Titel: Zur vegetarischen Lebensweise
AutorIn: Reclus, Elisée
Datum: 1901
Quelle: Aus: „Das Schlachten beenden! – Zur Kritik der Gewalt an Tieren“ Verlag Graswurzelrevolution, 2010. S.85–94.
Bemerkungen: Übersetzung aus der englischen Zeitschrift »Human Review«, 1901; der Artikel erschien ursprünglich in französischer Sprache, in: »La Réforme Alimentaire, Organe des Sociétés Végétariennes de France et de Belgique«, Vol. V, no 3, März 1901; Red.

Nachdem hochangesehene Persönlichkeiten aus dem Gebiet der Gesundheitspflege und Biologie eine fundierte Untersuchung über allgemeine Fragen der Ernährung durchgeführt haben, werde ich mich hüten, meine Inkompetenz durch Abgabe einer Stellungnahme zu tierischen und pflanzlichen Nahrungsmitteln zu zeigen. Schuster bleib bei deinen Leisten. Da ich weder Chemiker noch Arzt bin, werde ich weder Stickstoff noch Albumin (Eiweißstoff) erwähnen und auch keine analytischen Formeln präsentieren. Ich werde mich einfach mit der Wiedergabe meiner eigenen persönlichen Eindrücke zufriedengeben, die auf alle Fälle mit denen vieler Vegetarier übereinstimmen. Ich werde mich im Rahmen meiner eigenen Erfahrungen bewegen und hier und da einhalten, um einige Beobachtungen festzuhalten, die aus den kleinen Ereignissen im Leben hervorgehen.

Zuallererst sollte ich bemerken, daß meine Suche nach Wahrheit nichts mit den frühen Eindrücken zu tun hat, die mich schon als kleinen Jungen zum potentiellen Vegetarier werden ließen. Ich erinnere mich deutlich an mein Entsetzen beim Anblick von Blut. Ein Verwandter hatte mich mit einem Teller in der Hand und der ausdrücklichen Anweisung, ein Stück blutiges Fleisch oder ähnliches zu holen, zum Dorfschlachter geschickt. Ahnungslos machte ich mich fröhlich auf den Weg, um die Bitte zu erfüllen und erreichte den Schlachthof. Ich erinnere mich noch an diesen düsteren Hof, wo furchteinflößende Männer mit großen Messern, die sie an blutbespritzten Kitteln abwischten, hin und her eilten. Der große, in einer überdachten Vorhalle hängende Rumpf eines ausgeweideten Tieres schien mir außerordentlich viel Platz einzunehmen; von dem weißen Fleisch tropfte eine rote Flüssigkeit auf den Boden. Zitternd und still stand ich in diesem blutbespritzten Hof, unfähig weiter zu gehen und zu erschrocken, um wegzulaufen. Ich weiß nicht, was dann passierte; es ist aus meiner Erinnerung verschwunden. Ich meine gehört zu haben, daß ich ohnmächtig wurde und daß der freundliche Schlachter mich in sein Haus trug; ich wog nicht mehr als eines jener Lämmer, die er jeden Morgen schlachtete.

Andere Bilder warfen ihre Schatten auf meine Kindheit und wurden, wie der flüchtige Eindruck von diesem Schlachthof, zu Marksteinen zahlreicher Abschnitte meines Lebens. Ich sehe noch die Sau vor mir, die irgendeinem von den Kleinbauern – Amateurschlachter und darum umso grausamer – gehörte. Ich erinnere mich, wie einer von ihnen das Tier langsam ausbluten ließ, Tropfen um Tropfen fiel das Blut zu Boden; um nämlich eine richtig gute Blutwurst zu machen, scheint es wichtig zu sein, daß das Opfer vorher entsprechend gelitten hat. Die Sau quiekte ununterbrochen, grunzte dann und wann und gab fast menschliche Verzweiflungslaute von sich; man hätte meinen können, es schrie ein Kind.

Das domestizierte Schwein ist tatsächlich für ein Jahr oder so das Kind des Hauses; es wird verhätschelt, damit es fett wird. Als Antwort auf diese intensive Pflege entwickelt es aufrichtige Gefühle. Dennoch hat diese Pflege nur ein einziges Ziel – so und so viel Gramm Fett. Wenn aber das Gefühl von der guten Frau, die das Schwein pflegt, dadurch erwidert wird, daß sie es streichelt und mit Namen anspricht, wird sie dann nicht als lächerlich hingestellt – als wäre es absurd, sogar menschenunwürdig, ein Tier zu lieben, das uns liebt?

Einer der stärksten Eindrücke meiner Kindheit entstand, als ich Zeuge eines jener ländlichen Dramen wurde: der erzwungenen Schlachtung eines Schweins durch einige Dorfbewohner gegen den Willen einer lieben alten Frau, die dem Mord an ihrem fetten Freund nicht zugestimmt hätte. Ein Haufen Dorfbewohner platzte in den Schweinestall und zerrte das Tier zum Schlachtplatz, wo alle für die Tat erforderlichen Instrumente bereitlagen, während die unglückliche Dame auf einen Stuhl sank und stille Tränen vergoß. Ich stand neben ihr und bemerkte ihre Tränen; doch wußte ich nicht, ob ich mich ihrem Kummer anschließen oder so wie die Menge denken sollte, daß die Tötung des Schweins einfach durch den gesunden Menschenverstand ebenso wie durch das Schicksal legitimiert war.

Jeder von uns, besonders jene, die schon einmal auf dem Land gewohnt haben, weit weg von anderen Städten, wo alles methodisch geordnet und entfremdet ist – jeder von uns war schon einmal Zeuge einer barbarischen Handlung, die von Fleischessern gegen die Tiere, die sie essen, durchgeführt werden. Man braucht nicht erst nach Chicago – die Stadt der Schweine: Porcopolis – in Nordamerika zu fahren oder ein Pökelhaus am La Plata zu besichtigen, um sich mit den schrecklichen Massakern zu befassen, die eine Grundvoraussetzung für unsere tägliche Nahrung sind. Diese Eindrücke verblassen jedoch mit der Zeit. Sie machen dem verderblichen Einfluß täglicher Erziehung Platz, die versucht, das Individuum zur Mittelmäßigkeit zu führen und ihm alles nimmt, was eine originelle Persönlichkeit ausmacht. Eltern, Lehrer – förmlich oder freundlich – Ärzte, von dem einflussreichen Individuum, das wir die »Masse« nennen, ganz zu schweigen – sie alle arbeiten zusammen, um den kindlichen Charakter gegenüber dieser »vierbeinigen Nahrung« abzuhärten, die aber trotzdem so wie wir liebt, so wie wir fühlt und sich unter unserem Einfluß ebenso wie wir weiter- oder zurückentwickelt.

Es ist nur eines der traurigsten Ergebnisse unserer Gewohnheit Fleisch zu essen, daß die dem Appetit des Menschen geopferten Tiere mit System und Methode zu scheußlichen, unförmigen Wesen erklärt und ihre Intelligenz und ihr moralischer Wert herabgemindert wurden. Der Name des aus der Domestikation des Wildschweins hervorgegangenen Tieres wird als größte Beleidigung angesehen. Die sich in einem stinkenden Pfuhl suhlende Fleischmasse sieht so ekelig aus, daß wir in gegenseitigem Einverständnis alle Ähnlichkeiten zwischen dem Namen des Tieres und der Gerichte, die wir aus dem Tier zubereiten, vermeiden. Was für ein großer Unterschied besteht zwischen dem Aussehen und den Gewohnheiten des auf den Berghängen herumspringenden Wildschafs und dem Schaf, das keinerlei eigene Initiative mehr ergreift und zu bloßem Fleisch entwürdigt wurde – so ängstlich, daß es nicht wagt, die Herde zu verlassen und mit dem Kopf voran in den Rachen des ihn verfolgenden Hundes läuft. Der Ochse, der sich heutzutage nur unter Schwierigkeiten auf dem Weideland bewegt, hat eine ähnliche Abwertung erfahren. Die Viehzüchter verwandelten ihn in eine schwerfällige, wandernde Masse geometrischer Formen, als sei er schon im voraus für den Schlachthof bestimmt. Und wir verwenden für die Produktion solcher Ungeheuer den Begriff »Zucht«! So erfüllt der Mensch also seine erzieherische Mission gegenüber seinen Brüdern, den Tieren.

Handeln wir letztendlich nicht in ähnlicher Weise gegenüber der ganzen Natur? Lassen wir einmal mehrere Ingenieure auf ein bezauberndes Tal mit Feldern und Bäumen los, oder auf irgendeine schöne Flusslandschaft und wir werden sehen, was passiert. Die Ingenieure werden alles in ihrer Macht stehende tun, um ihre eigene Arbeit unter Beweis zu stellen und die Natur unter riesigen Kohle- und Steinhaufen begraben. Jeder von ihnen wird auf die Lokomotiven stolz sein, deren Dampf dann den Himmel mit einem Netz von schmutzigen gelben oder schwarzen Rauchschwaden durchziehen wird. Manchmal fühlen diese Ingenieure sich sogar dazu berufen, die Natur zu verschönern. So hatten belgische Künstler kürzlich gegen die Zerstörung der schönsten Gebiete am Ufer der Meuse protestiert, als der Verkehrsminister die malerischen Berge am Ufer sprengen ließ. Schnell versicherte der Minister ihnen, daß sie keinen Grund zur Beschwerde mehr hätten, weil er sich selbst verpflichte, alle neu entstehenden Werkstätten mit gotischen Türmen zu verzieren!

In ähnlicher Absicht dekorieren die Metzger ihre ausgelegten Fleischwaren unverschämt mit Rosengirlanden. Sogar in den belebtesten Straßen fällt unser Blick auf blutige, zerhackte Fleischstücke, deren Dekoration dann unseren Sinn für Schönheit zufriedenstellen soll!

Während wir Zeitung lesen, fragen wir uns, ob alle im Krieg in China verübten Greueltaten ein böser Traum und nicht die beklagenswerte Wirklichkeit sind. Wie kommt es, daß Männer, die das Glück hatten, von ihren Müttern liebevoll gestreichelt zu werden und in der Schule die Wörter »Gerechtigkeit« und »Freundlichkeit« lernten, wie kommt es, daß diese wilden Bestien mit menschlichen Gesichtern Gefallen daran finden, die Chinesen mit ihren Kleidungsstücken und ihren Zöpfen zusammenzubinden und die Gefangenen ihr eigenes Grab ausheben zu lassen, bevor sie sie erschießen? Wer sind diese furchtbaren Mörder? Sie sind Menschen wie wir, die lernen und lesen wie wir, die Brüder, Freunde, eine Frau oder eine Freundin haben. Früher oder später werden wir ihnen begegnen und ihre Hand nehmen können, ohne auch nur eine Spur von Blut daran zu sehen.

Aber besteht nicht ein direkter Zusammenhang von Ursache und Wirkung zwischen der Nahrung dieser Henker, die sich selbst »Vertreter der Zivilisation« nennen, und ihren furchtbaren Taten? Auch sie sehen in dem blutigen Fleisch den Ausgangspunkt von Gesundheit, Stärke und Intelligenz. Ohne Abneigung und Widerwillen betreten sie die Schlachterei mit ihrem roten, schlüpfrigen Fußboden, wo ihnen der krankmachende, süße Blutgeruch in die Nase steigt. Besteht denn so ein großer Unterschied zwischen dem toten Körper eines Ochsen und dem eines Menschen? Durcheinandergemischte zerteilte Gliedmaßen und Eingeweide sind nicht mehr zu unterscheiden: von der Schlachtung des Ochsen bis zur Tötung des Menschen ist es nur ein kleiner Schritt – besonders dann, wenn der Befehl des Anführers ertönt oder der gekrönte Meister von weit her gebietet: »Laßt keine Gnade walten«.

Ein französisches Sprichwort behauptet, daß noch jede schlechte Sache verteidigenswert ist. So lange, wie die Soldaten jeder Nation ihre Barbareien getrennt ausübten, traf diese Aussage in gewisser Hinsicht zu, denn die von den Soldaten verübten Greueltaten konnten nachher auf Eifersucht und den nationalistischen Haß geschoben werden. Jetzt in China geben sich die Russen, Franzosen, Engländer und die Deutschen jedoch nicht einmal den Anschein, sich gegenseitig zurückzuhalten. Augenzeugen und sogar Journalisten selbst haben uns mit Informationen in allen Sprachen versorgt; einige berichteten zynisch und andere mit Zurückhaltung. Die Wahrheit wird nicht länger geleugnet. Es wurde jedoch eine neue Moral entwickelt, um sie zu erklären. Nach dieser Moral gibt es zwei Gesetze für die Menschheit: eins wird auf die gelbe Rasse angewandt, das andere ist das Privileg der weißen. Ermordung und Folterung der ersteren ist scheinbar künftig erlaubt, während dasselbe für die zweite unzulässig ist.

Ist unsere Moral gegenüber den Tieren nicht ähnlich elastisch? Der Einsatz von Hunden bei der Jagd des Fuchses lehrt den Herren, wie er seine Männer zur Verfolgung fliehender Chinesen bringen kann. Diese zwei Arten der Jagd gehören zu ein und demselben »Sport«. Nur: Wenn das Opfer ein Mensch ist, sind Aufregung und Vergnügen vermutlich umso größer. Brauchen wir überhaupt nach der Meinung desjenigen fragen, der kürzlich Attila zitierte und dieses Monster als Vorbild für seine Soldaten nimmt?

Die Grausamkeiten des Krieges können ohne weiteres in Zusammenhang mit der Abschlachtung des Viehs und den Banketts, wo so viel Fleisch verschlungen wird, genannt werden. Die Ernährung jedes einzelnen steht in engem Zusammenhang mit seinen Gewohnheiten. Blut fordert Blut. Jeder, der sich an seinen Bekanntenkreis erinnert, wird in diesem Zusammenhang feststellen, daß kein Zweifel über den Gegensatz bestehen kann, der zwischen Vegetariern und ungehobelten Fleischessern, gierigen Blutsaugern existiert, was Eigenschaften wie Liebenswürdigkeit, Freundlichkeit und allgemeine Lebensführung betrifft.

Ja, das sind Qualitäten, die von den »höheren Damen und Herren« nicht sonderlich geschätzt werden. Ohne in irgendeiner Weise besser als andere Sterbliche zu sein, sind sie immer arroganter und bilden sich ein, ihren eigenen Wert durch die Abwertung der Bescheidenen und die Aufwertung der Starken zu steigern. Milde und Sanftmut bedeuten für sie Schwäche: Die Kranken sind überflüssig und sich ihrer zu entledigen, wäre ein gutes Werk. Sind sie noch nicht tot, so sollte ihnen mindestens erlaubt werden zu sterben. Aber gerade die empfindlichen Menschen sind widerstandsfähiger gegen Krankheiten als die robusten. Reinblütige, rotbäckige Menschen sind nicht immer diejenigen, die am längsten leben: Die wirklich Starken fallen äußerlich nicht notwendigerweise durch frisches Aussehen, ausgeprägte Muskeln oder geschmeidige, glänzende Erscheinung auf. Statistiken könnten uns hier positive Ergebnisse liefern und hätten das schon getan, wenn es nicht so viele Interessierte gäbe, die der strategischen Anordnung von Zahlen – ob richtig oder falsch – so viel Aufmerksamkeit schenken, um ihre jeweiligen Theorien zu verteidigen.

Wie dem auch sei, wir behaupten einfach, daß die große Mehrzahl der Vegetarier sich weder fragt, ob ihr Bizeps oder Trizeps kräftiger als der von Fleischessern ist, noch überlegt, ob ihr Organismus den Gefahren des Lebens besser gewachsen ist oder dem Tod länger widerstehen wird. Viel wichtiger ist für sie das Erkennen der Gefühlsbande und der guten Absicht, die den Menschen mit den sogenannten niederen Tieren verbindet, und die Übertragung dieser Gefühle auf die Tiere. Dem Kannibalismus unter den Menschen wurde auf diese Weise ja auch schon ein Ende gemacht. Die Kannibalen mögen die Verwendung von menschlichem Fleisch für die Zubereitung ihrer gewohnten Mahlzeiten genauso wohlbegründet haben, wie die Fleischesser heute den Verzehr von tierischem Fleisch. Wir Vegetarier führen heute genau die Argumente an, die früher gegen die barbarische Gewohnheit, Menschenfleisch zu essen vorgebracht wurden. Wir ziehen es vor, Pferd und Kuh, Kaninchen und Katze, Reh und Hase, Fasan und Lerche als Freunde denn als Fleisch zu betrachten. Sie sollen uns entweder als Mitarbeiter oder einfach als Gefährten in Freude und Freundschaft erhalten bleiben.

»Aber«, werden Sie einwenden, »wenn die Vegetarier auch auf tierisches Fleisch verzichten, so werden es doch andere Fleischesser, Menschen oder Tiere, verzehren, damit Hunger und die Kräfte der Natur sie nicht gemeinsam vernichten.« Zweifellos wird das Gleichgewicht der Arten ebenso wie früher je nach den Lebensumständen und den sich gegenseitig bekämpfenden Eßgewohnheiten erhalten bleiben. Die Rolle des Zerstörers soll in diesem Konflikt der Rassen und Arten jedoch zumindest nicht uns zufallen. Wir werden unseren Teil der Erde so angenehm wie möglich gestalten, nicht nur für uns, sondern auch für die Tiere in unserem Haushalt. Wir werden die Rolle des Erziehers, die schon seit prähistorischen Zeiten vom Menschen beansprucht wird, sehr ernst nehmen. Unsere Mitverantwortung bei der Umgestaltung der bestehenden Ordnung der Dinge geht nicht über uns und unsere unmittelbare Nachbarschaft hinaus. Wenn wir auch nur wenig tun, wird dieses Wenige zumindest unsere Arbeit sein.

Wenn wir das phantastische Ziel anstreben, unsere Theorie bis zu ihren letzten und logischen Konsequenzen in die Praxis umzusetzen, ohne andere Überlegungen zu berücksichtigen, werden wir ganz klar in den Abgrund der Absurdität sinken. In dieser Hinsicht unterscheidet sich das Prinzip des Vegetarismus nicht von anderen Prinzipien. Es muß den alltäglichen Lebensbedingungen angepaßt werden. Wir haben natürlich nicht die Absicht, alle unsere Gewohnheiten und Handlungen zu jeder Zeit der Achtung des Lebens des unendlich Kleinen unterzuordnen. Wir werden nicht Hunger und Durst leiden wie einige Buddhisten, wenn wir unter dem Mikroskop sehen, daß in einem Topf Wasser viele mikroskopisch kleine Tierchen herumschwirren. Wir werden auch nicht zögern, uns ab und zu mal ein Stück Holz aus dem Wald zu holen oder im Garten eine Blume zu pflücken; wir werden sogar so weit gehen, uns einen Salat aus dem Garten zu holen oder Kohl und Spargel zu essen, obwohl wir das den Pflanzen und Tieren innewohnende Leben klar erkennen. Wir wollen jedoch keine neue Religion gründen und uns selbst durch die Aufstellung eines Dogmas behindern. Es handelt sich vielmehr darum, unsere Existenz – soweit es uns bei den ästhetischen Voraussetzungen unserer Umwelt möglich ist – so schön und harmonisch wie möglich zu gestalten.

So wie unseren Vorfahren der Verzehr ihrer eigenen Mitmenschen zuwider wurde und sie eines schönen Tages aufhörten, sie zu servieren und so wie sich heute viele Fleischesser weigern, den edlen Kameraden des Menschen, das Pferd, oder seine Haustiere, Hund und Katze, zu verzehren – so lehnen wir es entschieden ab, das Blut des Ochsen, dessen Arbeit zum Gedeihen unseres Korns beiträgt, zu trinken und seine Muskeln zu zerkauen. Wir wollen nicht länger das Blöken der Schafe, das Brüllen des Ochsen und das Grunzen und durchdringende Quieken der Schweine hören, wenn sie zum Schlachter geführt werden. Wir streben eine Zeit an, in der wir unseren Gang nicht beschleunigen müssen, um diese schreckliche Minute abzukürzen, in der wir an Schlachthöfen vorüberkommen; Schlachthöfen, wo Rinnsale von Blut und Reihen von scharfen Haken zu sehen sind, an denen die ausgeweideten Tierrümpfe von blutbeschmierten Männern, die mit furchterregenden Messern bewaffnet sind, aufgehängt werden. Wir wollen eines Tages in einer Stadt leben, in der Metzgereien voller toter Tierkörper nicht länger Seite an Seite mit Textilhändlern und Juwelieren oder gegenüber von Apotheken zu sehen sind; oder ganz in der Nähe eines Schaufensters, in dem ausgewählte Früchte, schöne Bücher, Holzschnitte oder Statuetten und Kunstwerke ausgestellt sind. Wir möchten eine dem Auge angenehme Umwelt, die mit der Schönheit harmoniert.

Und weil uns die Physiologen, besser gesagt weil uns unsere eigene Erfahrung sagt, daß diese häßlichen Fleischklumpen kein für unsere Existenz absolut notwendiges Nahrungsmittel sind, schieben wir all diese scheußlichen Speisen beiseite, die unsere Vorfahren noch zu sich genommen haben und die der Mehrheit unserer Zeitgenossen noch immer schmecken. Wir hoffen, dass die Fleischesser in nicht allzu langer Zeit wenigstens die Höflichkeit entwickeln werden, ihre Speisen vor uns zu verbergen. Die Schlachthäuser werden bereits in entfernte Vorstädte verlegt; laßt uns dort auch die Metzgerläden unterbringen, wo sie sich, Pferdeställen nicht unähnlich, in obskuren Nischen verstecken können.

Aufgrund ihrer Häßlichkeit verabscheuen wir auch die Vivisektion und alle gefährlichen Experimente, außer wenn sie von den Wissenschaftlern an ihrem eigenen Körper vorgenommen werden. Es ist die Häßlichkeit der Tat, die uns mit Abscheu erfüllt, wenn wir einen Naturforscher sehen, wie er lebendige Schmetterlinge in seine Schachtel aufspießt, oder wie er einen Ameisenhaufen zerstört, um die Ameisen zu zählen. Wir wenden uns peinlich berührt vom Ingenieur ab, der die Natur ihrer Schönheit beraubt, wenn er einen Wasserfall in Leitungsrohre zwängt, und auch vom kalifornischen Förster, der einen Baum fällt, der 3000 Jahre alt und 300 Fuß hoch ist, nur um seine Ringe bei Messen und Ausstellungen zu zeigen. Die Häßlichkeit in den Menschen, den Taten, im Leben und in der uns umgebenden Natur – das ist unser ärgster Feind. Laßt uns selbst schön werden, und laßt unser Leben schön sein.

Was sind denn dann die Nahrungsmittel, die unserem Schönheitsideal besser entsprechen, sowohl nach ihrer Natur als auch nach ihren Zubereitungsmethoden? Es sind genau diejenigen, die seit jeher von den einfachen Menschen geschätzt worden sind; die Speisen nämlich, die auch ohne die verlogene Künstlichkeit der Küchen auskommen können. Es sind Eier, Getreide, Früchte; also diejenigen Produkte des Tier- und Pflanzenlebens, die in sich eine befristete Lebensenergie wie auch in konzentrierter Form Elemente enthalten, die der Schöpfung neuen Lebens dienen. Das Ei des Tieres, der Same der Pflanzen, die Früchte des Baumes – sie sind zugleich das Ende eines Organismus, der nicht mehr, und der Anfang eines Organismus, der noch nicht existiert. Der Mensch erhält sie als seine Nahrung ohne das Lebewesen zu töten, das sie enthält, weil sie im Zenit der Berührung zweier Generationen stehen. Sagen uns nicht auch unsere Wissenschaftler, die organische Chemie studieren, dass das Ei des Tieres oder der Pflanze die beste Lagerstätte jedes lebensnotwendigen Elementes ist? Omne vivum ex ovo (Alles Leben kommt vom Ei).