Titel: Die Bullen in unseren Köpfen: Einige Gedanken zu Anarchie und Moral
AutorInnen: Faun, Feral
Quelle: Entnommen am 5.10.2015 von https://linksunten.indymedia.org/de/node/154877
Bemerkungen: Übersetzt aus dem Englischen aus „Feral Revolution - Writings of Feral Faun".

Auf meinen Reisen während der letzten Monate habe ich mit vielen Anarchisten gesprochen, die Anarchie als ein moralisches Prinzip verstehen. Einige gehen soweit, von Anarchie zu sprechen, als ob es eine Gottheit wäre, der sie sich hingegeben haben - was mein Gefühl verstärkt, dass diejenigen, die Anarchie wirklich erfahren wollen, sich vom Anarchismus befreien müssen.

Die häufigsten moralischen Konzeptionen der Anarchie, die ich gehört habe, definierten Anarchie als eine prinzipielle Ablehnung davon, Kraft[1] anzuwenden, um den eigenen Willen anderen aufzudrängen. Diese Vorstellung hat Konsequenzen, die ich nicht akzeptieren kann. Sie beinhaltet, dass Herrschaft hauptsächlich eine Frage von persönlichen moralischen Entscheidungen, anstatt von sozialen Rollen und Beziehungen ist, dass wir uns alle gleichermaßen in einer herrschaftsausübenden Position befinden und dass wir uns in Selbstdisziplin üben müssen, um uns selbst daran zu hindern so zu handeln. Wenn Herrschaft eine Frage von sozialen Rollen und Beziehungen ist, dann ist dieses moralische Prinzip äußerst absurd und nicht mehr als ein Weg die politisch Korrekten (die Auserwählten) von den politisch Inkorrekten (den Verdammten) zu trennen. Diese Definition der Anarchie stellt anarchische Rebellen in eine Position von sogar noch größerer Schwäche als in einem sowieso schon unausgeglichenen Kampf gegen die Autorität. Alle Formen von Gewalt gegen Personen oder Eigentum, Generalstreiks, Diebstahl und sogar solche harmlosen Aktivitäten wie ziviler Ungehorsam führen zur Kraftausübung, um den eigenen Willen aufzudrängen. Es abzulehnen, Kraft zu benutzen, um den eigenen Willen aufzudrängen, heißt, komplett passiv zu werden–ein Sklave zu werden. Diese Konzeption der Anarchie macht es zu einer Regel, unsere Leben zu kontrollieren und das ist ein Widerspruch in sich.

Der Versuch, ein moralisches Prinzip aus der Anarchie zu machen, verdreht ihre eigentliche Bedeutung. Anarchie beschreibt eine bestimmte Art von Situation, eine, in der Autorität entweder nicht existiert, oder ihre Macht, zu kontrollieren, negiert wird. Eine solche Situation garantiert nichts – nicht mal das Fortbestehen dieser Situation –aber sie eröffnet für jeden von uns die Möglichkeit, damit zu beginnen, unsere Leben nach unseren eigenen Wünschen und Leidenschaften zu gestalten, anstatt nach sozialen Rollen und den Anforderungen der sozialen Ordnung. Anarchie ist nicht das Ziel der Revolution, sie ist die Situation, welche die einzige Art von Revolution, die mich interessiert, möglich macht: ein Aufstand von Individuen, um ihre Leben selbst zu gestalten und zu zerstören, was ihnen dabei im Weg steht. Sie ist eine Situation, frei von jeglichen moralischen Implikationen, eine Situation, die jedem von uns die Möglichkeit einer amoralischen Herausforderung bietet, um unsere Leben ohne Zwänge zu leben.

Weil die anarchische Situation amoralisch ist, ist die Idee einer anarchistischen Moral höchst seltsam. Moral ist ein System von Prinzipien, die definieren, was richtiges und falsches Verhalten ausmacht. Es impliziert ein absolutes Ausserhalb von den Individuen, über das sie sich selbst definieren, eine Gemeinsamkeit aller Menschen, die bestimmte Prinzipien für alle geltend macht.

Ich will mich in diesem Text nicht mit der „Gemeinsamkeit aller Menschen“ auseinandersetzen: mein derzeitiger Punkt ist, dass, worauf auch immer die Moral aufbaut, sie immer ausserhalb und über dem lebenden Individuum steht. Ob diese Basis oder Moral Gott, Patriotismus, gemeinsame Menschlichkeit, Produktionsbedarf, Naturrecht, die „Erde“, Anarchie oder sogar „das Individuum“ zum Prinzip macht, es ist immer ein abstraktes Ideal, das über uns herrscht. Moral ist eine Form von Autorität und wird von einer anarchischen Situation genauso wie jede andere Autorität untergraben, solange diese Situation andauert.

Moral und Verurteilung gehen Hand in Hand. Kritik, sogar harsche, gemeine Kritik ist essentiell, um unsere rebellische Analyse und Praxis zu verfeinern, aber die Verurteilung an sich muss völlig ausgerottet werden. Die Verurteilung kategorisiert die Leute als schuldig und nicht schuldig – und Schuld ist eine der stärksten Waffen der Repression. Wenn wir über uns selbst oder andere richten und urteilen, unterdrücken wir Rebellion – das ist der Sinn und Zweck von Schuld. (Das heißt nicht, dass wir nicht hassen „sollten“, oder dass wir uns nicht wünschen „dürfen“ jemanden zu töten – es wäre absurd, eine „amoralische“ Moral zu erschaffen, aber unser Hass muss als eine persönliche Leidenschaft und nicht in moralischen Begriffen verstanden werden.) Radikale Kritik entsteht aus realen Erfahrungen, Aktivitäten, Leidenschaften und Wünschen von Individuen und zielt auf befreiende Rebellion. Verurteilung entspringt Prinzipien und Idealen, die über uns stehen; sie zielt darauf ab, uns diesen Idealen zu unterwerfen. Dort, wo anarchische Situationen entstanden sind, verschwand Verurteilung oft vorübergehend und befreite Menschen von Schuld – wie in gewissen Riots, in denen die verschiedensten Menschen zusammen in einer ausgelassenen Stimmung geplündert haben, obwohl ihnen ihr ganzes Leben lang beigebracht wurde, Eigentum zu respektieren. Moral erfordert Schuld; Freiheit erfordert die Beseitigung der Schuld.

Ein Dadaist sagte einst: „ Von Moral regiert zu werden... hat es für uns unmöglich gemacht, dem Polizisten gegenüber irgendetwas Anderes als passiv zu sein; das ist der Ursprung unserer Sklaverei.“ Sicherlich Moral ist eine Quelle von Passivität. Ich habe von einigen Situationen gehört, in denen anarchische Situationen von ziemlich großem Ausmaß sich zu entwickeln begannen und habe selbst welche von geringerem Ausmaß erlebt, aber in jeder dieser Situationen, zerstreute sich die Energie und die meisten Beteiligten kehrten zurück zu ihren Nicht-Leben, die sie vor den Aufständen gelebt haben. Diese Ereignisse zeigen, dass wir trotz dem Ausmaß, in welchem die soziale Kontrolle unsere ganzen wachen Leben (und auch einen Großteil des schlafenden) durchdringt, ausbrechen können. Aber mit den Bullen in unseren Köpfen – der Moral, Schuld und Angst muss umgegangen werden. Jedes moralische System, ganz unabhängig seiner Behauptungen des Gegenteils, auferlegt den Möglichkeiten, die verfügbar sind, Grenzen und Beschränkungen auf unsere Verlangen, und diese Grenzen basieren nicht auf unseren wirklichen Fähigkeiten, sondern auf abstrakten Ideen, die uns davon abhalten, das ganze Ausmaß unserer Fähigkeiten zu erforschen. Wenn in der Vergangenheit anarchische Momente entstanden sind, ängstigten die Bullen in den Köpfen der Leute – die tiefverwurzelte Angst, Moral und Schuld – die Leute, sie gefügig genug haltend, damit sie in die Sicherheit ihrer Käfige zurückwichen, und die anarchische Situation verschwand.

Das ist bezeichnend, denn anarchische Situationen entstehen nicht aus dem Nichts, sie entspringen den Handlungen von Menschen, die von ihren Leben frustriert sind. Es ist für jeden von uns zu jeder Zeit möglich, eine solche Situation zu kreieren. Oft wäre dies taktisch dumm, aber die Möglichkeit besteht. Dennoch scheinen wir alle geduldig darauf zu warten, dass eine anarchische Situation vom Himmel fällt – und wenn diese explosionsartig hervortreten, sind wir nicht in der Lage sie am Laufen zu halten. Sogar diejenigen von uns, die Moral bewusst ablehnen haben Bedenken, halten bei jeder Aktion inne, um sie genau zu untersuchen, in der Angst vor Bullen, selbst wenn keine externen Bullen anwesend sind. Moral, Schuld und Angst vor Verurteilung handeln als Bullen in unseren Köpfen, zerstören unsere Spontanität, unsere Wildheit und unsere Fähigkeit, unsere Leben in vollen Zügen zu leben.

Die Bullen in unseren Köpfen werden weiterhin das Rebellische in uns unterdrücken, bis wir lernen, Risiken einzugehen. Ich meine damit nicht das wir dumm sein müssen – Knast ist keine anarchische oder befreiende Situation, aber ohne Risiken gibt es kein Abenteuer, kein Leben. Selbstmotiviertes Handeln, Handeln, das unseren Leidenschaften und Wünschen entspringt, nicht dem Versuch, sich gewissen Prinzipien und Idealen oder irgendeiner Gruppe anzupassen („Anarchisten“ eingeschlossen) – ist es, das eine Situation der Anarchie erschaffen und eine Welt der Möglichkeiten eröffnen kann, die nur durch unsere eigenen Fähigkeiten begrenzt ist. Es ist essentiell, zu lernen, unsere Leidenschaften frei auszudrücken – eine Fertigkeit, die wir uns nur durch ausprobieren aneignen können. Wenn wir Abneigung, Zorn, Freude, Verlangen, Trauer, Liebe und Hass verspüren, müssen wir sie ausdrücken. Es ist nicht einfach. Meistens merke ich, wie ich in Situationen, in denen ich eigentlich etwas Anderes ausdrücken will, in die mir zugeordnete soziale Rolle verfalle. Ich gehe in einen Laden und fühle Abscheu gegenüber dem Ablauf der wirtschaftlichen Beziehungen und schon danke ich höflich dem Angestellten dafür, dass er mich durch genau diesen Ablauf leitet. Würde ich dies bewusst tun, als Deckmantel für einen Ladendiebstahl, wäre es ein Spaß, meinen Verstand zu nutzen, um zu bekommen, was ich will; aber es ist eine verinnerlichte soziale Reaktion, ein Bulle in meinem Kopf. Ich feile daran, aber ich habe einen verdammt langen Weg zu gehen. Zunehmend versuche ich, nach meinen Launen zu handeln, meinem spontanen Drang, ohne darüber nachzudenken, was andere von mir halten. Das ist eine selbstmotivierte Aktivität - die Aktivität, die unseren Leidenschaften und Verlangen, sowie unserer verdrängten Vorstellungskraft, unserer einzigartigen Kreativität entspringt. Sicher, unserer Subjektivität auf diese Art zu folgen, unsere leben für uns selbst zu leben, kann uns dazu führen, Fehler zu machen, aber diese Fehler sind niemals vergleichbar mit dem Fehler, die Zombie-Existenz, die der Gehorsam gegenüber Autorität, Moral, Regeln oder höher stehenden Mächten kreiert zu akzeptieren. Leben ohne Risiken, ohne die Möglichkeit Fehler zu machen, ist überhaupt kein Leben. Nur wenn wir das Risiko eingehen, jede Autorität herauszufordern und für uns selbst zu leben, werden wir jemals unser Leben bis zum Äußersten zu leben.

Ich will keine Zwänge in meinem Leben; Ich will die Eröffnung aller Möglichkeiten, so dass ich mein Leben für mich selbst gestalten kann – in jedem Moment. Das bedeutet das Durchbrechen von allen sozialen Rollen und die Zerstörung jeglicher Moral. Wenn ein Anarchist oder irgend ein anderer Radikaler damit anfängt, mir seine moralischen Prinzipien zu predigen – ob Gewaltlosigkeit (non coercion), Tiefenökologie, Kommunismus, Militanz oder sogar von der Ideologie gefordertes „Vergnügen“ – höre ich einen Bullen oder Priester und ich habe kein Verlangen danach, mit Leuten wie Bullen oder Priestern zu tun zu haben, außer um mich ihnen zu widersetzen. Ich kämpfe, um eine Situation herbeizuführen, in der ich frei leben und alles sein kann, was ich mir wünsche, in einer Welt von freien Individuen, mit denen ich mich frei und ohne Zwang nach unseren Vorstellungen zusammenschließen kann. Ich habe genug Bullen in meinem Kopf – genauso wie die auf den Straßen, mit welchen ich fertig werden muss auch ohne die Bullen „anarchistischer“ oder radikaler Moral. Anarchie und Moral sind sich feindlich gesinnt und jeder effektive Widerstand gegen die Autorität muss die Moral bekämpfen und die Bullen in unseren Köpfen ausrotten.

[1] Das Wort force lässt sich in diesem Kontext nicht genau ins Deutsche übersetzen, wir haben uns entschieden es mit „Kraft“ zu übersetzen