Titel: Die Grenzen zwischen den Völkern
AutorIn: Reclus, Elisée
Datum:
Quelle: Entnommen am 23.12.2017 von https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/elisee-reclus/6689-elisee-reclus-die-grenzen-zwischen-den-voelkern
Bemerkungen: Aus Elisee Reclus‘ großem Werk „Die Erde und der Mensch“, Band V, Seite 303–314. Deutsche Übersetzung aus: „Wohlstand für Alle“, 3. Jahrgang, Nr. 3 (1910). Digitalisiert von der Anarchistischen Bibliothek und Archiv Wien. Nachbearbeitet (Scanungenauigkeiten entfernt, ae zu ä, That zu Tat usw.) von www.anarchismus.at.

Die Bevölkerung der Erde wird in ihrer Entwicklung durch eine Reihe von Einrichtungen zurückgehalten, welche zum größten Teil durch die Macht der Gewohnheit und des Althergebrachten beeinflußt wird. Unser Planet ist politisch durch ein Netzwerk von Landesgrenzen zerstückelt, das die verschiedenen Teile der Erde von einander trennt und als kaiserliches, königliches oder nationales Eigentum erklärt. Es ist eine vollkommene Revolution im Denken der Menschen nötig, um die diesbezüglichen traditionellen Konventionen zu verändern.

Übrigens ist es sehr leicht, in diesen Sachen sich und andere zu täuschen, da verschiedene Leute unter demselben Wort verschiedene Dinge verstehen. Dieses ist der Fall mit dem Worte „Vaterland“; einerseits bezeichnet man damit den Ort, wo man in den Armen seines Vaters zum Leben erwachte, andererseits versteht man darunter das eingeschlossene Stück Land außerhalb von welchem es bloß Feinde gibt.

Es ist naturgemäß, daß man jenes Land am meisten liebt, das man am besten kennt. Das Stück Erde, welches einem Nahrung und ein Heim gibt, wo man geboren ist, an das sich alle Interessen, alle Freundschaft und Liebe unseres Lebens anknüpfen. [1] Es ist auch begreiflich, daß auf einer niederen Stufe der Entwicklung jede Menschengruppe sich selbst für die einzig wichtige hielt und deshalb dem Stückchen Land, auf welchem sie wohnte, einen außergewöhnlichen Wert beilegte, und die übrigen Teile der Erde als minderwertig ansah, weil sie nicht ihr gehörten. Und da die am dichtesten bevölkerten Landstriche, die „ruhmreichsten Vaterländer“ sich durch besondere materielle Vorzüge auszeichnen, rechneten deren Bewohner dies natürlich als ihr eigenes Verdienst an, als ob der Boden ihrer Heimat, besser als jener anderer Länder, eine besondere Vergünstigung des Schicksals wäre, die dessen Bewohnern rechtmäßig zukommt.

Von diesem Standpunkt aus ist es einigermaßen erklärlich, daß die Patrioten sich einbilden, „ihr“ Land mit Ausschluß jedes anderen übermäßig lieben zu sollen; aber der Patriotismus hat im allgemeinen verderbliche Wurzeln. Man findet zwar in jeder Nation Menschen, die sich von allen unvernünftigen Vorurteilen und bloßen Traditionen freigemacht haben, doch die Nationen als Ganzes genommen, sind noch auf der niederen Stufe, wo die rohe Gewalt die einzige Moral ist. Sie finden eine Freude am Plündern und Morden und singen Siegeslieder über Leichenhaufen. Sie rühmen sich aller Verbrechen, die ihre Vorfahren anderen Völkern angetan haben; sie begeistern sich in Vers und Prosa und Triumphesdarstellungen, um alle Scheußlichkeiten zu verherrlichen, die von ihren Angehörigen in fremden Ländern begangen wurden; sie rufen sogar feierlich ihren Gott an, um an diesem nationalen Rausch teilzunehmen. Sie begnügen sich nicht damit, die vergangenen Metzeleien zu rühmen, sie sind eifrig dabei, neue vorzubereiten, nicht nur gegen die Nachbarländer, sondern sogar gegen ferne Völker, die nie etwas von ihren Angreifern gehört haben.

So vermischt sich die Anhänglichkeit an die heimatliche Erde und die Muttersprache, die man immer mit Stolz als die Quelle der Vaterlandsliebe hervorhebt, mit der Habsucht nach geraubtem Gut und dem unvernünftigen Haß des Fremden, um den Patriotismus zu erzeugen, welchen man so gerne als die höchste Tugend preist! Zwar hat der intellektuelle und moralische Fortschritt vielen Menschen die Augen geöffnet; manche fangen an zu verstehen, wie diese „nationale“ Selbstüberhebung bei anderen lächerlich ist, aber sie wollen nicht einsehen, daß dieselbe bei ihnen ebenso kleinlich ist. Jede Nation bildet sich ein, das „Volk der Mitte“ zu sein, wie die Chinesen. Die „Große Nation“ Frankreichs verkündet mit tausend Zungen in ihren Zeitungen, daß sie „an der Spitze der Zivilisation“ marschiert. Und als Gegenstück davon versichert der Metaphysiker und reaktionäre Philosoph Hegel, dessen Worten die Deutschen unbedingten Glauben zu schenken scheinen, daß sein Volk „die Verkörperung des objektiven Geistes“ ist, was man in einfacherer Sprache so ausdrücken kann, „daß die Deutschen allein die Wahrheit verstehen.“ [2]

Auf dem Grunde der Diskussionen über die Idee des Vaterlandes und im allgemeinen über jedes politische Problem liegt die Frage, ob es eine kollektive Moral gibt, welche von der individuellen Moral verschieden ist. Wenn der gemeine Eigennutz im einzelnen Menschen getadelt wird, kann derselbe in staatlich organisierten Menschen-gruppen wohltuend wirken? Die Psychologie der Massen ist eine noch junge, unentwickelte Wissenschaft, aber- sie hat nie den Versuch gemacht, dasjenige, was man tagtäglich im Einzelnen verdammt, für die Menge als lobenswert darzustellen. Und wenn man sich auch nur an die „christliche Moral“ hält, kann man nicht umhin, die Wahrheit von Tolstoi’s Bemerkungen anzuerkennen: „Wenn es für einen jungen Menschen eine Schande ist, sich roh und selbstsüchtig zu benehmen, in dem er an deren nichts zu essen übrig läßt, oder die Schwächeren, die ihm im Wege stehen, herumstößt oder seine Kraft dazu benutzt, den letzteren das Notwendige fortzunehmen, so ist es eine ebensolche Schande, das sogenannte Gedeihen des Vaterlandes zu wünschen; und wenn man es für dumm hält, sich selbst zu loben, müßte man es ebenso für dumm halten, sein Vaterland zu loben. [3]

Die kollektive Selbstsucht ist noch verderblicher als die persönliche Selbstsucht, weil sie sich ins Unendliche vervielfacht; wenn jeder einzelne Mensch ein Recht auf unser Mitgefühl und unsere Hilfe hat, so hat jede Menschengruppe, jedes Volk, jede Nation, noch viel mehr ein Recht darauf. Wenn man sich einfach an die Moral hält, die heutzutage das Verhältnis jener Menschen bestimmt, die sich gegenseitig achten, so hat der patriotische Haß gar keinen Sinn mehr.

Das Vaterland, welches jeder Staatsmann die Pflicht hat, über andere Nationen zu erheben, ist nur die Ursache von falschen Ideen und unheilvollen Verwirrungen. Vor allem ist all das, was uns die Diplomaten über die „natürlichen Grenzen“ vorschwätzen, welche die Staaten angeblich durch die Kraft irgend eines geographischen Schicksals von einander trennen, vollständiger Unsinn. Die Inseln, wie z.B. England, ausgenommen, sind sämtliche Grenzen, die zwischen den Völkern bestehen, ein Werk der Menschen, und stünde ihrer Veränderung oder gänzlichen Zerstörung nichts im Wege.

Freilich gibt es Abstufungen im Unsinn; jene Zickzacklinie z. B., welche nach vielen Verhandlungen, Protokollaufnahmen und Ratifikationen durch die Bevollmächtigung von Frankreich und Belgien zwischen den beiden Ländern auf einer Strecke von beinahe 300 km gezogen wurde, ist für den Schmuggler eine lächerliche Phantasie, obgleich sie den friedlichen Reisenden sehr arg belästigt. Aber die politischen Grenzlinien, die dem Grat der Alpen und Pyrenäen entlang gezogen worden sind, sind nicht weniger willkürlich und beachten die natürlichen Verwandtschaften ebenso wenig. Die französisch-belgische Grenze trennt Flandern von Flandern, das Hennegau vom Hennegau, die Ardennen von den Ardennen! Aber zerschneidet die Grenzlinie, die von Stein zu Stein über die Alpen gezeichnet ist, nicht solche Landstriche, deren Bewohner dieselbe Sprache sprechen, nach denselben Gebräuchen leben, und einst derselben Vereinigung angehört haben, wie z.B. die Gegend von Briangon, welche vor Zeiten eine Republik war und jetzt teilweise zu Frankreich, teilweise zu Italien gehört. Und trennt die Grenze in den Pyrenäen nicht Basken von Basken, Arragonier von Arragonier. Katalanen von Katalanen? Die Holzfäller und Hirten beachten auf beiden Seiten sehr gegen ihren Willen diese eingebildete Linie, die ihnen von Seiten der beiden Staaten nur Drohungen, Geldbußen und Gefängnisstrafen einträgt.

Ganz logisch haben im Altertum und Mittelalter einzelne Großmächte, die die Erde unter sich teilten, in ihren Verträgen festgesetzt, daß die Grenze, durch Mauern, Palissaden oder Gräben bezeichnet, der wilden Natur zurückgegeben und den Menschen verboten werde. Dies war tatsächlich das sicherste Mittel, um die Unglücklichen, die von ihrem Land und Heim verjagt wurden, am Zurückkommen zu verhindern. Aber im Laufe der Zeiten werden die Verträge vergessen, die Aufsicht läßt nach, währenddem die Liebe zum Land beim Bauern weiterlebt; und nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten ist der verbotene Landstrich wieder bewohnt und bebaut.

Heutzutage gehen die Staaten anders vor, und das Ergebnis ist noch ärger; denn die Grenze übt beiderseitig eine mächtige Anziehungskraft auf Soldaten, Gendarmen und Zollbeamte, deren Aufgabe es ist, die Schranken und Grenzpfähle zu bewachen. Überall, wo man einen Pfad geduldet, den Bau einer Straße oder gar einer Eisenbahn oder eines Kanals erlaubt hat, wird jeder Vorübergehende mit forschenden Blicken verfolgt; erscheint er verdächtig, fragt man ihn aus, man durchsucht ihn, man steckt ihn ein — er gehört, wie eine leblose Sache dem diensttuenden Wachtmeister. Kasernen erheben sich auf beiden Seiten an jeder noch so wenig benützten Straße und alle als strategisch angesehenen Übergänge werden durch Festungswerke versperrt.

Man nehme nur irgend eine sogenannte „natürliche“ Grenze als Beispiel, wie z. B. die Alpen zwischen Frankreich und Italien, und man wird sehen, daß die steilen Abhänge, die hohen Berge, der Schnee, die Mühe des Auf- und Abstieges, nichts im Vergleich zu der Reihe von Zollstationen und Militärposten sind, was die Erschwerung des Verkehrs durch den Staat betrifft. Vor Zeiten verkehrten die Bergbewohner während der größeren Hälfte des Jahres frei und ungehindert von einem Abhang zum anderen. Da sie gar keinen Grund haben, einander zu hassen, halfen sie sich gegenseitig von Berg zu Berg und führten je nach den Jahreszeiten ihre Herden zu den günstigsten Weideplätzen. Es gab Gemeinden, deren Grenzen nicht durch Schranken festgesetzt waren, und die sich auf einem Bergrücken angesiedelt hatten, um auf den einen Abhang Ackerfelder, auf dem anderen Weiden und Wälder haben zu können. Es gab sogar eine Republik, welche sich von den niederen Tälern Frankreichs bis in die niederen Täler Italiens erstreckte; und unter den Straßen gab es einen Tunnel (die „Traversette“ von Viso), welcher Jahrhunderte vor dem Zeitalter der Ingenieure den Bergbewohnern die allzu beschwerliche Besteigung des Grates ersparte.

Heutzutage „herrscht Ordnung“ auf den Höhen, und die Behörden wachen eifersüchtig darüber, daß die Nachbarn nicht ohne Legitimationspapiere und Verhöre einander besuchen können. Kein Pfad wird mehr über die Alpen angelegt, ohne daß man aus Paris oder Rom die offizielle Erlaubnis dazu einholt. Die Eröffnung einer neuen Straße oder Eisenbahn stößt bei den beiderseitigen Regierungen auf beinahe unüberwindliche Schwierigkeiten — nicht technischer, sondern politischer Art. So widersetzen sich z.B. die französischen Militärbehörden hartnäckig der Erbauung jener kaum zwanzig Kilometer langen Bahnstrecke, die eine direkte Verbindung zwischen Mailand und Marsaille herstellen würde; und dadurch wird der Handel dieses großen Hafens aufs schwerste geschädigt durch dieselbe Regierung, deren offizielle Aufgabe es wäre, denselben zu schützen und zu fördern. Und wenn schließlich der Bau beschlossen wird, genügt es nicht, den Plan der neuen Linie zu entwerfen und die Strecke abzustecken; vor allem werden dann erst Festungen gebaut und Minen gelegt, die dieselbe beschießen und in die Luft sprengen können. Das ist die Kultur des Staates!

Die militärischen Befestigungen sind tatsächlich die Hauptfrage, wenn von den Grenzen die Rede ist. Sehen wir z.B. Briancon (an der französisch-italienischen Grenze) an. Einst war es ein behäbiger Marktflecken, wohin die friedlichen Bergbewohner von hüben und drüben herabkamen, um ihre Geschäfte zu besprechen und ihre Freundschaften zu erneuern. Jetzt ist es ein Gewirr von Wällen, Bastionen, Felsenbatterien, und jeder Berg ringsum ist durch eine Zitadelle gekrönt. Und an der anderen Seite der Grenze ragen andere Festungen empor, um diese zu vernichten. So bekämpfen sich die Nationen mit ihren Millionen, während sie diplomatische Höflichkeiten austauschen. Die Auslagen an Bauten, Manövern, Verpflegung der Garnisonen machen ein Kriegsbudget notwendig, das in einem Jahrhundert dem Wert eines ganzen Königreiches gleichkommt. Es ist leicht verständlich, warum die benachbarten Staaten sich scheuen, neue Verbindungswege zu schaffen. Eine Straße kostet freilich viel, aber die Befestigungen, die dieselbe versperren, kosten noch viel mehr!

Es ist auch verständlich, warum unter dieser Herrschaft die Grenzgegenden sich entvölkern. Von jeher ist in den Bewohnern der Hochgebirge der Zug nach wärmeren, reicheren Gegenden vorhanden; aber diese natürliche Bewegung wird durch die Folgen der militärischen Herrschaft beschleunigt. Die kommandierenden Offiziere, absolute Beherrscher ihrer Garnisonen, stehen bloß einer schwachen Zivilbevölkerung gegenüber und beachten diese umso weniger, da die gesamte Klasse der verschiedenen Beamten und Staatsangestellten, die an der Grenze zahlreicher als anderswo ist, ihnen vollkommen zur Verfügung steht. Unter dem Vorwand der Landesverteidigung und der höheren Interessen des Vaterlandes wird jeder individuelle Wille unterdrückt. Da sie nichts anderes tun können als zu gehorchen, ziehen die meisten Bewohner es vor, den Platz zu verlassen, und um die Kasernen und Forts herum bleiben nur Lieferanten und Parasiten. Man kann ohne Übertreibung sagen, daß die bloße Tatsache, daß eine politische Grenze dem Kamm der Alpen entlang gezogen wurde, genügt hat, um diese Berge tatsächlich zu veröden und für ihre einstigen Bewohner unzugänglich zu machen.

[1] Wieviele Angehörige der Besitzlosen, der arbeitenden Klassen haben in diesem Sinne ein Vaterland?! (Anm. d. Red.)

[2] S. Ludw. Gumplowitz,„Soziale Sinnestäuschungen“ in der Neuen Deutschen Rundschau, 1876.

[3] Siehe „La Revue Blanche“ vom 1. Mai 1896.