Anonym

Gegen den vergeschlechtlichten Albtraum

Fragmente zu Domestizierung

2014

      I

      II

      III

      Erster Mythos: Enkidu und Schamchat

      IV

      V

      VI

      VII

      VIII

      IX

      X

      XI

      Zweiter Mythos: Lilith und Eva

      XII

      XIII

      XIV

      XV

      XVI

      XVII

      XVIII

      XIX

      XX

      Dritter Mythos: Diana

In den letzten paar Jahren wurde die Frage des Geschlechts von der anarchistischen Szene wieder und wieder aufgegriffen. Und noch immer gibt es nur wenige Versuche, die mehr zu dem Thema beitragen, als nur alte Ideen aufzuwärmen. Die meisten Positionen zu Geschlecht verbleiben in den Grenzen einer oder mehrerer Ideologien, die uns bereits in die Irre geführt haben, vor allem marxistischer Feminismus, ein verwässerter Öko-Feminismus oder irgendeine Art von liberalem »queerem Anarchismus«. Teil all dieser Positionen sind die gleichen Probleme wie die, gegen die wir bereits angeheult haben: Identitätspolitik, Repräsentation, Gender-Essentialismus, Reformismus und reproduktiver Futurismus. Während wir kein Interesse daran haben, eine andere Ideologie in diesem Diskurs anzubieten, bilden wir uns ein, dass ein Fluchtweg aus all dem gezeichnet werden könnte, indem wir die Frage stellen, die nur wenige zu fragen wagen; indem wir Kurs nehmen auf das geheime Zentrum des vergeschlechtlichten Lebens, das all die ideologischen Antworten für gegeben nehmen. Wir sprechen natürlich von der Zivilisation selbst.

Ein solcher Pfad der Nachforschung ist nicht leicht zu beschreiten. Auf jedem Schritt dieses Weges werden Geschichten von qualifizierten Betrügern und revolutionären Karrieremachern verdunkelt und gefälscht. Die als Wissenschaft ausgegebenen Ideen sind von Mythen nur dadurch zu trennen, dass ihre Autor*innen behaupten, die Mythologie zu beseitigen. Anthropologie, Psychoanalyse, Geschichte, Ökonomie – eine jede dieser Wissenschaften präsentiert uns ein anderes Gebäude, das errichtet wurde, um ein lebendiges Geheimnis zu verbergen. Auf jedem Schritt begegnen wir mehr Fragen als Antworten. Und doch scheint dieser geheimnisvolle Ausflug heute umso nötiger denn je zuvor. Zur selben Zeit, zu der die technologische Zivilisation einen erneuten Angriff auf die bloße Erfahrung lebendiger Wesen unternimmt, bleiben die Schrecken des vergeschlechtlichten Lebens untrennbar mit diesem Angriff verbunden. Vergewaltigung, Einsperrung, Verprügelungen [Bashings], Ausschlüsse, Dysmorphie, Verdrängung, sexualisierte Arbeit, sowie all die Ängste vor Techniken des Selbst – diese täglichen Miseren und Plagen werden nur von den falschen Lösungen übertroffen, die danach streben jede Möglichkeit eines Auswegs auszuschließen; queere Ökonomien, kybernetische Communities, legale Reformen, verschreibungspflichtige Medikamente, Abstraktion, Akademie, die Utopien aktivistischer Wahrsager*innen und die Verbreitung zahlloser Subkulturen und Nischenidentitäten – so viele Apparate der Gefangennahme.

Die erste Ausgabe von Bædan enthält eine ziemlich komplizierte Exegese von Lee Edelmans Buch No Future. Darin haben wir versucht, Edelman gegen ihn selbst zu lesen; um seine Kritik des Fortschritts und der Futurität außerhalb ihrer akademischen Fallen und jenseits der Eingrenzungen ihrer Form auszuarbeiten. Um das zu tun, haben wir die Traditionen queerer Revolten, denen Edelmans Theorie verpflichtet ist, entdeckt, besonders das Denken von Guy Hocquenghem. Hocquenghem zu entdecken stellt sich immer noch als besonders interessant heraus, da seine Schriften einige der ersten queeren Theorien repräsentieren, die Zivilisation explizit ablehnen – ebenso wie die Familien, Ökonomien, Metaphysiken, Sexualitäten und Geschlechter, die diese ausmachen –, während sie auch ein queeres Verlangen wähnen, das im Ruin der Zivilisation besteht. Diese Untersuchung führte uns zur Erkundung der spirituellen und körperlichen Fundamente der Zivilisation: Domestizierung oder »der Prozess des Sieges unserer Väter über unsere Leben, die Art und Weise, auf die die soziale Ordnung, die von den Toten geschaffen wurde, fortfährt, die Lebenden heimzusuchen … die Überreste angesammelter Erinnerungen, Kultur und Beziehungen, die uns durch den linearen Fortschritt der Zeit überliefert werden und die Fantasie des Kindes … Diese Anlage der Schrecken der Vergangenheit in unsere derzeitigen Leben, die die Fortdauer der Zivilisation sichert.« [1] Unsere jetzige Untersuchung beginnt hier.

Um den Konflikt der Wildheit des queeren Verlangens gegen die Domestizierung zu erforschen, nehmen wir Kurs auf den Feind, der uns seit Anbeginn der Zeit selbst konfrontiert. Während unsere Bestrebungen in der ersten Ausgabe dieses Journals eine Zurückweisung der Teleologie war, die ein Ende von Geschlecht am Ende eines linearen Fortschreitens der Zeit verortete, werden wir nun die Fragen der Ursprünge behandeln, die auf ein Ende auf der anderen Seite dieser Linie verweisen. Ebenso wie wir uns selbst eine Zukunft versagten, wenden wir uns nun gegen die Vergangenheit. Hiermit geben wir jeden Anspruch auf Gewissheit oder Anspruch auf Wahrheit auf. Stattdessen haben wir nur die Erfahrungen derjenigen, die gegen das vergeschlechtlichte Bestehende revoltierten, ebenso wie die Geschichten derer, deren Revolten wir geerbt haben. Im Sinne dieser Revolte bieten wir diese Fragmente gegen Geschlecht und Domestizierung an.

I

Domestizierung, die Integration lebender Wesen in die zivilisierte Ordnung, muss auch die Integration des Lebens in den Dualismus und die Trennung sein, die wir als Geschlecht erleben. Das Konzept wird in einer Vielzahl von Kontexten und unter verschiedenen Namen aufgeworfen und doch haben bisher nur sehr wenige versucht, es sorgfältig zu definieren. Es wird umgangssprachlich dazu genutzt, um auf die gewaltige Kluft zwischen wilden Kreaturen und denjenigen gezähmten und klauenlosen, deren Existenz auf ökonomische Notwendigkeiten reduziert wurde, zu verweisen. Es ist linguistisch an die Gefilde des Häuslichen gebunden und durch Erweiterung um die Ökonomie durch die Verwaltung des Heims, oikonomia. Es ist die Gewalt, die im Konzept der ursprünglichen Akkumulation inbegriffen ist, dem ersten (aber auch originären) Losreißen eines Lebewesens von seinem Selbst und seine anschließende Gefangenschaft in der Klassengesellschaft. Es ist außerdem in allen Theorien der Subjektwerdung inbegriffen, der Konstruktion aller Identitäten und Rollen, die die soziale Ordnung bevölkern. Wenn das Konzept der Domestizierung so zentral für die Welt, die wir bewohnen und die Subjekte, die wir geworden sind, ist, benötigt es eine präzisere und stimmigere Definition.

Bei unserer früheren Beschäftigung mit Domestizierung haben wir uns vor allem auf die Schriften von Jacques Camatte konzentriert. Er entwickelt seine Theorie der Domestizierung durch eine Untersuchung der Wege, auf denen das Kapital menschliche Wesen entleert, verwandelt und kolonisiert; in seinen Worten, der Anthropomorphisierung [2] des Kapitals. Das Kapital zerteilt und analysiert den Menschen, entreißt dem Körper den Verstand und erschafft den Menschen neu als williges Subjekt der sozialen Ordnung. Die Konsequenzen dieses Außeinanderreißens und Zusammenflickens des Lebens ist die Rekuperation der gewaltigen Bandbreite humanistischer Mittel des Widerstands; Gemeinschaften werden zu Kapitalgemeinschaften und Individuen werden zu kaum mehr als Konsumenten. Vereinsamung entwickelt sich zu einem Bild der Ganzheit, das die Einheit, die es abgeschafft hat, ersetzt. Domestizierung, die die Möglichkeiten dessen, was werden kann, einschränkt, verspricht eine Zukunft ohne Grenzen, da sie unsere Zukunft an ein untotes und alles verschlingendes System bindet. Wir werden von unseren Sehnsüchten und Instinkten befreit und der leere Raum, der in uns zurückbleibt, wird mit all den Repräsentationen dessen, was uns genommen wurde, gefüllt. Statt einer gewaltigen Vielzahl von Möglichkeiten und Wegen, uns auf die Welt zu beziehen, werden unsere Leben auf einen Mikrokosmos des linearen Fortschritts der Gesellschaft reduziert. Domestizierung ist mehr als unsere Versklavung an die Zukunft der sozialen Ordnung, sie macht uns zu willigen Sklav*innen. Sowie lebende Wesen zu Zuschauern und Zwecken toter Dinge reduziert werden, wird das nicht-Lebende selbst eigenständig. All die wissenschaftlichen Disziplinen, die Sprachgelehrten dieses eigenständigen nicht-lebenden Dings, verkünden Seite an Seite mit den Faschist*innen: Lang lebe der Tod! Diese Jünger des Kapitals nutzen ihre Methodik, um zu beweisen, dass die Dinge schon immer so waren, sie naturalisieren das Kapital und beweisen seine Unvermeidbarkeit. Wir werden auf die gleiche Art und Weise getrennt und beherrscht, auf die Physiker*innen Atome trennen und beherrschen, werden auf die gleiche Art und Weise verwaltet, auf die Kybernetiker*innen ihre Netzwerke und Feedback-Schleifen verwalten, wie oben, so unten. Somit erobert das Kapital für Camatte unsere Vorstellungskraft sowohl im Hinblick auf unsere Zukunft als auch auf unsere Vergangenheit.

Das Kapital hat die Natur und die Menschen auf einen Zustand der Domestizierung reduziert. Die Vorstellungskraft und die Libido sind darin so sicher enthalten wie die Wälder, die Ozeane und das Gemeindeland.

Der Prozess der Domestizierung wird manchmal gewaltsam zuwege gebracht, so wie es mit der ursprünglichen Akkumulation passiert, aber viel häufiger findet er schleichend statt, da Revolutionär*innen weiterhin gemäß der Annahmen denken, die implizit im Kapital und der Entwicklung der Produktivkräfte sind und sie alle teilen ihre Verehrung für die eine Gottheit: die Wissenschaft. Deshalb haben die Domestizierung und das repressive Bewustsein unseren Verstand mehr oder weniger bis hin zur Senilität versteinert, unsere Handlungen haben sich verfestigt und unsere Gedanken sind formelhaft geworden. Wir sind zu der seelenlosen gefrorenen Masse geworden, die sich auf das Danach fixiert hat, und gleichzeitig die ganze Zeit glauben, dass wir in die Zukunft geblickt hätten.

Dieser Moment in Camattes Denken ist interessant, weil er seine persönliche Entwicklung vom Marxismus hin zu einer Kritik der Zivilisation markiert (eine Entwicklung, die bedeutend für eine ganze Generation von antizivilisatorischen Denker*innen ist). Unglücklicherweise jedoch ist das genau die Situation in dieser Entwicklung (eine Obsession für eine bestimmte Produktionsform), die die Grenzen seiner Definition von Domestizierung schafft. Für ihn ist das eigenständige Nicht-Leben, das das Leben domestiziert, das Kapital und er verortet diesen Prozess in einer bestimmten Phase des Kapitalismus, in der das Kapital »flieht« und seine eigene Gemeinschaft gründet. Das liegt in seiner esoterischen (und auf ihre Weise exegetischen) Lesart von Marx. Er verortet Domestizierung an dem Punkt, an dem Kapitalismus sich in eine Repräsentation verwandelt und in eine Krise gerät. Er nennt Kapital einen Endpunkt des Prozesses der Demokratisierung, der Selbstwerdung und der Vermassung. Er spricht von diesen Prozessen als Voraussetzungen des Kapitals, die so weit zurückgehen wie die griechische Polis und ihre repräsentative Trennung der Menschen vom Rest des wilden Lebens und bis zur »Herrschaft der Männer über Frauen.« Also wenn wir Kapital als den Endpunkt dieser uralten Kette von Trennungen verorten, wie kann die Domestizierung (die Trennung selbst) dann mit dem Kapital beginnen? Obendrein, wenn vergeschlechtlichte Herrschaft der Domestizierung um Jahrtausende vorangeht, wie kann diese Form der Domestizierung für die Trennung und Kolonisierung des Lebens verantwortlich sein, für die Geschlecht eine Umschreibung ist? Sein Ursprungsmythos scheitert an dem Punkt, an dem er beginnt. Seine Geschichte ist für uns nicht genug, da wir wissen, dass diese Kolonisierung unserer bloßen Existenz nicht im letzten Jahrhundert begann oder in dem davor. Offensichtlich müssen wir Camatte zurück lassen, wenn wir Domestizierung in seiner Totalität begreifen wollen.

II

Camattes Kritik der Domestizierung wird am deutlichsten in seinem Essay Das Umherstreifen der Menschheit ausgedrückt, das auf Englisch erstmals 1975 von Black and Red in Detroit publiziert wurde. Zu dieser Zeit wurde der Verlag von Lorraine Perlman und ihrem Ehemann Fredy geführt. Sie veröffentlichten den Text in einer wunderschönen Flugschrift, nachdem Fredy seine erste englische Übersetzung vollendet hatte. Liest man Perlmans eigene Schriften, ist der Einfluss dieses Textes leicht zu erkennen. Perlman selbst fuhr fort, diese Ideen in eine vernichtende Kritik der Zivilisation zu integrieren, die bis heute noch weite Teile der antizivilisatorischen Perspektive im anarchistischen Millieu inspiriert. Seine Bemühungen sind größtenteils motiviert, genau die Schwachstelle in Camattes Geschichte aufzugreifen, die wir identifiziert haben: die des Ursprungs.

In ihrer Biografie von Fredy Having Little, Being Much erzählt Lorraine, auf welche Art und Weise er die folgenden sieben Jahre zugebracht hat, beinahe ausschließlich auf die Erforschung der Geschichte des domestizierenden Monsters konzentriert. Ganz besonders verbrachte er diese Jahre damit, sich durch die Dokumente der europäischen Kolonialisierung Nordamerikas zu wühlen und des Domestizierungsprozesses, den sie gegen all die lebenden Bewohner*innen dieses Kontinents entfesselten. Er stahl von Hobbes den Namen dieses Monsters, Leviathan, und unternahm die gewaltige Aufgabe, die Geschichte derer zu erzählen, die ihm Widerstand leisteten. Er veröffentlichte seine Resultate 1983 in einem wundervollen und tragischen Buch, das er unter Freund*innen bei einer Party in seinem und Lorraines Haus in Detroit vorstellte. Das Buch trug den Titel Against His-Story, Aganist Leviathan!

Behauptend, dass »Widerstand die einzige menschliche Komponente in seiner gesamten Geschichte [His-Story] ist,« unterbrach Fredy seine tiefgründige Studie des Widerstands gegen Leviathans Einfälle in den Wäldern rund um die Great Lakes, um die »Barbaren« und ungezähmten Stämme zu begutachten, die in früheren Zeiten unmissverständlich die Fesseln der Zivilisation abgewehrt hatten. Wo Seine Geschichte von bürgerlichen und militärischen Errungenschaften frohlockt, die sie Fortschritt nennt, betrachtet Fredys Geschichte jede Verfestigung von Staatsmacht als eine Beeinträchtigung der menschlichen Gemeinschaft. Er spricht die*den Leser*in von einem Individuum zum anderen an und behauptet nicht, irgendwelchen schulischen Regeln zu folgen: »Ich setze voraus, dass Widerstand die natürliche menschliche Antwort auf Entmenschlichung ist und deswegen weder erklärt noch gerechtfertigt werden muss.« Die Widerstandserzählung folgt der Chronologie von Leviathans zerstörerischem Marsch, aber vermeidet die Konvention seiner His-toriker [His-Storians], die Ereignisse zu datieren. Das, ebenso wie die poetisch-visionäre Sprache, verleiht dem Werk epische Qualitäten.

Fredy beginnt seine Erzählung damit, zu versuchen darzulegen, wo andere vorhandene ideologische Positionen scheitern, den Feind in seiner Gänze zu greifen. Seine Methode ist lehrreich darin, dass er aufzeigt, inwiefern jede Ideologie zu eng gefasst ist und nur unglaublich vordergründige Lösungen für das Problem der Domestizierung zu bieten vermag. Im ersten Kapitel schreibt er:

Marxist*innen zeigen auf die kapitalistische Art und Weise der Produktion, manchmal nur auf die Klasse der Kapitalist*innen. Anarchist*innen zeigen auf den Staat. Camatte zeigt auf das Kapital. Neue Lärmer*innen zeigen auf die Technologie oder die Zivilisation oder beide. […]

Die Marxist*innen sehen nur das Staubkörnchen im Auge des Feindes. Sie ersetzen ihren Bösewicht mit einem Helden, der antikapitalistischen Art und Weise der Produktion, der revolutionären Errungenschaft. Sie sind nicht in der Lage zu erkennen, dass ihr Held genau derselbe »Schatten mit dem Körper eines Löwen und dem Kopf eines Menschen und einem Blick so ausdruckslos und unbarmherzig wie die Sonne« ist. Sie sehen nicht, dass die antikapitalistische Art und Weise der Produktion nur danach strebt, ihren Bruder darin zu übertreffen, die Biosphäre zu zerstören.

Anarchist*innen sind so vielfältig wie die Menschheit. Es gibt staatliche und kommerzielle Anarchist*innen, ebenso wie einige käufliche. Einige Anarchist*innen unterscheiden sich von Marxist*innen nur darin, dass sie weniger gut informiert sind. Sie wollen den Staat mit einem Netzwerk von Rechenzentren, Fabriken und Minen, die »von den Arbeiter*innen selbst« oder einer Anarchistischen Union verwaltet werden, ersetzen. Sie würden diese Konstellation nicht einen Staat nennen. Die Namensänderung würde das Ungeheuer bannen.

Camatte, die neuen Lärmer*innen und Turner behandeln die Bösewichte der Marxist*innen und Anarchist*innen als bloße Kennzeichen der wahren Protagonist*innen. Camatte gibt dem Monster einen Körper; er tauft das Monster Kapital, indem er sich den Begriff von Marx leiht, ihm aber eine neue Bedeutung gibt. Er verspricht die Ursprünge und die Entwicklung des Monsters zu beschreiben, aber dieses Versprechen hat er bislang nicht eingelöst.

Die Probleme, die er hinsichtlich anarchistischer und marxistischer Politik benennt, treffen heute noch genauso zu, wie sie es 1983 taten und diejenigen, die andere Schlussfolgerungen gezogen haben, müssen größtenteils Fredy dafür danken, dabei geholfen zu haben, eine Anarchie ohne eine Anhänglichkeit zu Industrialismus, Technologie oder anderen Fetischen der Produktion regeneriert zu haben. Er beginnt von diesem letzten Punkt, dem Scheitern von Camatte, die Ursprünge und die Entwicklung des Monsters zu beschreiben, von dem aus er seine eigene Geschichte entwirft. Er bedient sich der Schriften von Frederick Turner, um den Geist des Monsters zu beschreiben, aber kritisiert Turner für seine Unfähigkeit, über den Körper des Monsters zu sprechen, den leichenhaften Körper, der wilde Dinge auseinanderreißt und sie sich selbst einverleibt. Fredys Erzählung holt gegen diesen Körper aus.

Fredys Projekt ist wichtig, weil es die Kritik der Domestizierung über die bequemen Antworten hinausbringt. Er fragt nach den Umtrieben der Bestie vor dem jüngeren Kapitalismus, vor der Kolonisierung der »neuen Welt«, vor dem Aufkommen des Kapitalismus selbst. Was er erreichte, war eine Geschichte über den Aufstieg jeder Zivilisation seit der ersten in Sumeria zu schreiben und folglich auch über Zivilisation selbst. Bemerkenswerterweise erzählte er diese Geschichte, während er die Historiker*innen, Anthropolog*innen und Ökonom*innen, die den Aufstieg von Leviathan rechtfertigen, anklagt. Stattdessen erzählte er die Geschichte aus der Perspektive derer, die der Domestizierung in jedem kritischen Augenblick Widerstand leisteten. Das ist einer der vielen stilistischen und ethischen Gründe, die das Buch so genuin wunderschön zu lesen machen. Während ich nicht guten Gewissens empfehlen kann, dass eine*r die langatmigen Arbeiten von Edelman oder Camatte liest, verschenke ich Against His-Story, Against Leviathan! gerne an alle meine liebsten Freund*innen. Das ist auch der Grund dafür, dass es nicht gerade viel Sinn ergibt, eine zusammenfassende Umschreibung des Buches zu machen. Die Magie von Fredys Erzählung einzufangen wäre schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Stattdessen empfehle ich, dass jede*r, die*der die Tiefe und das Gewicht der Kritik dieses Buches erfahren will, es schlicht selbst lesen möge. Nachdem das gesagt wurde, identifizieren wir einige Themen in dieser Geschichte, die uns bei unserer eigenen weiterhelfen. Dieses Verständnis wird hilfreich dabei sein, mit einer Erforschung von Domestizierung fortzufahren.

Es folgt eine Auflistung einiger nützlicher Themen hinsichtlich Domestizierung, die im Text auftreten, ohne eine bestimmte Sortierung:

Diese Punkte kratzen nur an der Oberfläche der eloquenten Argumentation in Gegen seine Geschichte, gegen Leviathan!, aber sie sind es wert, hervorgehoben zu werden, weil sie uns helfen eine funktionierende Definition von Domestizierung beginnend mit den ersten Zivilisationen zu verstehen und zu erklären. Betrug, Gefangenschaft, Herrschaft, Akkumulation, Annihilation, Fall, wir werden diese Motive in allen Geschichten, die unserer Untersuchung folgen, wiedersehen.

III

In den Jahren nachdem Fredy Gegen Seine Geschichte, Gegen Leviathan! veröffentlicht hatte, wurde das Thema der Domestizierung von einer ganzen Bandbreite antizivilisatorischer Anarchist*innen und Projekte aufgegriffen. In den meisten Schriften, die aus diesem Millieu stammen, wird Domestizierung beinahe tautologisch zu Zivilisation verwendet. (Zivilisation wird als Netz der Macht aus Institutionen, Ideologien und physischen Apparaten verstanden, die Domestizierung und Kontrolle ausüben, während Domestizierung als der Prozess verstanden wird, durch den lebendige Wesen in dem Netz der Zivilisation gefangen werden.) Diese Tautologie ist lehrreich, da sie auf die selbstständige Existenz eines Monsters verweist, das den einzigen Zweck verfolgt, sich selbst aufrechtzuerhalten, indem es sich alles Leben einverleibt. Fredy würde ein solches Monster Welt-Zerstörer nennen. Wenn auch verschiedene Strömungen des antizivilisatorischen Denkens dazu neigen, Domestizierung aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten [3], so bleibt sie doch zentral für das Denken und Handeln derjenigen, die der Ansicht sind, dass die Zivilisation zerstört werden muss.

Zeitgenössische antizivilisatorische Schreiber*innen (viele von ihnen anonym oder unter Pseudonym) haben die Kritik der Domestizierung des täglichen Lebens ausgearbeitet, indem sie zahllose kleine Vorgänge benannt haben, die dazu dienen das Leben zu domestizieren.

Domestizierung ist der Prozess, den die Zivilisation nutzt, um das Leben gemäß ihrer Logik zu lehren und zu kontrollieren. Diese lange erprobten Mechanismen der Unterordnung beinhalten: Zähmung, Aufzucht, genetische Veränderung, Erziehung, Einsperrung, Einschüchterung, Zwang, Erpressung, Versprechen, Regierung, Versklavung, Terrorisieren, Mord … Die Liste ließe sich um beinahe jede zivilisierte soziale Interaktion erweitern. Ihre Regungen und Effekte können überall in der Gesellschaft untersucht und gespürt werden, erzwungen durch verschiedene Institutionen, Rituale und Gebräuche. [4]

Andere haben ihre Erkundungen den Bedingungen und Ereignissen gewidmet, die zur Etablierung der Landwirtschaft und des symbolischen Denkens vor zehntausend Jahren geführt haben, indem sie versuchen, die entfernte Vergangenheit zu zwingen, ihre Geheimnisse preiszugeben. Aus dieser Perspektive läutete der ursprüngliche Beginn der Domestizierung Jahrtausende des Krieges, der Sklaverei, der ökologischen Zerstörung und der Auslöschung freier Lebewesen ein.

All diese Ausarbeitungen sind nützlich darin, zu erklären, was Domestizierung für verschiedene Fälle und Phänomene bedeutet, aber noch immer findet eine*r nur selten eine prägnante und funktionierende Definition dafür, was Domestizierung allumfassend bedeutet. Wenn wir das tun müssen, würden wir ziemlich schlicht sagen, dass Domestizierung Gefangenschaft ist. Weiterhin ist sie die Gefangenschaft lebendiger Wesen durch ein totes Ding und die Integration dieser Wesen in all die Rollen und Institutionen, die dieses tote Ding einschließt. Zusätzlich besteht sie aus allen Praktiken, die diese Wesen spirituell in ihre Gefangenschaft einwilligen lassen. Und schließlich ist sie der Diskurs und die Ideologie, die die Gefangenschaft rechtfertigt. Diese Gefangenschaft ist unendlich und das tote Ding kann sein unsterbliches Regime nur fortsetzen, wenn es damit fortfährt sich immer neue lebende Wesen und Rohstoffe einzuverleiben.

Erster Mythos: Enkidu und Schamchat

Fredy beginnt seine Erzählung mit der ersten Zivilisation, die in Sumerien aufkam. Er beschreibt den Aufstieg des ersten Königs, des Lugals, und aller nachfolgenden Wurm-Monster. Sumerien ist für unsere Untersuchung interessant, weil es sowohl die Wiege der Zivilisation ist, als auch die des geschrieben Wortes. Von dieser altertümlichen Zivilisation wurde die älteste niedergeschriebene Geschichte, die des sumerischen Königs Gilgamesch in Tafeln aus Lapislazuli geätzt. Als ihr Held ist Gilgamesch dafür verantwortlich, die ultimative Herrschaft des sumerischen Leviathans über die wilde Welt begründet zu haben. Er tut das folgendermaßen:

[…] Nicht lässt Gilgamesch den Sohn zum Vater,

Tag und Nacht,

bis in alle Ewigkeit,

Gilgamesch,

er ist der Hirte des Uruk,

er ist der Hirte der Menschen,

Nicht lässt er die Tochter zur Mutter,

Nicht die Tochter eines Kriegers,

nicht die Gemahlin eines jungen Mannes

Keine Braut zu ihrem Bräutigam

In seiner endlosen Mobilisierung menschlicher Wesen errichtete Gilgamesch eine Maschine, die Krieg gegen die wilde Erde führte. Als Antwort auf Gilgamesch und seine Auferlegung von Herrschaft schufen die Götter einen Ebenbürtigen, der ihm entgegentreten könne. Sein Name war

Enkidu

Emporgestiegen aus der Wildnis,

geboren in der Stille,

gestrickt von Ninurta [Aruru],

Krieg

Sein Körper ist übersät von Haaren

Auf seinem Kopf, wie auf dem einer Frau so dicht wie Nisaba

Korn

Er kennt weder Menschen noch Ortschaften

Er kleidet sich, wie Sakkan befiehlt,

wie der Gott der Tiere befiehlt,

wie es Tiere tun.

Er ernährte sich vom Gras zusammen mit den Gazellen

Er trank aus Quellen zusammen mit den Tieren,

stillte seinen Durst mit der Herde.

Aber die Jäger und Hirten waren wütend und entsetzt über Enkidu, der ihre Fallen sabotierte und die darin gefangenen Tiere freiließ. Sie gingen zu Gilgamesch und baten ihn um Hilfe. Er entwickelte einen Plan, der Schamchat, eine der heiligen Dirnen [Prostituierten] des Tempels, einbezog. Er sagte:

»Geh,

nimm Schamchat mit dir.

Wenn der Rohling zu der Quelle kommt,

Lass sie ihre Kleidung ausziehen und ihre Reize enthüllen

Er wird sie sehen und sich ihr nähern

und die wilden Tiere werden ihn verstoßen«

Und so zogen Schamchat und der Jäger los, auf der Suche nach Enkidu. Der Jäger sagte:

»Schamchat

öffne deine Arme

spreize deine Beine

lass ihn deine Reize nehmen

Habe keine Angst

Raube ihm den Atem

Er wird dich sehen und sich dir nähern

Lege deine Kleidung ab

Lass ihn sich auf dich legen

Tue die Arbeit einer Frau für den Mann

Liebkose und umarme ihn

und er wird dich ergreifen

und die wilden Tiere werden ihn verstoßen«

Und Schamchat legte ihre Kleidung ab

spreizte ihre Beine

Er sah ihre Reize

Sie hatte keine Angst

Und er legte sich auf sie

sie tat die Arbeit einer Frau für den Mann

Sechs Tage lang,

und sieben Nächte

Enkidu paarte sich mit Schamchat

Atemlos,

Als er sein Verlangen gestillt hatte,

kehrte er in die Wildnis zurück

Die Gazellen mieden ihn und gingen von dannen

Ausgelaugt

konnten Enkidus Beine ihn nicht länger tragen

Und die Tiere zogen fort

Er konnte nicht rennen wie zuvor

Aber er hatte Verstand und umfassende Erkenntnis

Er kehrte um und setzte sich zu Schamchats Füßen

Blickte in ihr Gesicht

und sie blickte in das seine

Er hörte sie sagen

»Du siehst gut aus,

Enkidu,

wie ein Gott.

Warum ziehst du durch die Wildnis

mit den Tieren?

Komm

lass mich dirch zum Uruk-dem-Schafstall bringen

Zum Tempel,

dem Zuhause von Anu und Ishatar«

Enkidu willigte ein, aber nur unter der Bedingung, den mächtigen Gilgamesch herauszufordern, aber Schamchat redete ihm das aus. Gilgamesch hatte bereits von Enkidus Ankunft geträumt, und der König würde den Wilden zu seinem liebsten Freund machen, ihn behandeln wie eine Ehefrau. Er würde Enkidu domestizieren.

Schamchat entkleidete ihn und zog ihm

eines ihrer Gewänder an …

Die Hirten breiteten Brot und Bier vor ihm aus

Gesäugt von der Milch

der Wildnis

blickte Enkidu

blinzelnd

starrend

Er wusste nichts

über Nahrungsmittel

Schamchat sprach zu Enkidu

»Iss das Brot,

es spendet Leben

Trink das Bier,

es ist das Schicksal des Landes«

Enkidu aß von dem Brot, bis er gesättigt war,

Er trank von dem Bier, bis sein Durst gestillt war,

Sieben Krüge

Er wurde zu einer Erscheinung,

in Gewänder gekleidet,

Ein Krieger,

der seine Waffen aufgenommen hatte,

um gegen Löwen zu kämpfen

Die Hirten ruhten sich in der Nacht aus,

Enkidu verteidigte sie gegen Wölfe

und Löwen

Die älteren Hirten schliefen

Enkidu blieb

wach.

Die Geschichte von Enkidu und Schamchat ist eine Geschichte der Domestizierung, die aus der Mythologie der ersten Zivilisation stammt. Sie zeigt die Zähmung von Enkidu durch die Auferlegung von Geschlechterrollen, dem Tragen von Kleidung, dem Trinken von Alkohol und seiner Abtrennung von den wilden Tieren. Schamchat ist eine heilige Prostituierte der sumerischen Tempel, eine spirituelle Praktikerin des ältesten Berufs. Sie dient der Göttin Ishtar durch das Ritual des Hieros gamos, der heiligen Vereinigung des Königs mit der Göttin der Stadt. Ishtar ist Göttin der Natur, ja, aber der Natur innerhalb der Stadt. Hieros gamos, die heilige Prostitution, ist eine rituelle Unterwerfung der Natur unter die Macht des Königs; die Verbringung des Wilden ins Innere der Stadtmauern. Auf diese Weise war die Naturgöttin auch die Göttin der Künste der Zivilisation. Diese Künste enthielten die Praktiken der Regierung und der Religion, die des Krieges und des Friedens, des Handwerks, des Berufs, des Essens, Trinkens, Kleidens, der körperlichen Verzierung, der Kunst, der Musik, des Sexes und der Prostitution. Das ihre sind die Künste des Lebens, die auf jeden Aspekt des zivilisierten Lebens anwendbar sind. Die Göttin befiehlt die Natur in die Stadt, also sind ihre ars vivendi [5] die Regeln der Zivilisation, der Domestizierung. Und so geschah es durch diese Regeln, dass Schamchat, eine Priesterin von Ishtar, Enkidu zum Mann machte. Nachdem er seiner Welt entrissen wurde, wird Enkidu zu einem virilen und blutdurstigen Zerstörer der Wildnis. Die Auferlegung von Geschlecht entfesselt eine Kontinuität der Trennung, die unaufhörlich die Stadt vom Wald, die Menschheit vom Rest des wilden Lebens trennt und die Menschen in Geschlechter aufteilt.

Zeitgenössische Lesarten werden natürlich eine gewisse Misogynie um Schamchat unterstreichen, die impliziert, dass Frauen die wilden Männer gezähmt haben. Aber das ist falsch und enthüllt nur, wie tief verwurzelt die geschlechtliche Herrschaft in der Zivilisation ist. Enkidu wird von all den ars vivendi domestiziert, die das Leben in der ersten Zivilisation kennzeichnen; von der Arbeit der Frauen und der Arbeit der Männer. Enkidu wird durch diese domestizierenden Gesetze zum Mann gemacht; er wird von Geschlecht an sich zivilisiert.

IV

Man kann sagen, dass vielleicht keine Strömung die Frage des Geschlechts weiter gebracht hat als der Primitivismus. Wir sagen das, da die Primitivist*innen die Frage durch die Brille einer Kritik der Domestizierung betrachten. Auch wenn es offensichtlich abscheuliche Beispiele maskulistischer und misogyner Theorien und Individuen innerhalb des antizivilisatorischen Denkens gibt, haben die überzeugendsten und gewissenhaftesten Schreiber*innen die Entstehung des Patriarchats immer ganz zu Beginn der Entstehung der Zivilisation verortet. Für viele (Fredy Perlman und John Zerzan, um nur zwei zu nennen), entsteht das Patriarchat zusammen mit Domestizierung und beides sind quasi Synonyme. Wir können kleine Fragmente dieser Perspektive sogar in Camattes späteren Schriften beobachten, beispielsweise in Echoes of the Past. Das wird auch in dem Editorial von BLOODLUST: a feminist journal against civilization von 2009 eingeräumt. Die Herausgeber*innen sagen darin, dass ihr Wunsch, dieses Journal zu publizieren daraus resultierte, dass sich die Kritik von Geschlecht für sie oberflächlich anfühlte und sie noch immer zu würdigen wissen, dass die antizivilisatorische Strömung eine der wenigen ist, die Patriarchat beständig als einen zentralen Feind anprangert. Auch wenn von dem Journal leider nur eine Ausgabe erschienen ist, erscheint die Aufgabe, die antizivilisatorische Kritik an Patriarchat herauszustellen, als ein Schritt in Richtung eines Verständnisses des Zentralismus der Domestizierung für Geschlecht an sich.

Die primitivistische Perspektive auf Geschlecht ist aus Gründen, die wir später erarbeiten werden, problematisch, aber für den Moment wollen wir unsere Kritik außen vor lassen, um das Argument fair darzulegen. Welche Mängel sie auch hat, so ist die Perspektive auf die Entstehung des Patriarchats doch hilfreich, da sie die Entstehung vergeschlechtlichter Herrschaft in der Zivilisation selbst verortet. Indem sie das tut, weist sie jede Ideologie, die das nicht tut, zurück. Indem sie beständig demonstriert, dass dieses Elend älter ist als die meisten anderen Institutionen und Systeme der Herrschaft, stattet sie uns mit dem notwendigen Pessimismus aus, um denen zu antworten, die uns versichern, dass vergeschlechtlichte Gewalt nach ihrer spezifischen Reform oder Revolution verschwinden wird.

Camatte (und folglich auch diejenigen, die von seinen Schriften inspiriert sind) ist im Hinblick auf seine flüchtigen Gedanken zu Geschlecht einer französischen Autorin namens Françoise d’Eaubonne verpflichtet. D’Eaubonne wird als diejenige betrachtet, die in ihrem Buch Feminismus oder Tod von 1974 den Begriff Ökofeminismus geprägt hat. Interessanter ist, dass sie auch eine Mitbegründerin der Organisation Front Homosexuel d’Action Revolutionnaire (FHAR) war, der militanten schwullesbischen Befreiungsgruppe, der Guy Hocquenghem beitrat und die seine späteren Ansichten prägte. Es ergibt also Sinn, dass zwei antizivilisatorische Theorien von Geschlecht aus den gleichen Aktionen und Diskussionen hervorgegangen sind; d’Eaubonnes Ökofeminismus und Hocquenghems homosexuelles Verlangen. Es ist eine tragische Einbuße für unsere Untersuchung, dass so gut wie nichts von d’Eaubonnes Schriften ins Englische übersetzt wurde. Die meisten englischsprachigen Primitivist*innen und Ökofeminist*innen sind mit ihren Ideen nur durch Sekundärquellen vertraut (so auch Camatte). Wir zitieren einen Auszug aus Feminismus oder Tod, da es unwahrscheinlich ist, dass die meisten Leser*innen Zugang zu diesem Text haben:

Beinahe jede*r weiß, dass heute die dringlichsten Bedrohungen für das Überleben Überbevölkerung und die Zerstörung unserer Ressourcen sind; Wenigere erkennen die vollständige Verantwortlichkeit des männlichen Systems so weit, dass diese beiden Gefahren durch das männliche (und nicht das kapitalistische oder sozialistische) kommen; aber die wenigsten haben erkannt, dass jede der beiden Bedrohungen die logische Folge einer der beiden parallelen Entdeckungen ist, die Männern vor über 50 Jahrhunderten ihre Macht verliehen: Ihre Fähigkeit den Samen in die Erde wie in die Frauen zu pflanzen und ihre Teilnahme am Reproduktionsakt.

Bis dahin glaubten die Männer [die Frauen] würden von den Göttern geschwängert werden. Von dem Moment an, als er zeitgleich die beiden Möglichkeiten als Bauer und Erzeuger entdeckte, begründete er, was Lederer »die große Umkehrung« zu seinem eigenen Vorteil nennt. Nachdem er Besitz vom Land und somit auch von der Produktivität (später von der Industrie) und vom Körper der Frau (somit von der Reproduktion) ergriffen hatte, war es natürlich, dass die Überausbeutung von beidem in diesen bedrohlichen und zeitgleichen Bedrohungen enden würde: Überbevölkerung durch überschüssige Geburten und die Zerstörung der Umwelt durch überschüssige Produktion.

Die einzige Möglichkeit, die Welt zu retten, ist heute, die »große Umkehrung« der männlichen Macht, die nach der landwirtschaftlichen Überproduktion von der mörderischen industriellen Ausdehnung verkörpert wird. Weder »Matriarchat« natürlich, noch »Alle Macht den Frauen«, sondern die Zerstörung von Macht durch Frauen. Und schließlich, am Ende des Tunnels: eine Welt, die neu geboren wird (und nicht länger »beschützt«, wie es noch immer von der ersten Welle zögerlicher Ökolog*innen geglaubt wird) …

Demnach wäre es in einer Gesellschaft, die schließlich von femininem Geschlecht ist, was keine Macht bedeutet (und nicht Alle-Macht-den-Frauen), gewährleistet, dass keine andere Gruppe von Menschen die ökologische Revolution zuwege brächte, da keine andere auf allen Ebenen so direkt von ihr betroffen wäre. Und die beiden Quellen des Reichtums, von denen bis jetzt nur die Männer profitiert haben, würden endlich wieder zum Ausdruck des Lebens werden und nicht länger die Ausarbeitung des Todes und menschliche Wesen würden endlich zuerst als Personen behandelt werden anstatt vor allem anderen als Männer oder Frauen.

Und der Planet des femininen Geschlechts würde wieder grün für alle werden.

Auch wenn sie vereinfachend und essentialistisch ist, zeichnet sich diese Argumentationslinie für ihre Herausarbeitung der intrinsischen Verbindung zwischen landwirtschaftlicher Produktion und menschlicher Reproduktion aus. Wir werden noch auf andere, die diese Theorie erweitert haben, zu sprechen kommen, aber es fiel uns schwer, irgendetwas im primitivistischen Kanon zu finden, das allzu weit von dieser schnörkellosen Position abweicht. Alles konzentriert sich auf die Rolle des Mannes als Ehemann seiner Frau und Ausübenden der Landwirtschaft und Tierhaltung. Das Argument ist hilfreich, weil es ausdrückt, wie die Domestizierung sowohl die Menschen, die als weiblich gelten, als auch eine große Breite an nicht-menschlichem Leben gefangen nimmt.

Man kann die Resonanz dessen klar in einer Einführung [6] des Green Anarchy Kollektivs erkennen:

Ein frühes Produkt der Domestizierung zu Beginn des Übergangs hin zur Zivilisation ist das Patriarchat: die Formalisierung männlicher Herrschaft und die Entwicklung von Institutionen, die sie untermauern. Durch die Schaffung falscher Geschlechterunterschiede und -aufteilungen zwischen Männern und Frauen schafft die Zivilisation erneut ein »anderes«, das objektifiziert, kontrolliert, beherrscht, ausgebeutet und zur Ware gemacht werden kann. Das läuft parallel zur Domestizierung von Pflanzen für die Landwirtschaft und Tieren für die Viehhaltung im Allgemeinen und auch im Spezifischen, wie hinsichtlich der Kontrolle der Reproduktion. Wie in anderen Gefilden der sozialen Schichtenbildung werden Frauen Rollen zugewiesen, um eine äußerst rigide und vorhersehbare Ordnung zu errichten, die der Macht dient. Frauen werden als Eigentum betrachtet, kaum anders als das Getreide auf dem Feld oder die Schafe auf der Weide. Besitz und absolute Kontrolle, egal ob über Land, Pflanzen, Tiere, Sklaven, Kinder oder Frauen ist Teil der etablierten Dynamik der Zivilisation. Patriarchat fordert die Unterwerfung des Femininen und die Ursurpation der Natur und treibt uns damit voran in Richtung der totalen Auslöschung. Es bestimmt Macht, Kontrolle und Herrschaft über die Wildnis, die Freiheit und das Leben. Patriarchale Konditionierung bestimmt all unsere Interaktionen; mit uns selbst, unserer Sexualität, unseren Beziehungen zueinander und unsere Beziehung zur Natur. Sie schränkt das Spektrum möglicher Erfahrungen schwerwiegend ein. Die miteinander verbundene Beziehung zwischen der Logik der Zivilisation und dem Patriarchat ist unleugenbar; Seit tausenden von Jahren haben sie die menschliche Erfahrung auf jeder Ebene bestimmt, vom Institutionellen bis zum Persönlichen, während sie das Leben aufgezehrt haben. Um gegen Zivilisation zu sein, muss man auch gegen das Patriarchat sein und um das Patriarchat zu hinterfragen, scheint es, dass man auch die Zivilisation in Frage stellen muss.

Fredy Perlamn vertieft diese Prämisse auf einige Arten. Erstens betrachtet er Vergewaltigung und die Umwandlung des Phallus in eine Waffe beständig als wesentliche Methoden der Domestizierung. Er verbindet die phallischen Türme im Zentrum früher Leviathane mit den Waffen, die von ihren Armeen genutzt werden. Für ihn dienen diese Institutionen und Apparate dazu, eine unnatürliche Form der Herrschaft und Macht zu naturalisieren, dazu Frauen Männern zu unterwerfen und vorzugeben, dass diese Ordnung die natürliche Ordnung der Dinge sei. Zeitweise beschreibt er leviathanische Männer als »Frauenhasser«. Zweitens betrachtet er Geschichte [His-story] als den Prozess, durch den die Männer, die Leviathan kontrollieren, ihre eigenen Eroberungen und Errungenschaften erzählen. Für ihn ist Geschichte [His-story] eine Eigenart zivilisierter Kultur und tritt nur als eine gewaltsame Auslöschung sowohl eines zuvor bestehenden Matriarchats auf, aber auch durch die Vergöttlichung eines Bildes militaristischer leviathanischer Männer als Gegensatz zu früheren Naturgöttinnen. Für ihn ist die Erde selbst feminin; eine Mutter, die alle Formen des Lebens zur Welt bringt. Im Gegensatz dazu bringt Leviathan nichts als den Tod zur Welt und verachtet als solcher Mutter Erde. In den folgenden Fragmenten kritisieren wir vieles von dieser Theorie, allerdings lohnt es sich anzuerkennen, dass es schwer fällt, eine andere Theorie von Geschichte [His-story] (besonders eine, die von einem Mann geschrieben wurde) zu finden, die Patriarchat als absolut untrennbar von Zivilisation verortet.

John Zerzan erweitert die Theorie aus einem anderen Blickwinkel. Er beschäftigt sich vorrangig damit, die Arbeiten von über einem Dutzend Anthropologinnen (alles Frauen) zu studieren, die die Rolle der Frauen in sozialen Gefügen vor der Domestizierung analysieren. Viele dieser Anthropologinnen waren Teil der Veränderung der Anthropologie, die als die Veränderung vom »Mann der Jäger« hin zur »Frau die Sammlerin« bekannt ist. Basierend auf ihren Forschungen argumentiert er, dass die überwiegende Mehrheit der Nahrung in den meisten nicht-zivilisierten Gesellschaften von Sammler*innen organisiert wurde, die dazu tendieren, Frauen zu sein. Er argumentiert, dass in der Konsequenz Frauen signifikant mehr soziale Macht und Autonomie besaßen, weil sie, um zu überleben, nicht von patriarchalen landwirtschaftlichen Ordnungen abhängig waren. Er folgt auch anderen Anthropolog*innen darin, zu behaupten, dass geschlechtsbasierte Hierarchien unter amerikanischen indigenen Stämmen selten waren, und bemerkt besonders das Fehlen eines Fetisches um Jungfräulichkeit und Keuschheit, Erwartungshaltungen der Monogamie gegenüber Frauen oder männliche Kontrolle über Reproduktion. Er argumentiert, dass die geschlechtliche Arbeitsteilung, die von der Domestizierung auferlegt wird, die erste Form der Arbeitsteilung gewesen sei, die die derzeitige Zivilisation begründete. Er kritisiert auch die Verschiebung von kommunalen Stammesbeziehungen des Teilens hin zu der privatisierten und vergeschlechtlichten Existenz der Familienform, indem er argumentiert, dass die Familie weder unvermeidbar noch universell in menschlichen Gemeinschaften ist. Zerzan argumentiert. dass die Veränderung hin zur Domestizierung vom Aufkommen spezialisierter Arbeitsrollen, der Beschränkung der Arbeit der Frauen auf reproduktive Anstrengungen und vor allem der Stärkung der Verwandschaftsbande gekennzeichnet ist. Für ihn ist die Gegenwart einer vergeschlechtlichten Arbeitsteilung zur Zeit der ersten bekannten symbolischen Kunst ein Hinweis darauf, dass es diese Trennung ist, die alles andere in die Wege brachte. Er weigert sich zu glauben, dass diese Phänomene zufällig sind und verweist stattdessen auf eine kausale Beziehung zwischen dem Aufkommen einer vergeschlechtlichten Existenz und der der Domestizierung. Beides sind Veränderungen weg von einem nicht getrennten, nicht hierarchischen Leben. Er sagt: »Nichts in der Natur erklärt die geschlechtliche Arbeitsteilung, noch solche Institutionen wie Hochzeit, Ehe oder väterliche Abstammung. Sie alle werden den Frauen durch Abhängigkeit aufgezwungen, sie alle sind daher Tatsachen der Zivilisation, die erklärt werden müssen, nicht welche, die als Erklärung genutzt werden können.« Seine Erklärungen für diese Veränderungen beinhalten sowohl die Wege, auf denen das landwirtschaftliche Leben die Frauen, die es gefangen nahm, verelendete, als auch dass die Einführung des Patriarchats eine Schlüsselstrategie der kolonialen Zivilisatoren und Missionare überall auf der Welt war. Er argumentiert, dass jegliche Versuche, die Zivilisation zu zerstören, auch eine versuchte Rückkehr zu »der Gesamtheit der ursprünglichen geschlechtslosen Existenz« sein müssten.

Vieles der primitivistischen Perspektive auf Geschlecht gefällt aus einer queeren Perspektive nicht, besonders nicht die Betonung eines geschlechtlichen Essentialismus und das Fehlen einer substanziellen Kritik einer zwangsläufigen Heterosexualität, um gar nicht erst von der Rolle der Anthropologie zu sprechen. Und doch gibt es da immer noch etwas, das mit der Theorie nachhallt. Vielleicht liegt die Anziehungskraft der primitivistischen Antwort darin, dass sie buchstäblich alles an dieser Welt durch den Horror von Geschlecht begründet sieht: das Essen, das wir essen, die Städte, in denen wir leben, die Sprache, die wir sprechen, unsere Familien, unsere Fetische – alles gewebt in der Fabrik der vergeschlechtlichten Existenz. Die Implikation davon ist, dass jeder Bruch mit Geschlecht einen Bruch mit buchstäblich all den Sicherheiten und Annehmlichkeiten, die unsere Gefangenschaft in ihm mit sich bringen, bedeutet. Sogar noch mächtiger ist das leidenschaftliche Insistieren darauf, dass unsere vergeschlechtlichte Existenz weder unvermeidbar noch vorherbestimmt ist. Primitivismus kann als ein Versuch verstanden werden, der instinktiven Erfahrung des nicht-in-diese-Welt-Gehörens, dem Gefühl in unseren Knochen und Muskeln, das gegen die Vergeschlechtlichung unserer Leben und Möglichkeiten anschreit, Worte zu verleihen und einen Beweis dafür zu finden. Der Primitivismus bestätigt ein Außerhalb und behauptet eine Gewissheit über die Beschaffenheit dieses Außerhalbs. Wir werden auf ihren Punkt der Gewissheit verzichten, aber das Außerhalb selbst spricht uns an.

V

Einer der einleuchtendsten Punkte, die Fredy Perlman in Against His-Story, Against Leviathan! macht, ist seine Kritik der Anthropologie. Er spricht von Anthropolog*innen und Archäolog*innen häufig als »Grabräuber«, deren Intention es ist, sich mit ihrer eigenen Geschichte über die menschliche Existenz durchzusetzen, während sie alle anderen Geschichten auslöschen. Er widmet den Anstrengungen der Anthropolog*innen, die Arbeit in primitiven Gesellschaften zu beschreiben, besondere Aufmerksamkeit. Viele Anthropolog*innen, die Sympathien gegenüber primitiven Gesellschaften haben, würden behaupten, dass die Menschen in diesen Gesellschaften bedeutend weniger arbeiteten als domestizierte Menschen. Sie nennen sie Jäger und Sammler. Sie sprechen von vier Stunden am Tag, die der Arbeit gewidmet sind. Fredy kritisiert diese Position, indem er behauptet, dass dies ein Unterfangen der Manager von Arbeitslagern sei, um die Arbeit in jegliche andere menschliche und tierische Existenz hinein zu naturalisieren. Ja, primitive Menschen arbeiteten weniger, aber weil sie überhaupt nicht arbeiteten.

Moderne Anthropologen, die das Gulag in ihren Köpfen umhertragen, reduzieren solche menschlichen Gemeinschaften auf die Handlungen, die am meisten wie Arbeit aussehen und geben Menschen, die ihre liebsten Speisen pflücken und manchmal lagern, den Namen Sammler. Ein Bankangestellter würde solche Gemeinschaften Sparkassen nennen! Die Zeks einer Kaffeplantage in Guatemala sind Sammler und der Anthropologe ist eine Sparkasse. Ihre freien Vorfahren hatten wichtigere Dinge zu tun.

Die !Kung Leute überlebten wundersamerweise als eine Gemeinschaft freier menschlicher Wesen bis in unsere eigene, vertilgende Zeit. R.E. Leakey beobachtete sie in ihrer üppigen afrikanischen Waldheimat. Sie haben nichts außer sich selbst kultiviert. Sie machten sich selbst zu dem, was sie sein wollten. Sie wurden von nichts außer ihrer eigenen Existenz bestimmt – nicht von Weckern, nicht von Schulden, nicht von Befehlen von Vorgesetzten. Sie schlemmten und feierten und spielten in Vollzeit, außer wenn sie schliefen. Sie teilten alles mit ihren Gemeinschaften: Essen, Erfahrungen, Visionen, Lieder. Große persönliche Zufriedenheit, tiefe innere Freude resultierten aus dem Teilen.

(In der heutigen Welt erleben Wölfe noch immer die Freuden, die vom Teilen kommen. Vielleicht zahlen Regierungen deswegen Abschussprämien an die Mörder von Wölfen.)

Die Annahme ist einfach, aber tiefgründig: Diejenigen, die in einer Welt der Arbeit leben, können die Handlungen anderer nur als Arbeit begreifen. Arbeit ist eine historisch bestimmte Institution und doch dienen unsere zivilisierten Metaphysiken dazu, diese Institution zu naturalisieren; dazu, die Gewalt unserer Domestizierung in die Arbeit zu verschleiern. Die Implikationen dieses Unterfangens sind umso unheimlicher, als wir in einer Welt leben, in der mehr und mehr nicht entlohnte Aktivitäten von der Welt der Arbeit subsumiert werden. In einem gewissen Sinne funktioniert Domestizierung als eine lineare Erzwingung der Welt der Arbeit, die unsere Vergangenheit ebenso kolonisiert wie unsere Zukunft.

S. Diamond beobachtete andere freie menschliche Wesen, die bis in unsere Zeit überlebten, ebenfalls in Afrika. Er sah, dass sie keine Arbeit verrichteten, aber konnte sich nicht dazu durchringen, das auf Englisch zu sagen. Stattdessen sagte er, dass sie keine Unterscheidung zwischen Arbeit und Spielen machten. Meint Diamond, dass die Aktivität der freien Menschen in einem Moment als Arbeit betrachtet werden kann und als Spiel im nächsten, abhängig davon, wie sich der Anthropologe fühlt? Meint er, wir, du und ich, Diamonds gepanzerte Zeitgenoss*innen können ihre Arbeit nicht von ihrem Spiel unterscheiden? Wenn die !Kung unsere Büros und Fabriken besucht hätten, hätten sie vielleicht gedacht, dass wir spielen. Warum sollten wir sonst dort sein?

Ich denke, Diamond wollte etwas Tiefgreifenderes sagen. Ein Zeit-und-Bewegungs-Ingenieur, der einen Bär neben einem Beerenfeld beobachtet, würde nicht wissen, wann er seine Stechkarte stempeln solle. Beginnt der Bär zu arbeiten, wenn er zum Beerenfeld spaziert, wenn er die Beere pflückt, wenn er sein Maul öffnet? Wenn der Ingenieur schwachköpfig ist, würde er vielleicht sagen, dass der Bär keinen Unterschied zwischen Arbeit und Spiel macht. Wenn der Ingenieur Fantasie hat, würde er vielleicht sagen, dass der Bär Freude von dem Moment an erlebt, in dem die Beeren ihre tiefrote Farbe bekommen und dass keine der Bewegungen des Bärs Arbeit sind.

Wenn wir versuchen uns vorzustellen, dass keine der Aktivitäten des Bären (oder eigentlich unserer entfernten Vorfahren) Arbeit ist, dann sind wir gezwungen wissenschaftliche Disziplinen, die darauf abzielen, Behauptungen mit Gewissheit darüber zu machen, was die Aktivitäten besiegter Völker waren, zu verwerfen. Das ist ein wichtiger Bruch mit einer primitivistischen Orthodoxie, die den Gebrauch anthropologischer Methoden priorisiert. Es ist verständlich, warum eine*r solche Behauptungen wie über die genaue Natur eines Außerhalb oder einem Vor der Zivilisation machen möchte. Wir würden jedoch dennoch unterstellen, dass solche Behauptungen nicht einfach falsch sind (aufgrund ihrer Verankerung in der wissenschaftlichen Weltanschauung), sondern dass sie für unsere Kritik unnötig sind. Wir brauchen nicht in der Lage dazu sein, mit Gewissheit zu behaupten, dass unsere Vorfahren »weniger gearbeitet« haben, um die Welt der Arbeit, die uns gefangen hält, abzulehnen. Dass wir auf die Welt der Arbeit als eine historisch determinierte Institution der Herrschaft verweisen können, die mit der Domestizierung entstand und damit fortfährt, unsere Leben zu verelenden, ist Grund genug, dass diese Welt brennen sollte.

Das ist eine andere Haltung zum Außerhalb. Sicher ist es komfortabel und von innerem Frieden, an die wissenschaftlichen Antworten darüber zu glauben, was außerhalb ist. Es gibt einer*m auch eine Erhabenheit und Sicherheit zu glauben, dass ein Utopia einst auf der Erdoberfläche existierte. Aber was bleibt uns, wenn wir diese Sicherheiten zurückweisen? Was bleibt, ist ein Geheimnis und ein Chaos, das jedem rationalistischen Versuch, es gefangen zu nehmen und davon Gebrauch zu machen, entgeht. Dieses Unbekannte ist genau das, was diejenigen, die mit Gewissheit sprechen, in den Wahnsinn treibt. Es ist die dunkle und magische Welt der Mysterien, die all die Gewalt des wissenschaftlichen Unterfangens auslöschen will. Unser Vorschlag ist einfach: Anstatt uns selbst über das Unbekannte mit diesem oder jenem stichhaltigen Beweis hinwegzutäuschen, ist das Unbekannte selbst etwas, das es zu feiern gilt. Statt einer primitivistischen Rückkehr zu einem Außerhalb, das angeblich in unsere Biologie eingeschrieben ist, werden wir eine Flucht in ein Außerhalb verfolgen, das zugleich ein Mysterium und eine Ungewissheit ist. Sollten wir weniger für eine Flucht kämpfen, wenn wir nicht wissen, wie das Außerhalb aussieht? Man braucht doch nur auf die Welt blicken, die sich selbst als nur allzu gewiss präsentiert, um die Antwort zu wissen.

VI

Wenn wir diese Provokation im Kontext unserer Untersuchung zu Geschlecht und Domestizierung untersuchen, kommt ein eklatanter Widerspruch zum Vorschein: Warum wird Fredys eigenwillige Umarmung des Unbekannten (im Hinblick auf Arbeit) nicht ebenso auf Geschlecht angewandt? Es bedarf nur einer geringen Anstrengung, um die Kritik der anthropologischen Gewissheit auf die vergeschlechtlichte Welt zu übertragen. Wir können leicht entsprechend sagen: Anthropolog*innen, die Sympathien für primitive Gesellschaften haben, werden die Beziehungen zwischen Männern und Frauen in diesen Gesellschaften als fairer und erstrebenswerter als die in zivilisierten Gesellschaften beschreiben. Sie liegen darin falsch, weil es keine Beziehungen zwischen Männern und Frauen gibt. Sie leben in einer Welt des Geschlechts und daher können sie nur die vielfältige und unbeschreibbare Existenz von anderen als mit diesen Kategorien übereinstimmend beschreiben. Ein*e schwachsinnige*r Anthropolog*in würde sagen, dass diese Geschlechterbeziehungen weniger rigide und beherrschend sind als die, die wir erleben; ein*e Anthropolog*in mit Fantasie würde sagen, dass dies keine Geschlechterbeziehungen in dem Sinne sind, wie wir diese verstehen.

Diese Kritik kann einfach auf beinahe alle primitivistischen Schriften zu Geschlecht angewandt werden. Perlman und d'Eaubonne sind offensichtlich in diese Art von Essentialismus hinsichtlich der Rollen, die Frauen und Männer in primitiven Kulturen spielen, verstrickt. Der Archetyp einer Frau als das fürsorgliche und schöpferische Zentrum des Universums ist eindeutig ebenso historisch konstruiert wie die Arbeitsteilung und doch ist er umso unheimlicher, weil er funktioniert, als wäre er natürlich. Während Zerzans Theorie von Geschlecht offenkundiger Gebrauch von der Anthropologie macht, schafft sie Raum gegen Essentialismus, indem sie Geschlecht als eine sozial konstruierte Institution, die auf einem natürlichen geschlechtlichen Unterschied aufsetzt, identifiziert. Aber auch das verdient Kritik. Eines der lohnendsten Verständnisse, die die Queertheorie anbietet, ist die Provokation, dass die sex/gender-Dichotomie, auf die sich Feminist*innen der letzten paar Jahrzehnte bezogen haben, keine zwei Systeme sind, sondern eigentlich nur eines. Geschlecht [Sex] als eine Binarität ist nicht natürlicher als Geschlechterrollen [Gender]. Es ist die historische und retrospektive Einordnung in zwei Kategorien einer gewaltigen Bandbreite von Organen, Hormonen, Gebärden, Anordnungen, Körperformen, sexuellen [reproduktiven] Fähigkeiten, etc. Die Anstrengungen vonseiten der transgender Befreiungsbewegung sind relevant für diese Veränderung, da sie demonstrieren, dass es keinen Determinismus oder Zusammenhang zwischen irgendeiner bestimmten Konstellation der obigen Charakteristiken gibt, sondern vielmehr, dass ihre Einengung in Kategorien immer ein einschneidender Angriff auf ein Individuum ist. Die jüngsten Kämpfe intersexueller Personen gehen weiter, indem sie klar die Gewissheit, die binäre Geschlechter naturalisiert, untergraben. Die stille wissenschaftliche und medizinische Verstümmelung und Neugestaltung von unzähligen Säuglingen, um diese in die binären Geschlechterkategorien [sex] einzupassen demonstrieren, dass diese kein bisschen natürlicher sind als binäre Geschlechterrollen [gender]. Diese institutionelle Gefangenschaft im einen oder anderen Geschlecht [sex] ist nur die neueste Form von dem, was ein altertümliches Regime an Diäten, Medizin, Arbeit, Knechtschaft, Religion und Tabus war, das dazu dient, zwei Geschlechter [sexes] aus der gewaltigen Unendlichkeit von Möglichkeiten, die der menschliche Körper besitzt, zu formen und zu destillieren. Geschlecht [Sex] und Geschlechterrollen [Gender] sind das gleiche historische [his-storical] Unterfangen der Kategorisierung und Separation, sie sind nur unterschiedliche Ausdrücke.

Es ist nicht unüblich für primitivistische Denker*innen und Anthropolog*innen eine Kritik der Heteronormativität zu haben, indem sie auf den Beweis der weitverbreiteten homosexuellen Praktiken in Stammesgesellschaften vor ihrer Kolonisierung verweisen. Diese Geschichten sind insofern relevant, als dass sie die naturalisierte Sicht von Heteronormativität (und mit ihr des reproduktiven Futurismus) untergraben, aber so lange, wie sie wissenschaftlich funktionieren, tragen sie noch immer zur Stabilität von Geschlecht [gender] (selbst dritten Geschlechtern) bei. Sie verweisen auf eine wünschenswertere Geschlechterordnung, aber ihnen fehlt die Fantasie zu verstehen, dass Menschen Beziehungen zu ihren Körpern und ihrer Sexualität jenseits der vergeschlechtlichten Käfige, die um uns errichtet wurden, gehabt haben könnten. Außerdem ist die Tendenz, diese Schlussfolgerungen zu verallgemeinern, eine Tendenz von Leviathan; Homogenität ist dem Domestizierungsprozess wesenhaft.

Wenn wir der analogen Kritik der Arbeit folgen, müssen wir dahin kommen, dass wir sagen können, dass wir nicht mit Gewissheit wissen, wie die vergeschlechtlichte Existenz vor der Zivilisation aussah. Und doch ändert diese Enthüllung nicht im Geringsten unsere Gewissheit, dass Geschlecht, wie wir es kennen, mit der Zivilisation beginnt. Wenn wir eine Orientierung in Richtung eines Außerhalb von zivilisiertem Geschlecht bemühen, dann bemühen wir in Wahrheit ein anderes Geheimnis, ein unaussprechliches, das sich der Definition und der Gefangenschaft entzieht. Was würde es bedeuten, am Kampf um Leben und Tod gegen Geschlecht teilzunehmen, ohne zu wissen, was zuvor existierte? Das würde bedeuten, ein Außerhalb zu verfolgen, das sich uns selbst als Schatten und Chaos darstellt. Es würde bedeuten für das Wilde zu kämpfen, ohne Zuflucht beim Natürlichen zu suchen. Wie wir bereits zuvor angestimmt haben: Obwohl wir auf das Privileg der Natürlichkeit verzichten, sind wir dadurch nicht abgeschreckt, weil wir uns stattdessen mit dem Chaos und der Dunkelheit, die der Natur selbst voran ging, verbünden. [7] Was wir anderswo queeres Verlangen genannt haben, ist eine Tendenz in Richtung dieses ursprünglichen Chaos. Die Aufgabe besteht darin, es zu leben.

VII

Nachdem wir diesen Widerspruch innerhalb des Primitivismus aufgedeckt haben, bleiben wir verwundert darüber, wie dieser blinde Fleck so lange bestehen bleiben konnte.

Einer der schönen Aspekte der primitivistischen Kritik ist, dass sie eine Perspektive aufmacht, durch die man jede Beziehung und jede Institution, die von Leviathan naturalisiert wird, betrachten kann. Innerhalb des primitivistischen Kanons kan man ohne weiteres scharfe Angriffe auf die Familie, auf Rasse [race], die Psychiatrie, Landwirtschaft, die Arbeitsteilung, Spezialisierung, Militarismus und zahllose andere Dimensionen der zivilisierten Existenz finden. Vermutlich sind Primitivist*innen am fantasievollsten und verständnisvollsten, wenn sie eine Welt außerhalb der tiefer verwurzelten Abstraktionen der leviathanischen Kultur erforschen: Symbolisches Denken, Zahlen, Kunst, Sprache, ja sogar Natur. Verschiedene Texte bieten sogar traumartige Ansätze, um sich vorzustellen, wie freie Menschen von verschiedenen Formen der Zeit selbst gedacht haben.

Wie konnte dieser kritische Ansturm dann aber eine Beziehung übersehen, die so offensichtlich und so sehr in unserer Existenz verwurzelt ist. Diejenigen, die argumentieren, dass die Zivilisation die Geschlechtertrennung eingeführt hat, befördern noch immer die Natürlichkeit dieser Geschlechter. Sogar diejenigen, die (wie Zerzan) Geschlecht in Frage stellen, halten noch immer an einem natürlichen Dualismus fest, der von der Domestizierung pervertiert würde. Dass dieser Dualismus von denen, die andererseits alle anderen Dualismen als eine zivilisatorische Abhängigkeit ablehnen (Mensch/Tier, Körper/Geist, etc.), für natürlich erachtet wird ist kein Beweis für seine Natürlichkeit. Vielmehr ist das ein Beweis dafür, wie tief er im Prozess der Domestizierung verwurzelt ist – so tief, dass wir uns kaum eine Welt davor vorstellen können. Was man Zerzan zugute halten muss, ist, dass er sagt, die Teilung (die in ihrer Form, aber nicht in ihrem Wesen variiert) sei der am tiefsten sitzende Dualismus, der die Aufteilung abwechselnd in Subjekt/Objekt und Körper/Geist hervorbringt. Er nennt sie eine »Kategorisierung […], die die singuläre kulturelle Form von größter Bedeutung sein könnte.« Sie begründet und legitimiert alle anderen Herrschaftsformen. Diese Argumentationslinie wird von Witch Hazel in BLOODLUST aufgegriffen, die schreibt, dass die Konstruktion und Abwertung des femineien Archetyps parallel zur Aufteilung in Körper und Geist stattfindet und die Wende hin zu Domestizierung und zivilisierter Eroberung einleitet. Diese zentrale Untermauerung der Zivilisation erahnt bereits, auch wenn sie das nicht bemerkt, die Feindschaft zwischen Zivilisation und queerem Verlangen, wie es von Guy Hocquenghem und anderen ausgedrückt wurde; die Art und Weise, auf die queeres Verlangen enthüllt, was die Familie, das Automobil und jeder andere zivilisierte Apparat gemeinsam haben. Dieser Blickwinkel erlaubt uns zu sehen, dass sich der Feind im Geschlecht, mehr als irgendwo anders, über die Zeit selbst projiziert hat, um unsere Träume von einem Außerhalb zu verhindern. Fredy beschreibt diese Dynamik der Projektion folgendermaßen:

Die Meerenge, die uns von der anderen Küste trennt, hat sich seit dreihundert Generationen vergrößert und was auch immer von der anderen Küste kannibalisiert wurde, ist nicht länger eine Spur deren Aktivität, sondern eine Absonderung der unseren: Es ist Scheiße.

Von der Schule zu leeren Tafeln reduziert, können wir nicht wissen, wie es wäre, als Erb*in tausender Generationen der Vision, des Verständnisses und der Erfahrung aufzuwachsen.

Wir können nicht wissen, wie es wäre, zu lernen die Pflanzen wachsen zu hören und das Wachstum zu fühlen. […]

Für den jüngsten Leviathan ist es sehr wichtig geworden, die Existenz eines Außerhalbs zu leugnen. Die Stimmen des Ungeheuers müssen Leviathans Wesenszüge in die prä-leviathanische Vergangenheit projizieren, in die Natur, in das unbekannte Universum.

Das post-hobbesianische künstliche Ungeheuer wird sich seiner selbst als Leviathan bewusst und nicht als Tempel oder Himmelreich oder als Vikariat Christis, und es beginnt seine eigene Verletzlichkeit zu erahnen, seine Vergänglichkeit. Das Ungeheuer weiß, dass es selbst eine Maschine ist und es weiß, dass Maschinen zusammenbrechen, zerfallen und sich sogar selbst zerstören können. Eine krampfhafte Suche nach einer Perpetuum-Mobile-Maschine bringt keine Zusicherungen, die dieser Ahnung entgegenwirken könnten und das Ungeheuer hat keine Wahl, außer sich selbst in die Gefilde der Wesen zu projizieren, die keine Maschinen sind.

Eine aufschlussreiche Geschichte ist die von der Wechselbeziehung zwischen den kolonisierenden französischen Jesuiten und den indigenen Montagnais-Naskapi im Kanada des 17. Jahrhunderts, die von Eleanor Leacock nacherzählt wird, einer feministischen Anthropologin, die sowohl von Zerzan als auch Silvia Federici zitiert wird. Sie beschreibt, dass es für die Jesuiten notwendig wurde, die Montagnais-Naskapi zu »zivilisieren«, um sicherzustellen, dass sie disziplinierte Handelspartner*innen werden. Dieses Unterfangen begann mit der Einführung hierarchischer Geschlechterrollen.

Wie es oft passierte, wenn Europäer*innen in Kontakt mit indigenen amerikanischen Bevölkerungen kamen, waren die Franzosen beeindruckt von der Großzügigkeit der Montagnais-Naskapi, ihrem Zusammenarbeitsgeist und ihrer Gleichgültigkeit gegenüber Status, aber sie waren schockiert von ihrem »moralischen Unvermögen«; sie sahen, dass die Naskapi keine Vorstellung von Privateigentum, Autorität oder männlicher Überlegenheit hatten und sie weigerten sich sogar, ihre Kinder zu bestrafen. Die Jesuiten beschlossen all das zu ändern und traten an, um den Indianern die grundlegenden Elemente der Zivilisation zu lehren, überzeugt davon, dass dies notwendig war, um sie in verlässliche Handelspartner*innen zu verwandeln. In diesem Geiste lehrten sie sie zuerst, dass »der Mann der Herr ist«, dass »in Frankreich Frauen ihre Männer nicht beherrschen« und dass nächtliches Umwerben, Trennung nach Wunsch irgendeiner*s der Partner*innen und sexuelle Freiheit für beide Ehegatt*innen vor oder nach der Hochzeit verboten werden müsse.

Die Jesuiten hatten Erfolg darin, die neu ernannten Stammeschefs davon zu überzeugen, männliche Autorität über die Frauen einzuführen. Verschiedene Naskapi-Frauen flohen vor solch neuen und abstoßenden Zwangsbedingungen, was dazu führte, dass die Männer (aufgrund der Ermutigung durch die Jesuiten) sie jagten und drohten sie zu schlagen und/oder einzusperren, um ihren Gehorsam zu erzwingen. Ein Tagebuch eines jesuitischen Missionars enthält eine stolze Erzählung dieses Ereignisses:

Solche Akte der Gerechtigkeit erregen in Frankreich kein Erstaunen, da es dort üblich ist, auf diese Weise zu verfahren. Aber unter diesen Leuten […], wo sich jede*r von Geburt an für frei betrachtet, wie die wilden Tiere, die in ihren großen Wäldern umherstreifen […] Es ist ein Rätsel oder vielmehr ein Wunder, einen gebieterischen Befehl befolgt zu sehen, oder irgendeinen Akte der Schwere oder der Gerechtigkeit ausgeführt zu sehen.

Eine andere interessante Geschichte über Homosexualität außerhalb der Zivilisation wird in einem kurzen Abschnitt des Journals Species Traitor nacherzählt. Der Abschnitt besitzt die Demut zuzugeben, dass auch wenn wir universelle Homophobie als einzigartig in der modernen Gesellschaft anklagen können, wir nur sehr wenig über die verbreiteten und abweichenden Sexualpraktiken der Mehrheit der Kulturen, die auf der Erde wandelten, wissen können. Der Abschnitt fährt fort, ein Beispiel von zwei Anthropolog*innen zu zitieren, die beim Huaorani-Volk in der Amazonasregion, die heute Teil von Ecuador ist, lebten. Die beiden Anthropolog*innen wurden Zeug*innen einer intimen Umarmung von zwei Huaorani-Männern. Als die Huaorani-Männer bemerkten, dass sie beobachtet wurden, flüsterte der eine dem anderen leise kowudi zu, woraufhin sie peinlich berührt zu den Anthropolog*innen sahen und von dannen gingen. Kowudi bedeutet soviel wie Außenseiter.

Diese beiden Geschichten verdeutlichen prägnant die parteiische Rolle derjenigen, die angeblich unter dem Eindruck der Objektivität oder Neutralität wirken. Die Tagebücher unzähliger Missionar*innen, Entdecker*innen und Anthropolog*innen zeigen, dass ihre Erzählungen von ihren zivilisierten Ansichten zu Geschlecht und Sexualität verschmutzt sind, aber auch, dass eine ihrer vorrangigen Handlungen darin besteht, diese Ansichten den Menschen, die sie studieren, aufzuzwingen. In Witchcraft and the Gay Counterculture verweist Arthur Evans auf verschiedene dieser Ansichten, inklusive einem recht humoristischen Beispiel des griechischen Historikers Diodorus Siculus, der angesichts des Verhaltens keltischer Männer im ersten Jahrhundert vor Christus Ekel empfindet:

Obwohl sie gutaussehende Frauen haben, widmen sie ihnen nur sehr wenig Aufmerksamkeit, sondern sind geradezu verrückt danach, Sex mit Männern zu haben. Sie sind daran gewöhnt, am Boden auf Tierfellen zu schlafen und sich mit männlichen Bettgenossen auf beiden Seiten umherzuwälzen. Ohne jede Rücksicht auf ihre eigene Würde verschwenden sie ohne Weiteres die Blüte ihrer Körper an andere. Und das Unglaublichste dabei ist, dass sie nicht der Meinung sind, dass das schändlich wäre.

All das verweist auf den großen Makel der Anthropologie im Hinblick auf die Frage des Geschlechts. Da die Existenz und Allgemeingültigkeit vergeschlechtlichter Kategorien als gegeben gilt, werden ihre Erzählungen (sowie oft auch ihre Handlungen) immer Gewalt gegenüber einer wilden Breite an menschlicher Erfahrung ausüben, indem sie diese aus ihrem Kontext reißen und die Erfahrung als amputierte und vergeschlechtlichte nacherzählen. Das soll nicht heißen, dass wir diese Geschichten nicht lesen sollten. Stattdessen ist es uns eine Anleitung, wie wir diese lesen sollten. Wenn wir in ihnen irgendeine nützliche Richtung ausmachen wollen, dann nur, indem wir diese Wissenschaftler*innen wie jede*n andere*n Feind*in lesen: kritisch und mit besonderer Aufmerksamkeit gegenüber den Geheimnissen, die zwischen den Zeilen versteckt sind. Und selbst wenn es uns gelingt, dieses oder jenes aus ihnen zu destillieren, so haben wir noch immer nur eine Geschichte von einer Kultur zu einem Zeitpunkt. Diese Geschichten als Repräsentationen und Wahrheiten über alle Menschlichkeit zu verallgemeinern, wie es oft von primitivistischer Anthropologie getan wird, bedeutet unser Verständnis zu falsifizieren und eine Unendlichkeit anderer Möglichkeiten und Geschichten von Menschen jenseits der Fänge der Zivilisation auszuradieren. Es ist die Ehrfurcht vor dieser Unendlichkeit, die unsere Untersuchung von einer wissenschaftlichen unterscheidet. Wissenschaft ist schließlich auch nur ein Mythos unter vielen. Sie unterscheidet sich nur darin, dass sie alle Geschichten außer ihren eigenen ablehnt.

Einige interpretieren diese Geschichten dahingehend, dass Patriarchat eine der ersten Säulen der Zivilisation ist, die durch Domestizierung entstehen. Andere lesen daraus, dass die Geschlechterteilung die erste Dualität ist, die Domestizierung möglich machte. Beide Versionen kreisen um eine dritte Möglichkeit:

Geschlecht ist Domestizierung.

Die beiden angeblich verschiedenen Phänomene erscheinen als sich gegenseitig konstituierend, weil sie eigentlich ein und dasselbe Phänomen sind. Zuvor haben wir gesagt, dass Domestizierung die Gefangennahme von lebenden Dingen durch etwas nicht-Lebendes ist. Sie ist auch der Prozess, in dem Gefangenschaft den lebenden Dingen einverleibt wird, die dann in vorgegebene Rollen geformt werden. Das nicht-lebende Ding ist unsterblich und besteht noch lange über den Tod seiner Gefangenen hinaus und es akkumuliert beständig neue Leben, um sich selbst zu reproduzieren. Geschlecht ist genau diese nicht-lebendige Institution, die Individuen von sich selbst entreißt und sie als vordefinierte Rolle rekonstituiert. Geschlecht wäre ein leere Hülle, wenn es nicht ständig neue Körper gefangen nehmen würde; Körper, die ihm im Gegenzug Leben einhauchen. Ist nicht der erste Einfall der Zivilisation in das Leben eines wilden Neugeborenen immer die Verkündung seines Geschlechts? Es ist die erste Trennung, die alle anderen hervorruft. Geschlecht ist die Chiffre, durch die Leviathan jedes der in seinen Eingeweiden gefangenen Wesen kategorisiert und erfasst. Ein ganzes Schicksal an Erfahrungen wird unseren Körpern durch sie eingeschrieben.

Wir sollten uns auch daran erinnern, dass wir zuvor ein Motiv identifiziert haben, nach dem domestizierte Personen sich auf das Bild von denen, die sie nicht sind und niemals waren, berufen, um ihre eigenen Machenschaften und Gewalt zu rechtfertigen. In Geschlechterrollen [gender] sehen wir all die Arten, auf die die Geschlechterbinarität als Geschlecht [sex] naturalisiert und in die Vorgeschichte projiziert wird, als Erklärung und Rationalisierung (Essentialisierung) all dieser Gewalterfahrungen. Uns wird erzählt, dass es denjenigen, denen Weiblichkeit zugewiesen wird, bestimmt ist, Mütter zu werden und es daher in ihrer Natur liegt, Schmerzen zu ertragen, Haushälterinnen zu sein, sich äußerer Autorität zu fügen. Diejenigen, denen Männlichkeit zugewiesen wird, seien virile Jäger und Krieger, Gewalt und Vergewaltigung seien angeblich ihrer Natur wesenhaft. Homosexuelle seien Fehlentwicklungen in der Natur und daher dazu verdammt, ihre kurzen, brutalen und kranken Leben im Exil zu verbringen. Jede Maske des Natürlichen ist nur wieder eine Lüge, die von Leviathan erzählt wird, um seine eigenen Handlungen zu rechtfertigen.

Ein Verständnis von Geschlecht als Domestizierung wird von den Untersuchungen einer Handvoll antikolonialer Theoretiker*innen wie María Lugones, Andrea Smith und Oyèrónkẹ́ Oyěwùmí untermauert. Smith beispielsweise illustriert grauenvoll den Einsatz sexueller Gewalt als Strategie der Eroberung Amerikas durch Leviathan. [8] Sie argumentiert weiter, dass Kolonialismus selbst von sexueller Gewalt geprägt ist. Lugines als ein anderes Beispiel argumentiert, dass Geschlecht selbst gewaltsam von kolonialer Zivilisation eingeführt wurde. [9] Sie sagt, dass es beständig und bis heute genutzt werde, um Völker, Kosmologien und Gemeinschaften zu zerstören, um den Baugrund des »zivilisierten Westens« zu bilden. Sie argumentiert, dass das koloniale System verschiedene rassifizierte Geschlechter produziert, aber wichtiger noch, Geschlecht selbst als Art und Weise begründet, Beziehungen, Wissen und kosmisches Verständnis zu organisieren. Das ist hilfreich, weil es ein universelles oder natürliches Verständnis von Patriarchat zurückweist, dem eine Kritik des rassischen und heteronormativen Kolonialismus fehlt. Stattdessen hilft uns ihr Argument dabei Geschlecht als etwas zu beschreiben, das sich ausbreitet, das verzehrt und zerstört. Sie beschreibt diesen Prozess als das koloniale/moderne Geschlechtersystem. Dieses System zieht die Naturalisierung der geschlechtlichen Binarität nach sich, die Dämonisierung eines rassifizierten hermaphroditischen Anderen und die gewaltsame Auslöschung von allem außerhalb der Zivilisation: dritten Geschlechtern, Homosexualität, gynozentrischem Wissen und nicht-vergeschlechtlichter Existenz, etc. Oyèrónkẹ́ Oyěwùmí beschreibt in The Invention of Women, dass Geschlecht vor der Kolonialisierung in der Yoruba-Gesellschaft kein Organisationsprinzip war. Sie sagt, dass das Patriarchat erst auftaucht, als die Yoruba-Gesellschaft »ins Englische übersetzt wurde, um dem westlichen Muster der Körperlogik zu entsprechen«. Sie verortet die Dominanz des zivilisatorischen Geschlechtersystems in seiner Dokumentation und Interpretation der Welt. »Forscher*innen werden immer Geschlecht finden, wenn sie danach suchen.«

Im Kolonialismus wurden neue Subjektkategorien von der westlichen Zivilisation konstruiert und als Grundlage des neuen kolonialen Staates rassifiziert und vergeschlechtlicht. Dieser Schaffungsprozess besteht aus verschiedenen Operationen: der Einführung und Verwurzelung von Geschlechterrollen, der Auferlegung männlicher Götter, der Bildung einer patriarchalen, kolonialen Regierung, der Verdrängung der Menschen von ihren traditionellen Wegen der Versorgung und der gewaltsamen Einführung der Familie. Diese Operationen dienen als Neugestaltung, die das Stammesleben und die Spiritualität umformt und vergeschlechtlicht. Diese Vergeschlechtlichung bewirkt mehr als die Schaffung einer viktimisierten Kategorie von Frauen, sondern konstruiert die Männer auch als Kollaborateure der Domestizierung. Lugones verweist auf die britische Strategie, indigene Männer auf englische Schulen zu schicken, wo ihnen das Wesen des zivilisierten Geschlechts gelehrt wurde. Diese Männer sollten innerhalb des kolonialen Staates arbeiten, um die Frauen ihrer vorherigen Macht zu berauben, Krieg zu erklären, Waffen zu tragen und ihre eigenen Beziehungen zu bestimmen. Sie verweist auch auf die spanische Strategie, die Sodomie unter kolonisierten Bevölkerungen zu kriminalisieren, indem es diese mit Rassenhass gegenüber den Mauren und anderen »primitiven« Völkern verbindet.

Diese Theoretiker*innen bedienen sich Geschichten und Beispielen von »dritten Geschlechtern« nicht als buchstäbliche Beschreibung eines dreigeschlechtlichen Systems, sondern als einen Platzhalter für die unendliche Breite körperlicher Möglichkeiten, die außerhalb des kolonialen Systems existieren. Sie argumentieren, dass die Domestizierung als Geschlecht auferlegt worden sein müsse, um all die kommunalen und freien Beziehungen, Rituale und die sich überschneidenden Überlebensmethoden zu zersetzen. Und da das zivilisierte Ideal eines rassifizierten Geschlechts naturalisiert wird, ist alles außerhalb von ihm Freiwild für Gefangenschaft, Herrschaft und Neugestaltung. Der Kolonialismus selbst wird oft durch die rassistische und sexuelle Metapher des weißen männlichen Entdeckers beschrieben, der die Kontinente der dunklen Frau enthüllt und ausplündert, indem er sie zur Unterwerfung zwingt und den Samen der Zivilisation pflanzt.

Aus dieser Perspektive können wir alle Vorkommen von vergeschlechtlichter und rassifizierter Gewalt in unseren Leben als Wiederholung dieser ersten Eroberung begreifen. Sexarbeit, missbräuchliche Beziehungen, Körper-Dysmorphie, Heirat, sexueller Missbrauch, häusliche Gewalt, Date Rape [10], Massenvergewaltigung, Queer Bashing [11], Psychiatrie, Elektroschocktherapie, Essstörungen, Hausarbeit, ungewollte Schwangerschaft, Fetischisierung, emotionale Arbeit, Belästigungen auf der Straße, Pornographie: All diese Beispiele sind Momente, in denen wir uns selbst entrissen werden und von einer*m anderen gefangen genommen und bestimmt werden, als eine brutale Wiederholung des ursprünglichen Bruchs, der uns ein Leben von und für uns selbst verweigerte. In diesem Schema kann die Anpassung und Medikamentierung von queeren und transgeschlechtlichen Personen als Wiedergefangennahme von rebellischen Körpern verstanden werden. Mord durch die Polizei und rassistischer Vigilantismus können ebenso als Formen dieser Gefangennahme verstanden werden.

Es lohnt sich, hier zu bemerken, dass das Verständnis von Geschlecht als Domestizierung sich wesentlich von dem Verständnis von Patriarchat als eine Folge der Domestizierung unterscheidet, und zwar dadurch, dass ersteres ein Bruch mit der Falle des Essentialismus ist. Nichts von dem oben genannten ist auf ein Subjekt der vergeschlechtlichten Welt beschränkt. Vergewaltigung zum Beispiel ist nicht alleine die Erfahrung von Frauen (wie das oft von verschiedenen neuen Aufgüssen des Zweite-Welle-Feminismus behauptet wird), sondern eine ekelhaft weitverbreitete Erfahrung unter Personen aller Geschlechter. Die Annahme, dass irgendeine Form vergeschlechtlichter Gewalt der exklusive Besitz einer Kategorie von Menschen sei, wäre lachhaft, wenn das nicht die Litanei des Schreckens verbieten würde, die dazu dient, das zu widerlegen. Umso unheilvoller ist, dass diese Art von essentialistischen Annahmen die Erfahrung einer ganzen Reihe von sehr realen Erlebnissen vergeschlechtlichter Gewalt verschleiern und beschämen.

Geschlecht als Domestizierung zu verorten ist ein Weg, vergeschlechtlichte Gewalt außerhalb eines essentialistischen und weißen Bezugssystems zu verstehen. Ohne dieses Verständnis sind alle Theorien, die Geschlecht [sex/gender] irgendeine natürliche Dimension zuschreiben (von ökofeministischen bis zu marxistisch-feministischen) strukturell nicht in der Lage dazu, die Gewalt, Gefangenschaft und den Ausschluss zu erklären, die all jene erleben, die von der Geschlechterbinarität oder der heterosexuellen Matrix abweichen. Diese Ideologien werden sich um ein Lippenbekenntnis zu queeren und trans Personen erweitern, aber sie werden nie die Struktur ihrer Theorie verändern. Das läuft auf kaum mehr hinaus als die liberale Politik der Inklusion. Wenn wir Geschlecht dagegen als etwas verstehen, das uns gefangen nimmt, anstatt etwas, das natürlich für uns ist (oder von unserer biologischen Existenz herrührt), können wir damit beginnen, all die Formen der Herrschaft, die von queeren und trans Personen erfahren werden, zu analysieren. Brutalität und Ausschluss können dann als die Kontrollmethoden erkannt werden, durch die Individuen gefangen bleiben; Assimilation und Ausbeutung repräsentieren eine ausgeklügeltere Gefangenschaft. Von hier kann ich die Linie sehen, die die Jungen, die mich als Teeanager Schwuchtel nannten und die schwulen Männer, die mich Jahre später für Sex bezahlten, miteinander verbindet. Alles über die Zurückweisung von Geschlecht folgt aus dem. Die Kritik an Identität, Assimilation, Medikation oder jeder Technik des Selbst wird bedeutungsvoll, sobald sie in dieser Kontinuität steht.

VIII

Wir haben gesagt, dass es einige Geschichten gibt, die von der Anthropologie gestohlen werden können, und die uns bei unserem Verständnis von Geschlecht als Domestizierung helfen könnten. Eine solche Geschichte wird von Gayle Rubin in ihrem Essay The Traffic in Women (nicht zu verwechseln mit Emma Goldmans gleichnamigem Text) erzählt. Dieser Text ist eines der vielen Beispiele feministischer Anthropologie, die Zerzan und andere primitivistische Schreiber*innen in ihrer Theorie von Geschlecht beeinflusst haben. Wir haben uns aus mehreren Gründen dafür entschieden, uns mit Rubins Text kritisch auseinanderzusetzen. Erstens gibt es in ihrem Werk eine Wandlung von feministischer Anthropologie hin zu Queertheorie; das fühlt sich wie eine Parallele zu den Wandlungen in unserer Untersuchung an. Zweitens versteht sie ihr eigenes Schreiben als eine Exegesepraxis, bei der sie andere gegen sich selbst liest, um Schlussfolgerungen zu ziehen, die den Intentionen der Autor*innen widersprechen. Ganz besonders liest sie Lévi-Strauss und Freud (Apologeten und Techniker von Geschlecht) auf der Suche nach Wegen, auf denen ihre Theorien untergraben werden können. Diese Praxis ähnelt interessanterweise unserem Missbrauch eines ganzen Spektrums von Texten. Und schließlich definiert sie ihr eigenes Projekt als einen Versuch, die Ursprünge »der Domestizierung von Frauen« zu verstehen. Während unsere eigene Untersuchung umfangreicher ist, als nur an der Domestizierung eines vergeschlechtlichten Subjekts interessiert zu sein, können wir uns der Faszination für eine Theorie von Geschlecht, die sich direkt mit Domestizierung beschäftigt, nicht erwehren.

Ziel ihres Textes ist es, den »systematischen sozialen Apparat« zu finden, der »Frauen als Rohmaterial« zu »domestizierten Frauen als ein Produkt formt«. Rubin behauptet, dass dieser Apparat von Bedeutung ist, weil er die Leben von »Frauen, sexuellen Minderheiten und bestimmte Aspekte menschlicher Persönlichkeiten in Individuen« dominiert. Sie nennt diesen Apparat das Sex/Gender-System und sie ist der Ansicht, dass sowohl die Anthropologie als auch die Psychoanalyse unbeabsichtigterweise Mechanismen beschreiben, durch die dieses System domestizierte Geschlechter [Gender] aus dem Auftreten von biologischem Geschlecht [Sex] konstruiert. Es ist ein wenig unglücklich, dass Rubin die Geschlecht/Geschlechterrolle [sex/gender]-Dichotomie vertritt, die wir bereits weiter oben kritisiert haben, aber dieser Überblick sollte uns nicht davon abhalten, ihre Studie nutzen zu können. Immerhin, selbst ohne eine Konzeption von naturalisiertem Geschlecht [sex], sind wir noch immer daran interessiert den sozialen Apparat zu verstehen, der wilde Wesen in domestizierte, vergeschlechtlichte Produkte verwandelt.

Es ist interessant genug, dass sie ihre Untersuchung dieses Apparats damit beginnt, das Scheitern des marxistischen Feminismus darzulegen, ihn zu beschreiben. Sie schrieb Traffic zu einer Zeit, als marxistische Feminist*innen wie Selma James, Mariarosa Dalla Costa und Silvia Federici eine Theorie der »reproduktiven Arbeit« formulierten und besonders der Arbeit, die von Hausfrauen ausgeübt wurde, als die Wurzel der Ausbeutung und Unterdrückung der Frauen. Diese Theorie entstammte einer Sehnsucht dieser Frauen, eine Theorie von vergeschlechtlichter Unterdrückung zu entwickeln, die im Einklang mit der kapitalistischen Produktionsweise war.

Essen muss gekocht werden, Kleidung gewaschen, Betten gemacht und Holz gehackt. Hausarbeit ist daher ein Schlüsselelement im Prozess der Reproduktion der*s Arbeiter*in, mit der*m der Mehrwert erzeugt wird. Da es üblicherweise Frauen sind, die die Hausarbeit verrichten, ist beobachtet worden, dass Frauen durch die Reproduktion der Arbeitskraft in die Mehrwert-Generierung integriert werden, die die unabdingbare Voraussetzung des Kapitalismus ist. Weiter kann argumentiert werden, dass, weil kein Gehalt für Hausarbeit gezahlt wird, die Hausarbeit der Frauen in voller Höhe zum Mehrwert, den die*der Kapitalist*in generiert, beiträgt. Aber die Nützlichkeit von Frauen für den Kapitalismus zu erklären ist eine Sache. Zu argumentieren, dass diese Nützlichkeit die Entstehung der Unterdrückung von Frauen erklärt, ist eine ganz andere. Genau an diesem Punkt hört die Analyse des Kapitalismus auf, etwas Wesentliches über Frauen und die Unterdrückung von Frauen zu erklären.

Diese Grenze – die Verbindung der Ausbeutung der Subjekte durch den Kapitalismus mit dem Beweis, dass Kapitalismus der Ursprung dieser Subjekte ist – ist Beigeschmack aller selbst so genannten »wisschenschaftlichen« Disziplinen, die dazu neigen, eine Geschichte zu einer materialistische Theorie zu verallgemeinern, die die Ökonomie als die Ursache aller Übel verortet. Davon ausgehend identifiziert sie eine große Bandbreite nichtkapitalistischer Kulturen, die entschieden patriarchal sind, inklusive des prä-kapitalistischen feudalen Europas. Dann führt sie mehrere Praktiken geschlechtlicher Herrschaft auf (Füßebinden, Keuschheitsgürtel und andere fetischisierte Demütigungen), die von einer marxistischen Analyse der Reproduktion der Arbeitskraft nicht erklärt werden können. Sie argumentiert, dass der marxistische Feminismus bestenfalls die Formen erklären könne, auf denen der Kapitalismus fuße und die von bereits existierenden Kräften der sozialen Kontrolle ausgeübt würden. »Die Analyse der Reproduktion der Arbeitskraft erklärt nicht einmal, warum es üblicherweise Frauen und nicht Männer sind, die die Hausarbeit verrichten.« Sie argumentiert, dass die Ökonomie nicht das moralische Element erklärt, das bestimmt, dass eine Ehefrau unter den Waren ist, die von einem Mann besessen werden müssen, nicht, warum nur Männer mit Gott sprechen können, nicht, warum Frauen diejenigen sind, die die häusliche Arbeit verrichten. Für sie ist dieses moralische Element das gewaltige und unerforschte Terrain, aus dem vergeschlechtlichte Gewalt stammt und das die Basis der Femininität und Maskulinität ist, die der Kapitalismus später übernommen hat. Sie widmet den Rest ihrer Studie diesem Element. Sie schließt ihre Kritik an marxistischem Feminismus ab, indem sie die Dummheit der Reduktion der Tragweite des sex/gender-Systems auf bloß »die reproduktive« Sphäre veranschaulicht. Für sie ist dieses System viel zu exzessiv, als dass es nur der reproduktive Aspekt der industriellen Produktion sein könnte. Um ganz davon zu schweigen, dass es auch auf seine eigene Art und Weise produktiv ist: indem es beispielsweise vergeschlechtlichte Subjekte produziert. Sie behauptet, dass die Ursprünge geschlechtlicher Herrschaft außerhalb der Produktionsbedingungen verortet werden müssen.

Sie beginnt ihren Versuch dieses Außerhalb zu finden damit, die Schriften von Lévi-Strauss hinsichtlich seiner Erkundungen früher Verwandschaftsstrukturen zu betrachten. Seine Schriften sehen Geschlecht und Sexualität im Zentrum dieser Strukturen; er entwickelt eine Theorie, die ihre Essenz mit dem Austausch von Frauen zwischen Männern verschiedener sozialer Gruppen verbindet. Rubin ist der Ansicht, dass er damit eine implizite Theorie vergeschlechtlichter Gewalt skizziert hat. Er kommt zu dieser Schlussfolgerung, vor allem nachdem er die Rolle des Geschenkeaustauschs in prä-staatlichen Zusammenhängen studiert hat. Er ist der Ansicht, dass der Austausch von Geschenken der erste Schritt auf dem langen Weg hin zur Entwicklung einer »Zivilgesellschaft« und dem Staat war. Für ihn ist die Hochzeit eine der bedeutendsten Formen des Geschenkeaustauschs, wobei Frauen selbst das Geschenk sind, das von einem Mann zum nächsten übergeben wird. Davon ausgehend analysiert er das Tabu des Inzests als ein Mittel des Policings und der Erzwingung dieses Austauschs von Frauen als Geschenk. Das Tabu diene weniger dazu endogame Sexualbeziehungen zu verhindern, sondern vielmehr dazu, den Austausch von Schwestern und Töchtern in exogame Beziehungen [12] zu befördern; es sei ein früher Ausdruck der Warengesellschaft. Der Austausch menschlicher Wesen ist machtvoller als andere Geschenke, da er nicht nur ein wechselseitiges Abkommen ist, sondern eines der Verwandtschaft. Das resultiere in einer längerfristigen und umfassenderen Beziehung, die alle anderen Formen des Austauschs durch das etablierte Verwandtschaftsnetzwerk bestimmt.

Die Hochzeitszeremonien, die in der ethnografischen Literatur festgehalten sind, sind Momente einer ständigen und geordneten Prozession, in der Frauen, Kinder, Muscheln, Worte, Vieh, Namen, Fisch, Vorfahren, Walzähne, Schweine, Süßkartoffeln, Zaubersprüche, Tänze, Matten und so weiter von Hand zu Hand gehen und als Spuren die Bänder, die verbinden, zurücklassen. Verwandschaft ist Organisierung und Organisierung verleiht Macht.

Organisierung ist demnach eine ursprüngliche Struktur der Macht zwischen denen, die andere austauschen. Dieser Unterschied zwischen den Ausgetauschten und ihren Austauschern ist eine grundsätzliche Trennung in dem System, das wir Geschlecht nennen. Für Rubin besteht diese Trennung zwischen Männern als Organisator*innen und Frauen als Kanal für die Organisierung; Männern als Austauschpartnern und Frauen als Geschenke. Die Zirkulation von Frauen verleiht den Männern, die sie austauschen, die mystische Macht der Verwandtschaft; die Männer profitieren von der daraus folgenden sozialen Organisierung. Die vielen Permutationen von vergeschlechtlichter Organisierung heute würden nicht von diesem unendlichen Austausch von Körpern abweichen. Frauen werden in die Ehe gegeben, im Kampf geraubt, gegen Gefälligkeiten ausgetauscht, als Tribut gesandt, gehandelt, gekauft und verkauft. Weit davon entfernt, sich nur auf die »primitive Welt« zu beschränken, scheinen diese Praktiken in »zivilisierteren« Gesellschaften nur ausgeprägter und kommerzialisierter zu sein. Rubin hält dieses Konzept für sinnvoll, weil es die Entstehung von Geschlecht in sozialen Strukturen verortet anstatt in der Biologie. Weiter versteht es geschlechtliche Herrschaft tiefer im Austausch von Körpern verwurzelt als im Austausch von Waren. Hier wird Geschlecht nicht als Funktion der Reproduktion wegerklärt, sondern ist die Produktion selbst. Es ist ein ganzes System, das individuelle Körper als vergeschlechtlichte Subjekte produziert und zur Produktion von Verwandtschaftsstrukturen austauscht. Dieses System tauscht nicht nur Frauen aus, sondern auch Abstammung, Namen, soziale Macht und Kinder. Die Einführung von vergeschlechtlichter Gewalt entsteht durch dieses System, in dem Geschlecht [sex] und Geschlechterrollen [gender] organisiert werden; die ökonomische Ausbeutung von diesem oder jenem Geschlecht ist demgegenüber nebensächlich.

Diese Geschichte ist für die größere, die wir zu ersinnen versuchen, relevant, weil sie Geschlecht als untrennbar verbunden mit einem Monster, das Rubin euphemistischerweise soziale Organisation nennt, begreift. Wir würden dieses Monster Domestizierung nennen und durch diese Geschichte können wir eine Menge über seinen Charakter und seine Neigungen bestimmen. Rubin scheut sich natürlich, wie das für das Akademische typisch ist, vor der Gesamtheit dieser Schlussfolgerungen. Sie sagt, dass, weil Lévi-Strauss diesen Austausch als den Beginn der Kultur der Zivilisation verortet hat (»seine Analyse impliziert, dass der welthistorische Sieg über die Frauen zusammen mit dem Ursprung der Kultur auftrat und eine Voraussetzung für Kultur ist«), sich an eine strikte Interpretation der Theorie zu halten auch implizieren würde, dass es ihre »feministische Aufgabe« sei, diese Kultur zu zerstören. Diese Zerstörung bleibt undenkbar innerhalb ihres Denksystems. Wieder einmal entscheiden wir uns den Pfaden zu folgen, die andere meiden. Dass ein Argument auf die notwendige Zerstörung von allem verweist, ist genau der Grund, aus dem wir ihm folgen.

Die zweite Geschichte, die Gayle Rubin wiedergibt, ist eine gewöhnlichere: Die der Psychoanalyse und ihrem Ödipuskomplex. Rubin beschimpft die Psychoanalyse richtigerweise für ihre Tendenz mehr als eine Theorie über die Mechanismen, die Geschlecht und Sexualität reproduzieren, zu sein; sie argumentiert, dass sie größtenteils zu einem dieser Mechanismen geworden ist. Daraus schlussfolgert sie, dass eine Revolte gegen die Mechanismen von Geschlecht auch eine Kritik an der Psychoanalyse sein müsse. Diese Kritik ist für uns nicht neu: Hocquenghems queere Zurückweisung der Zivilisation basiert auf genau dieser Zurückweisung der Psychoanalyse. Rubin betrachtet die gleichen Konzepte wie Hocquenghem in dem Versuch, ihre Theorie der Entstehung von Geschlecht herauszuarbeiten. Vorrangig beschäftigt sie sich damit, wie Psychoanalyse Hinweise darauf geben kann, wie Kinder in die Kategorien Mädchen und Jungen gezwungen werden. Ihre Exegese der Psychoanalyse konzentriert sich vor allem auf Lacan, der seine Anstrengungen als Versuch begreift, die übrig gebliebenen Spuren in der individuellen Psyche zu finden, die durch die Einberufung in Verwandtschaftsstrukturen entstanden sind, sowie die der Transformation ihrer Sexualität, wenn sie in die zivilisierte Kultur integriert wird. Für Rubin ist dies eine nette Ergänzung zu Lévi-Strauss; wo sie bereits den Austausch von Individuen innerhalb eines Geschlechtersystems erforscht hat, wendet sie sich nun den innneren Gegebenheiten derer zu, die ausgetauscht werden. Sie beginnt mit Ödipus:

Eine ödipale Krise tritt auf, wenn ein Kind die sexuellen Regeln erlernt, die hinsichtlich der Familie und Verwandten gelten. Die Krise beginnt, wenn das Kind das System und seinen oder ihren Platz darin begreift; Vor der ödipalen Phase ist die Sexualität des Kindes […] unstrukturiert. Jedes Kind enthält all die sexuellen Möglichkeiten, die dem menschlichen Ausdruck zur Verfügung stehen. Aber in jeder gegebenen Gesellschaft werden nur einige dieser Möglichkeiten ausgedrückt werden, während andere unterdrückt sein werden. Wenn das Kind die ödipale Phase abschließt, sind seine Libido und Geschlechtsidentität gemäß den Regeln der Kultur, die es domestiziert, organisiert worden […]

Der ödipale Komplex ist ein Apparat für die Produktion sexueller Persönlichkeit. Gesellschaften werden ihrem Nachwuchs die Charakterzüge einprägen, die geeignet sind, die Angelegenheit der Gesellschaft fortzuführen […], so wie die Transformation der Arbeiterklasse in gute industrielle Arbeiter. Ebenso wie die sozialen Formen der Arbeit bestimmte Arten von Persönlichkeit erfordern, erfordern auch die sozialen Formen von Geschlecht [sex] und Geschlechterrollen [gender] bestimmte Arten von Menschen. Allgemein gesprochen ist der ödipale Komplex eine Maschine, die die geeigneten Formen sexueller Individuen formt.

Die Psychoanalyse beschäftigt sich großteils damit, wie ein Kind sich dieser Maschine ordnungsgemäß anpassen kann. Rubin würde sagen, dass die Maschine verändert werden muss. Wir versichern, dass die Maschine zerstört werden muss. Rubin führt die Funktionsweise der Maschine mit einem ähnlich vertrauten Konzept aus, dem Phallus. Sie betont, dass der Phallus vorrangig ein Symbol der Zugehörigkeit zu einer vergeschlechtlichten sozialen Ordnung ist und weniger ein biologisches Objekt. Der Vater besitzt ihn und kann ihn gegen eine Frau eintauschen; Wenn sich ein Junge benimmt und geeignet domestiziert wird, kann auch er eines Tages den Phallus besitzen. Dem Mädchen wird er verweigert und dementsprechend besitzt es nichts, mit dem es sich einen erkaufen kann. Der Phallus wird durch besonders vergeschlechtlichte Körper übertragen und stützt sich auf andere. Auf die gleiche Art und Weise, auf die auch das Verwandschaftssystem, wie es von Lévi-Strauss spezifiziert wird, bestimmten Personen die Möglichkeit gibt, andere als Ware auszutauschen, ist der Phallus die mystische Dimension der Zugehörigkeit, die im Gegenzug für diese Körper gehandelt wird. Für Rubin bilden diese Systeme eine sich gegenseitig verstärkende Dynamik, durch die Frauen ihrer bloßen Existenz beraubt werden und von Männern besessen und ausgetauscht werden. Die Verknüpfung dieser Männer durch ihren Austausch der Frau und des Phallus erschafft die sozialen Bande, auf deren Basis die organisierte Zivilisation beruht.

Rubin betont, dass jeder Teil des Körpers eine aktive oder passive erotische Stelle sein kann. Aber durch die Durchdringung bestimmter Kategorien von ähnlicher Anatomie durch die soziale Macht des Phallus konzentriert die Domestizierung die erotische Macht auf bestimmte Regionen und entreißt den vergeschlechtlichten Individuen alle anderen Möglichkeiten. Die Psychoanalyse argumentiert, dass diejenigen, die als Mädchen vergeschlechtlicht werden, gezwungen werden, ihre Position innerhalb einer vergeschlechtlichten Ordnung zu akzeptieren, in der sie von ihrem Zugang zum Phallus oder zu sozial anerkannter Erotik getrennt wurden. Die traditionelle Psychoanalyse beschreibt das als die Bildung der weiblichen Persönlichkeit. Rubin bricht damit, indem sie das stattdessen als eine sozialisierte Erzwingung psychischer Brutalität beschreibt, die junge Kinder zwingt, eine Logik der Unterwerfung zu verinnerlichen. Die normative Interpretation dagegen ist, dass man lernt, diese Unterwerfung zu akzeptieren und daran Gefallen findet. Hier ermöglichen die Wisschenschaftler*innen der Psychoanalyse die triumphale Rückkehr des biologischen Essentialismus – indem sie den Schmerz der Penetration und der Geburt eines Kindes mit einer nun rationalisierten Verinnerlichung der Unterwerfung verbinden. Rubin würde argumentieren, dass diese Theorie normativ funktioniert, um die geschlechtliche Ordnung zu naturalisieren und zu legitimieren und für diese Funktion angegriffen werden muss. Sie schlägt eine subversivere Lesart vor als eine Diagnose dessen, wie genau diese Maschine funktioniert. Unsere Lesart davon sollte erhellen, wie diese Maschine irreparabel sabotiert werden kann.

Für Rubin beginnt eine subversive Lesart dieser beiden Geschichten damit, Aspekte des Geschlechtersystems zu enthüllen, die andernfalls verborgen blieben. Sie nennt diese vorläufige Entwürfe der sozialen Maschinerie. Andere würden sie heute eine Studie von Apparaten nennen. In diesen Entwürfen skizziert sie ein System, das so eigensinnig und monumental ist, dass es nicht durch winzige Reformen gebannt werden kann. Für sie zeigt die hübsche Übereinstimmung zwischen den beiden Geschichten, dass die alten Methoden der Gefangennahme und des Austauschs bis heute fortdauern. Sie nennt diese Methoden Domestizierung. Sie argumentiert, dass Domestizierung immer stattfinden wird und dass der wilde Überfluss sexueller Möglichkeiten im menschlichen Körper immer gezähmt werden wird. Und so argumentiert sie recht zynisch für eine »feministische Revolution«, um diese Maschinerie zu erobern und sie dazu zu nutzen, die »menschliche Persönlichkeit von der Zwangsjacke des Geschlechts zu befreien.« Wir haben keine Hoffnung, dass diese Maschinere jemals auf einer globalen Ebene zerstört werden wird, aber das bedeutet nicht, dass wir daran glauben, sie für unsere eigenen Zwecke zu erobern. (Ebensowenig wie wir Interesse daran haben, staatliche Macht zu erlangen oder die Produktionsmittel.) Unsere Anarchie besteht in der Zerstörung dieser Maschinen und unserer Flucht aus ihnen. Fredy Perlman argumentierte, dass Leviathan etwas Totes ist, das nur zu künstlichem Leben erwacht, wenn lebende Dinge es als Gefangene bevölkern. Wenn wir sagen, dass Geschlecht Domestizierung ist, dann ist Leviathan ein und dasselbe wie die oben beschriebene vergeschlechtlichte Maschinerie. Die Maschinerie zu erobern wird den Albtraum des Geschlechts nur fortführen: Wir müssen einen Fluchtweg aus ihr finden.

Rubin argumentiert, dass die Disziplinen der Psychoanalyse und Anthropologie als ausgeklügeltste Rationalisierungen des Sex/Gender-Systems funktionieren. Wir können das als Parallele zu dem vorherigen Argument hinsichtlich anthropologischer Dokumentation/Erzwingung von Heteronormativität sehen. Beobachtung ist immer eine Funktion der Kontrolle. Diese Wissenschaften, die darauf abzielen, die Welt zu analysieren, werden Blaupausen dafür, wie die Welt strukturiert werden könnte, um ihre Visionen von ihr zu erfüllen. Wir sind der Meinung, dass dies für Wissenschaft im Allgemeinen gilt; später werden wir behaupten, dass das Gleiche für die Wissenschaft des historischen Materialismus gilt. Und so müssen wir, ebenso wie wir eine antagonistische Lesart der anthropologischen Geschichten entwickeln müssen, auch eine Lesart dieser Darstellungen entwickeln. Dabei suchen wir nicht nach Wegen, die Maschinen aufrechtzuerhalten oder zu verändern. Wir lesen diese, wie ein Gefangener die gestohlenen Pläne eines Gefängnisses studieren wird; als eine feindliche Operation auf der Suche nach den Schwachstellen. Diese Blaupausen sind für uns überhaupt nicht von Interesse, sie stehen für die Welt, die wir hinter uns lassen wollen; und doch sind diese Bilder zweidimensional, bloße Linien und unergründliche Symbole.

Die Darstellung, die uns gezeigt wird, ist nicht die, die vom marxistischen Feminismus gezeichnet wurde. Die Wirtschaft ist ein Aspekt unserer Gefangenschaft, aber sie ist nicht das A und O von Geschlecht. Dieses Terrain ist sexuell, psychologisch, ererbt, familiär, technologisch und moralisch. Es mag auch ökonomisch und politisch sein, aber nicht in irgendeiner vorrangigen Hinsicht. Das Geschlechtersystem nähert sich der Gesamtheit all der Wege, auf denen wir gefangen sind und der Wege, auf denen wir diese Position internalisieren, an. Rubin schlägt sogar vor, dass die Form des Staates selbst aus diesem verschwommenen Netz phallischer Verwandschaft entstanden sein mag. Wenn wir Geschlecht nicht als Gesamtheit verstehen und bekämpfen können, werden wir niemals in der Lage sein, den Fluch der grauen Vorväter zu brechen.

Auch wenn wir mit Rubin in vielen ihrer (vorrangig politischen und feministischen) Schlussfolgerungen nicht übereinstimmten und von ihrer Form und Obsession für die Schriften von Männern der Wissenschaft eher gelangweilt sind, müssen wir ihren Ermittlungsansatz würdigen. Wir können sowohl an ihre Praxis der ketzerischen Lesart als auch an ihre Unwilligkeit, die einfachen Antworten hinzunehmen, anknüpfen. Indem sie sowohl die Konzeptionen von Geschlecht als natürlich als auch als ökonomisch problematisiert, bietet sie einen Weg, um sowohl die Fallstricke einer ökofeministischen Theorie als auch einer marxistisch-feministischen Theorie zu vermeiden. Ihr Ansatz ist einer, der wertvoll ist, wenn es unsere Absicht ist, Geschlecht im Augenblick der Domestizierung zu verorten, nicht mehr und nicht weniger.

Am nützlichsten erweisen sich ihre beiden Geschichten vielleicht im Zusammenspiel mit dem, was wir die zweifache Natur der Domestizierung nennen würden: körperlich und spirituell. Auf der einen Seite nimmt Domestizierung die Form der Gefangenschaft und des Austauschs von Körpern innerhalb einer sozialen Ordnung an. Auf der anderen beinhaltet sie die spirituelle Zähmung dieser Individuen, die Verinnerlichung eines Geists der Unterwerfung. Das sind keine zwei voneinander getrennten Phänomene, sondern sich gegenseitig konstituierende Elemente einer sich selbst reproduzierenden Dynamik von Geschlecht. Form und Inhalt. Schließlich ist eine spirituelle Bindung das Ergebnis des Austauschs von Körper-Waren, ebenso wie die ödipale Logik der Unterwerfung mit der Gefangenschaft innerhalb einer bestimmten Konstellation des Körpers einhergeht. Jeder Angriff auf und jede Einschränkung des Körpers begünstigt die Entwicklung einer fügsamen spirituellen Einstellung. Jede Entfremdung und Enteignung von irgendeiner Dimension unserer körperlichen Existenz führt zu einer analogen Fragmentierung unserer Psyche. Die Dualität von Geschlecht [sex] und Geschlechterrollen [gender] kann als körperliche Form und spiritueller Inhalt des Domestizierungsprozesses verstanden werden. Die symbolische Umordnung des Körpers (wie mit dem Phallus) wird von einem Fetisch begleitet. All die geschädigten Subjektivitäten stammen direkt aus dieser Gefangennahme des Körpers. Ebenso bringt uns unsere spirituelle Komplizenschaft mit dem vergeschlechtlichten Leviathan dazu, unsere Körper im Streben nach irgendeiner mythischen Zugehörigkeit einzutauschen. Dieses Zusammenspiel führt zu der Erschaffung des vergeschlechtlichten Körpers und des domestizierten Geistes. Anderswo wird das Identitätsbildung genannt. Die Dualitäten von Geschlecht [sex] und Geschlechterrollen [gender] können als körperliche Form und spiritueller Inhalt des Domestizierungsprozesses verstanden werden.

Wir müssen dieses Verständnis weiter vertiefen als Rubin, indem wir die Dualität von Rasse [race] als wesentlich für diese körperliche und spirituelle Dynamik begreifen. Auf die gleiche Art und Weise, auf die Geschlecht Körper einteilt und sie für die Zirkulation markiert, arbeitet Rasse [race] diese Trennung weiter aus. Diejenigen, die beispielsweise als schwarze Frauen gefangen werden, wurden innerhalb des Sklavensystems herumgereicht und als hypersexuell, pervers und strapazierfähig markiert, was als Legitimation für Vergewaltigung, harte Artbeit und erzwungene Reproduktion diente. Die Kinder, die sie produzierten, wurden ihnen weggenommen und weitergereicht, während sie selbst gezwungen wurden, die weißen Kinder ihrer Herr*innen zu säugen. Die rassistischen Figuren von der Mama und der sexuell agressiven Frau wurden (und werden noch immer) dazu genutzt, die Zirkulation und die Herrschaft über die Körper von schwarzen Frauen zu rechtfertigen.

Wir müssen uns offensichtlich auch dem latenten Essentialismus in Rubins Erzählung widmen. Während sie selbst einige Kritik an ihnen mimt, importiert sie schließlich doch bei weitem zu viel von einer Konzeption eines naturalisierten Geschlechts von den Männern, die sie liest. Es liegt an uns, diese Dynamik der körperlichen und spirituellen Domestizierung als Grundlage aller vergeschlechtlichten Gewalt zu verorten und nicht nur als Gewalt gegen Frauen. Wir haben bereits gesagt, dass keine vergeschlechtlichte Gewalt nur für eine Kategorie existiert, aber es schadet nichts, das zu wiederholen. Diese Dynamik ist ebenso beim systematischen Missbrauch junger Männer durch Priester im Spiel wie in den Gruppenvergewaltigungen in Militärbaracken und Studentenverbindungen sowie in der Sexsklaverei in Gefängnissen. Die Zirkulation von Körpern ist in diesen Extrembeispielen offensichtlich, aber sie findet auch subtiler statt: in der Werbung und der Pornographie (schwuler wie heterosexueller), beim Dating (sowohl in monogamen als auch in polyamoren Varianten), in der Sex- und der Dienstleistungsarbeit, auf den technophilen Wegen, auf denen wir cruisen und auf den Wegen, auf denen wir lernen. Sie ist in dem »mein«, das stets mit den Begriffen Freund, Ehefrau, Tochter, Partner*in auftritt, enthalten. Sie ist das, was in den Initiationsriten von Geheimbünden von Ehemännern, Vergewaltigern und Gefängniswärtern unausgesprochen bleibt. All das – vom abscheulichsten zum banalsten – ist die nicht endende Dynamik körperlicher Gefangenschaft, spiritueller Unterwerfung und Zirkulation.

IX

Während die Ekstase der ehemals lebendigen Gemeinschaft innerhalb des Tempels verblasst und einen langsamen, schmerzhaften Tod erleidet, verlieren die menschlichen Wesen außerhalb der Einfriedung des Tempels, aber innerhalb des Staates, ihre innere Ekstase. Der Geist schrumpft in ihnen zusammen. Sie werden zu beinahe leeren Schalen. Wir haben das sogar in Leviathanen geschehen sehen, die zumindest ursprünglich auszogen, um sich eines solchen Schrumpfens zu erwehren.

Während die Generationen vergehen, verwandeln sich die Individuen in den Eingeweiden des Kadavers, die Maschinist*innen der Abschnitte des großen Wurmes, zunehmend in die Federn und Räder, die sie bedienen, so sehr, dass sie einige Zeit später nur noch als Federn und Räder erscheinen. Sie werden aber niemals vollständig zu Automaten; Hobbes und seine Nachfolger*innen mögen das bedauern.

Menschen werden niemals vollständig zu leeren Schalen. Ein Funken Leben verbleibt in den Gesichtslosen […], die mehr wie Federn und Räder aussehen als wie menschliche Wesen. Sie sind potentielle menschliche Wesen. Sie sind trotz allem die Lebewesen, die verantwortlich dafür sind, den Kadaver zum Leben zu erwecken, sie sind die jenigen, die Leviathan reproduzieren, ihn abstillen und bewegen. Sein Leben ist nichts als ein geborgtes Leben; weder atmet es, noch vermehrt es sich; es ist nicht einmal ein lebendiger Parasit; es ist eine Ausscheidung und sie sind diejenigen, die es ausscheiden.

Die zwanghafte und zwingende Reproduktion des Lebens des Kadavers ist Thema von mehr als nur einem Essay. Warum tun die Menschen das? Das ist das große Mysterium zivilisierten Lebens.

Es genügt nicht zu sagen, dass die Menschen gezwungen werden. Die ersten Gefangenen mögen es nur tun, weil sie physisch gefangen sind, aber physische Gefangenschaft erklärt nicht mehr, warum ihre Kinder an ihren Hebeln festhalten. Es ist nicht so, dass der Zwang vergeht. Er tut es nicht. Arbeit ist immer erzwungene Arbeit. Aber es passiert etwas anderes, etwas, das den physischen Zwang ergänzt.

Zunächst wird die auferlegte Aufgabe als Bürde betrachtet. Der neue Gefangene weiß, dass er kein Klempner ist, er weiß, dass er ein freier Kanaanäer ist, bis zum Rand gefüllt mit extatischem Leben, da er noch immer den Geist der levantinischen Berge und Wälder in ihm pulsieren spürt. Das Klempnern ist etwas, das er tut, um nicht abgeschlachtet zu werden; es ist etwas, das er bloß trägt, wie eine schwere Rüstung oder eine hässliche Maske. Er weiß, dass er die Rüstung abwerfen wird, sobald sein Chef ihm den Rücken zukehrt.

Aber die Tragödie dabei ist, dass, je länger er die Rüstung trägt, desto weniger ist es ihm möglich, sie abzulegen. Die Rüstung klebt an seinem Körper fest. Die Maske verschmilzt mit seinem Gesicht. Versuche die Maske zu entfernen werden immer schmerzhafter, da sich mit ihr die Haut abschält. Das menschliche Gesicht ist noch immer unter der Maske, ebenso wie es noch immer einen potenziell freien Körper unter der Rüstung gibt, aber das bloße Belüften dieser erfordert beinahe übermenschliche Anstrengung.

Und als wäre all das nicht schlimm genug, beginnt auch etwas mit dem inneren Leben des Individuums zu passieren, mit seiner Ekstase. Sie beginnt auszutrocknen. Ebenso wie der lebendige Geist früherer Gemeinschaften schrumpfte und erstarb, als dieser in den Tempel eingesperrt wurde, so schrumpft auch der Geist des Individuums und stirbt schließlich in der Rüstung. Sein Geist kann in einem geschlossenen Gefäß nicht besser atmen, als es der Gott konnte. Er erstickt. Und sowie das Leben in ihm schrumpft, lässt es ein wachsendes Vakuum zurück. Die gähnende Leere wird ebenso schnell gefüllt, wie sie entstanden ist, aber weder mit Ekstase, noch mit lebenden Geistern, der leere Raum wird mit Federn und Rädern gefüllt, mit toten Dingen, mit der Substanz Leviathans. [13]

X

Wir haben Domestizierung als einen Prozess begriffen, der uns innerhalb eines Monsters einfängt und selbst unser Wesen mit der Essenz des Monsters befällt. Wir setzen das Unterfangen fort, dieses Monster Geschlecht zu nennen. Fredy Perlman nannte es Leviathan, hatte aber auch einen Namen für seinen Geist: seine Geschichte [His-story]. Wenn Domestizierung uns in die Form von Leviathan integriert, dann verzaubert sie uns mit seiner Geschichte [His-story]. Also wenden wir uns dieser Verzauberung zu:

Seine Geschichte [His-story] ist eine Chronik der Taten der Männer am Phallus-Steuer von Leviathan und in ihrem weitesten Sinne ist sie die »Biografie« dessen, was Hobbes den Künstlichen Mann genannt hat. Es gibt so viele Geschichten [His-stories], wie es Leviathane gibt.

Aber seine Geschichte tendiert aus dem gleichen Grund zu einer singulären zu werden, aus dem die Sumer und nun der gesamte fruchtbare Halbmond singulär werden. Der Leviathan ist ein Kannibale. Er isst seine Zeitgenossen ebenso wie seine Vorgänger. Er liebt eine Vielfalt an Leviathanen ebenso wenig, wie er die Erde liebt. Sein Feind ist alles außerhalb von ihm selbst.

Seine Geschichte [His-story] erblickte das Licht der Welt mit dem Ur, dem ersten Leviathan. Vor oder außerhalb des ersten Leviathans gibt es keine Geschichte [His-story].

Die freien Individuen einer Gemeinschaft ohne Staat hatten per Definition keine Geschichte [His-story]: Sie wurden nicht von einem unsterblichen Kadaver umgeben, der das Subjekt seiner Geschichte [His-story] ist. Eine solche Gemeinschaft bestand aus einer Pluralität an Individuen, einer Zusammenkunft von Freiheiten. Die Individuen hatten Biografien und sie waren diejenigen von Interesse. Aber die Gemeinschaft als solche hatte keine »Biografie«, keine Geschichte [His-story].

Leviathan dagegen hat eine Biografie, eine künstliche. »Der König ist tot, lang lebe der König!« Generationen scheiden dahin, aber Ur lebt weiter. Innerhalb des Leviathans ist eine interessante Biografie ein Privileg, das nur sehr wenigen oder nur einem übertragen wird; der Rest besitzt langweilige Biografien, die einander ebenso gleichen wie die ägyptischen Kopien von einst wunderschönen Originalen. Das Einzige was noch von Interesse ist, ist Leviathans Geschichte, zumindest für seine Schriftgelehrten und seine His-toriker*innen.

Für andere ist Leviathans Geschichte wie die seiner Herrscher*innen eine »Erzählung von einem Idioten, voll von leerem Schall, der nichts bedeutet«, wie Macbeth weiß. Der Herrscher wird von einem Eroberer oder einem Thronräuber getötet und seine großen Taten sterben mit ihm. Die unsterbliche Geschichte des Wurmes endet, wenn sie von einem anderen unsterblichen verschlungen wird. Die Geschichte des Verschlingens ist Thema der Welt-geschichte [World His-story], die durch ihren Namen bereits einen einzigen Leviathan andeutet, der die ganze Erde in seinen Eingeweiden gefangen hält.

Ein*e Freund*in betrachtete dies in dem nihilistischen Journal Attentat [14] so, dass das bedeute, dass Leviathan beständig verwest und dass seine Biograf*innen darauf trainiert sind, diese Verwesung nicht zu bemerken. Stattdessen ersinnen Historiker*innen und Intellektuelle Geschichten, um die Bewegungen des Ungeheuers durch die Zeit zu erklären. Das wird oft Geschichte genannt, kann aber auch Fortschritt genannt werden, Schicksal, usw. Die*der Autor*in in Attentat sagt, dass dieses subtile Argument in Fredys Denken vollständig mit jeder linearen (sowohl progressiven als auch regressiven) Betrachtung der Geschichte bricht und stattdessen argumentiert, dass Geschichte

ein Prozess von wachsender Komplexität, Zerstörungskraft, dem Zerfall früherer Epochen (zusammen mit ihren Einstellungen, Ideen, Praktiken, usw.) [sei] […] Das bloße Phänomen von Geschichte (im Sinne Seiner Geschichte [His-story]), ihre mögliche Einheit als Narrativ und Idee, wird eigentümlich gestärkt durch diesen Prozess, der selbst ein fragiler Zusammenhang von Fragmenten von Fragmenten ist, endlos zerrüttend, seltsam neu zusammengesetzt, und der den meisten Beobachter*innen das Gefühl von »Aufschub« gibt.

In der ersten Nummer dieses Journals haben wir dieses Gefühl von Aufschub als die fortwährende Verschiebung eines zukünftigen Utopias erforscht, das uns von den Wahrsager*innen der historischen Analyse verheißen wird. Es wird besser, wenn wir nur geduldig genug sind, zu warten. Die meisten Erzählungen der Geschichte sind nur Varianten dieses Antriebs zu warten – auf die materiellen Bedingungen, auf die himmlische Entrückung, auf den Messias, auf all die ungezählten Arten die Ganzheit zu beschreiben, die uns am Ende dieser oder jener Dialektik erwartet. Camatte nannte diese Verschiebung das Umherstreifen der Menschheit weg von ihrem Kurs. Wir folgen unserer*m nihilistischen Freund*in darin, dieses Verständnis des Aufschubs aufzugeben und stattdessen auf die Verwesung zu blicken. Dieses Gefühl des Aufschubs kann nicht in irgendeiner Periodisierung (egal ob technisch oder ausgeklügelter) eingefangen werden, sondern beschreibt vielmehr die gesamte Zeit, die von der Geschichte aufgezehrt wurde. Das ist der gleiche Grund, aus dem apokalyptische Visionen immer den Endpunkt von Leviathans Vorstellung von sich selbst markiert haben. Geschichte ist die Erzählung des fortwährenden Zerfalls.

Attentat argumentiert, dass eine solche Konzeption von Geschichte besondere Aufmerksamkeit auf den einzigartigen Charakter der Ereignisse legen würde, ohne diese jedoch in irgendeiner zeitlichen Logik zu verorten (Ordnung, Fortschritt, Erklärung, Rechtfertigung). Wir interpretieren das als eine Sammlung von Geschichten, die auf die Neigungen des Ungeheuers verweisen, aber niemals seine Totalität bestimmen. Als Ganzes genommen bieten diese Geschichten kein zusammenhängendes Narrativ, sondern sind bloß fragmentarisch.

Die negative oder destruktive Seite der Geschichte ist für einige von uns mehr oder weniger alles, das Geschichte je gewesen ist oder bewirkt hat. Im engeren Sinne wurde durch die Geschichte nichts erarbeitet oder errichtet. Die Orte, Menschen und Ereignisse in vergangenen Zeiten, an denen wir Gefallen finden oder die wir beanspruchen, die wir begrüßen oder in Besitz nehmen, müssen wir uns kreativ als nicht-historisch, ahistorisch oder anti-historische Ereignisse wiederaneignen.

Jeder Versuch, diese episodischen Ausbrüche der Revolte zu systematisieren, begründet nur ihre Niederschlagung, indem es sie zu nur einem weiteren Triumph der fortwährenden Bewegung des verwesenden Ungeheuers macht.

Zusammengefasst beleuchtet die Perspektive, die Verwesung als die Logik seiner Geschichte [His-story] betrachtet, zwei Dinge. Erstens, dass wir richtig damit lagen, Fortschritt zu verneinen und zweitens, dass wir keine Anhänger*innen des Gegenteils sind, einer invertierten Regression ausgehend von einem Goldenen Zeitalter. Wie ich es mir vorstelle, ist eine grundsätzliche Eigenschaft dessen, was auch immer seiner Geschichte [His-story] (Zivilisation, etc.) voranging, seine Neutralität, sein eisernes Schweigen auf der Ebene einer Metaerzählung. Statt mit Fortschritt oder Rückschritt können wir die historische Verwesung besser als der sich beschleunigende Zusammenschnitt der Ereignisse beschreiben. Diese Beschleunigung ist gewaltsam und gefährlich. Hier und da mag sich ein Strudel bilden, in dem sich die Dinge entweder verlangsamen oder sich für den Moment in Form einer Verbesserung stabilisieren. Was wir mit einiger Sicherheit sagen können, ist, dass während die historische Zeit verstreicht, die Dinge komplizierter werden; und diese Zusammenschnitte so ihre Vorangehenden einholen, so dass es immer verwirrender wird, diese rückblickend zu erklären.

Situativ mögen wir einigen Halt für den Moment finden, einen Blickwinkel, eine Perspektive. Aber was Debord vielleicht nicht zugeben konnte und was Perlman vielleicht verstanden hat, ist, dass die Verwesung in unseren Erklärungen, unseren Diagnosen und den Handlungen, die sie rechtfertigen sollen, immer vorhanden war; und dass seine Geschichte [His-story] die doppelte Bewegung der Verwesung ist: Während die Zivilisation aus den Fugen gerät, erzählt sie von ihrem Zusammenbruch. Das tote Ding, Leviathan, das organisierte Leben, errichtet sich selbst als Rüstung in sich und um es herum (was Maschinen und eine bestimmte Versteifung von Posen und Gesten und zugleich des Denkens und Handelns in menschlichen Körpern beinhaltet). Aber das tote Ding bleibt tot und es bricht zusammen, Es funktioniert durch den Zusammenbruch. Es schafft immer komplexere Organisationen (Verhaltensanalysen), die dann verwesen, d.h. zusammenbrechen.

Wenn die Frage seiner Geschichte [His-story] immer bereits die Geschlechterfrage ist, dann ist diese Perspektive für unsere Untersuchung entscheidend, da das fragliche tote Ding Geschlecht ist – die Ordnung des Lebens, die Versteifung unserer Gebärden. Aber Geschlecht besitzt kein eigenes Leben. Es zerstört alles vor sich und bricht dann zusammen, es verwest und seine verwesenden Teile werden neu zusammengesetzt. Wir werden entzwei gerissen, Körper und Geist werden zu einer vergeschlechtlichten Einheit wieder zusammengesetzt, die selbst verwest, wir rebellieren und dann wird diese Rebellion identifiziert und abermals aufgespalten. Es ist dieses Wechselspiel von Zerfall und Neuzusammensetzung, die uns beschäftigt. Was ist dieses Wieder-gefangennahme des Lebens anderes als Domestizierung immer wieder aufs Neue? Wo verorten wir Geschlecht als Domestizierung, wenn wir überall Zerfall und Wiederzusammensetzung beobachten können?

Die Theorien, die wir hier kritisiert haben, waren alle Versuche, eine Geschichte des Ursprungs zu erzählen – Versuche Geschlecht historisch zu verorten. Aber Geschlecht kann nicht an irgendeinem Punkt entlang eines linearen Narrativs verortet werden: Es ist vielmehr unsere Einschreibung in diese Linie. Einige Theoretiker*innen von Geschlecht entwickeln eine Obsession für diese Aufgabe: Die Verallgemeinerung und Abstraktion dessen, was eigentlich bloß ein Vorkommnis ist. Das Außerhalb von Geschlecht ist nicht an irgendeinem Ende dieser Linie gelegen (genausowenig, wie innerhalb einer hübsch ordentlichen Periodisierung), sondern vielmehr dort, wo die Linie entzwei bricht. Wenn wir uns entscheiden, auf die Selbstbeschreibung dieses Entzweibrechens zu hören, dann weil wir etwas in ihm zu vernehmen glauben (vielleicht ein Hintergrundgeräusch oder eine bedeutungsvolle Pause), das uns zeigt, wo der Zerfall beschleunigt werden kann, wo wir uns hinausschleichen können oder das uns Wege zeigt, auf denen andere versucht haben zu fliehen, die aber wieder neu zusammengesetzt wurden. So können wir unsere Perspektive gegen seine Geschichte [his-story], gegen Leviathan, gegen Geschlecht und alles andere verorten.

XI

In den letzten paar Jahren hat es verschiedene Versuche im anarchistischen Millieu gegeben, Geschlecht zu historisieren. Diese Versuche haben sich größtenteils auf die Lektüre zweier Bücher über die gleiche Zeitperiode konzentriert: Caliban und die Hexe von Silvia Federici und Witchcraft and the Gay Counterculture von Arthur Evans. Caliban ist eine sehr gründliche Analyse der Mechanismen von Geschlecht während der Auferlegung des Kapitalismus, mit einem besonderen Augenmerk auf dem europäischen Kolonialismus sowie auf Hexenverfolgungen im westlichen Europa als eine Form der Akkumulation der weiblichen Körper und Arbeit. Witchcraft erzählt die gleiche Geschichte, aber aus einer anderen Perspektive.

Während Caliban für seine Fülle an Informationen eine Lektüre wert ist, ist seine Struktur größtenteils problematisch. Federici ist einer essentialistischen Perspektive auf Geschlecht verhaftet; sie will die Geschichte der Beziehung des Kapitalismus zu Frauen erzählen, eine Kategorie, die sie nachdrücklich verteidigt. Sie weist alle Probleme einer Naturalisierung der Geschlechterbinarität mit kaum mehr als der Versicherung ihrer Richtigkeit zurück. Ihre Tautologie (dass die Kategorie der Frauen valide ist, weil sie eine valide Kategorie ist) ist umso absurder, da sie die Erfahrungen von Frauen in einem bestimmten Teil der Welt und zu einer bestimmten Zeitperiode zusammenführt, und diese als die Grundlage für die vergeschlechtlichte Realität von Frauen überall auf dem Globus zu allen darauffolgenden Zeiten darstellt. Entsprechend ignoriert ihre Arbeit die vergeschlechtlichte Gewalt gegen Körper, die nicht in ihre engstirnigen Kategorien passen, vollständig. Die weitverbreitete Verfolgung von Schwulen während der Inquisition und Hexenverfolgung, um ein Beispiel zu nennen, ist in ihrem Buch kaum mehr als eine Fußnote wert.

Immerhin greift sie die orthodox-marxistische Interpretation von Geschichte an: Sie behauptet, dass der Aufstieg des Kapitalismus aus der Perspektive von Geschlecht nicht als progressiv betrachtet werden kann, aber auch, dass es keinen linearen Übergang zum Kapitalismus gäbe – nur eine Serie gewaltsamer Episoden der Eroberung und des Rückschlags. Und doch bleibt ihre Perspektive durch ihre eigenständige Variante des Marxismus nur allzu beschränkt. Für sie können all die Abscheulichkeiten der Hexenverfolgungen durch die Analyse der ökonomischen Bedürfnisse der kapitalistischen Produktionsweise erklärt werden. Genauer gesagt seien diese Abscheulichkeiten von der Erfordernis, dass Frauen reproduktive Arbeit innerhalb des neu geschmiedeten Proletariats verrichteten, hervorgerufen. Das könnte als eine nützliche Bewegung weg von der absurden Vorstellung (wie sie von Federici und ihren Zeitgenoss*innen vertreten wird), dass gegenwärtige geschlechtliche Gewalt einzig und alleine durch die Hausarbeit europäischer Frauen im letzten Jahrhundert erklärt werden könne, gelesen werden. Dennoch fühlt sich ihre Objektbesetzung innerhalb des Ökonomischen noch immer wie ein Versuch an, die gleiche Vorstellung in eine entferntere Vergangenheit zu projizieren. Wir haben die Grenzen dieses Ansatzes bereits hinsichtlich von Geschlecht diskutiert; die Neuorientierung auf eine frühere Epoche ändert nichts an diesen Grenzen. Der Text wirkt umso beschränkter angesichts der Tatsache, dass sie vielleicht zwei Erwähnungen der Existenz vergeschlechtlichter Gewalt vor dieser Periode macht und keine Erklärung dafür anbietet, woher diese Gewalt stammt. Das lässt uns mit der gleichen Armut eines naturalisierten Geschlechts zurück.

Ein zentrales Thema in ihrer Arbeit ist die ursprüngliche Akkumulation, die erste Akkumulation einer Bevölkerung durch Leviathan. Sie sieht das als einen Wandel in ihrer eigenen Teleologie. Allerdings ist das Ungeheuer, gegen das ihre Subjekte revoltieren, weder in dieser noch einer anderen festgelegten Periode geboren, es zerfällt ständig und wird wieder neu geboren. Seine Art und Weise der Gefangennahme in Form von Geschlecht basiert nicht auf seiner Produktionsweise, sie ist zunächst eine körperliche und spirituelle Operation, auf der eine ökonomische Weise aufgesetzt wird. Ihre Geschichte beginnt inmitten einer Revolte aus eben jenem Grund, dass ihre Subjekte gegen ihre frühere Gefangennahme rebellieren. Die folgende Runde der Akkumulation kann folglich nicht die ursprüngliche sein. Es lohnt sich ebenfalls zu bemerken, dass in ihrer ausgiebigen Erzählung der Geschichte der Hexenverfolgungen sie abschätzig, wenn nicht stumm, hinsichtlich der Rolle von Magie selbst bleibt. Das trägt zu einer rein materiellen Lesart bei, die nichts über die spirituellen Dimensionen der Domestizierung als Gefangennahme erzählen kann. Federicis Erzählung ist eine Geschichte über eine Vertiefung des Prozesses, den wir Geschlecht nennen. Sie mag falsch liegen, diese Geschichte in einer bestimmten Periodisierung zu verorten, sowie mit ihrer Erzählung darüber, warum die Ereignisse stattfanden, aber wir sind bereit, sie durchzugehen, um daraus zu ziehen, was für uns nützlich ist. Unser Gespür sagt uns, dass sie darin richtig liegen mag, diesen Ereignissen eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen, auch wenn nur für die Hoffnung, dass diejenigen Rebell*innen, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, einige verborgene Geheimnisse über ihren eigenen Konflikt mit dem leviathanischen Geschlecht preisgeben könnten.

Arthur Evans Buch ist insofern interessanter, als dass es von Federicis hinsichtlich genau dieser Punkte abweicht. Wo sie eine essentielle Frau versichert, erkundet er die Hexenverfolgungen besonders als einen Versuch, eine ganze Bandbreite an sexuell abweichenden und geschlechtlich variierenden Menschen zu zerstören. Wo Federici ihre Kritik auf den Aufstieg des Kapitalismus beschränkt, klagt Evans in seiner die gesamte westliche Zivilisation an. Wo Federici den Praktiken und Glauben der Opfer ihrer Geschichte gegenüber indifferent ist, versucht Evans zuzuhören und zu begreifen, welche geheimen Offenbarungen sie in einem gewaltsamen und anarchischen Krieg gegen die vergeschlechtlichte Zivilisation anbieten. Er webt auch eine Kritik der Geschichte in seinen Text ein, indem er Historiker*innen (wie Fredy Perlman es anderswo tut) für ihre Komplizenschaft bei der Reproduktion Leviathans und der Auslöschung derer, die versuchten ihn zu zerstören, anklagt. Am provokantesten lässt er in seiner Erzählung Platz für Mythen. Und doch geht er noch immer nicht weit genug. Statt einer Anti-Geschichte tut er mit Schwullesbischer Geschichte geradezu so, als wäre das einzige Problem der Geschichte ihre Homofeindlichkeit. Ebenso wie vor Federicis Naturalisierung der Kategorie Frauen müssen wir ebenso vor Evans unkritischer Entwicklung irgendwelcher universeller schwullesbischen Menschen zurückschrecken, denen all die abweichenden und einzigartigen Ketzer*innen entsprechen müssen. Diese kategoriale Konstruktion ist genau die Neuzusammensetzung, auf die in dem Attentat-Text angespielt wird; das Verschlingen von so vielen zerfallenen Fragmenten zu einem Ganzen durch eine Wiedergeburt von Geschlecht. Eine queere Kritik muss diese Falle umgehen.

Also warum lesen wir diese Bücher? Was bleibt von ihnen, wenn wir die großen Metaerzählungen über die Bewegungen von Abstraktionen wie Geschichte weglassen oder wenn wir uns weigern unsere derzeitigen Subjektkategorien durch die Zeit zurück zu projizieren? Was bleibt, ist eine Sammlung an Geschichten. Und diese Geschichten unterscheiden sich von seiner Geschichte [his-story] darin, dass sie von den Taten und Abenteuern von Individuen, nicht der Maschine, die sie gefangen hält, handeln. Geschichten interessieren uns auch, weil sie nicht dieser oder jener Zeit verhaftet sind, sondern den*die Erzähler*in und die*den Zuhörer*in zu aktiver Teilnahme verzaubern. Geschichten zu erzählen ist die grundlegende Methode der magischen Praktiken der oralen Kultur. Seine Geschichte [His-story] ist das sokratische Ideal dieser Geschichten, die Eine Geschichte, die all die anderen kannibalisiert. Kritische Geschichte(n) wie Caliban und Witchcraft (oder jede andere »Volksgeschichte«) dienen bloß dazu, diese Geschichten in die Eine, alle anderen verzehrende, zu integrieren. Es wird zu einem Spiel der Abstraktion; wie eine Sammlung von Gerichtsreden, Handbücher der Inquisition, ketzerische Dokumente und Biografien angeklagter Hexen zur Akkumulation der Frauen in die kapitalistische Produktionsweise oder zu Schwuler Geschichte oder zu Der alten Religion wird. Interessanterweise wurde von einigen (wie David Abram) argumentiert, dass

die lebendige Verbrennung von zehntausenden Frauen (darunter die meisten Kräuterkundigen und Hebammen bäuerlicher Abstammung) als »Hexen« während des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts gut und gerne als die versuchte und beinahe erfolgreiche Auslöschung der letzten oral bewahrten Traditionen Europas – die letzten Traditionen, die in der direkten partizipatorischen Erfahrung von Pflanzen, Tieren und Elementen verwurzelt waren – verstanden werden kann, um den Weg zu ebnen für die Vorherrschaft der alphabetischen Vernunft über eine Welt, die zunehmend als eine passive und mechanische Menge von Objekten konstruiert wird.

Es ist nicht überraschend, dass in der Konsequenz die meisten Erzählungen über diese Periode an der Tragödie leiden, die sie unseren Vorstellungen von uns selbst und von Zeit zugefügt hat. Um sie wahrhaft gegen seine Geschichte [His-story] zu lesen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit den Geschichten selbst widmen, ohne zu versuchen, sie zu systematisieren oder sie zu universalisieren.

In einer Welt, in der die abstrakten Ideale, die Gerichtetheit und der universelle Moralismus des His-torischen Denkens fehlen, dienen Geschichten dazu, uns einzelne Lehren zu erteilen, die uns in unseren alltäglichen Konflikten helfen können. Nur wenn wir damit aufhören, die Wahrheit seiner Geschichte [His-story] zu entschlüsseln, können wir wirklich das subtile Netz von Bedeutungen und Botschaften zwischen den Geschichten zu unserer Verfügung bemerken. Hier sind einige, die wir bemerkt haben:

Um dieser Art von Flucht vor unseren Selbsts zuvorzukommen, muss Leviathan immer komplexere Subjekte für seine Bestandteile schaffen. Diese Subjekte sind das Endergebnis einer Litanei an Techniken, die darauf abzielen den menschlichen Körper zu mechanisieren, zu disziplinieren, emotional zu manipulieren und zu kontrollieren. Die Reduktion bestimmter Körper auf Baby-Fabriken ist ein Paradebeispiel, aber auch die wissenschaftliche Diagnose verschiedener sexueller Abweichungen oder die disziplinarische Kontrolle von geschlechtsabweichenden Personen. Diejenigen, die vorsätzlich oder instinktiv Widerstand gegen diese Techniken leisten, müssen als Anders klassifiziert werden. Dieses Othering wird oft durch Prozesse der Rassifizierung oder Vergeschlechtlichung erzielt. Gegen diese Anderen ist keine Gewalt unverhältnismäßig. Das Andere, egal ob die Hexe oder die*der Terrorist*in oder die*der Drapetomanische [16] oder die Schwuchtel oder was auch immer, ist das legitime Ziel aller Arten von Brutalitäten, die entweder darauf abzielen, die Abweichung anzupassen oder auszulöschen. Diese Verbrechen werden zu crimen exceptum [17].

Hat Leviathan erst einmal seine Institutionen errichtet und die korrespondierenden maschinenförmigen Körper geformt, wird sein vorrangiges Projekt die Weiterführung dieser Tendenzen bis zur Unendlichkeit. All unsere Anstrengungen, das Kind in der vorherigen Ausgabe dieses Journals zu kritisieren, sind eine Antwort auf dieses hemmungslos wachsende Projekt. Diejenigen, die irgendeine Form des Widerstands gegen dieses Projekt leisten, müssen daher die Anderen sein, die es wert sind ausgelöscht zu werden. Das Kind funktioniert als die fantastische Zukunft der Rasse der Eltern. Jeder Rückgang der (zivilisierten) Bevölkerung wird als Bedrohung für den Staat betrachtet, was umgekehrt eine Intensivierung der oben beschriebenen Techniken der sexuellen Repression bewirkt. Arbeiter*innen und Sklav*innen werden dazu ermutigt, mehr Arbeiter*innen und Sklav*innen zu produzieren. In diesen Momenten treten die sexuellen und abtreibenden Dimensionen der Ketzerei und Hexerei in den Vordergrund der Inquisitionsprozesse. Es ist kein Zufall, dass Hexen und queere Ketzer dafür hingerichtet wurden, angeblich Kinder dem Teufel geopfert zu haben. Die Dämonisierung der Geburtenkontrolle kann ebenfalls aus diesem Blickwinkel betrachtet werden. Das fanatische Verlangen die Bevölkerung zu vergrößern verleitete sogar die misogynsten religiösen und staatlichen Anführer dazu, zu verkünden, dass die einzige Tugend der Frauen ihre natürliche Gebärfähigkeit sei. Wie Martin Luther sagte: »was auch immer ihre Schwächen sind, so besitzen Frauen doch eine Tugend, die sie alle ausgleicht: Sie haben einen Mutterleib und sie können gebären.«

Rationalismus, Vernunft, Aufklärung (oder irgendeine andere Lüge, die Leviathan von sich selbst verbreitet) führten nie zu der Abschaffung dieser völkermörderischen und blutrünstigen Praktiken. Vielmehr führten diese Ideologien nur zu der Institutionalisierung und einer größeren technologischen Raffinesse der Gewalt. Diese Ideologien dienten letztlich als Rechtfertigung für Brutalität gegen das irrationale Andere. Es gibt keine lineare Entwicklung weg von dieser Brutalität. Während die guten Subjekte dazu ermutigt werden, sich endlos zu reproduzieren, werden die tatsächlichen Kinder des rassifizierten oder kolonisierten Anderen oft ungestraft abgeschlachtet. Selbst während er die Ideologie des Kindes predigt, etabliert der Staat beständig und diskret eine wissenschaftliche Kampagne der Eugenik, Auslöschung und erzwungenen Sterilisierung derer, die er in ein rassifiziertes Außerhalb verbannt.

Das sind nur einige einer Unendlichkeit an Lehren, die wir aus jeder erdenklichen Zusammenstellung von Geschichten ziehen können – Lehren, die heute ebenso relevant sind wie in vergangenen Jahrhunderten. Statt einem Narrativ über Domestizierung als ein Ideal haben wir eine fragmentarisches und esoterisches Set an Erzählungen, von denen jede beschreibt, wie Domestizierung in einem bestimmten Moment aussieht. Aufregender noch, sie beschreiben auch, wie Menschen sich dafür entschieden haben, gegen diesen Prozess zu rebellieren. Uns diese Geschichten zu erzählen bedeutet uns mit den Individuen und Momenten, die eine Flucht aus dem Albtraum seiner Geschichte [His-story] versucht haben, zu verbinden. Diese Verbindung ist am bedeutungsvollsten, wenn die Geschichten unsere eigene Existenz verzaubern und durch unsere eigenen Erfahrungen Substanz annehmen. Diese Geschichten sind nur insofern von Interesse, als dass sie ein tief sitzendes Verständnis von der Flucht vor dieser antiken Prozedur der Einteilung und Gefangenschaft erzeugen. Das ist die Dimension, die in einer neu entdeckten Lesart von seiner Geschichte [His-story] als Zerfall in den Mittelpunkt gestellt werden muss. Zerfall ist nicht nur eine Kraft der Natur oder der Katastrophe, es ist vor allem die eigenwillige Zurückweisung von Leviathan durch Individuen und Gruppen. Leviathan bricht zusammen, wenn diejenigen, die seine Federn und Räder bedienen, sich weigern damit fortzufahren – wenn sie in die Berge fliehen, singen, tanzen und ekstatische Rituale praktizieren, wenn sie schreien, plündern und niederbrennen, wenn sie die Rüstung von sich reißen, die Masken herunterreißen und das Ungeheuer niederbrennen.

Wenn diese Geschichten Fälle der Domestizierung veranschaulichen, veranschaulichen sie auch die Auferlegung von Geschlecht. Die ihm innewohnende Verwesung, die Geschlecht heimsucht, ist das, was wir queer nennen, nicht diese oder jene historisch geschaffene Subjektkategorie, sondern all die abweichenden körperlichen und spirituellen Ausdrücke, die ihren Rollen entfliehen. In der ersten Ausgabe dieses Journals haben wir gesagt, dass dies eine Queerness sei, die negativ verstanden wird. Ebenso wie Rebellion/Verwesung den Geschichten über Domestizierung innewohnt, so entspringt ihnen auch queeres Verlangen.

Aus diesem Grund haben uns Dogmatiker*innen (besonders die der marxistischen Sorte) als ahistorisch und idealistisch angeschuldigt. Ersteres weisen wir nicht zurück. Wir sehen uns gerne außerhalb der Geschichte von Massenvergewaltiger*innen, König*innen und Industriellen. Wir werden uns sicherlich nicht an irgendeine der Identitäten, die sie anbietet, klammern, und ebensowenig irgendeinem der Rezepte ihrer Schüler*innen vertrauen. Schlimmer noch wäre es, von solch einem Rezept der Geschichte organisiert zu werden. Als unsere Freund*innen in Attentat die Neuzusammensetzung und die weitere Verwesung, die jedem Zerfall der Geschichte folgt, beschrieben, haben wir das als die Organisation verstanden, die Momenten des Bruches folgt, und den vorhersagbaren Zerfall all solcher politischen Organisationen. Wenn wir Rubin darin folgen, dass alle Organisierung auf dem Austausch vergeschlechtlichter Körper basiert, dann müssen wir auch die unvermeidbare Rebellion der Körper gegen politische Organisierung begreifen. Radikale oder feministische Organisationen sind von dieser Verwesung nicht ausgenommen; jene wird üblicherweise Burnout oder Machtkampf genannt, obwohl wir das als eine instinktive Zurückweisung der Gefangennahme und Mobilmachung für diese oder jene Organisation begreifen können.

Schließlich war die Neigung der Queerness gegen seine Geschichte [his-story] immer die Ekstase des Lebens jenseits der Zeit; ohne Rücksicht darauf, für was die Zeit reif ist, auf die materiellen Bedingungen und auf die Kinder. Queerness muss immer als aus der Zeit gefallen, abweichend und irrational entstehen.

Hinsichtlich letzterem können wir nur mit den Achseln zucken. Der sokratische Trick mit den Ideen interessiert uns nicht wirklich. Wir überlassen die Universalien und die großen Geschichten den His-torikern. Wir beschäftigen uns stattdessen mit den wunderschönen Momenten der Ketzerei und der Revolte – den gelebten Erfahrungen, körperlichen Praktiken und spirituellen Tiefen –, die uns mit unseren eigenen weiterhelfen.

Der Widerstand ist der einzige menschliche Bestandteil seiner gesamten Geschichte [His-story]. Alles andere ist leviathanischer Fortschritt.

Zweiter Mythos: Lilith und Eva

In der patriarchalen Mythologie der jüdisch-christlichen Zivilisation war Adam der erste Mann und Gott gab ihm eine Ehefrau. Den meisten bekannt als Eva, seine zweite Frau. Nur wenige erzählen von seiner ersten, Lilith. Lilith unterschied sich darin, dass sie sich weigerte, sich Adam zu unterwerfen. Sie wollte sich nicht in der Missionarsstellung unter ihn legen und so wurde sie aus dem Garten Eden vertrieben. Nach ihrer Vertreibung wurde sie zu einem Dämon, einem Sukkubus, der durch die Nacht und die Zeit wandelte, sich mit anderen Dämonen vermehrte und böse Geister entfesselte. Man sagt, dass sie in der Nacht noch immer Frauen verführt, ihre Ehemänner zu verlassen, Männer zu Schwuchteln macht und alle Arten von nicht-reproduktiver Sexualität fördert, ja sogar Kinder stiehlt und isst.

Gott-Vater konnte den gleichen Fehler nicht zweimal machen und so formte er Adams zweite Frau Eva aus einer von Adams Rippen, um ihren Gehorsam zu gewährleisten. Und doch widersetzte sie sich, sie aß die Frucht von dem verbotenen Baum der Erkenntnis und sie und ihr Ehemann wurden aus dem Garten Eden verbannt. Einige, wie Walter Benjamin, betrachten das als die Vertreibung der Menschheit vom primitiven Kommunismus. All die nachfolgenden Geschichten des Heiligen Buches dieser Religion sind größtenteils eine Wehklage über das zivilisierte Leben. Sein erstes Kapitel erzählt vom Untergang und die folgenden Kapitel erzählen das Elend innerhalb und den Auszug aus verschiedenen Zivilisationen.

Aber was war diese verbotene Erkenntnis? Was war die Erbsünde? Eine bestimmte Ketzerei erzählt, dass die verbotene Erkenntnis darin bestand, dass eine bestimmte Art von Sex zur Reproduktion führt. Nachdem Adam und Eva erst davon wussten, konnten sie das nicht wieder vergessen. Von hier an waren alle Aktivitäten einer aufkommenden symbolischen Ordnung der Herrschaft verbunden. Während sie zuvor einfach in Utopia geschwelgt hatten, ohne eine Zukunft, hatten ihre Handlungen nun Konsequenzen. Aus dieser Erkenntnis resultierte die Erfindung der Rolle des Vaters, sowie das Wissen, das für die Landwirtschaft notwendig war und selbst die erste Form des rationalen Denkens, das später die Wissenschaft werden würde. Patriarchat, Zivilisation, reproduktiver Futurismus. All das stammt von dieser schrecklichen Entdeckung.

Die Misogynen der Kirche machen Eva für diese Entdeckung und die Vertreibung verantwortlich, aber wie wir wissen, sind es die Väter, Hirten, Ehemänner, Inquisitoren und Hexenverfolger, die diese obskuren Geheimnisse durch die Mechanisierung des Körpers nutzen. Die gleichen Frauenhasser verurteilen unzählige Frauen und Schwule dazu verbrannt zu werden, weil sie dem Einfluss des rebellischen Dämons Lilith verfallen seien.

Wenn wir diese Erkenntnis nicht vergessen können, was würde es bedeuten, die Maschinerie, die uns durch sie beherrscht, zu zerstören? Können wir Lilith zurückrufen und mit ihr bei Nacht umherfliegen?

XII

Unter all diesen Erzählungen gibt es eine, die in beinahe jeder lohnenswerten Geschichte von Geschlecht vorkommt: die Trennung des Verstandes vom Körper. Verschiedene Erzählungen werden diese Trennung an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten verorten, aber ihre Zentralität und ihr Einfluss stehen außer Frage. Antizivilisatorische Kritiken betrachten diese Trennung oft als das ursprüngliche Aufkommen des Dualismus in der Welt (Zerzan würde sagen, sie resultiert direkt aus dem Dualismus von Geschlecht), während Federici sie in den Machenschaften der Hexenjagd wiederfindet und Evans im Aufkommen des Industrialismus. Wieder einmal interessieren wir uns weniger für die genauen Ursprünge als für ihre wiederholte und endlose Anwendung. Wo auch immer sie begann, breitet sich diese Aufteilung weiter aus und fährt fort damit, uns von uns selbst zu entreißen.

Unsere Intuition sagt uns, dass eine solche Trennung notwendig ist, um wilde Wesen in die Wesen zu verwandeln, die für die Arbeit in der Welt der Arbeit tauglich sind. Wenn sich eine*r ausschließlich auf die eigene gefühlte Wahrnehmung der Welt verlässt – die Beziehung seines*ihres Körpers zu den Körpern anderer Tiere, Pflanzen und Menschen –, dann ist es genau dieses körperliche Bewusstsein, das zerstört werden muss, um Arbeiter zu erschaffen. Die Disziplinierung des Körpers ist die Vorbedingung der industriellen Existenz.

Diese Disziplinierung des Körpers kann als die Verinnerlichung des Krieges, der um ihn herum stattfindet, verstanden werden. Das Schlachtfeld der sozialen Kontrolle wird der Körper selbst, der Schauplatz eines ewigen Konflikts zwischen Vernunft und Leidenschaft; Erhellung und Dunkelheit.

Auf der einen Seite stehen die »Kräfte der Vernunft«: Sparsamkeit, Besonnenheit, Verantwortungsgefühl, Selbstbeherrschung. Auf der anderen die »niederen Instinkte des Körpers«: Wolllust, Müßiggang, systematische Verschwendung der eigenen Lebensenergie. Der Kampf wird an vielen Fronten geführt, da die Vernunft wachsam gegenüber den Angriffen des körperlichen Selbsts sein muss und die »Weisheit des Fleisches« (in Luthers Worten) davon abhalten muss, die Macht des Verstandes zu korrumpieren. Im Extremfall wird die Person zu einem Kriegsgebiet aller gegen aller. [18]

Andere nennen das Bürgerkrieg, wir würden sagen, dass es wesentlicher Bestandteil der Gefangennahme des Körpers durch Domestizierung ist. Der Körper ist für dieses Phänomen ein Mikrokosmos.

Die Kommerzialisierung der Körper und ihrer Potenziale führt zu einer Entfremdung vom Selbst, einer Trennung von der Mehrheit der eigenen Aktivitäten und Erfahrungen. Der Körper wird verdinglicht und zu einem Objekt reduziert. Diese Trennung und Objektifizierung der körperlichen Oberfläche erreicht durch die kartesische Philosophie ihre eigene Verwirklichung. Hobbes führt einen ähnlichen Angriff auf den Körper aus, indem er ihn auf die Funktionsweise einer Maschine reduziert. In späteren Zeiten erreicht diese Betrachtungsweise durch die Theorie der Genetik einen neuen Höhepunkt. Esoterischere Theoretiker*innen der Genetik argumentieren, dass der Körper ein Maschinenraum für empfindungsfähige und eigennützige Gene sei, die die besagten Körper in dem Versuch sich ewig selbst aufrechtzuerhalten nutzen. Die philosophische Mechanisierung des Körpers wird so total, dass sie in der Geschichte, ja bis in unsere Biologie hinein zurückprojiziert wird. In einer befremdlichen Paradoxie belebt die Wissenschaft Gott als die endgültige Widerlegung des freien Willens wieder: Genetik. Genetische Manipulationen und nanotechnologische Methoden der Überwachung und Kontrolle sind nur die jüngsten Manifestationen dieser archaischen Trennung.

Aber die Projektion dieser Erfindung auf die physische Welt wird nicht durch die Philosophie erreicht, sondern durch körperliche Gewalt. Die Folterkammern der Hexenverfolger, Naziärzte und Vivisektoren sind auch die Laboratorien, in denen der mechanisierte Körper entsteht. Auch das ist natürlich die Gewalt vergeschlechtlichter Domestizierung, da Geschlecht dieser erste Dualismus ist und die hauptsächliche Operation über den Körper bleibt. Der Körper wird beständig seziert, um die biologischen Unterschiede, die vermeintlich die Gesamtheit der vergeschlechtlichten Welt rechtfertigen, zu identifizieren und zu naturalisieren. Die Sex/Gender-Dichotomie, aber auch die Dichotomien von Rasse werden geschickt auf den Körper/Geist abgebildet und entsprechen einem unendlichen Set an Disziplinarmaßnahmen und Techniken des Selbst, die entworfen wurden, um binäre Konformität zu gewährleisten. Schwarze und weibliche Körper werden als ungelehrig und einer Disziplinierung bedürftig imaginiert, während weiße männliche Körper für rational und gezähmt gehalten werden. Körper, denen irgendeine angeborene Verbindung zu Animalität unterstellt wird, können dann gerechtfertigterweise harter Arbeit, sexueller Gewalt und Auslöschung ausgesetzt werden.

Persönlich bringt jede Erkundung der Trennung in Körper und Geist eine verrückte Diffusität an Enthüllungen hervor. Ich muss unwillkürlich an die Erfahrung der Reisekrankheit als ein lohnendes Beispiel denken. Als instinktive Reaktion darauf, Bewegung zu spüren, ohne diese bewusst wahrzunehmen, ist diese Übelkeit ein hilfreicher Abwehrmechanismus gegen die unbeabsichtigte Einnahme verschiedener Gifte. Jenseits des Industrialismus tritt dieses Phänomen nur in dem unwahrscheinlichen Fall auf, dass man ein Halluzinogen zu sich genommen hat. Aber in einer Welt wie der unseren, in der wir permanent von den Bewegungen unserer Körper entfremdet sind, wird diese Übelkeit zu etwas Universellem. Die wiederholten Belastungsverletzungen bei meiner Ausübung von Dienstleistungsarbeiten (wo die schnellen Bewegungen der Handgelenke und Knie mehr den Anforderungen eines Kassensystems oder einer Tasche Lebensmittel dienen als irgendeiner anderen Handlung) ist ein weiteres Beispiel für eine beinahe totale Trennung meiner Wahrnehmung von der tatsächlichen Bewegung meines Körpers. Die Trennung vergrößert sich durch unsere Gewöhnung an diesen beständigen Schmerz und Schwindel; die zunehmende Abtrennung der Wahrnehmung funktioniert als eine tragische Überlebensstrategie.

Hinsichtlich von Geschlecht ist diese Trennung nur umso offensichtlicher. Als Teenager führten meine eigenen Erfahrungen der Dysphorie und Dysmorphophobie zur Selbstverordnung einer ganzen Bandbreite von Disziplinarmaßnahmen und Folter in Form von Anorexie. Das war eine Erfahrung, die ich mit der großen Mehrheit meiner Freund*innen, die als Mädchen und Queers aufwuchsen, teilte. Diese Techniken der Selbstkontrolle tauchen in Zusammenhang mit Sexarbeit wieder auf. Um unsere sexuelle Arbeitskraft profitabler zu verkaufen, projizieren wir beständig ein Geschlechter-Ideal auf unsere Körper, verstümmeln diese und reduzieren sie zu Objekten unserer eigenen Mechanisierung. Mehr als nur die Physiologie betrifft diese Beherrschung Gesten, Körperpflege, Kommunikation und sexuelle Neigungen. In der eigentlichen Erfahrung der Sexarbeit vergrößert sich diese Trennung weiter. Während mich irgendein entsetzlicher Freier anfasst, möchte mein Geist überall sonst sein, nur nicht in meinem Körper. Ich denke an das Kapital, an mein Bankkonto, daran, was ich zu Abend essen werde, an alles außer an das, was meinem Körper tatsächlich widerfährt. Ich habe diese Flucht vor meinem Körper bei zahllosen anderen Gelegenheiten erlebt; als ich verhaftet wurde, als ich sexuell belästigt wurde, als ich betrunken war. Selbst die Erfahrung durch die Hallen der Highschool zu wandeln kann uns von uns selbst trennen: Wie soll ich mich heute geben, um nicht mit der vorhersehbaren Gewalt eines Queer Bashers konfrontiert zu sein?

Die Geschichte der Körper/Geist-Trennung kann für uns ein hilfreiches Werkzeug sein, um die Komplexität und die Nuancen der Behauptung zu verstehen, dass Domestizierung die Gefangennahme und Vergeschlechtlichung unserer Körper ist. Wo Fredy Perlman Federn und Räder im von einer Panzerung umschlossenen Körper sah, können wir das als Neuordnung des lebenden Körpers durch seinen Konflikt mit dem rationalen Verstand interpretieren. Die Fantasie eines biologischen Geschlechts, der Rasse und aller anderen angeblich natürlichen Kategorien entspricht dieser gleichen Logik der Trennung der Körper voneinander und des Geists vom Körper. Klassifizierungen des Körpers dienen dazu, die verschiedenen Zufälligkeiten des Körpers beständig zu rationalisieren, zu systematisieren und in eine leviathanische Struktur einzubetten. Die mechanistische Theorie der Biologie versucht, unser Schicksal zu bestimmen.

XIII

Die meisten Theorien über die Trennung von Geist und Körper lassen eine damit einhergehende, aber doch einzigartige Trennung außen vor: die Trennung des Materiellen vom Spirituellen. Die Trennung und Verdunklung der spirituellen Dimension vergeschlechtlichter Existenz lässt uns mit einer tragischen Unfähigkeit zurück, die Implikationen dieser Maßnahmen der Gefangennahme auszudrücken oder selbst richtig zusammenzufassen. Die spirituelle Dimension der Domestizierung zu ignorieren, liefert uns nur die halbe Geschichte; einen derben, mechanistischen Materialismus, der uns nur derbe, mechanistische Lösungen zu bieten vermag.

Wenn nicht die Dampfmaschine, nicht einmal die Uhr, sondern der menschliche Körper die erste Maschine war, die der Kapitalismus schuf, was ist dann von all den Fähigkeiten des Körpers geblieben, die keine effiziente Verwendung fanden oder von dieser technologischen Innovation rationalisiert werden konnten. Die Auferlegung einer kartesischen Meister*in/Sklav*in-Dynamik zwischen dem Verstand und dem Körper bedeutet auch eine Verallgemeinerung dieser Dynamik hinsichtlich all der Formen und Fähigkeiten des Lebens, die einst die sinnliche Verbindung des Körpers zur wilden Welt verzückte. Unsere Existenz wurde einer seelenlosen Welt und einem Maschinen-Körper eingeschrieben.

Francis Bacon beklagte, dass Magie die Industrie tötet. Und genau deshalb ermöglichte es die fortgesetzte Beziehung der Menschen zu ihren magischen Fähigkeiten ihnen einen Sinn sowie Nahrung außerhalb der Welt der Arbeit und Industrie zu finden. Magische und spirituelle Ansichten waren gefährlich, weil schon ihre Verweigerung einer linearen, inhaltslosen Zeit selbst die Quelle ihres Ungehorsams war. Damit Leviathan seine Umgestaltung des Körpers erzielen kann, musste er den Körper erst von seiner Teilhabe an einer Kosmologie der Macht und des Geistes trennen. Die wahrgenommene Wildheit der Hexen musste zusammen mit der Wildheit der Welt zerstört werden. Leviathan alleine würde die Fähigkeit besitzen, den Körper zu verändern, zu verzaubern und zu formieren. Diese Kontrolle über den Körper findet gewiss in einer größtenteils metaphysischen Operation statt, auch wenn sie sich selbst verschleiert und vorgibt, natürlich und objektiv zu sein. Vielleicht ist die Leugnung von Spiritualität im Allgemeinen der schwerwiegendste Aspekt der spirituellen Dezimierung, die den Körper mechanisiert.

Die Mechanisierung des Körpers ist für das Individuum so konstitutiv, dass es zumindest in industrialisierten Ländern nicht einmal die Ordnungsmäßigkeit des Sozialverhalten gefährdet, wenn Raum für den Glauben an okkultische Kräfte gelassen wird. Auch der Astrologie kann die Rückkehr gewährt werden, in der Gewissheit, dass selbst die hingebungsvollsten Konsumenten der astralen Aufzeichnungen automatisch auf die Uhr blicken werden, bevor sie zur Arbeit gehen. [19]

Diese Mechanisierung wurde durch die zweiteilige Operation der Leugnung spiritueller Existenz bei gleichzeitiger Zerstörung des rebellischen Körpers erreicht. Hobbes: »Hinsichtlich Hexen denke ich nicht, dass ihre Hexerei irgendeine reale Macht wäre; aber doch verdienen sie es bestraft zu werden, sowohl für den falschen Glauben, dass sie ein solches Unheil anrichten könnten, als auch für ihre Absicht, es zu tun, wenn sie es könnten.« Fredy Perlman und Arthur Evans kritisierten beide Historiker*innen der Hexenverfolgung für die ständige Wiederholung dieser domestizierten Analyse – dafür, dass sie die Massaker der Hexenjagden rechtfertigen, indem sie das mechanistische Verständnis des Körpers durch die Zeit zurückprojizieren und in die »natürliche« Welt.

Die Pfähle, an denen Hexen und andere Ausübende der Magie starben und die Kammern, in denen sie gefoltert wurden, waren ein Laboratorium, in dem einiges an sozialer Disziplin gefestigt wurde und viel Wissen über den Körper erlangt wurde. Hier wurden jene Irrationalitäten eliminiert, die einer Transformation des Individuums und des sozialen Körpers in eine Menge vorhersagbarer und kontrollierbarer Mechanismen im Wege standen. Und es war eben dort, dass der wissenschaftliche Gebrauch von Folter geboren wurde …

Dieser Kampf, der vor allem am Fuße der Galgen ausbrach, demonstrierte sowohl die Gewalt, mit der die wissenschaftliche Rationalisierung der Welt eingeleitet wurde, als auch den Zusammenprall zweier gegensätzlicher Vorstellungen des Körpers, zweier unterschiedlicher Einbettungen des Körpers. Auf der einen Seite haben wir ein Konzept des Körpers, das diesem selbst nach dem Tod Macht zuschreibt; die Leiche ist nichts Abstoßendes und wird nicht als etwas Verrottetes oder völlig Fremdes betrachtet. Auf der anderen Seite wird der Körper, selbst während er lebt, als tot betrachtet, insofern als dass er als mechanischer Apparat betrachtet wird, der sich wie jede andere Maschine zerlegen lässt. […] Der Kurs der wissenschaftlichen Rationalisierung war aufs engste verbunden mit dem Versuch des Staates den unwilligen Arbeitskräften seine Herrschaft aufzuerlegen.

Feral Faun formuliert es ein wenig anders in »The Quest for the Spiritual« [20]:

Diese zivilisierte, technologische Warenkultur, in der wir leben, ist ein Ödland. Für die meisten Menschen ist das Leben die meiste Zeit langweilig und leer, es fehlen Leuchtkraft, Abenteuer, Leidenschaft und Ekstase. Es ist keine Überraschung, dass viele Menschen jenseits der Gefilde ihrer normalen täglichen Existenz nach mehr suchen. In diesem Zusammenhang müssen wir die Suchen nach dem Spirituellen begreifen …

Ich habe entdeckt, dass dieser Dualismus [zwischen dem Materiellen und dem Spirituellen] allen Religionen gemein ist, möglicherweise mit Ausnahme einiger Formen des Taoismus und des Buddhismus. Ich habe außerdem etwas geradezu Heimtückisches über die Fleisch/Geist-Dichotomie entdeckt. Die Religion behauptet von den Gefilden des Geistes, dass sie die Gefilde der Freiheit, der Kreativität, der Schönheit, der Ekstase, der Freude, des Staunens, des Lebens selbst wären. Im Gegensatz dazu ist das Gefilde des Materiellen das Gefilde lebloser mechanischer Aktivität, der Grobheit, der Arbeit, der Sklaverei, des Leidens, des Bedauerns. Die Erde, die Lebewesen auf ihr, selbst unsere eigenen Körper seien Hindernisse unseres spirituellen Wachstums oder bestenfalls Werkzeuge, die man ausbeuten kann. Was für eine perfekte ideologische Rechtfertigung für die ausbeuterischen Aktivitäten der Zivilisation … Während Ausbeutung die Leben der Menschen verelendete, wurden die ekstatische Freude der wilden Existenz und des ununterdrückten Fleisches immer schwächere Erinnerung, bis sie letztlich nicht mehr von dieser Welt zu sein schienen. Diese Welt sei die Welt der Plackerei [travail] (von dem lateinischen Ursprungswort, von dem das Wort Arbeit in allen romanischen Sprachen abstammt) und des Leids. Freude und Ekstase müssten aus einem anderen Gefilde stammen – aus dem Gefilde des Geistes. Frühe Religion ist unbändig orgiastisch und reflektiert eindeutig die verlorene Lebensart, nach der sich die Menschen sehnten. Aber durch die Abtrennung dieser wilden Hemmungslosigkeit in die Gefilde des Geistes, die in Wirklichkeit nur eine Dimension abstrakter Ideen ohne konkrete Existenz sind, machte sich die Religion selbst zum Handlanger der zivilisierten, domestizierten Kultur …

Diese Transformation des Körpers in vorhersagbare und kontrollierbare Abläufe ist für die Naturalisierung der Kategorie von Geschlecht absolut zentral. Der Uterus wird zu einer Maschine – kontrolliert vom Staat und den Ärzten – für die Produktion neuer Körper. Die unbegreifbare Diversität menschlicher Körper wird auf eine allzu einfache und quantitative Beziehung zwischen verschiedenen Chemikalien und Hormonen reduziert. Bestimmte Formen werden für gesund erachtet, während andere für abnormal und einer chirurgischen Intervention bedürftig empfunden werden. Die Binarität der sogenannten Geschlechtsorgane wurde durch diese anhaltende Verstümmelung beinahe erreicht. Bestimmte Verhältnisse in der Verteilung von Fett, Haaren, der Knochenstruktur und andere Auffälligkeiten entwickeln sich zu einem unveränderlichen Beweis der ewigen Existenz des sozialen Gefängnisses namens Geschlecht. Um diesem Gefängnis zu seiner Totalität zu verhelfen, muss unsere Vorstellung von uns selbst auf diese materiellen Abläufe erniedrigt werden. Die Hervorbringung der Menschheit im rationalen geschlechtlichen Körper erforderte die Zerstörung der Magie, eben weil eine magische Sicht auf die Welt beinhaltet, dass sie lebhaft und unvorhersehbar ist, und dass es eine okkulte Kraft in Pflanzen, Tieren, Steinen, den Sternen und uns selbst gibt. Innerhalb dieser animistischen Weltsicht sind unsere individuellen Fähigkeiten nicht auf die angeblich biologischen Bestimmungen des Geschlechts beschränkt, stattdessen können wir in einer Unendlichkeit von Situationen erschaffen, zerstören, lieben und Lust empfinden. Diese anarchische, molekulare Verstreuung von Macht auf die ganze Welt ist die Antithese einer vergeschlechtlichten und sozialen Ordnung, die darauf abzielt, alles Leben gefangen zu nehmen und zu beherrschen. Die Welt musste entzaubert werden, um beherrscht zu werden.

Hier findet die Geburt der Wissenschaft statt. Die entzauberte Welt kann nun durch rationale, objektive Erkundungen erklärt werden. Und doch besteht ein bedeutender Widerspruch, denn diese neue Wissenschaft bedeutete kein Ende für das, was sie als irrationale Verfolgung der Hexen betrachten würde. Stattdessen feierten mechanistische Philosoph*innen die Hexenjagden als Siegeszug der rationalen Weltsicht. Francis Bacon, einer der ersten Hohepriester der Wissenschaft, bedient sich sehr explizit an den Methoden wissenschaftlicher Untersuchung, die direkt aus den Folterkammern der Inquisition stammen. Für die Wissenschaft wird die ganze Welt zu einer Analogie der Hexe: ein Körper, der verhört, gefoltert, vergewaltigt und enthüllt werden muss. Auch weit von dieser bestimmten Periode entfernt können wir immer wieder rückbezügliche Wiederholungen finden, in den Nazi-Konzentrationslagern, den medizinischen Experimenten an Gefangenen, den Tierversuchen, etc. Der wissenschaftliche Rationalismus ist keine progressive Intervention gegen Brutalität, er ist schlicht die universelle Anwendung dieser Brutalität gegen die gesamte wilde Welt, gegen den Körper und gegen den Geist. Diese wissenschaftliche Herangehensweise an die Welt zeigt sich nur umso erschreckender, wenn sie von Revolutionären aufgegriffen wird. Die bourgeoisen Revolutionen, die im Namen von Vernunft und Gerechtigkeit geführt wurden, endeten damit, dass sie diese Abstraktionen mit der Guillotine in das Fleisch von Individuen schnitten, mithilfe der Komitees für öffentliche Sicherheit und Gesundheit und anderen Werkzeugen des systematischen Terrors. Dieser Terror nahm in den kommunistischen Revolutionen, die folgten, eine neue Dimension an.

Wir schließen uns den Herausgebern von Green Anarchy darin an, zu sagen, dass das wissenschaftliche Verständnis der Welt der Höhepunkt der Zergliederung der Realität ist, die erstmals im Geschlecht und in der Domestizierung auftrat:

Wissenschaft ist nicht neutral. Sie ist belastet von Motiven und Annahmen, die der Katastrophe der Abspaltung, Entmachtung und zerstörenden Abgestumpftheit, die wir »Zivilisation« nennen, entstammen und diese untermauern. Wissenschaft setzt Trennung voraus. Das liegt bereits im Wort »Beobachtung«. Etwas zu »beobachten« bedeutet es wahrzunehmen, während man sich emotional und physisch distanziert, es bedeutet, einen Einweg-Kanal der »Information« zu haben, die vom observierten Ding zum »Selbst«, das als nicht Teil dieses Dings definiert wird, fließt. Diese leblose oder mechanistische Sicht ist eine Religion, die dominante Religion unserer Zeit. Die Methode der Wissenschaft beschäftigt sich ausschließlich mit dem Quantitativen. Sie gestattet keine Werte oder Emotionen oder die Art, auf die die Luft riecht, wenn es beginnt zu regnen; oder wenn sie sich mit diesen Dingen beschäftigt, macht sie das, indem sie sie in Zahlen verwandelt; indem sie die Einsheit mit dem Geruch des Regens in eine abstrakte Beschäftigung mit der chemischen Formel für Ozon verwandelt, indem sie die Art, auf die du wahrnimmst, in die intellektuelle Idee verwandelt, dass Emotionen nur eine durch feuernde Neuronen verursachte Illusion sind. Die Zahl selbst ist keine Wahrheit, sondern eine gewählte Art zu denken. Wir haben einen Habitus des Verstandes gewählt, der unsere Aufmerksamkeit auf eine Welt richtet, die der Realität beraubt wurde, in der nichts eine Qualität oder ein Bewusstsein oder ein Leben für sich selbst hat. Wir haben uns dazu entschieden, das Lebende in das Tote zu verwandeln. Sorgfältig denkende Wissenschaftler*innen werden zugeben, dass das, was sie studieren, eine beschränkte Simulation der komplexen realen Welt ist, aber nur wenige von ihnen bemerken, dass dieser beschränkte Fokus sich selbst trägt, dass er technologische, ökonomische und politische Systeme geschaffen hat, die alle zusammenarbeiten und die unsere Realität in sich selbst einsaugen. So beschränkt die Welt der Zahlen auch ist, erlaubt die wissenschaftliche Methode nicht einmal alle Zahlen; nur die Zahlen, die reproduzierbar, vorhersehbar und für alle Beobachter*innen gleich sind. Natürlich ist die Realität selbst nicht reproduzierbar, vorhersehbar oder für alle Beobachter*innen gleich. Und ebensowenig sind Fantasiewelten von der Realität abgeleitet.

Die Wissenschaft endet nicht damit, uns in eine Traumwelt zu ziehen; sie geht einen Schritt weiter und macht diese Traumwelt zu einem Albtraum, dessen Gehalt gemäß Vorhersagbarkeit, Kontrollierbarkeit und Gleichförmitgkeit ausgewählt wird. Jede Überraschung und jede Sinnlichkeit werden eliminiert. Aufgrund der Wissenschaft werden Zustände des Bewusstseins, über die nicht zuverlässig verfügt werden kann, als geisteskrank klassifiziert oder bestenfalls als »nicht-normal« und ausgegrenzt. Anomale Erfahrungen, anomale Ideen und anomale Personen werden ausrangiert oder zerstört, wie unvollkommen geformte Maschinenteile. Wissenschaft ist bloß eine Verfestigung und eine Einschließung eines Strebens nach Kontrolle, das wir spätestens seit dem Moment kennen, in dem wir begannen, Felder zu bestellen und Tiere einzusperren, anstatt durch die weniger vorhersehbare (aber üppigere) Welt der Realität oder »Natur« zu streunen. Und von dieser Zeit bis heute hat dieses Streben jede Entscheidung beeinflusst, was als »Fortschritt« gilt, bis hin zur und inklusive der genetischen Umformung des Lebens.

XIV

Eine Kritik der Wissenschaft birgt nun ein gewaltiges Problem für die meisten Widerstandstheorien. So viele der alten Wege des Widerstands (ganz besonders diejenigen, die auf Wissenschaft und Industrialismus basieren) haben nur diese Ordnung der Welt bestätigt. Der blinde Fleck dieses Widerstands liegt genau darin, dass wir selbst in einer biologischen Dimension domestiziert wurden, in der Gefangennahme unserer Körper und der Verleugnung unseres Geistes. Es wird nicht genug sein, die gesamte Computer-Infrastruktur der Welt zu zerstören, so lange wir eine unausgesprochene Vorstellung von uns selbst als einfache Computer haben. Jeder Versuch, die Wissenschaft zum Zwecke der Befreiung zu gebrauchen, muss die Tragödie der Trennung und Kontrolle, den Wesenskern der Domestizierung, fortführen.

Das kann vielleicht leichter als an irgendeinem anderen Denksystem des letzten Jahrhunderts am Marxismus deutlich gemacht werden. Fredy Perlmans Text The Continuing Appeal of Nationalism [21] ist in diesem Punkt schonungslos:

Marx hatte einen bedeutenden blinden Fleck; Die meisten seiner Jünger und viele Kämpfer*innen, die nicht seine Jünger waren, errichteten ihre Bühnen auf diesem blinden Fleck. Marx war ein enthusiastischer Unterstützer des bourgeoisen Kampfes um Befreiung von den feudalen Ketten – wer war dieser Tage kein*e Enthusiast*in dessen? Er, der beobachtet hatte, dass die herrschenden Vorstellungen einer Epoche die Vorstellungen der herrschenden Klasse waren, teilte viele Vorstellungen der neu an die Macht gekommenen Mittelklasse. Er war ein Enthusiast der Aufklärung, des Rationalismus, des materiellen Fortschritts. Es war Marx, der einsichtsvoll zeigte, dass jedes Mal, dass ein Arbeiter seine Arbeitskraft reproduzierte, jede Minute, die er der ihm zugewiesenen Aufgabe widmete, er den materiellen und sozialen Apparat, der ihn entmenschlichte, vergrößerte. Und doch war der gleiche Marx ein Enthusiast davon die Wissenschaft auf die Produktion anzuwenden.

Aber dieser Fortschritt musste sich zu jedem Zeitpunkt mit der Verwesung behaupten, die jede leviathanische Organisation begleitet. Um das zu tun, benötigte Leviathan beständig neue Populationen, aus denen er seinen Mehrwert herausquetschen konnte. Zu der Zeit wurde die Gefangennahme/Domestizierung dieser Populationen durch Kolonialismus erreicht, während andere in heimischen Kolonien aufgefunden werden konnten (z.B. Juden, Hexen, Schwule, Muslime, Ketzer*innen, etc.). Dieser Prozess der primitiven Akkumulation

ist verantwortlich für das Abheben, den Geldregen und die großen Sprünge vorwärts. […] neue Injektionen vorläufigen Kapitals sind die einzigen bekannten Heilmittel der Krise. Ohne eine anhaltende primitive Akkumulation des Kapitals würde der Produktionsprozess zum Erliegen kommen; jede Krise würde dazu tendieren, permanent zu werden.

Genozid, die rational errechnete Auslöschung menschlicher Populationen, die als legitime Beute gekennzeichnet wurden, waren keine Abweichung in einem ansonsten friedlichen Marsch des Fortschritts. Das ist der Grund, warum nationale bewaffnete Kräfte unverzichtbar für die Ausführenden der Interessen des Kapitals waren. Diese Kräfte schützten die Inhaber*innen des Kapitals nicht nur vor dem aufständischen Zorn ihrer eigenen ausgebeuteten Arbeiter*innen. Diese Kräfte eroberten auch den heiligen Gral, die Wunderlampe, das vorläufige Kapital, indem sie die Tore widerständiger oder widerstandsloser Außenseiter*innen stürmten, indem sie plünderten, deportierten und ermordeten …

Menschliche Gemeinschaften, die in ihren Lebensweisen und Ansichten so vielfältig waren wie Vögel in ihrem Federkleid, wurden erobert, beraubt und schließlich jenseits unserer Vorstellungskraft ausgelöscht. Die Kleidung und Artefakte der ausgelöschten Gemeinschaften wurden als Trophäen gesammelt und in Museen als zusätzliche Spuren des Marschs des Fortschritts ausgestellt; die ausgestorbenen Glauben und Lebensarten wurden zu Kuriositäten einer weiteren der vielen Wissenschaften der Eroberer. Die enteigneten Felder, Wälder und Tiere wurden als Goldgruben, als vorläufiges Kapital, als die Voraussetzung für den Produktionsprozess verwendet, der darin bestand, die Felder in Farmen zu verwandeln, die Bäume in Holz, die Tiere in Hüte, die Mineralien in Waffen, die menschlichen Überlebenden in billige Arbeitskräfte. Genozid war und ist bis heute die Vorbedingung, der Eckpfeiler und das Fundament des militärisch-industriellen Komplexes, der künstlichen Umgebungen der Welt der Büros und Parkplätze. [22]

Perlman fährt fort, diesen blinden Fleck – die Gefangennahme, Genozide und von der Industrialisierung notwendig gemachte Ausbeutung – im Denken der großen Mehrheit der Revolutionäre seit Marx nachzuzeichnen; Anarchist*innen, Sozialist*innen und Leninist*innen. Sie alle glorifizieren den Industrialismus als Schlüsselmoment der progressiven Bewegung der Geschichte. Für Fredy kann die bahnbrechendste und furchterregendste Konsequenz dieses blinden Flecks in der bolschewistischen Revolution und im Denken von Lenin beobachtet werden.

Lenin war ein russischer Bourgeois, der die Schwächen und die Unfähigkeit der russischen Bourgoisie verfluchte. Als Enthusiast für kapitalistische Entwicklung und begeisterter Verehrer der amerikanischen Art des Fortschritts machte er keine gemeinsame Sache mit denen, die er verfluchte, sondern vielmehr mit ihren Feinden, mit den antikapitalistischen Jüngern von Marx. Er bediente sich des blinden Flecks von Marx, um die Marx'sche Kritik des kapitalistischen Produktionsprozesses in ein Handbuch zur Entwicklung von Kapital zu verwandeln, eine »Bedienungsanleitung«. Marx' Studien zu Ausbeutung und Verelendung wurden zur Nahrung für die Ausgehungerten, ein buchstäbliches Füllhorn des Reichtums …

Die russische Landbevölkerung konnte nicht aufgrund ihres Russischseins oder ihrer Orthodoxie oder ihres Weissseins mobilisiert werden, aber sie konnten und wurden aufgrund ihrer Ausbeutung, ihrer Unterdrückung, ihres jahrelangen Leidens unter dem Despotismus der Zaren mobilisiert. Unterdrückung und Ausbeutung wurden zur Schweißnaht. Das lange Leiden unter den Zaren … wurde dazu genutzt, die Menschen in Kampfeinheiten zu organisieren, in Keimzellen der nationalen Armee und der nationalen Polizei.

Die Darstellung des Diktators und des Zentralkomitees der Partei als eine Diktatur des befreiten Proletariats schien etwas Neues zu sein, aber selbst das war nur neu hinsichtlich der gebrauchten Worte. Es war selbst so alt wie die Pharaonen und Lugalen des alten Ägyptens und Mesopotamiens, die vom Gott auserwählt wurden, um die Menschen zu führen, und die die Menschen in ihrem Dialog mit dem Gott vertreten hatten. Es war ein erprobter und bewährter Trick der Herrschenden. Selbst wenn die alten Vorläufer über die Zeit vergessen worden waren, war ein jüngerer Vorläufer durch das französische Komitee für öffentliche Gesundheit gegeben, das sich selbst als Vertreter des Allgemeinen Willens der Nation inszeniert hatte …

Das Ziel des Diktators des Proletariats war noch immer der Fortschritt im Stile Amerikas, kapitalistische Entwicklung, Elektrifizierung, rasanten Massentransport, Wissenschaft, die Verwertung der natürlichen Umgebung. Das Ziel war der Kapitalismus, den die schwache und unfähige russische Bourgeoisie zu entwickeln gescheitert war …

Lenin lebte nicht lange genug, um seine Virtuosität als Generaldirektor des russischen Kapitals unter Beweis zu stellen, aber sein Nachfolger Stalin demonstrierte umfänglich die Macht der Maschine des Gründers. Der erste Schritt war die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals. Wenn Marx darüber nicht besonders klar gewesen sein mochte, so war es Preobraschenski. Preobraschenski wurde inhaftiert, aber seine Beschreibung der versuchten und erprobten Methoden der Beschaffung vorläufigen Kapitals wurde in weiten Teilen Russlands angewandt. Das vorläufige Kapital englischer, amerikanischer, belgischer und anderer Kapitalist*innen stammte aus den geplünderten Übersee-Kolonien. Russland hatte keine Übersee-Kolonien. Der Mangel war kein Hindernis. Das gesamte russische Land wurde in eine Kolonie verwandelt.

Die Bäuer*innen waren nicht die einzigen Bewohner der Kolonie. Die ehemalige herrschende Klasse war bereits gründlich all ihren Reichtums und Wohlstands enteignet worden, aber nun wurden andere Quellen vorläufigen Kapitals gefunden. Mit der Gesamtheit der Staatsmacht in ihren Händen entdeckten die Diktatoren schnell, dass sie Quellen für ursprüngliche Akkumulation erschaffen konnten. Erfolgreiche Unternehmer*innen, unzufriedene Arbeiter*innen und Bäuer*innen, Kämpfer*innen konkurrierender Organisationen, selbst desillusionierte Parteimitglieder konnten zu Konterrevolutionär*innen erklärt, zusammengetrieben, enteignet und in Arbeitslager transportiert werden. All die Deportationen, Massenhinrichtungen und Enteignungen früherer Kolonisator*innen wurden in Russland wiederholt.

Zu [dieser] Zeit waren all die Methoden zur Beschaffung vorläufigen Kapitals erprobt und bewährt gewesen und konnten wissenschaftlich angewandt werden.

Perlman argumentiert, dass diese innovative Methode der Gefangenschaft später Persönlichkeiten wie Hitler, Mussolini und Mao inspirieren wird, von denen die Meisten die Rhetorik der Bolschewiki verwarfen, aber die herausdestillierten wissenschaftlichen Grundlagen der Methode übernahmen. Und da die Revolution, die sich dieser Methode erstmals bedient hatte, in ihrem rethorischen Ziel, die Menschheit von der Lohnarbeit zu befreien, gescheitert war, habe man sich auch dieser Peinlichkeit entledigt. Stattdessen ist der Fortschritt des techno-industriellen Staates selbst die Legitimation. Die ursprüngliche Akkumulation, die für die Vormachtstellung später totalitärer Staaten erforderlich war, fand bei den inneren Feind*innen der Parteien statt. Die Domestizierung musste nicht länger durch irgendetwas anderes als ihre eigene wissenschaftliche Methode gerechtfertigt werden. Und die Wissenschaft selbst würde Methoden erfinden, von denen frühere genozidale Kolonialist*innen nur träumen konnten; Eugenik, Gaskammern, Laboratorien. Jedes dieser Vehikel der Industrialisierung malte sich eine triumphale Reduktion des gesamten eurasischen Kontinents zu einem Gebiet voller Ressourcen aus, die domestiziert und akkumuliert werden könnten. Westliche Rationalist*innen versuchen diese Massenmorde als irrational zu erklären und sehen Personen wie George Washington und Thomas Jefferson als ideale, vernünftige Anführer*innen, obwohl diese Männer Visionen von der Eroberung eines gesamten Kontinents, der Deportation und der Auslöschung der Bevölkerung dieses Kontinents hatten und dieses Vorhaben zu einer Zeit umzusetzen begannen, als so ein Projekt viel weniger machbar war.

Was all diese Situationen gemeinsam haben, ist ein tief sitzender Glaube an den menschlichen Fortschritt durch die Ausdehnung der industriellen Zivilisation. Heutige Marxist*innen mögen sagen, dass diese Anwendung der marx'schen Theorie falsch ist und dass ihre Anwendung abweichend oder revisionistisch ist. Aber ist dieser Schrecken nicht die Konsequenz jedes Versuchs eine Theorie auf einer massenhaften, industriellen Ebene anzuwenden?

Angewandte Wissenschaftler*innen nutzten die Entdeckung [des Atoms] dazu, den Atomkern zu spalten, um Waffen zu produzieren, die jeden Atomkern spalten können; Nationalist*innen nutzten die Poesie, um menschliche Bevölkerungen zu spalten und zusammenzufügen, um genozidale Armeen zu mobilisieren und neue Völkermorde zu begehen.

Die reinen Wissenschaftler*innen, [nationalistischen] Dichter*innen und Forscher*innen betrachten sich als unschuldig hinsichtlich der verwüsteten Landstriche und verkohlten Leichen … Jede Minute, die dem kapitalistischen Produktionsprozess gewidmet wird, jeder Gedanke, der zum industriellen System beiträgt, vergrößert eine Macht, die der Natur, der Kultur, dem Leben feindselig gegenübersteht. Angewandte Wissenschaft ist nichts Wesensfremdes, sie ist ein wichtiger Bestandteil des kapitalistischen Produktionsprozesses.

Was klar wird, ist, dass jeder Versuch, eine wissenschaftliche Theorie der Herrschaft herauszuarbeiten (ungeachtet der Intentionen der Theoretiker*innen) der Herrschaft selbst als Blaupause dient. Das kann als die De/Rekomposition [23] der Geschichte verstanden werden. Bedeutender noch ist, dass es die oben formulierte Kritik an anderen wissenschaftlichen Disziplinen in Angriff nimmt: Anthropologie und Psychoanalyse. Die bloßen Theorien von Anthropolog*innen, Psychoanalytiker*innen und Marxist*innen neigen immer dazu, neue Instrumente der Herrschaft zu werden: Universitäten, Heime und Arbeitslager. Den erhellendsten Punkt macht Camatte, wenn er die Rolle der Theorie kritisiert:

Theorie fordert ebenso wie Bewusstsein eine Objektifizierung in einem solchen Ausmaß, dass selbst ein Individuum, das politische Gaunereien ablehnt, die Theorie in den Zustand der Gaunerei erhebt. In einem Subjekt, das sich als revolutionär darstellt, ist die Theorie eine Despotie: Jeder sollte das erkennen. Nach der zwei Jahrtausende währenden Herrschaft über den Körper durch den Verstand ist es offensichtlich, dass die Theorie immer noch eine Manifestation dieser Herrschaft ist.

Aus diesem Grund ist es umso wichtiger, dass wir mit der wissenschaftlichen Gewissheit und Methodik in unserer eigenen Erkundung von Geschlecht brechen. Andernfalls würden wir mehr der gleichen Lösungen erzeugen: Cyber-Feminismus, die buchstäbliche Flucht vor dem Körper, automatisierte Reproduktion, eine Flucht, die »illusorisch ist, ein Vergessen gegenüber der gesamten Entwicklung und Logik unterdrückerischer Institutionen, die das Patriarchat ausmachen. Die ent-körperte Hightech-Zukunft kann nur Teil des gleichen destruktiven Kurses sein.« [24] Auf die gleiche Art und Weise, auf die die Körper/Geist-Trennung uns garantiert, dass idealistische Lösungen für Geschlecht immer scheitern werden (Die Wirtschaft queerer machen! Den Staat queerer machen!), so garantiert uns auch die Materielles/Geistiges-Trennung, dass der blinde Fleck des Industrialismus seinen Kurs der Auslöschung und Kontrolle fortsetzen wird.

Um für einen Moment zu Feral Faun zurückzukehren:

Materialismus akzeptiert noch immer die Materie/Geist-Dichotomie, behauptet dann aber, dass Geist nicht existiert. Dadurch werden Freiheit, Kreativität, Schönheit, Ekstase, Leben als etwas, das mehr ist als bloße mechanische Existenz, vollständig aus dieser Welt ausgerottet. Mechanistischer Materialismus ist die überarbeitete Ideologie der Religion, die auf die Bedürfnisse des industriellen Kapitalismus angepasst wurde. Denn der industrielle Kapitalismus benötigt nicht nur eine abgetötete, entgeistigte Erde, sondern auch abgetötete, entgeistigte Menschen, die zu Zahnrädern einer gigantischen Maschine gemacht werden können.

XV

In diesem Text haben wir eine Kritik der wissenschaftlichen Betrachtung von Geschlecht und der Widerstandspraktiken, die in dieser Domestizierung verwurzelt bleiben, miteinander verwoben. Wir werden uns nun explizit einer der prominentesten dieser Ideologien hinsichtlich Geschlecht zuwenden: dem marxistischen Feminismus (bzw. seinem zeitgenössischem Euphemismus, dem materialistischen Feminismus). Diese Ideologie entstand vor allem in den Siebzigern als ein Versuch, die Kritik am Kapitalismus mit einer Kritik am Patriarchat zu verschmelzen. Gayle Rubins Untersuchung, die wir oben vertieft haben, war hauptsächlich eine Kritik an den Grenzen der marxistischen Perspektive. Queertheorie und schwarzer Feminismus sowie Transfeminismus entstanden vor allem als Reaktion auf die Unfähigkeit dieser Theorie, die Mehrheit vergeschlechtlichter Gewalterfahrungen von einer ganzen Bandbreite an Subjekten zu erklären, die von der wissenschaftlichen Stichprobe ausgeschlossen wurden. Die Theorien zeitgenössischer marxistischer Feminist*innen weichen nicht allzu sehr von ihren Wurzeln ab, aber die vor Jahrzehnten aufgeworfenen Fragen bleiben größtenteils unbeantwortet.

Diese Interventionen sind für unsere eigene Kritik relevant, aber wir wollen von etwas anderem ausgehen. Weil er materialistisch ist, ignoriert der materialistische Feminismus die spirituellen Dimensionen von Geschlecht und war infolgedessen nicht in der Lage dazu, Geschlecht als Domestizierung zu bestimmen oder zu kritisieren. Wegen seiner Priorisierung des Historischen und Ökonomischen vermag erhinsichtlich der Erfahrungen der individuellen Körper, die von diesen leviathanischen Abstraktionen gefangen oder ausgeschlossen wurden, kaum etwas zu bieten.

In den Siebzigern sagten Rubin und andere, dass die größte Beschränktheit des marxistischen Feminismus seine Vorstellung der Ursprünge sei. Für sie basierte die Ausbeutung und Herrschaft von Frauen auf der Trennung und Vergeschlechtlichung der Sphären der produktiven und reproduktiven Arbeit. Rubin argumentierte, dass die Herrschaft über Frauen von jenseits dieser Trennung stammte, aber auch, dass sowohl das Sex/Gender-System als auch das ökonomische System ihre eigenen Arten der Produktion und Reproduktion hätten (das Sex/Gender-System produziert Geschlecht und sexuelle Identitäten selbst, während es auch unzählige Reproduktionen des ökonomischen Systems gibt, die auf Arten funktionieren, die sich nicht auf Hausarbeit zurückführen lassen). Schon damals war es schlampig, die beiden Systeme darauf zu reduzieren, schlicht die produktive und reproduktive Sphäre der kapitalistischen Produktionsweise zu sein. Für sie reichen die Ursprünge von Geschlecht viel weiter zurück, sie kommen zu Beginn der Zivilisation selbst auf. Auch wenn feministische Anthropolog*innen in der Ursprungsdebatte eines Tages offensichtlich den Sieg über marxistische Feminist*innen davontragen werden, bringt uns unsere Untersuchung über diese theoretische Endlosdebatte hinaus. Rubins Perspektive ist für uns nicht interessant, weil ihre Indizien älter sind (schließlich ist die anthropologische Methode ebensosehr im Scheitern der Wissenschaft verwurzelt, wie es die historisch-ökonomische ist). Stattdessen sind wir daran interessiert, wie ihr Text zur Ausarbeitung dessen beiträgt, dass Geschlecht und Domestizierung ein und derselbe Prozess sind, mit sowohl körperlichen als auch geistigen Operationen.

Wir behaupten, dass wir, um eine Flucht aus einem System, das uns gefangen hält, zu planen, geschweige denn, um gegen das Ungeheuer selbst auszuholen, nicht nur verstehen müssen, woher es stammt, sondern wichtiger noch, wie es gegenwärtig funktioniert. Der marxistische Feminismus erscheint in beiderlei Hinsicht ungeeignet. Eine Kritik der Herrschaft in der Ausübung von Hausarbeit zu verorten, ohne bei einer Kritik der Domestizierung zu beginnen, kann nur einen Teil der Geschichte erzählen, eine Beschreibung bestimmter Augenblicke (oder Fantasien) in bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten sein, aber wird die entscheidende feindliche Funktion, die sie mit all den anderen Momenten von Geschlecht verbindet, verfehlen. Durchdachtere Wiederholungen des marxistischen Feminismus würden sagen, dass Geschlecht offensichtlich älter ist als Kapital, aber das Kapital alle vorher existierenden Sozialbeziehungen aufgreift und für sich nutzt und daher Geschlecht zusammen mit allen anderen ausnutzt. Und auch wenn es stimmt, dass es eine einzigartige Dimension aller Momente gibt und dass Geschlecht innerhalb des Kapitalismus anders ausfällt als innerhalb anderer Produktionsweisen, beweist das nicht, dass sich das Wesen vergeschlechtlichter Herrschaft allzu sehr verändert hätte. Vielmehr kommt die Geschlechterform Jahrtausende vorher auf und bleibt in ihrem zweiseitigen körperlichen/geistigen Angriff auf die menschliche Existenz beständig.

Die Momente der Akkumulation von Hausarbeit (in den Hexenjagden oder im Fordismus) sind zwei lohnenswerte Geschichten darüber, wie Geschlecht seine zeitgenössische Form angenommen hat, aber sie bleiben zwei Geschichten unter vielen. Diese Momente ökonomischer Ausbeutung überzubewerten bedeutet die unzähligen Geschichten, die nicht in dieses hübsch ordentliche Narrativ passen, zu unterschlagen und unterzubewerten. Unter aufmerksamen Marxist*innen ist es üblich, zu versichern, dass der Staat viel älter als das Kapital sein mag, aber dass ihre untrennbare Verwebung den Staat völlig verändert und neu begründet hat, und dass diese beiden Formen zusammen zerstört werden müssen. Und doch haben alle versuchten marxistischen Revolutionen immer nur den Staat reproduziert, genau weil diese Form älter ist und unsere Existenz durchdringender kolonisiert hat. Auf diese gleiche Weise ist die einfache Versicherung, dass Geschlecht und Kapital furchtbar miteinander verflochten sind und zusammen zerstört werden müssen, keine Theorie dessen, wie das passieren wird, ebensowenig wie eine tiefergehende Analyse, wie das gekommen ist. Ebenso wie ein Fokus auf den Staat als wesentlicher Bestandteil des Kapitals in der Praxis als blinder Fleck fungiert, so wird es auch diese Verortung von Geschlecht tun. Wir werden an die lächerlichen Momente des letzten Jahrzehnts erinnert, als verschiedene kommunistische Parteien eine vollständige Kehrtwende in ihrer Position zu queeren Personen machten, ohne jemals die Struktur ihres Verständnisses zu verändern. Die Anstrengung die Ideologie auszuweiten und anzupassen (um auf die Kategorien, die sie zuvor ignorierten, zuzutreffen) fühlt sich beständig wie die gleiche Politik liberaler Inklusion an, aufgenäht auf den vulgären Marxismus. Ja, Geschlecht wird durch das Kapital ausgebeutet und beide sind vielerorts ununterscheidbar und untrennbar in der Gegenwart, aber das ist nicht genug. Ebenso wie eine Ablehnung der Staatsform ein Verständnis ihres Aufstiegs und ihrer Funktion bis in die Gegenwart erfordert (ohne sie vulgär innerhalb des Kapitals zu systematisieren), so erfordert auch Geschlecht eine derartige Untersuchung. Wenn wir es zerstören wollen, können wir unseren Kanon nicht auf die Momente beschränken, die sich nett in eine Geschichte über das Kapital einfügen. Wir müssen auch von den archaischen Ursprüngen von Geschlecht und den Stimmen und Biografien derer, die versuchten, es aus ihnen selbst herauszubrennen, erzählen.

Die marxistische feministische Perspektive wird immer an der Diskussion über die Ursprünge scheitern, weil selbst diejenigen, die die soziale Konstruktion von Geschlecht [Gender] kritisieren, eine naturalisierte Sichtweise auf Geschlecht [Sex] bestätigen. Für sie ist das sozialisierte Geschlecht eine Verfälschung der biologischen Realitäten von Männern und Frauen der Spezies im Hinblick auf Reproduktion. Wir haben bereits diskutiert, wie diese Trennung selbst Domestizierung ist und dass es Leviathans Funktion ist, seine Maschine ins Wilde zu verallgemeinern und zu naturalisieren. Wenn marxistischer Feminismus diese Naturalisierung von Geschlecht [Sex] zurückgewiesen hat, dann haben wir das wohl nicht wahrgenommen. Selbst diejenigen, die so weit gehen, ein essentialistisches Geschlecht [Gender] zu problematisieren, fallen stets darin zurück ein transhistorisches »Männer und Frauen« innerhalb all ihrer komplexen Formulierungen zu diskutieren.

Selbst wenn wir Geschlecht [Gender] nur in der Gegenwart erforschen würden, würden wir noch immer die Geschichte der Hausarbeit als für diese Aufgabe ungeeignet empfinden. Das Narrativ verortet die Familie als die primäre Ausbeutungsstätte der weiblichen reproduktiven Arbeit, Arbeit, die für die fortgesetzte Funktion der kapitalistischen Produktionsweise erforderlich ist. Es stimmt, dass die Familie diesem Zweck dient, aber unsere Kritik hier zu beenden ist zu sehr von einer mechanistischen und materialistischen Sichtweise beschränkt. Wir haben bereits eine Theorie erkundet, nach der die Familie eine Struktur ist, die aus dem Austausch der Körper anderer als Waren hervorgeht und die von einer mystischen Macht durch die Aufführung altertümlicher Rituale hinsichtlich Sexualität und Versippung erfüllt ist. Die Festigung dieser mystischen Verwandtschaftsstrukturen waren die Basis komplexerer menschlicher Sozialbeziehungen inklusive derer Leviathans und des Staates. Eine spezifische Macht der Einfügung verzaubert diejenigen, die an diesen Familien teilnehmen, da sie die Erb*innen von jahrtausendealter Abstammung werden und mit der Fortsetzung dieser Abstammung in der Zukunft (wir haben das zuvor anhand des Symbols des Kindes diskutiert) beauftragt werden. Der Faschismus fetischisiert diese Bindungen, aber auch die meisten anderen politischen Traditionen tun das. Die marxistische Analyse der Familie würde uns erzählen, dass diese Struktur aus den spezifischen ökonomischen Bedingungen des Kapitalismus stammt, aber das ist empirisch falsch. Das Kapital hat die Familie auf einzigartige Weisen geformt, aber die Bindungen, die die Familie zum Leben erwecken und ihr Macht verleihen (Bande der Verwandtschaft, Übertragung, Abstammung, Sexualität und reproduktiver Futurismus) strömen durch seine Geschichte [His-story] und erschaffen ein Erbe der Jahrtausende der Kontrolle und Herrschaft. Wenn wir die Aufgabe der Zerstörung dieser Einheit ernst nehmen wollen, müssen wir sie in ihrer Ganzheit begreifen – sicher, auch in ihrer ökonomischen Funktion, aber auch in ihrer Einsperrung und Formung sowohl des Körpers als auch des Geistes. Warum nimmt die Familie einen so wesentlichen Platz in jeder domestizierten Kultur ein? Warum gründen Menschen sie? Warum bleiben sie in ihr? Warum behaupten einige sogar, ihre missbräuchlichen Positionen in ihr zu lieben und zu genießen? Warum verharrt sie im nebulösen Gefilde offener Geheimnisse und stillen kleinen Gewalttätigkeiten? Diese Fragen lassen sich nicht nur durch Ökonomie beantworten.

Ein marxistischer Versuch würde antworten, dass Frauen in der Familie verbleiben, weil ihnen die Lohnarbeit verweigert bleibt, und Männer, weil sie die kostenlose reproduktive Arbeit benötigen, aber diese Antwort fühlt sich angesichts der enormen Ausmaße der aufgeworfenen Fragen dürftig an. Wie kann dieses oder jenes Übereinkommen der Lohnarbeitsbeziehung der Schlüssel sein, der die formgebendste soziale Beziehung innerhalb der Zivilisation zusammenhält? Er ist es nicht. Wir haben bereits gesagt, dass die Wissenschaft eine beschränkte Sicht auf die Welt ist, die die Vielfältigkeit der Realität in die Grenzen ihres Blickfelds reduziert. Diese Tendenz tritt in der wissenschaftlichen Interpretation der Familie nur allzu offensichtlich zu Tage. Diese Betrachtung ist viel zu beschränkt, um die Erfahrungen der meisten Menschen mit Geschlecht und Gewalt widerzuspiegeln, ja selbst um die Familien der meisten Menschen zu beschreiben. Schwarze, braune und indigene Feminist*innen haben beständig die marxistische Formulierung als vorrangig weißes Verständnis, das kaum bis gar keine Anwendung auf ihr Leben hat, kritisiert. Die Formulierung schließt selbst viele weiße Familien aus, besonders die, die sehr arm sind. Meine Mutter zum Beispiel hatte zwei Jobs, um uns zu ernähren, als ich klein war, einen in der Fabrik und einen in einer Krankenstation. Ihre Mutter arbeitet noch immer im selben Restaurant, in dem sie seit Jahrzehnten arbeitet. Und doch behält das, was meine Familie ausmacht, seinen häuslichen Charakter.

Wir sind Fredy und Attentat darin gefolgt, zu versichern, dass die Geschichte in der Verwesung leviathanischer Formen besteht. Ebenso verwest auch die Familie beständig und ersteht aufs neue aus der Asche wieder auf. An diesem Punkt gibt es so viele »neue normale« Familienübereinkünfte, von denen keine im vereinfachenden, binären Verständnis von Geschlecht berücksichtigt ist. Wie trägt eine marxistische Perspektive diesem andauernden Moment der Verwesung der Familie Rechnung?

Eine queere Position argumentiert, dass die Familie eine Stätte unserer Ausbeutung ist, ja, aber auch eine beständige Operation der Folter, Einengung und Herrschaft gewesen ist, die bei weitem die Anforderungen der Hausarbeit übersteigt. Für andere können wir die Familie oft auch als eine Stätte des Ausschlusses betrachten, besonders in den Momenten, in denen wir gegen sie rebellieren. Die marxistische Weltsicht hat weder etwas über unsere Verstümmelung innerhalb der Familienform noch über unseren Ausschluss aus ihr zu sagen. Ferner verspottet sie unsere individuelle und kollektive Revolte gegen diese Form als ahistorisch und idealistisch. Wir würden voreilig handeln oder ohne die richtigen Bedingungen; aber diese rationalistischen Ansätze haben immer nur die Familie bestätigt (selbst wenn sie ihre Rolle ökonomisch kritisierten). Unsere Revolte wird aus ihr heraus niemals verständlich sein.

Selbst für die Befürworter*innen dieser Theorie erklärt sie kaum etwas über ihr eigenes Leben. In den Siebzigern basierte die Situation bereits auf einer Gruppe von Frauen, die objektiv ein Anderes studierten. In der Gegenwart sehen wir Akademiker*innen die Ideen von Akadamiker*innen studieren, die diesen Anderen Körper von Frauen studiert haben (und das dann historischen Materialismus nennen). Ich denke dabei an diejenigen feministischen Professor*innen, deren Befreiung daher kommt, dass sie eine*n Haushälter*in anstellen.

Unsere Untersuchung beginnt zuerst bei unseren eigenen Leben und folgt dann den Spuren, auf denen wir unsere eigenen Kämpfe innerhalb und gegen Geschlecht in den Kämpfen anderer verorten können. Außerhalb dessen fühlt sich jede Untersuchung bedeutungslos und leer an. In meinem eigenen Leben und meinen Erfahrungen sind die marxistischen Formulierungen um die Trennung zwischen reproduktiver und produktiver Arbeit unfassbar oberflächlich darin, vergeschlechtlichte Gewalt zu adressieren. Sie erklären nicht, warum alte Männer dafür bezahlen, Sex mit mir zu haben oder Videos meiner sexuellen Arbeit anzusehen. Sie erzählen nichts über das Engagement von Menschen außerhalb meiner Familie, die meine Sexualität und meinen geschlechtlichen Ausdruck [gender expression] reglementieren wollen. Sie erklären nicht, warum diejenigen von uns, die nicht die biologische Möglichkeit haben, schwanger zu werden, Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt erfahren. Sie erzählen mit Sicherheit nichts über die Verbreitung von K.O-Tropfen in queeren Bars und bei queeren Parties oder über unsere Ermordung durch Queer Bashers oder die Polizei. Auch wenn ich nicht ausschließen will, dass es eines Tages eine solche Erzählung geben könnte, haben wir keinerlei Anstrengungen in diese Richtung gesehen. Eine Verweigerung des Materialismus ist keine Bekräftigung einer bestimmten Sorte eines queeren Idealismus, sondern vielmehr ein Versuch zu erkunden, was von beiden dieser Weltsichten ausgespart und verworfen wurde, nämlich den Körper und den Geist. Diese Erfahrungen erfordern eine körperliche und spirituelle Erkundung, eine, die die gleichzeitige Frage der Domestizierung ernst nimmt. Eine solche Erkundung erscheint absolut notwendig, wenn wir die große Bandbreite an vergeschlechtlichter Gewalt verstehen wollen (sowohl die ausschließende und einsperrende Gewalt gegen Queers und geschlechtlich abweichende Personen als auch die alltäglicheren täglichen Ausbeutungen in der Familie) und diese als eine einzige Operation begreifen wollen.

Dass die Theorie des marxistischen Feminismus fehlerhaft ist, ist nur die Spitze des Eisbergs. Wie bei jeder anderen Theorie auch, werden ihre Anwendungen immer von ihren blinden Flecken heimgesucht werden. Wir haben bereits gezeigt, dass reine Wissenschaften dazu neigen, furchtbare Ergebnisse zu schaffen. Die Anwendung dieser Theorie ist natürlich die Organisierung. Oft ist die Organisation so banal und reformistisch, dass eine Erkundung ungerechtfertigt wäre (Löhne für Hausarbeit! zum Beispiel.). Andere falsche Lösungen (mechanisierte Reproduktion oder selbstverwaltete Hausarbeit) wurden glücklicherweise nie in einem relevanten Maßstab in die Praxis umgesetzt.

Eine andere Anwendung des marxistischen Feminismus ist Separatismus. Es lohnt sich, sich damit zu beschäftigen, wegen der spezifischen Tragödie, die dessen Geschichte zeigt. Das separatistische Projekt beginnt mit dem Bewusstsein der Dynamik, die wir bereits hinsichtlich der Organisation illustriert haben (da jede Organisation begründet wird durch den Austausch vergeschlechtlichter Körper), aber strebt danach diese Zirkulation selbst zu verwalten. Frauen müssen in dieser oder jener Gruppe oder Partei organisert werden, in der andere, bewusstere Frauen ihnen helfen werden, ihr Denken und ihr Handeln zu strukturieren. Der Ausschluss bestimmter Geschlechter von diesen separatistischen Gruppen hat niemals die dämonische Qualität der Organisation selbst exorziert. Jenseits dessen hat er durch seinen absichtlichen und hasserfüllten Ausschluss von transgender Frauen und anderen vielmehr eine besonders finstere Dimension angenommen. Die Aktivitäten marxistischer Feminist*innen waren entscheidend in der Entstehung der Staatspolitik, diese Frauen vom Staatsdienst, von Aktivist*innengruppen und von Unterkünften auszuschließen. Diese Feminist*innen dienten als Frontlinie der Begründung transmisogyner Politiken in zahllosen politischen und kulturellen Institutionen. Wie mit allen wissenschaftlichen Theorien der Herrschaft, hat diese Variante des Feminismus historisch dazu beigetragen, den Ausschluss derer, die nicht in ihre theoretischen Konstrukte passen, zu verfestigen. Zeitgenössische marxistische Feminist*innen werden behaupten, dass sie, da sie erklärtermaßen keine Transmisogyne seien, keine Verantwortung für diese Tradition hätten. Und doch hat sich die theoretische Untermauerung dieser Einstellung unter ihren Vormüttern nicht auf irgendeine bedeutende Weise verändert. Die Inklusion einiger Hinweise auf trans Frauen bestenfalls, die Wiederholung der Vergangenheit schlechtestenfalls. Wenn die Tendenz wäre, mit dieser Vergangenheit ernsthaft zu brechen, würde das eine tiefergehende Analyse erfordern, die bei weitem nicht stattfindet. Wie kann eine rein materialistische Vorstellung von Geschlecht die Entscheidung von Individuen erklären, ihr Leben, ihre Freiheit und ihr Wohlergehen zu riskieren, um offen mit einem Geschlecht zu leben, das sich von dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen unterscheidet? Sie kann es offensichtlich nicht, außer sie erforscht die Wechselbeziehung der spirituellen sowie der körperlichen Operationen von Geschlecht. Wir haben nur wenig Vertrauen in das Aufkommen einer kategorialen Theorie von Geschlecht, die nicht zu einem Apparat der Polizierung dieser Kategorien wird. Dieses Polizieren wird von einem uralten Problem der Politik begleitet: dem der Repräsentation. Zu behaupten für Die Frauen oder Die Feministinnen oder selbst Die Queers zu sprechen, wird immer eine Geschichte von Geschlecht erzählen und dabei so viele andere ausschließen. Diejenigen, die diese Grenzen ziehen, werden sie immer durch die Körper anderer ziehen.

Eine jüngere Antwort auf diese Kritiken war die Einführung des Konzepts Nicht-Männer [25]. Die meisten Versuche, diese Kategorie zu definieren, sind extrem unbeholfen. Einmal wird dieses Konzept genutzt, um nicht-Cis-Männer zu meinen oder um explizit zu sagen, dass Schwule bei bestimmten Treffen nicht willkommen sind. Ein anderes Mal meint es schlicht Frauen plus trans Personen. Einige Feminist*innen haben sogar gesagt, dass die Kategorie manchmal »emaskulierte Männer of Color« beinhaltet. Für gewöhnlich ist sie nur die postmoderne Kurzschrift für Frauen. Wie jede andere Kategorie funktioniert auch sie nur dann, wenn sie eine klare Grenze hat und diese Grenze wird immer poliziert werden. Auf jeder Ebene ist sie unablässig problematisch. Die am wenigsten problematischen Definitionen von ihr (wie beispielsweise die in »Undoing Sex« [26]) sind so vage, dass sie keinerlei praktische Anwendung finden dürften. Und es ist immer die praktische Anwendung, die diese Theorien ihre Gewalt entfalten lassen. Die Aussicht, dass eine politische Körperschaft aus vorrangig cisgeschlechtlichen Frauen bestimmen wird, welche genderqueeren oder transfemininen Individuen nicht-männer genug sind, um Teil ihrer Gruppen zu werden, ist geradezu ekelerregend. Dieses kategoriale Polizieren spiegelt all die anderen wider. Lerne die neue Binarität kennen, sie ist dieselbe wie die alte. Ein Weg aus diesem Dilemma könnte es sein, bei der Erfahrung zu beginnen statt bei der Identität. Sich Mitverschwörer*innen aufgrund einer geteilten Erfahrung einer Bandbreite von verschlechtlichter Gewalt zu suchen. Einige Befürworter*innen von Nicht-Männern haben das ähnlich definiert (»diejenigen, die vergewaltigt werden«, »diejenigen, die Carearbeit leisten«), aber keine dieser Erfahrungen ist durch die Identität beschränkt, und einen phänomenologischen oder erfahrungsbasierten Rahmen zu akzeptieren, würde die Nützlichkeit der Kategorie insgesamt verwerfen. Wenn das Konzept entweder problematisch ist oder nutzlos, warum wurde dann so viel Geschick in dem Versuch aufgeboten, das Konzept zu retten? Was wir hier eigentlich sehen, ist der verzweifelte Versuch, die binären Kategorien in einer Welt zu retten, in der sie schon lange zu zerfallen begonnen haben.

XVI

Es gibt einen Trend innerhalb des kommunistischen Denkens, der danach strebt, die Grenzen, die durch die unterschiedlichen Attacken auf den Marxismus aufgezeigt wurden, zu überwinden: Kommunisierung. Auch wenn es nicht Gegenstand dieser Fragmente sein kann, diesen Textkorpus in seiner Gesamtheit zu kritisieren, wollen wir uns damit auseinandersetzen, da seine jüngeren Verfechter*innen die Frage des Geschlechts aufgegriffen haben. Die meisten Schriften der amerikanischen Kommunisierer, die sich mit Geschlecht auseinandersetzen, sind von der französischen Gruppe Theorie Communiste (TC) beeinflusst. TC postuliert, dass zusätzlich zum Gegensatz von Arbeit und Kapital ein zweiter Gegensatz zwischen Männern und Frauen besteht. Für sie überschneiden sich diese beiden Widersprüche in der Gegenwart und bilden die zentrale Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft. In dieser Hinsicht vertritt TC ähnliche Positionen wie Gayle Rubin; sie stellen sich zwei unterschiedliche Systeme der Produktion und des Geschlechts vor, die miteinander verwoben sind. Auch wenn es lächerlich ist, die Dynamik der Gegenwart auf zwei Widersprüche zu reduzieren, sind wir auch nicht an irgendeiner quantifizierbaren Konstellation binärer Gegensätzlichkeiten interessiert. Domestizierung ist eine unendlich komplexe und diffuse Trennung des Lebens; Sie führt zahllose Gegensätze ein, die sich nicht einfach als eines, zwei oder fünf Systeme zusammenfassen lassen. Wir brechen mit beiden Vorstellungen, indem wir versichern, dass es niemals eine Periode geben wird, in der diese Systeme verschieden sind, sondern dass sie immer nur Beispiele waren für die Frakturierung der Domestizierung.

Aber auch wenn die Theorie von TC gekünstelt erscheint, so ist es doch lohnenswert die Ideen derer zu erkunden, die Inspiration daraus gezogen haben. Da jene an vorderster Front des marxistischen Denkens bezüglich Geschlecht stehen, suchen wir hier nach einer gemeinsamen Kritik der Domestizierung. Spezifisch werden wir uns drei Texte kurz ansehen: »Communization and the Abolition of Gender« [27] von Maya Andrea Gonzales, »The Gender Distinction in Communization Theorie« [28] von P. Valentine aus dem LIES Journal und »The Logic of Gender« [29] in der dritten Ausgabe des Journals Endnotes.

Gonzales kritische Lektüre von TC ist aus mehreren Gründen interessant. Erstens kritisiert sie TC dafür, ihre Theorie zu Geschlecht auf Basis der bereits existierenden Kritik der kapitalistischen Produktionsweise entwickelt zu haben und so auf die historische Spezifität von Geschlecht an dem Punkt, wo diese zusammentreffen, zu verzichten. Sie kritisiert ihren fetischisierten Fokus auf die Rolle unbezahlter Hausarbeit, die von Frauen verrichtet wird und sagt, dass die Herrschaft über sie damit verbunden ist, wie die Klassengesellschaft ihre Fähigkeit zu gebären akkumuliert. Das interessiert und vor allem wegen seiner Entwicklung weg von einem vulgäreren marxistischen Verständnis, aber auch weil es zu unserer zuvor dargelegten Kritik des reproduktiven Futurismus beiträgt. Die Fantasie des Kindes bleibt die primäre Struktur der Formung der sozialen Ordnung und als solche muss sie als zentral für die vergeschlechtlichte Matrix angeklagt werden. Wir sind auch begeistert von ihren Versuchen beide Kategorien des Geschlechts [Sex und Gender] zu denaturalisieren.

Nicht alle Menschen passen in die Kategorien männlich und weiblich. Der Punkt ist, nicht die Sprache der Biologie zu verwenden, um eine Theorie naturalisierter Geschlechtlichkeit zu begründen, die sich vom sozialisierten Geschlecht unterscheidet. Die Natur, die ohne Unterscheidung ist, wird in eine Sozialstruktur integriert – die natürliche Mittelwerte in Verhaltensnormen verwandelt. Nicht alle »Frauen« gebären Kinder; vielleicht gebären auch einige »Männer«. Das macht sie kein bisschen weniger den Einschränkungen der Gesellschaft verpflichtet, inklusive auf der Ebene ihrer bloßen Körper, die manchmal bei der Geburt verändert werden, um Konformität mit geschlechtlichen Normen zu gewährleisten.

Diese Denaturalisierung passt gut mit einer Vorstellung von Geschlecht als Domestizierung zusammen, genau weil es der Domestizierungsprozess ist, der die wilde Vermehrung der Körper in die Sozialstruktur einbettet. Die Sozialstruktur, die »natürliche Mittelwerte« nimmt und sie in polizeiliche Mechanismen verwandelt, ist die älteste Sozialstruktur, die aufkommenden Verwandschaftsstrukturen, die den ersten Leviathanen zum Aufstieg verhelfen. Für den Text spricht, dass es dieses Polizieren und diese kategoriale Konstruktion ganz zu Beginn der Klassengesellschaft verortet. Gonzales Text ist in dieser Hinsicht beinahe vollkommen einzigartig in einem Terrain des Denkens, das ansonsten Geschlecht [Sex], wenn nicht Geschlechterrollen [Gender], für essentiell hält. Wir freuen uns darüber, aber müssen uns auch daran erinnern, warum diese Entwicklung notwendig erscheint. Geschlecht als Domestizierung zu verorten ist nur dann entscheidend für uns, wenn es auch unsere Aufgabe ist, seine Herrschaft über uns zu brechen.

Gonzales verlangt nach der Abschaffung von Geschlecht und tut das, indem sie die Kommunisierung als seine Überwindung theoretisiert.

Da die Revolution als Kommunisierung alle Trennungen innerhalb des sozialen Lebens abschaffen muss, muss sie auch Geschlechtsbeziehungen abschaffen – nicht weil Geschlecht unbequem oder anstößig ist, sondern weil es Teil der Totalität der Beziehungen ist, die täglich die kapitalistische Produktionsweise reproduzieren. Geschlecht begründet ebenfalls den zentralen Widerspruch des Kapitals und so muss Geschlecht im Prozess der Revolution zerrissen werden. Wir können nicht bis nach der Revolution warten, um uns der Lösung der Geschlechterfrage anzunehmen. Ihre Relevanz für unsere Existenz wird nicht langsam verwandelt werden – weder durch geplante Überalterung oder spielerische Dekonstruktion noch als die Gleichheit aller Geschlechteridentitäten oder ihrer Ausuferung in eine Vielzahl von Unterschiedlichkeiten. Im Gegenteil, um überhaupt revolutionär zu sein, muss die Kommunisierung Geschlecht auf ganzer Linie zerstören, indem sie Beziehungen zwischen Individuen einführt, die durch ihre Einzigartigkeit definiert sind.

Auch wenn wir einer solchen Art von totaler Revolution gegenüber eine ganze Menge Skepsis besitzen, gibt es hier viele Gemeinsamkeiten: das Verlangen Beziehungen zwischen Individuen in ihrer Einzigartigkeit ins Leben zu rufen, Geschlecht abzuschaffen und es nicht einfach wuchern zu lassen, und Geschlecht zusammen mit unserer Zerstörung des ganzen Rests zu zerstören. Enttäuscht sind wir an dem Punkt, an dem diese Linie der Untersuchung endet. Gonzales Arbeit in diesem Text trägt zu einer Erkundung dessen bei, warum das passieren müsse, aber verbleibt beinahe vollständig stumm hinsichtlich des Wie, Wann oder von Wem. In diesem Sinne hat ihr Text ein Problem, das in der Theorie der Kommunisierung üblich ist. Wie die meisten anderen Argumente rund um Kommunisierung bleibt es bei einer Art von anspruchshafter Tautologie stecken. Kommunisierung zerstört Kapital; Kapital ist Geschlecht; Kommunisierung zerstört Geschlecht; Wenn die Revolution Geschlecht nicht zerstört, dann ist sie keine Kommunisierung. Die Augenblicke des Textes, die in Richtung dessen, wie diese Zerstörung aussehen könnte, verweisen, lesen sich vielmehr wie eine Wiederholung dieser Tautologie.

Diese Überwindung ist nur die Revolution als Kommunisierung, die Geschlecht und alle anderen Teilungen, die uns voneinander trennen, zerstört.

Wir wollen diesen Anspruch als Beginn eines Kampfes gegen Domestizierung verstehen, aber wir haben keine Fortsetzung dieser Linie gesehen. Gonzales liegt richtig darin, die notwendige Zerstörung von Geschlecht im Kurs zu artikulieren, aber bleibt uns die Form dieses Kurses selbst schuldig. Es ist erwähnenswert, dass sie auf eine »Lockerung der Zwangsjacke der heterosexuellen Matrix« verweist, aber sagt, dass die Queertheorie dies nicht leisten kann. Wir argumentieren, dass diese Lockerung kein Phänomen ist, das deterministisch an die Entfaltung der Demografie und Ökonomie gekoppelt ist, sondern vielmehr die eigenwillige Aktivität vieler ist, die versucht haben dem Kurs der Zerstörung der Matrix ihre eigene Form zu verleihen. Die materialistische historische Erzählung von Geschlecht ist genau der Grund, warum wir von den Vorschriften der Kommunisierung enttäuscht sind: Es fehlt die Möglichkeit einer eigenwilligen Revolte gegen die Zwangsjacke des Geschlechts.

P. Valentines Text beginnt mit der Lektüre sowohl der Arbeit von TC als auch von Maya Andrea Gonzales. Sie bestätigt viele der gleichen Behauptungen, sagt, dass die Theorie der Kommunisierung kurz davor stehe, eine Theorie von Geschlecht und Kapital als einem einzigen System anzubieten. Darüber hinaus ist Kommunisierung für sie eine Forderung nach der Abschaffung fundamentaler materieller Elemente der Reproduktion von Geschlecht. Sie kritisiert ebenso wie Gonzales TC für ihr Aufsetzen von Geschlecht auf der kapitalistischen Produktionsweise und strebt danach, den »wahren materiellen Grund« für die Produktion von geschlechtlichen Unterschieden zu finden. Sie behauptet, dass dies die Basis für eine »nicht idealistische« Theorie der Abschaffung von Geschlecht wäre. Bestenfalls ist es amüsant, dass sie nach diesem materiellen Grund in der theoretischen Forderung des esoterischen Kommunismus sucht. Schlimstenfalls fühlt sich dieser Versuch, »nicht idealistischen« Inhalt zu schaffen, gespenstisch mitschuldig an der typischen historischen Operation der Rechtfertigung der Auslöschung derjenigen Rebell*innen an, deren Fluchtversuche nicht ohne weiteres innerhalb dieses materiellen Kontextes rationalisiert werden können. Für Valentine liegt dieser »wahre materielle Grund« in der Trennung der produktiven und reproduktiven Sphären, aber auch im Gefilde des Kindergebärens. Man muss ihr zugute halten, dass sie explizit sagt, dass keines dieser Phänomene das Aufkommen der Geschlechterunterscheidung erklärt, aber sie hat dafür auch keine andere Theorie.

Weiter und grundsätzlicher, wie beginnt diese Aneignung von Frauen und auf welcher Grundlage (Kinder gebären oder gar keiner)? In anderen Worten, was ist der Ursprung der Geschlechterunterscheidung und wie wird sie reproduziert? Diese Fragen liegen außerhalb des Rahmens dieses Artikels, aber wir glauben, dass die Antworten sowohl vergeschlechtlichte physische Gewalt und sexuelle Gewalt beinhalten.

Was bedeutet es, die Notwendigkeit zu unterstreichen den materiellen Grund für das Aufkommen von Geschlecht zu finden und sich dann zu weigern das zu tun? Der materielle Grund basiert auf sexueller Gewalt, aber diese Gewalt ist ein Werkzeug des Austauschs von Körpern der Domestizierung und der Erzwingung spiritueller Unterwerfung. Diese Ausweglosigkeit der Kommunisierung erscheint wie eine eigenwillige Verweigerung der Untersuchung dorthin zu folgen, wo sie uns hinführen sollte. Tatsächlich warf Valentine einmal spottend in einer Podiumsdiskussion mit Silvia Federici in Oakland, als ein*e andere*r Sprecher*in begann, die Frage von Geschlecht und Zivilisation zu diskutieren, ein, »Was ist Zivilisation überhaupt?« Möglicherweise will sie diese Diskussion nicht zulassen, aber das ist genau die Diskussion, an der wir interessiert sind. Zivilisation ist die archaische Monstrosität, die sich selbst durch diese sexuelle Gewalt und Vergeschlechtlichungs-Operation, auf die Valentine anspielt, erschafft. Sie ist der heilige Gral der »materiellen Grundes«, nach dem marxistische Feminist*innen suchen, aber den sie niemals finden werden. Valentine ist einzigartig darin, sexuelle Gewalt als Grundlage der Akkumulation der Arbeitskraft von Frauen (und nicht nur eine Konsequenz der Akkumulation, wie beinahe alle anderen Marxist*innen sagen würden) zu verorten, aber dennoch kann sie nicht darüber sprechen, wann und warum diese Gewalt aufkommt.

Sie sagt, dass »das Verständnis von sexueller Gewalt als ein strukturierendes Element von Geschlecht uns auch dabei hilft zu verstehen, wie das Patriarchat sich selbst bei und durch schwule und queere Männer, trans Personen, nicht genderkonformen Menschen und Körpern und Kindern jedes Geschlechts reproduziert …«, aber sie trägt absolut nichts zu diesem »Verständnis« bei. Sie sagt, »dass Kommunisierung Zugänge zu neuen und gründlicheren Theorien der Geschlechterunterdrückung eröffnet, die in der Lage dazu sind, die Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen mit Gewalt und Unterdrückung basierend auf Hetero- und Cisnormativität zu verbinden.« Sie kann anführen, dass diese Gewalt existiert, aber beginnt nicht den Zugang zu durchqueren, der angeblich von der Theorie der Kommunisierung eröffnet wurde. Der einzige relevante Beitrag, den sie zu vergeschlechtlichter Gewalt macht, ist explizit auf die »Gewalt gegen Frauen« beschränkt. Das fühlt sich nach dem gleichen Lippenbekenntnis und der Politik der Inklusion an, die wir bereits verspottet haben.

Das ist ein auffälliger Trend in dem Essay: Valentine identifiziert Grenzen im Denken anderer Kommunisierer und bietet Plattitüden an, wie diese Grenzen überwunden werden müssen, aber trägt kaum etwas bis gar nichts dazu bei, den Prozess der Überwindung zu starten. Das gilt für die Fragen nach den Ursprüngen, nach sexueller Gewalt, der vergeschlechtlichten Gewalt, die von queeren und trans Personen erfahren wird und der Gewalt, die Kindern angetan wird. Sie macht dasselbe mit Rasse [race], identifiziert sie als Grenze des Kommunisierungs-Denkens, aber hört dort auf. Diese Strategie erscheint wie eine tragische Wiederholung der akademischen Weltsicht, aber auch als klare Grenze der Nützlichkeit der Kommunisierung in unserer eigenen Untersuchung. Wir sind nicht an der selbstbeweihräuchernden dogmatischen Lehrmeisterei der Akademiker*innen darüber, wie sie anfangen sollten, unsere Erfahrungen einzubeziehen, interessiert: Wir wollen einen Ausweg.

Als wir das schreiben, erscheint der jüngste Beitrag zum Diskurs um Geschlecht und Kommunisierung in der 3. Ausgabe des Journals Endnotes unter dem Titel »The Logic of Gender«. Hätten wir Hoffnung in diesen Text gesetzt, dass er einige der Grenzen der ersten beiden Texte ausarbeiten würde, wären wir schmerzlich enttäuscht worden. Wenn überhaupt, dann nimmt der Text eine harte Wendung weg von den Fragen nach den Ursprüngen, der sexuellen Gewalt und den Mitteln der Zerstörung. Stattdessen ist Endnotes explizit darin, lediglich an den Formen von Geschlecht interessiert zu sein, die für die kapitalistische Produktionsweise spezifisch sind. Ironischerweise konzentriert sich ihre Definition dieser Formen auf den Handel von Körpern als vergeschlechtlichte Waren, einen Prozess, den Camatte, Rubin, Perlman und zahllose andere schon lange zuvor als kapitalistische Produktionsweise identifiziert haben. Der Text beschränkt seinen Fokus auf die zeitgenössische Trennung zwischen zwei Sphären der Arbeit, die für die kapitalistische Produktionsweise zentral sind. Während diese anderswo als öffentlich/privat, produktiv/reproduktiv oder bezahlt/unbezahlt definiert werden, widmet Endnotes die meiste ihrer intellektuellen Arbeit der Definition von präziseren, spezifischeren und durchdachteren Bezeichnungen für diese Sphären. Wofür sie sich entscheiden, sind die humoristisch langatmigen Direkte marktvermittelte Sphäre (DMV) und die indirekte marktvermittelte Sphäre (IMV). Erwartungsgemäß fahren sie fort eine Periodisierung dieser Sphären zu skizzieren, beginnend mit der ursprünglichen Akkumulation des 16. und 17. Jahrhunderts, dann zum Fordismus springend, für einen Moment bei den Siebziger Jahren verharrend und abschließend mit der derzeitigen Krise. Wir könnten das als eine interessante Konstellation von Geschichten akzeptieren, wenn die Geschichtenerzähler*innen nicht darauf beharren würden, das dies seine empirische, materielle Geschichte [His-story] wäre – die eine Geschichte, die alle anderen verschlingt. Diese, seine Geschichte [His-story] ist auffällig dünn für Personen, die sich selbst für ihre gebildeten und akkuraten historischen Analysen rühmen, um nicht von ihrer Fixierung auf genau die gleichen Perioden zu sprechen, auf die sich vorherige marxistische Erzählungen von Geschlecht fixierten. Diese neue Formulierung der DMV und IMV-Sphären ist vielleicht die vulgärste von allen marxistischen Formulierungen, die wir bisher erkundet haben.

Und doch gibt es eine Stelle im Text, die wir für nützlich halten. Der Text denaturalisiert Geschlecht [Gender und Sex] explizit (mithilfe der Queertheorie) und sagt, dass Gruppen von Individuen in diesen binären Sphären – Sphären, die sich beständig verändern und die die universelle binäre Struktur aufrechterhalten – verankert sind. Er beschreibt die Naturalisierung von Geschlecht [Sex und Gender] als Momente dieser Verankerung und behauptet, dass dieser Prozess wieder und wieder stattfindet und dabei Geschlecht reproduziert und auferlegt. Sie kritisieren den Ansatz selbstorganisierter reproduktiver Arbeit (wie er von Federici verfolgt wird) als nur eine weitere schreckliche Wiederauferlegung von Geschlecht. Wir stimmen darin überein, aber sind interesssiert die anderen Momente der Wiederauferlegung zu bestimmen. Wenn wir großzügig sind, kann dieser Prozess der Verankerung und Wiederauferlegung von Geschlecht als Euphemismus dafür verstanden werden, was wir Domestizierung nennen. Leider erkundet dieser Text das nicht weiter.

Indem sie bei den Motiven der Theorie der Kommunisierung bleiben, beleuchten/t der*/die Autor*in(en) weitere Grenzen, die sie nicht wirklich erkunden. In dem, was eigentlich nur eine Fußnote zu einem Nachtrag ist, sagen sie, dass ihre Theorie darauf basiert, Mechanismen wie die Institution der Ehe, die Verfügbarkeit bzw. Nicht-Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln, die Erzwingung von Heteronormativität, die Scham rund um nicht-reproduktive sexuelle Akte, etc. als gegeben zu akzeptieren. Diese Momente, die nicht in ihrem rigiden System systematisiert werden können, sind bemerkenswert, da sie eine weite und unquantifizierbare Sphäre vergeschlechtlichter Aktivitäten bilden. Die Verankerung von Geschlecht findet über diese nicht theoretisierten Mechanismen statt. Wenn wir die Abschaffung von Geschlecht theoretisieren wollen, müssen wir uns von der marxistischen Objektbesetzung der Sphären der Arbeit abwenden und auch auf jene Mechanismen blicken, die naturalisieren, gefangen nehmen und Individuen in ihnen verankern.

Der Text schließt damit, ein weiteres Motiv der Theorie der Kommunisierung zu wiederholen, eine Bekräftigung, dass diese oder jene Bewegung der Geschichte es uns jetzt möglich macht, diesen oder jenen Aspekt von Identität als eine äußere Einschränkung zu erkennen. Im Besonderen sagen sie, dass »der Prozess der Denaturalisierung die Möglichkeit schafft, dass Geschlecht uns als eine äußere Einschränkung erscheint. Das bedeutet nicht zu sagen, dass die Einschränkung des Geschlechts weniger machtvoll ist als zuvor, sondern dass sie nun als eine Abhängigkeit gesehen werden kann, die als etwas, das außerhalb von einer*m selbst liegt, abgeschafft werden kann.« Diese Behauptung dient unbeabsichtigterweise dem Naturalisierungsprozess durch die unbegründete Implikation, dass Geschlecht bisher nicht als eine äußere Einschränkung betrachtet worden sei. Geschlecht ist natürlich etwas außerhalb von uns selbst, dass uns einsperrt, aber das wurde seit seinem ersten Auftreten bemerkt; diese Erkenntnis war beständig die Quelle der Revolte, die auf dessen Zersetzung zielt. Die schwulen Ketzer*innen, Hexen und schwullesbischen Aufrührer zeigen uns, dass domestiziertes Geschlecht immer als eine äußere Einschränkung erfahren wurde. Das ist genau der Grund, aus dem es beständig renaturalisiert und wiederauferlegt werden muss.

Der Endnotes-Text endet auf die gleiche Art und Weise, auf die auch die anderen enden, indem er die Erforderlichkeit einer Theorie der Kommunisierung versichert, die erklären kann, wie Geschlecht abgeschafft werden wird, ohne auch bloß zu beginnen, zu ersinnen, wie diese Abschaffung stattfinden könnte. Somit kann Kommunisierung nur ein tragischer messianischer Charakter attestiert werden, etwas, auf das wir warten müssen und niemals etwas, an dem wir teilnehmen. Sie ist eine wissenschaftliche Studie, eingeschränkt wie alle anderen Theorien, die den Anspruch auf Gewissheit und Wahrheit anmelden. Wenn sie eine Anwendung außerhalb dieses rein akademischen Rahmens besitzt, muss das erst noch unter Beweis gestellt werden. Die Behauptung (dass Geschlecht und Kapital gemeinsam überwunden werden) ist bloß rhetorischer Natur, wenn Geschlecht nur in seinen kapitalistischen Permutationen verstanden wird. Wenn die Behauptung irgendeinen Gehalt haben soll, dann müssen wir die vergeschlechtlichte Welt, die das Kapital geerbt hat, ebenso wie die derzeitigen Operationen, die von den marxistischen Formulierungen nicht erklärt werden können, verstehen.

XVII

Die vorangehenden Fragmente weisen auf das hin, was wir nun klarstellen sollten: Domestizierung passierte uns nicht vor 10.000 Jahren, ebensowenig wie im 16. und 17. Jahrhundern und sicherlich nicht während des Aufstiegs des Fordismus. Domestizierung findet die ganze Zeit statt. Es gibt keinen einzelnen Ursprung von Geschlecht als Domestizierung. Es wird uns tagtäglich in zahllosen diffusen und oft unsichtbaren Weisen angetan. Es ist ein Rythmus, der unserem Leben auferlegt wird; Flucht und Gefangennahme, Zerfall und Wiederzusammensetzung. Wenn Geschlecht/Domestizierung in allen Ursprungserzählungen wirkt, aber auch in jedem Moment der Gegenwart, dann brauchen wir ein Werkzeug, mit dem wir erklären können, wie das passiert und welche Mechanismen diesen Rhythmus erzwingen. Die Methode des Geschichtenerzählens ist ein solches Werkzeug, sie verzaubert uns mit Ereignissen, die nicht an eine bestimmte Temporalität gebunden sind.

Foucault, dann Agamben und später Tiqqun geben uns mit dem Konzept des Apparats [auch Dispositiv] ein anderes Werkzeug. Ein Apparat ist ein Netzwerk aus Beziehungen ziwschen einer heterogenen Menge an Diskursen, Institutionen, architekturalen Formen, reglementierenden Entscheidungen, Gesetzen, administrativen Maßnahmen, wissenschaftlichen Aussagen, philosophischen, moralischen und philantropischen Lehrsätzen.

Es ist ein heterogenes Set, das buchstäblich alles, Gesagtes und nicht Gesagtes, unter der gleichen Überschrift vereint: Diskurse, Institutionen, Gebäude, Gesetze, polizeiliche Maßnahmen, philosophische Lehren, usw. Der Apparat selbst ist das Netzwerk, das zwischen diesen Elementen gesponnen wird.

Apparate sind die reine Erzwingung von Regierung und die Bildung von Subjektivitäten. Sie beinhalten alles, was nützlich ist für das Regieren, die Kontrolle und das Lenken menschlichen Verhaltens. In diesem Sinne kann das System von Geschlechtals ein Netzwerk zwischen all diesen Mechanismen verstanden werden, die vergeschlechtlichte Subjektivitäten erzeugen, um unser Wesen zu kontrollieren und auszurichten.

Um Agamben zu zitieren:

Ich will nichts Geringeres als eine allgemeine und massenhafte Einteilung von Existenzen in zwei große Gruppen oder Klassen vorschlagen: Auf der einen Seite lebende Existenzen (oder Substanzen) und auf der anderen Seite Apparate, in denen lebende Existenzen unablässig gefangen werden. Auf der einen Seite liegt dann, um zur Terminologie der Theologen zurückzukehren, die Ontologie der Wesen und auf der anderen Seite die oikonomia der Apparate, die danach streben zu regieren und diese in Richtung des Guten zu führen.

Indem ich die bereits weitgefasste Klasse von foucaultschen Apparaten erweitere, will ich buchstäblich alles einen Apparat nennen, das auf irgendeine Weise die Fähigkeit besitzt, gefangenzunehmen, auszurichten, zu bestimmen, zu unterbrechen, zu formen, zu kontrollieren oder die Gestik, Verhaltensweisen, Meinungen oder Diskurse lebender Wesen zu bestimmen. Daher nenne ich nicht nur Gefängnisse, Irrenhäuser, das Panoptikon, Schulen, Glaubensgemeinschaften, Fabriken, Lehrfächer, juristische Maßnahmen, usw. (alles, dessen Verbindung zur Macht auf gewisse Weise offensichtlich ist), einen Apparat, sondern auch den Stift, Schriftstücke, Literatur, Philosophie, Landwirtschaft, Zigaretten, Schifffahrt, Computer, Mobiltelefone und – warum nicht – Sprache selbst …

Um das zusammenzufassen: Wir haben zwei große Klassen, lebende Wesen (oder Substanzen) und Apparate. Und zwischen diesen beiden, als eine dritte Klasse, Subjekte. Ich nenne das ein Subjekt, was aus der Beziehung und sozusagen aus dem erbarmlungslosen Kampf zwischen lebenden Wesen und Apparaten hervorgeht. Natürlicherweise scheinen sich die Substanzen und Subjekte, wie in der althergebrachten Metaphysik, zu überschneiden, aber nicht vollständig. In diesem Sinne kann dasselbe Individuum, dieselbe Substanz, der Ort für viele Prozesse der Subjektifizierung sein: Die*r Nutzer*in des Mobiltelefons, der Websurfer, die Autorin von Geschichten, der Tango Aficionado, die_der Anti-Globalisierungsaktivist_in, und so weiter. Das grenzenlose Wachstum von Apparaten in unserer Zeit steht in Zusammenhang mit der ebenso extremen Wucherung der Prozesse der Subjektifizierung.

Wir können uns nicht helfen, in dieser Beschreibung einen Prozess wiederzuerkennen, durch den das wilde Leben durch ein totes Ding gefangen genommen wird und in ein vergeschlechtlichtes Subjekt verstümmelt wird. Diese Theorie der Apparate eröffnet uns einen hilfreichen Weg, Domestizierung jenseits ihrer Ursprünge zu begreifen, Domestizierung in der Gegenwart. Sie erlaubt uns auch, all die aufkommenden nicht-normativen und neuartigen Subjekte als neue Maschinen der Gefangennahme parallel zu den alten anzuklagen.

All das bedeutet, dass die Strategie, die wir uns in unserem Nahkampf mit den Apparaten aneignen müssen, keine einfache sein kann. Das liegt daran, dass wir es hier mit der Befreiung dessen, was mithilfe der Apparate gefangen genommen und getrennt wird, zu tun haben.

Unser Handgemenge mit Geschlecht muss demnach als die gleiche Anstrengung verstanden werden, wie die, die lebenden Überreste von den Subjektivitäten, die von dem Netzwerk an toten Dingen erzeugt werden, zu befreien. Aus dieser Perspektive beginnt ein Aufstand gegen Geschlecht als Erkundung all der vergeschlechtlichenden Apparate, die in unserem täglichen Leben dazu dienen, unser Wesen nach diesen Subjekten auszurichten und es darin wieder zu verankern. Ebenso müssen wir auch die Apparate erforschen, die rassifizierte Subjekte erzeugen und die von den vergeschlechtlichten untrennbar sind. Was sind diese Maschinen, die uns als Geiseln festhalten? Wie brechen sie zusammen? Wie können wir uns ihnen entziehen? Wie können wir sie zerstören? Eine durchdringende Analyse dieser unendlichen Feinde ist eine gigantische Aufgabe, aber es ist eine, die wir wagen müssen, wenn ein aufständischer Bruch mit Geschlecht möglich werden soll. Wir haben bereits einige von ihnen angeklagt, aber wir müssen noch einfallsreicher und sensibler werden, wenn wir all diejenigen, die neutral zu sein scheinen, ebenfalls anklagen, wenn wir das Spektakel des naturalisierten Geschlechts permanent zerschmettern und in ein unvergeschlechtlichtes Unbekanntes entkommen wollen.

Von diesem Verständnis ausgehend können wir erkennen, dass wir auf ein anderes zurückgreifen müssen: Um Domestizierung jenseits ihrer Ursprünge zu erkunden, müssen wir der Zeit selbst eine andere Form geben. Eine solche neue Form bedeutet sich von dem Konzept des Primitiven als etwas Natürlichem, einem unvermeidbaren, teleologischen Aufstieg der Zivilisation Vorangehendem, zu entledigen. Ein solches Konzept wird immer das naturalisierte Bild der Zivilisation selbst in der Vorgeschichte hervorbringen, die brutale Eroberung verdunkeln, die diese Bilder in sich bergen. Stattdessen brauchen wir eine Form der Zeit, die Domestizierung als einen Prozess begreift, der das Leben beständig außerhalb von sich selbst gefangen nimmt; als etwas, das die Geschichten und Kosmologien von allem jenseits ihrer Kontrolle auslöscht.

XVIII

Ich habe im Präsens gesprochen. Ur ist Jetzt. Es ist kein bisschen exotisch. Es ist unsere Welt …

Ein Individuum, das aufs engste mit der täglichen Raublust vertraut ist, mag von der Kritik an der Raublust unbeeindruckt bleiben. Sie oder er muss eine Entscheidung treffen, sie muss sich entscheiden, sich gegen die Autoritäten zu wenden und dem Kreis der Widerständigen beizutreten. Eine solche Entscheidung zerrüttet das gesamte Leben einer Person und sie muss von wirklich guten Gründen motiviert sein. Die guten Gründe sind in der Sprache der Zeit ausgedrückt, nicht in der Sprache irgendeiner zukünftigen Zeit. Eine Offenbarung oder eine Erscheinung ist ein wirklich guter Grund. Die Offenbarung mag einem im Traum kommen oder in einer Vision oder in dem, was wir einen totalen mentalen Zusammenbruch nennen. Nach der Erfahrung ist alles klar. Nun wundert sich das Individuum darüber, warum alle anderen so blind sind. Sie mag ungeduldig mit den anderen werden und sie ihrer Blindheit überlassen, oder sie mag sich entscheiden, zu den anderen zurückzukehren und ihnen helfen zu erkennen.

All das ist sehr verständlich, sehr menschlich und es hat seit langer Zeit in menschlichen Gemeinschaften stattgefunden. Aber solche plötzlichen Erschütterungen der individuellen Leben sind auch Erschütterungen der leviathanischen Existenz. Nach solchen Erfahrungen gibt ein Individuum die Sequenz bedeutungsloser Intervalle leviathanischer Zeit auf und entdeckt einige der Rhythmen von Gemeinschaften im Naturzustand …

Dieses Paradox wird für die Menschen, die in der linearen, leviathanischen Zeit gefangen sind, problematisch sein. [Andere] wissen um die lineare Zeit, sowie um rhythmische Zeit und sie wissen auch, dass das, was von Bedeutung ist, was nach menschlichem Ermessen wichtig ist, nicht innerhalb linearer Zeit stattfand … Rhythmische Ereignisse waren Thema von Liedern, von Tänzen, von häufigen Zeremonien und Festivals. [Historische Ereignisse] werden als »Tatsachen«und »Rohdaten« von den Leviathanisierten betrachtet, weil das lineare Fortschreiten solcher Ereignisse die leviathanische Zeit konstituiert, nämlich seine Geschichte [His-story]. Die Leviathanisierten werden sich nur an Fragmente der einzigen Ereignisse, die sie für erinnernswert halten, erinnern, da das Gedächtnis solcher Ereignisse nicht in lebenden menschlichen Wesen liegt, sondern auf Steintafeln, auf Papier und möglicherweise in Maschinen …

Wenn sich die Tragödie wiederholt, dann war das Ereignis nicht linear, sondern rhythmisch und es war bereits bekannt. Rhythmen wurden durch Symbole begriffen und mit Musik ausgedrückt. Musikalisches Wissen war Wissen des Bedeutenden, des Tiefen, des Lebendigen. Die Musik der Mythen drückte die Symphonie der Rhythmen aus, die den Kosmos begründeten.

In Eurasia zerstörte Leviathan Gemeinschaften und schloss menschliche Wesen in seinen Eingeweiden ein. Seine lineare Geschichte [His-Story] ersetzte die rhythmischen Zyklen des Lebens. Musik bereitete dem Vormarsch der Zeit den Weg …

Diese Worte, geschriebene Worte, sind Erfindungen der Schriftgelehrten des Lugals. Sie können keine Traumzeit übermitteln …

Die Abtrünnigen der Zivilisation sind verrufen. Sie verloren ihre Masken. Sie verloren ihre gesamte Panzerung. Sie trennen sich von zuvor unverzichtbaren Annehmlichkeiten und erfahren einen Verlust einer unerträglichen Bürde. Der bloße Kontakt zu einer Gemeinschaft freier Menschen verschafft ihnen Einblicke, die ihnen keine leviathanische Bildung verschaffen kann. Fürsorglicher Kontakt stimuliert Träume und schließlich sogar Visionen. Der*die Abtrünnige ist besessen, verwandelt, vermenschlicht. Manipulator*innen der Psyche, die um das Unbehagen der Zivilisation wissen, werden versuchen solche Verwandlungen innerhalb der Eingeweide Leviathans herbeizuführen, aber ihre meistgepriesenen Erfolge werden klägliches Scheitern sein. Die Zivilisation nährt die Menschheit nicht …

Die Invasion ist ein Unterdrücken der Musik, eine Verflachung des Rhythmusses; sie ist eine Linearisierung der Zeit, eine Zerstörung der Mythen und Wege, die später Kultur genannt werden werden, ein Krieg gegen Gemeinschaften, die Freiheit nähren, gegen Visionen und das Leben …

Der Widerstand dauert von Generation zu Generation an, angesichts von Seuchen, Giften und Sprengstoffen. Die Geschichte dieses Widerstands wurde wiederholt und kraftvoll erzählt. Es ist eine Geschichte, die Leviathan nicht als so natürlich für Menschen wie Bienenstöcke für Bienen zeigt. Es ist eine Geschichte, die Leviathan als eine Anomalie zeigt, die den Menschen, die auch nur die geringste Verbindung zu Gemeinschaft bewahrt haben, selbst eine Verbindung, die so zart wie die Erinnerung an eine Traumzeit ist, nicht durch irgendeine List oder mit Gewalt auferlegt werden kann …

Es ist eine gute Zeit für die Menschen, sich seiner Vernunft, seiner Masken und Panzer zu entledigen und verrückt zu werden, da sie bereits von seiner hübschen Polis verbannt wurden. Im antiken Anatolien tanzten die Menschen auf den erdbedeckten Ruinen des hethitischen Leviathans und errichteten ihre Häuschen mit Steinen, die die Aufzeichnungen der großen Taten des verblichenen Imperiums trugen.

Der Zyklus ist wiedergekehrt. Amerika ist da, wo einst Anatolien war. Es ist ein Ort, an dem die Menschen, nur um zu überleben, springen und tanzen und durch das Tanzen die Rhythmen empfangen und die zyklische Zeit wiederherstellen müssen. An-archische und pantheistische Tänzer*innen spüren die List und seine Geschichte [His-story] nicht länger als Alles, sondern als bloß einen Zyklus, eine lange Nacht, eine stürmische Nacht, die die Erde verwundete, aber eine Nacht, die zu Ende geht, wie alle Nächte enden, wenn die Sonne aufgeht. [30]

XIX

Wir müssen hier innehalten und eine Frage stellen, die all den ideologischen Verständnissen von Geschlecht inbegriffen ist; hat es eine Welt ohne Geschlecht gegeben oder wird es je eine geben?

Die nihilistische Aufgabe besteht darin, Nein zu sagen. Als Konsequenz einer rhythmischen Form der Zeit können wir uns nicht auf irgendeine Antwort verlassen, die mit irgendeiner Sicherheit behauptet, dass eine Welt ohne Geschlecht jemals existierte. Als weitere Konsequenz können wir kein Vertrauen in irgendeine utopische Vision einer Welt ohne Geschlecht, die da kommen möge, haben. Was auch immer von den Wahrsager*innen feministischer oder Queertheorie gesagt wird, Utopia naht nicht. Wir haben unzählige Visionen erkundet, wie so ein Utopia aufkommen möge, aber jede fühlt sich unwahrscheinlicher an als die vorherige. Das öko-feministische Matriarchat existierte nie als Universalität und wenn doch, dann ist es hoffnungslos verlogen. Die techno-industriellen Fantasien der mechanischen Reproduktion und automatisierten reproduktiven Arbeit sind bloß eine Intensivierung des Albtraums. Die Abschaffung von Geschlecht, wie sie von den Kommunisierer*innen erwartet wird, hat bis jetzt weder seine Form enthüllt, noch überhaupt irgendein Anzeichen ihrer Ankunft geliefert. Die demokratische Ausdifferenzierung von Geschlecht in der queeren Subkultur trägt zu einer noch heimtückischeren und zerstreuteren Wiederzusammensetzung von Geschlecht bei.

Gegen Seine Geschichte, Gegen Leviathan! kann als eine biografische Erzählung des Scheiterns derer, die Leviathan Widerstand leisten, gelesen werden. Schließlich kann der Zerfall oder die abgetrennten Segmente des Ungeheuers immer neu zusammengesetzt und wiederbelebt werden. Individuen und Gemeinschaften von Widerständigen sterben, aber die Bestandteile und Apparate der Maschine können immer wiederbelebt werden, um das Leben aufs Neue gefangen zu nehmen. Lebendige Wesen sind in dieser Hinsicht unterlegen. Der Tod steht aufseiten der Maschinen. Die Geschichten derer, die entkommen sind, sind für uns oft verloren. Und wir selbst sind von der Maschine oft so verstümmelt, dass wir sie ohnehin nicht vernehmen könnten. Die Masken und Panzer sind oft zu tief mit unserem Wesen verwachsen, als dass wir sie herunterreißen könnten, und wenn es uns gelingt, dann bleiben wir verwundet zurück.

Das hat tragische Konsequenzen für diejenigen, die schließlich erfolgreich darin sind, sich der Last des schweren Kadavers zu entledigen. Sie können nicht in die alten Gemeinschaften zurückkehren, da diese seit Generationen durch plündernde, kidnappende und mordende Zivilisationen zerstört wurden. Die Menschen können nicht weitermachen, sie müssen von vorne anfangen. Wir sollten nicht annehmen, dass die Weisen, die wir Kultur nennen, und die über tausende Generationen hinweg genährt und kultiviert wurden, über Nacht regeneriert werden könnten.

Die messianischen Geschichten haben viel von ihrer Kraft verloren. Es ist schwer vorstellbar, dass irgendein Kollaps oder eine Revolution göttlicher Intervention wahrhaft diese altertümliche Beschränkung aus uns herausbrennen könnte.

All der Schweiß und all die Arbeit, die stündlich in den Eingeweiden des Ungeheuers aufgewandt wurde, setzt die ewige Existenz des Ungeheuers voraus. Die Vorstellung eines Fortschritts, der in einem finalen Kollaps seinen Höhepunkt erreicht, ist christlich, aber nicht leviathanisch. Diese Vorstellung ist ein Werk der christlichen Hingabe zum Absurden, und sie ist nicht vollkommen absurd, wenn das Leben als irdisches Jammertal betrachtet wird. Aber für Leviathan ist eine solche Vorstellung widersprüchlich und Leviathan ist eine überaus logische Entität.

Die leviathanische Existenz, ein Jammertal für die Christen und Außenstehende, ist für Leviathan ein asphaltierter Highway und der Fortschritt entlang dieses Highways kann nicht zu einer Apokalypse führen, sondern nur zu weiterem Fortschritt.

Das leviathanische Selbstbewusstsein drückt sich selbst in den Denkströmungen aus, die als Aufklärung, Illuminismus, Freimaurertum, Marxismus und einige weitere bekannt sind. Diese Strömungen versorgen das alles verschlingende Ungeheuer mit einer Sprache, die für seine letzten Tage geeignet ist.

Bemerkenswerterweise finden wir in Gegen seine Geschichte niemals ein Argument, dass wir uns unserer Gefangennahme und Einschränkung ergeben sollten. Stattdessen finden wir eine Zelebration all der Momente des Widerstands, die in den Leben der Widerständigen selbst beginnen. Die Hoffnung auf eine Welt ohne Geschlecht aufzugeben bedeutet nicht, die eigene Niederlage zu akzeptieren. Stattdessen befreit es uns von den Ketten, die uns an die alten Mühlsteine der Politik und Ideologie fesselten und erlaubt es uns, erneut damit zu beginnen, den Geltungsbereich seiner ganzen Geschichte [His-story] auf unser eigenes Leben zu verlagern. Es erlaubt uns, erneut von uns selbst auszugehen, von unseren Körpern und unserem Geist.

XX

Wenn es keine früher existierende und konkrete Welt ohne Geschlecht gegeben hat, dann können wir unseren Kampf nicht als eine Rückkehr zu irgendeinem vor-vergeschlechtlichten Ganzen begreifen. Stattdessen müssen wir unsere Flucht als die Flucht domestizierter Wesen in die Wildnis auffassen. Keine primitiven oder prälapsarischen [31] Wesen, wir müssen zu ungezähmten Wesen werden. Wir können Queerness auf eine ähnliche Art und Weise verstehen. Wir sind nicht so naiv, eine positive oder essentielle Queerness in das Unbekannte, Präzivilisatorische zu projizieren. Stattdessen betrachten wir unsere Queerness als negativ, als Flucht, Verweigerung und Misserfolg von Geschlecht. Was wir demnach verfolgen, ist eine ungezähmte Queerness, die gegen all die Apparate der Einschränkung und Unterwerfung bockt; ein*e ungezähmte*r Queer, die*der außerhalb der Zeit, irrational, unanständig und wild erscheint. Wir werden das nicht in der Anthropologie, der Geschichte, der Ökonomie oder der Psychoanalyse finden. Stattdessen werden wir Magie, Ketzerei, Mythen und Exegese anwenden.

Diese Beispiele, die wir zuvor erforscht haben, nehmen an, dass eine solche ungezähmte Queerness durch den Kampf des Körpers gegen seine Gefangennahme entstehen muss. Das ist größtenteils selbsterklärend hinsichtlich von Riots, Ausflucht und rebellischer Sexualität, die unsere queeren Geschichten beinhalten. Was subtiler ist und etwas Ausarbeitung erforderlich macht, ist, dass der Kampf gegen Domestizierung auch in seiner spirituellen Dimension geführt werden muss. Ebenso wie der Körper den Maschinen, die ihn gefangen halten, entfliehen muss, muss auch der Geist die Maschinen hinauswerfen, die ihn kolonisieren. Wir müssen Gewalt gegen uns selbst anwenden. Um sich für dieses lebenslange Unterfangen einzuschiffen, müssen wir einen Kurs gegen die Vielfältigkeit von Apparaten zeichnen, die dieses vergeschlechtlichte Gefängnis ausmachen.

Fredy Perlman würde von dieser Aufgabe als das Feuer, das gegen die Dunkelheit anbrennt, sprechen. Ein Feuer, das die Maske herunterbrennt, das die Rüstung wegbrennt und Leviathan niederbrennt.

Die letzten Gemeinschaften vollführen einen Geistertanz und die Geister der letzten Gemeinschaften werden in den Eingeweiden des künstlichen Ungeheuers fortfahren zu tanzen. Die Kommunenfeuer der niemals besiegten Gemeinschaften werden von den genozidalen Invasoren nicht ausgelöscht werden, genausowenig wie das Licht von Ahura Mazda nicht von den Herrscher*innen ausgelöscht wurde, die beanspruchten, dass es für sie scheine. Das Feuer wird durch etwas Dunkles verfinstert, aber es brennt weiter und seine Flammen lodern dort auf, wo sie am wenigsten erwartet werden.

Dieses Feuer ist größtenteils unbeschreiblich und Versuche, es in einen Schrein aus Worten zu sperren, tragen oft dazu bei, einen weiteren Apparat der Gefangennahme zu schaffen. Wir können dieses Feuer nicht wissenschaftlich ausdrücken, da es in jedem Individuum gefunden werden muss, wenn es an irgendeiner persönlichen oder kollektiven Desertation aus dem Ungeheuer teilnimmt. Das Feuer, dass gegen das Geschlecht brennt, ist genau dieser unausdrückbare Moment der Queerness, der gegen jede Gefangennahme in der Sprache um sich schlägt. Wir können dieses Feuer nicht erfassen, aber wir können versuchen, seine Konturen darzustellen.

Wir müssen das Rätsel, die Leidenschaft, die Intensität und Tiefe des Empfindens wiedererlangen, die von uns entfremdet wurden und in den Schrein der Religion gesperrt wurden. Wir müssen die spirituelle Ekstase verfolgen, die die Religion in sich eingeschlossen hat, um sie abzuschaffen. Wir müssen die Einheit und Freude, die Geschlecht immer ausgeschlossen und nachgeahmt hat, verfolgen. Spezifischer, wir müssen die Binarität zurückweisen, die diese Verfolgung in irgendwelche spirituellen Gefilde verbannt, wo sie von unserer Körperlichkeit getrennt sind. Die Revolte muss eine Form und einen Gehalt annehmen, die Körper und Geist nicht verleugnen oder trennen. Da das Feuer die mechanistischen Teile des Selbst herausbrennt, muss es auch die Seile verbrennen, die unsere Gefangenschaft aufrechterhalten.

Wir kehren für einen Moment zu Feral Faun zurück, um ihn zu zitieren:

Das revolutionäre Projekt muss mit Sicherheit das Ende der Religion beinhalten – aber nicht in der Form einer simplifizierenden Anerkennung eines mechanistischen Materialismus. Stattdessen müssen wir danach streben, unsere Sinne zu erwecken für die Gänze des Lebens, das die materielle Welt ist. Wir müssen sowohl Religion als auch dem mechanistischen Materialismus mit einem pulsierenden, leidenschaftlichen, lebenden Materialismus entgegentreten. Wir müssen die Zitadelle der Religion erstürmen und uns die Freiheit zurückholen, die Kreativität, die Leidenschaft und das Staunen, das die Religion von unserer Erde und unserem Leben gestohlen hat. Um das zu tun, müssen wir verstehen, welche Bedürfnisse und Sehnsüchte die Religion anspricht und wie sie darin scheitert, diese zu erfüllen. Ich habe versucht, einige meiner eigenen Erkundungen auszudrücken, so dass wir das Projekt der Erschaffung unseres Selbsts als freie, wilde Wesen weiterführen können. Das Projekt, die Welt durch die Zerstörung der Zivilisation, die die Gesamtheit des Lebens von uns gestohlen hat, in ein Gefilde der sinnlichen Freude und des Vergnügens zu verwandeln.

Eine ungezähmte Queerness könnte als Wildheit erscheinen, als eine Anstrengung, das Chaos der Welt zu verkörpern, während man die Ordnung, die diesem Chaos immer auferlegt wird, verweigert. Sie könnte als ein orgiastischer Tanz gegen die Einschränkung oder als ein ungestümes Herunterreißen der Masken und der Rüstungen erscheinen. Sie könnte als die Wiederentdeckung all der Potenziale – sexueller, animistischer, verwandtschaftlicher, magischer –, die von der Domestizierung verkrüppelt wurden, erscheinen. Sie wird emotional, erlösend, irrational, aber heilend wirken.

Aber sie könnte ebensogut auch stiller erscheinen, wie ein Rückzug. Manchmal ist es leichter, dem Ungeheuer diskret zu entrinnen. Die Menschen planen beständig Ausbrüche und sich haben oft Erfolg damit. Die Geschichten von Abtrünnigen, Ausgesetzten, Vagabund*innen und Deserteur*innen veranschaulichen eine andere Form von Leviathans Verwesung. Statt irgendeine neue vergeschlechtlichte Identität zu proklamieren, mag eine ungezähmte Queerness auch überhaupt nicht sichtbar sein. Sie könnte sich verstecken, fliehen und sich in den Schleiern des Mystischen außerhalb von Leviathans Reichweite häuslich einrichten. In einer Welt, die von uns verlangt, uns selbst zu identifizieren, müssen wir Zuflucht in der Anonymität suchen.

Jede mögliche Flucht von der vergeschlechtlichten Einschränkung wird vermutlich sowohl explosive als auch klandestine Taktiken erfordern, aber auch Methoden, die diese Formen unaufspürbar machen. Wenn ich die schwarze Maske überziehe, nehme ich an einem sich entwickelnden Riot teil, ziehe mich aber auch von dem Apparat zurück, der mich in diesem oder jenem Geschlecht verorten und identifizieren würde. Ich verschleiere meine Gesichtsmerkmale, mein Haar, meinen Körper – alles, was vergeschlechtlicht werden könnte; und enthülle stattdessen meine Gewalt. Der Staat, die Medien und die feministische Linke bestehen unaufhörlich darauf, dass die Gewalt den Männern alleine gehöre; dieses Beharren selbst bildet einen anderen Apparat der Gefangennahme und der Vergeschlechtlichung. Meine Gewalt, die mir von so vielen Vorhaltungen und Politiken der Opferrolle genommen wird, kehrt zurück und strahlt von innen nach außen. Die schwarze Maske formt das Gewebe, das die Verweigerung innerer Unterwerfung und äußerer Repräsentation zusammennäht. Vor allem zerstören die folgenden Angriffe die Barrieren und die Trennungen im Inneren und Äußeren. Ich werde zu einem Mikrokosmos des Chaos um mich herum, indem ich die regulatorischen Praktiken der Identität außer Kraft setze.

Eine ungezähmte Queerness muss diesen Effekt auf das ganze Leben ausweiten. Welche Form auch immer sie annimmt, sie muss auf das Leben selbst zielen.

Um Fredy ein letztes Mal zu zitieren:

Ich brenne darauf, die Geschichte des künstlichen Ungeheuers mit menschlichen Eingeweiden zu beenden. In einer anderen Arbeit werde ich einige Details des Widerstands gegen die Amerikanisierung seitens einer der letzten Gemeinschaften dieser Welt erzählen. Ich kann nicht alle erzählen, weder hier noch dort, weil der Kampf gegen seine Geschichte [His-story], gegen Leviathan ein Synonym für das Leben ist; er ist Teil der Selbstverteidigung der Biosphäre gegen das Monster, das sie in Stücke zerreißt. Und der Kampf ist keineswegs vorbei; er wird so lange dauern, wie das Ungeheuer von lebenden Wesen zum Leben erweckt wird.

Das Feuer zu kultivieren, bedeutet in der Lage dazu zu sein, von sich selbst auszugehen und alleine loszuschlagen. Unzweifelhaft erfordert die Verbreitung eines Flächenbrands die Verknüpfung der eigenen persönlichen Rebellion mit anderen, aber das Feuer kann nicht von außen auferlegt werden. Es erfordert ein Überwinden der Angst vor Autonomie, eine Abhängigkeit, die einer*m von der Domestizierung auferlegt wird. Man muss das eigene Leben gegen die leviathanische Organisation einer Gesellschaft richten, die der Tod ist, der als Leben erscheint. Verweigerung, Ausweichung, Angriff – All das kommt von dem inneren Feuer oder es ist nicht wirklich möglich. Wir müssen Geschlecht aus uns selbst herausbrennen, bevor wir dabei helfen können, das Feuer in anderen zu kultivieren. In der ersten Ausgabe dieses Journals haben wir das Konzept des Vergnügens [jouissance] diskutiert, der Ablösung von der Dualität aus Gefallen und Schmerz. Im Bruch mit dieser Dualität können wir auch mit dem binären Geschlecht brechen.

Es gibt verschiedene Beispiele, die wir betrachten können, von Individuen und kleinen Gruppen, die den Einschränkungen von Geschlecht entflohen oder dagegen rebellieren. In diesem Kontext können wir die Selbstorganisierung für ihr Überleben der Straßenqueens von Street Transvestite Action Revolutionaries als einen Versuch sehen, sich von dem subjektivierenden Apparat der Sexarbeit zurückzuziehen, sowie als Versuch eine queere und rebellische Spiritualität zu kultivieren. Innerhalb der Gefängnisgesellschaft können wir eine große Bandbreite von Geschichten queerer und gendervarianter Personen sehen, die gegen die Einschränkungen des Geschlechts, die ihren Körpern auferlegt wurden, revoltierten. Men Against Sexism führten einen bewaffneten Kampf gegen die Maschinerie der Rape Culture, während die derzeitigen Kämpfe von Gender Anarky im kalifornischen Gefängnissystem ein klares Beispiel von transgender Anarchist*innen ist, die einen spirituellen und körperlichen Kampf gegen die Zivilisation von innerhalb der höllischen Schnittmenge so vieler Apparate der Vergeschlechtlichung und Kontrolle führen. In ihrem Text »Aspects of Insurrectionary Anarky« [32] schreibt Amazon von Gender Anarky:

Das Fehlen eines spirituellen Bewusstseins im eigenen Leben trägt zu einer Angst vor den Konsequenzen bei. Schlimmer noch, es hinterlässt ein Vakuum in der Person, die mit den Trümmern der Welt gefüllt wird, verstopft sie und hemmt ihre Einsicht. Die Trümmer materieller Besitztümer, von Selbstsüchtigkeit, Gleichgültigkeit, Ignoranz, Gier, Neid, Geltungsbedürfnis, Angst. Es ist eine Tragödie, da die so geplagten Menschen sich der Welt um sie herum nicht öffnen können und etwas Nutzbringendes aus ihr ziehen können, wenn ihre Wahrnehmung so abgeschaltet und abgelenkt ist, sie können kein volles Leben führen, sondern leben weniger, leben halbe Leben … Wir glauben an den Geist. Er ist ein Aspekt unseres Aufstands … Von der Natur getrennt zu sein trennt uns vom spirituellen Bewusstsein und verhindert unsere Balance, die Totalität unseres inneren Selbst, die benötigt wird, um die externe Welt um sich herum zu verstehen und sich auf sie zu beziehen: die Natur und die Menschen, die Tiere, das Leben der Pflanzen, das Wetter und die Jahreszeiten, die Sonnen, Planeten, Monde … Darin liegt die direkte Beziehung zu anarchistischem Aufstand, der für Autonomie kämpft, und die Erde, und die Spiritualität.

Ein weiteres inspirierendes Beispiel einer Revolte gegen Geschlecht von innerhalb der Gefängnismauern ist ein Communiqué, das von Olga Ekonomidou verfasst wurde, inhaftiertes Mitglied der Conspiracy Cells of Fire in Griechenland. Olga verweigerte die Gefangennahme ihres Körpers durch den Apparat der vollständigen Leibesvisitation:

Während ich diese paar Zeilen schreibe, befinde ich mich in Isolation; 30 Tage Isolationshaft ist der Preis, den ich dafür zahle, mich geweigert zu haben, meine Würde zu verraten und mich der Entwürdigung einer vollständigen Leibesvisitation, die 5 Minuten dauert, zu beugen. Ich bereue meine Entscheidung nicht. Ich werde den Gefängniswärter*innen nicht eine Sekunde des Kompromisses schenken. Ich werde meine Weigerungen und Entscheidungen nicht gegen die »Wärme« einer Standardzelle und die »Freiheit« des Hofgangs gemeinsam mit der gesamten Gefängnispopulation eintauschen. Ich habe nicht vor, zu einer anderen normalen Statistik einer Insass*in zu werden, die vor der Strafvollzugsbehörde kriecht, die ihre Strafe »still« absitzt, die auf die Halluzinationen der Pillen abtrippt, die sich selbst als »höherer Rang« als die neuen Gefangenen sieht. Ich bleibe Freundin, Gefährtin und Mensch für alle Frauen und Männer, die das Feuer in sich am Brennen halten. Mit denjenigen Frauen und Männern, die die gefährlichen Pfade der Wölfe wählen anstatt die der Schafsweide. Für uns Anarchist*innen der Tat ist Einsperrung niemals genug »Strafe«. Deshalb gibt es Disziplinarstrafen, Verlegungen und Isolationshaft. Isolation ist ein Gefängnis innerhalb des Gefängnisses. Du bleibst 24 Stunden am Tag eingeschlossen in einem Käfig mit einem Etagenbett, einer Zellentoilette und dem wachsamen Auge einer Überwachungskamera. Hier drin sind deine einzigen Freund*innen deine Gedanken und Erinnerungen. Hier drin sind Tage und Stunden ausgelöscht, verloren, sterbend, einander langsam fortstoßend …

Aber in diesen 30 Tagen der Isolationshaft war ich nicht alleine. Ich hatte einige merkwürdige und bezaubernde Besucher*innen an meiner Seite, die heimlich vorbeikamen und sich in meine Zelle »schlichen«, um die Isolation zu durchbrechen. 30 Tage der Isolationshaft und ich werde weiter machen, aber die Wölfin in mir schläft nicht, gibt nicht ihr Einverständnis und vergibt nicht …

Schließlich müssen wir noch eine Frau in Juarez, Mexiko, erwähnen, die den Namen Diana die Jägerin trägt. Die Grenzstadt von Juarez ist bekannt für das, was einige einen anhaltenden Femizid genannt haben, einen Massenmord und das Verschwinden von zahllosen Frauen. Im September 2013 holte Diana zum Streich gegen diesen Apparat der Gefangennahme aus und erschoss zwei Vergewaltiger-Busfahrer. Sie veröffentlichte ein Communiqué, in dem sie sich zu dem Mord bekannte und diese Busfahrer als Teil der Vergewaltigungsmaschinerie der Stadt anklagte, aber weigerte sich auch die Opferrolle einzunehmen.

In diesen diffusen Geschichten sehen wir Momente, Fragmente der brennenden spirituellen Klarheit, die durch explosive Gewalt oder stille Verweigerung gegen Geschlecht und Domestizierung ausholt.

Dritter Mythos: Diana

Viele loben heute die Grüße des Römischen Imperiums, der Res Publica, der öffentlichen Sache, eine Zivilisation, die sich selbst als solche erkannte und hasste. Diese Selbsthass wendete sich nach außen, eroberte und zerstörte alles außerhalb der Mauern. Unzählige Bücher widmen sich der Größe Roms, seinen Kriegsmaschinen und Todesmaschinen – manchmal dem Tod selbst –, aber die Größe Roms ist nachgeboren. Unter denen, die in seinen Eingeweiden gefangen waren, liebten es nur wenige, viele versuchten Tag für Tag es zu zerstören. Weil sie hassten, was sie geworden waren, verschworen sich viele, um Rom in Brand zu stecken.

Im alten Rom verehrten einige Menschen eine viel ältere Gottheit – eine, die sie an die Zeit davor erinnerte; Diana, die Jägerin. Obwohl sie mit der griechischen Göttin Artemis verbunden ist, steigt sie unabhängig aus der lange vergessenen Zeit vor jedem Imperium hervor. Die Römer verehrten sie als Göttin des Mondes, der Tiere und der Jagd. Eine ihrer besser bekannten Heldentaten handelt von einem Jäger namens Aceton, der unabsichtlich auf sie stieß, als sie gerade ein Bad in einem Waldteich nahm. Als sie bemerkte, dass Aceton sie betrachtete, weigerte sie sich, von seinem Starren gefangen genommen zu werden. Sie verwandelte ihn in einen Hirsch und seine eigenen Jagdhunde schlachteten ihn. Die domestizierten Bestien töten ihren Herrn, der Jäger wurde zum Gejagten.

Für diesen Akt der Wildheit und Verweigerung erlangte Diana Bekanntheit. Ein Jahrtausend später wurde sie noch immer als die Königin der Hexen im gesamten südlichen Europa verehrt. Sie tanzten für sie an Sabbats und mit orgiastischen Riten, sie flogen mit ihr unter den Sternen, sie feierten sie als Verbindung zu allem Wilden und Unbezwingbaren. Hexenjäger der Heiligen Inquisition sahen in ihr den Teufel und folterten die Angeklagten, bis sie ihre Ergebenheit für sie gestanden. Ihre Strafe war der Tod. Und doch reichten die sadistischen Technologien der Inquisitoren und die Feuer der Scheiterhaufen nicht aus, um den Kult um sie auszulöschen. Bis zum heutigen Tage wird sie von Hexen bei Vollmond verehrt und wenn sie ihre Feind*innen niederstrecken. Durch sie mögen wir die Rhythmen des Mondes erwecken, das Verständnis für die Tiere, eine Verweigerung der Techniken der Überwachung und Unterwerfung, ein ungezähmtes Werden, Tod unseren Geiselnehmer*innen.

[1] »Queers Gone Wild« in bædan Vol. 1, 2012.

[2] Also der »Vermenschlichung« des Kapitals (Anm. d. Übers.)

[3] Primitivist*innen streben danach, Domestizierung in ihren Ursprüngen zu verstehen unter besonderer Berücksichtigung der Kulturen, die sie zerstört hat. Insurrektionalist*innen neigen dazu, Strategien gegen die Institutionen der Domestizierung im Bestehenden zu erkunden. Andere betonen die mataphysischen und spirituellen Implikationen der Domestizierung. Queere und feministische antizivilisatorische Perspektiven fokussieren sich auf Domestizierung als Ursprung des Patriarchats.

[4] »Eine Einführung in antizivilisatorisches anarchistisches Denken und Handeln« des Green Anarchy Kollektivs.

[5] lat. Lebenskünste (Anm. d. Übers.)

[6] »Eine Einführung in antizivilisatorisches anarchistisches Denken und Handeln« des Green Anarchy Kollektivs.

[7] Susan Stryker, »My Words to Victor Frankenstein above the Village of Chamounix: Performing Transgender Rage«, GLQ: A Journal of Lesbian and Gay Studies, issue 1 volume 3, 1994.

[8] Andrea Smith, Conquest: Sexual Violence and the American Indian Genocide, 2005.

[9] María Lugones, Heterosexualism and the Colonial/Modern Gender System, 2007.

[10] Eine Form der Vergewaltigung durch eine*n Bekannte*n, bei der der sexuelle Akt unfreiwillig, die ursprüngliche Verabredung, bei der dieser passiert ist, aber freiwillig zustande kam.

[11] Das gezielte Zusammenschlagen von queeren Personen.

[12] Während Endogamie die Heirat innerhalb der eigenen sozialen Gruppe (Familie) vorschreibt/bevorzugt, wird bei Exogamie die Heirat außerhalb der eigenen sozialen Gruppe (Familie) vorgeschrieben/bevorzugt. (Anm. d. Übers.)

[13] Against His-Story, Against Leviathan!

[14] Anonym, »Geschichte als Verwesung« in Attentat, the journal of the nihilist position, 2013

[15] In den Handbüchern der Inquisitoren sind Homosexualität und Hexerei beinahe ununterscheidbar. Aus dem Discours des Sorciers von 1619: »Du magst wohl annehmen, dass jede Form von Obszönität dort praktiziert wird, ja, selbst diese Abnormalitäten, für die der Himmel Feuer und Schwefel auf Sodom und Gomorra herabregnen ließ, sind in diesen Versammlungen üblich.« Die Theologia Moralis, die einige Jahre später veröffentlicht wurde, erklärte, dass die Sodomie eine Art Einstiegsdroge in die Hexerei sei.

[16] Mit Drapetomanie wurde im 19. Jahrhundert der Drang von Sklav*innen zu fliehen als psychische Krankheit pathologisiert. (Anm. d. Übers.)

[17] crimen exceptum heißt so viel wie Ausnahmeverbrechen. Als solches wurde beispielsweise Hexerei im 16. und 17. Jahrhundert betrachtet, was so viel bedeutet, wie dass in diesen Fällen die übliche Verfahrensweise, also beispielsweise eine »ordentliche Gerichtsbarkeit«, zugunsten der bekannten Praktiken der Hexenverfolgung ausgesetzt wurde. (Anm. d. Übers.)

[18] Caliban und die Hexe.

[19] Ibid.

[20] dt. etwa »Die Suche nach dem Spirituellen« (Anm. d. Übers.)

[21] dt. etwa »Die anhaltende Anziehungskraft des Nationalismus« (Anm. d. Übers.)

[22] The Continuing Appeal of Nationalism

[23] Zersetzung und Wieder-Zusammensetzung (Anm. d. Übers.)

[24] John Zerzan. Patriarchy, Civilization and the Origins of Gender.

[25] In LIES: A Journal of Materialist Feminism, sowie in anderen jüngeren Publikationen und Debatten aus dem marxistischen feministischen Millieu.

[26] In »Undoing Sex« (dt. etwa »Das Geschlecht annulieren«), veröffentlicht in LIES, schreibt C.E.; »Effektiv kann die*der Nicht-Mann nicht sprechen, kann nicht mit absoluter Genauigkeit repräsentiert werden, da sie*er durch das Fehlen und Abwesenheit definiert wird. Dennoch ist sie*er ein Punkt in einer Beziehung, die eine vergeschlechtlichte Klasse erzeugt und die Diskussion darüber ist notwendig für jedes Verständnis davon, was eine Frau ist, ein Mann, ein*e transgender oder ein*e Queer. Nicht-Mann ist ein Werkzeug, das Problem des Patriarchats zu adressieren – die Art, auf die Männlichkeit und männliche Subjektivität einen Zustand der Stille des Todes und des Mangels erzeugt, legitimiert und ausbeutet – und dabei hoffentlich die Voraussetzung einer einheitlichen Feminist*in oder eines weiblichen Subjekts zu vermeiden. Nicht-Männlichkeit erschafft die Klassenrealität von Geschlecht – Formen der Weiblichkeit und Männlichkeit existieren nur in Beziehung zueinander –, aber lässt sich nicht auf eine oder mehrere Klassen reduzieren.«

[27] dt. etwa »Kommunisierung und die Abschaffung von Geschlecht« (Anm. d. Übers.)

[28] dt. etwa »Der Geschlechterunterschied in der Theorie der Kommunisierung« (Anm. d. Übers.)

[29] dt. etwa »Die Logik des Geschlechts« (Anm. d. Übers.)

[30] Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan!

[31] Die Zeit vor dem Sündenfall betreffend, also in der christlichen Mythologie die Zeit vor der Verbannung aus dem Paradies (Anm. d. Übers.).

[32] dt. etwa »Aspekte der insurrektionellen Anarchy« (Anm. d. Übers.)


Zündlumpen #080, S. 100-156.
Übersetzung aus dem Englischen: »Against the Gendered Nightmare« aus baedan Issue 2 — a queer journal of heresy, 2014.