Der Syndikalismus (von Syndikat=Gewerkschaft) entstand als Reaktion auf den zunehmenden Reformismus der sozialistischen Parteien und Gewerkschaften Ende des letzten Jahrhunderts. Unter dem Einfluss des Anarchismus entwickelte sich innerhalb des Syndikalismus eine Gewerkschaftsbewegung mit gesamtgesellschaftlicher Perspektive (FAUD) und nannte sich fortan Anarcho-Syndikalismus. Der Anarcho-Syndikalismus verbindet den Kampf für den Sozialismus mit der antistaatlichen, auf Selbstverwaltung gegründeten Gesellschaftskonzeption des Anarchismus.

Die Anarcho-SyndikalistInnen lehnen die Organisation ihrer Interessen in zentralistisch aufgebauten Parteien und Organisationen ab. Gegen Stellvertreterpolitik und Parlamentarismus setzen sie die Selbstorganisation der Arbeitenden in autonomen, unabhängigen Gruppen, die miteinander auf lokaler, regionaler und überregionaler Ebene zusammengeschlossen sind. Zur Durchsetzung ihrer Ziele und Forderungen dienen ihnen die Mittel der Direkten Aktion. (z.B. Besetzungen, Boykotts, Streiks usw.) Sie lehnen im Gegensatz dazu "indirekte" Maßnahmen wie die parlamentarische Betätigung ab. Das Ziel des Anarcho-Syndikalismus ist die herrschaftsfreie, auf Selbstorganisation aufgebaute und auf Selbstverwaltung gegründete Gesellschaft.

Anarcho-SyndikalistInnen kämpfen für die Verbesserung der derzeitigen Arbeits- und Lebensbedingungen. Sie bleiben jedoch nicht dabei stehen, sondern arbeiten für die Errichtung einer libertären und klassenlosen Gesellschaft. Dazu gehört auch die Aneignung der Fähigkeiten einmal Fabriken, Dienstleistungsbetriebe und Landwirtschaft durch die Selbstverwaltung der dort Beschäftigten übernehmen zu können. Unter anderem hierin besteht die Kreativität des Anarcho-Syndikalismus und hierdurch löst er auch die problematische Frage des Übergangs von einer libertären Revolution zur herrschaftsfreien Gesellschaft.

Was will die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter Union?

Anfang 1977 haben sich bundesweit Menschen organisatorisch zusammen geschlossen, um eine anarcho-syndikalistische Organisation aufzubauen. Ausgangspunkt dieses Schrittes waren die Erfahrungen, die viele Leute mit ihrer Arbeitssituation und der Politik des DGB und seiner Einzelgewerkschaften gemacht hatten, die stets darin bestanden hat, Initiativen der Gewerkschaftsbasis abzuwürgen. Die existierenden Gewerkschaften - das haben sie immer wieder bewiesen- sind mehr am Machterhalt ihrer Funktionärselite und deren Parlaments- und Aufsichtsratspöstchen interessiert, als an den Interessen ihrer Mitglieder. Die reformistischen Gewerkschaften sind zutiefst undemokratischorganisiert. Sie entmündigen ihre Mitglieder und dienen letztendlich dem Fortbestand der bestehenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Viele Leute haben versucht, diesen Apparat von "unten her" zu reformieren. Sie sind alle gescheitert, kaltgestellt, ausgeschlossen oder mittlerweile selbst Teil der Gewerkschaftsbürokratie geworden.

Ein anderer Ausgangspunkt für die Gründung der FAU war die Situation im libertären Lager, die gekennzeichnet ist durch Desorganisation, Vereinzelung und Perspektivlosigkeit der kleinen Gruppen und Einzelpersonen. Im Anarcho-Syndikalismus sehen wir die Möglichkeit, unsere praktische Arbeit auf freiheitlicher Grundlage zu organisieren und damit diese Vereinzelung aufzuheben.

Wenn auch ein Schwerpunkt unserer Arbeit im wirtschaftlichen Bereich liegt, so bedeutet das nicht, dass alle anderen gesellschaftlichen Bereiche ausgeschlossen sind. Der revolutionäre Kampf in den Betrieben ist unser Hauptansatzpunkt, denn er trifft den Kapitalismus nicht nur in seinen Erscheinungsformen, sondern an seiner Wurzel. Der Arbeitsalltag und die Strukturen der kapitalistischen Gesellschaft wirken jedoch in unser gesamtes Leben hinein. Beide bestimmen ebenso den Freizeitbereich, wie die Zerstörung de Umwelt, die Situation in den Stadtteilen, die Art unseres Zusammenlebens, unserer Beziehungen. Deshalb kann der ökonomische Kampf nicht losgelöst von den anderen gesellschaftlichen Bereichen betrachtet werden.

Wir wollen jedoch nicht nur den Widerstand gegen bestimmte Erscheinungsformen des Kapitalismus organisieren, sondern eine gesamtgesellschaftliche Alternative zu Privatkapitalismus im Westen und zum zusammengebrochenen Staatskapitalismus im Osten entwickeln.

In einer Zeit, in der die Welt enger zusammenrückt, der Kapitalismus sich über Staatsgrenzen und Kontinente hinweg organisiert, in der die kapitalistische Wirtschaftsordnung, die Welt aufgeteilt hat in wohlhabende Zonen auf der einen Seite und in ausgesaugte Rohstofflieferanten auf der anderen, kann der Kampf um eine freie Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung nicht mehr isoliert in einem Land geführt werden. Wir haben uns daher in der "Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA), der syndikalistischen Internationale, angeschlossen, um diesen Kampf gemeinsam mit unseren Schwestern und Brüdern in vielen Ländern der Welt zu führen.

Organisation ja - aber nicht als Selbstzweck

Der Anarcho-Syndikalismus erstrebt eine hochgradig vernetzte und von unten nach oben aufgebaute Gesellschaft, ohne künstliche Hierarchien. Basierend auf der Erkenntnis, dass jeder revolutionäre Ansatz bereits Teile der neuen Gesellschaft in sich tragen soll, ist auch schon heute die FAU organisiert. Basis der Organisation sind die lokalen Orts- und Betriebsgruppen, die ihre Angelegenheiten und Arbeitsschwerpunkte in nahezu völliger Autonomie regeln. Die lokalen Strukturen gliedern sich zur Zeit in vier Regionen, die in mehrmals jährlich stattfindenden Regionaltreffen die regionale Arbeit koordinieren und neue Ortsgruppen in der jeweiligen Region aufnehmen. Einmal jährlich findet ein gemeinsamer Kongress aller Orts- und Betriebsgruppen statt, auf dem alle die Gesamtorganisation betreffenden Fragen diskutiert werden. Wichtige Entscheidungen werden durch Mitglieder-Urabstimmungen getroffen. Daneben gibt es eine Reihe von bundesweiten Treffen zu speziellen Themen. Einziges bundesweites Gremium ist - neben der FAU-Zeitung "Direkte Aktion" - die "Geschäftskommission", die den Mitglieder-Rundbrief zusammenstellt und verschickt. Bezahlte Funktionäre gibt es in der FAU nicht- und damit auch keine Funktionärseliten. Alle Mandate in der FAU rotieren in der Regel einmal jährlich.

Aktuelle Arbeitsgebiete

Die Arbeitsschwerpunkte innerhalb der FAU sind ein Spiegelbild der Aktivitäten ihrer Mitglieder. Sie reichen von der Tätigkeit der Betriebsgruppen über antifaschistische, antirassistische und antisexistische Arbeit über Stadtteilarbeit bis hin zu kulturellen Themen und zur Verbreitung freiheitlich-sozialistischer und direkt-demokratischer Ideen. Die FAU ist (noch) eine kleine Organisation. Sie lebt vom Engagement ihrer Mitglieder und ist so gut und so schlecht wie diese. Die Arbeit der letzten Jahre hat uns gezeigt, dass das Interesse an unseren Themen und Aktionsvorstellungen stetig steigt; nicht zuletzt in der aktuellen Krise - einer Krise, die sich noch weiter verschärfen wird und die Fragen nach Alternativen zum Bestehenden in neuer Schärfe aufwirft.