnach für den Sozialismus eine äußerst günstige Situation, eine Zeitreife, die ihn gleichsam verlangt. Aber freilich: Sie muß wahrgenommen werden, wohlgemerkt: wahrgenommen werden! Sonst können wir zu den vielen Fehlschlägen der sozialistischen Bewegung noch die grandiose Tragik hinzufügen, daß wir ihn, wie einen Schatten, an uns vorbeiziehen lassen müssen, weil wir nicht die Erkenntnis und Kraft besitzen, ihn an uns zu ziehen und der Theorie praktisch zu vermählen.

Die den Sozialismus bewußt wollen, das ist zwar nur eine äußerst winzige Schicht der Gesellschaft, und selbst innerhalb ihrer Reihen bestehen zur Zeit noch viele Meinungsverschiedenheiten über sein wirkliches Charakterbild und die Wegführung dazu. Aber das ist nebensächlich. Der Sozialismus ist keine Quantitätsfrage, sondern eine der Qualität, wenn ich so sagen darf. Von dem Maße geistiger Klärung, positiven Wollens, innerer Geschlossenheit und der Kampfkraft der den Sozialismus bewußt Wollenden hängt es ab, ob sie allmählich den ganzen großen Bevölkerungskörper zum Sozialismus hinüberzuziehen vermögen. Er will ja nur Ruhe, Sicherheit, Gleichtrott, Schlendrian. Aber es ist doch sicher: So bestimmt er dem Rufe der Knechtschaft folgen wird, namentlich, wenn sie ihm den Weg mit schönen Versprechungen pflastert, so folgt er gleichwohl auch dem Rufe der Freiheit, wenn diese es nur vermag, ihm eine Lösung der Frage zu geben. Und die muß in der Sicherung seiner wankenden Existenz bestehen, die er, mangels jeder anderen Aussicht, von einem „Diktator“ zu erhalten hofft. Daß alle Welt heute nach dem „Diktator“ ruft, ist nur der aus tiefstem Inneren ertönende inbrünstige Aufschrei: So geht es nicht weiter, es muß etwas geschehen! Es muß uns eine Kraft erwachsen, die uns aus den heillos verworrenen Zuständen herausführt! Komme die Kraft, woher sie wolle; von „oben“ oder „unten“, von „rechts“ oder „links“, das ist einerlei. Wir folgen ihr, wenn sie wirklich eine Kraft ist, die die Lösung bringt. Nur heraus, heraus aus diesen schauderhaften Zuständen! Das ist jene psychologische Erscheinung inaktiver Bereitschaft, die wir durch die ganze Geschichte verfolgen können, sogar im täglichen Leben, namentlich beim Schwerkranken, beobachten. Er will Hilfe und Heilung, sonst nichts; gleich, woher sie komme und mit welchen Mitteln sie geschehe.

Und das ist der große historische Augenblick, der in Jahrhunderten nur einmal wiederkehrt; der Augenblick, der eine Welt wandeln kann. Wo der revolutionäre Gedanke, als der Gedanke der Freiheit, mächtig in der Zeit schwingt und entscheidend in die Geschicke der Gesellschaft einzugreifen vermag. Er fordert das Geschlecht zum Kampfe heraus für die Aufgabe: Die Beziehungen der Menschen auf jene inneren Bande der Gemeinschaftlichkeit festzulegen, die alle Menschen des Erdballs umschlingen. Verpassen wir den Augenblick, dann bringt ihn uns keine Ewigkeit zurück, wie es in dem Worte heißt. Die zukünftigen Geschlechter werden dann den Kampf um die großen Menschheitsziele erneut aufnehmen müssen, an dem die vergangenen dahingesunken sind. Das ist die Perspektive der nächsten Zukunft.

Wähnen wir nicht, daß wir die mit rein negativer Kritik am Kapitalismus zu unseren Gunsten zu zwingen vermögen. Du liebe Zeit, was fragt der Kapitalismus schon nach der Kritik, und was fragen Partei- und Gewerkschaftsbonzen danach, ob sie „durch den Kakao gezogen“ werden. Die meisten Angriffe gelangen gar nicht zu ihrer Kenntnis, und die sie gewahr werden, darüber lachen sie. Der Bonze ist durch seine Tätigkeit für das „Wohl des Arbeiters“ so abgebrüht, daß er auf nichts reagiert als auf das Bestreben, ihn aufs „Existenzminimum“ des Proletariers zu setzen – und das geschieht nicht. Sonst aber erträgt er jeden Keulenschlag, der seinen Bonzenschädel trifft, und sei er mit noch so viel Galle gewürzt; vertritt er jeden Widerspruch, jedes Unrecht, an dem er beteiligt ist, und frohlockt noch darüber, wenn er dabei in der Gloriole des Helden erscheint.

Einem allerdings werden sie sich alle beugen müssen, die durch die reine Kritik – mit einem gewissen Recht – nicht bewegt werden: der schöpferischen Leistungsfähigkeit, dem Können. Das ist eine Eigenschaft, an der die Mittel des kalten Hohnes, der Nichtachtung und der geringschätzigen Ablehnung versagen. Dem Können müssen sie sich alle zum Kampf stellen. Denn Können ist Tätigkeit des Menschen, die Kunst schafft, und Kunst ist anerkannte Ausdrucksform für hochwertige menschliche Leistung, die, in welcher Art sie sich immer äußert, überall geschätzt, gewürdigt und anerkannt wird. Übertragen wir sie auf die sozialistische Propaganda, indem wir sie einstellen auf das positive Können. Und das heißt, daß wir an die Stelle des „Bekenntnisses“ zum Sozialismus endlich den „Plan“ zu seiner Schaffung setzen. Das „Bekenntnis“ ist nichts weiter als eine leere, inhaltlose Form, mit der sich die Menschheit schon seit Jahrtausenden peinigt, und die man jedem abpressen kann, ohne daß er sich zu ihm „bekennt“. Die Geschichte ist ja überreich davon, auch die sozialistische, bei der es zum Bekenntnis zum Sozialismus bisher geblieben ist. Aber der „Plan“ verlangt innere Anteilnahme, ein Aufgehen in der Sache und eine schöpferische Tätigkeit, durch die wir erst wirklich zu wirken und zu überzeugen vermögen. Die Wahrheit werden wir wohl nicht mehr länger umgehen können. Immer wird dabei auch der kritische Gedanke hineinspielen. Denn es gibt kein Schaffen ohne den Gedanken der Zerstörung, und keine Zerstörung ohne den Gedanken des Schaffens. Aus beiden baut sich das Leben auf.

Viele hundertausende Gewerkschaftler sind mit ihren Organisationen innerlich ebenso zerfallen, wie Millionen von Bürgern mit ihrem privatwirtschaftlichen System. Sie schwanken haltlos und wissen nicht wohin. Sind zu gewinnen. Der Kapitalismus hat zwar ihre geistige und materielle Grundlage zermürbt, doch ihnen nichts dafür gegeben. Durch eine planmäßige sozialistische Propaganda ist es durchaus möglich, sie nach der sozialistischen Seite hin zu orientieren und sie gegebenenfalls auch als aktive Streiter für die große Sache des Sozialismus einsetzen zu können.

Darüber hinaus wird die schöpferische sozialistische Arbeit selbst in die stärksten Festungen der „reformistischen“ Verbände Bresche schlagen. Wo immer sich in der Gesellschaft konstruktive Arbeit bemerkbar machte, die der Gesamtheit nützlich schien, ist sie bestimmt aufgegriffen und, wenn auch anfangs mit vielen Widerständen und Hemmungen, allmählich der Allgemeinheit zugeführt worden. Das wird mit der sozialistischen gerade so sein. Die Bonzen werden sich vergeblich bemühen, ihre „Schafställe“ von den gefährlichen konstruktiven Ideen freizuhalten, wenn sie mit Nachdruck und Gründlichkeit von unserer Seite behandelt werden. Fruchtbare Arbeit erregt eben Aufmerksamkeit – unter Umständen auch Aufsehen – auch jenseits der „Grenzpfähle“, das ist noch nie anders gewesen und soll ja der eigentliche Zweck der sozialistischen Propaganda sein. Werden die Angehörigen der Parteien und Gewerkschaften erst gewahr, daß sich die so sehr verketzerten „rrrevolutionären“ Strömungen aufs ernsteste mit der sozialistischen Problematik befassen, dann werden sie selbst in Schwingungen gebracht und sich in dem gleichen Sinne äußern. Das ist unvermeidlich, ist ein Gesetz der Physik, daß ein angeschlagener Ton alle auf den selben Ton gestimmten Saiten zum Mitschwingen bringt. Beherzigen wir das und hüten wir uns dabei, unsere Propaganda nur auf Mitgliederfang einzustellen. Dann gibt es ein Debakel. Eine Organisation muß wachsen von innen heraus, aus der Ideenfülle und Tiefe ihres geistigen Lebens, aber nicht nur durch Unterschriftsverpflichtungen, die zu nichts verpflichten. Die Mitglieder sollen ihr Zuströmen wollen, aber nicht zugeführt werden, das ist der Sinn einer revolutionären Organisation, wenn sie innere Festigkeit, Lebendigkeit und Stärke bekunden will. Dazu ist Gelegenheit und Arbeit in Fülle vorhanden. Alles sucht nach neuen Erkenntnissen, neuen Wegen, neuen Zielen, nach einem neuen Lebensstil. Versuchen wir, diesen neuen Stil zu entwickeln oder unser bescheiden Teil dazu beizutragen, indem wir das sozialistische Lebensprinzip als eine Lebenskunst betrachten, die aus freiem Denken und freiem Handeln ihre schöpferischen Werke wachsen läßt. Auch in der Gegenwart, bei der revolutionären Propaganda!