Titel: Politik oder Ethik?
AutorIn: Finimondo
Datum: November 2013
Quelle: Die Erstürmung des Horizonts Nr. 1
Bemerkungen: Originaltitel: "Politica o etica?", veröffenlicht unter: www.finimondo.org/node/1254.

Die Technik hat die Ethik getötet. Weil, wenn vor irgendeine Frage gestellt, fragt sich das menschliche Wesen nicht mehr, was richtig ist, sondern was funktioniert. Es fragt sich das nicht mehr länger, weil heute, in unserer Welt, die in all ihren Aspekten von der Technik beherrscht wird, es als gegeben angesehen wird, dass das, was richtig ist, das ist, was funktioniert. Ideen werden zu Instrumenten, nicht um ihre Bedeutung abzuschätzen, sondern ihre Möglichkeiten zur Benutzung, ihre Funktionalität, ihre Effizienz. Das alles ist, wie vorher schon bemerkt, sicherlich eine der Konsequenzen der Einmischung der Technik in jeden Bereich der menschlichen Existenz. Aber es würde ein Fehler sein, zu denken, dass dieses Phänomen erst in den letzten paar Jahrzehnten aufkam – durch den Befall mit Computern und Handys, Plasma-Bildschirmen und dreidimensionalen Bildern.

Was anderes als Technik ist die Politik, angewandt auf das transformative Handeln der sozialen Beziehungen? Denken wir wirklich, dass die politische Last nur auf die herrschende Klasse fällt, Männer und Frauen, nach Macht dürstend, und nicht auf jeden, der sich zu Kompromissen mit der Ethik herablässt? Um diese tröstlichen Gewissheiten zu überdenken, reicht es, an den Unterschied zu denken, der – innerhalb der anarchistischen Bewegung am Ende des 19. Jahrhunderts, einer gleichen Situation gegenüber – zwischen dem Verhalten eines Errico Malatesta und demjenigen eines Luigi Galleani bestand. Ersterer war der bekannteste Exponent der sogenannten anarchistischen Partei; während der Zweite der glühendste Verfechter einer informellen und autonomen Anarchie war.

Während der Brotunruhen 1 898, welche dann zum Gemetzel von Milan – durch die Hände des Generals Bava Beccaris – führten, wurde Malatesta im Januar verhaftet und wurde Ende April mit anderen Kumpanen angeklagt. Bei dieser Gelegenheit war seine Selbstverteidigung – wie er es schon während Prozessen in Benevento 1878 und in Rom 1884 gemacht hat, und wie er es wieder 1921 in Milan tun wird – besonnen, nicht provokativ, dazu neigend, den „wahren Gedanken“ der Anarchisten klar zu machen, aber auch darauf zielend, für sich und seine mitangeklagten Kumpanen eine möglichst kurze Strafe herauszuschlagen. Also begann er damit, sein Vertrauen in die Gerechtigkeit des Gerichts darzulegen, fuhr anschließend damit fort, Stellung zu beziehen zu den Vorwürfen der „Chef der Anarchisten“ zu sein, die Zerstörung der Familie und der Gesellschaft zu erstreben und zu Brotunruhen aufgehetzt zu haben.

In diesem Zusammenhang, da im Moment, in dem er sprach – der 28. April 1898 –, die Revolte sich schon in ganz Italien verbreitet hatte, machte Malatesta klar, dass er während seinen Reden präzisierte, dass „die soziale Frage nicht durch das Plündern einer Villa oder das Stehlen eines Ofens gelöst werden kann... das Brot ist nicht teuer, weil der Bürgermeister ein Schuft ist, nicht weil Rudini [der Premierminister zu dieser Zeit] ein Verbrecher ist, aber wegen einem ganzen Komplex von sozialen Gründen, die nicht anders gelöst werden können als durch die Organisation der Massen“.

Dann, um noch ein freundlicheres und erbaulicheres Licht auf sich zu werfen, dankte er der Staatsanwaltschaft: „Die Staatsanwaltschaft macht mir eine sehr große Ehre, eine Ehre, die, wenn sie ernsthaft gegeben worden wäre, genug Kompensation wäre für die drei Jahre Gefängnis, die ihr mir geben wollt. Sie sagte, dass seit ich nach Ancona gegangen bin, die Morde und Überfälle abgenommen haben und dass keine Bomben mehr geworfen wurden. Aber wenn das wahr ist, dann bitte, sperrt mich ein, ihr werdet mich mit einem Heiligenschein der Ehre ins Gefängnis schicken“.

Es war nicht nur das, was Malatesta seinen „Heiligenschein der Ehre“ verschaffte, der Anarchisten auch gegen den Vorwurf der Anstachelung zum Hass verteidigte: „Fragt die Mütter, die zu uns kommen würden, um uns zu danken, dass, als ihre Söhne Anarchisten wurden und aufhörten zu saufen, liebevollere Söhne und fleißigere Arbeiter wurden.“ Was diese Anarchisten aber für gute Leute sind! Wo sie ankommen, verringern sich Überfälle und Attentate, die liederlichen Kinder bekommen gerade Köpfe, zügeln ihre Exzesse, sie ehren Mutter und Vater und gehen zur Arbeit! Möglicherweise überzeugt von diesen Worten, entschuldigte sich das Gericht. Die Strafe fiel außergewöhnlich mild aus. Malatesta kam mit sieben Monaten Gefangenschaft davon, teilweise schon abgesessen, die anderen Angeklagten mit sechs Monaten und einem Freispruch.

Bloß vier Jahre zuvor in Genua, 1894, fand der große Prozess mit der Anklage der „kriminellen Vereinigung“ gegen Luigi Galleani, Eugenio Pellaco und 33 andere statt. Die Verhaftungen wurden zwischen Dezember 1893 und Anfang Januar 1894 gemacht und das Gerichtsverfahren begann im Mai in einer sehr angespannten Atmosphäre. Galleani, zum „Kopf“ der Bande deklariert und zuerst vernommen, erklärte stolz, ein revolutionärer Anarchist zu sein, nicht an legale Mittel zu glauben und immer Propaganda für seine Ideen gemacht zu haben.

Galleani, ein Ex-Justudent, weshalb er mit der Gerichtsprozedur vertraut und außerdem ein großer öffentlicher Redner war, war fähig, die Diskussion zu dominieren, seinen Anarchismus bekennend („Ich bin für nichts anderes hier, als um meine eigene Idee zu verteidigen, eine Idee, die mich hier als Verbrecher [malfattore] auf die Anklagebank gebracht hat, und ich kümmere mich wenig darum, welche Strafe ihr bürgerlichen Richter über mich und meine Kompagnons verhängen werdet“) und den Hauptzeugen, den Ex-Polizeipräsidenten von Genua, in Schwierigkeiten bringend, bis zum Punkt, dass er mehrmals vom vorsitzenden Richter und vom Staatsanwalt zum Schweigen gebracht werden musste. Schlussendlich, nachdem man ihn mehrmals zum Schweigen bringen wollte, erhob Galleani seine Stimme: „Ich kann nicht anders, als zu beobachten, dass ich das alles erwartet habe: ich wusste, dass ihr in eurer Rolle als bürgerliche Richter, nur mehr oder weniger das tun könnt, was ihr tut; ich habe erwartet, dass der Staatsanwalt Angst vor der Wahrheit haben würde, dass er mir zu reden verbieten würde, weil er wusste, dass ich damit enden würde, zu sagen, dass hier, wo ich sitze, er mit den Richtern hätte sitzen müssen, weil die heure Gesellschaft den Namen einer Gesellschaft von Verbrechern wirklich verdient, von der ihr – bewusst oder nicht – ein Teil seid“. Das anwesende Publikum explodierte in einen Beifallssturm und der vorsitzende Richter ließ den Saal räumen.

Galleani, von Pietro Gori verteidigt, wurde zu 3 Jahren Gefangenschaft verurteilt, durch erschwerende Umstände ein Sechstel in Isolation plus 2 Jahre verstärkte Überwachung, Pellaco zu 16 Monaten und die anderen zu kleineren Strafen. Nach drei Jahren Haft wurde Galleani mit der maximalen Dauer unter Hausarrest gestellt: fünf Jahre. Ein anderer Stil, eine andere Art, die Rechnung zu bezahlen.

Malatestas Erklärung vor Gericht funktionierte. Aber war sie richtig? Die von Galleani war richtig, aber funktionierte sie? War Malatesta weise? War Galleani töricht? War Malatesta ein Feigling? War Galleani mutig? Weder das eine noch das andere. Schlussendlich machten beide im Gerichtssaal das, was sie auch draußen taten. Der eine endete darin, seine Ideen den taktischen Notwendigkeiten des Moments unterzuordnen, wie es ein besonnener Politiker tun würde. Der andere drückte seine eigenen Gedanken offen aus, so wie diejenigen, die immun für jegliche politische Kalkulation sind. Politik oder Ethik?

Wir sind sicher, dass Errico Malatesta damit zufrieden war, wie die Sache ausging. Aber wir sind genauso sicher, dass auch Luigi Galleani seine Entscheidung nicht bereute.

Es ist keine strategische Entscheidung, um die es hier geht, sondern eine Lebensentscheidung.