Titel: Die Welt in einem Tropfen Spucke
AutorIn: Finimondo
Datum: 14. Juni 2016
Themen: DNA, Repression
Quelle: Entnommen aus: "Die Smartifizierung der Macht, Beiträge zu einer Offensive gegen das technologische Netz"; Edition Irreversibel; Frühjahr 2018; S.259-269.
Bemerkungen: Text ursprünglich aus dem Italienischen, Il mondo in suo sputo, von Finimondo, 2016; vollständiger Text auf Englisch auf solidariteit.noblogs.org, deutsche Übersetzung aus dem Englischen, gekürzt.

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Das Erstellen von genetischen Profilen wird von allen Regierungen als eine „mächtige Waffe im Kampf gegen die Kriminalität“ definiert, die dazu fähig ist, Schlüsselelemente zu liefern um die Täter besonders schrecklicher Verbrechen zu bestrafen und Unschuldige zu entlasten. Vor allem in Fällen von Mord und Vergewaltigung, wird die DNA-Probe als endgültiges, unwiderlegbares Beweisstück dargestellt.

Heutzutage enthalten sowohl das britische als auch das französische Archiv Abermillionen von genetischen Codes und ihre Anzahl steigt stetig. Alles potenzielle Mörder und Vergewaltiger? Natürlich nicht. Als ein Zusammentreffen einer „gleichen Justiz für alle“ und einer „Wissenschaft im Dienste aller“ ist das Abnehmen von DNA eine juristische Verfahrensweise, die den selben exponentiellen und unumkehrbaren Charakter wie die Technik besitzt. Genau wie auch die Justiz und die Wissenschaft dient sie ausschließlich den Interessen des Staates. Dementsprechend ist das Abnehmen einer DNA-Probe in Großbritannien nicht nur zur Aufklärung besonders brutaler Fälle bestimmt, sondern richtet sich auch gegen all jene, denen Diebstahl, öffentliche Trunkenheit oder Teilnahme an einer nicht-autorisierten Demonstration vorgeworfen wird (um eine Vorstellung für die Generalisierungen einer solchen Praxis zu geben, ist es ausreichend, zu erwähnen, dass die Datenbank von Großbritannien schon Ende 2007 die Daten von 150 000 Kindern unter 16 Jahren beinhaltete.); während im Land der Menschenrechte der Bereich der Genetischen Sammlung, die ursprünglich vorgeschlagen worden war, um einen Serienmörder zu enttarnen, im Laufe der letzten Jahre ausgeweitet wurde, um auch (unter anderen schrecklichen Straftaten), die Autoren von Graffitis und Sabotagen an GMO-Anbauflächen (genetisch modifizierte Organismen) zu identifizieren.

All das erweckt bei einigen demokratischen Schöngeistern Skrupel und sie erschrecken gegenüber der entschieden totalitären Idee eines Staates, der Kartei über die Gene von Millionen seiner Untertanen führt und damit potentielle Kriminelle aus ihnen macht, um sie genau auf die Übertretung seiner eigenen Gesetze zu überprüfen. Um beruhigt schlafen zu können, fordern sie einige Beschränkungen der DNA-Analyse und deren Verwendung, Beschränkungen, die jedoch sowohl mit den Sicherheitsversprechen einer solchen Vorgehensweise im Widerspruch stehen als auch mit ihrer wissenschaftlichen Qualität. Die Effizienz einer DNA-Probe bei der Bestrafung und Abschreckung ist verbunden mit einer Grundvoraussetzung: Die DNA muss schon im Archiv enthalten sein. Es ist nämlich komplett sinnlos über die DNA eines Mörders oder Vergewaltigers zu verfügen, wenn es keine DNA gibt mit der sie verglichen werden kann. Je mehr DNA-Proben gesammelt werden, desto wahrscheinlicher ist es, den Täter zu finden (Effizienz der Bestrafung). Je mehr DNA-Proben gespeichert sind, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Straftaten abnehmen (Effizienz der Abschreckung). Die ganze Bevölkerung genetisch zu erfassen wäre vom Blickwinkel der Sicherheit aus daher zweifellos ideal, weil dies gleichzeitig das Maximum an Prävention und das Maximum an Repression garantieren würde. Vergiss nicht, der Staat kennt dich, weiß alles über dich, und deshalb ... Hab keine Angst und mach einfach keine bösen Sachen. Warum sollte das bei denen, die die Logik der Sicherheit akzeptieren, ethische Bedenken hervorrufen? Warum sollten sich jene, die sich überall Überwachungskameras wünschen und nichts gegen das Abhören von Räumen und Telefonen oder das Abnehmen von Fingerabdrücken haben, dann Sorgen über eine mögliche genetische Erfassung machen? Wenn DNA niemals lügt, wie Wissenschaftler sagen, wenn ihre Tests ein wissenschaftliches Vorgehen sind, das funktioniert, was soll dann das Problem sein? Es gibt kein Problem. Tatsächlich scheinen die ersten, die die Notwendigkeit der Erstellung eines genetischen Profils aller Bürger vertreten haben, die arabischen Länder gewesen zu sein, deren Regierungen der Triumph von Wahrheit und Gerechtigkeit bekanntermaßen am Herzen liegt.

Oder vielleicht, vielleicht gibt es ein paar kleine Problemchen. In der Tat hat der Vater des genetischen Fingerabdrucks auf der einen Seite die Erfassung der gesamten Bevölkerung vorgeschlagen, andererseits hat er eifrig darauf hingewiesen, dass die Daten nicht vom Staat aufbewahrt werden sollten, sondern statt dessen von einer „neutralen“ Institution.

Lächerliche Skrupel. Es ist keineswegs schwierig zu verstehen wo das Problem liegt, geschweige denn seine Dimensionen. Lasst uns für einen Moment die technischen Streitigkeiten über die entnommene DNA-Sequenz bei Seite lassen, darüber, wie lang sie sein sollte, um zuverlässig zu sein, oder darüber wie lang sie gespeichert werden sollte, um das „Recht auf Privatsphäre“ zu wahren. Und vergessen wir die hypothetischen Zukunftsszenarien, wie: was würde passieren wenn diese Daten in die falschen Hände geraten würden...? Das ist nicht der Punkt. Diese Daten geraten schon längst in die Hände von jemandem, nämlich von dem, der diese sammelt. Und warum tut er das? Um uns vor Sex-Monstern und blutrünstigen Mördern zu beschützen? Dass die DNA nicht lügt, ist keineswegs sicher. Aber der Staat, der sich auf sie beruft, lügt mit Gewissheit! Im Endeffekt ist es nicht mal notwendig die Antwort zu verfälschen, wenn es möglich ist, die Frage zu verfälschen.

Aber lasst uns dennoch mit der Antwort beginnen, der DNA. Anwälte und Wissenschaftler präsentieren sie als eindeutig, als wäre sie ein unbestreitbarer Beweis. Die Desoxyribonukleinsäure ist ein Makromolekül, das in den Zellen von allen lebenden Organismen enthalten und verantwortlich für die Übermittlung und den Ausdruck von Erbeigenschaften ist. Wie es scheint, ist sie einzigartig, verschieden von Individuum zu Individuum und darum wird ein Spucketropfen DNA automatisch die Wahrheit ausspucken.

Nun ist es, auch wenn die Medien immer allgemein über DNA-Befunde sprechen, wichtig zu wissen, dass es davon zwei verschiedene Arten gibt: die atomare und die mitochondriale. Atomare DNA stammt zur Hälfte vom Vater und zur Hälfte von der Mutter, sie ist die präzisere und besser zu unterscheidende, sie kommt in „lebenden Zellen“ wie zum Beispiel Speichel, Blut, Sperma oder Haarwurzeln vor. Allerdings hat sie einen Mangel: Sobald sie sich vom Körper löst, kann sie sich sehr leicht verschlechtern. Oft ist sie bis zum Zeitpunkt der Untersuchung nicht mehr verwertbar. Die mitochondriale DNA wird dagegen durch die Erblinie der Mutter übermittelt, ist wesentlich ungenauer (sie kann von Menschen geteilt werden, die nicht der gleichen Familie angehören und bei Familienmitgliedern voneinander abweichen) und kann auch in „toten Zellen“ gefunden werden, wie zum Beispiel in Hautschuppen. Deshalb ist sie länger haltbar.

Von einer DNA-Spur, also von einem winzigen Teilchen des menschlichen Körpers, erhält man ein „Profil“, in anderen Worten eine Reihe von Daten, die mit einem Teil der DNA des Individuums übereinstimmen. Es ist nicht die vollständige DNA Sequenz, sondern nur ein Teil von ihr, der von Experten ausgewählt wird. Das DNA-Profil wird also durch die Analyse von ein paar Punkten der gesamten DNA-Sequenz erstellt. Sobald dieses Profil erstellt wurde, suchen die Autoritäten nach Übereinstimmungen und Gemeinsamkeiten mit den in ihren Archiven enthaltenen Profilen. Demnach kann das Ergebnis dieses Verfahrens niemals die absolute Wahrheit sein, sondern nur eine Annäherung, die auf einer Wahrscheinlichkeitsrechnung beruht. Das ist nicht das gleiche. Es ist auch schon eine reine Hypothese, dass die DNA von 7 Milliarden Menschen bei jedem dieser Individuen unterschiedlich ist (wurden alle davon untersucht und verglichen?); aber wenn es dann nur ein winziger Teil davon ist, der analysiert wird, (der wo gefunden wurde? Der wie lang ist? Und nach wie viel Zeit? Diese Parameter variieren von Land zu Land und von Epoche zu Epoche) und der nebenbei noch von möglichen äußeren Verunreinigungen betroffen ist, wie kann man dann behaupten, dass das Ergebnis mit Sicherheit genau sei?

Und tatsächlich wurden bereits zahllose Fälle bekannt, in denen sich die von der DNA gelieferte Antwort als falsch erwiesen hat.

Der aktuellste, bekannteste und uns nächstgelegene Fall, ist der von 2010, bei dem es um den Mord an einem 13-jährigen Mädchen in der Nähe von Bergamo ging. Um den Täter zu fassen wurde 18 000 Menschen DNA entnommen, unter ihnen alle Einwohner der Region (die sich freiwillig dazu bereit erklärten). Der mutmaßliche Täter wurde wegen einem DNA-Treffer festgenommen.

Seine DNA wurde auf der Unterwäsche des jungen Mädchens gefunden. Aber halt, es wurde keine Spur seiner mitochondrialen DNA gefunden. Diese Tatsache wurde von den Experten als unerklärlich erachtet. Könnte das der Grund dafür sein, dass die Staatsanwaltschaft ein Video hergestellt hat, das den Lieferwagen des Beschuldigten am Schauplatz der Entführung des Mädchens zeigte? Ist das die unwiderlegbare, unbestreitbare Wahrheit, für die mehr als drei Millionen Euro ausgegeben wurden?

Es haben sich noch weitere ähnliche Fälle ereignet. Im Jahr 2000 wurde in England ein an Parkinson erkrankter Mann wegen eines Raubüberfalls festgenommen, der 300 km entfernt verübt worden war. Weil er schon mal wegen einer Auseinandersetzung mit seiner Tochter verhaftet wurde, hatte die Polizei seine DNA, die mit der am Tatort gefundenen übereinstimmte. Der Anwalt forderte die Untersuchung eines längeren DNA-Strangs und das Ergebnis fiel negativ aus. 2004 wurde in Frankreich der Ehemann einer zwei Jahre zuvor ermordeten Frau festgenommen, weil auf ihrem Körper ein Haar gefunden wurde dessen mitochondriale DNA mit der des Mannes übereinstimmte. Nach mehreren Monaten U-Haft und Bewährung, wurde der Mann entlassen, nachdem der Abgleich mit dem Archiv genetischer Profile ein unerwartetes Resultat ergab: Seine DNA-Probe entsprach auch noch einem anderen Profil, dem eines Gefangenen, der kurze Zeit vorher verstorben war.

Es ist daher kein Zufall, dass manch einer es bevorzugt von der „Kompatibilität“ der DNA zu sprechen. Die Profile entsprechen einander nicht, sie können höchstens als „kompatibel“ betrachtet werden. Was bedeutet das? Dass der krönende Beweis, der die (strafrechtliche) Verantwortung eines menschlichen Wesens nachweisen soll, um eine Verurteilung und Einschließung zu rechtfertigen, ausschließlich darauf beruht, dass ein Teil der DNA des Beschuldigten kompatibel ist mit einem Teil der am Tatort gefundenen DNA, die daher vielleicht dem Täter gehört.

Tatsächlich die Wahrheit, oder eher ungefähre Annahme?

Dann gibt es da noch das Problem der menschlichen Fehler und der Verunreinigungen, sowohl während des Verlaufs der forensischen Spurensuche als auch während der Analyse. Verwechslung von Etiketten oder Reagenzgläsern, Vermischung von organischem Gewebe. Selbst Alec Jeffreys (Erfinder des genetischen Fingerabdruckes bzw. des DNA-Profils) räumt ein, dass die Vergrößerung eines genetischen Archivs, so unverzichtbar sie seiner Ansicht nach auch ist, mit Sicherheit die Zahl der Fehler erhöhen wird: „Da es von Menschen erschaffen und verwaltet wird, wird es ohne Zweifel zu Fehlern kommen, das ist reine Mathematik“. In den Vereinigten Staaten wurde 2002 ein Mann wegen einer Vergewaltigung zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt und nach viereinhalb Jahren hinter Gittern entlassen. Es stellte sich heraus, dass die DNA, welche von der Polizei gefunden worden war, zu zwei verschiedenen Personen gehörte, was dazu führte, dass seine Beteiligung ausgeschlossen werden konnte. Es handelte sich um einen Fehler des forensischen Labors der Polizei, das daraufhin wegen seiner Unzuverlässigkeit geschlossen wurde. Die Staatsanwaltschaft startete daraufhin eine Ermittlung, um die Genauigkeit von 25 Fällen nachzuprüfen - unter anderem von sieben Todesurteilen. Wirklich belustigend ist die Geschichte der „Frau ohne Gesicht“, die von den Medien als „die schlimmste Serienmörderin, die Europa je gesehen hat“, betrachtet wurde. Ihren ersten Mord sollte sie 1993 in Deutschland begangen haben. Im Verlauf der Jahre wurde ihre DNA an insgesamt ungefähr zwanzig Tatorten von verschiedenen Morden und Überfällen in halb Europa gefunden (Deutschland, Frankreich, Österreich). Nicht aufzuhalten und unberechenbar, niemand hatte sie je gesehen und doch ließ sie ihren genetischen Fingerabdruck überall zurück. Eine gewaltige Fahndung wurde losgetreten: Tausende Zeugenaussagen, intensive Verhöre gegen ihre mutmaßlichen Komplizen, 12 Millionen Euro Ausgaben im Laufe der Ermittlungen und ein Kopfgeld von 100 000 Euro. Im Süden von Deutschland, in Frankreich, Belgien und sogar in Italien wurde tausenden Frauen die DNA abgenommen. Letztendlich wurde dann 2009, die „Frau ohne Gesicht“ identifiziert, die unwiderlegbare Wahrheit stellte sich heraus: Es war eine Angestellte der Firma, die viele der Europäischen Polizeieinheiten mit den Wattestäbchen beliefert, die benutzt werden, um genetische Proben zu nehmen!

Wie wir gesehen haben, ist die Antwort die die DNA gibt alles andere als ein Synonym für die Wahrheit. Aber es geht um mehr: Es ist die Frage an sich, die falsch ist. Denn selbst wenn die DNA ein authentischer Beweis wäre, selbst wenn die gesamte DNA-Sequenz einer Person analysiert werden würde und perfekt mit der gesamten Sequenz, die an einem Tatort gefunden wurde, übereinstimmen würde, was würde das zeigen? Nichts, es wäre immer noch kein Beweis für eine Schuld. Die DNA, die auf einer Flasche gefunden wird, die während einer Demonstration auf die Bullen geworfen wurde, gehört nicht notwendigerweise der Person, die sie geworfen hat. Es könnte die DNA von jemandem sein, der sie verpackt oder verkauft oder gekauft oder geöffnet oder aus ihr getrunken, sie weitergegeben oder sie weggeschmissen hat... Die DNA, die an einem Tatort gefunden wird, entspricht nicht zwangsläufig der des Täters. Es ist gut möglich, dass es die einer anderen Person ist. Also beweist das Vorhandensein von DNA nicht einmal, dass die Person, deren DNA als übereinstimmend angesehen wird, tatsächlich am Tatort anwesend war. Jedes menschliche Wesen verliert tagtäglich Haare und Hautpartikel, spricht und spuckt, isst und trinkt, pinkelt und kackt, kratz sich häufig, blutet manchmal und raucht vielleicht. Es hinterlässt DNA Spuren an unzähligen Orten, Gegenständen und Personen. Jeder hinterlässt Spuren und nimmt andere auf, wodurch diese woanders hin transportiert werden. Wie viele DNA Spuren könnten beispielsweise über Schuhe aufgenommen und transportiert werden? Es ist also absurd, jemanden nur auf Grundlage dessen, dass seine DNA am Tatort gefunden wurde, für schuldig zu befinden.

Es gab eine Zeit, in der selbst die Vertreter des Gesetzes darauf bestanden haben, dass ein Verräter den Gerichtssaal nicht einmal betreten darf. Seine Worte konnten kein Bestandteil von Beweisen darstellen, sie konnten den Ermittlern nur einen Ansatz bieten, der immer noch nachgewiesen werden musste. Wenn seine Indiskretion durch konkrete Beweise aufrechterhalten werden konnte, waren dies die Elemente, die anerkannt werden konnten. Seine Worte an sich waren nichts wert. Aus dieser Perspektive ist das Auffinden von DNA an einem Tatort, selbst wenn es wirklich die des Verdächtigen wäre, noch viel unzuverlässiger. Der Verräter sagt aus, wer (seiner Meinung und seinem Interesse, seiner Erinnerung und seinem Wissen nach) der Verantwortliche einer Straftat ist. Die DNA sagt etwas darüber aus wer (vielleicht, wahrscheinlich, und in manchen Fällen mit Sicherheit) am Ort des Verbrechens vorbei gekommen sein, oder mit dem Opfer in Kontakt gekommen sein kann.

Aber weil die Justiz blind ist, tendiert sie dazu, anderen zu vertrauen, um etwas zu sehen. Beispielsweise den Menschen, selbst wenn diese so widerwärtig sind wie Verräter. Tatsächlich reicht heutzutage das Wort von zwei „Kollaborateuren“ aus, um jemanden zu verurteilen. Es wäre also ein Wunder, wenn die Justiz nicht noch vielmehr auf das Mikroskop der Wissenschaft vertrauen würde, welche seit jeher die schlechte Angewohnheit hat, ihre Hypothesen als unanfechtbare Wahrheiten zu präsentieren. „Es ist wahr, es ist wissenschaftlich bewiesen, das sagt die Wissenschaft.“ Im Gegensatz dazu zeigt die Geschichte immer wieder, dass eine wissenschaftliche Hypothese, die in einer bestimmten Epoche als absolute Wahrheit präsentiert wird, kurze Zeit später als falsch angesehen werden könnte. Wissenschaftliche Entdeckungen werden als Gewissheiten präsentiert, sind es aber selten. Tatsächlich basiert jede wissenschaftliche Theorie auf einer Darstellung, die von einer Ideologie bestimmt ist. Die Biowissenschaften interpretieren lebende Organismen als wären sie Maschinen, die auf die Befehle eines Programms antworten, das sich aus Genen zusammensetzt. Diese Herangehensweise, die den Menschen auf die Maßstäbe eines Computers reduziert, ist nicht im Geringsten das Resultat von Beobachtungen. Im Gegenteil, diese Herangehensweise ist es, was die Beobachtungen bestimmt. Es ist nicht die Beobachtung des Lebens, die die Existenz eines Programms nahelegt, es ist die mechanistische Vorstellung, welche dafür sorgt, dass das Leben auf diese spezielle Art und Weise betrachtet wird. Wissenschaftler fangen mit einem a priori an und gehen dann auf die Suche nach der Bestätigung ihrer These („der Mensch ist eine Maschine, lasst uns nach seinem Getriebe suchen“).

In der gegenwärtigen Welt wird die Wissenschaft als ein Synonym für Wahrheit angesehen. Das bringt fast alle dazu, scheinbar wissenschaftliche Argumente zu benutzen, um sich selbst Legitimität zu verschaffen. Wahr ist das, was die Qualifizierten sagen, was die Experten sagen. Alle folgen dieser Logik, von den Bullen bis zu den Staatsanwälten, von den Militanten bis zu den Aktivisten, ganz zu schweigen von den „normalen Leuten“. Der Experte ist jemand, der Bescheid weiß. Seine Meinung ist „objektiv“, sie fegt alle Zweifel hinweg. Ein Experte ist ein Dealer, der mit der Wahrheit dealt.

Der Staat, der sich liebend gerne als Garant des Gemeinwohls ausgibt, wo er doch eigentlich nur den Interessen einiger weniger dient, verwaltet eine Justiz, die immer für alle gleich sein soll, aber aus Gesetzen besteht, die immer von wenigen geschrieben und angewandt werden. Der Staat, genau wie seine Justiz, ist offensichtlich voreingenommen, beide haben aber ein dringendes Bedürfnis danach, neutral, objektiv und über alle Vorurteile erhaben zu erscheinen. Das ist der Grund dafür, dass sie die Wissenschaft nutzen. Als Lombroso[1] menschliche Schädel vermessen ließ, um Diebe und Mörder zu identifizieren, als Hitler Nasen vermessen ließ, um Juden zu finden, was haben sie da anderes getan, als diejenigen, die heute die Biologie auf den Plan rufen, um die Justiz triumphieren zu lassen?

Heutzutage repräsentiert der DNA-Beweis die magische Antwort auf die Angst vor Justizirrtümern, dem einzigen Alptraum, der den Schlachtern in schwarzen Roben gelegentlich den Schlaf rauben könnte. Und ist sie erst einmal in die Reagenzgläser der Labore eingetaucht, kann die Justiz endlich perfekt erscheinen, so präzise wie ein Computer.

Nur, dass es viele Experten gibt und dass diese meistens widersprüchliche Meinungen haben. Was daran liegt, dass die Wissenschaft keine absoluten Wahrheiten liefern kann, sie kann lediglich Hypothesen bieten.

Wir stehen deshalb vor folgendem Paradoxon: keine „wissenschaftliche Wahrheit“ kann als eine Gewissheit betrachtet werden und doch kommt heute alles, was die Gesellschaft als Gewissheit behandeln will, nicht darum herum, wissenschaftliche Argumente zu benutzen. Was hingegen gewiss, unbestreitbar und erschreckend ist, ist leider etwas anderes. Die Regierungen von vielen Ländern registrieren Millionen von Menschen und benutzen dabei Argumente, die eine totale Registrierung und Erfassung ankündigen.

Diejenigen, die Macht haben, ob politisch oder auch nur wirtschaftlich, werden Zugang zu den intimsten Daten von jedem von uns haben und werden damit machen können, was immer sie wollen. Es ist nicht notwendig, sich auf Science-Fiction Szenarios einzulassen, es genügt sich anzusehen, was bereits in der Vergangenheit geschehen ist, um ein Gefühl dafür zu kriegen, was uns in Zukunft erwarten wird. Erinnert sich jemand an die Molotow Cocktails, die im Juli 2001, direkt nach dem durch die Bullen verübten Gemetzel im Hof der Diaz Schule in Genua „gefunden“ wurden? Da haben wir es! Von nun an werden es die Autoritäten nicht einmal mehr nötig haben, spezielle Ermittlungen zu konstruieren, falsche Zeugen zu beauftragen oder falsche Beweise zu erstellen, um die Unerwünschten zu beseitigen. Nein, es wird ausreichen, so etwas unscheinbares, wie ein wenig Spucke, ein Haar oder einen Zigarettenstummel - von der zu beseitigenden Person - am nächsten Tatort auftauchen zu lassen.

Innerhalb dieser Welt, innerhalb dieser sozialen Ordnung schleppen sich menschliche Wesen durch eine langweilige Existenz, ohne Schönheit und Leidenschaft, versunken in Kummer und Verzweiflung, auf der täglichen Suche nach ein paar Krümeln des Überlebens. Dieses kranke Leben provoziert überall Konflikte, Akte der Gewalt. Der Staat interveniert, um die Effekte einzuschränken, von denen er maßgeblicher Verursacher ist. Er verlangt die Durchsetzung von Strafen, die von zu seinem Schutze gemachten Gesetzen angeordnet werden. Und um die Urheber dieser Gewaltakte zu identifizieren, verlässt er sich auf die Hypothesen der Wissenschaft, die als Wahrheiten ausgegeben werden. Der Kreis schließt sich in der Kohärenz der Niederträchtigkeit. Ein abscheulicher Staat wendet eine blinde Justiz an, indem er sich einer manipulierbaren und manipulativen Wissenschaft bedient; und all das wird als ein Beispiel von Tugendhaftigkeit präsentiert.

Da haben wir sie, die Welt in einem Spucketropfen.