Titel: Insurrektionismus oder Evolutionismus?
Datum: 1. November 1913
Quelle: Deutsche Übersetzung in „Grenzenlos- Anarchistische Zeitschrift“, Nr. 3, Oktober 2014, Zürich.
Bemerkungen: Erschienen in „Volontá“, 1. November 1913

Es ist ein altes Thema, jenes von Revolution und Evolution, immer wieder diskutiert und immer wieder aufkommend, vor allem aufgrund des Missverständnisses, das durch die unterschiedliche Bedeutung produziert wird, welche man diesen beiden Worten geben kann. Das Wort Evolution wird manchmal im generischen Sinne von Veränderung aufgefasst und bekräftigt demnach eine allgemeine Tatsache der Natur und der Geschichte, worüber man aus dem Blickwinkel der Wissenschaft diskutieren kann, aber die auf dem Gebiet der Soziologie von nieman­dem angezweifelt wird; manchmal wird es im Sinne von einer langsamen, stufenmässigen Veränderung aufgefasst, reguliert von Gesetzen, die in Zeit und Raum festgeschrieben sind, und die jeglichen Sprung, jegliche Katastrophe, jegliche Möglichkeit, beschleunigt oder ver­zögert zu werden, und vor allem gewaltsam überwältigt und vom menschlichen Willen in die eine oder andere Richtung gelenkt zu werden, ausschliesst, und demnach will es sich dem Wort und der Idee von Revolution gegenüberstellen.

Und auch das Wort Revolution selbst wird, je nachdem, wie es besser zur‚ These gereicht, die man verfechten will, mal im Sinne von radikaler, tiefgreifender Veränderung der sozialen Institutionen auf­gefasst, und in diesem Sinne mögen sich alle – ausser vielleicht die Religiösen, welche glauben, dass die Dinge aufgrund des Willens Gottes so sind, wie sie sind, und immer so sein werden – mögen sich alle Revolutionäre nennen, nur dass sie die Vorsicht gebrauchen, die Umsetzung der erhofften Veränderungen auf weit entfernte Zeiten (auf reife Zeiten, wie sie sagen) hinauszuschieben; und mal wird es im Sinne von gewaltsamer Veränderung aufgefasst, die mit Gewalt gegen die konservativen Kräfte durchgesetzt wird, und demnach impliziert es materiellen Kampf, bewaffnete Insurrektion, mit dem Gefolge von Barrikaden, bewaffneten Banden, Beschlagnahmung der Güter der Klasse, gegen die man kämpft; Sabotage der Kommunikationsmittel, usw. Und deshalb hat man diskutiert und diskutiert man immer wieder, ohne dass es je gelingt, sich deutlich und endgültig zu verstehen (oder nicht zu verstehen).

In Wirklichkeit ist die alte Diskussion nie etwas anderes gewesen, im Bereich des sozialen Streits, als der theoretische Rechtfertigungsversuch von vorangehenden Vorsätzen; und die „Wissenschaft”, die „Geschichtsphilosophie“ und andere grosse Worte haben einzig dazu gedient, die Frage zu trüben und die Gedanken und die wahren Absich­ten der Streitenden zu verbergen.

In Gegenwart von gewissen Ideen, die in unserem Lager in Erscheinung getreten sind, und die der Keim eurer neuen Seitenströmung (zusätzlich zum Parlamentarismus, zum Korporatismus, zum Edukationismus, usw.) sein könnten und einen erneuten Stillstand unserer wiederauferstehenden Bewegung herbeiführen könnten, halten wir es für angebracht, das alte Argument noch einmal zur Diskussion zu stellen; und, um deutlicher zu sein, werden wir, anstatt Revolution und Evolution gegenüberzustellen, Insurrektion und Evolution sagen: Und dies nicht so sehr in der Hoffnung, alle zu einem Einverständnis zu bringen, als vielmehr mit dem Wunsch, Verwirrungen zu vermeiden und deutlich zwischen denjenigen zu unterscheiden, welche die Revolution heute, morgen, oder, kurzum, so bald wie möglich machen wollen, und folglich daran arbeiten wollen, sie vorzubereiten, und denjenigen, welche, während sie predigen, dass die Revolution von unseren Kindern und unseren Enkelkindern wird gemacht werden müssen, die Leute, wenn auch unwillentlich, dazu veranlassen, zu versuchen, soviel wie möglich aus den gegenwärtigen Umständen herauszuholen, und nicht mehr an eine Revolution zu denken, welche nunmehr auf die künftigen Generationen hinausgeschoben wurde, und folglich überrascht und unvor­bereitet dazustehen, wenn die Gelegenheiten sich ereignen.

Die Frage ist folgende:

Ist es, um eine politisch-soziale Veränderung herbeizuführen, notwendig, dass das bestehende Regime erschöpft ist, und dass sich im Bewusstsein von allen, oder zumindest von der Mehrheit, ein Verlangen und eine klare Vorstellung von der Art der durchzuführenden Veränderung gebildet hat? Und ist es möglich, dass sich in einem gegebenen sozialen Regime ein universelles Bewusstsein für die grundlegende Veränderung des besagten Regimes bildet? 

Oder ist es nicht vielmehr wahr, dass jedes Regime, das aus einer Auferlegung entstand, die den Massen aufgezwungen wurde, welche vielleicht widerspenstig, aber unfähig sind zu einer kollektiven und bewussten Aktion mit im Voraus bestimmten Zielen, dazu tendiert, sich zu festigen und sich akzeptabel zu machen, indem es seine Mängel ausbessert, die Übel, die es erzeugt, so gut wie möglich kompensiert, und eine öffentliche Mentalität kreiert, die für seine Aufrechterhaltung geeignet ist; und somit umso stärker ist, je länger es angedauert hat? Ist es nicht wahr, dass die Revolutionen, die Fortschritte aller Art, das Werk von – oft geringfügigen – Minderheiten sind, die dadurch, dass sie die Bedingungen der Umwelt de facto verändern (mit der Gewalt, wenn es sich um Institutionen handelt, die den Minderheiten mit der Gewalt das Recht absprechen, zu handeln), und die verborgenen Instinkte, die unbewussten Bedürfnisse der Massen benutzen, diese mit sich reissen und sie auf einen neuen Weg leiten?

Die Marxisten, die einen so grossen – und so schädlichen – Einfluss auf die Tendenzen des zeitgenössischen Sozialismus hatten, haben die Unzufriedenen und die Rebellen mit der Idee eingewiegt, dass das kapitalistische System die Todeskeime in sich selbst tragen würde, und dass es, durch die Konzentrierung des Reichtums in einer immer kleineren Anzahl von Leuten und durch das wachsende Elend, unausweichlich zur sozialen Veränderung führen würde.

Und die Edukationisten, auf der anderen Seite, haben geglaubt und glauben noch immer, dass durch vieles Propagieren der Bildung, häufiges Predigen des freien Denkens, der positiven Wissenschaft, usw., breites Einführen von Volksuniversitäten und modernen Schulen, in den Massen das religiöse Vorurteil, die geistige Unterwerfung gegenüber der staatlichen Herrschaft und der Glaube an die heiligen Eigentumsrechte zerstört werden kann, und somit das Lügen-, Ungerechtigkeits- und Unterdrückungsregime, das man zu zerstören gedenkt, für alle untragbar, und folglich unfähig zu machen, sich aufrechtzuhalten.

Und nun fügt sich der doktrinäre Syndikalismus hinzu, der behauptet, dass die Arbeiterorganisation, die Gewerkschaft, eigens aufgrund von ihrer Eigenschaft, automatisch, zur Zerstörung der Lohnarbeit und des Staates führen wird.

Nun, was hingegen geschieht, ist, dass sich der Kapitalismus ausbreitet und verstärkt: und die Marxisten, indem sie in der Praxis, wenn nicht in der Theorie, den Dogmen ihrer Schule entsagen, widmen sich dem Anpreisen und Fördern von Reformen, die, wenn sie möglich wären, nichts anderes täten, als den Kapitalismus selbst zu festigen, seine tödlichen Auswirkungen lindernd und den Klassenkampf durch eine Übereinkunft zwischen Arbeitern und Kapitalisten ersetzend, welche die Bedingungen der einen sowie der anderen stabiler und sicherer machen und dazu tendieren würde, jene Konflikte zu vermeiden, woraus die Revolution entspringen könnte. Und dort, wo sich der individuelle Kapitalismus als ohnmächtig erweist, die soziale Stabilität, das heisst, das Fortbestehen des Privilegs zu garantieren, ist er bereits dabei, durch den Staatskapitalismus ersetzt zu werden, in dem sich die Privilegierten anstatt Kapitalisten Funktionäre nennen, und das Arbeitervolk auf eine Herde reduziert wird, die vielleicht etwas wohlgenährter, vielleicht etwas weniger den Risiken der Arbeitslosigkeit und des Alters ausgesetzt, aber noch mehr Sklave als unter kapitalistischem Regime ist.

Andererseits tendiert die Arbeiterbewegung, in dem Masse, wie sie sich ausbreitet und normalisiert, dazu, die unmittelbaren Interessen so gut es eben geht zu schützen, mittels der Übereinkünfte mit den Bossen, und tendiert sie, schlimmer noch, dazu, Kategorieprivilegien und somit -rivialitäten zu kreieren und einen vierten Stand, eine neue Klasse von Privilegierten zu präparieren, welche die grosse Masse unterdrückter und zum Gegenangriff unfähiger denn je unter sich liesse.

Und die Edukationisten müssen doch sehen, wie ohnmächtig ihre grossherzigen Bemühungen sind, die von der Kärglichkeit der Mittel, von den Verfolgungen, oder zumindest der gehörlosen Opposition der öffentlichen Mächte, und vor allem vom Einfluss der Umwelt gelähmt werden; und sie müssen mit grossem Schmerz und grosser Enttäuschung beobachten, wie der Obskurantismus, sei er klerikal oder weltlich, gegen das Fortschreiten und Ausbreiten der Wissenschaft siegreich die Stellung hält.

Man sollte sich also, unserer Meinung nach, keine Illusionen darüber machen, solange die gegenwärtigen ökonomischen und politischen Bedingungen andauern, das Bewusstsein der Massen merkbar erhöhen und die Umwelt dahingehend verändern zu können, dass sie zur Realisierung unserer Ideale befähigt wird.

Aber die Welt bleibt deswegen nicht unbeweglich.

Glücklicherweise gibt es zu jeder Zeit und an jedem Ort Minderheiten, die, in einem mehr oder weniger hohen Grad, dem Einfluss der Umwelt entgehen und zu geistiger Revolte fähig sind, die sich daraufhin in tatsächliche Revolte umwandelt, welche siegreich sein kann, wenn sich die Bedingungen dafür eignen und sich die verstreuten Minderheiten zu verständigen und zur gemeinsamen Aktion beizutragen wissen.

Und wenn das Ziel eine schlichte politische Revolution, ein schlichter Regierungswechsel, oder auch eine tiefgreifendere, aber durch die Regierung ausgeübte Veränderung wäre, würde die siegreiche Insurrektion dieser Minderheit genügen, um ihr Programm umzusetzen, wie es in den vergangenen und zeitgenössischen Revolutionen genügt hat.

Wir aber wollen eine tiefgreifen­de Revolution, die alle Bedingungen des Lebens verändert, die das ganze Volk, das heisst alle Individuen, die das Volk ausmachen, in Stand setzt, direkt zur Bildung von neuen Formen des sozialen Zusammenlebens beizutragen, und deshalb erwarten wir uns von der Insurrektion nicht, und können wir uns nicht erwarten, die sofortige und generelle Umsetzung unserer Ideen, sondern nur die Kreierung von Bedingungen, die für unsere Propaganda und unsere Aktion günstiger sind, der Anbeginn schliesslich von unserer Revolution. Und dies, das können wir erreichen, denn, wenn die gegenwärtige Regierung einmal von einer Insurrektion besiegt ist, wenn wir nicht mehr alle Kräfte des Staates gegen uns haben, die sich in der materiellen Gewalt der Armee und der Polizei zusammenfassen, auch wenn die anderen Parteien, die zur Insurrektion beigetragen haben, auf die Konstituierung von neuen Regierungen, von neuen autoritären und unterdrückerischen Organismen abzielen, und das werden sie zweifellos tun, werden wir dem Volk nicht versprechen, für sein Wohl zu sorgen, sondern werden wir es dazu antreiben, es sich selbst zu besorgen, vom Reichtum Besitz zu ergreifen und die eroberte Freiheit tatsächlich auszuüben, sodass jenes Volk die Vorteile der Revolution unmittelbar spürt und an ihrem Triumph interessiert ist, und, zumindest teilweise, mit uns bleibt, um sich dem neuen Joch entgegenzustellen, dem man es unterstellen will.

Praktisch gesehen: Wo auch immer in Italien mit einer gewissen Aktivität und einer gewissen Konstanz Propaganda gemacht wurde, ist es gelungen, mehr oder weniger zahlreiche anarchistische Kerne hervorzubringen. Darauf zu hoffen, dass diese Kerne Undefiniert anzuwachsen haben, bis sie die gesamte Bevölkerung von jeder Lokalität, oder den Grossteil von ihr umfassen, würde heissen, einer sicheren Enttäuschung entgegenzugehen. Jede Lokalität enthält, unter gegebenen Umständen, eine beschränkte Anzahl von Individuen, die mehr oder weniger empfänglich dafür sind, unsere Bestrebungen zu verstehen und sie sich zu eigen zu machen, je grösser also die Propaganda ist, die an einem Ort entwickelt wurde, desto schwieriger sind die weiteren Fortschritte.

Aber wir sind, auch in den besser bearbeiteten Lokalitäten, fern davon, alle verfügbaren Elemente aufgesammelt zu haben, und sie so gut wie möglich kultiviert zu haben – und was noch mehr ist, es gibt in Italien eine unendliche Anzahl von Lokalitäten, es gibt ganze Regionen, in welche die anarchistische Propaganda nie vorgedrungen ist. Deshalb mag die Revolution, aber eine Revolution, in welche die anarchistische Prägung gut einmarkiert ist, heute schwierig oder unmöglich erscheinen.

Doch wenn wir mit Aktivität und Konstanz arbeiten, wenn wir unsere Propaganda an den Orten, wo wir bereits präsent sind, intensivieren, wenn wir alles Mögliche tun, um, Stückchen für Stückchen, in die Ortschaften vorzudringen, wo wir noch unbekannt sind, dann könnten wir bald einen grossen Teil von Italien mit einem Netz aus anarchistischen Gruppen bedecken, die zu einem Einverständnis und zu einer konzentrierten Aktion fähig sind.

Und dann, wenn wir den festen Willen haben, die Revolution zu machen, sie von uns aus zu machen, sie heute zu machen, dann werden die Gelegenheiten nicht mangeln... und falls sie mangeln werden, werden wir sie kreieren.