Titel: Schwarze Saat
Untertitel: Gesammelte Schriften zum Schwarzen und Indigenen Anarchismus
AutorIn: Elany
Datum: 2021
Quelle: https://www.anarchismus.at/buecher-und-broschueren/buecher/file/413-elany-hg-schwarze-saat-gesammelte-schriften-zum-schwarzen-und-indigenen-anarchismus

  Vorwort

  Was ist Schwarzer Anarchismus?

    Saint Andrew

      Einleitung

      Vorkoloniale Afrikanische Anarchie

      Was ist Anarchismus?

      Der Aufstieg von Black Power

      Der Aufstieg des Schwarzen Anarchismus Lorenzo Kom'boa Ervin

      Martin Sostre

      Kuwasi Balagoon

      Ojore Lutalo

      Ashanti Alston

      Anarchist People Of Colour

      Anarkata

      Afrikanischer Anarchismus

      Südafrika

      Horn von Afrika

      Nigeria

      Fazit

  Kapitalismus, der Staat und das Privateigentum

    Lorenzo Kom'boa Ervin

  Die Prinzipien des Anarchismus

    Lucy E. Parsons

  Anarchismus / Intersektionalität / Dekolonisierung

    Afrofuturist Abolitionists of the Americas

      Anarchismus

      Intersektionalität

      Dekolonisierung

  Der Mythos des "umgekehrten Rassismus"

    Lorenzo Kom'boa Ervin

  Anarchie ohne Fahrplan und Adjektive

    Aragorn!

  Besiege die weiße Vorherrschaft!

    Lorenzo Kom'boa Ervin

  Die kommunale Kontrolle der Schwarzen Gemeinschaft

    Black Autonomy Federation

  Senzala oder Quilombo

    Reflexionen über APOC und das Schicksal des Schwarzen Anarchismus

    Pedro Ribeiro

  Kompliz*innen statt Allies [Verbündete]

    Abschaffung des Ally-Industriekomplexes; Eine Indigene Perspektive & Provokation

    Indigenous Action

      "Erlösung aka Missionierung & Selbsttherapie"

      "Ausbeutung & Kooptation"

      "Selbsterklärte/konfessionelle Allies"

      "Fallschirmspringende"

      "Akademiker*innen & Intellektuelle"

      "Gatekeeper*innen"

      "Navigator*innen & Springer*innen"

      "Akte der Resignation"

      Wenn du dich fragst, ob du dich mit einer Organisation einlassen oder sie unterstützen sollst

  Schwarze Menschen sollten mit allen Mitteln rebellieren

    Lorenzo Kom'boa Ervin

  Afrikanischer Anarchismus: Ein Interview mit Sam Mbah

  Was ist Panafrikanismus?

    Saint Andrew

      Was ist Panafrikanismus?

      Eine kurze Geschichte der afrikanischen Völker

      Die Geschichte des Panafrikanismus Vor dem 19. Jahrhundert

      19. Jahrhundert

      Die 1900er-1920er Jahre

      Die 1920er-1940er Jahre

      Die 1940er-1960er Jahre

      Die 1960er-1980er Jahre

      Die 1980er Jahre und danach

      Panafrikanismus heute

      Die Zukunft des Panafrikanismus

  Welche Art von antirassistischer Gruppe gebraucht wird

    Lorenzo Kom'boa Ervin

  Einige Dinge die zu tun sind

    Michael Kimble

  Warum ich ein Anarchist bin

    Benjamin Zephaniah

  Kapitalismus und Rassismus

    Eine Analyse der weißen Vorherrschaft und der Unterdrückung von People of Color

    Black Autonomy Federation

      Autonomie als revolutionäre Tendenz

      Schwarze Autonomie ist nicht separatistisch

  Woran ich glaube

    Lorenzo Kom'boa Ervin

    Afrofuturist Abolitionists of the Americas

      LEBEN UNTER DEM KAPITALISMUS

      WAS IST GEGENSEITIGE HILFE?

      WIE VERBINDE ICH MICH MIT NETZWERKEN GEGENSEITIGER HILFE IN MEINER GEMEINSCHAFT? WAS IST GÜTERBASIERTE GEMEINSCHAFTSENTWICKLUNG?

  Anarchie vs Archie: Es gibt keine gerechtfertigte Autorität

    ziq

      Archie: Das Gegenteil von Anarchie

      Über "gerechtfertigte Autorität"

      Kompetenz vs Gewalt vs Autorität

      Die Chomsky-Verbindung

      Verwässerung der Ziele der Anarchie

      Autorität ist eine moralische Hierarchie

      Über anarchistische Erziehung

  Das unvergessliche Leben des Gefängnisrebellen Martin Sostre

    William C. Anderson

      Vom Gefängnisrebellen zum Gemeinschaftspädagogen

      "Trotzt der weißen Autorität!"

      Einführung in den Anarchismus

      Sostre hat uns den Weg gezeigt

  16 Dinge, die du tun kannst, um unregierbar zu sein

    Indigenous Action

      16 Dinge, die du tun kannst, um unregierbar zu sein:

      Skills steigern.

      Eine gute Sicherheitskultur etablieren und praktizieren.

      Praktiziere transformative und wiederherstellende Gerechtigkeit.

      Gegenseitige Hilfe.

      Gegenseitige Verteidigung.

      Konfliktinfrastruktur aufbauen und erhalten.

      Offene Hausbesetzungen für obdachlose Menschen.

      Verteidige und fordere das Land deiner Vorfahr*innen zurück.

      Entschädigung.

      Schalte die Scheiße ab.

      Seid kämpferisch intersektional.

      Radikale Selbst- und Kollektivsorge praktizieren.

      Mache alles für alle zugänglich.

      Schaff die Vergewaltigungskultur ab.

      Verbreite radikale und kämpferische Freude.

  Verbrannte Erde, kranke Körper: Die Notwendigkeit die Industrie zu zerstören

    Elany

      Nachhaltige, grüne Industrie?!

  Anarchismus, Gewalt und Autorität

    Lorenzo Kom'boa Ervin

  Interview mit Michael Kimble

  Anarcho-Pantherista

    Ashanti Alston

  Schwarzer Anarchismus

    Ashanti Alston

  Afrikanischer Interkommunalismus / Wie wir die Welt in dieser Zeit sehen

    Lorenzo Kom'boa Ervin

      Aufbau einer autonomen Bewegung der People of Color

  Unterstützen Anarchist*innen die Demokratie?

    ziq

      Demokratie verstehen

      Das Scheitern der Demokratie

      Demokratie oder Anarchie?

      Die Autorität der Demokratie

      Konsensdemokratie?

      Anarchie braucht keine Demokratie

  Nationale Befreiung & Anarchismus

    Reaktionär oder Revolutionär?

    Saint Andrew

      Einführung

      Was ist eine Nation?

      Was ist nationale Befreiung?

      Was ist Nationalismus?

      Revolutionärer Schwarzer Nationalismus

      Kurdischer nationaler Befreiungskampf

      Wahrer Internationalismus

  Wir verteidigen uns, damit wir alle in Frieden atmen können

    William C. Anderson

      Wir holen uns zurück, was uns gehört

      Die Barrieren abbauen

  Sexuelle Gewalt, der Staat und COVID-19

    bonnabella

      Einige Schritte:

  Warum ich Anarchist bin

    Lorenzo Kom'boa Ervin

  Was wir mit Schwarzer Autonomie meinen

    Black Autonomy Federation

  Jenseits des Nationalismus, aber nicht ohne ihn

    Ashanti Alston

  Anarkata

    Eine Erklärung

    Afrofuturist Abolitionists of the Americas

      Was ist Anarkata?

      Anarkata-Tradition

      Anarkata-Politik

      Anarkata Praxis

      Zu welchem Ende? Dem Ende der Welt

  Wohin wir von hier aus gehen

    Michael Kimble

  Der Anarchismus der Blackness

    William C. Anderson, Zoé Samudzi

      Der Anarchismus der Blackness

      Die Antwort auf diesen neofaschistischen Moment

  Anarchie ist

    ziq

  Nicht Fuchs, nicht Wolf, sondern die Wildkatze

    Nsambu Za Suekama

  Anarchie kann nicht alleine kämpfen

    Kuwasi Balagoon

  Klasseneinheit und POC- Autonomie ist die einzig wahre Solidarität

    Lorenzo Kom'boa Ervin

  Wählen ist keine Schadensbegrenzung

    Eine Indigene Perspektive

    Indigenous Action

      Das „Stimmrecht der Native People": Eine Strategie der kolonialen Herrschaft

      Assimilation: Die Strategie der Übertragung des Stimmrechts

      Du kannst den Stimmzettel nicht dekolonisieren

      Ablehnung der siedlerkolonialen Autorität, auch bekannt als nicht wählen

  Werkzeuge des Anarchismus Teil 1: Über zwischenmenschliche Beziehungen (und gelebter Anarchie)

    Elany

    Eine Einführung für People of Color

      REGIERUNGEN, POLIZEI UND DIE ELITE

      KOLONISATION

      MÄNNLICHE DOMINANZ

      GEGENSEITIGE HILFE UND EIN BESSERES LEBEN

      KAPITALISMUS

      NON-PROFITS

      GEFÄNGNISSE

      STRATEGIE

      SCHLUSSFOLGERUNG

  Dekoloniale Apokalyptik

    Demontage von Institutionen kolonialer Unterdrückung

      Dekoloniale Animistische Apokalyptik

      Grundsätze der Dekolonialen Animistischen Apokalyptik

  Vom Schwarzen Protest zur Insurrektion

    Lorenzo Kom'boa Ervin

  Diggin' In: Über die Natur von Black Power

    Eine Einführung in Anarkata-Überlegungen

  Manifest an die internationale anarchistische Bewegung

    Ein Aufruf zu einer internationalen revolutionären Widerstandsbewegung

      Anarchistisch-kommunistische Infrastruktur

      Antistaatliche militärische Aktivitäten

      Information

      Anarchosyndikalistische Arbeiter*innenbewegungen

      Gefängnisunterstützungsarbeit

      Gebiete des Kampfes in der Welt

      Was ist zu tun?

  Stammesmodell als revolutionäres Aktionsmodell

    Mit besonderem Bezug auf die Massai in Afrika

      "Machtsuchende" und "Verantwortungsübernehmende"

      "Sinn der Versammlung" und "Konsens"

      Fazit

  Anarchie & Religion

    ziq

  Deine Einsamkeit ist ein Problem der öffentlichen Gesundheit

    Goat

      Wir sind so einsam, weil wir niemanden haben, mit dem wir reden können

      Wir haben niemanden, mit dem wir reden können, weil wir nichts zu sagen haben

      Wir werden nicht als Dinge leben, die über Geld nachdenken

      Wir werden nicht in völliger Abwesenheit von Bedeutung leben

      Du bist nicht allein, außer bei der Bewältigung der Gesamtheit deines Lebens

      Wir verspüren den Drang zu explodieren genauso wie du

      Du kannst jetzt mit allen sprechen, dass du nichts zu sagen hast

      Wenn die Gesellschaft jeden Wunsch verrät

      Weil nichts befriedigt

      Schafft die Uhr ab

      Weil das Leben zu angespannt ist

      Auf der Seite des Geistes sein

      Deine Einsamkeit ist ein öffentliches Gesundheitsproblem

      Weil es Barrikaden in unseren Herzen gibt

  Siedlersexualität

    Widerstand gegen staatlich sanktionierte Gewalt, Rückgewinnung von antikolonialem Wissen & Befreiung für alle

      Siedlersexualität auf gestohlenem Land Kapitalismus, Imperialismus und Race

      Indigene Auffassungen vs. Siedlersexualität

      Siedlersexualität in Bewegung

      Moderne Siedlersexualität: Die realen Auswirkungen

      Indigene Feminismen und der Weg zur Dekolonisierung

  Einen nicht- eurozentrischen Anarchismus in unseren Gemeinschaften aufbauen

    Ashanti Alston, José Antonio Gutiérrez Danton

    Michael Kimble

  Die Zukunft des Anarchismus in Afrika

    Sam Mbah

      Anarchismus im Weltkontext

      Der afrikanische Zustand

      Anarchismus und die nationale Frage in Afrika

      Anarchismus — Der Weg nach vorne für Afrika

  Nihilistischer Animismus

    Aragorn!

  Aufbau der Gegenmacht der Schwarzen Arbeiter*innenklasse gegen Staat, Kapital und nationale Unterdrückung

    Interview mit Warren McGregor von der Zabalaza Anarchist Communist Front (ZACF) Südafrika

  Werkzeuge des Anarchismus Teil 2: Über Entkolonialisierung (und die technologische Komponente des Kolonialismus)

    Elany

      Die anarchistische Dimension der Entkolonialisierung

      Die technologische Komponente des Kolonialismus

      Eine postkoloniale Zukunft?

  Die Apokalypse überdenken: Ein Indigenes anti- futuristisches Manifest

    Anonym

  An den Wüstenschöpfer

    ziq

  Ich bin eine Anarchistin

    Lucy Parsons

  Anarchistische Präzedenzfälle in Afrika

    I.E. Igariwey, Sam Mbah

      Die Igbo

      Die Tallensi

  Über die Abwesenheit der Black Studies in der Erinnerungsdebatte

    Zoé Samudzi

      Die Siedlerkolonie Deutsch-Südwestafrika

      Blackness

  LandBack

    Die Indigene Befreiungsbewegung

      LandBack

      Was ist Land?

      Was ist mit dem Zurück-Teil von LandBack?

      Wie funktioniert LandBack?

  Behindert, Schwarz, trans und ein*e Primitivist*in?

    Black Luddite

  Die unverständliche Schwarze anarchistische Position

    Hannibal Balagoon Shakur

  Kindheit & Die psychologische Dimension der Revolution

    Ashanti Alston

      NETTE LÜGEN — SCHMERZHAFTE WAHRHEITEN

      DIE PSYCHISCHE GEFANGENSCHAFT DURCH DIE KULTUR

      WIR KÖNNEN DIE "PSYCHOLOGISCHE DIMENSION" NICHT IGNORIEREN

      WOHIN - WAS NUN?

  Indigene Anarchie & Die Notwendigkeit einer Ablehnung der "Zivilisation" der Kolonisatoren

    ziq

      Freiheit durch Ablehnung

      Kontrolle und Domestizierung

      Umarmung unserer "unwirtlichen Wildnis"

      Den Neokolonialismus verstehen

  Die Psychologie des Kollaps

    Saint Andrew

      Einleitung

      Phasen des Bewusstseins Tiefschlafend

      Bewusstsein für ein grundlegendes Problem

      Bewusstsein für viele Probleme

      Bewusstsein, dass das Dilemma alle Aspekte des Lebens umfasst

      Reaktionen auf den Kollaps Schlummer

      Verleugnung

      Apathie

      Vertieftsein

      Hedonismus

      Überwältigung

      Falsche Hoffnung

      Individueller Wandel

      Fortschrittsanbetung

      Führungsanbetung

      Apokalypse-Anbetung

      Verzweiflung

      Gibt es also einen Ausweg?

      Die zwei Pfade

      Der Äußere Pfad: Ausgewogener Realismus

  Die fortschreitende Kolonisierung schändet weiterhin

    Sapé!

  Ein Interview mit dem nigerianischen Anarchisten Sam Mbah

  Gegen Gemeinschaftsbildung, für die Freundschaft

    ziq

      Das gefährliche Versagen der Gemeinschaft

      Unsere sozialen Bindungen überdenken

      Schlechte Beziehungen verwerfen

      Systeme beschützen keine Menschen

  In der Navajo Nation hat der Anarchismus Indigene Wurzeln

    Aus einem leerstehenden Café heraus widmet sich das Kollektiv K'é Infoshop der gegenseitigen Hilfe in Amerikas größtem Reservat

  Unregierbar

    William C. Anderson im Gespräch mit Lorenzo Kom'boa Ervin

  Werkzeuge des Anarchismus Teil 3: Über Dezivilisierung (und eine Neubewertung der Welt)

    Elany

      Vom freien, wilden Leben zur zivilisierten Gesellschaft

      Das Konstrukt namens Zivilisation

      In Richtung einer Dezivilisierung der Welt

      Vorurteile über antizivilisatorisches Denken

      "Antizivilisatorisches Denken ist Primitivismus"

      "Gegen die Zivilisation zu sein ist queer- und behindertenfeindlich"

      "Antizivilisatorische Anarchist*innen wollen die Bevölkerung reduzieren"

      "Ohne die Zivilisation würden Menschen hungern, Seuchen brechen aus und es gäbe keine Medizin zur Heilung"

  Einen Indigenen Anarchismus anpeilen

    Aragorn!

      Erste Prinzipien

      Anarchist*in im Geist vs. Anarchist*in im Wort

      Native People sind nicht weg

  Bewaffnete Verteidigung der Schwarzen Kommune und Gemeinschaft

    Black Autonomy Federation

      Insurrektion:

  Keine Verschwörungstheorie, aber definitiv eine Verschwörung

    Michael Kimble

  Unser Vermächtnis kartieren

    Die Narrative des Schwarzen Freiheitskampfes

  Verbrennt das Brotbuch

    Macht Anarchie, nicht mehr Ökozid & Massenaussterben

      Die wahren Kosten des Brotes

      Die "Volks"-Autorität: Wie der "Anarcho-Kommunismus" autoritätsbildend ist

      Alle Industriegüter kostenlos für alle Menschen: Ein Rezept für die Katastrophe

      Ist Kommunismus immer autoritätsbildend?

      Beschlagnahmt die Mittel der Zerstörung! (Und brennt sie verdammt noch mal nieder...)

  Wir haben nichts zu sagen: Technologie und die Ökonomisierung der Kommunikation

    Goat

      Technologie und Technik definieren, um ihren Untergang herbeizuführen

      Marx' Technophilie: Warum die Linke nie in der Lage sein wird, die Technologie zu kritisieren

  In Richtung eines Indigenen Egoismus

    Cante Waste

      Einführung

      Individualismus, Kolonialismus und Beanspruchung

      Die Geschichte des amerikanischen Kolonialismus und der Indigenen Völker

      Selbsthass in den heutigen Indigenen Communities

      Der Kolonisator in unseren Köpfen

      Individualismus als Grundsatz der Dekolonisierung

      Egoismus bedeutet Krieg gegen die Gesellschaft

  Eine Schwarze Kritik der Zivilisation

    Samuel B.

  Survival in Endzeiten: Ein Wildpunk-"Manifest"

    Elany, Samuel B.

      Ein Wildpunk-"Manifest"

Vorwort

Betrachtet man die bekanntesten anarchistischen Werke seit Entstehen des Anarchismus als Philosophie und Bewegung, so kommt man schnell zu dem Schluss der Anarchismus sei eine weiße eurozentrische Bewegung. Doch auf dem weitläufigen Terrain der anarchistischen Geschichte haben Schwarze und Indigene Anarchist*innen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung verschiedener Kämpfe rund um den Globus gespielt, darunter Massenstreiks, nationale Befreiungsbewegungen, Gefangenensolidarität, Queer-Befreiung, die Bildung autonomer Befreiungsorganisationen und vieles mehr — und was vielleicht noch viel entscheidender ist: was weiße Anarchist*innen häufig nur philosophiert haben, war lange Zeit und ist teilweise noch Praxis unter Schwarzen und Indigenen Menschen. Unser aktueller politischer Moment ist geprägt von einem globalen Wiederaufleben Schwarzer und Indigener Rebellion und angesichts des antiautoritären Geistes dieser Kämpfe ist die Zeit reif, einen genaueren Blick auf den Schwarzen und Indigenen Anarchismus zu legen.

Ich hoffe, mit dem Werk BIPOC einen fruchtbaren Beitrag darüber, wie wir auf dem Weg zu unserer globalen Befreiung vorankommen können, zu bieten, als auch dem Narrativ entgegen zu wirken der Anarchismus sei eine weiße, eurozentrische Bewegung, während es weißen Menschen eine vielleicht unbekannte Perspektive zeigt. Auf fast 600 Seiten präsentieren sich die unterschiedlichsten, und teilweise sich widersprechenden, Stimmen des Schwarzen und Indigenen Anarchismus. Entscheide für dich selbst, welche Ideen und Perspektiven für dich mitschwingen. Mit all den verschiedensten Perspektiven sollte das Werk alle Themenbereiche abdecken, die für Anarchist*innen von Bedeutung sind, ob nun Staat, Kapitalismus, Patriarchat, Queerness, Ableismus, Gefängnisse, Nationalismus, Technologie, gegenseitige Hilfe, freie Assoziation, Zivilisation, Umwelt & Klima, Religion usw.

Ich widme Schwarze Saat vor allem meinem Dad, der das Werk mehr selbst in Händen halten wird. Samuel, nach deiner Erkrankung hat sich das Band zwischen uns vertieft und du hast mich bei allem unterstützt. Viel zu früh wurdest du uns aus dem Leben gerissen. Ich werde dich im Kampf gegen jede Autorität für immer in meinem Herzen tragen und verspreche dir, bis zu meinem eigenen Ableben dafür zu kämpfen, dass ich ein Stück vom alles verschlingenden Leviathan mit ins Grab nehme. Rest in power.

Was ist Schwarzer Anarchismus?

Saint Andrew

Einleitung

Ich möchte, dass wir frei sind. Trotz der Verleugnung unserer Menschlichkeit, werden wir frei sein. Trotz des ständigen Krieges, der gegen uns geführt wird, werden wir frei sein. Trotz des unerbittlichen Genozids an unserem Volk, überall auf der Welt, werden wir frei sein. Trotz. Trotz. Trotz. Wir haben der Gewalt des Kapitalismus und des Staates getrotzt. Das ist unser generationenübergreifendes Erbe. Unbeirrt. Es ist mein Ziel, die Fackel bis zur Ziellinie zu tragen. Ich möchte, dass wir die weniger bekannten Aspekte und Lektionen unserer Geschichte erforschen. Die versteckten subversiven und ungesehenen Aufstände, die eine unbekannte revolutionäre Tradition ausmachen. Es ist an der Zeit, dass wir die Lasten der Ideologien und Systeme abwerfen, die gegen unsere Freiheit errichtet wurden. Es ist Zeit, dass wir die Geschichte der Schwarzen Anarchist*innen anerkennen und verstehen, was Schwarzer Anarchismus wirklich ist.

Vorkoloniale Afrikanische Anarchie

Afrika. Das Mutterland. Die Wiege der Menschheit. Die Heimat, aus der wir entrissen wurden. Vor der Gewalt des transatlantischen Sklav*innenhandels beherbergte Afrika eine Vielzahl von Nationen, alle mit ihren eigenen einzigartigen Weltanschauungen und Mitteln zur Organisation der Gesellschaft. Es gab viele vorkoloniale Königreiche und Staaten, die Afrika ausmachten: Ghana. Mali. Songhai. Aksum. Simbabwe. Kongo. Neben diesen und anderen komplexen Zivilisationen, blenden wir oft die Gesellschaften aus, die wir als primitiv ansehen. Aber es gibt Lektionen, die diese Gesellschaften uns lehren können.

Nomadische Sammler*innen-Jäger*innen-Gesellschaften zum Beispiel, haben Reichtum als Last gemieden. Und nicht nur eine Last, sondern auch eine potentielle Quelle des Bruchs einer ansonsten egalitären Existenz. Wirklicher Reichtum wird nicht durch Bedürfnis und Besitz erworben, sondern durch die freie Zeit, Freizeit und Kreativität zu genießen. Es ist das, was der Kulturanthropologe Marshall Sahlins "Ursprünglichen Wohlstand" nannte:

Genug von dem zu haben, was nötig ist, um die Konsumbedürfnisse zu befriedigen, und viel freie Zeit, um das Leben zu genießen. Nimm zum Beispiel das Volk der Ju/wasi, eine der San-Ethnien Südafrikas. Sie wurden, wie andere nomadische Gruppen, an den Rand gedrängt, weg von der üppigen Umgebung, die sie einst genossen. Trotzdem genießen sie seit Hunderten von Jahren ein Leben ohne Hierarchie, Privatbesitz oder Arbeitsteilung. Arbeit und Spiel sind praktisch gleichbedeutend und sie sind frei, ihr Leben zu genießen, ohne sich der Arbeit zu widmen.

Ich versuche übrigens nicht zu argumentieren, dass wir zum nomadischen Leben zurückkehren sollen. Obwohl die Einführung des Ackerbaus Überschuss, Ungleichheit, Bevölkerungsdichte, neue Krankheiten und Krieg mit sich brachte, ein Muster, das sich auf der ganzen Welt wiederholt hat, war das nomadische Leben nicht perfekt, wie etwa eine hohe Kindersterblichkeit in vielen dieser primitiven Kulturen. Lasst sie uns nicht romantisieren. Trotzdem müssen wir ein klareres Bild von unserer Geschichte haben. Ich möchte, dass wir verstehen, dass ein friedliches, nachhaltiges Leben nicht im Widerspruch zur menschlichen Natur steht.

Es ist auch nicht auf Nomad*innen beschränkt. Egalitäre, gemeinschaftliche Gesellschaften wurden auch unter den sesshaften Völkern in Afrika gefunden, einige von ihnen zählten Millionen von Menschen und erfreuten sich dennoch direkter Demokratie, Konsens und Schenkwirtschaft. Sie waren frei von der harten sozialen Schichtung, die wir nur allzu gut kennen, und alle genossen den gleichen Zugang zu Land und anderen Produktionsmitteln, so dass die Bedürfnisse aller erfüllt wurden. Obwohl es ein Element von Altersdiskriminierung gab, da die Ältesten als Besitzende von Weisheit und Gerechtigkeit angesehen wurden, war ihre Position im Allgemeinen nicht eine der Überlegenheit oder des Aufzwingens, sondern des gemeinsamen Konsenses. Sie teilten die Arbeit mit dem Rest der Gemeinschaft und erhielten mehr oder weniger den gleichen Anteil wie alle anderen.

Während sich aus einigen dieser Gesellschaften der Feudalismus entwickelt hat, haben viele ihr Bekenntnis zur nicht-autoritären Organisation beibehalten, was beweist, dass solche Gesellschaften nicht nur möglich sind, sondern auf Afrika und anderen Kontinenten schon viel länger existieren als das jüngste Phänomen von Tyrannei, Staat und Kapitalismus.

Was ist Anarchismus?

Der Anarchismus ist eine politische Philosophie und Bewegung, die im 19. Jahrhundert in Europa entstanden ist, obwohl sie einen Präzedenzfall hat, der so weit zurückreicht wie der Aufstieg der Hierarchie selbst, überall auf der Welt. Der Anarchismus wurde häufig und manchmal absichtlich von Menschen aus allen Ecken des politischen Spektrums missverstanden und falsch dargestellt,

aber lass mich das klarstellen. Der Anarchismus zielt darauf ab, eine Gesellschaft ohne politische, wirtschaftliche oder soziale Hierarchien zu schaffen. Historisch gesehen war der Fokus des Anarchismus so, wie es Errico Malatesta beschrieben hat: die Abschaffung von Kapitalismus und Regierung. Im Laufe der Entwicklung des Anarchismus im letzten Jahrhundert haben Anarchist*innen jedoch erkannt, dass der Kampf gegen das Patriarchat, die weiße Vorherrschaft und andere Herrschaftssysteme ebenso wichtig ist. Anarchist*innen lehnen alle Formen von Herrschaft und Ausbeutung ab.

Anarchismus ist ein Ausdruck unserer angeborenen Fähigkeit, uns selbst zu organisieren und die Gesellschaft ohne Herrschende zu führen. Es ist die Erkenntnis, dass die unterdrückten Völker dieser Welt sich unserer kollektiven Macht bewusst werden müssen, unsere unmittelbaren Interessen verteidigen und dafür kämpfen müssen, die Gesellschaft als Ganzes zu revolutionieren, so dass wir eine Welt gestalten können, in der die Menschen in vollem Umfang leben können.

Errico Malatesta, Emma Goldman, Peter Kropotkin, Mikhail Bakunin und Alexander Berkman sind sehr bekannt für ihre Beiträge zur anarchistischen Theorie. Aber schon in den frühen Jahren waren Schwarze in die anarchistische Bewegung involviert. Ben Fletcher und die anderen Schwarzen Arbeiter*innen und Organisator*innen der Industrial Workers of the World, die von der Anarchistin und Arbeiterorganisatorin Lucy Parsons im frühen 20. Jahrhundert mitgegründet wurde. Oder wer könnte die geschmeidigen Reden und den militanten Kampf des berüchtigten brasilianischen Anarchisten des frühen 20. Jahrhunderts, Domingos Passos, und der vielen anderen, die in der Arbeiter*innenföderation von Rio de Janeiro für Freiheit kämpften, vergessen? Und natürlich wollen wir die 90 Afroamerikaner*innen nicht vernachlässigen, die mit der Lincoln-Brigade im Spanischen Bürgerkrieg an der Seite von Anarchist*innen gegen die Faschisten kämpften. Der Schwarze Anarchismus, wie wir ihn heute verstehen, würde sich jedoch erst viel später entwickeln.

Schwarzer Anarchismus ist ein Begriff, der auf eine sehr lose Gruppierung von verschiedenen Perspektiven angewendet wurde. In Wahrheit gibt es viele Schwarze Anarchismen. Vielleicht wäre ein besserer Überbegriff Black Anarchic Radicals, oder kurz BAR, wie er von Afrofuturist Abolitionists of the Americas geprägt wurde. BAR würde Schwarze Anarchist*innen, New Afrikan Anarchist*innen, Quilombist*innen, Anarkatas, Anarchistische Panther, Schwarze Autonomist*innen, Afrikanische Anarchist*innen und andere einschließen. Für den Moment werde ich jedoch weiterhin Schwarzen Anarchismus verwenden, um mich auf die breitere Bewegung zu beziehen. Woher kommt er?

Der Aufstieg von Black Power

Die Black-Power-Bewegung des späten 20. Jahrhunderts entstand aus dem Bewusstsein der Unzulänglichkeiten der liberalen Bürger*innenrechtsbewegungen und insbesondere ihrer Betonung der Integration in den kapitalistischen US-Staat. Ojore Lutalo, ein New Afrikan Anarchist, würde sowohl die moderne als auch die historische Bürger*innenrechtsbewegung als "korrupt" und "opportunistisch" beschreiben, mit Anführenden, die "offen für einen Preis" sind und einen Platz am Tisch suchen. Stattdessen würden Black Power Gruppen wie die Black Panther Party, die Republic of New Afrika, das Revolutionary Action Movement, die League of Revolutionary Black Workers und die Black Liberation Army einen revolutionären Schwarzen Nationalismus hochhalten, der die Notwendigkeit von wirtschaftlicher, politischer und kultureller Autonomie betont und versteht, dass raciale Ungleichheit und Herrschaft in das System der weißen Vorherrschaft und des Kapitalismus eingebaut sind. Viele dieser Gruppen würden auch den bewaffneten Kampf fördern und argumentieren, dass Gewalt zur Selbstverteidigung und für sozialen Wandel notwendig sei.

Eine intersektionale Analyse von Race, Klasse, Geschlecht und staatlicher Herrschaft kam auch in der Black-Power-Bewegung auf, vor allem dank der Bemühungen Schwarzer Feminist*innen, und half dabei, die divergierenden Interessen unter Schwarzen zu beleuchten, die es zu berücksichtigen galt. Sie erkannten das enge Zusammenspiel zwischen einem weißen Vorherrschaftssystem, das Schwarze zerstören und dominieren wollte, einem ausbeuterischen kapitalistischen Wirtschaftssystem, das Schwarze Gemeinschaften von Arbeit und Reichtum abzog, einem patriarchalischen System, das sowohl Schwarze Bewegungen als auch die breitere Gesellschaft durchdrang, und einer kolonialen Siedlerregierung, die auf politische Unterdrückung aus war.

Was passierte also? Die US-Regierung hatte kein Interesse daran, die selbstbewussten Forderungen des Schwarzen Freiheitskampfes zu tolerieren und setzte sowohl lokale Polizeikräfte als auch das FBI ein, um diese Bewegungen zu zerstören. Das volle Gewicht des Staates lag auf ihnen. Als die Black Panther Party unter den staatlichen Angriffen zerfiel, wurden viele ihrer Mitglieder entweder getötet, ins Exil geschickt, absorbiert oder ins Gefängnis gesteckt. Viele ehemalige Panther engagierten sich später im kulturellen Nationalismus, im Community Organizing, in der Revolutionären Kommunistischen Partei oder in der Demokratischen Partei. Aber nicht alle von ihnen.

Innerhalb der Bewegung selbst gab es Spaltungen, die nicht geklärt wurden. Einige der inhaftierten Panther brachten ihr Unbehagen mit der Organisationsstruktur der Partei zum Ausdruck. Ihre geografische und

räumliche Distanz zu den Bewegungen außerhalb des Gefängnisses gab ihnen Zeit, über frühere Strategien nachzudenken und führte sie dazu, einen Schwarzen Anarchismus zu entwickeln. Aber bevor ich in ihre unterschiedlichen Reisen, Visionen, Schwerpunkte und Perspektiven eintauche, was waren einige ihrer Kritikpunkte an den Panthers?

Lorenzo Kom'boa Ervin glaubte, dass "[die Partei] teilweise wegen des autoritären Führungsstils von Huey P. Newton, Bobby Seale und anderen im Zentralkomitee gescheitert ist [...] Viele Fehler wurden gemacht, weil die nationale Führung so weit von den Chaptern in den Städten im ganzen Land entfernt war und deshalb "Kommandoismus" oder von den Führenden diktierte Zwangsarbeit betrieb [...] Es gab nicht viel innerparteiliche Demokratie, und wenn Widersprüche aufkamen, waren es die Führenden, die über deren Lösung entschieden, nicht die Mitglieder." Kuwasi Balagoon charakterisierte die Partei als eine "Hierarchie, die einen unverdienten Anspruch auf Größe hatte" und "sich von ihren Zielen der Befreiung der Schwarzen Kolonie abwandte, um Geld zu sammeln."

Ashanti Alston erkannte, dass "es ein Problem mit [seiner] Liebe für Leute wie Huey P. Newton, Bobby Seale und Eldridge Cleaver gab und der Tatsache, dass er sie auf ein Podest gestellt hatte." Ollie A. Johnson III, obwohl er nie Mitglied der Panther war, veröffentlichte eine heftige Kritik an den internen Problemen der Panther Party in Kapitel sechzehn von Charles E. Jones' Buch The Black Panther Party Reconsidered. Dort argumentiert er, dass sich die Partei von einer großen, dezentralisierten, revolutionären Organisation zu einer kleinen, stark zentralisierten, reformistischen Gruppe gewandelt hat. Und er beklagt, dass es immer wieder vorkommt, dass "Große Männer" zu viel Macht in revolutionären Bewegungen erlangen.

Die Geschichte des Schwarzen Anarchismus beginnt mit den Kritiken der inhaftierten Radikalen, die ich als Post-Panther-Milieu bezeichnen möchte: Lorenzo Kom'boa Ervin, Kuwasi Balagoon und Ashanti Alston. Sowie die Nicht- Panther, die dennoch einflussreich waren: Ojore Lutalo und Martin Sostre.

Der Aufstieg des Schwarzen Anarchismus Lorenzo Kom'boa Ervin

Lorenzo Kom'boa Ervin schloss sich 1967 den Panthers an, nachdem er sich im

Student Nonviolent Coordinating Committee engagiert hatte. 1969, als er auf der Flucht war, weil er versucht hatte, ein Ku Klux Klan Mitglied zu töten, entführte er ein Flugzeug und floh nach Kuba. Aber anstatt ihn zu unterstützen, sperrten ihn die kubanischen Behörden ein und deportierten ihn in die Tschechoslowakei. Dann floh er nach Ostdeutschland, bevor er gefangen genommen, nach Berlin geschmuggelt, eine Woche lang gefoltert und zurück in

die USA gebracht wurde, wo er unter Drogeneinfluss seinen Prozess durchlief und von einer rein weißen Jury in einer Redneck-Stadt zu zweimal lebenslänglich verurteilt wurde.

Während er in diesen sogenannten sozialistischen Ländern war, wurde er desillusioniert von dem, was eindeutig eine Diktatur war, nicht irgendeine "Diktatur des Proletariats". Und während er im Gefängnis saß, nahm er sich Zeit, über sein Leben nachzudenken und suchte nach einer alternativen Methode zur Schwarzen Revolution. Um 1973 begann er, anarchistische Literatur zu erhalten, ließ sich von Peter Kropotkin inspirieren und wurde schließlich ein Schwarzer Anarchist. Sein Fall wurde vom Anarchist Black Cross und einer holländischen anarchistischen Gruppe namens Help A Prisoner Oppose Torture Organizing Committee übernommen. Sie koordinierten eine internationale Kampagne, die für seine Freilassung plädierte.

Natürlich war er mit dem Mittelklasse-Hyperindividualismus vieler weißer amerikanischer Anarchist*innen zu dieser Zeit nicht einverstanden, aber er arbeitete trotzdem mit Anarchist*innen auf der ganzen Welt zusammen, die ihn weiterhin unterstützten und ihm schrieben, während er im Gefängnis saß. Er begann Anarchism and the Black Revolution zu schreiben und veröffentlichte es 1979. Es ist bis heute eines der besten und meistgelesenen Werke über den Anarchismus. Seine Gefängnisschriften brachten ihm eine Anhänger*innenschaft in Europa, Afrika und unter den australischen Aborigines ein. Er wurde schließlich 1983, fast 15 Jahre nach seiner Verurteilung, entlassen.

In The Black Revolution betonte Ervin, dass der Anarchismus "der demokratischste, effektivste und radikalste Weg ist, um unsere Freiheit zu erlangen, aber dass wir frei sein müssen, unsere eigenen Bewegungen zu entwerfen, egal ob sie von nordamerikanischen Anarchist*innen verstanden oder "gebilligt" werden oder nicht. Wir müssen für unsere Freiheit kämpfen, niemand sonst kann uns befreien, aber sie können uns helfen." Er ist der festen Überzeugung, dass Schwarze Menschen und andere People of Color das Rückgrat der amerikanischen anarchistischen Bewegung der Zukunft bilden werden. Er nimmt auch eine prinzipielle Haltung gegen das kapitalistische Weltsystem, weiße Vorherrschaft, Imperialismus, koloniale Unterdrückung, Patriarchat, Queerfeindlichkeit und den Staat ein, einschließlich des staatlichen "Kommunismus", da er erkennt, dass die Regierung eine der schlimmsten Formen der modernen Unterdrückung ist. Seine Betonung der Intersektionalität sollte eine starke Rolle in der Abkehr von der klassenausschließenden Analyse in der amerikanischen anarchistischen Bewegung spielen. Mehr zu dieser Verschiebung später. Er ist auch heute noch aktiv und nimmt mit seiner Frau und ehemaligen Panther-Kollegin JoNina einen Podcast namens Black Autonomy auf. Erinnere dich an seine Geschichte.

Martin Sostre

Ervin wurde zum ersten Mal mit dem Anarchismus in Kontakt gebracht, als er 1969 im Gefängnis mit dem radikalen Gefängnisabolitionisten und Anarchisten Martin Sostre in Kontakt kam. Sostre war nie ein Panther. Er wuchs in Harlem während der Großen Depression auf. Er trat kurz der Armee bei, wurde aber unehrenhaft entlassen, weil er mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Schließlich wurde er 1952 wegen eines erfundenen Drogenvergehens ins Gefängnis geworfen. Zunächst wandte er sich der Nation of Islam zu, und nachdem er für die Äußerung seines Glaubens in Einzelhaft genommen wurde, wurde er Gefängnisanwalt. Er wurde 1964 entlassen und eröffnete einen Buchladen in Buffalo, New York, der radikale Bücher über Schwarzen Nationalismus und Kommunismus verkaufte. Sein Buchladen sollte zu einem Ort werden, an dem er den Widerstand einer ganzen Gemeinschaft kultivierte. Schließlich trennte er sich von der Nation of Islam.

Zu dieser Zeit waren Aufstände der Schwarzen in den ganzen Staaten an der Tagesordnung. Als die Revolte Buffalo erreichte, war Sostre dort und tat das, was er am besten konnte: Er unterrichtete, verteilte radikale Literatur und lieferte den Kontext zur aktuellen Situation. Schließlich verhafteten ihn die Behörden, brachten ihn vor Gericht zum Schweigen und warfen ihn wieder ins Gefängnis. Während er im Gefängnis saß, bildete er sich und andere Gefangene weiter und erkämpfte fast im Alleingang demokratische Rechte für Gefangene, um revolutionäre Literatur zu erhalten und zu lesen, Bücher zu schreiben, alternative Glaubensrichtungen anzubeten, nicht auf unbestimmte Zeit in Isolationshaft gehalten zu werden und Zugang zu gesetzlichen Rechten bei Disziplinarverfahren zu erhalten.

In einem Brief aus dem Gefängnis von 1967 schrieb Sostre: "Ich werde mich niemals unterwerfen. Der Einsatz der massiven Zwangsgewalt des Staates reicht nicht aus, um mich zum Aufgeben zu bringen; ich bin wie ein Vietcong — ein Schwarzer Vietcong." Irgendwann wurde Sostre in den Anarchismus eingeführt. Er könnte der erste Schwarze Anarchist der Welle nach den 1960er Jahren gewesen sein. Ervin schrieb über Sostres anarchistische Lektionen im Knast: "Er ließ ein neues Wort an mir abprallen: 'Anarchistischer Sozialismus'. Damals hatte ich keine Ahnung, wovon er sprach ... Er erklärte mir den 'selbstverwalteten Sozialismus', den er als frei von staatlicher Bürokratie, jeglicher Art von Partei- oder Führerdiktatur beschrieb. Fast jeden Tag erzählte er mir von 'direkter Demokratie', 'Kommunitarismus', 'radikaler Autonomie', 'Generalversammlungen' und anderen Dingen, von denen ich nichts wusste. Also hörte ich stundenlang zu, während er mich unterrichtete."

Schließlich widerrief der Zeuge, der Sostre ins Gefängnis brachte, und er wurde 1971 freigelassen. Er hatte nur Pamphlete und Skizzen von Kropotkin und

Bakunin gelesen, hatte aber zu dieser Zeit keinen Zugang zu Büchern über Anarchismus. Er kritisierte jedoch ausgiebig die marxistisch-leninistische "Parteilinie" und "Gesamtstruktur", die die herrschenden Eliten ersetzte, aber die menschliche Freiheit nicht förderte.

Sostres Lebensgeschichte und seine Beiträge zum Kampf sind weitgehend unbemerkt geblieben. Erinnere dich an seine Geschichte.

Kuwasi Balagoon

Kuwasi Balagoon schloss sich 1967 den Panthers in New York an. Davor verbrachte er 3 Jahre als Soldat in der US-Armee, stationiert in Europa, wo er in Deutschland Rassismus erlebte, aber auch in London mit Schwarzen Menschen jeglicher Herkunft in Berührung kam, was ihn dazu bewegte, sich dem Afrozentrismus anzuschließen. Zurück in New York wurde Balagoon in Mietstreiks und anderen Organisierungsbemühungen aktiv. Kurze Zeit später schloss er sich den Panthers an. Bemerkenswert ist, dass er offen bisexuell war, eine Tatsache, die oft verdrängt wurde. 1969 wurde er verhaftet und angeklagt in dem, was als "Trial of the Panther 21" bekannt wurde. Während die meisten Angeklagten auf Kaution freigelassen wurden, wurde Balagoon zu 23-29 Jahren Gefängnis verurteilt.

Balagoon wurde von den Panthern desillusioniert. Er konnte die Spaltungen zwischen den Westküsten- und den Ostküsten-Panthern immer deutlicher sehen. Er wurde ein heftiger Kritiker der Bürokratie und der Repressivität im Marxismus-Leninismus. Er erkannte, dass die Panthers aufgehört hatten, eine Partei zu sein, die sich mit dem täglichen Kampf der Schwarzen in Amerika beschäftigte und stattdessen eine, die sich völlig darauf konzentrierte, ihre Mitglieder in Gerichtsverfahren gegen den Staat zu verteidigen. Schon bald hatte er sich dem verschrieben, was er als New Afrikan Anarchismus bezeichnete.

Zitat: „Von allen Ideologien ist die Anarchie diejenige, die Freiheit und gleichberechtigte Beziehungen in einer realistischen und endgültigen Weise anspricht. Sie ist damit vereinbar, dass jedes Individuum die Möglichkeit hat, ein vollständiges und vollkommenes Leben zu führen. In der Anarchie erhält sich die Gesellschaft als Ganzes nicht nur zu gleichen Kosten für alle, sondern entwickelt sich in einem kreativen Prozess weiter, der von keiner Klasse, Kaste oder Partei behindert wird. Denn zu den Zielen der Anarchie gehört es nicht, eine herrschende Klasse durch eine andere zu ersetzen, weder im Gewand eines gerechteren Bosses noch als Partei."

Balagoon betonte die Wichtigkeit nicht nur des Anti-Etatismus, sondern insbesondere des Anti-Imperialismus. Er verbrachte einige Zeit damit, die nordamerikanischen Anarchist*innen zu kritisieren, die die tiefen Strukturen der

weißen Vorherrschaft und die Notwendigkeit des nationalen Befreiungskampfes nicht verstanden haben. Der ehemalige Gefängnisgefährte David Gilbert würde Balagoon als einen Freigeist in vielerlei Hinsicht beschreiben, oft sehr kreativ und keiner, der Leute herumkommandiert. Er hatte viel Vertrauen in die Fähigkeit der Menschen, ihre Gesellschaft selbst in die Hand zu nehmen. Leider starb er 1986 im Gefängnis an einer Pneumocystis-Pneumonie, einer AIDS- bedingten Krankheit. Rest in power. Erinnere dich an seine Geschichte.

Ojore Lutalo

Ojore Lutalo war nie ein Mitglied der Black Liberation Army oder der Panthers, aber er war in den Kampf involviert, schon 1970. Er und das BLA-Mitglied Kojo Bomani Sababu wurden verhaftet, nachdem sie versucht hatten, eine Bank auszurauben, um revolutionäre Projekte zu finanzieren, was in einer Schießerei mit der Polizei endete.

Er wurde schikaniert, isoliert und mit falschen Anschuldigungen konfrontiert, damit er nicht auf Bewährung entlassen wird. Als er sich jedoch mit Kuwasi Balagoon anfreundete und mit der Kritik des Marxismus-Leninismus konfrontiert wurde, wurde er 1975 ein New Afrikan Anarchist. Er verbrachte seine Zeit im Gefängnis mit dem Erstellen von Collagen, aber 1986 verlegte das Gefängnis ihn grundlos in die MCU, die sensorisch beraubende Maximum Control Unit, in der sich die Gefangenen in Fesseln bewegen und die Wärter Knüppel tragen, die sie "Niggerschläger" nennen.

Im Jahr 2005, noch im Gefängnis, wurde Lutalo für einen Film mit dem Titel In My Own Words interviewt, in dem er über alles sprach, von seinen eigenen politischen Überzeugungen, über das Leben in der MCU, bis hin zu den Schwierigkeiten, ein vegetarischer Gefangener zu sein. In dem Film sagte er folgendes: „Ich glaube einfach an den Konsensprozess, ich glaube an den autonomen Prozess. Ich glaube, dass die Menschen intelligent genug sind, um ihr eigenes Leben zu regeln und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, ohne dass jemand unzählige Milliarden Dollar an Steuern kassiert und dir sagt, was sein soll und was nicht. Die meisten Organisationen der Linken und der Rechten wollen unterdrücken, sie haben Machtambitionen, sie sind machthungrig, geldhungrig. Und sie werden alles tun, um diese besondere Macht zu behalten. Sie beraten sich nicht mit den Menschen aus der Unterschicht, sie treffen Entscheidungen für sie und ich finde, das ist falsch. Das ist der Grund, warum ich ein Anarchist geworden bin."

Nach diesem Interview wurden weitere falsche Anschuldigungen gegen ihn erhoben. Nur ein Jahr vor seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Jahr 2009 wurde ihm die Entlassung aus dem MCU verweigert, insbesondere weil das Gefängnis dachte, er könnte andere Gefangene ideologisch beeinflussen. Letztendlich wurde er jedoch entlassen. Und im Jahr 2021, in einem Interview,

setzte sich Lutalo weiterhin für die Revolution ein. Erinnere dich an seine Geschichte.

Ashanti Alston

Ashanti Alston schloss sich 1971 den Panthers und der Black Liberation Army an, aber schon vorher hatte er an Treffen der Nation of Islam teilgenommen. Er wurde 1974 inhaftiert, weil er an einem Raubüberfall teilgenommen hatte, um Geld für die BLA zu sammeln. Im Gefängnis machte ein Panther-Kollege namens Frankie Ziths Alston erstmals mit anarchistischen Texten bekannt. Er bekam eine Menge Briefe und Literatur geschickt, die er zunächst ablehnte, weil er dachte, dass Anarchismus nur Chaos bedeutet. Als er sich schließlich in der Einzelhaft mit dem Anarchismus beschäftigte, war er überrascht, dass er Analysen über die Kämpfe, Kulturen und Organisationsformen der Menschen fand.

Aber er sah nichts, was die Kämpfe der Schwarzen berührte. Es gab eine Menge Betonung auf europäische Kämpfe und europäische Schriften von europäischen Persönlichkeiten. Das sprach ihn nicht wirklich an. Er musste die anarchischen Praktiken außereuropäischer Gesellschaften erforschen, von den ältesten bis zu den modernsten. Er erkannte, dass wir alle in einer antiautoritären Gesellschaft funktionieren können. Er begann zu erkennen, dass wir niemandem erlauben sollten, sich als unsere Anführenden aufzustellen oder Entscheidungen für uns zu treffen. Er begann zu erkennen, dass "ich als Individuum respektiert werden sollte, und dass niemand wichtig genug war, um mein Denken für mich zu übernehmen."

Er erkannte, dass die antikolonialen Kämpfe seiner Zeit und der Vergangenheit, ob in Angola, Guinea-Bissau, Mosambik oder Simbabwe, immer noch scheiterten. Das Volk verlor die Volksmacht, und der fremde Unterdrücker wurde durch einen einheimischen Unterdrücker ersetzt. Er wurde resistent gegen den Einfluss und die Einmischung von sogenannten Führenden und wollte stattdessen "die Macht dem Volke, wo sie beim Volk bleibt."

Er wurde 1985 aus dem Gefängnis entlassen und engagierte sich stark in der Organisierung als Schwarzer Anarchist. Er veröffentlichte Kritiken an der Top- Down-Organisation, erforschte den Einfluss der Kindheit auf unsere Psychologie und obwohl er die Mängel des Schwarzen Nationalismus sah, sah er ihn immer noch als eine Kraft für die Einheit und eine Richtung für sozialen Wandel, mit dem Potential, gegen den Staat zu sein.

Auf die Frage, warum er sich selbst als Schwarzer Anarchist bezeichnet, sagt er: "Ich sehe Schwarz zu sein nicht so sehr als ethnische Kategorie, sondern als eine oppositionelle Kraft oder einen Prüfstein, um Situationen anders zu betrachten. Schwarze Kultur war schon immer oppositionell und es geht darum,

Wege zu finden, der Unterdrückung hier, im rassistischsten Land der Welt, kreativ zu widerstehen."

Für Alston ist das Beharren der Anarchie darauf, dass man niemals in alten, überholten Ansätzen stecken bleiben sollte und immer versuchen sollte, neue Wege zu finden, Dinge zu betrachten, zu fühlen und zu organisieren, wichtig und inspirierend. Er ist immer noch hier draußen, immer noch am Organisieren, immer noch Teil des Kampfes. Erinnere dich an seine Geschichte.

Anarchist People Of Colour

Eine der ersten mehrheitlich weißen anarchistischen Organisationen in den USA, die das Thema Race diskutierte und priorisierte, war die Love and Rage Revolutionary Anarchist Federation in den 1990er Jahren. Lorenzo Kom'boa Ervin schloss sich der Gruppe an, und Ashanti Alston schrieb für ihre Zeitung. Die Organisation würde für die Abschaffung der Whiteness eintreten. Es hatte den Anschein, als würden sich weiße Anarchist*innen endlich mit Race auseinandersetzen, nicht wahr?

Nun mal langsam. Schwarze Anarchist*innen und ihre Betonung des Rassismus wurden von weißen Anarchist*innen nicht immer akzeptiert. Ervin stand der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Industrial Workers of the World und der Love and Rage Revolutionary Anarchist Federation kritisch gegenüber, da sie sich Ervins Versuchen widersetzten, autonome Gruppen für Schwarze Arbeiter*innen und andere Arbeiter*innen of Color zu schaffen. Er wurde dafür gezüchtigt, dass er "Separatismus" befürwortete. Ihr Unwille, People of Color zu ihren eigenen Bedingungen zu integrieren, ihre Herablassung, ihre Anbiederung und in einigen Fällen ihr offener Rassismus entfremdeten Ervin und andere Anarchist*innen of Color. Ervin kritisierte auch Gruppen wie Anti-Racist Action, weil sie sich auf den Kampf gegen Faschist*innen, Neonazis, Skinheads und den Klan konzentrierten, aber den Kampf gegen den systematischen Rassismus vernachlässigten. Andere Kritiker*innen betonten Probleme mit ihrer "antirassistischen Farbenblindheit".

Ernesto Aguilar kritisierte die fehlende Auseinandersetzung mit verinnerlichtem Rassismus. Zitat: "Im Grunde genommen wird über gleiche Macht gesprochen, aber viele Weiße sind nicht wirklich bereit, sie mit der Weltmehrheit zu teilen. Warum sollten sie auch? Es ist nicht einfach, die berauschende Macht und den Einfluss über andere und die Geschichte aufzugeben." Alston kritisierte auch die Blindheit weißer Anarchist*innen gegenüber ihrem eigenen Rassismus und Privileg. Er drückte die Notwendigkeit für weiße Anarchist*innen aus, den Rassismus nicht nur in den Institutionen der Welt, sondern auch innerhalb der Bewegung selbst zu bekämpfen. Sie müssen ihr Verständnis von Unterdrückung vertiefen.

Schwarze Anarchische sollten für die dringend benötigte Erweiterung des anarchistischen Kampfes, besonders in Bezug auf Race, gewürdigt werden. Die Bemühungen von BARs wie Ernesto Aguilar, Pedro Ribeiro, Ashanti Alston und anderen, die dezentralisierte Anarchist People Of Colour oder APOC- Bewegung zu gründen, waren entscheidend für die breitere Anerkennung der intersektionalen Analyse innerhalb des Anarchismus. Es gibt noch viel zu tun, aber zumindest haben sie einen Raum für Anarchist*innen of Colour geschaffen.

Im Jahr 2003 organisierte Ernesto Aguilar die erste APOC-Konferenz in Detroit, Michigan, mit etwa 300 Teilnehmenden. Die Konferenz bekam sogar Unterstützung von weißen Anarchist*innen, die Geld sammelten und anboten, die Veranstaltung angesichts der Gewaltdrohungen der Nazis zu sichern. Wie Alston in einem Interview mit Black Ink sagte, "ermöglichte die Konferenz vielen Anarchist*innen of Color, sich zum ersten Mal zu sehen, unsere Gemeinsamkeiten zu erkennen und die Notwendigkeit zu verstehen, von einer Grundlage aus zu arbeiten, auf der wir uns gegenseitig respektieren und in unseren Gemeinschaften arbeiten können." Es ermöglichte ihnen, ihre Erfahrungen zu teilen und ihre Vision mit anderen Anarchist*innen of Colour zu artikulieren, für eine stärkere Analyse von Race und Ethnizität innerhalb der anarchistischen Bewegung einzutreten und ein bewusstes Projekt der Selbstbestimmung für People of Colour zu entwickeln.

Wie Aguilar und Alston artikuliert haben, arbeiten sich People of Color durch unseren eigenen verinnerlichten Rassismus und brauchen einen Organisationsraum, ohne den Input oder die Zustimmung von Weißen, um Rassismus und seine Auswirkungen auf unsere Psyche und unser Selbstwertgefühl zu dekonstruieren. Mitglieder der APOC-Bewegung haben einen zweibändigen Sammelband mit dem Titel Our Culture, Our Resistance veröffentlicht.

Anarkata

Und was ist mit Anarkata? Als politische Tendenz, die sich aus dem Schwarzen Anarchismus entwickelt hat und von den Afrofuturist Abolitionists of the Americas 2019 definiert wurde, beinhaltet es nicht nur Elemente des Anarchismus, sondern auch des Schwarzen Marxismus, des Panafrikanismus, des Schwarzen Feminismus, der Queer Liberation, etc etc. So stellt es sich nicht nur gegen die westlichen und kapitalistischen Kräfte, die Schwarze Menschen unterdrücken, sondern gegen alle Achsen der Unterdrückung, die gegen uns arbeiten. Der Begriff Anarkata ist die Abkürzung für "anarchic akata", eine Rückbesinnung auf das Yoruba-Wort für "Hauskatze" oder "wildes Tier", das von einigen als Schimpfwort angesehen wird. Nur um das klarzustellen, Anarkata ist kein Begriff, den nicht-Schwarze Menschen auf irgendwelche alten Schwarzen Anarchischen anwenden sollten. Es ist ein interner Begriff. Entspann dich.

Anarkata ist inspiriert von der reichen Geschichte des Schwarzen Widerstands. Von den kommunalen Nomad*innen Afrikas, zu den staatenlosen Afrikaner*innen, die den afrikanischen Imperien trotzten, zu den Geflüchteten, die vor dem Sklav*innenhandel in der Sahara und im Atlantik flohen, zu den Schwarzen Gefangenen, die trotz aller Widrigkeiten eine queere Liebe fanden, zu den Schwarzen Pirat*innen, die das Imperium um seinen gestohlenen Reichtum brachten, zu den Maroons in Amerika, zu den Sklav*innenaufständen und racialen Unruhen, die die weiße Machtstruktur bedrohten, zu den Schwarzen Guerillas, die sich dem europäischen Kolonialismus widersetzten, zu den Schwarzen Frauen, die das Patriarchat der weißen Vorherrschaft herausforderten, zu den Schwarzen trans Menschen, die die Zumutungen der kolonialen Geschlechterbinarität überschreiten, zum panafrikanistischen Kampf, um die Freiheit der gesamten Diaspora zu verbinden, zum Kampf für Behindertengerechtigkeit, zum Kampf der Gefängnisabschaffung.

Die Wurzel der Anarkata-Tradition ist die Tendenz der Schwarzen, sich der Starrheit, den Grenzen, der Hierarchie und der Abschottung zu widersetzen. Die Betonung liegt auf Freiheit durch Basisorganisation, gegenseitige Hilfe und revolutionärem Kampf. Um das Anarkata-Statement zu zitieren: "Durch zahllose Momente des Trotzes und der Flexibilität haben unsere Vorfahr*innen einen Weg für uns geschaffen, uns einen anarchischen Radikalismus vorzustellen, der unverkennbar Schwarz ist."

Afrikanischer Anarchismus

Obwohl ich mich auf die Arbeit der BARs in Amerika konzentriert habe, möchte ich den eigenständigen, aber verwandten Kampf der Anarchist*innen in Afrika nicht ignorieren. Lasst uns die besonderen anarchistischen Kämpfe in Südafrika, am Horn von Afrika und in Nigeria diskutieren.

Südafrika

Die Zabalaza Anarchist Communist Front, gegründet 2003, ist eine anarchistische kommunistische plattformistische Organisation, die in Johannesburg, Südafrika, aktiv ist. Der Name ist abgeleitet von "Kampf" in Xhosa. Die Organisation beschäftigt sich mit theoretischer Entwicklung, anarchistischer Agitation und Propaganda, sowie der Teilnahme am Klassenkampf. Ihre Strategie ist einfach. Sie beteiligen sich an und helfen bei der Schaffung von massenhaften, heterogenen sozialen Bewegungen mit dem Ziel, den Einfluss anarchistischer Prinzipien und Praktiken zu verbreiten, auch wenn sie nicht als solche anerkannt werden, wie: direkte Demokratie, gegenseitige Hilfe, Horizontalismus, Klassenkampfgeist, direkte Aktion und Unabhängigkeit von Wahlpolitik und Parteien. Die ZACF ist mit Morddrohungen, Repressionen und Verhaftungen konfrontiert, vor allem gegen ihre Schwarzen Mitglieder.

Horn von Afrika

Horn Anarchists, gegründet im Jahr 2020, ist ein kollektives Projekt, das am Horn von Afrika entwickelt wurde, um anarchistische Ideen, Werte und Politik zu organisieren und zu verbreiten. Das Kollektiv ist durch Werte wie Gleichheit, Freundlichkeit, gegenseitige Hilfe, Solidarität und Freiwilligkeit vereint. Vor dem Kollektiv war Anarchismus ein Etikett, das verschiedene marxistisch- leninistische Parteien ihren Gegner*innen entgegenschleuderten, um sie zu verleumden. Es gibt wenig Bewusstsein für Anarchismus am Horn, oder ein Bewusstsein für Klassenkampf. Das hochgradig hierarchische orthodoxe Christentum dominiert Politik und Gesellschaft in Äthiopien, und das expansionistische und assimilatorische äthiopische Reich hat sich zum Ziel gesetzt, all die verschiedenen Religionen, Ethnien und Identitäten zu einer orthodoxen christlichen äthiopischen Identität zu verschmelzen. Inmitten des Genozids in Tigray plant das Horn Anarchists Kollektiv ein Treffen im Sudan, um mit Geflüchteten zu arbeiten, die gezwungen wurden, aus ihrer Heimat zu fliehen.

Nigeria

In Nigeria blühte The Awareness League in den 1990er Jahren auf, ist aber seitdem rückläufig. Geboren aus dem Zusammenbruch des staatlichen "Kommunismus" in Europa, wurde der Anarchismus im Kampf gegen die Militärherrschaft in Nigeria immer populärer. Tatsächlich bezog die Liga ihr gesamtes Lebenselixier aus diesem Widerstand, schloss sich mit anderen antimilitärischen Gruppen zusammen und gewann an Popularität. Mit dem Beginn der zivilen Herrschaft im Jahr 1999 löste sich die Awareness League, wie praktisch alle linken Organisationen, praktisch auf, bzw. wandte sich in einigen Fällen der Wahlpolitik zu. Sie hatten keinen gemeinsamen Feind mehr und waren nicht auf die Konsequenzen einer Zivilregierung vorbereitet. Die jüngste Beschwörung des Anarchismus in Nigeria kam vom ehemaligen Anführer der Militärjunta, jetzt Präsident von Nigeria, der junge Nigerianer*innen davor warnte, dass Anarchist*innen versuchen würden, die EndSARS- Bewegung von 2020 zu kapern.

Der nigerianische Anarchist und Co-Autor von African Anarchism Sam Mbah sagte 2012, dass "der Anarchismus in Afrika nicht tot ist." Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass der Anarchismus als politische Bewegung Zeit brauchen wird, um sich in Afrika zu entwickeln, die Menschen zu agitieren und das Bewusstsein zu verbreiten, was er ist. Mbah glaubte, dass afrikanische Anarchist*innen eine Bewegung auf dem Kontinent aufbauen könnten, indem sie eine gemeinsame Basis mit denen finden, die versuchen, die Regierung zur Verantwortung zu ziehen, für die Umwelt zu kämpfen, für die Gleichberechtigung der Geschlechter zu kämpfen und für die Menschenrechte zu kämpfen. Sam Mbah ist 2014 verstorben, möge er in Kraft ruhen. Doch die

Arbeit der Horn Anarchists und der Zabalaza Anarchist Communist Front beweisen, dass seine Bemühungen, den Anarchismus in Afrika zu entwickeln, nicht umsonst waren. Sie tragen die Fackel weiter. Solidarität für immer.

Fazit

Dank der Bemühungen der Schwarzen Anarchischen, neben dem Einfluss der Gefängnisabschaffungsbewegung und den verschiedenen Indigenen Kämpfen der letzten Jahrzehnte, hat sich die anarchistische Bewegung deutlich verbreitert. Sie hat noch einen Weg vor sich, aber sie hat Fortschritte gemacht. Die klassische anarchistische Zuwendung an den Kapitalismus und den Staat allein wurde durch eine wachsende Anerkennung der Kämpfe um patriarchale, raciale, koloniale und nationale Herrschaft abgelöst. Die Beiträge von nicht- anarchistischen, aber sehr einflussreichen Denker*innen wie Audre Lorde, Angela Davis und bell hooks haben den intersektionalen Ansatz des zeitgenössischen Anarchismus maßgeblich weiterentwickelt, aber ihr Einfluss ist nicht weit verbreitet oder weit genug anerkannt. Das muss sich ändern.

In ihrem Interview mit der Northeastern Federation of Anarchist Communists fordert bell hooks uns auf: "Wagt es auf die Intersektionalitäten zu schauen. Wagt es, holistisch zu sein. Ein Teil des Herzens der Anarchie ist es, es zu wagen, gegen den Strich der konventionellen Denkweisen über unsere Realitäten zu gehen. Anarchist*innen sind immer gegen den Strich gegangen und das war ein Ort der Hoffnung." Lerne von unseren Vorfahr*innen. Von den vorkolonialen afrikanischen Kommunalist*innen bis zu den Ältesten, die heute noch unter uns sind. Was die Praxis angeht, befürwortet Ervin eine Strategie von Überlebensprogrammen, gegenseitiger Hilfe, Wohngenossenschaften, Mietstreiks, Arbeitsstreiks, den Aufbau von lokalen Gemeinderäten und die Beschlagnahme von Lebensmittelsystemen, Arbeitsplätzen und Bildungseinrichtungen. Schau, wo du anfangen kannst.

An meine Schwarzen Geschwister, meine Familie, überall auf der Welt, von hier in Trinidad, wo auch immer du dich befindest und gegen Anti-Blackness, Patriarchat, Kapitalismus und den Staat kämpfst: warte nicht darauf, geführt zu werden. Verhandle nicht über deine Freiheit. Alston hatte ein Wort für euch: "Ihr alle könnt das tun. Ihr habt die Vision. Ihr habt die Kreativität. Erlaubt niemandem, das festzulegen." Auch Ella Baker sprach dazu: "Starke Menschen brauchen keine starken Führenden." Zoé Samudzi und William C. Anderson erinnern uns in The Anarchism of Blackness daran, dass "dieses brennende Haus nicht reformiert werden kann, um uns angemessen einzubeziehen, noch sollten wir einen schmerzhaften Tod teilen wollen. Eine bessere Gesellschaft muss durch unsere unveräußerliche Selbstbestimmung geschrieben werden, und das wird nur geschehen, wenn wir erkennen, dass wir den Stift in der Hand halten."

Kapitalismus, der Staat und das Privateigentum

Lorenzo Kom'boa Ervin

Die Existenz des Staates und des Kapitalismus wird von ihren Apologet*innen als "notwendiges Übel" begründet, da der größte Teil der Bevölkerung angeblich nicht in der Lage ist, ihre eigenen Angelegenheiten und die der Gesellschaft zu regeln, sowie als Schutz vor Verbrechen und Gewalt. Anarchist*innen wissen, dass im Gegenteil der Staat und die Institution des Privateigentums die Haupthindernisse für eine freie Gesellschaft sind. Es ist der Staat, der Krieg, polizeiliche Unterdrückung und andere Formen der Gewalt verursacht, und es ist das Privateigentum — das Fehlen einer gleichmäßigen Verteilung des großen gesellschaftlichen Reichtums — das Verbrechen und Mängel verursacht.

Aber was ist der Staat? Der Staat ist eine politische Abstraktion, eine hierarchische Institution, durch die eine privilegierte Elite danach strebt, die große Mehrheit der Menschen zu beherrschen. Zu den Mechanismen des Staates gehört eine Gruppe von Institutionen, die die gesetzgebenden Versammlungen, die Bürokratie des öffentlichen Dienstes, das Militär und die Polizei, die Justiz und die Gefängnisse sowie den subzentralen Staatsapparat umfassen. Die Regierung ist das administrative Vehikel, um den Staat zu führen. Der Zweck dieser spezifischen Reihe von Institutionen, die der Ausdruck der Autorität in kapitalistischen Gesellschaften (und sogenannten "sozialistischen Staaten") sind, ist die Aufrechterhaltung und Ausweitung der Herrschaft über das gemeine Volk durch eine privilegierte Klasse. Die Reichen in kapitalistischen Gesellschaften, die sogenannte kommunistische Partei in staatssozialistischen oder kommunistischen Gesellschaften wie der ehemaligen Union der sozialistischen Sowjetrepubliken.

Der Staat selbst ist jedoch immer ein elitäres Positionsgefüge zwischen den Herrschenden und den Beherrschten, den Befehlsgebenden und den Befehlsempfänger*innen, den wirtschaftlich Besitzenden und den Habenichtsen. Die Elite des Staates sind nicht nur die Reichen und Superreichen, sondern auch jene Personen, die staatliche Autoritätspositionen einnehmen: Politiker*innen und juristische Beamt*innen. So kann die staatliche

Bürokratie selbst, in Bezug auf ihre Beziehung zum ideologischen Eigentum, zu einer eigenen Eliteklasse werden. Diese administrative Eliteklasse des Staates entwickelt sich nicht nur durch die Verteilung von Privilegien durch die wirtschaftliche Elite, sondern auch durch die Trennung von privatem und öffentlichem Leben — der Familieneinheit bzw. der Zivilgesellschaft — und durch den Gegensatz zwischen einer individuellen Familie und der größeren Gesellschaft. Es ist purer Opportunismus, hervorgerufen durch kapitalistische Konkurrenz und Entfremdung. Es ist ein Nährboden für die Agent*innen des Staates.

Die Existenz des Staates und einer herrschenden Klasse, die auf der Ausbeutung und Unterdrückung der Arbeiter*innenklasse basiert, sind untrennbar. Herrschaft und Ausbeutung gehen Hand in Hand und in der Tat ist diese Unterdrückung ohne Gewalt und gewaltsame Autorität nicht möglich. Deshalb argumentieren Anarchist*innen, dass jeder Versuch, die Staatsmacht als Mittel zur Errichtung einer freien, egalitären Gesellschaft einzusetzen, nur selbstzerstörerisch sein kann, weil die Gewohnheiten des Kommandierens und Ausbeutens zum Selbstzweck werden. Dies wurde mit den Bolschewiki in der russischen Revolution (1917-1921) bewiesen. Tatsache ist, dass die Beamt*innen des "kommunistischen" Staates politische Macht anhäufen, ähnlich wie die kapitalistische Klasse wirtschaftlichen Reichtum anhäuft. Diejenigen, die regieren, bilden eine eigene Gruppe, deren einziges Interesse darin besteht, die politische Kontrolle mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu behalten. Aber die Institution des kapitalistischen Eigentums erlaubt es einer Minderheit der Bevölkerung, den Zugang zu und die Nutzung von allen gesellschaftlich produzierten Reichtümern und natürlichen Ressourcen zu kontrollieren und zu regulieren. Du musst für das Land, das Wasser und die frische Luft an eine riesige Versorgungsgesellschaft oder Immobilienfirma bezahlen.

Diese kontrollierende Gruppe kann eine separate Wirtschaftsklasse oder der Staat selbst sein, aber in jedem Fall führt die Institution des Eigentums zu einer Reihe von sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen, dem Kapitalismus, in dem ein kleiner Sektor der Gesellschaft enorme Vorteile und Privilegien auf Kosten der arbeitenden Minderheit erntet. Die kapitalistische Wirtschaft basiert nicht auf der Befriedigung der Bedürfnisse aller, sondern auf der Anhäufung von Profit für einige wenige. Sowohl der Kapitalismus als auch der Staat müssen angegriffen und gestürzt werden, nicht das eine oder das andere, oder das eine dann das andere, denn der Sturz des einen wird nicht den Sturz beider gewährleisten. Nieder mit dem Kapitalismus und dem Staat!

Zweifelsohne werden einige Arbeiter*innen das, wovon ich spreche, als eine Bedrohung ihres persönlichen angehäuften Eigentums missverstehen. Nein: Anarchist*innen erkennen den Unterschied zwischen persönlichem Besitz und

großem kapitalistischen Eigentum an. Kapitalistisches Eigentum ist jenes, das als grundlegende Eigenschaft und Zweck die Verfügung über die Arbeitskraft anderer Menschen aufgrund ihres Tauschwertes hat. Die Institution des Eigentums bedingt die Entwicklung einer Reihe von sozialen und ökonomischen Beziehungen, die den Kapitalismus etabliert hat, und diese Situation erlaubt es einer kleinen Minderheit innerhalb der Gesellschaft, enorme Vorteile und Privilegien auf Kosten der arbeitenden Minderheit zu ernten. Dies ist das klassische Szenario der Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital.

Wo es eine hohe gesellschaftliche Arbeitsteilung und eine komplexe industrielle Organisation gibt, ist Geld notwendig, um Transaktionen durchzuführen. Es ist nicht einfach so, dass dieses Geld gesetzliches Zahlungsmittel ist und anstelle des direkten Warentauschs verwendet wird. Das ist nicht das, worauf wir uns hier künstlerisch beschränken: Kapital ist Geld, aber Geld als Prozess, der seinen Wert reproduziert und steigert. Kapital entsteht erst dann, wenn Eigentümer*innen der Produktionsmittel auf dem Markt Arbeiter*innen als Verkäufer*innen ihrer eigenen Arbeitskraft findet. Der Kapitalismus entwickelte sich als die Form des Privateigentums, die sich vom ländlichen, landwirtschaftlichen Stil zum städtischen, fabrikmäßigen Stil der Arbeit verschob. Der Kapitalismus zentralisiert die Produktionsmittel und bringt die Individuen in einer disziplinierten Arbeiter*innenschaft eng zusammen. Kapitalismus ist industrialisierte Warenproduktion, die Güter für den Profit und nicht für soziale Bedürfnisse herstellt. Dies ist eine besondere Unterscheidung des Kapitals und des Kapitals allein.

Wir können den Kapitalismus, und das ist die Grundlage unserer Beobachtungen, als mit Willen und Bewusstsein ausgestattetes Kapital verstehen. Das heißt, als jene Menschen, die sich Kapital aneignen und als eine elitäre, geldbesitzende Klasse fungieren, die genug nationale und politische Macht hat, um die Gesellschaft zu beherrschen. Weiterhin ist dieses akkumulierte Kapital Geld, und mit Geld kontrollieren sie die Produktionsmittel, die als Mühlen, Minen, Fabriken, Land, Wasser, Energie und andere natürliche Ressourcen definiert sind, und die Reichen wissen, dass dies ihr Eigentum ist. Sie brauchen keine ideologischen Anmaßungen und machen sich keine Illusionen über "öffentliches Eigentum".

Eine Wirtschaft, wie die, die wir kurz skizziert haben, basiert nicht auf der Erfüllung der Bedürfnisse aller in der Gesellschaft, sondern auf der Anhäufung von Profiten für die wenigen, die als Freizeitklasse in palastartigem Luxus leben, während die Arbeiter*innen entweder in Armut oder ein oder zwei Lohnschecks davon entfernt leben. Du siehst also, dass die Abschaffung der Regierung auch die Abschaffung des Monopols und des persönlichen Eigentums an den Produktions- und Verteilungsmitteln bedeutet.

Die Prinzipien des Anarchismus

Lucy E. Parsons

Gefährt*innen und Freund*innen: Ich denke, ich kann meine Ansprache nicht passender eröffnen, als mit der Schilderung meiner Erfahrung in meiner langen Verbindung mit der Reformbewegung.

Es war während des großen Eisenbahnstreiks von 1877, als ich mich zum ersten Mal für das interessierte, was als "Arbeitskraftfrage" bekannt ist. Damals dachte ich, wie viele Tausende von ernsthaften, aufrichtigen Menschen, dass die Gesamtmacht, die in der menschlichen Gesellschaft wirkt, bekannt als Regierung, zu einem Instrument in den Händen der Unterdrückten gemacht werden könnte, um ihre Leiden zu lindern. Aber ein genaueres Studium des Ursprungs, der Geschichte und der Tendenz von Regierungen überzeugte mich, dass dies ein Irrtum war.

Ich verstand, wie organisierte Regierungen ihre geballte Macht einsetzten, um den Fortschritt zu verzögern, indem sie immer bereit waren, die Stimme der Unzufriedenheit zum Schweigen zu bringen, wenn sie in energischem Protest gegen die Machenschaften der intriganten Wenigen erhoben wurde, die immer in den Räten der Nationen herrschten, immer herrschen werden und immer herrschen müssen, wo die Mehrheitsregel als einziges Mittel zur Regelung der Angelegenheiten des Volkes anerkannt ist.

Ich kam zu der Erkenntnis, dass solch konzentrierte Macht immer im Interesse der Wenigen und auf Kosten der Vielen ausgeübt werden kann. Die Regierung in ihrer letzten Analyse ist diese Macht, reduziert auf eine Wissenschaft. Regierungen führen niemals; sie folgen dem Fortschritt. Wenn das Gefängnis, der Scheiterhaufen oder das Schafott die Stimme der protestierenden Minderheit nicht mehr zum Schweigen bringen können, geht der Fortschritt einen Schritt weiter, aber nicht bis dahin.

Ich werde diese Behauptung auf eine andere Weise darlegen:

Ich lernte durch genaues Studium, dass es keinen Unterschied macht, was für schöne Versprechungen eine politische Partei, die nicht an der Macht ist, den

Menschen macht, um sich ihr Vertrauen zu sichern, wenn sie einmal sicher die Kontrolle über die Angelegenheiten der Gesellschaft übernommen hat, dass sie doch nur menschlich mit allen menschlichen Eigenschaften eines Politikers ist. Zu diesen gehören: Erstens, um unter allen Umständen an der Macht zu bleiben; wenn nicht individuell, dann müssen diejenigen an der Macht gehalten werden, die im Wesentlichen die gleichen Ansichten vertreten wie die Regierung. Zweitens, um an der Macht zu bleiben, ist es notwendig, einen mächtigen Apparat aufzubauen; einen, der stark genug ist, um jede Opposition zu zerschlagen und jedes energische Murren der Unzufriedenheit zum Schweigen zu bringen, sonst könnte der Parteiapparat zerschlagen werden und die Partei dadurch die Kontrolle verlieren.

Als ich die Fehler, Versäumnisse, Unzulänglichkeiten, Bestrebungen und Ambitionen des fehlbaren Menschen erkannte, kam ich zu dem Schluss, dass es weder die sicherste noch die beste Politik für die Gesellschaft als Ganzes wäre, die Verwaltung all ihrer Angelegenheiten mit all ihren mannigfaltigen Abweichungen und Verzweigungen in die Hände eines endlichen Menschen zu legen, um von der Partei verwaltet zu werden, die zufällig an die Macht kam und somit die Mehrheitspartei war, noch machte es damals, noch macht es heute einen Unterschied für mich, was eine Partei, die nicht an der Macht ist, versprechen mag; Es neigt nicht dazu, meine Befürchtungen zu zerstreuen, dass eine Partei, wenn sie sich verschanzt und sicher an der Macht ist, die Opposition unterdrücken und die Stimme der Minderheit zum Schweigen bringen könnte.

Mein Verstand ist entsetzt bei dem Gedanken, dass eine politische Partei die Kontrolle über all die Details hat, die die Summe unseres Lebens ausmachen. Stell dir vor, dass die Partei, die an der Macht ist, die Autorität hat, die Art von Büchern zu diktieren, die in unseren Schulen und Universitäten verwendet werden sollen, dass Regierungsbeamt*innen unsere Literatur, Geschichten, Zeitschriften und die Presse redigieren, drucken und in Umlauf bringen, ganz zu schweigen von den tausend und einer Aktivitäten des Lebens, die ein Volk in einer Gesellschaft ausübt.

Meiner Meinung nach ist der Kampf um die Freiheit zu groß und die wenigen Schritte, die wir erreicht haben, wurden unter zu großen Opfern errungen, als dass die große Masse der Menschen dieses 20. Jahrhunderts zustimmen würde, die Verwaltung unserer sozialen und industriellen Angelegenheiten einer politischen Partei zu überlassen. Denn alle, die mit der Geschichte vertraut sind, wissen, dass Menschen die Macht missbrauchen, wenn sie sie besitzen. Aus diesen und anderen Gründen habe ich mich nach sorgfältigem Studium und nicht aus Sentimentalität von einer aufrichtigen, ernsthaften, politischen Sozialistin zur unpolitischen Phase des Sozialismus – dem Anarchismus – gewandt, weil ich glaube, in seiner Philosophie die richtigen Bedingungen für

die vollste Entfaltung der einzelnen Einheiten in der Gesellschaft zu finden, was unter staatlichen Einschränkungen niemals der Fall sein kann.

Die Philosophie des Anarchismus ist in dem Wort "Freiheit" enthalten, dennoch ist sie umfassend genug, um auch alles andere einzuschließen, was dem Fortschritt förderlich ist. Der Anarchismus setzt dem menschlichen Fortschritt, dem Denken und der Erforschung keinerlei Schranken; nichts wird als so wahr oder so sicher angesehen, dass zukünftige Entdeckungen es nicht als falsch erweisen könnten; daher hat er nur ein unfehlbares, unveränderliches Motto: "Freiheit". Freiheit, jede Wahrheit zu entdecken, Freiheit, sich zu entwickeln, natürlich und vollständig zu leben. Andere Denkschulen bestehen aus kristallisierten Ideen – Prinzipien, die zwischen den Brettern von langen Plattformen gefangen und aufgespießt sind und als zu heilig angesehen werden, um durch eine genaue Untersuchung gestört zu werden. Bei allen anderen "Themen" gibt es immer eine Grenze, eine imaginäre Grenzlinie, über die der forschende Geist nicht einzudringen wagt, damit nicht eine Lieblingsidee zu einem Mythos wird. Aber der Anarchismus ist der Platzanweiser der Wissenschaft – der Zeremonienmeister für alle Formen der Wahrheit. Er würde alle Barrieren zwischen dem menschlichen Wesen und der natürlichen Entwicklung beseitigen. Von den natürlichen Ressourcen der Erde alle künstlichen Beschränkungen, damit der Körper genährt wird, und von der universellen Wahrheit alle Schranken von Vorurteilen und Aberglauben, damit sich der Geist symmetrisch entwickelt.

Anarchist*innen wissen, dass jeder großen, grundlegenden Veränderung in der Gesellschaft eine lange Periode der Bildung vorausgehen muss, daher glauben sie nicht an Wahlbetteln oder politische Kampagnen, sondern an die Entwicklung selbstdenkender Individuen.

Wir wenden uns von der Regierung ab, weil wir wissen, dass (legalisierte) Gewalt in die persönliche Freiheit des Menschen eindringt, sich der natürlichen Elemente bemächtigt und zwischen den Menschen und den natürlichen Gesetzen eingreift; aus dieser Ausübung von Gewalt durch die Regierungen fließt fast all das Elend, die Armut, das Verbrechen und die Verwirrung, die in der Gesellschaft existieren.

Wir sehen also, dass es tatsächliche, materielle Barrieren gibt, die den Weg blockieren. Diese müssen beseitigt werden. Wenn wir hoffen könnten, dass sie wegschmelzen, weggewählt oder ins Nichts gebetet werden, würden wir uns damit begnügen, zu warten, zu wählen und zu beten. Aber sie sind wie große Felsen, die sich zwischen uns und einem Land der Freiheit auftürmen, während hinter uns die dunklen Abgründe einer hart erkämpften Vergangenheit gähnen. Sie mögen durch ihr eigenes Gewicht und den Verfall der Zeit zerbröckeln, aber still darunter zu stehen, bis sie fallen, bedeutet, im Absturz begraben zu werden.

In einem Fall wie diesem muss etwas getan werden – die Felsen müssen entfernt werden. Passivität, während sich die Sklaverei über uns stiehlt, ist ein Verbrechen. Für den Moment müssen wir vergessen, dass wir Anarchist*innen sind — wenn die Arbeit vollbracht ist, können wir vergessen, dass wir Revolutionär*innen waren — daher glauben die meisten Anarchist*innen, dass die kommende Veränderung nur durch eine Revolution erfolgen kann, weil die besitzende Klasse eine friedliche Veränderung nicht zulassen wird; dennoch sind wir bereit, für den Frieden um jeden Preis zu arbeiten, außer um den Preis der Freiheit.

Und was ist mit dem leuchtenden Jenseits, das so hell ist, dass diejenigen, die die Gesichter der Armen schleifen, sagen, es sei ein Traum? Es ist kein Traum, es ist das Reale, entkleidet von den Verzerrungen des Gehirns, materialisiert in Thronen und Gerüsten, Mitren und Kanonen. Es ist die Natur, die nach ihren eigenen inneren Gesetzen handelt, wie in all ihren anderen Vereinigungen. Es ist eine Rückkehr zu den ersten Prinzipien; denn waren nicht das Land, das Wasser und das Licht frei, bevor Regierungen Gestalt und Form annahmen? In diesem freien Zustand werden wir wieder vergessen, diese Dinge als "Eigentum" zu betrachten. Es ist real, denn wir, als Spezies, wachsen dazu heran. Die Idee von weniger Einschränkung und mehr Freiheit, und ein Vertrauen, dass die Natur ihrer Arbeit gewachsen ist, durchdringt das gesamte moderne Denken.

Von den dunklen Jahren — die noch gar nicht so lange zurückliegen — als man allgemein glaubte, dass die Seele des Menschen völlig verdorben und jeder menschliche Impuls schlecht sei; als jede Handlung, jeder Gedanke und jedes Gefühl kontrolliert und eingeschränkt wurde; als der kranke menschliche Körper ausgeblutet, dosiert, erstickt und so weit wie möglich von den Heilmitteln der Natur ferngehalten wurde; als der Verstand ergriffen und entstellt wurde, bevor er Zeit hatte, einen natürlichen Gedanken zu entwickeln — von diesen Tagen bis zu diesen Jahren ist der Fortschritt dieser Idee schnell und stetig gewesen. Es wird immer deutlicher, dass wir in jeder Hinsicht "am besten regiert werden, wo wir am wenigsten regiert werden."

Vielleicht immer noch unzufrieden, suchen die Fragestellenden nach Details, nach Mitteln und Wegen, nach dem Warum und Wozu. Wie werden wir als menschliche Wesen weiterleben — essen und schlafen, arbeiten und lieben, tauschen und handeln — ohne Regierung? Wir haben uns so sehr an die "organisierte Autorität" in jedem Bereich des Lebens gewöhnt, dass wir uns normalerweise nicht vorstellen können, dass die alltäglichsten Beschäftigungen ohne ihre Einmischung und ihren "Schutz" ausgeführt werden können. Aber der Anarchismus ist nicht gezwungen, eine vollständige Organisation einer freien Gesellschaft zu skizzieren. Dies mit der Annahme einer Autorität zu tun, würde bedeuten, den kommenden Generationen eine weitere Barriere in den Weg zu

legen. Der beste Gedanke von heute kann zum nutzlosen Einfall von morgen werden, und es in ein Glaubensbekenntnis zu kristallisieren, würde es schwerfällig machen.

Aus Erfahrung wissen wir, dass der Mensch ein geselliges Tier ist und sich instinktiv mit seinesgleichen zusammenschließt, sich in Gruppen zusammenschließt und mit seinen Mitmenschen zusammen besser arbeitet als allein. Dies würde auf die Bildung von kooperativen Gemeinschaften hinweisen, von denen unsere gegenwärtigen Gewerkschaften die Vorläufer sind. Jeder Industriezweig wird zweifellos seine eigene Organisation, sein eigenes Reglement, seine eigenen Führenden usw. haben; er wird Methoden der direkten Kommunikation mit jedem Mitglied dieses Industriezweigs in der Welt einführen und gleichberechtigte Beziehungen mit allen anderen Zweigen herstellen. Es würde wahrscheinlich Kongresse der Industrie geben, an denen die Delegierten teilnehmen würden, und wo sie solche Geschäfte abwickeln würden, die notwendig sind, sich vertagten und von diesem Moment an nicht mehr Delegierte, sondern einfach Mitglieder einer Gruppe wären. Ständige Mitglieder eines kontinuierlichen Kongresses zu sein, würde bedeuten, eine Macht zu etablieren, die früher oder später mit Sicherheit missbraucht werden würde.

Keine große, zentrale Macht, wie ein Kongress, der aus Menschen besteht, die nichts von den Berufen, Interessen, Rechten oder Pflichten ihrer Wähler*innenschaft wissen, würde über den verschiedenen Organisationen oder Gruppen stehen; noch würden sie Sheriffs, Cops, Gerichte oder Gefängniswärter*innen beschäftigen, um die während der Sitzung getroffenen Entscheidungen durchzusetzen. Die Mitglieder der Gruppen könnten von dem Wissen profitieren, das durch den gegenseitigen Gedankenaustausch, der durch die Konventionen ermöglicht wird, gewonnen wird, wenn sie wollen, aber sie werden nicht durch irgendeine äußere Kraft dazu gezwungen werden.

Besitzstand, Privilegien, Chartas, Eigentumsurkunden, aufrechterhalten durch all die Paraphernalia der Regierung — das sichtbare Symbol der Macht — wie Gefängnis, Schafott und Armeen, werden keine Existenz haben. Es kann keine Privilegien geben, die gekauft oder verkauft werden, und die Transaktion an der Spitze des Bajonetts heilig gehalten werden. Jeder Mensch wird im Wettlauf des Lebens gleichberechtigt mit seinen Geschwistern stehen, und weder die Ketten der wirtschaftlichen Knechtschaft noch die niederen Fesseln des Aberglaubens werden die eine Person zum Vorteil der anderen behindern.

Das Eigentum wird ein bestimmtes Attribut verlieren, das es jetzt heiligt. Das absolute Eigentumsrecht — "das Recht, es zu nutzen oder zu missbrauchen" — wird abgeschafft werden, und der Besitz, der Gebrauch, wird der einzige Anspruch sein. Es wird sich zeigen, wie unmöglich es für eine Person wäre, eine

Million Morgen [ein Flächenmaß] Land zu "besitzen", ohne eine Besitzurkunde, unterstützt von einer Regierung, die bereit ist, den Titel unter allen Umständen zu schützen, sogar unter Einsatz von Tausenden von Menschenleben. Die Person könnte die Million Morgen nicht selbst nutzen, noch könnte sie die möglichen Ressourcen, die es enthält, aus ihren Tiefen herausreißen.

Die Menschen haben sich so sehr daran gewöhnt, die Evidenz der Autorität an jeder Hand zu sehen, dass die meisten von ihnen ehrlich glauben, dass sie völlig zum Schlechten übergehen würden, wenn es nicht den Schlagstock der Polizei oder das Bajonett des Militärs gäbe. Aber die Anarchist*innen sagen: "Entfernt diese Evidenzen der rohen Gewalt und lasst den Menschen die belebenden Einflüsse der Selbstverantwortung und Selbstkontrolle spüren, und seht, wie wir auf diese besseren Einflüsse reagieren werden."

Der Glaube an einen buchstäblichen Ort der Qualen ist fast weggeschmolzen; und anstelle der vorhergesagten schrecklichen Ergebnisse haben wir einen höheren und wahreren Standard der Menschheit. Die Menschen haben kein Interesse daran, das Schlechte zu tun, wenn sie feststellen, dass sie es können oder auch nicht. Die Individuen sind sich ihrer eigenen Motive, Gutes zu tun, nicht bewusst. Während sie ihre Natur entsprechend ihrer Umgebung und ihren Bedingungen ausleben, glauben sie immer noch, dass sie von irgendeiner äußeren Macht auf dem richtigen Weg gehalten werden, irgendeiner Zurückhaltung, die ihnen von Kirche oder Staat auferlegt wird. So glauben die Verweigenden, dass sie mit dem für sie heiligen Recht, zu rebellieren und sich abzuspalten, für immer rebellieren und sich abspalten würden und dadurch ständige Verwirrung und Aufruhr erzeugen würden.

Ist es wahrscheinlich, dass sie das tun würden, nur aus dem Grund, dass sie es tun könnten? Der Mensch ist zu einem großen Teil ein Gewohnheitstier und entwickelt eine Vorliebe für Vereinigungen; unter einigermaßen guten Bedingungen würde der Mensch dort bleiben, wo er anfängt, wenn er es wollte, und wenn er es nicht wollte, wer hat irgendein natürliches Recht, ihn in Beziehungen zu zwingen, die ihm zuwider sind? Unter der gegenwärtigen Ordnung der Dinge schließen sich Menschen mit Gesellschaften zusammen und bleiben gute, uneigennützige Mitglieder auf Lebenszeit, denen das Recht auf Austritt immer zugestanden wird.

Wofür wir Anarchist*innen kämpfen, ist eine größere Möglichkeit, die Einheiten in der Gesellschaft zu entwickeln, dass die Menschheit das Recht hat, als gesundes Wesen das zu entwickeln, was am weitesten, edelsten, höchsten und besten ist, unbehindert durch irgendeine zentralisierte Autorität, wo sie darauf warten müssen, dass ihre Genehmigungen unterschrieben, besiegelt, genehmigt und ihnen ausgehändigt werden, bevor sie sich mit ihren Mitmenschen auf die aktive Ausübung des Lebens einlassen können. Wir

wissen, dass wir uns, je mehr wir unter dieser größeren Freiheit aufgeklärt werden, immer weniger um die exakte Verteilung des materiellen Reichtums kümmern werden, die in unseren von Gier geprägten Sinnen jetzt so unmöglich erscheint, dass wir daran achtlos denken. Der Mann und die Frau mit erhabenem Intellekt denken, in der Gegenwart, nicht so sehr an den Reichtum, den sie durch ihre Bemühungen erlangen, sondern an das Gute, das sie für ihre Mitgeschöpfe tun können.

In jedem Menschen, der nicht schon vor seiner Geburt von Armut und Schufterei erdrückt und eingeengt wurde, gibt es eine angeborene Quelle gesunden Handelns, die ihn vorwärts und aufwärts treibt. Er kann nicht untätig sein, wenn er will; es ist so natürlich für ihn, die Kräfte in sich zu entwickeln, zu erweitern und zu nutzen, wenn sie nicht unterdrückt werden, wie es für die Rose ist, im Sonnenlicht zu blühen und ihren Duft in die vorbeiziehende Brise zu werfen.

Die großartigsten Werke der Vergangenheit wurden nie um des Geldes willen vollzogen. Wer kann den Wert eines Shakespeare, eines Angelo oder Beethoven in Dollars und Cents messen? Agassiz sagte, "er hatte keine Zeit, Geld zu verdienen", es gab höhere und bessere Objekte im Leben als das. Und so wird es sein, wenn die Menschheit einmal von der drückenden Angst vor Hunger, Not und Sklaverei befreit ist. Sie wird sich immer weniger um den Besitz von riesigen Anhäufungen von Reichtum kümmern. Solche Besitztümer wären nur noch ein Ärgernis und eine Plage. Wenn zwei, drei oder vier Stunden leichte, gesunde Arbeit am Tag alle Annehmlichkeiten und Luxusgüter hervorbringen, die man gebrauchen kann, und die Gelegenheit zur Arbeit nie verweigert wird, werden die Menschen gleichgültig, wem der Reichtum gehört, den sie nicht brauchen.

Der Reichtum wird unter seinem Wert liegen und es wird sich herausstellen, dass Männer und Frauen ihn nicht gegen Bezahlung annehmen oder sich von ihm bestechen lassen, um das zu tun, was sie ohne ihn nicht freiwillig und natürlich tun würden. Ein höherer Anreiz muss und wird die Gier nach Gold ersetzen. Das unwillkürliche Streben des Menschen, das Beste aus sich selbst zu machen, von seinen Mitmenschen geliebt und geschätzt zu werden, "die Welt besser zu machen, weil er in ihr gelebt hat", wird ihn zu edleren Taten anspornen, als es der schäbige und selbstsüchtige Anreiz des materiellen Gewinns je getan hat.

Wenn in dem gegenwärtigen chaotischen und beschämenden Kampf ums Dasein, in dem die organisierte Gesellschaft eine Prämie für Gier, Grausamkeit und Betrug bietet, Menschen gefunden werden können, die abseits und fast allein in ihrer Entschlossenheit stehen, eher für das Gute als für das Gold zu arbeiten, die eher Not und Verfolgung erleiden, als dem Prinzip untreu zu

werden, die tapfer zum Schafott gehen können für das Gute, das sie der Menschheit tun können, was können wir dann von den Menschen erwarten, wenn sie von der drückenden Notwendigkeit befreit sind, den besseren Teil ihrer selbst für Brot zu verkaufen? Die schrecklichen Bedingungen, unter denen die Arbeit verrichtet wird, die schreckliche Alternative, wenn man Talent und Moral nicht im Dienste des Mammons prostituiert; und die Macht, die mit dem durch immer ungerechte Mittel erlangten Reichtum erworben wird, machen die Vorstellung von freier und freiwilliger Arbeit fast unmöglich.

Und doch gibt es auch heute noch Beispiele für dieses Prinzip. In einer gut erzogenen Familie hat jede Person bestimmte Pflichten, die freudig erfüllt werden und nicht nach irgendeinem vorher festgelegten Standard abgemessen und bezahlt werden; wenn die vereinten Mitglieder sich an den gut gefüllten Tisch setzen, drängeln sich die Stärkeren nicht, um das meiste zu bekommen, während die Schwächsten verzichten, oder gierig mehr Essen um sich herum sammeln, als sie überhaupt verzehren können. Jede Person wartet geduldig und höflich, bis sie an der Reihe ist, bedient zu werden, und lässt zurück, was sie nicht will; sie ist sicher, dass, wenn sie wieder hungrig ist, reichlich gutes Essen bereitgestellt wird. Dieses Prinzip kann auf die gesamte Gesellschaft ausgedehnt werden, wenn die Menschen anständig genug sind, dies zu wünschen.

Wiederum wird die völlige Unmöglichkeit, jeder Person eine exakte Gegenleistung für die geleistete Arbeit zukommen zu lassen, den absoluten Kommunismus früher oder später zu einer Notwendigkeit machen. Das Land und alles, was es enthält, ohne das die Arbeit nicht ausgeübt werden kann, gehört keinem einzelnen Menschen, sondern allen gleichermaßen. Die Erfindungen und Entdeckungen der Vergangenheit sind das gemeinsame Erbe der kommenden Generationen; und wenn ein Mensch den Baum nimmt, den die Natur frei zur Verfügung gestellt hat, und ihn in einen nützlichen Gegenstand oder eine Maschine verwandelt, die von vielen vergangenen Generationen vervollkommnet und ihm vermacht wurde, wer soll dann bestimmen, welcher Anteil ihm und nur ihm gehört? Die urtümlichen Menschen hätten eine Woche gebraucht, um mit ihren unbeholfenen Werkzeugen eine grobe Ähnlichkeit zu dem Gegenstand herzustellen, für den die modernen Arbeiter*innen eine Stunde gebraucht haben. Der fertige Artikel ist von weitaus höherem Wert als der vor langer Zeit hergestellte, und doch hat der urtümliche Mensch am längsten und am härtesten geschuftet.

Wer kann mit genauer Gerechtigkeit bestimmen, was einer jeden Person zusteht? Es muss eine Zeit kommen, in der wir aufhören werden, es zu versuchen. Die Erde ist so reichhaltig, so großzügig; das Gehirn des Menschen ist so aktiv, seine Hände so rastlos, dass der Reichtum wie von Zauberhand entstehen wird, bereit für den Gebrauch der Bewohnenden der Welt. Wir

werden uns genauso schämen, über ihren Besitz zu streiten, wie wir uns jetzt schämen über das Essen zu streiten, das vor uns auf einem beladenen Tisch ausgebreitet ist.

"Aber all das", drängen die Opponent*innen, "ist sehr schön in der fernen Zukunft, wenn wir zu Engeln werden. Es würde jetzt nicht reichen, Regierungen und gesetzliche Einschränkungen abzuschaffen; die Menschen sind nicht darauf vorbereitet."

Das ist eine Frage. Wir haben bei der Lektüre der Geschichte gesehen, dass überall dort, wo eine Beschränkung aus alter Zeit aufgehoben wurde, das Volk seine neuere Freiheit nicht missbraucht hat. Einst hielt man es für notwendig, die Menschen zu zwingen, ihre Seelen zu retten, mit Hilfe von staatlichen Schafotten, Kirchengestellen und Pfählen. Bis zur Gründung der amerikanischen Republik wurde es als absolut notwendig erachtet, dass die Regierungen die Bemühungen der Kirche unterstützen, indem sie die Menschen dazu zwingen, die Mittel der Gnade zu besuchen; und doch stellt man fest, dass der Standard der Moral unter den Massen angehoben wird, seit sie frei sind, zu beten, wie sie es für richtig halten, oder gar nicht, wenn sie es vorziehen. Man glaubte, dass die Sklav*innen nicht mehr arbeiten würden, wenn der Aufseher und die Peitsche wegfielen; sie sind jetzt eine so viel größere Profitquelle, dass die ehemaligen Sklav*innenbesitzenden nicht zum alten System zurückkehren würden, wenn sie könnten.

So viele fähige Autor*innen haben gezeigt, dass die ungerechten Institutionen, die so viel Elend und Leid über die Massen bringen, ihre Wurzel in den Regierungen haben und ihre ganze Existenz der von der Regierung abgeleiteten Macht verdanken, dass wir nicht anders können, als zu glauben, dass, wenn jedes Gesetz, jede Eigentumsurkunde, jedes Gericht und jede*r Polizist*in oder Soldat*in morgen mit einem Schlag abgeschafft würde, wir besser dran wären als jetzt. Die eigentlichen, materiellen Dinge, die der Mensch braucht, würden immer noch existieren; seine Kraft und Geschicklichkeit würden bleiben und seine instinktiven sozialen Neigungen ihre Kraft behalten, und die Ressourcen des Lebens würden für alle Menschen so frei gemacht, dass sie keine andere Kraft als die der Gesellschaft und die Meinung ihrer Mitmenschen brauchen würden, um sie moralisch und aufrecht zu halten.

Befreit von den Systemen, die sie vorher unglücklich gemacht haben, werden die Menschen sich aus Mangel an ihnen nicht noch unglücklicher machen. In dem Gedanken, dass die Umstände die Menschen zu dem machen, was sie sind, und nicht die Gesetze und Strafen, die zu ihrer Führung gemacht wurden, ist viel mehr enthalten, als durch unachtsame Beobachtung angenommen wird. Wir haben genug Gesetze, Gefängnisse, Gerichte, Armeen, Gewehre und Waffenkammern, um aus uns allen Heilige zu machen, wenn sie die wahren

Verhinderer des Verbrechens wären; aber wir wissen, dass sie das Verbrechen nicht verhindern; dass Bosheit und Verderbtheit trotz ihnen existieren, ja sogar zunehmen, wenn der Kampf zwischen den Klassen härter wird, der Reichtum größer und mächtiger und die Armut kargerer und verzweifelter.

Zu der regierenden Klasse sagen die Anarchist*innen: "Meine Herren, wir verlangen kein Privileg, wir schlagen keine Einschränkung vor; und andererseits werden wir sie auch nicht zulassen. Wir haben keine neuen Fesseln vorzuschlagen, wir suchen die Emanzipation von den Fesseln. Wir bitten nicht um gesetzgeberische Sanktionen, denn die Kooperation bittet nur um ein freies Feld und keine Vergünstigungen; noch werden wir ihre Einmischung erlauben. In der Freiheit der sozialen Einheit liegt die Freiheit des sozialen Zustandes. In der Freiheit den Boden zu besitzen und zu nutzen liegt das soziale Glück und der Fortschritt und der Tod der Miete. Ordnung kann nur dort existieren, wo Freiheit herrscht, und Fortschritt eilt der Ordnung voraus und folgt ihr niemals. Schließlich wird diese Emanzipation die Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit einleiten. Dass das existierende industrielle System über seine Nützlichkeit hinausgewachsen ist, wenn es überhaupt jemals eine hatte, wird, glaube ich, von allen zugegeben, die sich ernsthaft mit dieser Phase der sozialen Bedingungen beschäftigt haben.

Die Manifestationen der Unzufriedenheit, die sich jetzt auf allen Seiten abzeichnen, zeigen, dass die Gesellschaft nach falschen Prinzipien geführt wird und dass bald etwas getan werden muss, oder die Lohnklasse wird in eine Sklaverei versinken, die schlimmer ist als die der feudalen Leibeigenen. Ich sage zur Lohnklasse: Denkt klar und handelt schnell, sonst seid ihr verloren. Streike nicht für ein paar Cent mehr pro Stunde, denn die Lebenshaltungskosten werden noch schneller steigen, sondern streike für alles, was du verdienst, sei mit nichts weniger zufrieden.

Anarchismus / Intersektionalität / Dekolonisierung

Afrofuturist Abolitionists of the Americas

Für Anarkatas sind Schwarzer Intersektionaler Feminismus und Dekolonisierung keine optionalen ideologischen Positionen. Zusammen sind sie hilfreich, um die Komplexität von systematischem Ableismus, Cis-Hetero- Patriarchat, Transmisogynie, Rassismus, Anti-Indigenität, Imperialismus, Kolonialismus, Armut, Klasse, Land, Eigentum, Abschaffung von Gefängnissen, kulturellem Diebstahl, Ausbeutung und Kapitalismus zu adressieren, indem sie eine Karte zu den Bereichen der Notwendigkeit und einen Handlungskurs liefern. Inspirierend und inspiriert durch die Prinzipien des Anarchismus und spezifischer durch unsere eigenen Schwarzen anarchistischen Traditionen, sollte die Zentrierung dieser Kämpfe und Analysen auf konkrete Weise den Kern unseres Fokus und unserer Bemühungen bilden.

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Anarchismus

Dies ist der erste Filter, den wir auf eine Reihe von Bedingungen anwenden werden, um zu einer Handlungsweise zu gelangen. Anarchismus wird heute so verstanden, dass er alle antirassistischen, antiautoritären, antistaatlichen, gegen Unterdrückung gerichteten usw. Kämpfe umfasst, aber die Kerngedanken des Anarchismus (Antiautoritarismus, Antistaatlichkeit, Horizontalismus, Dezentralisierung, gegenseitige Hilfe) werden routinemäßig idealisiert und auf eine einheitlich farbenblinde, universalistische Weise dargestellt. Universalismus, wie er von denjenigen gedacht wird, die im weißen Identitätskonstrukt gefangen sind, kann niemals wirklich universell sein, und es könnte argumentiert werden, dass der Drang, Phänomene zu universalisieren, selbst ein Schutzmechanismus des weißen Identitätskonstrukts ist. In jedem Fall gibt uns der Anarchismus einen groben Entwurf für das Ergebnis, das wir wollen, und die Fallstricke, die es zu vermeiden gilt. Anarchismus in diesem Sinne ist ein Ideal. Aber es kann nicht eine Einheitsgröße für alle sein. Als nächstes müssen wir das Ideal mit dem vergleichen, was wir tatsächlich sehen.

Um das zu tun, brauchen wir ein Werkzeug, mit dem wir die materiellen Bedingungen analysieren können. Dieses Werkzeug ist Intersektionalität.

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Intersektionalität

Unser zweiter Filter ist die intersektionale Analyse. Intersektionalität, geprägt und beleuchtet von Kimberle Censhaw und insbesondere der Schwarzen feministischen Identitätspolitik des Combahee River Collective, wuchs aus dem Wunsch heraus, den Marxismus mit den einzigartigen Erfahrungen Schwarzer Frauen in Einklang zu bringen. Wie der Anarchismus der alten Schule lieferte der Marxismus eine grobe Blaupause für die Strukturen des Klassenkampfes unter einfacheren Bedingungen; die am meisten Unterdrückten waren in der Position zu sehen, dass er ein ernsthaftes Upgrade brauchte.

Intersektionalität ist ein Mikroskop. Es erlaubt uns, jede gegebene Situation auf einer strukturellen, multidimensionalen Ebene zu analysieren und zum Ort der am meisten zusammengesetzten Unterdrückungen zu steuern. Auf diese Weise können wir das Monster näher an der Quelle angreifen und durch die Perspektiven und die Führung der intersektionell Unterdrückten, insbesondere der Schwarzen Frauen, der größten Gruppe von Menschen angemessene Hilfe zukommen lassen, angefangen bei denen, die sie am meisten brauchen. Intersektionale Analyse ist unverzichtbar in der Konfliktlösung, der Ressourcenverteilung, dem Navigieren zwischenmenschlicher Beziehungen und der Repräsentation, um nur einige Anwendungsbereiche zu nennen. Es sollte offensichtlich sein, dass die intersektionale Analyse zwar an der universalisierten Flachheit der anarchistischen und marxistischen Doktrin kratzt, aber anarchistische und marxistische Analysen für die intersektionale Analyse besser sind; tatsächlich stärkt die intersektionale Analyse sowohl den Marxismus als auch den Anarchismus.

Nun, da wir die Bedingungen durch eine intersektionale Linse analysiert haben, müssen wir uns für eine Handlungsweise entscheiden. Dieser Handlungsweg ist der Weg der Dekolonisierung. Dekolonisierung ist zentral für die Anarkata- Praxis.

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Dekolonisierung

Dekolonisierung ist unser dritter analytischer Filter, unsere Praxis und unser unmittelbares materielles Ziel in einem.

Durch die Analyse der materiellen Bedingungen haben wir gesehen, dass das einzige Heilmittel die vollständige Abschaffung der bestehenden Strukturen der Unterdrückung ist. Wir haben gesehen, dass die Beziehung zwischen Unterdrückenden und Unterdrückten und dem Planeten unerträglich, unhaltbar, unversöhnlich und unreformierbar ist und um Platz für die Welt zu schaffen, die wir sehen wollen, den Traum von einer Welt, die nicht auf unserer

Unterdrückung aufgebaut ist, müssen wir die alte wegfegen. Das ist die Bedeutung von Dekolonisation. Dekolonisation ist keine Rückkehr; wir können niemals zurückkehren. Was bleibt, ist das zu nehmen, was uns jetzt gehört und die Welt zu bauen, in der wir jetzt leben wollen. Wir tun dies mit allen notwendigen Mitteln. Indem wir aufhören, für die Blicke der Weißen zu funktionieren oder den Unterdrückenden noch mehr freie Arbeit zu liefern. Indem wir unsere radikale Geschichte lernen. Die Gültigkeit des weißen cis- hetero-patriarchalen Identitätskonstrukts (die "Norm") wird in Frage gestellt, lächerlich gemacht und verspottet. Unsere eigenen Identitäten werden in ihrer Vielfältigkeit gefeiert. Alle akzeptierten Normen werden in Frage gestellt und in einen Dekolonisierungskontext gestellt. Dies sind dekolonisierende Imperative, die aus den ontologischen Bedürfnissen der Unterdrückten entstehen und in keiner Weise von den Kolonisator*innen missbraucht oder diktiert werden können. Dekolonisierung ist kein höflicher oder abstrakter Prozess; für die Unterdrückenden ist sie unhöflich, unpassend, gegnerisch, konträr, gemein, emotional, unverständlich, etc. Für die Unterdrückten ist jeder Tropfen Verachtung, der in unserem Namen auf die Unterdrückenden gehäuft wird, ein Zeichen der Liebe. Dekolonisierung verlangt Furchtlosigkeit unter dem Blick der weißen Vorherrschenden. Dekolonisation ist eine konstante Praxis, die eine radikale Haltung erfordert. Volle Dekolonisierung ist militant, oft blutig.

Mittlerweile haben unsere Filter das Bild unserer anarchistischen Stadt auf dem Hügel verzerrt. Die Ränder sind unschärfer geworden, die Mauern haben einige Risse offenbart. Die Welt, von der wir uns wünschen, dass sie existiert, liegt in weiter Ferne. Die reale Welt hat uns einige Steine in den Weg gelegt (Rassismus, Sexismus, Ableismus, raciale Machtdynamik usw.), mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, Dinge, die wir auch strukturell angreifen müssen, bevor wir anfangen können, die Welt zu haben, die wir wollen. Unterschiedliche Zeiten, Orte und Populationen haben unterschiedliche materielle Bedingungen und wir müssen Menschen treffen, die dort bauen wollen, wo sie sind und mit den Werkzeugen arbeiten, die uns zur Verfügung stehen.

"Dekolonisierung findet nie unbemerkt statt, denn es fokussiert und verändert das Sein grundlegend und verwandelt die auf einen unwesentlichen Zustand gequetschten Zuschauende in privilegierte Akteur*innen, die auf geradezu grandiose Weise vom Scheinwerferlicht der Geschichte erfasst werden. Es bringt einen neuen Rhythmus hervor, der einer neuen Generation von Menschen eigen ist, mit einer neuen Sprache und einer neuen Menschlichkeit. Die Dekolonisierung ist wahrlich die Erschaffung neuer Menschen. Aber eine solche Schöpfung kann nicht einer übernatürlichen Macht zugeschrieben werden: Das "Ding", das kolonisiert wurde, wird zu einem menschlichen durch den Prozess der Befreiung selbst." – Frantz Fanon

Der Mythos des "umgekehrten Rassismus"

Lorenzo Kom'boa Ervin

"Umgekehrte Diskriminierung" ist zum Schlachtruf all jener Rassist*innen geworden, die versuchen, die Errungenschaften der Bürger*innenrechte, die Schwarze und andere unterdrückte Nationalitäten in den Bereichen Wohnen, Bildung, Arbeit und in jedem Aspekt des sozialen Lebens errungen haben, zurückzudrängen. Die Rassist*innen haben das Gefühl, dass diese Dinge nur weißen Männern zustehen sollten und dass "Minderheiten" und Frauen sie den weißen Männern wegnehmen. Millionen von weißen Arbeiter*innen werden tagtäglich mit dieser rassistischen Propaganda bombardiert, und sie hat große Auswirkungen. Viele Weiße glauben an diese Lüge der umgekehrten Diskriminierung von Weißen. Dieser Glaube wird von vielen weißen Arbeiter*innen angenommen, die die "umgekehrte Diskriminierung" zumindest teilweise für die wirtschaftlichen Probleme verantwortlich machen, unter denen so viele von ihnen heute leiden. Solche Überzeugungen trieben Ronald Reagan zu seinen zwei Amtszeiten als US-Präsident. Reagan versuchte, diese rassistische Propagandalinie zu nutzen, um die Errungenschaften der Bürger*innenrechte der unterdrückten Nationalitäten zurückzudrängen.

Die Rassist*innen behaupten, das Konzept der umgekehrten Diskriminierung suggeriere, dass die pauschale Diskriminierung von Schwarzen und anderen racial unterdrückten Gruppen ein Schwindel sei. Grob gesagt ist die Idee, dass die Verabschiedung des Bürger*innenrechtsgesetzes von 1964 die Diskriminierung von Schwarzen, Latinx und anderen Nationalitäten sowie Frauen beendete und das Gesetz nun die Weißen diskriminiert. Die Rassist*innen sagen, dass raciale Minderheiten die neuen privilegierten Gruppen in der amerikanischen Gesellschaft sind. Sie bekommen angeblich die besten Jobs, bevorzugte Collegeplätze, die besten Wohnungen, staatliche Zuschüsse und so weiter auf Kosten der weißen Arbeiter*innen. Die Rassist*innen sagen, dass Programme zur Beendigung der Diskriminierung nicht nur unnötig sind, sondern tatsächlich Versuche von Minderheiten sind, auf

Kosten der weißen Arbeiter*innen Macht zu erlangen. Sie sagen, Schwarze und Frauen wollen keine Gleichheit, sondern die Hegemonie über weiße Arbeiter*innen.

Eine anarchistische, antirassistische Bewegung würde solcher Propaganda entgegentreten und sie als Waffe der herrschenden Klasse entlarven. Der Civil Rights Act hat keine Inflation durch "exzessive" Ausgaben für Sozialhilfe, Wohnraum oder andere soziale Dienste verursacht. Außerdem diskriminieren Schwarze nicht die Weißen: Weiße werden nicht in Ghetto-Wohnungen getrieben, aus Berufen entfernt oder ihnen wird der Zugang zu ihnen verwehrt, eine anständige Ausbildung vorenthalten, zu Unterernährung und frühem Tod gezwungen, racialer Gewalt und polizeilicher Repression ausgesetzt, gezwungen, ein unverhältnismäßig hohes Maß an Arbeitslosigkeit zu erleiden und andere Formen der racialen Unterdrückung. Aber für Schwarze beginnt die Unterdrückung mit der Geburt und der Kindheit. Die Kindersterblichkeitsrate ist fast dreimal so hoch wie die von Weißen, und sie setzt sich während ihres gesamten Lebens fort. Tatsache ist, dass "umgekehrte Diskriminierung" ein Schwindel ist. Anti-Schwarze Diskriminierung ist nicht eine Sache der Vergangenheit. Sie ist heute die systematische, alles durchdringende Realität!

Malcolm X wies in den 1960er Jahren darauf hin, dass keine Bürger*innenrechtsgesetze den Schwarzen ihre Freiheit geben werden, und fragte, wenn Afrikaner*innen in Amerika wirklich Bürger*innen wären, warum wären dann Bürger*innenrechte notwendig. Malcolm X bemerkte, dass die Bürger*innenrechte unter großen Opfern erkämpft worden waren und deshalb durchgesetzt werden sollten, aber wenn die Regierung die Gesetze nicht durchsetzen will, dann muss das Volk dies tun und die Bewegung muss Druck auf die Regierungsbehörden ausüben, um die demokratischen Rechte zu schützen. Um die Menschenmassen hinter einer antirassistischen Bewegung der Arbeiter*innenklasse zu vereinen, sind folgende praktische Forderungen notwendig, die eine Kombination aus revolutionärem und radikalem Reformismus sind, um demokratische Rechte zu sichern:

1.

Solidarität zwischen Schwarzen und weißen Arbeiter*innen. Kampf gegen Rassismus am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft.

1.

Volle demokratische und menschliche Rechte für alle nicht-weißen Völker. Gewerkschaften dazu bringen, Rassismus und Diskriminierung zu bekämpfen.

1.

Bewaffnete Selbstverteidigung gegen rassistische Angriffe. Massenbewegung gegen Rassismus und Faschismus aufbauen.

1.

Gemeinschaftskontrolle der Polizei, Ersatz der Cops durch kommunale Selbstverteidigungskräfte, die von den Einwohnenden gewählt werden. Beendigung der Polizeigewalt. Strafverfolgung aller mordenden Cops.

1.

Geld für den Wiederaufbau der Städte. Schaffung von öffentlichen Arbeitsbrigaden zum Wiederaufbau der Innenstädte, die sich aus den Bewohnenden der Gemeinschaften zusammensetzen.

1.

Volle gesellschaftlich nützliche Beschäftigung zu Gewerkschaftslöhnen für alle Arbeiter*innen. Beendigung der racialen Diskriminierung bei Jobs, Ausbildung und Beförderung. Programme einführen, um rassistische Beschäftigungspraktiken der Vergangenheit rückgängig zu machen.

1.

Verbot des Ku Klux Klan, der Nazis und anderer faschistischer Organisationen. Strafverfolgung aller Rassist*innen für Angriffe auf People of Colour.

1.

Freier, offener Zugang zu allen Bildungseinrichtungen für alle, die sich dafür qualifizieren. Keine raciale Ausgrenzung in der höheren Bildung.

1.

Beendigung der Besteuerung von Arbeiter*innen und Armen. Besteuerung der Reichen und Großkonzerne.

1.

Volle Gesundheits- und medizinische Versorgung für alle Menschen und Gemeinschaften, unabhängig von Race und Klasse.

1.

Befreiung aller politischen Gefangenen und unschuldigen Opfer racialer Ungerechtigkeit. Abschaffung der Gefängnisse. Wirtschaftliche Ungleichheit bekämpfen.

1.

Demokratische Kontrolle der Gewerkschaften durch den Aufbau einer anarcho-syndikalistischen Arbeiter*innenbewegung. Gewerkschaften in sozialen Fragen aktiv machen.

1.

Beendigung der rassistischen Belästigung und Diskriminierung von Arbeiter*innen ohne Papiere.

Anarchie ohne Fahrplan und Adjektive

Aragorn!

Die meisten Tendenzen innerhalb anarchistischer Kreise haben eine enge Vorstellung davon, was genau Anarchist*innen ausmacht, was ein anarchistisches Projekt ist und wie die Transformation zu einer anarchistischen Welt aussehen soll. Ob grün oder rot, kommunistisch oder individualistisch, aktivistisch oder kritisch, Anarchist*innen verbringen genauso viel Zeit damit, ihre eigenen spekulativen Positionen zu diesen komplizierten Themen zu verteidigen, wie sie lernen, was andere zu bieten haben – vor allem andere Anarchist*innen.

Als Ergebnis stellen viele fest, dass sie es vorziehen würden, ihre politischen und sozialen Projekte außerhalb von anarchistischen Kreisen zu machen. Entweder denken sie, dass ihr spezielles Projekt für Anarchist*innen uninteressant ist, aber sie glauben, dass es trotzdem wichtig ist (wie bei den meisten progressiven Aktivist*innen) oder sie genießen die Gesellschaft von Anarchist*innen und die Art von Spannung, die die Arbeit mit Anarchist*innen mit sich bringt, nicht besonders. Beide Gründe sind fast ausschließlich auf das tiefe Misstrauen zurückzuführen, das Anarchist*innen gegenüber den Programmen anderer Anarchist*innen hegen.

Es gab einmal einen anarchistischen Aufruf für einen „Anarchismus ohne Adjektive", der sich auf eine Doktrin bezog, die die Koexistenz verschiedener Schulen des anarchistischen Denkens tolerierte. Anstatt den Anarchismus als kollektivistisch, kommunistisch oder individualistisch zu qualifizieren, weigerte sich der Anarchismus ohne Adjektive, ökonomische Lösungen für eine postrevolutionäre Zeit vorzudenken. Stattdessen argumentierte der Anarchismus ohne Adjektive, dass die Abschaffung der Autorität und nicht das Gezänk um die Zukunft von primärer Bedeutung ist.

Heute gibt es genauso viele (wenn nicht mehr) Meinungsverschiedenheiten darüber, wie die Abschaffung der Autorität aussehen soll, wie es vor hundertzwanzig Jahren Meinungsverschiedenheiten über die Frage des ökonomischen Programms für die Zeit nach der Revolution gab. Anarchistische

Aktivist*innen („Organisator*innen") glauben, dass eine Macht von unten die Autorität abschaffen wird. Klassenkämpferische Anarchist*innen glauben, dass die Arbeiter*innenklasse die Autorität der kapitalistischen Gesellschaft beenden wird. Zusammenbruchstheoretiker*innen glauben, dass die ökonomischen und ökologischen Bedingungen unweigerlich zu einer sozialen Transformation und einem Ende der Autorität führen werden.

Andererseits glauben viele Anarchist*innen nicht, dass die Abschaffung der Autorität für Anarchist*innen überhaupt von primärer Bedeutung ist. Ihre Argumente sind, dass Autorität nicht einfach verstanden werden kann (sie ist sowohl Kapitalismus als auch der Staat und keines von beiden). Dass Anarchist*innen nicht die (politische, soziale, personelle oder materielle) Macht haben, diese Abschaffung herbeizuführen, und dass Autorität sich in etwas viel Diffuseres verwandelt hat als die König*innen und Monopolist*innen des 19. Jahrhunderts. Wenn Autorität heute am besten als ein Spektakel verstanden werden kann, dann ist sie sowohl diffus als auch konzentriert. Diese Flexibilität seitens der Spektakelgesellschaft hat dazu geführt, dass das Bemühen um die Abschaffung der Autorität (und die Praxis vieler Anarchist*innen) um ihrer selbst willen als utopisch und (spektakulär) lächerlich wahrgenommen wird.

Anarchist*innen aller Couleur sind sich einig, dass die revolutionären Programme der Vergangenheit weit hinter der totalen Befreiung der Unterdrückten zurückgeblieben sind. Linke glauben, dass die Programme wahrscheinlich richtig gewesen wären, aber dass der Zeitpunkt und die Bedingungen falsch waren. Viele andere Anarchist*innen glauben, dass die Zeit der Programme vorbei ist. Diese Perspektiven sind in der Geschichte des Anarchismus vertreten und sind die Quelle endloser Auseinandersetzungen bei der Gründung von und bei Treffen von anarchistischen Gruppen.

Die Geschichte sollte genutzt werden, um den Kontext dieser unterschiedlichen Perspektiven darzustellen, wird aber stattdessen als Beweis für das eine oder andere gesehen. Anstatt zu versuchen, einander zu verstehen, zu kommunizieren, scheinen wir die Gelegenheit unseres Mangels an Erfolg zu nutzen, um unsere Positionen zu fixieren und für abnehmende Erträge zu argumentieren.

Wenn Anarchie keinen Fahrplan hat, dann sind wir (als Anarchist*innen) frei, zusammen zu arbeiten. Unsere Projekte sind vielleicht nicht von der gleichen Größenordnung wie der Generalstreik oder sogar das Anhalten des Geschäftsbetriebs in einer großen Metropole, aber sie wären anarchistische Projekte. Eine Anarchie ohne Fahrplan oder Adjektive könnte eine sein, in der der Kontext der Entscheidungen, die wir gemeinsam treffen, von uns selbst geschaffen wird, anstatt uns aufgezwungen zu werden. Es könnte eine Anarchie des Jetzt sein und nicht die Hoffnung auf ein anderes Morgen. Sie würde die

Last des Vertrauensaufbaus auf diejenigen legen, die tatsächlich ein gemeinsames politisches Ziel haben (die Abschaffung des Staates und des Kapitalismus), anstatt auf diejenigen, die überhaupt kein Ziel haben oder deren Ziel im Gegensatz zu einem anarchistischen steht.

Eine Anarchie ohne Fahrplan oder Adjektive ignoriert die Differenz nicht, sondern stellt sie in den Kontext, in den sie gehört. Wenn wir mit einem Moment extremer Spannung konfrontiert werden, wenn alles, was wir wissen, dabei zu sein scheint, sich zu verändern, dann können wir verschiedene Weggabelungen wählen. Bis dahin sollten Anarchist*innen mit der gleichen Naivität aufeinander zugehen, mit der wir auf die Welt zugehen. Wenn wir glauben, dass die Welt sich verändern kann und sich in eine radikale Richtung von der, die in den letzten paar tausend Jahren gegangen ist, verändern könnte, dann sollten wir ein gewisses Vertrauen in andere haben, die dasselbe wollen.

Besiege die weiße Vorherrschaft!

Lorenzo Kom'boa Ervin

Das eigentliche Mittel der Klassenkontrolle durch die Reichen ist das am wenigsten verstandene. Die weiße Vorherrschaft ist mehr als nur eine Reihe von Ideen oder Vorurteilen. Sie ist eine nationale Unterdrückung. Doch für die meisten Weißen beschwört der Begriff eher Bilder der Nazis oder des Ku-Klux- Klans herauf als das System der Privilegien der weißen Hautfarbe, das dem kapitalistischen System wirklich zugrunde liegt. Die meisten Weißen, Anarchist*innen eingeschlossen, glauben im Wesentlichen, dass Schwarze Menschen "gleich" sind wie Weiße und dass wir nur um "gemeinsame Themen" kämpfen sollten, anstatt uns mit "racialen Fragen" zu befassen, wenn sie überhaupt eine Dringlichkeit sehen, sich mit dem Thema zu befassen. Einige werden es nicht so unverblümt ansprechen, sie werden sagen, dass "Klassenfragen Vorrang haben sollten", aber es bedeutet das Gleiche. Sie glauben, dass es möglich ist, den Kampf gegen die weiße Vorherrschaft auf die Zeit nach der Revolution zu verschieben, obwohl es in Wirklichkeit keine Revolution geben wird, wenn die weiße Vorherrschaft nicht zuerst angegriffen und besiegt wird.

Sie werden keine Revolution in den USA gewinnen, solange sie nicht dafür kämpfen, das Los der Schwarzen und der unterdrückten Menschen zu verbessern, die ihrer demokratischen Rechte beraubt und als Arbeiter*innen super ausgebeutet werden. Fast seit den Anfängen der nordamerikanischen sozialistischen Bewegung wurde die einfältige ökonomistische Position, dass alles, was Schwarze und weiße Arbeiter*innen tun müssen, um eine Revolution zu führen, darin besteht, einen "gemeinsamen (ökonomischen) Kampf" zu führen, benutzt, um den Kampf gegen die weiße Vorherrschaft zu vermeiden. Tatsächlich hat die weiße Linke immer die chauvinistische Position eingenommen, dass, da die weiße Arbeiter*innenklasse ohnehin die revolutionäre Vorhut ist, warum sich um ein Thema kümmern, das "die Klasse spaltet"? Historisch gesehen haben Anarchist*innen das Thema "Rassenpolitik", wie es ein Anarchist bei der ersten Veröffentlichung dieses Pamphlets nannte, nicht einmal angesprochen.

Dabei ist es die kapitalistische Klasse, die Ungleichheit als Mittel zur Spaltung und Herrschaft über die gesamte Arbeiter*innenklasse schafft. Das Privileg der weißen Hautfarbe ist eine Form der Herrschaft des Kapitals über weiße Arbeitskräfte sowie über Arbeitskräfte unterdrückter Nationalitäten und bietet nicht nur materielle Anreize, um weiße Arbeiter*innen "freizukaufen" und sie gegen Schwarze und andere unterdrückte Arbeiter*innen aufzustellen. Dies erklärt die Gehorsamkeit der weißen Arbeiter*innen gegenüber dem Kapitalismus und dem Staat. Die weiße Arbeiter*innenklasse sieht ihren besser gestellten Zustand nicht als Teil des Systems der Ausbeutung. Nach jahrhundertelanger politischer und sozialer Indoktrination haben sie das Gefühl, dass ihre privilegierte Position gerecht und angemessen ist und darüber hinaus "verdient" wurde. Sie fühlen sich von den sozialen Errungenschaften nicht- weißer Arbeiter*innen bedroht, weshalb sie sich so vehement gegen Fördermaßnahmenpläne gewehrt haben, die Minderheiten bei Jobs und Einstellungen begünstigen und die jahrelange Diskriminierung gegen sie wiedergutmachen sollten. Das ist auch der Grund, warum weiße Arbeiter*innen die meisten Bürger*innenrechtsgesetze abgelehnt haben.

Dennoch ist es die tägliche Arbeit der weißen Vorherrschaft, die wir am energischsten bekämpfen müssen. Wir können nicht ignorant oder gleichgültig gegenüber dem Wirken von Race und Klasse in diesem System bleiben, so dass unterdrückte Arbeiter*innen weiterhin zu Opfern werden. Jahrelang wurden Schwarze von der kapitalistischen Industrie "zuerst eingestellt, zuerst gefeuert". Schwarze wurden sogar aus ganzen Industrien, wie dem Kohlebergbau, vertrieben. Doch die weißen Arbeitsbosse haben nie widersprochen oder für ihre Klassengeschwister interveniert, und sie werden es auch nicht tun, wenn sie nicht von weißen Arbeiter*innen an die Wand gedrückt werden.

Wie bereits erwähnt, gibt es materielle Anreize für diesen weißen Arbeiter*innenopportunismus: bessere Jobs, höhere Löhne, verbesserte Lebensbedingungen in weißen Gemeinschaften usw., kurz gesagt, was als "weißer Mittelklasse-Lebensstil" bekannt geworden ist. Das ist es, wofür die Arbeiter*innenschaft und die Linke immer gekämpft haben, nicht die Klassensolidarität, die einen Kampf gegen die weiße Vorherrschaft erfordern würde. Dieser Lebensstil basiert auf der Superausbeutung des nicht-weißen Sektors der heimischen Arbeiter*innenklasse sowie der vom Imperialismus ausgebeuteten Länder in aller Welt.

In Amerika hat der Klassenantagonismus schon immer racialen Hass als wesentlichen Bestandteil beinhaltet, aber er ist strukturell und nicht nur ideologisch. Da alle Institutionen, die Kultur und das sozioökonomische System des US-Kapitalismus auf der weißen Vorherrschaft beruhen, wie ist es dann möglich, die Herrschaft des Kapitals wirklich zu bekämpfen, ohne gezwungen

zu sein, die weiße Vorherrschaft zu besiegen? Die duale Ökonomie von Weißen oben und Schwarzen unten (sogar mit all den Klassenunterschieden unter Weißen) hat jedem Versuch radikaler sozialer Bewegungen erfolgreich widerstanden. Diese zögerlichen Reformer*innen haben um das Thema herumgetanzt. Obwohl sie Reformen durchgesetzt haben, in vielen Fällen hauptsächlich nur für weiße Arbeiter*innen, haben diese weißen Radikalen das System noch nicht gestürzt und den Weg zur sozialen Revolution geöffnet.

Der Kampf gegen das Privileg der weißen Haut erfordert auch die Ablehnung der Identifizierung von Nordamerikaner*innen als "weiße" Menschen, statt als Waliser*innen, Deutsche, Iren, etc. als deren nationale Herkunft. Diese Bezeichnung als "weiße Rasse" ist eine erfundene Supernationalität, die dazu dient, die soziale Bedeutung der europäischen Ethnien aufzublähen und sie als Werkzeuge im kapitalistischen Ausbeutungssystem einzusetzen. In Nordamerika hat weiße Haut immer Freiheit und Privilegien impliziert: die Freiheit, Arbeit zu bekommen, zu reisen, soziale Mobilität aus der geborenen Klassenzugehörigkeit heraus zu erlangen, und eine ganze Welt von eurozentrischen Privilegien. Bevor also eine soziale Revolution stattfinden kann, muss es eine Abschaffung der sozialen Kategorie der "weißen Rasse" geben.

Diese "weißen" Menschen müssen sich auf Klassenselbstmord und 'Rassenverrat' einlassen, bevor sie wirklich als Verbündete der Schwarzen und national unterdrückten Arbeiter*innen akzeptiert werden können; die ganze Idee hinter einer "weißen Rasse" ist Konformität und macht sie zu Kompliz*innen von Massenmord und Ausbeutung. Wenn die Weißen nicht selbst mit dem historischen Erbe von Kolonialismus, Sklaverei und Genozid belastet werden wollen, dann müssen sie dagegen rebellieren. Also müssen die "Weißen" die weiße Identität und ihr System der Privilegien anprangern und sie müssen darum kämpfen, sich selbst und ihre Beziehung zu anderen neu zu definieren. Solange die weiße Gesellschaft (durch den Staat, der von sich behauptet, im Namen der Weißen zu handeln) weiterhin alle Institutionen der Schwarzen Gemeinschaft unterdrückt und dominiert, wird es weiterhin raciale Spannungen geben und die Weißen im Allgemeinen werden weiterhin als Feind*innen angesehen.

Was also fangen Nordamerikaner*innen an zu tun, um racialen Opportunismus, Privilegien der weißen Hautfarbe und andere Formen der weißen Vorherrschaft zu besiegen? Zuerst müssen sie die Mauern niederreißen, die sie von ihren nicht-weißen Verbündeten trennen. Dann müssen sie gemeinsam einen Kampf gegen die Ungleichheit am Arbeitsplatz, in den Gemeinschaften und in der sozialen Ordnung führen. Doch es sind nicht nur die demokratischen Rechte der afrikanischen Menschen, auf die wir uns beziehen, wenn wir über "nationale Unterdrückung" sprechen. Wenn das das ganze Thema wäre, dann könnten

vielleicht mehr Reformen die raciale und soziale Gleichheit erreichen. Aber nein, das ist nicht das, worüber wir sprechen.

Schwarze (oder Afrikaner*innen in Amerika) sind kolonisiert. Amerika ist ein Mutterland mit einer internen Kolonie. Für Afrikaner*innen in Amerika ist unsere Situation eine der totalen Unterdrückung. Kein Volk ist wirklich frei, bis es sein eigenes Schicksal bestimmen kann. Unser ist ein gefangener, unterdrückter kolonialer Status, der gestürzt werden muss, nicht nur durch die Zerschlagung des ideologischen Rassismus oder die Ablehnung der Bürger*innenrechte. Ohne die interne Kolonie zuerst zu zerschlagen, bedeutet das die Wahrscheinlichkeit eines Fortbestehens dieser Unterdrückung in einer anderen Form. Wir müssen die soziale Dynamik einer sehr realen Existenz Amerikas zerstören, die aus einer unterdrückenden weißen Nation und einer unterdrückten Schwarzen Nation besteht (in der Tat gibt es mehrere gefangene Nationen).

Dies erfordert die Schwarze Befreiungsbewegung, um eine Kolonie zu befreien, und deshalb ist es nicht nur eine einfache Angelegenheit, dass Schwarze sich einfach mit weißen Anarchist*innen zusammenschließen, um die gleiche Art von Kampf gegen den Staat zu führen. Das ist auch der Grund, warum Anarchist*innen keine starre Position gegen alle Formen des Schwarzen Nationalismus einnehmen können (insbesondere revolutionäre Gruppen wie die Black Panther Party), auch wenn es ideologische Differenzen über die Art und Weise gibt, wie einige von ihnen geformt sind und arbeiten. Aber Weiße müssen die Ziele der racial unterdrückten Befreiungsbewegungen unterstützen, und sie müssen das Privileg der weißen Hautfarbe direkt herausfordern und zurückweisen.

Es gibt keinen anderen Weg; weiße Vorherrschaft ist ein riesiger Stolperstein für revolutionären sozialen Wandel. Die Schwarze Revolution und andere nationale Befreiungsbewegungen in Nordamerika sind unverzichtbare Teile der gesamten sozialen Revolution. Weiße Arbeiter*innen müssen sich mit Afrikaner*innen, Latinx und anderen zusammenschließen, um raciale Ungerechtigkeit, kapitalistische Ausbeutung und nationale Unterdrückung abzulehnen. Weiße Arbeiter*innen haben sicherlich eine wichtige Rolle dabei, diesen Kämpfen zum Sieg zu verhelfen. Allein die materielle Hilfe, die von weißen Arbeiter*innen für die Schwarze Revolution zusammengestellt werden kann, könnte in einem bestimmten Stadium über Sieg oder Niederlage dieses Kampfes entscheiden.

Ich nehme mir die Zeit, all das zu erklären, weil vorhersehbar einige anarchistische Purist*innen versuchen werden, mich niederzuargumentieren, dass es eine gute Sache ist, eine weiße Bewegung zu haben, dass Schwarze und andere unterdrückte Nationalitäten einfach an Bord des "anarchistischen guten Schiffes" (ein Narrenschiff?) klettern müssen, und dass all das nur

"marxistischer nationaler Befreiungsunsinn" ist. Nun, wir wissen, dass ein Teil des Grundes für eine anarchistische antirassistische Bewegung darin besteht, diese chauvinistische Perspektive mitten in unserer eigenen Bewegung herauszufordern. Eine anarchistische antirassistische Föderation würde nicht nur existieren, um Nazis zu bekämpfen. Wir müssen rassistische und doktrinäre Positionen zu Race und Klasse innerhalb unserer Bewegung herausfordern und korrigieren. Wenn wir das nicht tun können, dann können wir die Arbeiter*innenklasse, ob Schwarz oder weiß, nicht organisieren und sind für niemanden von Nutzen.

Die kommunale Kontrolle der Schwarzen Gemeinschaft

Black Autonomy Federation

"Wie erwecken wir ein neues revolutionäres Bewusstsein gegen ein System, das gegen unsere alten Methoden programmiert ist? Wir müssen einen neuen Ansatz verwenden und die Schwarze Kommune in der Kernstadt revolutionieren und den Menschen langsam den Anreiz zum Kämpfen geben, indem wir ihnen erlauben, Programme zu erstellen, die all ihre sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bedürfnisse erfüllen werden. Wir müssen die Lücken füllen, die die etablierte Ordnung hinterlassen hat... Im Gegenzug müssen wir ihnen die Vorteile unserer revolutionären Ideale vermitteln. Wir müssen eine Bedarfsdeckungswirtschaft und eine soziopolitische Infrastruktur aufbauen, damit wir ein Beispiel für alle revolutionären Menschen werden können." – George Jackson, in seinem Buch 'Blood in my Eye'

Die Idee hinter einer Massenkommune ist es, eine duale Machtstruktur als Gegenpol zur Regierung zu schaffen, unter Bedingungen, die jetzt existieren. Tatsächlich glauben Anarchist*innen, dass der erste Schritt zur Selbstbestimmung und zur sozialen Revolution die Schwarze Kontrolle über die Schwarze Gemeinschaft ist. Das bedeutet, dass Schwarze Menschen ihre eigenen Kampforganisationen bilden und vereinigen müssen, die Kontrolle über die bestehenden Schwarzen Gemeinschaften und alle Institutionen innerhalb dieser übernehmen und einen konsequenten Kampf zur Überwindung jeder Form von wirtschaftlicher, politischer und kultureller Knechtschaft und jedes Systems von Race- und Klassenungleichheit führen müssen, das das Produkt dieser rassistischen kapitalistischen Gesellschaft ist.

Die Verwirklichung dieses Ziels bedeutet, dass wir innerstädtische Kommunen aufbauen können, die Zentren der Schwarzen Gegenmacht und der sozialrevolutionären Kultur gegen die weißen politischen Machtstrukturen in den wichtigsten Städten der Vereinigten Staaten sein werden. Sobald sie die Hegemonie übernehmen, würden solche Kommunen eine tatsächliche

Alternative zum Staat darstellen und als Kraft zur Revolutionierung der afrikanischen Bevölkerung dienen — und damit auch großer Teile der amerikanischen Gesellschaft, die unmöglich immun gegen diesen Prozess bleiben kann. Sie würden als lebendiges revolutionäres Beispiel für nordamerikanische Progressive und andere unterdrückte Nationalitäten dienen.

Es gibt eine enorme Kampfkraft in der Schwarzen Gemeinschaft, aber sie ist nicht auf eine strukturierte revolutionäre Weise organisiert, um effektiv zu kämpfen und sich zu nehmen, was ihr zusteht. Die weiße kapitalistische herrschende Klasse erkennt dies, weshalb sie den Betrug des "Schwarzen Kapitalismus" und Schwarzer Politiker*innen und anderer solcher "verantwortlicher Führenden" vorantreibt. Dieser Schwindel und die verräterischen Künstler*innen führen uns in die Sackgasse des Wählens und Betens für das, wofür wir wirklich bereit sein müssen zu kämpfen. Anarchist*innen erkennen die Kommune als das primäre Organ der neuen Gesellschaft und als Alternative zur alten Gesellschaft an. Aber Anarchist*innen erkennen auch, dass der Kapitalismus nicht kampflos aufgeben wird; es wird notwendig sein, das kapitalistische Amerika wirtschaftlich und politisch lahmzulegen. Eines ist sicher, wir dürfen nicht weiter passiv zulassen, dass dieses System uns ausbeutet und unterdrückt.

Die Kommune ist ein Schauplatz für den Schwarzen revolutionären Kampf. Schwarze Menschen sollten sich zum Beispiel weigern, Steuern an die rassistische Regierung zu zahlen, sollten die kapitalistischen Konzerne boykottieren, sollten einen Schwarzen Generalstreik im ganzen Land anführen und sich an einem Aufstand beteiligen, um die Polizei zu vertreiben und eine befreite Zone zu gewinnen. Dies wäre eine mächtige Methode, um die Unterwerfung unter die Forderungen der Bewegung zu erreichen und die Macht des Staates zu schwächen. Wir können die Regierung sogar dazu zwingen, Geld für die Entwicklung der Gemeinschaften als Zugeständnis zur Verfügung zu stellen; statt als Schmiergeld, um den Kampf aufzukaufen, wie es in den 1960er Jahren und danach geschah.

Wenn wir einem Banker eine Waffe an den Kopf halten und sagen würden: "Du weißt, dass du das Geld hast, jetzt gib es her", würde er sich ergeben müssen. Die Frage ist nun: Wenn wir das Gleiche mit der Regierung machen würden, mit direkten Aktionsmitteln und einer aufständischen Massenbewegung, wären das beides Akte der Enteignung? Oder ist es nur zur Beschwichtigung der Gemeinschaft, warum sie uns das Geld gegeben haben? Eines ist sicher, wir brauchen das Geld auf jeden Fall, und wie wir es von der Regierung erzwingen, ist von geringerer Bedeutung als die Tatsache, dass wir sie überhaupt dazu gezwungen haben, es den Volkskräften zu überlassen. Wir würden dieses Geld dann nutzen, um unsere Gemeinschaften wieder aufzubauen, unsere

Organisationen aufrechtzuerhalten und uns um die Bedürfnisse unserer Leute zu kümmern. Das könnte ein großes Zugeständnis sein, ein Sieg.

Aber wir müssen auch erkennen, dass die Schwarzen in Amerika nicht einfach mit Waffengewalt unterdrückt werden, sondern dass ein Teil der moralischen Autorität des Staates aus dem Geist der Unterdrückten kommt, die dem Recht regiert zu werden, zustimmen. Solange Schwarze Menschen glauben, dass irgendeine moralische oder politische Autorität der weißen Regierung eine Legitimität in ihrem Leben hat, dass sie dieser Nation als Bürger*innen eine Pflicht schulden oder sogar, dass sie für ihre eigene Unterdrückung verantwortlich sind, können sie sich nicht effektiv wehren. Sie müssen ihren Geist von den Ideen des amerikanischen Patriotismus befreien und beginnen, sich selbst als ein neues Volk zu sehen. Dies kann nur unter der dualen Macht erreicht werden, wo der Patriotismus des Volkes für den Staat durch Liebe und Unterstützung für die neue Schwarze Kommune ersetzt wird. Wir tun das, indem wir die Kommune zu einer realen Sache im täglichen Leben der einfachen Leute machen.

Wir sollten Gemeinschaftsräte gründen, um politische Entscheidungen zu treffen und die Angelegenheiten der Schwarzen Kommune zu verwalten. Diese Räte wären demokratische Nachbarschaftsversammlungen, die sich aus Vertreter*innen zusammensetzen, die von Schwarzen Arbeiter*innen in verschiedenen Gemeinschaftseinrichtungen — Fabriken, Krankenhäusern, Schulen — gewählt werden, sowie aus Delegierten, die auf Blockbasis gewählt werden. Wir müssen Schwarze Bürgermeister*innen und andere Politiker*innen oder Regierungsbürokrat*innen als Ersatz für die Macht der Gemeinschaft ablehnen. Wir müssen daher eine gemeinschaftliche Kontrolle über alle Institutionen der Schwarzen Gemeinschaft haben, anstatt den Staat einfach entscheiden zu lassen, was gut für uns ist. Nicht nur Arbeitsplätze und Wohnungen, sondern auch die volle Kontrolle über Schulen, Krankenhäuser, Sozialzentren, Bibliotheken usw. müssen an die Gemeinschaft übergeben werden, denn nur die Bewohnenden einer Gemeinschaft haben ein wahres Verständnis für ihre Bedürfnisse und Wünsche.

Hier ein Beispiel, wie es funktionieren würde: Wir würden einen Gemeinschaftsrat wählen, der die Aufsicht über alle Schulen in der Schwarzen Community hat. Wir würden Eltern, Schüler*innen, Lehrkräfte und die gesamte Gemeinschaft dazu ermutigen, in jeder Phase der Schulverwaltung kooperativ zu arbeiten, anstatt eine Autoritätsperson wie eine*n Schulleiter*in und seine*ihre gefühllose bürokratische Verwaltung die Dinge leiten zu lassen, wie es derzeit geschieht. Die gesamte Schwarze Gemeinschaft wird sich in einem militanten Kampf engagieren müssen, um die öffentlichen Schulen zu übernehmen und sie in Zentren der Schwarzen Kultur und des Lernens zu

verwandeln. Wir können uns nicht weiter darauf verlassen, dass die rassistischen oder Schwarzen Marionetten-Schulräte dies für uns tun.

Der lokale Rat würde dann auf lokaler Ebene föderiert oder zusammengeschlossen werden, um eine stadtweite Gruppe von Räten zu schaffen, die die Angelegenheiten in dieser Gemeinschaft leiten würden. Die Räte und andere Nachbarschaftskollektive, die aus einer Vielzahl von Gründen organisiert sind, würden eine Massenkommune bilden. Diese Kommune würde wiederum auf regionaler und nationaler Ebene föderiert werden, mit dem Ziel, eine nationale Föderation Schwarzer Kommunen zu schaffen, die sich regelmäßig in einer oder mehreren Massenversammlungen treffen würden.

Diese Föderation würde sich aus gewählten oder ernannten Delegierten zusammensetzen, die ihre lokale Gemeinschaft oder ihren Rat vertreten. Ein solcher nationaler Bund der Gemeinschaften würde es den Gemeinschaftsräten aus ganz Nordamerika ermöglichen, eine gemeinsame Politik zu erarbeiten und mit einer Stimme in allen Angelegenheiten zu sprechen, die ihre Gemeinden oder Regionen betreffen. Es hätte somit weit mehr Macht als jeder einzelne Gemeinschaftsrat. Um diese nationale Föderation jedoch vor bürokratischer Machtübernahme durch politische Fraktionen oder opportunistische Führende zu bewahren, sollten regelmäßig Wahlen abgehalten werden und die Delegierten könnten jederzeit wegen Fehlverhaltens abberufen werden, damit sie unter der Kontrolle der lokalen Gemeinschaften bleiben, die sie vertreten.

Die Schwarzen Gemeinschaftsräte sind in Wirklichkeit eine Art Basisbewegung, die sich aus allen sozialen Formationen unseres Volkes zusammensetzt, den Block- und Nachbarschaftskomitees, Arbeits-, Student*innen- und Jugendgruppen (in begrenztem Maße sogar der Kirche), sozialen Aktivist*innengruppen und anderen, um die verschiedenen Protestaktionen um ein gemeinsames Kampfprogramm für diese Periode zu vereinen. Die Kampagnen für diese Periode müssen die Taktik der direkten Massenaktion nutzen, da es sehr wichtig ist, dass die Menschen selbst ein Gefühl für ihre organisierte Macht erkennen. Diese Basisvereinigungen werden den meist massenhaften spontanen Aktionen eine Organisationsform zur Seite stellen, deren soziale Basis aus der Schwarzen Arbeiter*innenklasse besteht, anstatt der üblichen Fehlbesetzung der Schwarzen Mittelschicht.

Anarchist*innen erkennen diese Gemeinschaftsräte als eine Form der direkten Demokratie an, anstelle der Art von falscher amerikanischer "Demokratie", die in Wirklichkeit nichts anderes als Kontrolle durch Politiker*innen und Geschäftsleute ist. Die Räte sind besonders wichtig, weil sie eine embryonale Selbstbestimmung und die Anfänge einer Alternative zum kapitalistischen Wirtschaftssystem und seiner Regierung darstellen. Es ist ein Weg, die

Regierung zu untergraben und sie zu einem irrelevanten Dinosaurier zu machen, weil ihre Dienste nicht mehr gebraucht werden.

Die Kommune ist auch eine Schwarze revolutionäre Gegenkultur. Sie ist der Embryo der neuen Schwarzen revolutionären Gesellschaft im Körper der alten kranken, sterbenden Gesellschaft. Sie ist der neue Lebensstil im Mikrokosmos, der die neuen Schwarzen sozialen Werte und die neuen kommunalen Organisationen und Institutionen enthält, die die soziopolitische Infrastruktur der freien Gesellschaft werden.

Unser Ziel ist es, neue Schwarze soziale Werte der Einheit und des Kampfes gegen die negativen Auswirkungen der weißen kapitalistischen Gesellschaft und Kultur zu lehren. Um das zu erreichen, müssen wir die Kommune zu einer Schwarzen Bewusstseinsbewegung aufbauen, um racialen Stolz und Respekt, Race- und soziales Bewusstsein aufzubauen und gegen die kapitalistischen Sklavenhalter*innen zu kämpfen.

Dieser Schwarze Kommunalismus wäre sowohl ein Hort der Schwarzen Kultur als auch der Ideologie. Wir müssen sowohl unser Leben als auch unseren Lebensstil ändern, um mit den vielen zwischenmenschlichen Widersprüchen, die in unserer Gemeinschaft existieren, umzugehen. Wir könnten die Schwarze Familie, die Beziehungen zwischen Schwarzen Männern und Frauen, die psychische Gesundheit der Schwarzen Gemeinschaft, die Beziehungen zwischen der Gemeinschaft und dem weißen Establishment und unter den Schwarzen selbst untersuchen.

Wir würden in Schulen, Gemeindezentren, Gefängnissen und in Schwarzen Gemeinden in ganz Nordamerika Veranstaltungen zur Bewusstseinsbildung für Schwarze abhalten — die Kindern und Erwachsenen Schwarze Geschichte und Kultur, neue befreiende soziale Ideen und Werte sowie Beratungs- und Therapietechniken zur Lösung von Familien- und Eheproblemen beibringen würden, während wir gleichzeitig eine Schwarze revolutionäre Perspektive zu den Themen des Tages vermitteln.

Unseren Leuten muss klar gemacht werden, dass der Selbsthass, die Uneinigkeit, das Misstrauen, die innerfamiliäre Gewalt und die unterdrückenden sozialen Bedingungen unter den Schwarzen das Ergebnis des Erbes der afrikanischen Sklaverei und der heutigen Auswirkungen des Kapitalismus sind. Letztendlich ist das Hauptziel der Schwarzen revolutionären Kultur die Agitation und Organisation der Schwarzen Menschen, um für ihre Freiheit zu kämpfen.

Wie Steve Biko, der ermordete südafrikanische Revolutionär, mit den Worten zitiert wurde:

"Der Ruf nach Schwarzem Bewusstsein ist der positivste Ruf, der seit langer Zeit von irgendeiner Gruppe in der Schwarzen Welt kam. Es ist mehr als nur eine reaktionäre Ablehnung der Weißen durch die Schwarzen... Im Zentrum dieser Art des Denkens steht die Erkenntnis der Schwarzen, dass die mächtigste Waffe in den Händen des Unterdrückers der Geist der Unterdrückten ist. Wenn dieser erst einmal so effektiv vom Unterdrückenden manipuliert und kontrolliert wurde, dass Unterdrückte glauben, sie seien eine Belastung für den weißen Mann, dann gibt es nichts, was die Unterdrückten tun können, was die mächtigen Meister*innen wirklich erschrecken würde... Die Philosophie des Schwarzen Bewusstseins drückt daher den Gruppenstolz und die Entschlossenheit der Schwarzen aus, sich zu erheben und das auf sie zukommen sehende Selbst zu erreichen."

Mit dem "auf sich zukommen sehendes Selbst" bezieht sich Biko auf das Schwarze Selbst, eine befreite Psyche. Das ist es, was wir mit einer solchen Schwarzen Bewusstseinsbewegung hier in Amerika retten wollen. Wir müssen dem Schwarzen Selbsthass und der frivolen "Party-Mentalität" entgegenwirken. Wir wollen auch die soziale Degradierung unserer Gemeinschaft beenden und sie von Drogensucht, Prostitution, Black-on-Black-Kriminalität und anderen sozialen Übeln befreien, die die moralische Faser der Schwarzen Gemeinschaft zerstören. Drogen und Prostitution werden hauptsächlich vom organisierten Verbrechen kontrolliert und von der Polizei beschützt, die Bestechungsgelder und Geschenke von Gangstern annimmt. Diese negativen sozialen Werte, die sogenannte "jede*r gegen jede*n" Philosophie des kapitalistischen Systems, lehren die Menschen, Einzelgänger*innen der schlimmsten Sorte zu sein, die bereit sind, jede Art von Verbrechen gegeneinander zu begehen und sich gegenseitig auszunutzen. Diese unterdrückende Kultur ist es, die wir bekämpfen. Solange sie existiert, wird es schwer sein, die Menschen um ein revolutionäres politisches Programm zu vereinen.

Senzala oder Quilombo

Reflexionen über APOC und das Schicksal des Schwarzen Anarchismus

Pedro Ribeiro

[APOC ist die Organisation der Anarchist People Of Color, die hauptsächlich in den USA ansässig ist.]

In vergangenen Jahren, als die Versklavung der Kinder Afrikas noch mit Kette und Peitsche statt mit Uniformen und Streifenwagen durchgeführt wurde, gab es für Schwarze in Brasilien nur zwei Orte, an denen sie sein konnten — in der Senzala oder im Quilombo. Die Senzala war eine kleine Hütte, die vor dem Haus des Meisters stand, eine Hütte, in der die Sklav*innen von nach Sonnenuntergang bis vor Sonnenaufgang blieben, angekettet an die Wände und hinter verschlossenen Türen. Die Senzala war ihr Zuhause; dort zogen sie ihre Kinder auf und wurden alt. Im Geheimen praktizierten sie ihre Sprache, Religion und Kultur, fernab von weißen Augen. Das Fenster der Senzala blickte immer auf den Hauptplatz der Plantage, wo ein einzelner Pfosten aus dem Bauch der Erde ragte. Der Pelourinho — der Mast, in dem aufmüpfige Sklav*innen zur Unterwerfung oder zum Tod gefoltert wurden, je nachdem, was zuerst kam. Dies war die Senzala.

Aber hin und wieder entkam eine fleißige und engagierte Gruppe von Sklav*innen der Großzügigkeit der Peitschen, Ketten und Senzalas des Sklav*innenmeisters und ging in den Dschungel. Sie rannten, Tag für Tag, Nacht für Nacht, in die mata, tiefer in den Wald; weg von den verräterischen Capitaes to Mato, den Mulato-Aufsehehenden, die für das Einfangen entlaufener Sklav*innen verantwortlich waren. Im Dschungel suchten sie nach Hoffnung. Im Dschungel suchten sie nach Freiheit. Im Dschungel, weit weg vom weißen Mann, suchten sie nach dem Quilombo.

Quilombos waren Stadtstaaten, die im Herzen der Mata von entlaufenen Sklav*innen gegründet wurden. Der berühmteste — der größte und derjenige, dessen Name von den Freiheitssuchenden heimlich im Dunkeln geflüstert wurde — das war Palmares. Palmares hatte eine geschätzte Bevölkerung von

zwanzig- bis dreißigtausend Menschen, die sich auf elf verschiedene Dörfer aufteilten. In Palmares, wie auch in anderen Quilombos, hielten entlaufene Sklav*innen die Mehrheit. Eingeborene und arme Weiße wurden ebenfalls in die Quilombo aufgenommen und hatten die gleichen Rechte und Pflichten wie alle anderen. Entscheidungen wurden von Dorfversammlungen getroffen, an denen jeder Erwachsene, ob Mann oder Frau, jeder Race, teilnehmen konnte (und die meisten auch taten).

Nein, Palmares war keine Utopie. Es war keine kommunistische Gesellschaft, in der die Entscheidungen so horizontal wie möglich waren und in der alle als gleichwertig angesehen wurden. Palmares hatte Häuptlinge, einen für jedes Dorf. Der Häuptling der Hauptstadt, Macacos, war der König von Palmares. Aber das ist weder hier noch jetzt. Das Jetzt ist der Quilombo im Gegensatz zum Senzala.

Palmares starb in Flammen. Es kämpfte, bis der letzte Mensch tot war. Es hatte über hundert Jahre lang für seine Souveränität und Unabhängigkeit gekämpft. Es gab sein Blut, um das zu verteidigen, was es am meisten schätzte — seine Freiheit und seine Selbstbestimmung.

Was auch immer die Palmarinos zum Kampf trieb, ist das, worüber ich sprechen möchte. Ein Freund von mir sagte etwas, das mich sehr berührt hat. Er sagte: "Die Leute reden immer davon, für dieses oder jenes zu sterben. Man muss für die Sache sterben, wenn man militant genug ist, wenn man wirklich knallhart ist, sollte man für seine Überzeugungen sterben. Aber niemand fragt, wofür lebst du? Nicht sterben, sondern leben — wofür ist dein Leben?"

Die Palmarinos lebten für etwas. Sie lebten für ihre Freiheit und ihre kollektive Autonomie. Sie lebten für ihr Recht auf Selbstbestimmung, um sich von den Ketten zu befreien, die sie in der Vergangenheit als Sklav*innen hielten, und um den Weg ihres Lebens selbst zu bestimmen. Wenn sie im Kampf dafür starben, starben sie für das, wofür sie lebten. Sie starben den Tod der freien Menschen.

Wir nennen uns jetzt Anarchist*innen. Wir sagen, wir wollen das Ende aller Ketten und die Ausrottung aller Unterdrückung. Doch in der anarchistischen "Bewegung" sind Schwarze und andere People of Color immer noch in der Senzala. Wir müssen uns immer noch verbergen, Whiteys "Massa" [Meister] nennen und uns an die Wand ketten. Nein, sprich nicht über Rassismus, es sei denn, es handelt sich um den sehr abstrakten "Wir-sind-alle-gleich-Lasst-uns- Kumbayas-singen-und-so-tun-als-ob-die-Farbe-unserer-Haut-keine-Rolle- spielt"-Rassismus. Während vielleicht niemand "Stirb, Nigger, stirb!" schreit, kann man ein sehr deutliches "Halt die Fresse, Nigger, halt einfach die Fresse" hören.

Wir tun so, als sei Rassismus nur ein kleines Problem, etwas, das, wie der leninistische Staat, verkümmert, wenn wir es wollen. Die inhärenten rassistischen Eigenschaften, die den Anarchismus infizieren, besonders den nordamerikanischen Anarchismus, können nicht in Frage gestellt werden, ohne dass man als eine Art autoritäre*r Nationalist*in oder noch schlimmer, als Maoist*in angesehen wird. Ausgerechnet Kommunist*innenhetze!

Wie in der echten Senzala muss unser Widerstand gegen Rassismus verdeckt sein. Er muss sich verstecken und so gemacht werden, als ob er etwas anderes wäre. Er kann nicht sein, was er sein muss, er kann nicht tun, was getan werden muss, sonst würde die Senzala auseinanderbrechen und das Haus des Meisters würde in Flammen aufgehen. Nein. Wie Capoeira muss sich unser Kampf gegen die weiße Vorherrschaft innerhalb des nordamerikanischen Anarchismus als Tanz verkleiden, um eine Kampfkunst zu werden.

Und du weißt, wie der Rap geht: wenn wir über Empowerment reden, sind wir machthungrig. Wenn wir unsere Selbstbestimmung behaupten, sind wir autoritäre Nationalist*innen. Wenn wir aufdecken, wie weiß der Anarchismus ist, kommen die elitären weißen Anarchist*innen in der Regel mit Ausreden wie "Hey, ich habe mal einen Schwarzen Anarchisten gesehen!" oder dem Klassiker "Nun, wir müssen auf die Communities of Color zugehen."

Lass mich dir etwas sagen. Der Grund, warum die Massen nicht zu deinem Anarchismus strömen, ist genau der eine — es ist dein Anarchismus. Es ist ein weißer, kleinbürgerlicher Anarchismus, der keinen Bezug zu den Menschen hat. Als Schwarze Person bin ich nicht an deinem Anarchismus interessiert. Ich bin nicht an der eigennützigen, selbstsüchtigen Befreiung für dich und deine weißen Freund*innen interessiert. Was mich interessiert, ist die Befreiung meines Volkes. Die kollektive Befreiung der Kinder der afrikanischen Diaspora, die überall auf der Welt niedergeschlagen und schlechter als Hunde behandelt wurden.

Also, nein, wir sind nicht an deinem Anarchismus interessiert. Wir müssen unseren eigenen erschaffen. Verstehe dies, wenn die Weißen in Palmares Verbündete waren und mit den Schwarzen und den Eingeborenen starben, dann nicht, weil sie die Schwarzen und die Eingeborenen in ihre Struktur, in ihre Gesellschaft einluden und zu ihnen sagten: "Wir sind alle gleich." Es war, weil die Schwarzen und die Eingeborenen ihre eigene Struktur — ihre eigene Gesellschaft — geschaffen haben, in der die Machtverhältnisse anders waren, so dass die Weißen nicht länger durch die schiere Kraft ihres Privilegs ihre Sichtweise, wie die Gesellschaft geführt werden sollte, aufzwingen konnten. Zu versuchen, People of Color in deine Gesellschaft oder deine Bewegung zu integrieren, als gäbe es kein Aufeinanderprallen der Kulturen und keine

Konfrontation — das ist naiv, sinnlos und kann nirgendwo anders hinführen als in die Täuschung.

In der Senzala der zeitgenössischen anarchistischen Theorie und Praxis ist der einzige Platz für Schwarze und andere People of Color die Kette an der Wand oder der Pelourinho. Die Struktur dieser "Bewegung" zu hinterfragen, warum sie wirklich hauptsächlich aus weißen Vorstadtjungs besteht, ist eine Einladung an den Pelourinho — oder an die Quilombo.

Einige entkommene Sklav*innen beschlossen, ihre eigene Quilombo in den Wäldern Nordamerikas zu gründen, und sie nannten sie A.P.O.C. — Anarchist People Of Color. APOC war ein notwendiger Schritt am Anfang der Selbstbestimmung von People of Color innerhalb der Bewegung. Diese Selbstbestimmung, die wir suchen, besteht darin, die Probleme der Race innerhalb und außerhalb der Bewegung in unserer eigenen Perspektive zu analysieren. Unsere eigene Analyse der Autorität zu erstellen und was es für uns bedeutet, Anarchist*innen zu sein. Was bedeutet es für diejenigen, die sich auf einer anarchistischen Veranstaltung schon immer seltsam gefühlt haben, während sie sich umschauten und dachten, dass sie irgendwo falsch abgebogen sind und in einem Gebiet nur für Weiße im segregierten Mississippi gelandet sind.

Wenn mir ein*e Anarchist*in erzählt, dass die Cops faschistische Schweine sind, halte ich kurz inne und denke nach. Oft denke ich von irgendwelchen Erfahrungen bei Protesten gegen dieses oder jenes oder so, bei denen die Cops die Menge mit Tränengas beschossen und ihnen den Arsch versohlt haben und ich denke, man, du hast es leicht. Ich erinnere mich an meine Nachbarschaft in Brasilien, wo du dich glücklich schätzen konntest, wenn du nur eine Tracht Prügel abbekamst. Ich erinnere mich an den Tag, an dem sie meinen Onkel erschossen haben. Ich erinnere mich an diesen einen Polizisten, der mir immer folgte und mich zu Tode erschreckte, weil ich dachte, er würde mich festnehmen und ich könnte mich auf keinen Fall bei den Behörden beschweren, weil ich dann sicher tot wäre. Ich erinnere mich daran, wie die Polizei in das Haus meiner Oma eindrang, mit Gewehren in der Hand, während mein Cousin noch ein Baby war und im Bett meiner Tante schlief. Sogar hier, in meiner Nachbarschaft in East Palo Alto, kann man nachts immer die Cops herumwuseln hören und man weiß, dass sie nicht nach einem Black-Bloc-Kid von irgendeinem Protest oder so suchen. Also erzähl mir nochmal, warum die Cops Faschist*innen sind...

Tatsache ist, dass wir Unterdrückung kennen. Wir leben sie, wir erleben sie. In der einen oder anderen Form, dem einen oder anderen Extrem. Wir konzeptualisieren sie nicht. Wir setzen uns nicht hin und intellektualisieren über Schmerz, denn unser Volk wurde gejagt und erschossen, verbrannt und

geschlagen und wir haben das Bedürfnis verloren, Schmerz philosophisch zu verstehen, als wir ihn physisch erfahren haben.

Warum also füllen die Menschen nicht die Reihen der anarchistischen Bewegung? Was hindert diese People of Color, die die Hauptlast der Polizeigewalt zu spüren bekommen haben und von den Resten dessen leben, was der Kapitalismus hinterlässt? Warum haben sie sich nicht der Bewegung angeschlossen?

Die Antwort ist einfach: Weil es nicht ihre Bewegung ist. Es kann niemals ihre Bewegung sein, solange sie von und für weiße Mittelschichtskinder mit einem Jesus-Komplex geschaffen wird, die denken, sie könnten die Welt retten (oder die mit Buddha-Komplex, die denken, sie könnten nass werden, wenn sie über Wasser reden). Du kannst die Bewegung nicht bedrängen und du kannst die Menschen nicht bedrängen. Revolution ist kein Spiel, bei dem du so tun kannst, als würdest du der Stimme der People of Color nur dann zuhören, wenn es bequem ist und sie ausschalten, wenn sie dein Privileg in Frage stellen.

APOC hat, wie jeder revolutionäre Schritt, eine sofortige Reaktion hervorgerufen, einen konterrevolutionären Schritt. Die Anzahl der Stimmen in der anarchistischen "Bewegung", die sich erhoben haben, um APOC zu kritisieren, niederzumachen oder in irgendeiner anderen Form zu diskreditieren (die meisten, wenn nicht alle, waren übrigens weiß), waren, wenn auch klein, so doch konsequent und dreist. Diese Kritiken aufzugreifen und zu zitieren ist für die heutige Diskussion irrelevant. Ich bin nicht hier, um APOC zu verteidigen. Ich bin hier, um darüber zu sprechen, warum ich das nicht tun muss.

APOC ist unser Quilombo. Unser Bergfried, unsere Festung, wo wir uns als Menschen mit unterdrücktem Hintergrund treffen können und nicht nur unsere Erfahrungen austauschen und wie sie für einander relevant sind, sondern auch, wie sie im größeren Schema der Dinge relevant sind. APOC ist mehr als eine sichere Zone für Menschen, die sich gut fühlen, weil sie nicht in einem Raum ohne Weiße sind, sondern ein bewusstes Projekt der Selbstbestimmung für People of Color. Es ist ein Schritt näher zu unserer Freiheit als Volk und die Materialisierung der Idee, dass Gemeinschaft aus etwas Gemeinsamen entsteht, etwas, das wir teilen können.

Nein, APOC ist keine Utopie. Es ist nicht einmal nahe dran. Aber das ist weder hier noch jetzt. Wir können stolpern, wir können fallen, wir können uns sogar die Köpfe einschlagen. Aber zumindest gehen wir auf unseren eigenen zwei Füßen.

Es ist sinnlos für mich zu versuchen, weiße Anarchist*innen von der Notwendigkeit von APOC zu überzeugen, denn weiße Anarchist*innen haben nicht das erlebt, was wir als People of Color erlebt haben. Es ist wie der

Versuch, meinen Chef von der Notwendigkeit des Sozialismus zu überzeugen

— ein meist fruchtloses Unterfangen.

Und während es weiße Anarchist*innen da draußen gibt, die sich daran erinnern, dass nur die Unterdrückten sich selbst befreien können und das Ende der weißen Vorherrschaft nicht von weißen Menschen herbeigeführt werden kann — gibt es diejenigen, die in ihrer Arroganz und Kurzsichtigkeit nicht nachgeben und den Gedanken nicht tolerieren können, dass es vielleicht etwas gibt, das anarchistische People of Color diskutieren müssen, das weiße Menschen nicht einschließt.

Und wenn ich für einen Moment denken würde, dass APOC von der weißen anarchistischen Szene anerkannt werden müsste, wäre das der Moment, in dem APOC seinen Reiz für mich verlieren würde. Denn es geht nicht darum, akzeptiert zu werden, geschätzt zu werden, "auf der guten Seite" mit den weißen Anarchist*innen zu stehen — das ist die Senzala. Es geht um Selbstbestimmung und es geht um Widerstand. Es geht darum, unsere eigene Kultur zu schaffen, unsere eigene Analyse und unsere eigene Zukunft zu diktieren. Für mich geht es bei APOC nicht darum, einen Weg zu suchen, damit weiße Menschen uns lieben oder hassen.

Ich muss dir ein Geheimnis über APOC verraten: Es geht überhaupt nicht um weiße Menschen. Das ist es nicht, und das sollte es auch niemals sein. Ich bin es leid, über Weiße zu reden, an Weiße zu denken, Weiße zu analysieren und mir Sorgen um Weiße zu machen. Ich möchte wissen, was ich mit meiner koreanischen Schwester und meinem guatemaltekischen Bruder gemeinsam habe. Ich möchte von den großen Befreiungskämpfen in Uganda wissen und wie die Filipinos dem Imperialismus widerstanden haben. Was können wir als People of Color von einander lernen? Was hat mein Bairro in Rio de Janeiro mit einem Latino-Barrio in East Side San Jose gemeinsam?

Dies ist etwas, das ich für meine Schwestern und Brüder bei APOC geschrieben habe. Wir müssen uns selbst verstehen, um die Welt um uns herum zu verstehen und in der Lage zu sein, die bürgerliche Plage zu bekämpfen und zu zerstören, die unsere Häuser, unser Leben und unsere Kulturen auffrisst. Als Schwarze Person ist mein Anarchismus Schwarzer Anarchismus. Als Mitglied der ausgebeuteten Klasse ist mein Anarchismus der Klassenkampf-Anarchismus. Als eine Person, die sich eine bessere Zukunft wünscht, ist mein Anarchismus anarchistischer Kommunismus.

Vamos a ela, porque temos muito, muito para construir. Não tá morto que peleia!

Viva a Anarquia!

Pedro Ribeiro, ein klassenkämpferischer Anarchist.

Kompliz*innen statt Allies [Verbündete]

Abschaffung des Ally-Industriekomplexes; Eine Indigene Perspektive & Provokation

Indigenous Action

Der Ally-Industriekomplex wurde von Aktivist*innen aufgebaut, deren Karrieren von den "Belangen" abhängen, für die sie sich einsetzen. Diese Non-Profit- Kapitalist*innen fördern ihre Karrieren durch die Kämpfe, die sie vorgeblich unterstützen. Sie arbeiten oft unter dem Deckmantel von "Basis" oder "gemeinschaftsbasiert" und sind nicht unbedingt an eine Organisation gebunden.

Sie bauen organisatorische oder individuelle Kapazitäten und Macht auf und etablieren sich bequem in den oberen Rängen ihrer Unterdrückungshierarchie, während sie danach streben, die verbündeten "Champions" der am meisten Unterdrückten zu werden. Während die Ausbeutung von Solidarität und Unterstützung nichts Neues ist, ist die Kommodifizierung und Ausbeutung von Allyship ein wachsender Trend in der Aktivismusindustrie.

Jede Person, die sich mit Anti-Unterdrückungskämpfen und kollektiver Befreiung beschäftigt, hat irgendwann entweder an Workshops teilgenommen, Zines gelesen oder war Teil von tiefgreifenden Diskussionen darüber, wie man ein*e "gute*r" Ally ist. Du kannst jetzt hunderte von Dollars bezahlen, um an esoterischen Instituten ein Allyship-Zertifikat in Anti-Unterdrückung zu erwerben. Du kannst durch Workshops gehen und ein Allyship-Abzeichen erhalten. Um den Kampf zu kommerzialisieren, muss er zuerst objektiviert werden. Das zeigt sich darin, wie "Probleme" "gerahmt" und "markiert" werden. Wo Kampf eine Ware ist, ist Allyship eine Währung.

Ally zu sein ist auch zu einer Identität geworden, losgelöst von einem wirklichen gegenseitigen Verständnis von Unterstützung.

Der Begriff "Ally" ist ineffektiv und bedeutungslos geworden. Kompliz*innen statt Allies.

Kompliz*in: Eine Person, die einer anderen Person hilft, ein Verbrechen zu begehen.

Es besteht ein heftiger, unbändiger Wunsch, die totale Befreiung zu erreichen

— mit dem Land, und gemeinsam.

Irgendwann gibt es ein "wir", und wir werden höchstwahrscheinlich zusammenarbeiten müssen. Das bedeutet, dass wir zumindest ein gegenseitiges Verständnis formulieren müssen, das nicht völlig antagonistisch ist, sonst könnten wir uns, unsere Wünsche und unsere Kämpfe als unvereinbar empfinden. Es gibt bestimmte Absprachen, die nicht verhandelbar sind. Es gibt Widersprüche, mit denen wir uns arrangieren müssen, und sicherlich werden wir das zu unseren eigenen Bedingungen tun. Aber wir müssen wissen, wer uns den Rücken stärkt, oder besser gesagt: wer mit uns, an unserer Seite ist?

Die Risiken von Allies, die Unterstützung oder Solidarität (meist auf temporäre Basis) in einem Kampf bieten, sind ganz anders als die von Kompliz*innen. Wenn wir gemeinsam zurückschlagen oder vorwärts kämpfen, beteiligt an einem Befreiungskampf, sind wir Kompliz*innen. Die Abschaffung von Allyship kann durch die Kriminalisierung von Unterstützung und Solidarität erfolgen.

Während die Strategien und Taktiken zur Durchsetzung (oder Abschaffung, je nach Sichtweise) von sozialer und politischer Macht unterschiedlich sein mögen, gibt es einige harte Lektionen, die nicht wiederholt werden sollten. Betrachte das Folgende als einen Leitfaden, um Interventionspunkte gegen den Ally-Industriekomplex zu identifizieren.

"Erlösung aka Missionierung & Selbsttherapie"

Allzu oft haben Allies romantische Vorstellungen von unterdrückten Menschen, denen sie "helfen" wollen. Das sind die verbündeten "Retter*innen", die Opfer und Tokens statt Menschen sehen.

Diese Viktimisierung wird zu einem Fetisch für die schlimmsten der Allies in Formen von Exotisierung, Manarchismus [1], Splaining, POC-Sexploitation [2], etc. Diese Art von Beziehung fördert im Allgemeinen die Ausbeutung zwischen sowohl Unterdrückten und Unterdrücker*innen. Die Allies und diejenigen, mit denen man sich verbündet, werden in eine missbräuchliche Beziehung verwickelt. In der Regel können beide es nicht erkennen, bis es zu spät ist. Diese Beziehung kann auch in eine Co-Abhängigkeit abschweifen, was bedeutet, dass sie sich gegenseitig ihrer eigenen Macht beraubt haben.

Verbündete "Retter*innen" haben die Tendenz, eine Abhängigkeit von ihnen und ihrer Funktion als Unterstützung zu schaffen. Niemand ist hier, um gerettet zu werden. Wir brauchen keine "missionarischen Allies" oder Mitleid.

Schuld ist auch ein primärer Motivationsfaktor unter Allies. Auch wenn sie nie zugegeben werden, funktionieren Schuld & Scham im Allgemeinen als Motivatoren im Bewusstsein der Unterdrücker*innen, die erkennen, dass sie auf der falschen Seite agieren. Während Schuld und Scham sehr mächtige Emotionen sind, denke darüber nach, was du tust, bevor du den Kampf einer anderen Gemeinschaft zu deiner Therapiesitzung machst. Natürlich können Akte des Widerstands und der Befreiung heilsam sein, aber der Umgang mit Schuld, Scham und anderen Traumata erfordert einen ganz anderen Fokus, oder zumindest einen expliziten und einvernehmlichen Fokus. Welche Art von Beziehungen sind auf Schuld und Scham aufgebaut?

"Ausbeutung & Kooptation"

Diejenigen, die kooptieren, sind nur dazu da, ihre eigenen Interessen durchzusetzen (in der Regel geht es entweder um Ruhm oder Geld). Indem diese "Allies" versuchen, ihre Agenda durchzusetzen, outen sie sich. Die 'radikalen', eher militanten "Basis"-Organisator*innen sind scharf darauf, "sexy" Themen zu finden, die sie sich zu eigen machen können (um berühmt zu werden/um sich als Superallies/als radikalste Allies zu fühlen), und sie legen die Bedingungen für ihr Engagement fest oder diktieren, welche Kämpfe verstärkt oder marginalisiert werden, ungeachtet dessen, auf wessen Boden sie operieren. Das Non-Profit-Establishment oder der Non-Profit-Industriekomplex sucht auch nach "sexy" oder "förderungswürdigen" Themen, um sie zu kooptieren und auszunutzen, wenn diese reif für die von ihnen begehrten Zuschussmittel sind. Zu oft konfrontieren Indigene Befreiungskämpfe für Leben und Land direkt das gesamte Gerüst, auf dem diese koloniale und kapitalistische Gesellschaft basiert. Dies ist bedrohlich für potentielle kapitalistische Geldgebende, so dass einige Gruppen gezwungen sind, radikale oder befreiende Arbeit für die Finanzierung zu kompromittieren, andere werden entfremdet und weiter unsichtbar gemacht oder dem Tokenismus [3] untergeordnet. Die Geldgebenden tauchen meist erst auf, wenn der Kampf bereits eskaliert ist und es schon ein wenig zu spät ist.

Sie schlagen fast immer Trainings, Workshops, Aktionscamps vor und bieten andere spezialisierte Expertise in Akten der Bevormundung an. Diese Leute bekommen in der Regel riesige Gehälter für ihren "professionellen" Aktivismus, bekommen überhöhte Zuschüsse für Logistik und "organisatorischen Kapazitätsaufbau", und Kämpfe können weiter als "Vorzeigekämpfe" für ihre Geldgebenden ausgenutzt werden. Hinzu kommt, dass diese Skills höchstwahrscheinlich bereits in den Gemeinschaften vorhanden sind oder es sich um Tendenzen handelt, die nur noch in Gang gesetzt werden müssen.

Dies sind nicht nur Dynamiken, die von großen sogenannten Nichtregierungsorganisationen (NGOs) praktiziert werden, auch Einzelpersonen sind in dieser eigennützigen Taktik versiert. Kooptation funktioniert auch als eine Form des Liberalismus. Allyship kann eine neutralisierende Dynamik aufrechterhalten, indem sie die ursprüngliche befreiende Absicht in eine reformistische Agenda umwandelt. Bestimmte Leute in den Kämpfen (in der Regel "Persönlichkeiten" aus der Bewegung), die den Status Quo des Ally- Establishments nicht umstoßen, können mit der Aufnahme in die Ally-Industrie belohnt werden.

"Selbsterklärte/konfessionelle Allies"

Allzu oft tauchen Leute mit einer "Ich bin hier, um dich zu unterstützen!"- Einstellung auf, die sie wie ein Abzeichen tragen. Letztendlich fühlen sich Kämpfe wie eine außerschulische Aktivität an, für die sie "Verbündetenpunkte" bekommen. Selbstbehauptete Allies haben vielleicht sogar Antiunterdrückungsprinzipien und -werte als Schaufensterdekoration. Vielleicht hast du dieses Zitat von Lilla Watson auf ihren Materialien gesehen: "Wenn du hierher kommst, um mir zu helfen, verschwendest du deine Zeit. Wenn du kommst, weil deine Befreiung mit meiner verbunden ist, dann lass uns zusammenarbeiten." Sie sind bemüht, sich zu positionieren, aber ihre Handlungen stehen im Widerspruch zu ihren Behauptungen. Sinnvolle Allianzen werden nicht aufgezwungen, sie werden vereinbart. Die selbsternannten Verbündeten haben nicht die Absicht, den Anspruch abzuschaffen, der sie gezwungen hat, ihre Beziehung denen aufzuzwingen, mit denen sie sich zu verbünden behaupten.

"Fallschirmspringende"

Fallschirmspringende stürmen scheinbar aus dem Nichts an die Frontlinien. Sie bewegen sich buchstäblich von einem heißen oder sexy Ort zum nächsten. Sie fallen auch unter die Kategorien "Retter*innen" und "selbsternannte Allies", da sie meist von spezialisierten Instituten, Organisationen und Think-Tanks kommen. Sie haben die Trainings, Workshops, Vorträge, etc. hinter sich, sie sind die "Expert*innen" und wissen, "was das Beste ist". Diese paternalistische Haltung ist implizit in den Strukturen (Non-Profit-Organisationen, Institute, etc.), von denen diese "Allies" ihr Bewusstsein für die "Belange" ableiten. Selbst wenn sie ihre eigene Non-Profit-Programmierung ablehnen, sind sie letztlich reaktionär und bevormundend oder positionieren sich mit Macht über diejenigen, mit denen sie sich verbünden wollen. Es ist eine strukturelle Bevormundung, die in derselben Herrschaft der hetero-patriarchalen weißen Vorherrschaft verwurzelt ist.

Fallschirmspringende sind in der Regel Missionar*innen mit mehr finanziellen Mitteln.

"Akademiker*innen & Intellektuelle"

Obwohl sie manchmal direkt aus den kämpfenden Gemeinschaften kommen, passen auch Intellektuelle und Akademiker*innen in all diese Kategorien. Ihre Rolle im Kampf kann extrem herablassend sein. In vielen Fällen halten Akademiker*innen die institutionelle Macht über das Wissen und die Fähigkeiten der Gemeinschaft(en) im Kampf aufrecht. Intellektuelle sind meist darauf fixiert, Unterdrückung zu verlernen. Diese Leute stehen im Allgemeinen nicht mit beiden Beinen auf dem Boden, sind aber schnell bereit, diejenigen zu kritisieren, die dies tun.

Wollen wir die Unterdrückung lediglich "verlernen", oder sie in Stücke schlagen und ihre Existenz beenden? Kompliz*innen als Akademiker*innen würden nach Wegen suchen, Ressourcen und materielle Unterstützung zu nutzen und/oder ihre Institution zu verraten, um Befreiungskämpfe zu fördern. Intellektuelle Kompliz*innen würden mit, nicht für diejenigen, mit denen sie sich verbünden, Strategien entwerfen und keine Angst haben, einen Hammer in die Hand zu nehmen.

"Gatekeeper*innen"

Gatekeeper*innen streben nach Macht über, nicht mit, anderen. Sie sind bekannt für die Taktik der Kontrolle und/oder des Zurückhaltens von Informationen, Ressourcen, Verbindungen, Unterstützung, etc. Gatekeeper*innen kommen von außen und von innen. Wenn sie entlarvt werden, sind sie in der Regel unwirksam (solange es wirksame Mechanismen der Accountability/Verantwortung gibt). Gatekeepende Personen und Organisationen haben wie "Ally-Retter*innen" auch die Tendenz, Abhängigkeit von ihnen und ihrer Funktion als Unterstützung zu schaffen. Sie haben die Tendenz, zu dominieren oder zu kontrollieren.

"Navigator*innen & Springer*innen"

"Navigierende" Allies sind Leute, die mit dem Jargon vertraut sind oder sie beherrschen und sich durch Räume oder Kämpfe manövrieren, aber keinen sinnvollen Dialog führen (indem sie Debatten vermeiden oder schweigen) oder sinnvolle Aktionen jenseits ihrer persönlichen Komfortzone unternehmen (das gibt es auch bei ganzen Organisationen). Sie erhalten ihre Macht und damit die dominanten Machtstrukturen aufrecht, indem sie sie nicht direkt angreifen.

"Ally" ist hier klarer definiert als der Akt, persönliche Projekte aus der Unterdrückung anderer Leute zu machen. Das sind Lifestyle-Allies, die so tun, als wäre passives Mitmachen oder einfach nur die richtige Terminologie zu verwenden, Unterstützung. Wenn die Scheiße losgeht, sind sie die ersten, die abhauen. Sie bleiben nicht da, um Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen. Wenn sie damit konfrontiert werden, geben sie oft anderen die

Schuld und versuchen, Bedenken abzutun oder zu delegitimieren. Kompliz*innen haben keine Angst, sich auf unbequeme/herausfordernde Debatten oder Diskussionen einzulassen.

Springer*innen sind "Allies", die von Gruppe zu Gruppe und von Thema zu Thema hüpfen, sich nie genug engagieren, aber immer wollen, dass ihre Präsenz spürbar ist und ihre Stimme gehört wird. Sie neigen dazu, zu verschwinden, wenn es darum geht, zur Rechenschaft gezogen zu werden oder die Verantwortung für beschissenes Verhalten zu übernehmen.

Springer*innen sind Leute, bei denen man sich darauf verlassen kann, dass sie den Cops sagen, dass sie sich verpissen sollen, sich aber nie auf ein gegenseitiges Risiko einlassen, ständig andere in Gefahr bringen, schnell autoritär werden, wenn andere ihre Privilegien überschreiten, aber nie ihre eigenen überprüfen. Sie sind im Grunde genommen Action-Junkie- Tourist*innen, die nie für den Preis, die Planung oder die Verantwortung aufkommen wollen, sondern immer als würdig angesehen werden wollen, weil sie "dabei waren", als ein Stein geworfen oder ein Block gebildet werden musste.

Diese Dynamik ist auch wichtig, um sich der Bedrohung durch Infiltration bewusst zu sein. Provokateur*innen sind notorische Springer*innen, die von Ort zu Ort ziehen und nie für ihre Worte oder Taten verantwortlich sind. Unterwanderung muss nicht unbedingt vom Staat kommen, die gleichen Auswirkungen können auch von "gutmeinenden" Allies ausgehen. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass das Ausrufen von Infiltrator*innen schwerwiegende Folgen hat und nicht ohne konkrete Beweise versucht werden sollte.

"Akte der Resignation"

Resignation von Handlungsmacht ist ein Nebenprodukt des Allyship- Establishments. Auf den ersten Blick mag diese Dynamik nicht problematisch erscheinen, denn warum sollte es für diejenigen, die von Unterdrückungssystemen profitieren, ein Problem sein, diese Vorteile und die damit einhergehenden Verhaltensweisen abzulehnen oder sich von ihnen zu distanzieren? In den schlimmsten Fällen agieren die "Allies" selbst wie gelähmt und glauben, es sei ihre Pflicht "gute Allies" zu sein. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Handeln für andere, mit anderen, und für die eigenen Interessen.

Du würdest keine Kompliz*innen finden, die ihre Handlungsmacht oder Fähigkeiten als Akt der "Unterstützung" aufgeben. Sie würden kreative Wege finden, ihr Privileg (oder deutlicher, ihre Belohnungen, Teil einer unterdrückenden Klasse zu sein) als Ausdruck eines sozialen Krieges zu bewaffnen. Andernfalls enden wir mit einem Haufen von Anarcho-Hipstern, während Saboteur*innen vorzuziehen wären.

Vorschläge für einige Wege nach vorne für antikoloniale Kompliz*innen Allyship ist die Korruption von radikalem Geist und Vorstellungskraft, sie ist die Sackgasse der Dekolonisierung. Das Ally-Establishment kooptiert die Dekolonisierung als ein Banner, das es auf seiner nicht enden wollenden Anti- Unterdrückungs-Gala schwenkt. Was nicht verstanden wird, ist, dass die Dekolonisierung eine Bedrohung für die Existenz der Siedler-"Allies" selbst ist. Egal wie befreit du bist, wenn du immer noch Indigenes Land besetzst, bist du immer noch ein*e Kolonisator*in. Dekolonisierung (der Prozess der Wiederherstellung der Indigenen Identität) kann sehr persönlich sein und sollte vom antikolonialen Kampf unterschieden, aber nicht abgekoppelt werden. Die Arbeit von Kompliz*innen im antikolonialen Kampf ist es, koloniale Strukturen & Ideen anzugreifen.

Der Ausgangspunkt ist, deine Beziehung zu den Indigenen Völkern zu artikulieren, deren Land du besetzst. Dies geht über die Anerkennung hinaus. Dies kann für "nicht staatlich anerkannte" Indigene Völker besonders herausfordernd sein, da sie vom Staat und den Invasor*innen, die ihre Heimat besetzen, unsichtbar gemacht werden. Es kann einige Zeit dauern, um Kommunikationswege zu ebnen, zumal einige Völker bereits gegenüber Außenstehenden misstrauisch sein können. Wenn du nicht weißt, wo oder wie du mit den Leuten in Kontakt treten kannst, solltest du ein wenig Vorarbeit leisten, recherchieren (aber verlass dich nicht auf anthropologische Quellen, sie sind eurozentrisch) und aufmerksam sein. Versuche, mehr zuzuhören als zu reden und zu planen. In langfristigen Kämpfen kann die Kommunikation zwischen verschiedenen Fraktionen zerbrechen. Es gibt keine einfachen Wege, dies anzusprechen. Versuche nicht, die Situation auszubügeln, sondern kommuniziere offen unter Berücksichtigung der folgenden Punkte.

Manchmal sind andere Indigene Völker "Gäste" in der Heimat anderer, werden aber als Indigene Vertretende für die "lokalen Kämpfe" tokenisiert. Diese Dynamik verewigt auch den Siedlerkolonialismus. Viele Menschen gehen davon aus, dass Indigene Völker "politisch" auf einer Wellenlänge sind, aber das sind wir definitiv nicht. Auch wenn es Zeiten gibt, in denen die Leute die Fähigkeit und die Geduld haben, dies zu tun, sei dir der Dynamik bewusst, die durch das Händchenhalten aufrechterhalten wird.

Verstehe, dass es nicht unsere Verantwortung ist, deine Hand durch einen Prozess zu halten, um ein*e Kompliz*in zu sein. Kompliz*innen hören mit Respekt für die Bandbreite kultureller Praktiken und Dynamiken zu, die innerhalb verschiedener indigener Gemeinschaften existieren. Kompliz*innen sind nicht durch persönliche Schuld oder Scham motiviert, sie mögen ihre eigene Agenda haben, aber sie sind explizit. Kompliz*innen zu sein wird durch gegenseitiges Einverständnis realisiert und baut auf Vertrauen auf. Sie halten

uns nicht nur den Rücken frei, sie sind an unserer Seite oder in ihren eigenen Räumen und konfrontieren den Kolonialismus. Als Kompliz*innen sind wir gezwungen, uns gegenseitig Rechenschaft abzulegen und Verantwortung zu übernehmen. Das ist die Natur des Vertrauens.

Warte nicht darauf, dass dich jemand zum*zur Kompliz*in erklärt und du kannst es sicher nicht für dich selbst behaupten. Du bist es einfach oder du bist es nicht. Die Linien der Unterdrückung sind bereits gezogen. Direkte Aktion ist wirklich der beste und vielleicht der einzige Weg, um zu lernen, was es heißt, ein*e Kompliz*in zu sein. Wir befinden uns in einem Kampf, also sei bereit für Konfrontation und Konsequenz.

Wenn du dich fragst, ob du dich mit einer Organisation einlassen oder sie unterstützen sollst

Sei misstrauisch gegenüber jeder Person und jeder Organisation, die sich zu Allyship und zur Dekolonisierungsarbeit bekennen und/oder ihre Beziehungen zu Indigenen Völkern als Abzeichen tragen.

Nutze einige der oben genannten Punkte, um die primären Motive zu bestimmen. Schau dir die Finanzierung der Organisation an. Wer wird bezahlt? Wie transparent sind sie? Wer legt die Bedingungen fest? Wer legt die Agenda fest? Stimmen die Kampagnen mit den Bedürfnissen vor Ort überein? Gibt es lokale Indigene Basisgruppen, die direkt an der Entscheidungsfindung beteiligt sind?




1.

Brocialismus und Manarchismus sind Oberbegriffe für Sexisten innerhalb der radikalen Linken und Antiautoritären. Sie werden insbesondere für diejenigen verwendet, die glauben, dass die Schaffung eines sozialistischen, marxistischen oder anarchistischen (Anti-)Systems unweigerlich zur Gleichstellung der Geschlechter führen wird und dass daher keine anderen Maßnahmen ergriffen werden müssen als die Zerstörung der durch die Klasse auferlegten Hierarchie.

1.

Sexploitation ist eine Wortkombination aus Sex und Exploitation (= Ausbeutung/Ausnutzung)

1.

Mit dem Begriff Tokenismus wird die Praxis kritisiert, lediglich symbolische Anstrengungen zu unternehmen, um Mitglieder einer gesellschaftlich marginalisierten Gruppe soziopolitisch gleichzustellen. Tatsächlich werde aber dem Gros der marginalisierten Minderheit(en) die Gleichbehandlung mit der Mehrheitsgesellschaft vorenthalten, ihre wenigen formell gleichberechtigten Vertretenden dienen als Tokens (Spielsteine, Marionetten, im übertragenen Sinne: Feigenblätter). Sie würden nach außen hin als „Aushängeschilder" oder moralische Feigenblätter missbraucht.

Schwarze Menschen sollten mit allen Mitteln rebellieren

Lorenzo Kom'boa Ervin

Ich wurde schon mehrmals von Aktivist*innen darauf angesprochen, was ich über Ferguson denke, die sagen, dass alle Straßenproteste "nutzlos" und ineffektiv sind und beendet werden sollten, und wir einfach direkt zur bewaffneten Selbstverteidigung übergehen sollten. Ich denke nicht, dass das die einzige Lehre ist, die man aus dem Aufstand in Ferguson ziehen kann.

Zuerst möchte ich sagen, dass der Aufstand in Ferguson ein lokaler Protest war, obwohl er nationale und sogar internationale Auswirkungen hatte. Tatsache ist, dass wir keine Möglichkeit haben, solche Ereignisse zu kontrollieren und nicht versuchen sollten, sie "zu übernehmen". Wir sind auch nicht stark genug in diesem Moment, noch gut bewaffnet oder gut organisiert genug, um strikt zur bewaffneten Selbstverteidigung allein überzugehen. Wir müssen die Massen unseres Volkes für die Idee gewinnen, die Cops, die weiße herrschende Klasse und ihren Polizeistaat mit anderen Mitteln als Pazifismus herauszufordern, während wir schließlich über massenhafte unbewaffnete Straßenkämpfe hinausgehen. Straßenkämpfe sind ein wichtiges Stadium, wenn sie richtig gemacht werden; sie werden tatsächlich zu einer neuen Form des Protests.

Wir müssen auch die Massen der Menschen aufklären, warum sie kämpfen sollten und nicht auf Al Sharpton, Obama oder die alten Bürgerrechtsverführenden und Kollaborateur*innen mit der Regierung hören. Diese Kräfte sollten entlarvt, herausgefordert und zerschlagen werden. Kann das gelingen? Erinnere dich einfach an die Black Power Bewegung der 1960er Jahre, als die Jugend in den Straßen hunderter amerikanischer Städte rebellierte, und der spätere Aufstieg der Black Panther Party. Alles geschah, als Dr. M.L. King, Jr. noch lebte und das Bürgerrechts-Establishment noch existierte.

King und die gewaltfreien Bürgerrechtstendenzen wurden zu dieser Zeit als Führende und die Bewegungen, denen die Menschen vertrauten, verdrängt. Tatsächlich hatten Kwame Toure (Stokely Carmichael) und H. Rap Brown einen ebenso guten Ruf wie Dr. King, obwohl die weiße Regierung und ihre Medien die Black Power Bewegung ablehnten und fürchteten und ausschließlich Dr. King förderten. Ich habe das mit meinen eigenen Augen gesehen.

Für mich gibt es zwei Extreme: die Pazifist*innen und die Regierung, die beide zu "friedlichen" Demonstrationen aufrufen, und auf der anderen Seite die Aktivist*innen, die behaupten, dass alle Demonstrationen ineffektiv sind und wir diese Taktik aufgeben sollten. Wir sollten die von der Regierung kontrollierten, geskripteten, pazifistischen Demonstrationen aufgeben, dem stimme ich voll und ganz zu, aber wenn die Massen sich in Rebellion erheben, sollten wir das unterstützen.

Der Aufstand in Ferguson zeigt uns, dass es möglich ist, störende Demonstrationen über viele Tage zu haben und keinem der beiden Extreme nachzugeben, selbst im Angesicht einer Armee von Cops und Mittelklasse- Friedensstifter*innen unter den Demonstrierenden. Sie haben uns gezeigt, dass eine militante Demonstration ein Ereignis sein kann, um mit der ganzen Welt zu kommunizieren und sie zu inspirieren, sowie eine Anprangerung der Cops und der Regierung der USA.

Sie haben uns gezeigt, dass wir den Staat, die Regierung und die Bullen durch solche Demonstrationen untergraben können und dass sie, auch wenn sie keine Revolution sind, die Massen zur Revolte inspirieren. Sie sind eine wichtige Etappe. Sie entlarven wie nichts anderes, dass die Regierung die lokale Polizei massiv aufrüstet, um polizeistaatliche Maßnahmen durchzuführen und die Polizei auf lokaler Ebene in eine Armee zu verwandeln.

Wir sollten uns Massenaufständen anschließen, die sowohl den tief sitzenden Hass auf die weiße Vorherrschaft als auch den Polizeistaatsterror zum Ausdruck bringen, und sie militärisch und politisch auf eine höhere Ebene tragen, wenn wir können. Was Michael Brown passiert ist, ist der Schwarzen Jugend in diesem Land schon tausende Male passiert. Der einzige Unterschied ist, dass die Menschen in seiner Gemeinschaft beschlossen haben, sich zu wehren. Wir brauchen mehr, nicht weniger jugendbasierte Community-Proteste im ganzen Land wie den Aufstand in Ferguson, während wir zu bewaffneten Propaganda-Einheiten übergehen, die die "open carry" Gesetze voll ausnutzen.

Wir brauchen klare Strategien für den Sieg in dieser Phase: Massenbewegungen auf lokaler Ebene für die Kontrolle der Polizei durch die Gemeinschaft zu organisieren und auch mit dem Abbau der städtischen Polizeikräfte zu beginnen, die örtliche Polizei zu entmilitarisieren und zu

entwaffnen und alle solche Macht für bewaffnete Kräfte/Selbstverteidigung in die Hände einer gemeinschaftsbasierten Miliz/Selbstverteidigungskraft zu legen. Andernfalls lassen wir zu, dass politische Zuhälter wie Al Charlatan und andere die Tagesordnung übernehmen und die Massen auf die Intervention des Bundes warten und angewiesen sind. Der kürzlich gegründete Huey P. Newton Rifle Club und die Socialist Rifle Association zeigen uns vielleicht einen Weg nach vorne, und wir müssen Gruppen wie diese im ganzen Land aufbauen, unabhängig von der unmittelbaren Politik.

Das ist ein Anfang, aber wir müssen letztendlich zu einer vollwertigen Black Partisan Miliz und anderen solchen breiter angelegten bewaffneten Protestbewegungen übergehen. Ich denke sogar, dass die Black Autonomy Federation und alle revolutionären Bewegungen des sozialen Wandels jetzt mit solchen Vorbereitungen beginnen sollten, während sie sich noch um andere Themen organisieren, um die Regierung in dieser Zeit herauszufordern. Dies ist meine eigene Idee zu all dem, nach der gefragt wurde, nicht die einer Organisation, und sie wird sicherlich nicht als langfristige Strategie präsentiert, nur in den Momenten nach dem Aufstand von Ferguson. Es ist nicht das letzte Wort. Auch bewaffnete Selbstverteidigung ist nicht genug. Wir brauchen eine Revolution, aber es ist etwas, womit wir uns in dieser unmittelbaren Zeit beschäftigen müssen.

Afrikanischer Anarchismus: Ein Interview mit Sam Mbah

African Anarchism: The History of a Movement von Sam Mbah und I.E. Igariwey ist die erste buchfüllende Abhandlung über Anarchismus und Afrika. Die Autoren argumentieren, dass der Anarchismus einen kohärenten Rahmen bietet, um die vielfältigen Krisen, die den Kontinent heimsuchen, zu verstehen und darauf zu reagieren. Ich traf mich mit Mbah am 4. November 1998 zu Beginn seiner nordamerikanischen Vortragsreise.

Interviewer: Du sagst, dass "die allgemeine Tendenz in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft in Richtung sozialer Gleichheit und größerer individueller Freiheit geht." Teilst du die Überzeugung von Marx, dass der Kapitalismus eine fortschrittliche Entwicklung in der Weltgeschichte ist und eine notwendige Vorbedindung für angemessenere Gesellschaftsformen?

Sam: Die marxistische Position ist nicht ganz richtig. Der Kapitalismus war in seiner eigenen Epoche eine fortschrittliche Entwicklung: Er lieferte die Grundlage für die Radikalisierung der Arbeiter*innenklasse, die im Feudalismus nicht möglich war, was definitiv ein Schritt vorwärts war. Auf dieser Grundlage intensivierte sich der Kampf gegen den Kapitalismus und das Staatssystem. Ich denke jedoch nicht, dass jedes Land oder jede Gesellschaft diesen Prozess durchlaufen muss oder dass der Kapitalismus eine Vorbedindung für menschlichen Fortschritt oder Entwicklung ist. Ich glaube auch nicht, dass die menschliche Geschichte vorhersehbar ist oder an Abläufe gebunden werden kann, die von Historiker*innen und Schriftsteller*innen entwickelt wurden. Ich glaube, dass die Fähigkeit der einfachen Menschen in einer gegebenen Gesellschaft so groß ist, dass sie sie fast dazu treiben kann, das Schicksal zu jedem Zeitpunkt in die eigenen Hände zu nehmen. Es muss nicht warten, bis die kapitalistische Entwicklung Wurzeln geschlagen hat oder sich die Arbeiter*innenklasse gebildet hat. Auch die Bäuer*innenschaft zum Beispiel kann ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen, wenn ihr Bewusstsein auf eine bestimmte Stufe gehoben wird. Ich glaube nicht an die Aufteilung der Geschichte in Etappen: Ich glaube an die Fähigkeit des einfachen Volkes, zu jedem Zeitpunkt aus eigener Kraft zu kämpfen und sich zu befreien.

Interviewer: Dein Buch basiert auf dem Anarcho-Syndikalismus, einer Tradition, die vor allem aus europäischen historischen Erfahrungen stammt. Welche besonderen Beiträge kann die afrikanische Erfahrung für den Anarchismus als Ganzes leisten?

Sam: Wir haben versucht, dies in unserem Buch zu verdeutlichen. Obwohl der Anarchismus ohne die westeuropäischen Beiträge nicht vollständig ist, glauben wir, dass es Elemente der traditionellen afrikanischen Gesellschaften gibt, die bei der Ausarbeitung anarchistischer Ideen hilfreich sein können. Eines davon ist die Selbsthilfe, die gegenseitige Hilfe oder die kooperative Tradition, die in der afrikanischen Gesellschaft vorherrscht. Diese Gesellschaft ist so strukturiert, dass es einen reduzierten Individualismus und eine kollektive Herangehensweise gibt, um Probleme zu lösen und das Leben zu leben: Auf das Wesentliche reduziert, denke ich, ist es das, was der Anarchismus predigt.

Afrikanische traditionelle Gesellschaften bieten auch einige Dinge, von denen wir lernen sollten. Zum Beispiel war die Führung — vor allem in Gesellschaften, in denen sich kein Feudalismus (und damit keine Häuptlingstümer) entwickelt hat — horizontal und diffus, nicht vertikal. Fast jede Person in einer bestimmten Gemeinschaft oder einem Dorf nahm an der Entscheidungsfindung teil und hatte ein Mitspracherecht bei allem, was sie betraf. Selbst die Ältesten würden normalerweise keinen Krieg gegen das nächste Dorf erklären, es sei denn, es gäbe einen Konsens, der wirklich die verbindliche Kraft der afrikanischen Gesellschaft war. Auch das System der Großfamilie, in dem dein Neffe bei dir und deiner Frau leben konnte, ist definitiv etwas, das wir dem Anarchismus empfehlen. Dies sind also Bereiche, in denen wir denken, dass afrikanische Ideen auch in den Anarchismus einfließen könnten. Diese Ideen sind beständig, fast in der menschlichen Natur, soweit es Afrika betrifft.

Interviewer: Die Unfähigkeit, eine kohärente Kritik des Staates und des Kapitalismus mit einer Kritik des Rassismus zu verbinden, hat dem Anarchismus einen enormen Tribut abverlangt. In welchem Sinne muss eine Analyse von Rassismus und weißer Vorherrschaft eine Klassenanalyse ergänzen?

Sam: Das kapitalistische System, das wir geerbt haben, lebt von der Ausbeutung der Arbeiter*innen und anderer nicht-dominanter Klassen und nutzt auch raciale Unterschiede aus. Es hat eine permanente raciale Dichotomie unter den Arbeiter*innen eingerichtet, in der es eine Gruppe von privilegierten Arbeiter*innen und eine andere, nicht so privilegierte Gruppe gibt. Es gibt eine doppelte Ausbeutung: eine Ausbeutung der Arbeiter*innenklasse im Allgemeinen und eine noch größere Ausbeutung der nicht-weißen Arbeiter*innenklasse. Dies wurde selbst vom Marxismus nicht richtig angesprochen, weil er von einer Einheit der Interessen der Arbeiter*innenklasse

ausging, ohne auf die spezifischen Arten der Ausbeutung und Benachteiligung der Arbeiter*innen einzugehen.

Rassismus ist ein Schlüsselfaktor in dieser Welt und jede Analyse der Arbeiter*innenklasse, die versucht, dies zu leugnen, ist nur realitätsfern. Rassismus ist im Kapitalismus einfach endemisch.

Es liegt an den Arbeiter*innen, dies zu begreifen, als Grundlage für die Einheit in ihren eigenen Reihen und um voranzukommen. Dies muss von anarchistischen Aktivist*innen und sozialen Bewegungen erkannt werden, um Schwarze und Weiße zu integrieren, damit sie einem gemeinsamen Feind gegenüberstehen, der der Kapitalismus und die von ihm geschaffenen gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse sind.

Was ist Panafrikanismus?

Saint Andrew

Lasst uns über den Panafrikanismus, seine Geschichte, seine Gegenwart, seine Kritik und seine Zukunft sprechen.

Was ist Panafrikanismus?

Viele Bücher wurden zum Thema Panafrikanismus geschrieben und es wurde viel Zeit darauf verwandt, eine Definition auszuarbeiten. Manche Autor*innen machen sich gar nicht erst die Mühe, den Begriff zu definieren, sondern räumen ein, dass er für verschiedene Menschen zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Dinge bedeutet hat. Ich werde hier nur einige der vielen unterschiedlichen Ansichten darüber vorstellen, was Panafrikanismus ist und wie er aussehen sollte, also ziehe deine eigenen Schlüsse. Trotzdem wollen wir es mal mit der Definition versuchen.

Der Panafrikanismus beruht auf der Überzeugung, dass alle Völker afrikanischer Abstammung eine Nation sind. Nicht im Sinne eines Nationalstaates, sondern in dem Sinne, dass alle Völker afrikanischer Abstammung, sowohl auf dem Kontinent als auch in der Diaspora, eine gemeinsame Geschichte, ein gemeinsames Ziel und ein gemeinsames Schicksal haben. Dieses Schicksal ist ein vereintes und unabhängiges Afrika als Grundlage für die Befreiung. Als Ideologie und Bewegung fördert der Panafrikanismus die Solidarität und Einheit für den ökonomischen, sozialen, kulturellen und politischen Fortschritt und die Emanzipation und letztlich zur Erhebung aller Völker afrikanischer Abstammung.

Panafrikanist*innen setzen sich gegen die Ausbeutung und Unterdrückung aller Menschen afrikanischer Herkunft ein, bekämpfen die Ideologien des antiafrikanischen Rassismus und feiern afrikanische Errungenschaften, die Geschichte und das Afrikanischsein an sich. Die meisten Panafrikanist*innen waren im Laufe der Geschichte auch Sozialist*innen verschiedener Couleur, die den Kapitalismus als Feind der Befreiung betrachten, und kommunale Beziehungen, wie sie in vorkolonialen afrikanischen Gesellschaften herrschten, als Notwendigkeit ansehen.

Der Panafrikanismus ist eng mit dem Schwarzen Nationalismus verbunden, der sich um die soziale, politische und ökonomische Ermächtigung der Schwarzen Gemeinschaften dreht. Die Nation wird hier nicht durch Grenzen definiert, sondern durch Menschen, die durch gemeinsame Erfahrungen verbunden sind, vor allem um sich gegen die westliche Vorherrschaft zu wehren und Schwarze Kulturen und Identitäten zu bewahren. Es ist völlig getrennt vom weißen Nationalismus, der diesen Namen erst Jahrzehnte später angenommen hat und untrennbar mit der weißen Vorherrschaft verbunden ist.

Wer sind also einige dieser Denker*innen, Führenden und Politiker*innen, die zum Panafrikanismus beigetragen haben? Da wären Toussaint Louverture, Julius Nyerere, Kwame Nkrumah, Thomas Sankara, Marcus Garvey, C.L.R. James, Kwame Ture, Malcolm X, W. E. B. Du Bois, Frantz Fanon, Aimé Césaire... ich könnte noch mehr nennen. Es wäre schwierig, all diese Menschen als in einem Ziel vereint zu bezeichnen, da ihre Ideen oft sehr unterschiedlich waren. Dennoch haben sie alle in gewisser Weise die metaphorische Flagge des Panafrikanismus gehisst.

Der Panafrikanismus hat eine ziemlich schicke Flagge. Das Rot steht für das Blut, das alle Menschen afrikanischer Abstammung vereint und das für die Befreiung vergossen werden muss, das Schwarz steht für die Schwarzen als Nation, die durch ein gemeinsames Erbe vereint sind, und das Grün steht für die üppige Fülle des afrikanischen Reichtums. Um den Panafrikanismus zu verstehen, brauchst du ein wenig Hintergrundwissen über die Geschichte der afrikanischen Völker, das ich hier in groben Zügen wiedergebe.

Eine kurze Geschichte der afrikanischen Völker

Afrika ist der genetisch vielfältigste Kontinent der Welt und die Wiege der Menschheit. Von hier aus haben sich die verschiedenen Völker über die ganze Welt verteilt und sich ihren eigenen Raum geschaffen. Afrika hat ein jahrtausendealtes Erbe an Nationen, Königreichen und Kulturen, die aufstiegen, untergingen, innovativ waren, sich ausbreiteten und mit der Welt teilten. Afrikaner*innen haben im Laufe der Geschichte zur Entwicklung von Mathematik, Astronomie, Medizin, Architektur, Philosophie und vielem mehr beigetragen. Selbst nach dem Kolonialismus gibt es in Afrika über 3000 ethnische Gruppen. Ich verwende den Begriff Stamm übrigens nicht, weil er historisch gesehen dazu benutzt wurde, komplexe Gesellschaften, die von Europäer*innen als primitiv angesehen wurden, abzutun.

Vor der Kolonialisierung gab es keine gemeinsame panafrikanische Identität auf dem Kontinent. Wie sollte das auch gehen? Sie hatten nicht alle die gleiche Religion, Sprache oder Kultur. Die Khoisan-Völker in Südafrika hatten wenig mit den Songhai in Westafrika oder den Habesha in Ostafrika gemeinsam. Afrika ist

riesig, und selbst Menschen, die direkt nebeneinander lebten, hatten sehr unterschiedliche Lebensstile, Praktiken und Barrieren, die sie voneinander trennten.

Es ist also keine Überraschung, dass der Sklav*innenhandel im Atlantik, angefangen mit den Portugiesen, zu einem wahren Wahnsinn wurde. Afrikaner*innen wurden gekidnappt und in die Sklaverei verkauft, oft von afrikanischen Landsleuten. Königreiche und Nationen, die die Sklaverei förderten, wurden schnell selbst versklavt. Der brutale Appetit auf mehr ausbeutbare Arbeitskräfte auf dem amerikanischen Kontinent wuchs. Mindestens 12 Millionen Afrikaner*innen wurden nach Amerika verschleppt, Millionen weitere starben bei diesem großen Verbrechen, und in der Karibik, in Brasilien, in den Vereinigten Staaten und anderswo wurden neue Nationen gegründet. Es war die größte Zwangsmigration in der Geschichte der Menschheit. Es gab auch den Transsahara-Sklav*innenhandel, der oft aus dem Diskurs über die Versklavung der Afrikaner*innen ausgeklammert wird, da seine Folgen weder von der Größe noch vom Ausmaß her vergleichbar sind, aber ich finde es trotzdem wichtig, ihn zu erwähnen.

Durch den atlantischen Sklav*innenhandel und die anschließende zermürbende und unmenschliche Behandlung in den beiden Amerikas wurden die verschiedenen Völker Afrikas ihrer ursprünglichen Kulturen beraubt und zum ersten Mal zusammengeführt. Die afrikanische Diaspora begann sich zu vereinen und eine eigene Identität zu entwickeln. In der Zwischenzeit wurde Afrika von konkurrierenden und kollaborierenden europäischen Mächten kolonisiert und aufgeteilt, die alle nach dem Reichtum des Kontinents gierten. Auf der Berliner Konferenz wurden Grenzen und Trennungen gezogen, die den Kontinent bis heute schwächen.

Seit der ersten transatlantischen Sklav*innenreise sind fast 500 Jahre vergangen. Seitdem haben wir als Volk weder Frieden noch Gerechtigkeit gekannt. Die Entstehung unserer Diaspora ging einher mit dem Aufkommen des globalen Kapitalismus, der europäischen Vorherrschaft und des anti-Schwarzen Rassismus. Rassistische Ideen wurden geschmiedet, um die wirtschaftlichen Motive der Eliten zu unterstützen, und auch heute noch halten viele an der Vorstellung von der Minderwertigkeit der Afrikaner*innen fest, die ihre Einstellung zu unseren Verhältnissen (falsch) prägt. Wir leiden immer noch unter der Auslöschung und Unterdrückung unserer Geschichte und unseres Erbes. Unsere Arbeit hat den Reichtum des globalen Nordens geschaffen und tut dies auch weiterhin. Wir wurden nicht nur von den europäischen, sondern auch von den arabischen und asiatischen Mächten ausgebeutet, und unsere Versklavung hält bis heute auf der ganzen Welt an. Unser Land wurde gestohlen und wir wurden aus unserem Land gestohlen. Man hat uns die Autonomie verweigert, uns unsere Rechte verweigert und uns unsere Menschlichkeit abgesprochen.

Die historische Antwort der afrikanischen Völker war der Panafrikanismus, ein Fluss mit vielen Strömen und Strömungen. Im Folgenden will ich einige der wichtigsten Denker*innen und Bewegungen der letzten Jahre diskutieren.

Die Geschichte des Panafrikanismus Vor dem 19. Jahrhundert

Im späten 18. Jahrhundert war der Sklav*innenhandel in vollem Gange. Doch schon damals setzten sich Abolitionist*innen für sein Ende ein. Eine der berühmtesten dieser abolitionistischen Gruppen waren die Sons of Africa, die sich aus gebildeten, ehemals versklavten afrikanischen Menschen in London zusammensetzten. Es war die erste Schwarze politische Gruppe in Großbritannien und wurde als eine der ersten panafrikanischen Organisationen bezeichnet. Die Sons of Africa schrieben Briefe an die Presse, betrieben Lobbyarbeit im Parlament, wandten sich gemeinsam an die Quäker [Religiöse Gemeinschaft der Freunde] und arbeiteten mit anderen Abolitionist*innen und Radikalen zusammen, um sich gegen den Menschenhandel mit Afrikaner*innen und für die Rechte aller einzusetzen. Zu den namhaften Mitgliedern gehörten Olaudah Equiano, der seit seiner Kindheit Sklave war und zweimal verkauft wurde, bevor er seine Freiheit erlangte, und Ottobah Cugoano, der im Alter von 13 Jahren in die Sklaverei verkauft wurde und schließlich von einem britischen Kaufmann gekauft, ausgebildet und freigelassen wurde.

19. Jahrhundert

Der wohl existenzbedrohendste Moment für die europäischen Reiche im frühen

19. Jahrhundert war der Erfolg des Sklav*innenaufstands in Haiti. Die haitianische Revolution, die u. a. von Toussaint Louverture angeführt wurde, begann 1791 und endete 1804 und war die erste und einzige Staatsgründung durch einen Sklav*innenaufstand. Er stellte die lang gehegten europäischen Überzeugungen über die Intelligenz und die Fähigkeit versklavter Völker, ihre eigene Freiheit zu erlangen und zu erhalten, in Frage. Während Haiti nach der Revolution mit Attentaten, Embargos und erheblicher Besteuerung durch Frankreich und einer stark segmentierten "farbbasierten" Klassengesellschaft zu kämpfen hatte, war das, was die Haitianer*innen aufbauten, auch nach der Emanzipation ein Leuchtfeuer der Hoffnung für Afrikaner*innen überall. Haiti wurde zu einem sicheren Hafen für entlaufene Sklav*innen, Revolutionär*innen und alle, die unterdrückt wurden.

Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts begannen frühe Denker wie Alexander Crummel, Martin Delany und Edward Blyden, den Grundstein für ein umfassenderes panafrikanisches Denken zu legen. Alexander Crummel, der 1819 frei geboren wurde, war einer der ersten Schwarzen Nationalisten und setzte sich für Solidarität und ökonomische Entwicklung ein. Martin Delany, der

1812 frei geboren wurde, forderte "Afrika für Afrikaner*innen". Er war der Meinung, dass Schwarze in den Vereinigten Staaten keine Zukunft haben und auswandern sollten, um anderswo eine neue Nation zu gründen, zum Beispiel in der Karibik oder in Südamerika. Er kritisierte rücksichtslos so viele Personen, Ideen und Institutionen, dass er gemäßigte Abolitionist*innen verprellte. Er war auch gegen die raciale Segregation und bekannt für seinen tief sitzenden Stolz auf sein eigenes Volk. Edward Blyden schließlich, der 1832 frei geboren wurde, setzte sich für eine Rückkehr nach Afrika ein, um beim Wiederaufbau des Kontinents zu helfen. Er war einer der ersten, der den Begriff der "Afrikanischen Persönlichkeit" formulierte.

Viele ihrer Ideen und Handlungen würden heute als veraltet oder schlichtweg als falsch angesehen werden. Nichtsdestotrotz sollten die Werke und Ideen dieser drei Männer unzählige zukünftige Panafrikanist*innen inspirieren.

Die 1900er-1920er Jahre

Der Panafrikanismus nahm mit dem Beginn der ersten panafrikanischen Konferenz in London im Jahr 1900 wirklich Gestalt an. Sie wurde von dem trinidadischen Anwalt Henry Sylvester Williams organisiert. Es nahmen 37 Delegierte und 10 weitere Teilnehmende aus der ganzen Diaspora teil. Ein bemerkenswerter Teilnehmer war W.E.B. DuBois, der eine führende Rolle bei der Abfassung eines Briefes an die europäischen Staatsoberhäupter spielte, in dem er sie aufforderte, gegen Rassismus zu kämpfen, den Kolonien in Afrika und Westindien das Recht auf Selbstverwaltung zu gewähren und politische und andere Rechte für Afroamerikaner*innen zu fordern. Es war das erste Mal in der Geschichte, dass Schwarze aus allen Teilen der Welt zusammenkamen, um die Lage ihrer Race zu diskutieren und zu verbessern. Nach der Konferenz wurden in Jamaika, Trinidad und den USA Sektionen der Pan-African Association gegründet. Später trafen sie sich unter dem Banner des Panafrikanischen Kongresses. Dazu später mehr.

Kommen wir zu einer kontroversen Figur, dem sogenannten "Neger mit Hut": Marcus Garvey. Er gründete die Universal Negro Improvement Association (UNIA). Der 1887 in Jamaika geborene Garvey war ein Schwarzer Nationalist in der panafrikanischen Szene, der sich für racialen Stolz und den Aufbau von Institutionen für die afrikanische Diaspora einsetzte. Richtiger wäre es jedoch, ihn als diktatorischen Schwarzen Separatisten zu bezeichnen, denn er stellte sich ein vereintes Afrika als Einparteienstaat vor, der von ihm selbst regiert wird und der Gesetze erlässt, um die raciale Reinheit der Schwarzen zu gewährleisten. Er glaubte, Amerika sei ein Land für Weiße und bezeichnete sich selbst als den ersten Faschisten und Schwarzen Kapitalisten. Obwohl er keine Ahnung von der Vielfalt Afrikas hatte, es für rückständig hielt und den Kontinent nie selbst besuchte, war er ein großer Befürworter der Back-to-Africa- Bewegung und leitete die Schifffahrts- und Passagiergesellschaft Black Star

Line, um Amerikaner*innen nach Liberia zu bringen. Er verherrlichte viele westliche Ideen und verlieh prominenten Unterstützenden sogar britische Titel wie "Lord" und "Knight". Er wurde wegen Postbetrugs verurteilt und beschuldigte jüdische Menschen, sich gegen ihn verschworen zu haben, weil — halt dich fest — er mit dem Ku-Klux-Klan zusammenarbeitete. Er war zutiefst antisozialistisch, gegen die raciale Mischung und gegen die raciale Integration. Seine Organisation hat die panafrikanische Flagge entworfen, aber natürlich hat er viele panafrikanische Denker*innen entfremdet, weil seine Ideen so sehr von denen der anderen abwichen.

Ein Denker, mit dem er häufig aneinandergeriet, war der 1868 geborene William Edward Burghardt Du Bois, der Garvey als "Volksverhetzer" bezeichnete, den er nach Kräften zu ignorieren versuchte. Tatsächlich schienen sie sich gegenseitig zu hassen. Du Bois wird eher als Vater des Panafrikanismus anerkannt, obwohl er mit dem unglücklichen Titel "Pan-Negroismus" begann. Im Laufe seines Lebens trug er zu einer Vielzahl von Ideen bei, darunter der Schwarze Existenzialismus, und setzte sich konsequent für das Studium der afrikanischen Geschichte ein. Er gründete die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) und war ein glühender Verfechter der Gleichberechtigung. Er gehörte zu den ersten Afroamerikanern, die auf die kolonialen Verhältnisse in Afrika hinwiesen, und war ein entschiedener Gegner von Garveys Vorstellung einer afroamerikanischen Herrschaft über Afrika. Du Bois erkannte auch die tiefen Zusammenhänge zwischen Kapitalismus und Rassismus und glaubte, dass der Sozialismus ein besserer Weg zur racialen Gleichheit sein könnte. Wegen seines Lobes für Karl Marx und seiner kommunistischen Sympathien wurde er aus der NAACP ausgeschlossen. Später in seinem Leben floh er aus den USA und fand unter der Führung von Kwame Nkrumah Zuflucht in Ghana. Er starb einen Tag vor Dr. Martin Luther Kings Marsch auf Washington 1963, den er selbst 60 Jahre zuvor zu organisieren versucht hatte.

Die 1920er-1940er Jahre

In den 1920er, 30er und 40er Jahren kam eine ganze Welle von Denker*innen und Ideen in den Schoß der Bewegung. Die Entwicklung und Verbreitung panafrikanischer Ideen sollte sich noch weiter ausbreiten und hatte einen enormen Einfluss auf die Harlem Renaissance der 1920er Jahre, die Du Bois mit gefördert hatte. In dieser Zeit fanden die ersten vier panafrikanischen Kongresse statt. 1919 in Paris, 1921 in London, 1923 erneut in London und 1927 in New York City.

Auf dem ersten Kongress waren 57 Delegierte aus 15 Ländern anwesend, darunter Du Bois und Ida Gibbs. Im Mittelpunkt dieses Kongresses in Paris stand eine Petition an die Friedenskonferenz in Versailles, in der gefordert wurde, dass die Alliierten bei der Verwaltung der ehemaligen Gebiete in Afrika

zusammenarbeiten und dass Afrika eine Selbstverwaltung gewährt wird. Beim zweiten Kongress kamen 26 verschiedenen Gruppen aus ganz Afrika, Europa, der Karibik und den Amerikas sowie von geschwisterlichen Organisationen aus Asien zusammen. Im Mittelpunkt dieses Kongresses, der in London, Brüssel und Paris stattfand, stand die Verabschiedung einer Erklärung, in der die europäische Kolonialherrschaft in Afrika kritisiert und die ungleichen Beziehungen zwischen der weißen und der Schwarzen Race beklagt sowie eine gerechtere Verteilung der Ressourcen der Welt gefordert wurde. Auf dem dritten und vierten Kongress in London und New York City forderten die Delegierten erneut Selbstbestimmung und ein Ende der europäischen Ausbeutung des Kontinents und sprachen die Probleme in der Diaspora im Zusammenhang mit Lynchjustiz und der Herrschaft weißer Minderheiten an.

Es gab auch Aktivisten und Schriftsteller wie CLR James, die in dieser Zeit an Bedeutung gewannen. Der 1901 in Trinidad geborene CLR James leistete kühne Beiträge zum radikalen Denken der Schwarzen, indem er panafrikanische und marxistische Ideen miteinander verband. Er stellte vor allem die falsche Dichotomie von "panafrikanischem Nationalismus" und "Arbeiter*innen-Internationalismus" in Frage und fasste damit seinen Widerstand gegen raciale, koloniale und klassenbasierte Unterdrückung zusammen. Andere Denker dieser Zeit waren der Amerikaner Paul Robeson, der Trinidader George Padmore, der Senegalese Léopold Senghor, der Martiniquaner Aimé Césaire und der Kenianer Jomo Kenyatta. Man könnte es als panafrikanische, Schwarz-atlantische intellektuelle Gemeinschaft bezeichnen, da Ideen in der Diaspora frei ausgetauscht wurden.

Die 1940er-1960er Jahre

In den späten 1940er Jahren, inmitten der Roten Angst in den USA, trat die eher sozialistische panafrikanistische Bewegung zurück und Afrikaner*innen begannen, das Ruder zu übernehmen, wo zuvor Afroamerikaner*innen waren. Aus dieser Zeit möchte ich den 5. Panafrikanischen Kongress und den Aufstieg von Kwame Nkruma hervorheben.

Auf dem 5. Panafrikanischen Kongress in Manchester im Jahr 1945 wurden in Anwesenheit von 200 Mitgliedern die Grundlagen des heutigen Panafrikanismus gelegt. Ziel war es, einen allgemeinen Entwurf für ein praktisches Programm zur politischen Befreiung Afrikas auszuarbeiten. Sie waren weitaus militanter als frühere Kongresse und strebten eine freie Föderation afrikanischer sozialistischer Staaten an. Der Kongress forderte die Unabhängigkeit, rief zur Solidarität unter allen unterdrückten und ausgebeuteten Völkern auf und verurteilte Imperialismus, raciale Diskriminierung und Kapitalismus. Der 5. Kongress brachte eine Reihe afrikanischer intellektueller und politischer Führender hervor, die den Kontinent

auf unterschiedliche Weise beeinflussen sollten, darunter Obafemi Awolowo und Kwame Nkrumah.

Der 1909 geborene Nkrumah war ein panafrikanischer Marxist-Leninist, der die Unabhängigkeitsbewegung der Goldküste anführte, aus der 1957 die Nation Ghana hervorging, und 1963 die Organization of African Unity mitbegründete. Er war stark von Marcus Garvey, W. E. B. Du Bois, George Padmore, CLR James und Edward Blyden beeinflusst und suchte bei ihnen nach Wegen, wie Afrika sich selbst zu einer Kraft des Guten in der Welt entwickeln kann. Mit der Unabhängigkeit wurde er der erste Premierminister Ghanas.

Unter seiner Führung war Ghana im Wesentlichen eine Sozialdemokratie mit einem starken Wohlfahrtsstaat, einem Bildungs- und Gesundheitswesen und einigen verstaatlichten Industrien. Er arbeitete auch daran, das Land schnell zu industrialisieren. Nkrumah förderte eine panafrikanische Kultur, lehnte eurozentrische Normen ab, förderte traditionelle Kleidung und eröffnete Museen und andere kulturelle Einrichtungen. Er verbot auch die Stammeszugehörigkeit, um den Einfluss lokaler Häuptlinge zurückzudrängen — mit wenig Erfolg — und baute seine autokratischen Fähigkeiten langsam aus, verbot andere politische Parteien und wurde Präsident auf Lebenszeit. Er wurde auch dafür kritisiert, dass er einen Personenkult aufbaute. Schließlich wurde er 1966 durch einen vom Westen unterstützten Putsch gestürzt und der Nationale Befreiungsrat, der die Kontrolle übernahm, privatisierte die nationale Industrie unter der Aufsicht multinationaler Konzerne. Er kehrte nie wieder nach Ghana zurück und verbrachte den Rest seiner Tage in Guinea, als ehrenamtlicher Co-Präsident von Ahmed Sékou Touré, einem anderen "Präsidenten auf Lebenszeit".

Die 1960er-1980er Jahre

Zu diesem Zeitpunkt begann der Panafrikanismus außerhalb Afrikas zu schwinden. In den USA wurde die Black Panther Party zwischen 1966 und 1982 aktiv. Sie setzte sich militant für Black Power ein und organisierte Sozialprogramme und Cop-Watches in den Gemeinden. Das FBI betrachtete die Black Panther Party als "die größte Bedrohung für die innere Sicherheit des Landes" und arbeitete daran, die Struktur der Partei zu infiltrieren, Mitglieder und Anführende zu ermorden und zu verhaften und Ressourcen abzuschöpfen. Mehr als jede andere Schwarze politische Organisation betonte die Black Panther Party den Klassenkampf, sogar über dem Panafrikanismus, was schließlich zu einer Spaltung mit Kwame Ture und anderen eher Schwarznationalistischen Mitgliedern führte. Die Organisation war weit davon entfernt, perfekt zu sein, und es gab viele interne Spaltungen und Spannungen, die auf die Feindseligkeit der Führung gegenüber abweichenden Ansichten und alternativen Ideologien zurückzuführen waren.

In Afrika begann 1974 der 6. Panafrikanische Kongress in Dar es Salaam, Tansania. Anders als frühere Panafrikanische Kongresse fand er außerhalb des westlichen imperialen Zentrums statt. Zu diesem Zeitpunkt erkannten die Panafrikanist*innen die Bedrohung durch den Neokolonialismus, indem sie den Sturz verschiedener afrikanischer Regierungen und den Einsatz von Afrikaner*innen zu deren Sturz in Betracht zogen. Daher legten die Panafrikanist*innen mehr Gewicht auf den Klassenkampf gegen westliche, östliche und afrikanische Kapitalist*innen. Langsam begannen sie jedoch auch zu erkennen, dass die verschiedenen bürokratischen Formen des Sozialismus gescheitert waren und dass die Massen stärker einbezogen werden mussten, um Elitismus und Autokratie zu besiegen. Sie sprachen auch endlich offen die Frauenfrage an und beschlossen, die politischen Kämpfe Schwarzer Frauen für die Gleichberechtigung zu unterstützen.

In diese Zeit fielen auch der Aufstieg religiöser Staatskapitalisten wie Robert Mugabe und Muammar al-Gaddafi sowie der Aufstieg und Fall von Thomas Sankara. Mugabe war ab 1980 drei Jahrzehnte lang der korrupte und ideologisch unklare Premierminister und dann Präsident von Simbabwe. Gaddafi war ein antisemitischer Panarabist und Panafrikaner, der Libyen ab 1969 42 Jahre lang regierte und sich für die "Vereinigten Staaten von Afrika" einsetzte. Thomas Sankara war der sogenannte Che Guevara Afrikas, der ab 1983 in Burkina Faso weitgehend positive, radikale Programme für soziale, ökologische und wirtschaftliche Veränderungen auf den Weg brachte. Natürlich unterdrückte er auch streikende Arbeiter*innen, verbot Gewerkschaften und schränkte die Medienfreiheit ein. Ich habe also gemischte Gefühle in Bezug auf ihn. 1987 wurde er ermordet und seine Regierung wurde entmachtet.

Die 1980er Jahre und danach

Die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts beschäftigten sich mit der Frage, wie der Panafrikanismus zu Beginn des neuen Jahrtausends aussehen sollte. Gelehrte begannen, den Afrozentrismus zu entwickeln, der afrikanische Denkweisen, Kulturen und historische Perspektiven als Korrektiv zur langen Tradition der europäischen kulturellen und intellektuellen Vorherrschaft hervorhebt.

Mit dem Ende des Kalten Krieges begann eine neue Ära der Globalisierung, doch Afrika blieb anfällig für externe Interventionen und Neokolonialismus. Allerdings gab es in dieser Zeit auch einige Siege gegen den Siedlerkolonialismus, wie zum Beispiel in Südafrika mit dem Ende der Apartheid. Die Frage der Entschädigungen für die Folgen von Sklaverei und Kolonialismus wurde 1993 auf der Ersten Panafrikanischen Konferenz über Wiedergutmachung in Abuja, Nigeria, wiederbelebt. Der 7. Panafrikanische Kongress fand 1994 in Kampala, Uganda, statt und die Organisation für Afrikanische Einheit wurde 2002 durch die Afrikanische Union ersetzt, die

erklärte, dass sie die gesamte afrikanische Diaspora einbeziehen würde. Die Relevanz des Sozialismus im Panafrikanismus wurde nun von den kapitalistischen afrikanischen Führenden der Nachkriegszeit in Frage gestellt. Panafrikanist*innen und Schwarzafrikaner*innen begannen auch zu hinterfragen, wer als Afrikaner*in zählt, um die besten Voraussetzungen für die Befreiung und Einheit Afrikas zu schaffen, denn die Versklavung von Schwarzafrikaner*innen durch Araber hält bis heute an, besonders in Libyen und Mauretanien.

Panafrikanismus heute

Es gäbe noch so viel mehr über das vergangene Jahrhundert des Panafrikanismus zu erzählen. Klar ist, dass es zwar Einigkeit darüber gibt, dass ein Wandel notwendig ist, dass es aber viele unterschiedliche Ansichten darüber gibt, wie dieser Wandel aussehen und wie er herbeigeführt werden kann.

Selbst in radikalen Diaspora-Kreisen wird heutzutage nicht mehr so oft über Panafrikanismus diskutiert, obwohl es auf dem Kontinent immer noch Probleme mit Korruption und Unterdrückung gibt. Rassismus, Eurozentrismus, die Folgen der Versklavung, Kolonialismus und seine Hinterlassenschaften, eine kapitalzentrierte Welt und Imperialismus sind immer noch aktuell. Doch Prominente, Opportunist*innen, Liberale und Memes haben das öffentliche Bewusstseins gekapert. Viele Menschen scheinen die internationale Solidarität vergessen zu haben, aber das könnte sich bald ändern.

Das Black Lives Matter Global Network wird von manchen als panafrikanische Bewegung angesehen, aber ist es das auch? Das Netzwerk erklärt, dass es "von Anfang an die Absicht hatte, Schwarze Menschen aus der ganzen Welt, die den gleichen Wunsch nach Gerechtigkeit haben, miteinander zu verbinden, um in ihren Gemeinschaften gemeinsam zu handeln". Aber kann man es wirklich als panafrikanisch bezeichnen, wenn es sich nicht zentral um Afrika dreht? Ist BLM Global etwas ganz anderes? Was ist die Zukunft des Panafrikanismus?

Die Zukunft des Panafrikanismus

Ich bin kein Hellseher, aber auf dieser Reise zur Erforschung des Panafrikanismus sind mir einige Lektionen sehr deutlich geworden.

Erstens müssen Panafrikanist*innen viel tiefer in die afrikanische Geschichte eindringen, um die Fehler der frühen Denker*innen zu vermeiden, die die afrikanischen Völker homogenisierten und die Unterschiede zwischen den Nationen, Gemeinschaften und Ländern auf dem Kontinent und in der Diaspora nicht verstanden. Wir sind in unserem Kampf geeint, aber Kampf ist nicht alles,

was es gibt. Wir sind immer noch ein vielfältiges und facettenreiches Volk mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen, die es zu berücksichtigen gilt.

Zweitens: Petitionen funktionieren nicht. Wahlen und liberale Strategien für die panafrikanische Befreiung sind zeitaufwändige Unternehmungen, die sich kaum auszahlen. Die ersten Panafrikanischen Kongresse konzentrierten sich darauf, an die Regierungen der Welt zu appellieren, die Rechte und Freiheiten Afrikas zu respektieren, aber das stieß meist auf taube Ohren. Selbst wenn solche Bemühungen erfolgreich waren, fanden die Herrschenden der Welt immer noch Wege, uns durch neokoloniale Praktiken auszubeuten, die durch die Schwarzen Gesichter in hohen Positionen, die sie einführten, erleichtert wurden.

Apropos Schwarze Gesichter in hohen Positionen: Es ist klar, dass zentralisierte, auf Elitismus und Personenkult basierende Top-Down- Organisationen sowie staatsorientierte Unternehmungen insgesamt eine Sackgasse sind. Wie das Sprichwort sagt: "Die Werkzeuge des Meisters werden niemals das Haus des Meisters abreißen." Im besten Fall sind solche Führer wie Nelson Mandela zu bloßen Sozialdemokraten in einer immer noch geschichteten, neokolonialen Gesellschaft geworden. Im schlimmsten Fall werden sie zu korrupten, opportunistischen Autokraten, die dem Volk ihren Willen mit Gewalt aufzwingen, wie Robert Mugabe. Oder sie wurden inhaftiert und ermordet, wie die Anführenden der Black Panther Party, was zum Untergang der gesamten Organisation führte. Keiner dieser Versuche hat zu Autonomie, freier Vereinigung und Selbstverwirklichung der Massen geführt. Keiner von ihnen hat auch nur annähernd die Freiheit der afrikanischen Völker herbeigeführt, für die der Panafrikanismus eintritt. Der Panafrikanismus muss die führungszentrierte Organisation hinter sich lassen und sich auf die volle Beteiligung und den Konsens der Menschen durch eine horizontale Organisation konzentrieren, die auf lokaler Autonomie und globaler Solidarität beruht.

Panafrikanist*innen müssen auch verstehen, dass es keinen Panafrikanismus geben kann, der Sexismus, Kolorismus, Homo-, Trans-, Queer- und Behindertenfeindlichkeit oder andere Formen der Unterdrückung aufrechterhält. Frühere Bewegungen haben es versäumt, einige der Schwächsten in unserer Gemeinschaft einzubeziehen und zu fördern. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können für die Zukunft lernen. Die Anarkata-Philosophie und -Bewegung ist darin besonders geschickt, da sie aus einer Reihe von revolutionären Rahmenwerken schöpft, darunter Schwarzer Marxismus, Panafrikanismus, Schwarzer Feminismus, Soziale Ökologie, Anarchismus und Queer-Befreiung, um eine inklusive, horizontale, antiimperiale und ökologisch orientierte Bewegung aufzubauen, ohne auf Hierarchie, Zentralisierung oder einen "panafrikanischen Staat" als Mittel zur globalen Schwarzen Befreiung zu setzen.

Es gibt immer noch ein großes Bedürfnis nach Freiheit. Es gibt immer noch das Bedürfnis, sich zu vereinen. Wir werden immer noch von Nationen und Kapitalist*innen aller Couleur unterjocht und ausgebeutet. Afrika und die Afrikaner*innen sowie die unterdrückten Völker im gesamten Globalen Süden sind nach wie vor die Pfeiler, auf denen die Kapitalist*innen dieser Erde stehen. Der Panafrikanismus ist nur eines von vielen Werkzeugen, die uns zur Verfügung stehen, wenn wir mit dem Wissen um unsere Geschichte und dem Ehrgeiz für unsere Zukunft unseren Weg gehen. Unsere ökologisch begründete, horizontal organisierte, dezentral geplante, lokal ausgerichtete, global denkende und sozial ausgerichtete Zukunft.

Welche Art von antirassistischer Gruppe gebraucht wird

Lorenzo Kom'boa Ervin

Die Schwarze Bewegung braucht Verbündete in ihrem Kampf gegen die rassistische kapitalistische Klasse — nicht die übliche liberale oder vorgetäuschte "radikale" Unterstützung, sondern echte revolutionäre Unterstützung und Solidarität der Arbeiter*innenklasse, von Anarchist*innen auch "gegenseitige Hilfe" genannt. Die Basis einer solchen Einheit muss jedoch prinzipiell sein und auf Klasseninteressen beruhen, und nicht auf liberalen "Schuldzuweisungen" oder Opportunismus und Manipulation durch liberale oder radikale politische Parteien. Die Bedürfnisse der unterdrückten Menschen müssen die wichtigste Überlegung sein, aber sie wollen echte Unterstützung, keine Vortäuschungen oder linke Rhetorik.

Die anarchistische Bewegung, die überwiegend weiß ist, muss anfangen zu verstehen, dass sie Propagandaarbeit unter den Schwarzen und anderen unterdrückten Gemeinschaften machen muss, und sie muss es nicht-weißen Anarchist*innen ermöglichen, sich in ihren Gemeinschaften zu organisieren, indem sie ihnen technische Ressourcen zur Verfügung stellt (Druck von Zines, Video- und CD-Produktion, etc.) und mit finanziellen Mitteln hilft.

Ein Grund, warum es so wenige Schwarze Anarchist*innen gibt, ist, dass die Bewegung keine Mittel bereitstellt, um People of Color zu erreichen, sie für den Anarchismus zu gewinnen — und ihnen zu helfen, sich zu organisieren. Das muss sich ändern, wenn wir wollen, dass die soziale Revolution in Amerika stattfindet, und wenn wir wollen, dass der nordamerikanische Anarchismus mehr ist als eine "Kampf für weiße Rechte"-Bewegung.

Die Art von Organisation, die benötigt wird, muss eine "Massen"-Organisation sein, die daran arbeitet, alle Arbeiter*innen im gemeinsamen Klassenkampf zu vereinen, aber sie muss in der Lage sein, die Pflicht zu erkennen, die besonderen Forderungen der Schwarzen und anderer nicht-weißer Völker als

die der gesamten Arbeiter*innenklasse zu unterstützen und anzunehmen. Sie muss die weiße Vorherrschaft täglich herausfordern, sie muss rassistische Philosophie und Propaganda widerlegen und rassistischen Mobilisierungen und Angriffen entgegentreten, wenn nötig mit bewaffneter Selbstverteidigung und Straßenkämpfen. Das Ziel einer solchen Massenbewegung ist es, die weiße Arbeiter*innenklasse für eine klassenbewusste Position gegen weiße Vorherrschaft zu gewinnen, die gesamte Arbeiter*innenklasse zu vereinen und den kapitalistischen Staat und seine Herrschenden direkt zu konfrontieren und zu stürzen. Die Zusammenarbeit und Solidarität aller Arbeiter*innen ist essentiell für eine vollständige soziale Revolution, nicht nur für den privilegierten weißen Sektor.

Zum Beispiel sollte eine bestehende Organisation wie Anti-Racist Action (ARA), wenn sie eine solche Politik wie eine anarchistische Gruppe verfolgt, eine höhere Priorität in unserer Bewegung erhalten. Jede Stadt und jeder Ort sollte Kollektive vom Typ ARA haben und jede bestehende anarchistische Föderation sollte interne Arbeitsgruppen haben, die sich mit Rassismus und Polizeigewalt beschäftigen. Tatsächlich wäre die Art von Gruppe, von der ich spreche, selbst eine Föderation, um Kämpfe auf nationaler und vielleicht sogar internationaler Ebene zu koordinieren.

Dies wäre eine revolutionäre Bewegung, die sich nicht damit begnügen würde, herumzusitzen und Bücher zu lesen, ein paar Schwarze Politiker*innen oder "Freund*innen der Arbeiter*innenbewegung" in den Kongress oder die staatliche Legislative zu wählen, Protestbriefe zu schreiben, Petitionen in Umlauf zu bringen, oder andere solch zahme Taktiken. Es bräuchte die Beispiele der frühen radikalen Arbeiter*innenbewegungen wie der IWW, sowie der Bürger*innenrechtsbewegung der 1960er Jahre, um zu zeigen, dass nur direkte Aktionstaktiken der Konfrontation und des militanten Protests überhaupt irgendwelche Ergebnisse bringen werden. Sie hätte auch das Beispiel der Rebellion von 1992 in Los Angeles, um zu zeigen, dass die Menschen sich auflehnen werden, aber es muss mächtige Verbündete geben, die materielle Hilfe und Widerstandsinfos ausbreiten, und eine existierende Massenbewegung, um den nächsten Schritt zu machen und den Aufstand zu verbreiten.

Die Anarchist*innen müssen dies erkennen und dabei helfen, eine militante antirassistische Gruppe aufzubauen, die sowohl eine Unterstützungsgruppe für die Schwarze Revolution als auch ein massenorganisierendes Zentrum ist, um die Klasse zu vereinen. Es ist sehr wichtig, den Masseneinfluss der racialen Gleichheitsbewegung den Händen des linksliberalen demokratischen Flügels der herrschenden Klasse zu entreißen. Die Linksliberalen mögen einen guten Kampf führen, aber solange sie nicht für den Sturz des Kapitalismus und die Zerschlagung des Staates sind, werden sie den gesamten Kampf gegen

Rassismus verraten und sabotieren. Die Strategie der Linksliberalen ist es, das Klassenbewusstsein in ein reines Racebewusstsein umzulenken. Sie weigern sich, auf der Grundlage der materiellen Klasseninteressen an die US- amerikanische Arbeiter*innen- und Mittelklasse zu appellieren, die Rechte der Schwarzen zu unterstützen, und erlauben so der Rechten, aus den latent rassistischen Gefühlen unter den Weißen sowie aus deren wirtschaftlicher Unsicherheit unwidersprochen Kapital zu schlagen. Die Art von Bewegung, die ich vorschlage, wird in die Bresche springen und die weiße Vorherrschaft angreifen und die Fäden dessen, was den Kapitalismus zusammenhält, demontieren. Ohne den massenhaften weißen Konsens über die Herrschaft des amerikanischen Staates und das System der weißen Hautprivilegien könnte der Kapitalismus nicht in das nächste Jahrzehnt gehen!

Einige Dinge die zu tun sind

Michael Kimble

In letzter Zeit wurde ich von mehr als einem Gefährten gefragt, wie sie sich mit den Rebell*innen hinter den Gefängnismauern solidarisieren können. Ich hatte das Gefühl, dass sie etwas frustriert sind und dass die Arbeit, die sie tun, unproduktiv und persönlich nicht erfüllend erscheint. Glaube mir, ich und andere Gefängnisrebell*innen haben die gleiche Frustration darüber, dass unsere Bemühungen und Arbeit nicht den gewünschten Effekt haben, den wir gerne hätten. Aber um ehrlich zu sein, möchte ich euch Gefährt*innen da draußen wissen lassen, dass die Bildungsarbeit, die ihr alle in den Gefängnissen durch Zines und Bücher leistet, phänomenal ist. Die Beziehungen, die Gefährt*innen zu denen von uns drinnen aufbauen, die finanzielle Unterstützung, die Liebe und die erlaubten Akte der Solidarität sind sehr, sehr wichtig. Aber wir brauchen etwas Stärkeres, wenn wir diesem kolossalen, Menschen zerstörenden System wirklich Schaden zufügen wollen.

Von innen heraus haben Gefangene in der Vergangenheit hauptsächlich 5 Methoden angewandt: Hungerstreiks, Arbeitsstreiks, Aufstände, Gerichtsverfahren und Brief-/Telefonkampagnen, um die unmenschlichen Bedingungen, unter denen Gefangene existieren, anzusprechen, wie z.B. Isolationshaft, medizinische Vernachlässigung, fehlende Bildungs-/Rehabilitationsprogramme, unhygienische Bedingungen, etc. Aber bei keinem dieser Kämpfe ging es um die Abschaffung der Gefängnisse, sondern um eine Reform des Gefängnisses. Die meisten Gefangenen glauben, dass Gefängnisse und Polizei gebraucht werden, nur auf eine humanere Art und Weise. Traurig, aber wahr.

Von außen nutzen diejenigen, die Gefangene unterstützen, sogar Anarchist*innen, die behaupten, die Abschaffung der Gefängnisse zu wollen, hauptsächlich 3-4 aktivistische Methoden zur Unterstützung und Solidarität mit Gefängniskämpfen. Diese Methoden sind Brief-/Telefonkampagnen, Gerichtsverfahren, Kundgebungen und öffentliche Bildung. All das sind erlaubte Methoden, die wenig dazu beitragen, die Legitimität der Gefängnisse wirklich in Frage zu stellen und sie helfen ganz sicher nicht die Gefängnisse abzuschaffen.

Sie sind lediglich bürgerliche (legale/erlaubte) Formen des Protests, die versuchen, an das moralische Gewissen der Bürokrat*innen zu appellieren, die Gefangenen humaner zu behandeln. Dies legitimiert nur das Prestige des Staates.

Natürlich will niemand sehen, dass Gefangene misshandelt und missbraucht werden. Meine Kritik ist, dass keine dieser Methoden an und für sich die Zerstörung des Gefängnisses/Staates herbeiführen wird. Und dass diejenigen, die draußen sind, an legalen Formen des Kampfes beteiligt sind, während Gefängnisrebell*innen an illegalen Formen des Kampfes beteiligt sind. Andersdenkende sind im Gefängnis illegal und die Gefangenen sind der Brutalität, Schikane und Vergeltung des Staates ausgesetzt.

Wir hatten im Laufe der Jahre einige blutige Unruhen, tödliche und brutale Hungerstreiks/Arbeitsstreiks, langwierige Gerichtsverfahren usw., aber es gibt mehr Gefängnisse, mehr Gefangene und mehr Missbrauch. Keine der Methoden in der Vergangenheit hat eine Delle in die Rüstung des Staates geschlagen. Und ich wäre nachlässig, wenn ich nicht die Vorstellung erwähnen würde, dass wir keine revolutionäre Gewalt anwenden sollten. Der Gedanke dahinter ist, dass wenn wir revolutionäre Gewalt anwenden, der Staat die Oberhand in den Medien gewinnt und uns als Gangster, Kriminelle und Terrorist*innen diskreditiert. Verdammt, der Staat hat immer die Oberhand in den Mainstream-Medien-Outlets. Die Medien werden vom Staat durch das Großkapital kontrolliert, das mit dem Staat unter einer Decke steckt.

Da die Gefängnisse die konzentriertesten Zentren der Autorität, des Zwangs und der Kontrolle in der Gesellschaft sind, sollten sie der Angriffspunkt sein, die Abschaffung der Gefängnisse sollte an der Spitze jeder Bewegung gegen die Autorität und für die Freiheit stehen, und die Stimmen der Gefangenen sollten einen prominenten Platz in der Bewegung haben, einfach aufgrund ihrer spezifischen Position. Hier geht es nicht um Romantik oder Abenteurertum, wie einige gerne behaupten würden, um ihre Untätigkeit zu rechtfertigen. Natürlich kann niemand sagen, welche Strategie und Taktik erfolgreich sein wird, um die Revolte zu verbreiten, aber ich kann mir nichts Eindeutigeres vorstellen, als dort anzugreifen, wo es weh tut. Mit all dem gesagt, möchte ich "Einige Dinge die zu tun sind" entwerfen, über die Gefährt*innen ernsthaft nachdenken sollten.

Einige Dinge, die zu tun sind:

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Beginne damit, Unternehmen, die in Gefängnisse investiert haben, durch Sabotage und Lärmdemos vor den Firmenzentralen und vor den Häusern der CEOs anzugreifen

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Beginne damit, Beamt*innen der Gefängnisse und des Bewährungsausschusses für Belästigung ins Visier zu nehmen

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Beginne damit, die Computer von Strafvollzugsbehörden, von Firmen, die in Gefängnisse investieren, und von Gefängnisbeamt*innen zu hacken

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Werde zu Kompliz*in des Verbrechens der Subversion

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Zerstörung von Eigentum der Strafvollzugsbehörden

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Sabotage von Maschinen auf Gefängnisbaustellen

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Nutze deine Vorstellungskraft, wie du den Staat attackieren kannst

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Studiere Kämpfe in anderen Ländern, um zu sehen, welche Taktiken sie anwenden, die übernommen werden können

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Veröffentliche persönliche Informationen über Gefängnis-/Staats-/Firmenbeamt*innen im Internet

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Vergeltung an Gefängnisbeamt*innen für die Misshandlung von Rebell*innen

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Schaffe so viel Unordnung wie möglich

Warum ich ein Anarchist bin

Benjamin Zephaniah

Ich wurde politisch, nachdem ich im Alter von sieben Jahren meinen ersten rassistischen Angriff erlebte. Ich verstand keine politische Theorie, ich wusste nur, dass mir Unrecht getan worden war, und ich wusste, dass es einen anderen Weg gab. Ein paar Jahre später, als ich fünfzehn war, hielt ein gekennzeichnetes Polizeiauto vor mir, als ich in den frühen Morgenstunden in Birmingham spazieren ging. Drei Cops stiegen aus dem Auto. Se drängten mich in einen Ladeneingang, dann schlugen sie mich zusammen. Sie stiegen wieder in ihr Auto und fuhren davon, als ob nichts passiert wäre. Ich hatte nichts über Polizeiarbeit gelesen, oder irgendetwas über das sogenannte Recht und Ordnung, ich wusste nur, dass mir Unrecht geschehen war. Als ich meinen ersten Job als Maler bekam, hatte ich nichts über die Theorie der Kämpfe der Arbeiter*innenklasse gelesen oder darüber, wie die Reichen die Armen ausbeuten, aber als mein Chef jeden zweiten Tag in einem anderen Superauto auftauchte und wir unser Leben auf Leitern riskierten und giftige Dämpfe einatmeten, wusste ich einfach, dass mir Unrecht getan worden war.

Ich wuchs (wie die meisten Leute um mich herum) in dem Glauben auf, dass Anarchismus bedeutet, dass jede*r einfach verrückt wird und das Ende von allem ist. Ich bin Legastheniker und muss oft die Rechtschreibprüfung oder ein Wörterbuch benutzen, um sicher zu gehen, dass ich die Wörter richtig geschrieben habe. Ich hörte die ganze Zeit Wörter wie Sozialismus und Kommunismus, aber selbst die Sozialist*innen und Kommunist*innen, denen ich begegnete, neigten dazu, Anarchist*innen entweder als eine Randgruppe abzutun, die sie immer beschuldigten, wenn es auf Demonstrationen Ärger gab, oder als Träumende. Selbst jetzt habe ich gerade eine Rechtschreibprüfung überprüft und sie beschreibt Anarchismus als Chaos, Gesetzlosigkeit, Durcheinander und Unordnung. Ich mag die Sache mit der Unordnung, aber für die "durchschnittliche" Person bedeutet Unordnung tatsächlich Chaos, Gesetzlosigkeit und Durcheinander. Das sind genau die Dinge, die sie am meisten fürchten sollen.

Das Größte, was ich je für mich getan habe, ist zu lernen, selbst zu denken. Ich habe schon früh damit begonnen, aber es ist wirklich schwierig, das zu tun, wenn es ständig Dinge um dich herum gibt, die dir sagen, wie du denken sollst. Der Kapitalismus ist verführerisch. Er schränkt deine Vorstellungskraft ein und sagt dir dann, dass du dich frei fühlen sollst, weil du Wahlmöglichkeiten hast, aber deine Wahlmöglichkeiten sind auf die Produkte beschränkt, die sie dir vorsetzen, oder auf die Grenzen deiner nun begrenzten Vorstellungskraft. Ich erinnere mich an einen Besuch in São Paulo vor vielen Jahren, als dort das Gesetz für eine saubere Stadt eingeführt wurde. Der Bürgermeister wurde nicht plötzlich zum Anarchisten, aber er erkannte, dass das ständige und allgegenwärtige Marketing, dem die Menschen ausgesetzt waren, nicht nur hässlich war, sondern die Menschen auch von sich selbst ablenkte. Also wurden mehr als 15000 Marketing-Plakate abmontiert. Busse, Taxis, Neon- und Papierplakatwerbung wurden alle verboten. Zuerst sah es ein wenig seltsam aus, aber anstatt die Werbetafeln entweder anzuschauen oder zu versuchen, sie nicht anzuschauen, ging ich, und während ich ging, schaute ich mich um. Ich fand heraus, dass ich nur das kaufte, was ich wirklich brauchte, nicht das, was mir gesagt wurde, dass ich es bräuchte. Und was am meisten auffiel, war, dass ich jeden Tag neue Menschen traf und mit ihnen sprach. Diese Gespräche neigten dazu, relevant, politisch und bedeutungsvoll zu sein. Der Kapitalismus hält uns in Konkurrenz zueinander, und die Leute, die den Kapitalismus leiten, wollen nicht wirklich, dass wir miteinander reden, nicht auf eine sinnvolle Weise.

Ich werde nicht weiter auf den Kapitalismus, Sozialismus oder Kommunismus eingehen, aber es ist klar, dass eine Sache, die sie alle gemeinsam haben, ihr Bedürfnis nach Macht ist. Um ihr Streben nach Macht zu untermauern, haben sie alle Theorien — Theorien darüber, wie sie die Macht ergreifen und was sie mit der Macht machen wollen, aber genau da liegt das Problem. Theorien und Macht. Ich wurde ein Anarchist, als ich mich entschied, die Theorien fallen zu lassen und aufzuhören, nach Macht zu streben. Als ich aufhörte, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen, erkannte ich, dass wahre Anarchie meine Natur ist. Sie ist unsere Natur. Es ist das, was wir taten, bevor die Theorien kamen, es ist das, was wir taten, bevor wir aufgefordert wurden, miteinander zu konkurrieren. Es sind einige großartige Dinge über den Anarchismus geschrieben worden, und ich schätze, das ist anarchistische Theorie, aber wenn ich versuche, meine Freund*innen dazu zu bringen, diese Dinge zu lesen (ich rede von großen Büchern mit großen Worten), bekommen sie Kopfschmerzen und wenden sich ab. Also, dann schalte ich die Werbung (den Fernseher etc.) aus und setze mich mit ihnen zusammen und erinnere sie daran, was sie selbst tun können. Ich gebe ihnen Beispiele von Menschen, die ohne Regierungen leben, Menschen, die sich selbst organisieren, Menschen, die ihre eigene spirituelle Identität zurückerobert haben — und dann macht alles Sinn.

Wenn wir ständig über Theorien sprechen, dann können wir nur mit Menschen sprechen, die sich dieser Theorien bewusst sind oder eigene Theorien haben, und wenn wir ständig in der Runde über Theorien sprechen, schließen wir eine Menge Menschen aus. Genau die Menschen, die wir erreichen müssen, genau die Menschen, die sich von den Fesseln der modernen, kapitalistischen Sklaverei befreien müssen. Die Geschichte von Carne Ross ist inspirierend, nicht weil er etwas geschrieben hat, sondern weil er es gelebt hat. Ich liebe die Arbeit von Noam Chomsky und ich liebe die Art und Weise, wie Stuart Christies Oma ihn zu einem Anarchisten gemacht hat, aber ich bin hier, weil ich verstehe, dass die rassistische Polizei, die mich geschlagen hat, den Staat hinter sich hat und der Staat selbst rassistisch ist. Ich bin hier, weil ich jetzt verstehe, dass der Boss, der mich ausgebeutet hat, um reich zu werden, sich nicht um mich gekümmert hat. Ich bin hier, weil ich weiß, wie sich die Marrons in Jamaika befreit haben und allen versklavten Menschen bewiesen haben, dass sie (die Marrons), sich selbst verwalten können. Versteh mich nicht falsch, ich liebe Bücher (ich bin übrigens Schriftsteller), und ich weiß, dass wir Menschen brauchen, die tiefgründig denken — wir sollten alle tiefgründig denken. Aber meine größten Inspirationen kommen von alltäglichen Menschen, die aufhören, die Macht für sich selbst zu suchen oder die Mächtigen zu suchen, um sie zu retten, und die ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Ich habe Menschen getroffen, die Anarchismus in Indien, Kenia, Jamaika, Äthiopien und in Papua- Neuguinea leben, aber wenn ich ihnen erzähle, dass sie Anarchist*innen sind, werden mir die meisten sagen, dass sie noch nie von einem solchen Wort gehört haben und dass das, was sie tun, natürlich und unkompliziert ist. Ich bin ein Anarchist, weil mir Unrecht getan wurde und ich alles andere scheitern sah.

Ich habe in den späten Siebzigern und den Achtzigern in London mit vielen ANC-Aktivist*innen im Exil gelebt — nach einem langen Kampf wurde Nelson Mandela befreit und die Exilant*innen kehrten nach Hause zurück. Ich erinnere mich, wie ich ein Foto der ersten demokratisch gewählten Regierung Südafrikas sah und mir klar wurde, dass ich zwei Drittel von ihnen kannte. Ich erinnere mich auch, wie ich ein Foto der neu gewählten Blair (New Labour) Regierung sah und mir klar wurde, dass ich ein Viertel von ihnen kannte, und bei beiden Gelegenheiten erinnere ich mich, wie ich mit Hoffnung erfüllt war. Aber in beiden Fällen dauerte es nicht lange, bis ich sah, wie die Macht so viele Mitglieder dieser Regierungen korrumpierte. Das waren Leute, die ich anrief und sagte: "Hey, was machst du da?", und die Antwort war immer so etwas wie: "Benjamin, du verstehst nicht, wie es funktioniert, Macht zu haben". Nun, ich verstehe es schon. Scheiß auf die Macht — lasst uns einfach auf uns gegenseitig aufpassen.

Die meisten Menschen wissen, dass die Politik versagt. Das ist keine Theorie oder mein Standpunkt. Sie können es sehen, sie können es fühlen. Das Problem ist, dass sie sich einfach keine Alternative vorstellen können. Es fehlt

ihnen das Vertrauen. Ich habe einfach die ganze Werbung ausgeblendet, ich habe den 'tell-lie-vision' ausgeschaltet und ich habe angefangen, selbst zu denken. Dann habe ich angefangen, Menschen zu treffen — und glaub mir, es gibt nichts Schöneres, als Menschen zu treffen, die ihr Leben in den Griff bekommen, die Farmen, Schulen, Läden und sogar Wirtschaften betreiben, in Gemeinschaften, in denen niemand die Macht hat.

Deshalb bin ich ein Anarchist.

Kapitalismus und Rassismus

Eine Analyse der weißen Vorherrschaft und der Unterdrückung von People of Color

Black Autonomy Federation

Race und Klasse: Die kombinierte Eigenschaft der Unterdrückung von Schwarzen und People of Color

Wenn ein effektiver Widerstand gegen die aktuelle rassistische Offensive der kapitalistischen Klasse geleistet werden soll, ist die größtmögliche Solidarität zwischen den Armen und Arbeiter*innen aller Races notwendig, aber besonders unter den verschiedenen People of Color. Meine Position war schon immer die, dass statt des üblichen, von Weißen dominierten Weges zur "Einheit", wie ihn die weiße Linke vorgibt, ein Bündnis der unterdrückten People of Color wirklich der Weg nach vorne ist. Das bedeutet nicht, dass wir keine Gruppenunterschiede haben oder uns in einzelnen Fragen zwischen verschiedenen nicht-weißen ethnischen und racialen Gruppierungen immer einig sein werden. Aber unsere gemeinsame Geschichte der Unterdrückung und unser Wunsch nach Befreiung rüsten uns für eine neue Art von Einheit und legen einen Weg frei, um uns mit fortgeschrittenen Elementen der weißen Arbeiter*innenklasse zu vereinen.

Wir müssen denjenigen Weißen, die sagen, dass sie gegen das System sind, klar machen: dass der Weg, die kapitalistische Strategie zu besiegen, darin besteht, dass weiße Arbeiter*innen die demokratischen Rechte verteidigen, die Schwarze und andere unterdrückte Völker nach jahrzehntelangem, hartem Kampf errungen haben, und dass sie dafür kämpfen, das System des Privilegs der weißen Hautfarbe zu zerschlagen. Weiße Arbeiter*innen sollten die konkreten Forderungen der BIPOC-Bewegung unterstützen und übernehmen und daran arbeiten, die weiße Identität vollständig abzuschaffen. Diese weißen Arbeiter*innen sollten nach multikultureller Einheit streben und mit BIPOC- Aktivist*innen zusammenarbeiten, um eine antirassistische Bewegung

aufzubauen, die die weiße Vorherrschaft herausfordert. Sie sollten in absoluter Solidarität mit den Befreiungsbewegungen in diesen Gemeinschaften stehen, die entstehen.

Doch auch wenn wir die weißen Arbeiter*innen dazu aufrufen, unseren Kampf zu unterstützen, ist es auch für sie sehr wichtig, das Recht der Schwarzen Bewegung anzuerkennen, einen unabhängigen Weg in ihrem eigenen Interesse zu gehen. Das ist es, was Selbstbestimmung bedeutet. Es bedeutet nicht, unsere Kämpfe auf die der weißen Radikalen oder anderer Segmente der weißen Gemeinschaft zu verschieben, in der Hoffnung auf irgendeine geistlose "Einheit" in der Zukunft. Es ist noch nicht einmal bewiesen, dass die progressivsten oder "radikalsten" Weißen der Aufgabe gewachsen sind und da der Rassismus so tief sitzt, dass sie in der Lage wären, sich davon zu lösen. Aber wir bieten ihnen einen Weg nach vorne, zur Unterstützung und als Teil einer neuen Bewegung.

Doch wenn eine solche Schwarze Bewegung tatsächlich zu einer sozialrevolutionären Bewegung wird, muss sie ihre Kräfte letztlich mit ähnlichen Bewegungen unter Native Americans, Chicanos, Puerto Ricaner*innen und anderen unterdrückten People of Color, die sich gegen das System auflehnen, vereinen. Eine solche vereinte Bewegung von aktivistischen People of Color könnte noch breitere Sektoren der weißen Gesellschaft, wie Student*innen, Jugendliche, Arbeiter*innen und andere, radikalisieren und so den Konsens untergraben, der die weiße Unterstützung für die Regierung über Klassengrenzen hinweg aufrechterhält.

Das ist es, was unserer Meinung nach das meiste Potential hat, wieder zu passieren: radikale autonome Bewegungen, die als revolutionäre "Inkubatoren" breit angelegter Kämpfe agieren, obwohl es nicht ausreicht, zu einer geistlosen "Einheit" aufzurufen, wie es ein Großteil der weißen Linken tut. Ihre "Einheit" bedeutet nur die Kontrolle und Führung des gesamten Kampfes durch die weiße Linke.

Wir können also nicht herumsitzen und darauf warten, dass weiße Arbeiter*innen sich unseren Bewegungen anschließen, oder um weiß dominierten Organisationen beizutreten. Weiße Menschen befinden sich immer noch nicht in der gleichen verzweifelten Lage wie Schwarze, Latinx oder Native Americans und wollen auch nicht, dass das System jetzt besiegt wird, solange es ihnen dient.

Autonomie als revolutionäre Tendenz

Aufgrund der dualen Formen der Unterdrückung von nicht-weißen Arbeiter*innen und der Tiefe der sozialen Verzweiflung, die dadurch entsteht, müssen Schwarze und People of Color zuerst zuschlagen, egal ob ihre

potentiellen weißen Verbündeten dafür zur Verfügung stehen oder nicht. Das ist Selbstbestimmung und deshalb ist es notwendig, dass unterdrückte Arbeiter*innen unabhängige Bewegungen aufbauen, um ihre eigenen Völker zuerst zu vereinen. Malcolm X war der erste, der dies wirklich erklärt hat. Diese Selbstaktivität der unterdrückten Massen of Color, wenn sie das radikale Stadium erreicht, ist von Natur aus eine revolutionäre Kraft und ist ein wesentlicher Teil des sozialrevolutionären Prozesses der gesamten Arbeiter*innen- und Armenklasse.

Anarchismus + Schwarze Revolution = Neue Schwarze Autonome Politik

Obwohl Anarchist*innen nicht an politische Vorhutparteien glauben, ist die Realität, dass aufgrund der Besonderheiten der sozialen Entwicklung der Vereinigten Staaten von Amerika und insbesondere der racialen Sklaverei, Afrikaner*innen in Amerika und andere People of Color mit einer gemeinsamen Geschichte prädisponiert sind, zumindest die Anfangsstadien einer sozialen Revolution anzuführen, um danach ihre potentiellen Verbündeten in der weißen Arbeiter*innenklasse anzuwerben oder sich ihnen anzuschließen. Afroamerikaner*innen bilden eine "Klassenavantgarde", eine Klasse, die mit ihrem Kampf gegen Rassismus und Kapitalismus die Gesellschaft radikalisieren kann. Die meisten weißen Radikalen geben zumindest ein Lippenbekenntnis ab, dies zu verstehen, vor allem seit sich die Black Power- und Bürgerrechtskämpfe in den 1960er Jahren entfalteten, obwohl sie immer noch an der "Held*innen der weißen Arbeiter*innenklasse"-Ideologie der Vergangenheit festhalten, um zu versuchen, diese Themen mit einem rückständigen Klassenargument abzulenken. Wir können nicht einfach darauf warten, dass die Weißen "es kapieren" und in unserer Sache aktiv werden.

Auch wenn Schwarze und People of Color eine "Minderheit" der Gesamtbevölkerung sind, kann es keine erfolgreiche soziale Revolution in den USA geben, ohne dass Schwarze und nicht-weiße Menschen nicht nur gleichberechtigt an einer von Weißen dominierten Bewegung teilnehmen, sondern tatsächlich den Weg anführen. Das Klassensystem der USA basiert auf rassifizierter sozialer, wirtschaftlicher und politischer Unterdrückung. Bei einer derart racial und klassenmäßig geteilten Gesellschaft ist das Ignorieren dieser grundlegenden Tatsache ein Ausverkauf oder eine Kapitulation vor der weißen Vorherrschaft. Anstatt alle Widersprüche allein auf die Klasse zu reduzieren, wie es die meisten weißen Radikalen weiterhin tun, müssen wir die Funktionsweise des Rassismus als Teil der Struktur der allgemeinen Unterdrückung verstehen.

Für weiße Radikale bedeutet dies zu ignorieren, dass sie selbst weißen Chauvinismus der schlimmsten Sorte betreiben und die Idee der sozialen Revolution verraten. Obwohl sie denken, dass sie alle anführen sollten oder alle Antworten haben, hat die soziale Geschichte der Vereinigten Staaten zu oft

bewiesen, dass weiße Radikale der Mittelklasse nicht einmal die Weißen der Arbeiter*innenklasse, geschweige denn die gefangenen Nationalitäten in die Freiheit führen können. Aufgrund ihrer fast totalen Ignoranz gegenüber Race- und Klassenfragen wissen weiße anarchistische Radikale nicht einmal, welche Fragen sie stellen sollen und können daher auch nicht mit den richtigen Antworten aufwarten. Also organisieren wir uns in unserem eigenen Namen und für unsere Interessen in einer autonomen Bewegung von BIPOC, anstatt von ihnen abhängig zu sein.

Die neue autonome Politik setzt sich aus dem libertär-sozialistischen Kern des Anarchismus und vielen Lehren des revolutionären Schwarzen Nationalismus zusammen, wie er von der ursprünglichen Black Panther Party vertreten und praktiziert wurde. Diese Kombination von Elementen macht etwas so Neues aus, dass es bis jetzt noch nicht vollständig definiert wurde. Wir werden versuchen, schärfer zu definieren, worüber wir seit so vielen Jahren sprechen und es auch in einen historischen Kontext zu stellen, damit es nicht mehr als "eklektischer Mischmasch" oder "Korruption von beiden Idealen" abgetan werden kann, wie die Purist*innen behaupten würden. Dennoch sollte es die anarchistischen ideologischen "Purist*innen" nicht beunruhigen, wenn wir von einer autonomen Bewegung von Anarchist*innen of Color sprechen.

Die frühe anarchistische Bewegung in Amerika reflektierte immer die kulturellen, sozialen und politischen Ideale der Gemeinschaft, die sie hervorbrachte. So hatten wir in den 1880er Jahren eine germanisch dominierte anarcho- syndikalistische Tendenz, die sich International Working People's Association nannte und in Chicago, Pittsburgh und einigen anderen Industriestädten stark war; eine jüdische anarchistische Bewegung in New York und anderen Städten in den 1900er Jahren, die bis in die 1980er Jahre andauerte und in der einige Zeitungen auf Jiddisch gedruckt wurden; eine italienische Bewegung blühte in New York, New Jersey und anderen städtischen Gebieten in den 1920-30er Jahren und so weiter. Eine europäische ethnische Gruppe nach der anderen brachte einzigartige amerikanische anarchistische soziale Bewegungen hervor, die diese Gemeinschaften kulturell und politisch reflektierten.

Es stellt sich also die Frage, warum jemand überrascht sein sollte, dass es anarchistische Bewegungen von Pazifikinsulaner*innen, Afroamerikaner*innen oder Latinx und anderen People of Color gibt? Wenn wir über anarchistische Ideale und autonome Bewegungen sprechen, reden wir nicht über "Orthodoxien", die nicht revidiert werden können. Wir reden über Ideen, die von Millionen unterdrückter Völker aufgegriffen, genutzt und an ihre Zwecke und Umstände angepasst werden. Aber viele der weißen Anarchist*innen haben nichts als Angst und Abscheu gezeigt.

Schwarze Autonomie ist kein Schwarzer Nationalismus. Wir glauben an Selbstbestimmung, aber nicht an irgendeine Form von racialer Überlegenheit. Wir negieren nicht die Klassenunterschiede zwischen Arm und Reich innerhalb einer Nationalität. Diejenigen unter uns, die unsere neokolonialen Herren sein wollen, sind genauso unsere Feinde wie die europäischen Rassist*innen. Wir streben nicht danach, einen Nationalstaat für unsere eigenen getrennten Völker zu errichten. Wir bekennen uns zu den Hauptgrundsätzen des Anarchismus und der antiautoritären Politik, auch wenn wir vieles davon neu definieren, um mit unserer unterdrückten Situation und unseren Vorstellungen von Befreiung umzugehen.

Interessanterweise waren es Fred Hampton und der Chicagoer Zweig der Black Panther Party, die als erste in den späten 1960er Jahren eine "Regenbogenallianz" von revolutionären Organisationen verschiedener ethnischer und racialer Gruppen erdachten. Hampton war kein Integrationist und obwohl er ein starker Schwarzer Revolutionär blieb, begann Hampton weiße Radikale mit progressiven Elementen der Schwarzen Community, Latinx, Asiat*innen und anderen in einer politischen Basisbewegung zu vereinen, um sich in ihren eigenen Gemeinschaften zu organisieren und dann ihre lokalen politischen Vereinigungen in einer stadtweiten Basisallianz zu vereinen. Er bezeichnete dies offen als eine duale Machtinstitution, um die etablierte weiße Machtstruktur herauszufordern. Allerdings wurde er im Dezember 1969 ermordet, bevor er sein Programm wirklich in die Tat umsetzen konnte. Und doch ist es etwas, das immer noch passieren muss.

Wir gehen jetzt weiter und sagen, dass es eine Bewegung geben sollte, die aus autonomen People of Color besteht, die mit der anarchistischen Bewegung verbunden ist, aber als unabhängige Tendenz existiert. Es hat kurzfristige Bündnisse zwischen ethnischen und racialen Gruppen gegeben, aber es gab nie einen wirklichen Versuch, eine revolutionäre Organisation von People of Color zu schaffen. Was aber gebraucht wird, ist ein radikaler Bruch vom beschränkten Race-Nationalismus des "unser Volk zuerst und nur" hin zu einem neuen radikalen Race- und Klassenbewusstsein, das jene People of Color und unterdrückten Völker unterschiedlicher ethnischer Herkunft einschließt, die Ansichten über autonome politische Aktion teilen. Viele Schwarze Nationalist*innen und doktrinäre weiße radikale Gruppen würden aus eigenen Gründen dagegen sein.

Aber sowohl die anarchistischen Purist*innen als auch die Schwarzen Chauvinist*innen werden einfach zittern müssen, denn eine neue Bewegung ist jetzt im Begriff zu entstehen und es gibt nichts, was irgendjemand tun kann, um sie zu stoppen. Es gibt antiautoritäre Aktivist*innen jeder ethnischen Gruppe und Hautfarbe, die die ersten langsamen Schritte zum Aufbau einer Tendenz innerhalb der anarchistischen Bewegung machen oder sich sogar als autonome

Antiautoritäre herauswagen. Sie haben die Ideale genommen, die ich und andere in die Welt gesetzt haben, und sie zu einer Klassenwaffe gemacht, die die afrikanischen, asiatischen oder Latinx-Erfahrungen auf diesem Kontinent widerspiegelt, und so die ersten Schritte zur Befreiung ihrer Völker und ihrer Klasse unternommen.

Dieser große Sektor der unterdrückten Menschheit of Color hat gesagt, wir haben genug: Genug Rassismus! Genug Armut! Genug Entwürdigung! Genug Unterdrückung! Sie wissen auch, dass sie ihren eigenen Kampf werden kämpfen müssen, wenn sie frei sein wollen. Niemand aus der weißen Welt wird kommen, um sie zu retten. Obwohl sie wissen, dass das revolutionäre Projekt, um dieses System des Kapitalismus und der Versklavung zu besiegen, Millionen anderer Verbündeter benötigt, die ihnen helfen werden, sind es die People of Color, die die Agenda, den Zeitplan und die Taktik zur Erlangung unserer Befreiung bestimmen werden. Zu lange haben andere für uns gesprochen, ohne unsere besten Interessen im Sinn zu haben.

Die neue autonome Politik der BIPOC unterscheidet sich vom europäischen Anarchismus dadurch, dass wir wissen, dass wir als eigenständiges Volk und als Arbeiter*innen unterdrückt werden. Gegenwärtig platziert der europäisch dominierte Anarchismus seine größten Widersprüche allein mit dem Staat, mit der Fähigkeit des Staates, einen freien Lebensstil aufzuhalten und doch ist es genau das, worauf wir unsere Kritik nicht beschränken können. Dies ist eine weiße Weltanschauung, die auf dem privilegierten Hintergrund vieler Mitglieder in der kapitalistischen Gesellschaft basiert. Einige Anarchist*innen und andere weiße Radikale argumentieren, dass wir uns überhaupt nicht in eine Racedifferenzierung "einkaufen" sollten, noch weniger in bekannte Ideale der Autonomie. Ihnen sagen wir: Ja, wir wissen, dass unter diesem System historisch konstruierte "Rassen" geschaffen wurden, die sowohl die Art und Weise des Lebens als auch des Todes unter diesem System bestimmen und dass der Staat dieses Race-/Klassensystem aufrechterhält.

Ja, wir wissen, dass es kein Zufall ist, dass es so ist. Ja, es ist auch wahr, dass einzelne weiße Arbeiter*innen den Rassismus nicht in Auftrag gegeben haben und wir nicht alle weißen Menschen als Feind*innen wahrnehmen. Aber wir wissen auch, wie dieses System wirklich für die weiße Vorherrschaft funktioniert und dass alle Klassen von Weißen die Nutznießer*innen unserer Unterdrückung waren und dass die Kollaboration der weißen Klasse Teil des sozialen Kontrollmechanismus des Staates ist. Tatsache ist, dass es die Weißen sind, die die Whiteness dekonstruieren und dem weißen Rassismus entgegentreten sollten, während wir auf unsere eigene Weise für Freiheit und Befreiung kämpfen!

Deshalb widersprechen wir vehement den Sozialist*innen, Kommunist*innen und jenen Anarchist*innen, die sagen, dass die Unterdrückung aller Arbeiter*innen unter diesem System identisch ist. Dies spiegelt die Realität überhaupt nicht wider.

Wir sagen, dass wir eine Klasse von super-unterdrückten People of Color sind, die historisch gleichermaßen aufgrund unserer racialen Unterdrückung unter diesem System unterdrückt werden, nicht nur aufgrund unserer sozialen Klasse als Arbeiter*innen. Selbst ein flüchtiger Blick auf die Geschichte und die alltägliche soziale Realität beweist, dass der Platz eines Menschen in dieser rassistischen Gesellschaft von seiner Hautfarbe oder seiner ethnischen Zugehörigkeit abhängt. Rassismus ist also eine Klassendoktrin, die vom Staat zur sozialen Kontrolle der Arbeiter*innen of Color eingesetzt wird. In der Tat ist Rassismus das eigentliche Klassenverhältnis in der nordamerikanischen Gesellschaft.

Ich habe schon früher darauf hingewiesen, dass die sogenannten "Weißen" eine erfundene Supernationalität sind, die den Kapitalist*innen helfen soll, Arbeiter*innen of Color in Schach zu halten und den Status Quo zu sichern. Anstatt also die weiße Industriearbeiter*innenklasse als eine potenziell revolutionäre Klasse zu sehen, sehen wir sie stattdessen als eine opportunistische, kollaborierende Körperschaft, die neu definiert und reorganisiert werden muss, wenn sie ein verlässlicher Verbündeter für Arbeiter*innen of Color sein und überhaupt die Fähigkeit haben soll, im Interesse einer neuen Arbeiter*innenklasse zu kämpfen. So wie es jetzt aussieht, kämpfen sie für die Rechte der Weißen, nicht für die Rechte der gesamten Klasse der Armen und Arbeiter*innen.

Als autonome Arbeiter*innen of Color sind wir natürlich anderer Meinung als Marxist*innen und andere sogenannte Radikale, die behaupten, dass eine autoritäre politische Partei und ein starker Führerkult notwendig sind, um eine soziale Revolution hervorzubringen. Aber wir gehen noch weiter und sagen, dass weder sie noch die weißen Anarchist*innen uns als People of Color (oder sogar sich selbst) zu unserer Freiheit führen können, auch wenn sie als Europäer*innen darauf konditioniert wurden, über People of Color und die unteren Klassen zu befehlen und zu herrschen. Wir lehnen ihre Fehlführung und autoritäre Herrschaft über uns vehement ab, oder ihre alten Ideale von weißen Industriearbeiter*innen als proletarische Klasse von Erlösenden.

Schwarze Autonomie ist nicht separatistisch

Wir haben aber auch Differenzen mit den Schwarzen (und anderen Race-) Nationalist*innen, obwohl wir viele Grundideen zur kulturellen Autonomie mit ihnen teilen. Wir glauben auch an viele Traditionen und die Geschichte unserer Völker und schätzen sie sehr, glauben aber, dass sie entmystifiziert und zu einer

Kultur des Widerstands gemacht werden müssen, anstelle von Personenkulten oder Eskapismus vor der Realität des Kampfes gegen Rassismus und den Staat. Außerdem glauben wir kategorisch nicht an einen "Racenationalismus", der Weiße dämonisiert und eine Art biologischen Determinismus befürwortet. Wir sind nicht xenophob; unterhalten also keine Racemythologie über europäische Völker als entweder eine überlegene Spezies oder als Teufel. Und obwohl wir die Notwendigkeit von autonomen Kämpfen in dieser Zeit anerkennen, können wir mit weißen Arbeiter*innen und armen Menschen um spezifische Kampagnen herum arbeiten. Der Hauptpunkt unserer Unterschiede ist, dass wir nicht danach streben, einen Schwarzen Nationalstaat aufzubauen.

Tatsächlich glauben wir, dass dieselbe Klassenpolitik des "Habens und Nicht- Habens" sich in jeder Art von Schwarzem Nationalstaat zeigen wird, egal ob es sich um einen islamischen, säkularen neubafrikanischen oder afrikanisch- sozialistischen Staat handelt, und dass dies ein extremes Klassengefälle und ökonomische/politische Ungerechtigkeit unter den unterdrückten Völkern of Color produzieren wird. Wir können uns die Abfolge von Diktaturen und kapitalistischen Regimen in Afrika ansehen, um dies zu verdeutlichen. Wir glauben, dass eine bürgerliche Klassen- und politische Diktatur unvermeidlich ist und dass eine Volksrevolution unter einer solchen schwarznationalistischen Regierung ausbrechen wird.

Schau dir an, was heute unter der ehemaligen Apartheid-Regierung passiert, die jetzt unter Schwarzer Herrschaft steht und mit der weißen kapitalistischen Klasse vereint ist. Die Schwarze Bourgeoisie und Geschäftsklasse wurde zur nominell herrschenden Klasse erhoben, während die gleichen wirtschaftlichen Kräfte die afrikanische Arbeiter*innenklasse und die Armen ausbeuten und unterdrücken. Millionen sind obdachlos, arbeitslos, werden in Niedriglohnjobs ausgebeutet und sind landlos. Die kapitalistische Black Power hat die Schwarzen nicht befreit, selbst nachdem die Apartheid besiegt worden ist. Können die kapitalistischen imperialistischen Finanzinstitutionen noch weniger Kontrolle über einen Schwarzen Nationalstaat in Amerika ausüben? Souveränität ist keine Option in einer solchen von diesem System beherrschten Welt. Ein neuer Schwarzer Nationalstaat auf einem nordamerikanischen Landgebiet bedeutet nicht mehr Freiheit als die in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Wir glauben auch, dass unter dem kapitalistischen System, das jetzt existiert, die meisten Manifestationen des Schwarzen Nationalismus nie eine wirklich revolutionäre Doktrin waren, sondern dass sich solche Bewegungen am stärksten als defensive Doktrin zum Schutz der Schwarzen Mittelklasse durchgesetzt haben. Es ist nicht einmal eine Bewegung, die den weißen Rassismus bekämpft, sondern eher eine Interessengruppenpolitik, die für

gleiche politische Macht für Schwarze Geschäftsleute oder die Berufsklasse unter diesem System kämpfen kann, nicht um es zu beseitigen.

Ein Schwarzer Nationalstaat ist also nicht die Antwort auf unsere Probleme als unterdrücktes Volk. Tatsächlich führt er uns zurück in die Sklaverei, so wie er auch für kein Volk der Welt zur Freiheit geführt hat. Sie ersetzt den weißen Meister durch den Schwarzen Meister. Wir sind nicht immun gegen die Gesetze des sozialen Wandels; der Staat ist von Natur aus eine unterdrückerische Institution.

Außerdem sagen diejenigen, die für einen Schwarzen Staat plädieren, fast nie, wie er erreicht werden soll, und viele ihrer vorgebrachten Argumente sind absichtlich vage und phantasievoll. Wer glaubt wirklich, dass Amerika der Nation of Islam einfach einen islamischen Staat zugesteht oder fünf Südstaaten an die Republik Neu-Afrika abtritt, nur weil eine kleine Fraktion, die sich selbst eine "Regierung im Exil" nennt, existiert und dafür eintritt? Wer kann überhaupt beweisen, dass die meisten Menschen das überhaupt wollen? Warum, es würde Jahre eines blutigen Kampfes und eine große Organisierungskampagne erfordern. Und was sollen wir tun, bis dieser große Tag kommt; die Schwarzen nationalistischen Gruppen sagen es uns nie, aber wir können davon ausgehen, dass wir einfach ihren Führenden folgen und unsere Beiträge an ihre Organisationen zahlen sollen. Das ist Opportunismus und Verrat und führt uns in eine Sackgasse.

Darüber hinaus war die einzige revolutionär-nationalistische Gruppe, die überhaupt über die Durchführung eines Plebiszits sprach, um herauszufinden, welche Form die afrikanischen Menschen in Amerika glauben, dass unsere Freiheit annehmen sollte, die Black Panther Party. Sie erkannten, dass es an den Massen liegt, solche Entscheidungen zu treffen, und nicht an den Vorhutorganisationen an ihrer Stelle. Wie die Panther glauben wir, dass wir, noch bevor Rassismus oder Kapitalismus besiegt sind, jetzt damit beginnen können, einen langwierigen Kampf gegen den Kapitalismus und seine Agent*innen zu führen und dass der einzige Nationalstaat, mit dem wir uns beschäftigen sollten, der korrupte amerikanische Staat ist, der uns und die meisten Völker der Welt immer noch unterdrückt.

Gemeinsam mit dem Student Nonviolent Coordinating Committee, der führenden militanten Organisation der früheren Bürgerrechtsperiode, glauben Anarchist*innen, dass die Rolle der Organisator*innen nicht darin besteht, die Menschen zu führen, sondern sie zu ermächtigen und sie ihre eigenen lokalen Kämpfe übernehmen zu lassen. Wir glauben auch, dass solche Gemeinschaften virtuelle Kolonien oder Halbkolonien sind, die unter der militärischen und politischen Kontrolle des Staates stehen. Aber wir glauben nicht, dass eine nationale Befreiungsbewegung allein uns befreien kann und dass die

eigentliche Aufgabe darin besteht, den Kapitalismus selbst zu demontieren. Unser Befreiungskampf ist Teil eines breiteren Kampfes für einen totalen sozialen Wandel.

Viele Schwarze nationalistische Gruppen der Mittelschicht sind an die Demokratische Partei oder Ralph Naders Grüne Partei gebunden und bieten keine wirkliche radikale Alternative. Erstens glauben wir nicht an konventionelle oder elektorale Politik in jeglicher Form und lehnen von Liberalen und Sozialdemokrat*innen geführte Koalitionen ab. Schließlich glauben wir, wie die Panther der 1960er Jahre und im Gegensatz zur heutigen Nation of Islam und der afrozentrischen Bewegung, an eine Klassenanalyse und verstehen, dass es historische, sozioökonomische Faktoren gab, die sowohl für die Sklaverei als auch für den Rassismus verantwortlich waren, nicht weil Weiße "Eismenschen", "Teufel" oder anderen solchen Unsinn sind. Das Hauptmotiv war Geld, die Bereicherung von Europa und der "Neuen Welt". Dieses kapitalistische System produziert Rassismus und weiße Vorherrschaft. Es ist dieses kapitalistische System, das zerstört werden muss, um es loszuwerden.

Deshalb sind wir autonome People of Color, Kämpfende für Anarchismus, Selbstbestimmung und Freiheit für unser Volk und alle unterdrückten Menschen. Die Panther haben bewiesen, wie gefährlich Schwarze Revolutionär*innen für dieses System sein können, jetzt werden wir die Arbeit beenden und den Kapitalismus in sein Grab zu legen. Keine Freiheit ohne Kampf!

Woran ich glaube

Lorenzo Kom'boa Ervin

Anarchist*innen glauben nicht alle an dasselbe. Es gibt Unterschiede zwischen ihnen. Das anarchistische Feld ist jedoch groß genug, damit diese Unterschiede nebeneinander existieren und respektiert werden können. Woran die anderen dabei genau glauben, weiß ich nicht. Ich weiß nur, woran ich glaube. Dies werde ich mit einfachen, aber deutlichen Worten zu formulieren versuchen.

Ich glaube an die Schwarze Befreiungsbewegung, also bin ich ein Schwarzer Revolutionär. Ich glaube, dass Schwarze Menschen sowohl als Arbeiter*innen als auch als Angehörige einer bestimmten Nation unterdrückt sind und dass sie nur von einer Schwarzen Revolution befreit werden können, die ihrerseits immanenter Teil einer breiten sozialen Revolution zu sein hat. Ich glaube, dass Schwarze und andere unterdrückte Nationen ihre eigenen Ziele haben müssen, ihre eigene Weltanschauungen und kämpferischen Organisationen. Dies gilt auch, wenn sie sich dazu entscheiden, mit weißen Arbeiter*innen zusammenzuarbeiten.

Ich glaube an die Zerstörung des kapitalistischen Weltsystems, also bin ich ein Antiimperialist. Solange der Kapitalismus auf dem Planeten herrscht, wird es Ausbeutung, Unterdrückung und Nationalstaaten geben. Es ist der Kapitalismus, der für die beiden Weltkriege sowie unzählige weitere kriegerische Konflikte und den Hungertod von Millionen von Menschen verantwortlich ist. Alles nur, um die Profitgier der reichen Länder des Westens zu befriedigen.

Ich glaube an Gerechtigkeit für alle Menschen ungeachtet ihrer Ethnizität, also bin ich ein Antirassist. Das kapitalistische System wurde auf der Basis der Versklavung und der kolonialen Unterdrückung von Afrikaner*innen errichtet und wird darüber aufrechterhalten. Bevor es zu einer breiten sozialen Revolution kommen kann, muss die weiße Vorherrschaft besiegt werden. In den USA, dem "weißen Vaterland", bilden Afrikaner*innen eine innerstaatliche Kolonie. Weiße Arbeiter*innen müssen ihren privilegierten Status sowie ihre "weiße Identität" aufgeben und unterdrückte nicht-weiße Arbeiter*innen in ihrem Kampf für Gleichheit und nationale Befreiung unterstützen. Freiheit kann nicht auf der Basis von Versklavung und Ausbeutung anderer erreicht werden.

Ich glaube an soziale Gerechtigkeit und ökonomische Gleichheit, also bin ich ein libertärer Sozialist. Ich glaube, dass die Produkte der Arbeit von der Gesellschaft geteilt werden müssen bzw. von allen, die an ihrer Produktion beteiligt sind. Ich glaube weder an den Kapitalismus noch an den Staat. Ich glaube, dass beide überwunden und abgeschafft gehören. Ich akzeptiere die ökonomische Kritik des Marxismus, aber nicht sein Modell politischer Organisation. Ich akzeptiere die antiautoritäre Kritik des Anarchismus, aber nicht seine Vernachlässigung des Klassenkampfes.

Ich glaube an die Kontrolle der Gesellschaft und der Industrie durch die Arbeiter*innen, also bin ich ein Anarchosyndikalist. Anarchosyndikalismus ist revolutionärer Unionismus, in dem Taktiken direkter Aktion verwendet werden, um den Kapitalismus zu bekämpfen und die industrielle Produktion zu übernehmen. Ich glaube, dass die Arbeitsstellen von Fabrikkomitees, Arbeiter*innenräten und anderen Organisationsformen der Arbeiter*innen selbst verwaltet werden müssen. Den Kapitalist*innen muss durch Taktiken wie Sabotage, Streik, Arbeitsniederlegung, Fabriksbesetzung usw., die Kontrolle entrissen werden.

Ich glaube nicht an das angebliche Heil, das von Regierungen kommt, also bin ich ein Anarchist. Ich glaube, dass die Regierung die schlimmste Form moderner Unterdrückung sowie die Ursache von Krieg und ökonomischer Ausbeutung ist. Deshalb glaube ich, dass alle Regierungen gestürzt werden müssen. Anarchismus bedeutet mehr Demokratie, soziale Gleichheit und ökonomischen Wohlstand. Angesichts dieser Ziele wende ich mich gegen alle Formen von Unterdrückung, welche die moderne Gesellschaft kennzeichnen: das Patriarchat, weiße Vorherrschaft, Kapitalismus, Staatskommunismus, religiösen Dogmatismus, Homofeindlichkeit usw.

Antikapitalismus, gegenseitige Hilfe und güterbasierte Gemeinschaftsentwicklung

Afrofuturist Abolitionists of the Americas

"Wir sagen, dass wir den Kapitalismus nicht mit Schwarzem Kapitalismus bekämpfen werden, sondern mit Sozialismus." – Fred Hampton

LEBEN UNTER DEM KAPITALISMUS

Das Leben im Kapitalismus ist nicht einfach der "normale" Zustand oder das Ergebnis der "menschlichen Natur".

Der Kapitalismus ist ein grundlegend rassistisches, anti-Schwarzes, sexistisches, ökozidales und ausbeuterisches Wirtschaftssystem, das auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln (Land, Fabriken, Maschinen, etc.) und deren Betrieb für den Profit der Wenigen auf Kosten der Vielen basiert.

Zentrale Merkmale des Kapitalismus sind der Besitz von Privateigentum (nicht zu verwechseln mit öffentlichem oder persönlichem Besitz), Kapitalakkumulation, Lohnarbeit, gewaltsamer Land- und Ressourcendiebstahl und die Ausbeutung, Unterdrückung und Ermordung von Schwarzen und Braunen Menschen auf der ganzen Welt.

Im Kapitalismus versuchen Unternehmen und Arbeitgeber*innen, so viel Arbeit und Zeit wie möglich aus den Arbeiter*innen herauszuquetschen (besonders aus Schwarzen und Braunen), während sie so wenig wie möglich zahlen und so wenig Leistungen wie möglich bieten. Diejenigen, die nicht in der Lage oder nicht willens sind, Profite für die Kapitalist*innen zu machen, werden als entbehrlich betrachtet und kriminalisiert.

Der Staat benutzt die Polizei und die Gerichte als Werkzeuge der Unterdrückung, um die Gesetze durchzusetzen, die von der kapitalistischen besitzenden Klasse festgelegt wurden.

Um sich selbst zu erhalten, stehlen die kapitalistischen Staaten die Arbeitskraft und die natürlichen Ressourcen Afrikas, Südamerikas, des Nahen Ostens und der armen Schwarzen und Braunen Menschen in den sogenannten entwickelten Ländern, bombardieren uns, verbrennen uns, vertreiben uns, gentrifizieren uns, zerstören unsere Häuser und unsere Kulturen und sperren uns für Profit ein, nur weil wir versuchen zu überleben.

Der Kapitalismus wird Schwarze und Braune Menschen nicht retten; er benötigt die fortgesetzte brutale Ausbeutung Schwarzer und Brauner Menschen in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt, um zu überleben. Genauso wenig wird es helfen, für das kleinere Übel zu stimmen, oder für mehr "Repräsentation" in den Medien. Ein paar hochkarätige Erfolgsgeschichten oder ein paar mehr reiche Schwarze Schauspieler*innen, Sportler*innen oder Politiker*innen sprechen nicht zu den alltäglichen Erfahrungen der Mehrheit der Schwarzen und Braunen Menschen, die unter diesem weißen, rassistischen Wirtschaftssystem kämpfen.

Sozialismus (oder Kommunismus) ist eine politische und wirtschaftliche Theorie der sozialen Organisation, die dafür eintritt, dass die Produktions-, Verteilungs- und Tauschmittel der Gemeinschaft als Ganzes gehören oder von ihr reguliert werden sollten, nicht von einigen wenigen Auserwählten und Privilegierten.

Anstelle des Kapitalismus und der Abhängigkeit vom Staat glauben wir, dass der einzige Weg nach vorne für Schwarze und Braune Menschen in den USA und auf der ganzen Welt darin besteht, Stärke innerhalb unserer eigenen Gemeinschaften aufzubauen, indem wir uns dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe verschreiben (miteinander teilen und einander helfen) und damit beginnen, die harte Arbeit des Aufbaus unserer eigenen Gemeinschaftsinstitutionen und - dienste außerhalb derer, die vom Staat nur unzureichend bereitgestellt werden, in Angriff zu nehmen.

Dazu gehören unsere eigenen freien Schulen, eine frei zugängliche, qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung für jedes Mitglied unserer Gemeinschaft, Arbeitskooperativen, die Infrastruktur für den Anbau und die Verteilung unserer eigenen Lebensmittel und eine Kultur der gemeinschaftlichen Verteidigung.

Die weiße Vorherrschaft und der Kapitalismus möchten uns glauben machen, dass wir in diesem Kampf allein sind und dass wir machtlos sind. Wir sind nicht allein und wir sind nicht machtlos. Wir glauben, dass wir, wenn gewöhnliche Menschen zusammenkommen und die Arbeit der Gemeinschaft tun, die Macht

und die Fähigkeit haben, unsere Nachbarschaften zu organisieren, mit ihnen zu kämpfen, sie zu ernähren, zu erziehen und zu verteidigen, besser als es der Staat, die Polizei oder Menschen von außerhalb unserer Gemeinschaften jemals tun könnten.

WAS IST GEGENSEITIGE HILFE?

Armut und Mangel sind das direkte Ergebnis dieses ekelhaften kapitalistischen Systems, verstärkt durch Systeme von Rassismus, Sexismus, Ableismus, cis- heterosexuellem Patriarchat, Landraub und Arbeitsraub, die zusammen die Ungleichheit und Ungerechtigkeit in unseren Häusern, in unseren Nachbarschaften und in der Gesellschaft aufrechterhalten. Der Kapitalismus sagt uns, dass jede*r für sich selbst ist und dass wir "schuften" müssen, um zu essen und zu leben. Wir glauben, dass qualitativ hochwertiges Essen, eine sichere und komfortable Unterkunft, medizinische Versorgung und Bildung Dinge sind, zu denen jeder Mensch uneingeschränkten Zugang haben sollte und dass die Ressourcen in unseren Gemeinschaften bereits vorhanden sind, um diese Dienste bereitzustellen.

Gegenseitige Hilfe ist ein freiwilliger, gegenseitiger Austausch von Ressourcen und Dienstleistungen zum gegenseitigen Nutzen aller. Gegenseitige Hilfe, im Gegensatz zu Wohltätigkeit, impliziert keine moralische Überlegenheit des Gebenden über den Empfangenden. Beispiele sind das Organisieren und Nutzen von Lebensmittelsammlungen, das Spenden von Kleidung oder Geld direkt an Bedürftige, finanzielle Beratung, Nachhilfe, Kinderbetreuung, Hilfe beim Umgang mit sozialen Diensten und Netzwerke zur Verteidigung der Gemeinschaft, um nur einige zu nennen. Gegenseitige Hilfe basiert auf dem Prinzip, jetzt in unsere Gemeinschaften zu investieren, um später eine Gegenleistung zu erhalten. Im Kapitalismus kann die Person, die heute Hilfe anbietet, die Person sein, die morgen Hilfe braucht. Starke Gemeinschaften praktizieren gegenseitige Hilfe.

WIE VERBINDE ICH MICH MIT NETZWERKEN GEGENSEITIGER HILFE IN MEINER GEMEINSCHAFT? WAS IST GÜTERBASIERTE GEMEINSCHAFTSENTWICKLUNG?

Asset-Based Community Development (ABCD) ist ein Ansatz, der Veränderung und Entwicklung anregt, indem er die vorhandenen Gaben und Fähigkeiten der Menschen und ihrer Gemeinschaften nutzt.

Das ABCD-Modell entmutigt Entwicklung, die von außen kommt, und regt stattdessen Veränderung und Entwicklung von innen an.

Für eine wirklich nachhaltige Entwicklung ist es wichtig, sich auf die Stärken einer Gemeinschaft zu konzentrieren und nicht nur auf ihre Bedürfnisse. Der

wichtige Faktor ist, den Bereich zu finden, in dem die lokalen Stärken auf die lokalen Bedürfnisse treffen.

Die Schaffung von Gemeinschaften, die in der Lage sind, sich selbst zu verwalten und die ihr eigenes soziales Sicherheitsnetz bereitstellen können, wird die Notwendigkeit des Staates stark reduzieren.

Zu den Gütern der Gemeinschaft gehören unsere Parks, unsere Kirchen, Gemeinschaftszentren, Lebensmittelbanken und kostenlose Rechtsberatung, um nur einige zu nennen; aber vor allem unsere Gemeinschaftsmitglieder, die Ärzt*innen, Künstler*innen, Lehrkräfte, Redner*innen, Sportler*innen, Ingenieur*innen, Pflegekräfte, Lebensmittelanbauende, Musiker*innen, Organisator*innen, etc. sind. Die Menschen sind unser größtes Gut, denn jedes Mitglied der Gemeinschaft hat etwas zu geben.


"Es ist unsere Pflicht, für unsere Freiheit zu kämpfen. Es ist unsere Pflicht, zu gewinnen.

Wir müssen einander lieben und uns gegenseitig unterstützen. Wir haben nichts zu verlieren außer unseren Ketten."

– Assata Shakur

Anarchie vs Archie: Es gibt keine gerechtfertigte Autorität

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Archie: Das Gegenteil von Anarchie

Die Wörterbuchdefinition von "Archie" ist ein Gremium von autoritativen Beamt*innen, das in verschachtelten Rängen organisiert ist. Sei es eine Monarchie, eine Oligarchie, eine Republik, ein Feudalstaat oder eine andere hierarchische Gesellschaft.

Während Anarchie der Gegensatz zu Hierarchie und Autorität ist, ist die Archie die volle Verkörperung dieser Dinge. Während die Anarchie die Abwesenheit von Herrschenden verlangt, gedeiht die Archie, wenn die Bevölkerung den Herrschenden dient und gehorcht. Manchmal sind es wenige Herrschende (zB Monarchien), manchmal viele (zB Sozialdemokratien).

Hierarchien dienen den Herrschenden dazu, ihre soziale Kontrolle und Macht über die Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Diese Kontrolle wird mit Gewalt durch von den Herrschenden eingesetzte Behörden aufrechterhalten: Armee, Nationalgarde, Polizei, Gerichte, Gefängnisse, Sozialarbeiter*innen, Medien, Steuereintreiber*innen usw.

Nicht jede Unterweisung ist eine Hierarchie. Wenn du dich dafür entscheidest, das Fachwissen von Spezialist*innen zu akzeptieren, muss das nicht zwangsläufig zu einer Hierarchie führen oder sie zu deinen Herrschenden machen. Dachdecker*innen, die dein Dach decken, Köch*innen, die dein Essen zubereiten, oder Chirurg*innen, die dein Herz reparieren, sind keine hierarchische Beziehung, nur weil sie dir eine wertvolle Dienstleistung erbringen.

Wenn ein Mensch Gewalt anwendet, um der Hierarchie, die ihn unterdrückt, einen Schlag zu versetzen, wird dieser Mensch nicht zu einer Autorität. Wenn

du die Hierarchie zerstörst, wo du sie siehst, schafft das keine Hierarchie, sondern Anarchie.

Über "gerechtfertigte Autorität"

Sobald du anfängst, Autorität und Hierarchie zu rechtfertigen, stichst du effektiv ein Messer in die Anarchie. Wir alle kennen den Spruch "Alle Macht korrumpiert". Das ist keine Floskel, sondern der Grund, warum Anarchie überhaupt existiert.

Die Legitimierung von Autorität ermöglicht Archie. Es spielt keine Rolle, ob du dich Anarchist*in nennst, während du Hierarchien rechtfertigst, die du persönlich aus welchen Gründen auch immer gutheißt. In der Anarchie ist KEINE Autorität legitim. Ja, sogar in einer Eltern-Kind-Beziehung.

Wenn du eine Autorität legitimierst, gibst du ihr Macht, stellst sie als Institution dar, der man um jeden Preis gehorchen muss, und das reicht ihr nicht. Sie wird immer mehr Macht wollen, denn das ist die Natur der Macht. Sie wächst immer weiter und hört nie auf, ihre verheerenden Auswirkungen auf ihre Umgebung zu kontrollieren. Macht ist ein Freibrief, um Schaden anzurichten. Ob es deine ursprüngliche Absicht war, eine gewaltsame Machtausübung zu ermöglichen, als du eine Autorität legitimiert hast, ist irrelevant. Sie wird Schaden anrichten, und die Menschen, die ihre Legitimation unterschrieben haben, sind für diesen Schaden verantwortlich (oder sollten es sein).

Anarchie bedeutet Widerstand gegen Autorität. Etwas anderes zu behaupten, wäre eine eklatante Falschdarstellung dessen, was Anarchie ist.

Kompetenz vs Gewalt vs Autorität

Viele Menschen verwechseln Fachwissen mit Autorität und nutzen diese Verwechslung, um zu behaupten, dass die Anarchie nicht gegen jede Autorität ist. Sie sagen, die Anarchie sei nur gegen ungerechtfertigte Autorität. Natürlich erklären sie nie, wer bestimmt, welche Autorität gerechtfertigt ist. Ich nehme an, dass diese Entscheidung von einer weiteren Autorität getroffen wird? Eine Autorität, die ebenfalls gerechtfertigt ist? Und welche Autorität hat diese Autorität gerechtfertigt...? Es ist albern, wenn Anarchist*innen versuchen, dieses Kaninchenloch der gerechtfertigten Autorität zu betreten.

Schreiner*innen mögen gut darin sein, Schränke zu bauen, sie mögen sogar Expert*innen darin sein, aber das macht sie nicht zu einer Autorität. Ihr Talent gibt ihnen nicht das Recht, Autorität und Macht über andere auszuüben. Autorität ist eine ausgeprägte, dauerhafte soziale Beziehung zwischen Menschen. Eine Zwangsbeziehung, die durch unsere autoritäre, hierarchische Gesellschaft legitimiert wurde. Es ist eine Beziehung, in der Autoritätspersonen ihre Macht über weniger mächtige Personen ausüben. Von diesen Menschen

wird erwartet, dass sie sich dieser mächtigen Autoritätsperson unterordnen und ihren Befehlen bedingungslos gehorchen.

Stell dir vor, du gehst nachts nach Hause und jemand springt aus dem Schatten und versucht, dich zu erstechen. In dem darauf folgenden Handgemenge tötest du die Person in Notwehr. Das war eine einfache Gewaltanwendung; sie macht dich nicht zu einer Autorität gegenüber der Person, die versucht hat, dich zu töten. Diese einzelne Handlung, mit der du dein eigenes Leben schützen wolltest, verleiht dir nicht auf magische Weise die Autorität, einen Amoklauf zu begehen.

Wenn ein Kind vor einen rasenden Lkw läuft und du es an der Hand festhältst, um es aufzuhalten, übst du ebenfalls keine Autorität aus. Du wendest einfache Gewalt an. Eine vorübergehende, spontane Aktion, um Leben zu retten, ist keine Autorität. Sie gibt dir nicht das Eigentum an der Person, der du hilfst. Die Anarchie hat keine Bedenken gegen die isolierte Anwendung von Gewalt, nur gegen die strukturelle Institution der Autorität.

Die Chomsky-Verbindung

Noam Chomsky verwendet häufig das Beispiel der "Rettung eines Kindes vor einem Auto", um sein Konzept der "gerechtfertigten Autorität" zu erklären. Die Leute, die den Trugschluss der "gerechtfertigten Autorität" wiederholen, plappern in der Regel Chomskys unüberlegte Worte nach. Er sagt: "Autorität, die nicht gerechtfertigt ist, ist von Natur aus illegitim und die Beweislast liegt bei denjenigen, die die Autorität haben." Er besteht darauf, dass die Autorität einer Person legitimiert werden sollte, wenn sie gerechtfertigt ist. Aber natürlich versäumt er einen Schritt, indem er nicht erklärt, wer die Autorität erhält, zu beurteilen, ob die Rechtfertigung der Autoritätsperson legitim ist...

Seine Definition von Autorität ist von Natur aus fehlerhaft. Wenn er einfach "Gewalt" statt Autorität sagen würde, gäbe es nicht so viele verwirrte Chomsky- Anhänger*innen, die willkürliche Rechtfertigungen für jeden hierarchischen Scheiß finden und diesen Scheiß dann als "anarchistisch" bezeichnen, obwohl er alles andere als das ist. Ich habe sogar gesehen, wie seine Anhänger*innen seine Definitionen benutzen, um sogenannte "Nachtwächterstaaten" als anarchistisch zu bezeichnen. Nachtwächterstaaten sind Staaten, die nur existieren, um den Bürger*innen Militär, Polizei und Gerichte zur Verfügung zu stellen. Das ist Minarchismus, nicht Anarchismus. Die Vorstellung von anarchistischen Staaten und anarchistischen Gefängnissen ist obszön.

Selbst wenn wir naiv annehmen würden, dass Minarchismus irgendwie erstrebenswert wäre, würde er nur wieder zum totalen Etatismus führen. Legitimierte Macht steht niemals still, und Versuche, ihr Wachstum zu kontrollieren, haben sich immer als vergeblich erwiesen.

Chomsky ist keine gute Quelle dafür, was Anarchie bedeutet. Er hat Karriere damit gemacht, die Anarchie abzuschwächen, um ein weißes nordamerikanisches Mittelschichtspublikum anzusprechen. Er geht sogar so weit zu behaupten, dass die Regierung nicht von Natur aus schlecht ist und dass sie mit dem, was er "echte Demokratie" und "soziale Kontrolle über Investitionen" nennt, irgendwie "reformiert" werden kann. Viel zu viele Anarchist*innen sehen in Chomsky eine Autorität in Sachen Anarchie, obwohl er eindeutig ein Minarchist ist.

Außerdem vergleicht er in seinen Vorträgen und Schriften die Anarchie mit der Aufklärung und dem klassischen Liberalismus, was sehr westlich orientiert ist, zumal die Aufklärung die Aufteilung Afrikas durch europäische Imperialisten und andere schreckliche rassistische und genozidale Taten begleitete. Es ist also wohl keine gute Idee, Anarchie mit diesem autoritären Kapitel der Geschichte in Verbindung zu bringen. Es stimmt zwar, dass die politische Bewegung, die sich selbst als Anarchismus bezeichnete, ihren Ursprung in Europa hatte, aber die Anarchie gedieh ohne Namen in allen Ecken der Welt vor und nach der Aufklärung, lange bevor europäische Philosoph*innen begannen, sich nach einer Rückkehr zu ihr zu sehnen.

Ich halte Chomsky nicht für einen Anarchisten (weil er nachweislich keiner ist), also sind seine Definitionen für mich nicht so wichtig. Aber leider sind sie für viele Minarchist*innen und Liberale, die sich selbst als Anarchist*innen bezeichnen, wichtig, und sie wiederholen seine fehlerhaften Definitionen immer wieder für Neulinge und stiften damit weitere Verwirrung, die jahrelang nachhallt.

Verwässerung der Ziele der Anarchie

Das oft zitierte Beispiel, jemanden davor zu bewahren, von einem Auto angefahren zu werden, hat einfach nichts mit Autorität zu tun. Es ist eine grundlegende Falschdarstellung des anarchistischen Konzepts von Autorität, und ich hoffe, dass dieser Artikel dazu beiträgt, den Diskurs davon wegzubringen. Jede beschissene politische Ideologie da draußen, von der Monarchie über den Neoliberalismus bis hin zum Faschismus, behauptet, für gerechtfertigte Autorität und gegen ungerechtfertigte Autorität zu sein. Wir wissen, dass es Mist ist, wenn Liberale die Bombardierung von Schulbussen in Syrien oder im Irak als "gerechtfertigte" Aktion zum "Schutz der Freiheit" oder als "akzeptablen Kollateralschaden" bezeichnen, also warum sollten wir ihre gefährliche Doppelzüngigkeit übernehmen, um Anarchie zu definieren? Sobald du anfängst, Autorität zuzulassen, hast du aufgehört, für Anarchie zu plädieren.

Die Forderung nach "gerechtfertigter Autorität", wie sie Chomsky immer wieder versucht, ist ein sinnloses Unterfangen, das nur die Uninformierten verwirrt und

uns eine Vielzahl von Baby-Anarchist*innen aus der Mittelschicht beschert, die die Grundlagen der Anarchie nicht verstehen. Dieses Missverständnis nutzen sie dann, um Anarchie mit allem möglichen autoritären Scheiß gleichzusetzen, sogar mit Staaten. Dadurch wird die Grenze zwischen Liberalismus und Anarchie immer dünner. Und ganz offen gesagt: Es züchtet Scheiß- Anarchist*innen.

Autorität ist eine moralische Hierarchie

Eine Hierarchie ist ein künstliches Konstrukt, das auf dem Prinzip der Autorität beruht. Autorität ist die gesellschaftlich durchgesetzte Regel, dass die Herrschenden in einer hierarchischen Beziehung Befehle erteilen und die Untergebenen unter Androhung von (gesellschaftlich legitimierter) Gewalt gehorchen. Wenn ich meinem Boss eine Mahlzeit anbiete oder ihn vor dem Ertrinken rette, würde ich keine Autorität über ihn ausüben. Diese Handlung allein schafft noch keine Hierarchie. Aber allein dadurch, dass er mein Boss ist, übt er ständig Autorität über mich aus und ich bin ihm ständig untergeordnet. Ich werde von ihm beherrscht. Ich werde durch die Hierarchie zwischen Boss und Mitarbeiter*innen eingeschränkt und kontrolliert, weil mein Boss ständig seine Autorität über mich ausübt.

Autorität ist ein vorsätzliches soziales Konstrukt, das die Menschen in Herrscher*in oder Gehorsame einteilt und Gewalt und die Vorstellung von "Moral" einsetzt, um dieses Zwangssystem aufrechtzuerhalten. Wenn du deinem Boss widersprichst, lehnst du seine*ihre Autorität ab: Das ist ein großes "moralisches" Tabu. Die Gesellschaft nutzt diese Zwangskonditionierung, um die Unterdrückungsdynamik aufrechtzuerhalten und dich kontrolliert und gehorsam zu halten. Das System duldet keinen echten Widerspruch gegen seine Gesetze. Stattdessen konditioniert es dich dazu, deine Wahrnehmung so lange zu verändern, bis du sein Gesetz schließlich als normal akzeptierst.

Befürwortende des Kapitalismus der "freien Marktwirtschaft" propagieren vermeintlich "freiwillige" Hierarchien (zB die Beziehung zwischen Eigentümer*innen und Arbeiter*innen). Dies ist lediglich eine Ausrede für die Normalisierung struktureller Gewalt gegen die weniger Mächtigen, ein Prozess, der durch die Berufung auf Autorität legitimiert wird. Diese Hierarchien sind in keiner Weise freiwillig, denn wir würden von der Gesellschaft auf verschiedene Weise bestraft, wenn wir sie ignorieren würden (zB wenn wir uns weigern zu arbeiten oder unsere Bosse umbringen und uns den wahren Wert unserer Arbeit nehmen). "Gerechtfertigte Hierarchie" / "legitime Autorität" ist ein unheimlich ähnliches Konzept wie "freiwillige" Arbeit im Kapitalismus.

Über anarchistische Erziehung

Autorität ist eine strukturell gewalttätige Institution. Sie hat nichts damit zu tun, einem Kind Hilfe zu leisten, es zu füttern oder es davor zu bewahren, in einen Pool zu fallen und zu ertrinken. Eine Eltern-Kind-Beziehung muss keine Hierarchie sein, es sei denn, du machst dir die Mühe, sie als solche zu konstruieren.

Elternschaft ist nur dann hierarchisch, wenn die Eltern ihrem Kind Autorität aufzwingen wollen. Anarchistische Eltern würden Erziehungsmethoden anwenden, die das Kind als autonomes Individuum behandeln und nicht als Untergebenen, der ihren autoritären Forderungen unterworfen ist. Anarchistische Eltern sehen sich als Betreuende, nicht als Autoritäten, und die Legitimation der elterlichen Autorität mit der Ausrede der "gerechtfertigten Hierarchie" ist ein Sündenbock. Sie ist nicht gerechtfertigt. Gewaltsamer Zwang, um Kinder zu kontrollieren, ist keine Anarchie. Eltern müssen keine Tyrann*innen sein, um Kinder zu erziehen.

Unzählige anarchistische Gemeinschaften im Laufe der Geschichte, darunter auch die heutigen Hadza in Ostafrika, haben uns gezeigt, dass die Eltern-Kind- Beziehung nicht die gewalttätige Diktatur sein muss, zu der sie in der kapitalistisch-industriellen Gesellschaft geworden ist.

Dennoch bestehen viele "Anarcho-Minarchist*innen" — in Ermangelung eines besseren Begriffs — darauf, das "Eigentum", das die autoritäre Gesellschaft ihnen über ihre Kinder gewährt, als "gerechtfertigte Hierarchie" zu betrachten. Das ist ein merkwürdiges Argument. Wenn sie damit einverstanden sind, ihren eigenen Kindern gegenüber Autoritarismus auszuüben, dann ist es für sie offensichtlich auch in Ordnung, Fremde zu beherrschen. Es ist verwirrend zu sehen, wie Menschen behaupten, dass die Beherrschung von Kindern mit Anarchie vereinbar ist, nur weil sie sich dafür entschieden haben, es zu tun.

"Zivilisierte" Menschen machen den Fehler, gefährliche, ungesunde und autoritäre Umgebungen für uns zu schaffen, die den brennenden Wunsch jedes Kindes nach Freiheit, Spiel, Erkundung und Lernen aus erster Hand völlig ignorieren.

Wir zwingen Kinder in Metallwägen, die sie in Schulgebäude bringen, wo Fremde dafür bezahlt werden, ihnen jahrelang starre Unterrichtspläne zu diktieren. Die Kinder verbringen ihre gesamte Kindheit damit, von Raum zu Raum geschoben zu werden und zwangsweise dazu ausgebildet zu werden, im Rahmen des Systems als gehorsame, zivilisierte Arbeiter*innen zu funktionieren. Die meisten Kinder dürfen nicht einmal draußen spielen, weil ihre Eltern Angst vor den Gefahren der industriellen Zivilisation haben.

Die industrielle Zivilisation ist einfach ungeeignet, menschliches Leben zu fördern. Die perverse Art und Weise, wie wir unsere Gesellschaft um Gefahr, Autorität, Angst, Zwang, Bestrafung, Konformität und Gehorsam herum strukturieren, sollte weder Kindern noch sonst jemandem aufgezwungen werden. Als Anarchist*innen sollten wir diese autoritären Strukturen niederreißen, anstatt sie mit Ausreden aufrechtzuerhalten. Kinder brauchen keine Autorität, sie brauchen Anarchie.

Anarchist*innen müssen die Begriffe "Autorität", "Gewalt" und "Expertise" klar voneinander abgrenzen, damit sprachliche Missverständnisse nicht dazu führen, dass der Minarchismus die Anarchie unterdrückt.

"Gerechtfertigte Autorität" ist eines von mehreren grundlegenden Missverständnissen der Anarchie, die ausgeräumt werden müssen, bevor unsere (eigentlich sehr einfach definierten) Ziele weiter verwässert werden. Wir neigen dazu, die Dinge zu sehr zu überdenken, und das führt zu Bergen von umständlichen revisionistischen Theorien, die der Anarchie nur schaden und die Menschen verwirren, was denn unsere grundlegendsten Ziele sind.

Jeder genozidale Diktator hielt die Hierarchien, die er aufrechterhielt, für gerechtfertigt. Anarchist*innen wissen es besser. Anarchie ist, war und wird immer die völlige Ablehnung jeglicher Hierarchie sein. Wenn du Kompromisse eingehst und Ausreden findest, um Hierarchien zu schaffen, ist das keine Anarchie mehr.

Das unvergessliche Leben des Gefängnisrebellen Martin Sostre

William C. Anderson

"Die Last einer langen Haftstrafe würde durch die Genugtuung erleichtert, zu wissen, dass die mir gestellte Aufgabe, meinem Volk zu helfen, sich von ihren Unterdrückenden zu befreien, erfüllt wird." — Martin Sostre

Malcolm X sagte einmal: "Wir haben nur unter Amerikas Heuchelei gelitten ... Wenn du ins Gefängnis gehst, na und? Wenn du Schwarz bist, wurdest du im Gefängnis geboren." Für Schwarze in den Vereinigten Staaten ist diese Aussage heute noch genauso wahr wie damals. Es ist die gelebte Erfahrung unzähliger Schwarzer Menschen über Generationen hinweg, aber manchmal lassen sich unzählige Leben in einem einzigen Bericht zusammenfassen, der die unterdrückende Realität in allen Einzelheiten zeigt. Das Leben des großen intellektuellen, inhaftierten Rechtsgelehrten und revolutionären Organisators Martin Sostre war genau das.

Obwohl sein Einfluss auf den Gefängniskampf so groß ist wie der von anderen Schwarzen Radikalen wie George Jackson, Angela Davis und Mumia Abu Jamal, ist Sostre heute nicht mehr vielen bekannt. Sostre verstarb am 12. August 2015. Seine Geschichte muss erzählt werden, denn ohne ihn wäre die Welt nicht so, wie wir sie heute kennen.

Vom Gefängnisrebellen zum Gemeinschaftspädagogen

Martin Sostre wurde 1923 in Harlem geboren und wuchs während der Großen Depression auf. Schon früh wurde er von Schwarzen Redner*innen, Denker*innen und Aktivist*innen rund um den African National Memorial Bookstore in der 125th Street inspiriert. Aber Sostre erhielt auch eine andere Art von Bildung, nämlich Unterricht in dem, was er später als "die Methoden der

Straße" bezeichnete, die vieles von dem vorwegnehmen sollten, was noch kommen sollte. Er trat zunächst in die Armee ein, wurde aber nach mehreren Zusammenstößen mit dem Gesetz "unehrenhaft" entlassen. 1952 wurde Sostre wegen Drogenbesitzes verhaftet und zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt.

Dies war der Beginn einer jahrzehntelangen Reise, die ihn durch schreckliche Einrichtungen wie das Sing-Sing-Gefängnis, das Clinton-Gefängnis und das berüchtigte Attica-Gefängnis führte und schließlich die eingeschränkten gesetzlichen Rechte, die inhaftierten Menschen garantiert werden sollten, neu formte.

Im Gefängnis schloss sich Sostre zunächst der Nation of Islam an, angezogen von ihren Schwarzen nationalistischen Elementen. Als die Gefängnisbehörden versuchten, ihm das Recht zu nehmen, seine Überzeugungen zu äußern, und Sostre in Einzelhaft steckten, nachdem sie ihn beschuldigt hatten, er habe versucht, Dissens zu erregen, studierte er als Autodidakt Jura und beteiligte sich an einem erfolgreichen Rechtsstreit gegen die Unterdrückung seiner Überzeugungen durch die Behörden.

In einem Brief aus dem Gefängnis schreibt er: "Obwohl der Kampf eines Schwarzen Highschool-Abbrechers, der als sein eigener Anwalt gegen die massive Zwangsgewalt dieses Staates agiert, manchen wie ein aussichtsloser Kampf erscheinen mag, habe ich keinen Zweifel daran, dass meine Unterdrücker*innen letztendlich besiegt werden." In vielerlei Hinsicht waren seine juristischen Kämpfe ein Präzedenzfall, und Sostre stand erst am Anfang einer Reihe strategischer Herausforderungen, die beträchtliche und historische Fortschritte für Menschen im Gefängnis bringen sollten.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Jahr 1964 eröffnete Sostre den Afro-Asian Bookstore in Buffalo, New York. Nachdem er im Gefängnis selbst eine politische Veränderung durchgemacht hatte, verglich Sostre seine Reise mit der von Malcolm X. Als er jedoch die Black-Power-Politik der Jugend draußen beobachtete, trennte sich Sostre von der Nation Of Islam. Sein Buchladen wurde zu einem Ort, an dem er den Widerstand für eine ganze Gemeinschaft kultivierte. Er verkaufte radikale Bücher zu Themen wie Schwarzer Nationalismus und Kommunismus.

Unter den Gemeindemitgliedern, die seinen Laden als Ort des Lernens und der Gemeinschaft nutzten, wurde er als Lehrer anerkannt. Damit geriet er in Konflikt mit der Polizei von Buffalo, die Sostre wegen seines Handelns bedrohte. Er politisierte die Schwarze Jugend zu einer Zeit, als der Staat sich zunehmend Sorgen machte und Befürwortende des antikapitalistischen Schwarzen Empowerments in den ganzen Vereinigten Staaten überwachte.

"Trotzt der weißen Autorität!"

Während des langen, heißen Sommers von 1967 kam es überall im Land zu Aufständen von Schwarzen. Die Rebellionen waren eine Reaktion auf die vielen Erscheinungsformen des institutionellen Rassismus wie Arbeitslosigkeit, Wohnungsdiskriminierung und Polizeigewalt. Die Kämpfe auf den Straßen waren eine direkte Herausforderung an die rassistische Staatsgewalt. Zu dieser Zeit sprach auch der Polizeichef von Miami die berüchtigte Drohung aus: "Wenn die Plünderung beginnt, wird auch geschossen."

Als die Revolte in Buffalo ausbrach, war Sostre zur Stelle und tat das, was er am besten konnte: Er unterrichtete, verteilte radikale Literatur an die Schwarze Gemeinschaft — vor allem an junge Menschen — und vermittelte Zusammenhänge. Sostre organisierte sich durch Bildung und unterstützte den Aufstand mit den Methoden, die er in seiner Jugend in Harlem von den Redner*innen, Lehrpersonen und Straßenkämpfenden gelernt hatte. Sein Buchladen wurde zum sicheren Hafen, in dem die Menschen dem Tränengas und der Polizeigewalt entkommen konnten. Er unterrichtete und verteilte Befreiungsliteratur an die Menschen, die sich in seinem Laden versteckten, den die Behörden als Bedrohung ansahen. Der Laden blieb bis weit in die Nacht hinein geöffnet und gut besucht, während die Menschen gegen die Polizei rebellierten.

Schließlich entschlossen sich die Behörden, mit dem aufsässigen Sostre fertig zu werden, indem sie seinen Laden stürmten und durchwühlten. Er und Geraldine Robinson (seine Mitangeklagte) wurden wegen Betäubungsmitteln und Anstiftung zum Aufruhr inhaftiert. Nachdem der Aufstand in Buffalo abgeklungen war, wurde er von einer ausschließlich weißen Jury zu 31 bis 41 Jahren Gefängnis verurteilt. Sostre wurde vor Gericht geknebelt, ließ sich aber von dem, wie er es nannte, "törichten" Versuch, ihn zum Schweigen zu bringen, nicht beeindrucken.

Später schrieb er, dass er im Gerichtssaal "die Schwäche dieser faschistischen Bestie" demonstrierte und ermutigte Schwarze, sich anzusehen, was er dem Unterdrücker antat. Sostre versprach, konsequent auf Konfrontationskurs zu gehen, und aus dem Gefängnis heraus ermutigte er Schwarze dazu, "der weißen Autorität zu trotzen" und durch sein Handeln ein Zeichen zu setzen.

Er beteuerte seine Unschuld und unterscheidet in dem Dokumentarfilm Frame- Up! von 1974 "zwischen einem politischen Gefangenen im klassischen Sinne und einem politisierten Gefangenen." Er stuft sich selbst als letzteren ein, als jemanden, "der im Gefängnis ein politisches Bewusstsein entwickelt hat, obwohl das ursprüngliche Verbrechen, das er begangen hat, kein politisches Verbrechen war."

Martin hat auch einen Prozess über die Zensur von Literatur im Gefängnis gewonnen. Er erinnerte sich daran, dass er so hart dafür gekämpft hatte, dass es im Gefängnis mehr politische Literatur gab als je zuvor. Während seiner Inhaftierung leistete er weiterhin die politische Bildungsarbeit, die er zuvor in der Gemeinde geleistet hatte. Er hat vor Gericht mehrere Siege für die Rechte der Gefangenen errungen, von politischen und religiösen Freiheiten bis hin zur Einschränkung der Isolationshaft. Er selbst war der Folter der Einzelhaft ausgesetzt und war Einschüchterungen ausgesetzt — alles wegen seiner Arbeit. Aber Sostre blieb seiner Sache treu.

Einführung in den Anarchismus

Sostre war ein scharfer Kritiker von Führung, Autorität und Imperialismus. Er war ein erbitterter Gegner des Imperiums und identifizierte sich mit den antiimperialistischen Bemühungen. In einem Brief aus dem Gefängnis von 1967 schreibt Sostre: "Ich werde mich niemals unterwerfen. Der Einsatz der massiven Zwangsgewalt des Staates reicht nicht aus, um mich zum Aufgeben zu bringen; ich bin wie ein Vietcong — ein Schwarzer Vietcong." Weiter sagt er, dass der vietnamesische Kampf gegen den Imperialismus ein Beispiel sei, dem er nacheifern wolle. Er bringt den weltweiten Kampf gegen den US-Imperialismus immer wieder mit dem Kampf für die Befreiung der Schwarzen in Verbindung.

Er besteht darauf, dass "wir die faschistischen Unterdrücker*innen nur besiegen können, wenn wir ihre Lügen und Taten auf der Straße, im Gerichtssaal und auf dem Schlachtfeld herausfordern und ihnen entgegentreten." In einem anderen Brief aus demselben Jahr erklärt er, dass eines der ersten Dinge, die er nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis tun wird, die Gründung eines "Verteidigungsfonds" ist, denn niemand sollte inhaftiert werden müssen, "weil die Kaution nicht bezahlt werden konnte." In einem anderen Brief aus dem Jahr 1968 kritisiert er sogar Razzien ohne Durchsuchungsbefehl und "stop-and-frisk"

1971 widerrief der Haupt"zeuge" gegen Sostre seine Aussage und gab zu, dass er geholfen hatte, Sostre zu belasten, damit er selbst aus dem Gefängnis entlassen werden konnte. Dies geschah zusätzlich zu einer landesweiten Kampagne für die Freiheit von Sostre, der inzwischen ein bekannter inhaftierter Radikaler geworden war und schließlich aus der Einzelhaft entlassen werden sollte. Dies geschah auf Anordnung der US-Bezirksrichterin Constance Baker Motley, die als erste Schwarze Frau in das Bundesgericht berufen wurde. Sie sprach ihm auch Schadensersatz zu und er wurde schließlich begnadigt, nachdem er durch eine Kampagne für seine Freiheit bekannt geworden war.

Sostres unermesslicher Beitrag hatte auch einen großen Einfluss auf das Leben und Denken des Schwarzen Anarchisten Lorenzo Kom'boa Ervin. Es war

Sostre, der das ehemalige Mitglied der Black Panther Party mit dem Anarchismus vertraut machte, nachdem sie sich in einem Bundesgefängnis kennengelernt hatten. Lorenzo war zu lebenslanger Haft verurteilt worden, nachdem er auf der Flucht vor Waffenbesitz in den USA ein Flugzeug nach Kuba entführt hatte. Ervin war nach seiner Zeit auf Kuba, in der Tschechoslowakei und in Ostdeutschland desillusioniert. Er erinnerte sich an sein Leben im "sowjetischen Sozialismus" als "elitär, autoritär und unterdrückerisch". Außerdem argumentierte er, dass der marxistisch- leninistische Maoismus "dazu beigetragen hat, die Neue Linke der 1960er Jahre und den radikalen Flügel der Black-Power-Bewegung mit Personenkult, Mittelklasse-Snobismus, Manipulation und Opportunismus zu zerstören."

"Martin Sostre machte mich mit einem neuen Wort bekannt: 'Anarchistischer Sozialismus.' Damals hatte ich keine Ahnung, wovon er sprach ... Er erklärte mir den "selbstverwalteten Sozialismus", den er als frei von staatlicher Bürokratie, jeder Art von Partei- oder Führungsdiktatur beschrieb. Fast jeden Tag erzählte er mir von "direkter Demokratie", "Kommunitarismus", "radikaler Autonomie", "Generalversammlungen" und anderen Dingen, von denen ich nichts wusste. Also hörte ich stundenlang zu, während er mich unterrichtete." — Lorenzo Kom'boa Ervin

Lorenzo konzentrierte sich auf Black Autonomy, seine eigenen Prozesse im Gefängnis und seine "Free Lorenzo"-Kampagne, die mit Hilfe von Sostres Anweisungen hin zu seiner Freiheit führte. Durch Lorenzo inspirierte Sostre indirekt eine neue Generation von Schwarzen Anarchist*innen (mich eingeschlossen).

Ohne Martin Sostre wäre ein Großteil der wichtigen Arbeit von politischen Gefangenen, politisierten Gefangenen und Gefängnisbewegungen, wie wir sie heute kennen, nicht möglich gewesen. Durch seine Bemühungen wurden den Menschen im Gefängnis neue Rechte zugestanden, die für viele vorher nicht vorstellbar waren.

Sostre hat uns den Weg gezeigt

Martins Leben zeigt uns, dass wir uns für die Abschaffung des Gefängnisses einsetzen sollten, egal ob es sich um ein Gebäude oder den Staat selbst handelt. Gefängnisse sind ein Instrument der Gewalt, das der Staat einsetzt, um uns zu unterdrücken, aber der größere Apparat, den wir als Staat kennen, ist genauso wenig zu retten wie die Polizei, die Gerichte oder irgendein Teil der Prozesse, die uns in eine Zelle führen. Auch wenn Martin Sostre das Rechtssystem gegen seine Entführenden einsetzen konnte, ist es deshalb nicht weniger tödlich. Sie hätten ihm viel mehr Schaden zugefügt, wenn sie es gekonnt hätten, aber so kam es nicht dazu.

Was bedeutet es, ein Leben wie das von Martin Sostre zu führen und dabei weitgehend unbemerkt zu bleiben? Es entlarvt die nackte Wahrheit einer Gesellschaft, die sowohl die Menschen als auch die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, ausblenden. Unter albtraumhaften Bedingungen, in denen unverzichtbare Geschichte am Rande verschwindet, sind Happy Ends schwer zu finden. Das, was jemand, der sein Leben wie Martin Sostre lebt, der Sicherheit am nächsten kommt, ist ein hoffentlich ruhiges, bescheidenes Leben.

Doch Jahrzehnte der Folter und des Leids sollten nicht das Vorwort für eine unserer Geschichten sein. Wir feiern die hart erkämpften Siege von Sostre, als er noch in den Schützengräben eines nicht gewonnenen Krieges stand. Er ließ sich auch dann nicht von seinem Engagement abbringen, als viele sich anders entschieden hätten. Er lebte ein Leben, in dem er sich für den Abbau von Teilen des Gefängnissystems einsetzte, auch wenn er selbst in einem Käfig saß.

Wir werden alle auf die eine oder andere Weise sterben, aber wir sollten hoffen, dass wir ein Stück des Staates mitnehmen können, bis er vollständig beseitigt ist. Martin Sostre hat uns den Weg gezeigt.




16 Dinge, die du tun kannst, um unregierbar zu sein

Indigenous Action

Seit 1492 wehren wir uns gegen die Beherrschung, Kontrolle und Ausbeutung durch die Kolonialmächte. Unregierbar zu sein bedeutet, dass wir der kolonialen Autorität keine Treue schwören und für unser Überleben, unsere Identität, unsere Zugehörigkeit und unser Wohlergehen nicht von ihren Systemen abhängig sind.

Angesichts von COVID-19 und offenkundigem Faschismus feiern wir die kraftvollen Ausdrucksformen direkter Aktionen und Interventionen gegen Kapitalismus, weiße Vorherrschaft, Cis-Heteropatriarchat und den kolonialen Polizeistaat. Von den kraftvollen BLM-Aufständen bis hin zum Abriss rassistischer Statuen, von autonomen Zonen bis hin zu den Tausenden von Projekten der gegenseitigen Hilfe auf Turtle Island, die uns mit dem Nötigsten versorgen und unterstützen, haben unsere Gemeinschaften seit Generationen direkt gehandelt und alternative Infrastrukturen aufgebaut, um nicht vom Staat oder von Konzernen abhängig zu sein.

Wir versuchen, uns so direkt wie möglich an den Ursachen zu organisieren und einzugreifen, welche die unterdrückende soziale Ordnungen aufrechterhalten, während wir gleichzeitig daran arbeiten, kreativ Alternativen aufzubauen und zu unterstützen, die auf gegenseitiger Hilfe, Würde und kollektiver Selbstbestimmung jenseits des Kapitalismus beruhen. Wir sind unregierbar, und wir müssen es diesem Kolonialsystem unmöglich machen, auf gestohlenem, besetztem Land zu regieren. Baue, unterstütze und vermehre autonome Organisationen und nimm deine Rolle in diesen Kämpfen an.

16 Dinge, die du tun kannst, um unregierbar zu sein:

Baue eine Bezugsgruppe auf.

Eine Bezugsgruppe ist eine kleine Gruppe von 5 bis 20 Personen, die bei direkten Aktionen oder anderen Projekten autonom zusammenarbeiten. Bezugsgruppen bestehen in der Regel aus Gleichgesinnten, die zusammenkommen, um etwas zu erreichen. Wenn du bereits eine Bezugsgruppe hast, dann vernetze und bündele diese Gruppen!

Skills steigern.

Wenn wir uns vom Kapitalismus und den kolonialen Apparaten lösen wollen, müssen wir lernen, Dinge für uns und andere zu tun, die über das Kaufen, Verkaufen und Arbeiten oder den Staat um Hilfe zu bitten hinausgehen. Von Selbst- und Kollektivverteidigung bis hin zu Gartenarbeit, Fahrradbau, Unschooling und gegenseitiger Fürsorge — wir können eine Fähigkeit erlernen und eine Fähigkeit teilen. Wir können die Wertschätzung von Fähigkeiten ändern und Hierarchien von Klasse und Ableismus abbauen.

Eine gute Sicherheitskultur etablieren und praktizieren.

Eine Sicherheitskultur ist notwendig, um staatliche Unterdrückung zu überleben. Wir können eine Menge Infiltration und Desinformation verhindern, indem wir unsere Kommunikation und Konfliktbewältigung verbessern. Wir können immer noch horizontal und transparent sein, ohne die Sicherheit zu opfern.

Praktiziere transformative und wiederherstellende Gerechtigkeit.

Starke Gemeinschaften machen Polizei und Gefängnisse überflüssig. Wir können unsere Kultur verändern, um Gewalt und Missbrauch zu verhindern. Wir können unsere Fähigkeiten ausbauen, um Konflikte zu konfrontieren und zu lösen. Wir können unsere Bindungen stärken und unsere Beziehungen entgiften, damit das Leid in unseren Gemeinschaften keinen Raum hat, um zu wachsen.

Gegenseitige Hilfe.

Gründe eine Gruppe für gegenseitige Hilfe und biete denjenigen, die in Not sind, die notwendige Unterstützung. Die Organisation gegenseitiger Hilfe kann sicherstellen, dass unsere Gemeinschaften nicht von Konzernen und dem Staat abhängig sind. Verlagere deinen Ressourcenverbrauch auf Dinge, die du selbst anbauen und herstellen kannst oder die du im Widerstand von anderen erhältst. Baue Netzwerke für Hilfe und Ressourcen jenseits des Kapitalismus auf.

Gegenseitige Verteidigung.

Vom Waffentraining über die Taktik auf der Straße bis hin zu Einsätzen von Sicherheitsteams — wir müssen über die Fähigkeiten und Ressourcen

verfügen, um unsere Gemeinschaften gegen faschistische Angriffe auf unsere Menschen, nicht-menschliche Wesen und unser Land zu verteidigen.

Konfliktinfrastruktur aufbauen und erhalten.

Konfliktinfrastruktur ist jede Struktur, die wir organisieren, um in unseren Kämpfen effektiver zu sein. Eine Infrastruktur, die über die bloße Bereitstellung von Informationen und Dienstleistungen hinausgeht und stattdessen unsere Fähigkeit zum tatsächlichen Widerstand stärkt. Von Gemeinschaftsgärten und kollektiv koordinierten Farmen bis hin zu Infoshops und unabhängigen Medien/Kommunikation.

Offene Hausbesetzungen für obdachlose Menschen.

Miete ist Diebstahl. Privateigentum ist koloniale Gewalt über das Land. Schafft Pacht und Privateigentum ab. Gebt das Land den ursprünglichen Besitzenden zurück. Schaffe Räume zum Leben jenseits von Vermieter*innen.

Verteidige und fordere das Land deiner Vorfahr*innen zurück.

Denn LandBack bedeutet, die koloniale Besetzung zu beenden und die Indigene Verwaltung unseres angestammten Landes wiederherzustellen. Unsere heiligen Beziehungen zu unseren ursprünglichen Heimatländern wiederherstellen, mit allem, was dies spirituell und materiell mit sich bringt. Befreie das Heilige.

Entschädigung.

Enteigne, was den Schwarzen und Indigenen Völkern gestohlen wurde, und hole es zurück. Eine radikale Umverteilung ist notwendig.

Schalte die Scheiße ab.

Greife in die kritische Infrastruktur an den Stellen ein, an denen Kapitalismus und Kolonialismus am verwundbarsten sind. Besetze die Straßen, Fabriken, Häfen, Fracking-Plätze, Pipelines, Kraftwerke, zerschlage die Grenzen, sei schlau und kreativ! Das ist auch ein effektiver Weg, um die Industrien ins Visier zu nehmen, die den Klimawandel verursachen.

Seid kämpferisch intersektional.

Denn wir werden diese alten, beschissenen Verhaltensweisen nicht mehr hinnehmen. Scheiß auf Anti-Blackness, scheiß auf Orientalismus, scheiß auf Islamophobie, scheiß auf Antisemitismus, scheiß auf Transfeindlichkeit, scheiß auf Heteropatriarchat, scheiß auf weiße Vorherrschaft, scheiß auf Imperialismus, scheiß auf Behindertenfeindlichkeit, scheiß auf Hierarchie, scheiß auf Rassismus, scheiß auf Staatsbürgerschaft, scheiß auf Privilegien, scheiß auf alles, was scheiße ist!

Radikale Selbst- und Kollektivsorge praktizieren.

Um der Macht gefährlich zu werden, müssen wir uns um uns selbst und um die anderen kümmern. Lerne häufige Trigger und wie du kommunizieren kannst, ohne beschissen zu sein. Lerne, deine Bedürfnisse, Grenzen und Wünsche effektiv und ungiftig zu kommunizieren — denke daran, dass es für Menschen im Kampf und Widerstand am schwierigsten ist, Zugang zu Ressourcen für mentale und spirituelle Betreuung zu bekommen. Bewegungsarbeit kann für Menschen, die viele Erfahrungen mit Siedlerpolizeiarbeit und Gewaltauslösern gemacht haben, unerträglich sein — finde Wege, um zu kommunizieren und Gruppennormen und -grenzen auszuhandeln, die den Bedürfnissen der Menschen entgegenkommen, wenn sie angemessen sind. Erkenne toxische Kommunikationsmuster und lerne/schaffe Wege, sie abzubauen und auf gesündere und weniger schädliche Weise zu kommunizieren. Sei ehrlich zu deinen Grenzen und achte auf dich und die anderen. Der christlich geprägte, kapitalisierte Kolonialstaat hat uns gelehrt, niemals auszuruhen oder zu heilen. Weise alle Versuche zurück, Menschen dazu zu zwingen, über ihre Grenzen hinauszugehen. Radikale Selbstfürsorge macht uns sicher und unverwundbar, wenn wir uns ständig gegen die Regierbarkeit durch den Staat auflehnen.

Mache alles für alle zugänglich.

Wir lehnen Ableismus und die Objektivierung unseres Körpers und Lebens ab und bauen kommunale Pflegenetzwerke mit Menschen auf, die in der Lage sind, Erste Hilfe und Pflegeunterstützung für ein breites Spektrum von Bedürfnissen zu leisten. Fordere Ableismus in unserer Sprache heraus, in der Art und Weise, wie wir uns organisieren und wie wir uns gegenseitig wertschätzen. Wir sind alle genug.

Schaff die Vergewaltigungskultur ab.

Lerne über Vergewaltigung und Vergewaltigungskultur und wie sie mit der Schändung heiliger Länder zusammenhängt. Transformiere unsere Kultur und Praktiken in Bezug auf Verabredungen, Humor, Beziehungen, Sexualität, Zustimmung, Partys, Sexarbeit und Spiel, um die Vergewaltigungskultur abzuschaffen. Ziehe Mactivist*innen [1], Vergewaltiger*innen, Missbrauchende, Opportunist*innen und Widerlinge zu Rechenschaft. Stelle Zustimmung und gesunde Beziehungen in den Mittelpunkt unseres Handelns.

Verbreite radikale und kämpferische Freude.

Wir können den ganzen Scheiß auf den Kopf stellen, während wir tanzen, singen, feiern, lachen, spielen, staunen, tiefe Gespräche führen, Geschichten erzählen, Kunst machen, Liebe machen, Magie machen, Unglaubliches machen und Spaß haben.


Verbrannte Erde, kranke Körper: Die Notwendigkeit die Industrie zu zerstören

Elany

Während ein Teil der Erde von Bränden heimgesucht wird und der andere Teil mit Überschwemmungen zu kämpfen hat, bedroht uns ein weiterer Aspekt: Covid-19. Doch die immer noch gegenwärtige Corona-Pandemie ist dabei nur der Anfang einer neuen Ära von Pandemien.

Während der Klimawandel und Forderungen nach Umweltschutz immer weiter zum "Mainstream" werden, nimmt die Dringlichkeit von Pandemien zu. Die aktuelle Situation hat den Menschen eine deutliche Lektion erteilt: Tödliche Krankheitserreger stellen eine ebenso große und globale Bedrohung für Menschen und andere Lebewesen dar.

Schon vor etwas mehr als 15 Jahren hat der Soziologe Mike Davis vorhergesagt, dass wir aufgrund der Massentierhaltung ein globales Zeitalter der Pandemien beschreiten und es uns in die Katastrophe führen wird. Die industrielle Viehzucht fungiert wie eine Art Teilchenbeschleuniger. Mehr Körper auf weniger Raum bedeuten mehr Chancen für die Entstehung von Mutationen oder Hybridviren und für ihre Verbreitung, egal bei welchem Virus. Die globalen Versorgungsketten riesiger transnationaler Unternehmen mit Niederlassungen in einem halben Dutzend Ländern und Märkten in tausend Städten sowie die Urbanisierung tun ihr Übriges. Am Bedrohlichsten sind dabei die Vogelgrippeviren und wir wissen heute, dass wir wohl nur eine einzige Mutation davon entfernt sind, dass einer der tödlichsten Stämme der Vogelgrippe pandemisch wird. Diese Seuchen, die von der Agrarindustrie geschaffen und verbreitet werden, legen sich anschließend mit besonderer Verheerung über die Orte, die durch Kolonialismus und Kapitalismus in Armut versinken. Die Kombination aus mangelnder Gesundheitsversorgung und starker

Urbanisierung führt schließlich zu einer ernsten Notlage, in der Seuchen die volle Härte der Verwüstung anrichten.

Apropos Verwüstung: Die Auswirkungen des Klimawandels sind ebenfalls mit voller Härte überall um uns herum zu spüren. Die Liste der Verwüstung ist endlos. Wälder werden abgeholzt, wobei häufigere und intensivere Hitzewellen zu einer Zunahme von Waldbränden, Dürreperioden und Wüstenbildung führen. Böden werden erodiert und Ackerland in Wüsten verwandelt. Düngemittel, Herbizide, Fungizide und Pestizide verunreinigen die Lebensmittelversorgung. Mülldeponien quellen über mit synthetischen Abfällen. Kernkraftwerke füllen Luft, Land und Meer mit krebserregenden Partikeln. Ein chemischer Smog füllt die Straßen der Städte und vergiftet Menschen und andere Lebewesen auf Schritt und Tritt. Plastikmüll zerfällt in Billionen von mikroskopisch kleinen Teilchen, die jeden lebenden Organismus infizieren. Chemikalien werden in Meere, Seen und Flüsse gekippt. Giftstoffe sickern ins Grundwasser. Der Anstieg und die Erwärmung der Meere führen zu stärkeren Regenfällen, schwereren Überschwemmungen, häufigeren Megastürmen und der Überflutung von Küstengebieten.

Zusätzlich zur Erwärmung erleben die Ozeane eine Versauerung und einen Sauerstoffverlust. Ein tödliches Trio, welches dazu führt, dass wir auf ein sechstes Massenaussterben des Lebens auf unserem Planeten zusteuern, bei dem das Artensterben 1000-mal so schnell voranschreitet wie normal. Wie die Ozeanografin Sylvia Earle festhält: "Unser Leben hängt vom lebendigen Ozean ab. Nicht nur von den Felsen und dem Wasser, sondern von stabilen, widerstandsfähigen, vielfältigen lebenden Systemen, die die Welt auf einem für die Menschheit günstigen, stetigen Kurs halten." Der Ozean bedeckt etwa 70% der Erde und ist zentral für die Ermöglichung von Leben. Meerespflanzen erzeugen die Hälfte des atembaren Sauerstoffs der Welt. Wenn der Ozean stirbt, sterben auch wir.

Die Agrarindustrie zerstört nicht nur Gemeinschaften, sondern breitet sich auch in die Wildnis aus, zerstört die Vielfalt und das Gleichgewicht der natürlichen Ökologie und ersetzt sie durch riesige Monokulturen. Die Hälfte der bewohnbaren Fläche der Erde wird heute landwirtschaftlich genutzt, und jedes Jahr kommen Millionen von Hektar hinzu. Ein Großteil dieser Anbauflächen dient der Futtermittelproduktion für Hunderte von Millionen Schweinen, Rindern, Schafen und Geflügel, die für die globalen Versorgungsketten gemästet werden, die die Welt umspannen.

Zusätzlich dazu kommen noch weitere soziale, ökonomische und politische Verschärfungen, wie etwa Hungersnöte und Wasserknappheit, Krankheiten und Tod durch Hitze, Seuchen und Zerstörung wichtiger Lebensräume und Kriege um schwindende Ressourcen und nutzbare Territorien. Der Klimawandel

zerstört Lebensgrundlagen, verstärkt Krankheiten und vertreibt Menschen. Zusammen mit der Ära der Pandemien ergibt sich eine globale Kaskade des Leids.

Wo immer wir ökologische Zerstörung finden, finden wir die Industrie. Die Industrie ist nicht neutral und es könnte keine angemessene Lösung für die Umweltzerstörung geben, solange die Industrie weiter existiert. Um das Leid zu beenden, bedarf es einen vollständigen Untergang der Industrie. Oder wie es in Revolte, einer anarchistische Zeitung aus Wien, 2019 in Ausgabe 43 treffend ausgedrückt wurde: "Für die Zerstörung der Industrie, der Arbeit und der Ausbeutung! Für die Sabotage und den direkten Angriff!"

Nachhaltige, grüne Industrie?!

Während die Zerstörung der Lebensräume immer weiter voranschreitet, will uns die Industrie, welche für all das Leid verantwortlich ist, die Lösung verkaufen: Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien.

An diesem Punkt ökologischer, sozialer und körperlicher Katastrophen müssen wir grüne Lösungen wie die fälschlicherweise so genannte Revolution der Erneuerbaren Energien kritisch hinterfragen und als das identifizieren, was es tatsächlich ist: eine Aufrechterhaltung des Status Quo. Die angeblich grünen Energien halten die ökologische Verwüstung und die globalen Wohlstandsgefälle weiter aufrecht.

Die Zerstörung von Lebensräumen von Menschen und Nicht-Menschen ist in den Massenproduktionsinfrastrukturen "erneuerbarer Energien" impliziert, egal ob Solar, Wind, Biokraftstoffe, Wasserstoff, Atomkraft und andere angebliche erneuerbare Energien. Eine zerstörerische Norm wird dabei durch eine andere ersetzt. Diese Energien haben, wie die fossilen Brennstoffe, ihre Wurzeln in der kolonialistischen Rohstoffindustrie. Wieder einmal ist die "Lösung" genau das Problem.

Für Batterie-Technologien können wir nach Bolivien (Lithium) und Kongo (Kobalt) schauen. Bei beiden Rohstoffen sind die ökologischen und humanitären Kosten unverzeihlich: die Zerstörung von Lebensräumen, Kindersklaverei und Todesfälle durch eine gefährliche Arbeit. Natürlich wird der Elektroschrott hinterher überall in Südamerika, Afrika und Asien verstreut. Lithium wird heute als "weißes Gold" bezeichnet und die Gewinnung verbraucht riesige Mengen an Wasser, was die Verfügbarkeit für Indigene Gemeinschaften und Wildtiere drastisch einschränkt. Zusätzlich dazu werden giftige Abfälle produziert und chemische Lecks haben immer wieder Flüsse und damit Menschen und Nicht- Menschen vergiftet.

Großstaudämme für Wasserkraft-Technologien haben in der Vergangenheit ebenfalls katastrophale Auswirkungen auf Indigene Völker und ihr Land gehabt.

Industrielle Windparks, deren Blender am Himmel Zugvögel zerhacken, verbrauchen kolossale Ressourcen für die Produktion und Umsetzung (sowohl die Windturbinen als auch die Infrastruktur) und zerstören wandernde Wildtiere, wie Fledermäuse und Vögel, die für gesunde Ökosysteme wichtig sind und von denen einige zu den gefährdeten Arten gehören.

Für Solarenergie werden riesige Solarindustriekomplexe errichtet, die das Land kahl schlagen und menschliche Populationen und Migrationsrouten von Tieren und Menschen für die riesigen Solarfelder, Umspannwerke und Zufahrtsstraßen verdrängen, die alle unglaublich kohlenstoffintensiven Beton benötigen. Für Wind- und Solarenergie sowie für die Produktion von Biokraftstoffen wird 100- 1000 Mal mehr Landfläche benötigt als für die Produktion fossiler Brennstoffe.

Scheiß auch auf die chinesischen Versorgungsbäuer*innen, die jeden Tag krebserregenden Industriemüll aus den Solarpanel-Fabriken auf ihr Land gekippt bekommen. Die denken offensichtlich nicht ökologisch genug. Und vergiss die Ghanaer*innen, die sich darüber beschweren, dass sich in ihren Hinterhöfen Berge von abgenutzten Solarmodulen zusammen mit dem Rest der veralteten Technik des Westens auftürmen. Sie behindern doch nur den ökologischen Fortschritt.

Ob Ölbohrungen, Kohlekraftwerke oder megalithische "grüne" Projekte — sie alle wurzeln in einer beispiellosen Zerstörung von Lebensräumen für Menschen und andere Lebewesen. Es kann daher nicht das Ziel sein, eine zerstörerische Technologie durch eine andere zu ersetzen. Das Ziel sollte eine massive und radikale Reduzierung des Energieverbrauchs sein.

Anarchist*innen, die nur dafür kämpfen die Industrie vom Kapitalismus zu befreien, müssen sich endlich der brutalen Realität stellen. Nieder mit der Industrie, nieder mit der Arbeit. Um es mit den Worten des Indigenen Anarchisten ziq zu sagen: Beschlagnahmt die Mittel der Zerstörung! Und brennt sie verdammt noch mal nieder...

Was als nächstes passiert, hängt davon ab, was wir tun. Die Notwendigkeit, aktiv zu werden, war noch nie so dringlich wie heute.

Anarchismus, Gewalt und Autorität

Lorenzo Kom'boa Ervin

Eine der größten Lügen über Anarchist*innen ist, dass sie hirnlose Bombenwerfende, Halsabschneider*innen und Attentäter*innen sind. Die Menschen verbreiten diese Lügen aus ihren eigenen Gründen: Regierungen, weil sie Angst haben, von der sozialen Revolution gestürzt zu werden; Marxist- Leninist*innen, weil es sich um eine konkurrierende Ideologie mit einem völlig anderen Konzept von sozialer Organisation und revolutionärem Kampf handelt; und die Kirche, weil der Anarchismus nicht an Götter glaubt und sein Rationalismus die Arbeiter*innen vom Aberglauben abbringen könnte. Es ist wahr, dass diese Lügen und Propaganda viele Menschen beeinflussen können, vor allem weil sie nie die andere Seite hören. Anarchist*innen bekommen eine schlechte Presse und werden zum Sündenbock eines jeden Politikers, ob rechts oder links.

Denn eine anarchistische Revolution ist eine soziale Revolution, die nicht nur eine ausbeutende Klasse für eine andere abschafft, sondern alle Ausbeutenden und das Instrument der Ausbeutung, den Staat. Weil sie eine Revolution für die Macht des Volkes ist, statt für die politische Macht; weil sie sowohl die Geld- als auch die Lohnsklaverei abschafft; weil Anarchist*innen auf totale Freiheit abzielen, statt auf Politiker*innen, die die Massen im Parlament, im Kongress oder in der Kommunistischen Partei vertreten; weil Anarchist*innen für die Selbstverwaltung der Industrie durch die Arbeiter*innen sind, statt für staatliche Regulierung; weil Anarchist*innen für volle sexuelle, raciale, kulturelle und intellektuelle Vielfalt sind, statt für sexuellen Chauvinismus, kulturelle Unterdrückung, Zensur und raciale Unterdrückung; mussten Lügen erzählt werden, dass die Anarchist*innen Mörder*innen, Vergewaltiger*innen, Räuber*innen, verrückte Bombenlegende, widerwärtige Elemente, die Schlimmsten der Schlimmen sind.

Aber schauen wir uns die reale Welt an und sehen, wer all diese Gewalt und Unterdrückung der Menschenrechte verursacht. Das massenhafte Morden durch stehende Heere im Ersten und Zweiten Weltkrieg, die Plünderung und Vergewaltigung ehemaliger Kolonialländer, militärische Invasionen oder

sogenannte "Polizeieinsätze" in Korea und Vietnam — all das wurde von Regierungen gemacht. Es ist die Regierung und die Staats-/Klassenherrschaft, die die Quelle aller Gewalt ist. Dies schließt alle Regierungen ein. Die sogenannte "kommunistische" Welt ist nicht kommunistisch und die "freie" Welt ist nicht frei. Ost und West, der Kapitalismus, ob privat oder staatlich, bleibt eine unmenschliche Gesellschaftsform, in der die große Mehrheit bei der Arbeit, zu Hause und in der Gemeinschaft beherrscht wird. Propaganda (Nachrichten und Literatur), Polizei und Militär, Gefängnisse und Schulen, traditionelle Werte und Moral dienen alle dazu, die Macht der Wenigen zu stärken und die Vielen zu überzeugen, ein brutales, entwürdigendes und irrationales System passiv zu akzeptieren. Das ist es, was Anarchist*innen damit meinen, dass Autorität Unterdrückung ist, und es ist genau solch eine autoritäre Herrschaft, die in den Vereinigten Staaten von Amerika am Werk ist, ebenso wie in den "kommunistischen" Regierungen von China oder Kuba.

"Was ist das, was wir Regierung nennen? Ist es etwas anderes als organisierte Gewalt? Das Gesetz befiehlt dir zu gehorchen, und wenn du nicht gehorchst, zwingt es dich mit Gewalt — alle Regierungen, alles Recht und alle Autorität beruhen schließlich auf Zwang und Gewalt, auf Strafe oder Angst vor Strafe. " – Alexander Berkman

Es gibt Revolutionär*innen, darunter viele Anarchist*innen, die den bewaffneten Umsturz des kapitalistischen Staates befürworten. Sie befürworten oder praktizieren keinen Massenmord, wie die Regierungen der modernen Welt mit ihren Vorräten an Atombomben, Giftgas und Chemiewaffen, riesigen Luftwaffen, Marinen und Armeen, die sich gegenseitig feindlich gegenüberstehen. Es waren nicht die Anarchist*innen, die zwei Weltkriege provoziert haben, in denen über

100 Millionen Menschen abgeschlachtet wurden; es waren auch nicht die Anarchist*innen, die die Völker von Korea, Panama, Somalia, Irak, Indonesien und anderen Ländern, die imperialistischen Militärangriffen ausgesetzt waren, überfallen und abgeschlachtet haben. Es waren auch nicht die Anarchist*innen, die Armeen von Spionen in die ganze Welt geschickt haben, um zu morden, zu korrumpieren, zu unterwandern, zu stürzen und sich in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einzumischen, wie die CIA, der KGB, der MI6 oder andere nationale Spionageagenturen, oder sie als Geheimpolizei zu benutzen, um die heimischen Regierungen in verschiedenen Ländern zu stützen, egal wie repressiv und unpopulär das Regime ist. Außerdem, wenn deine Regierung dich zu einem Cop oder Soldat*in macht, tötest und unterdrückst du Menschen im Namen der "Freiheit" oder "Recht und Ordnung".

"Du stellst das Recht der Regierung nicht in Frage, zu töten, zu konfiszieren und zu inhaftieren. Wenn eine Privatperson sich der Dinge schuldig machen würde, die die Regierung ständig tut, würdest du sie als Mörder*in, Dieb*in und Schurk*in brandmarken. Solange die ausgeübte Gewalt "rechtmäßig" ist, billigst

du sie und unterwirfst dich ihr. Es ist also nicht die wirkliche Gewalt, die du ablehnst, sondern die Menschen, die rechtswidrig Gewalt anwenden." – Alexander Berkman

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass jede Person an Gewalt glaubt und sie ausübt, wie sehr man sie auch bei anderen verurteilen mag. Entweder tun sie es selbst oder sie lassen es die Polizei oder die Armee in ihrem Namen als Agenten des Staates tun. Tatsächlich basieren alle Regierungsinstitutionen, die wir gegenwärtig unterstützen, und das gesamte Leben der heutigen Gesellschaft, auf Gewalt. In der Tat ist Amerika das gewalttätigste Land der Welt. Die Vereinigten Staaten gehen in der ganzen Welt umher und begehen Gewalt, sie ermorden Staatsoberhäupter, stürzen Regierungen, schlachten Zivilist*innen zu Hunderttausenden ab und machen aus gefangenen Nationen ein Gefängnis, wie sie es zur Zeit im Irak und in Somalia tun. Von uns wird erwartet, dass wir uns diesen Verbrechen der Eroberung passiv unterwerfen, das ist das Kennzeichen guter Bürger*innen.

Anarchist*innen haben kein Monopol der Gewalt, und wenn sie in sogenannten "Propaganda der Tat"-Angriffen eingesetzt wurde, dann eher gegen Tyrannen und Diktatoren, als gegen das einfache Volk. Diese individuellen Vergeltungsmaßnahmen — Bombenanschläge, Attentate, Sabotage — waren Bemühungen, die Machthabenden persönlich für ihre ungerechten Handlungen und repressive Autorität verantwortlich zu machen. Aber tatsächlich haben Anarchist*innen, Sozialist*innen, Kommunist*innen und andere Revolutionär*innen, sowie Patriot*innen und Nationalist*innen und sogar Reaktionäre und Rassist*innen wie der Ku Klux Klan oder Nazis aus den unterschiedlichsten Gründen Gewalt angewendet. Wer hätte sich nicht gefreut, wenn ein Diktator wie Hitler von Attentäter*innen ermordet worden wäre und der Welt damit ein racialer Genozid und der Zweite Weltkrieg erspart geblieben wäre? Außerdem sind alle Revolutionen gewaltsam, weil die unterdrückende Klasse ihre Macht und Privilegien nicht ohne einen blutigen Kampf aufgeben wird. Wir haben also sowieso keine Wahl.

Im Grunde genommen würden wir uns alle dafür entscheiden, Pazifist*innen zu sein. Und wie Dr. Martin Luther King Jr. riet, würden wir unsere Differenzen lieber mit Verständnis, Liebe und moralischen Überlegungen lösen. Wir werden diese Lösungen zuerst versuchen, wann immer es möglich ist. In dem Wahnsinn, der herrscht, erkennt unsere Bewegung jedoch den Nutzen der Bereitschaft an. Es ist eine zu gefährliche Welt, um nicht zu wissen, wie wir uns verteidigen können, damit wir unsere revolutionäre Arbeit fortsetzen können. Sich mit einer Waffe und ihrem Gebrauch vertraut zu machen, bedeutet nicht, dass man sofort losziehen und diese Waffe benutzen muss, aber dass man sie, wenn man sie benutzen muss, auch gut benutzen kann. Wir sind gezwungen anzuerkennen, dass die amerikanischen progressiven und radikalen

Bewegungen zu pazifistisch waren, um wirklich effektiv zu sein. Wir erkennen auch, dass offene Gruppen, die kooperative Veränderungen vorschlugen und im Grunde gewaltfrei waren, wie die IWW, von der Regierung gewaltsam zerschlagen wurden und schließlich haben wir das unglückliche Beispiel von Dr. King, Jr. selbst, der 1968 von einer Verschwörung von Agenten des Staates, höchstwahrscheinlich des FBI, ermordet wurde.

Verstehe, dass je mehr wir mit unserer Arbeit Erfolg haben, desto gefährlicher wird unsere Situation werden, weil wir dann als Bedrohung für den Staat erkannt werden. Und — zweifle nicht daran — die Insurrektion wird kommen. Ein Aufstand, der den Staat destabilisieren wird. Wir sprechen also von einem spontanen, lang anhaltenden Aufstand der großen Mehrheit des Volkes und der Notwendigkeit, unsere soziale Revolution zu verteidigen. Obwohl wir die Bedeutung von defensiver paramilitärischer Gewalt und sogar städtischen Guerillaangriffen anerkennen, sind wir nicht auf den Krieg angewiesen, um unsere Befreiung zu erreichen, denn unser Kampf kann nicht allein durch die Kraft der Waffen gewonnen werden. Nein, das Volk muss vorher mit Verständnis und Zustimmung zu unseren Zielen, sowie Vertrauen und Liebe zur Revolution bewaffnet werden, und unsere militärischen Waffen sind nur ein Ausdruck unseres organischen Geistes und unserer Solidarität. Vollkommene Liebe für das Volk, vollkommener Hass für den Feind.

Die Regierungen der Welt wenden einen Großteil ihrer Gewalt an, um jeden Versuch, den Staat zu stürzen, zu unterdrücken. Verbrechen der Unterdrückung gegen das Volk haben in der Regel die Machthabenden begünstigt, besonders wenn die Regierung mächtig ist. Schau, was in den Vereinigten Staaten geschah, als die Schwarze Revolution der 1960er Jahre unterdrückt wurde. Viele, die gegen die Ungerechtigkeit protestierten, wurden inhaftiert, ermordet, verletzt oder auf die schwarze Liste gesetzt — all das wurde von den Geheimdiensten des Staates eingerichtet. Die Bewegung wurde in der Folge jahrzehntelang niedergeschlagen. Wir können uns also nicht allein auf Massenmobilisierungen verlassen oder nur Untergrundoffensiven durchführen, wenn wir den Staat und seine Repression besiegen wollen: Es muss ein Mittelweg zwischen beidem gefunden werden. Für die Zukunft wird unsere Arbeit die Entwicklung von kollektiven Selbstverteidigungstechniken beinhalten, sowie die Arbeit im Untergrund, während wir auf die soziale Revolution hinarbeiten.

Interview mit Michael Kimble

Interviewer: Kannst du uns ein wenig über dich erzählen?

Michael: Es gibt nicht viel über mich zu sagen, es gibt nichts Einzigartiges an mir oder meiner Situation. Ich bin ein stolzer Schwarzer schwuler Anarchist, der aufrichtig radikale Veränderungen herbeiführen will, und wenn ich radikal sage, dann meine ich extrem und ich denke, dass nichts extremer sein kann als die totale Zerstörung dieser sozialen Ordnung, des Herrschaftssystems oder wie auch immer du es nennen willst.

Interviewer: Wie war das Leben, als du in Alabama aufgewachsen bist? Mit welchen Hindernissen und Kämpfen hattest du zu kämpfen?

Michael: Mein Leben in Alabama, zumindest die frühen Jahre meines Daseins, war wunderschön. Ich bin in der Schwarzen Gemeinde von Birmingham, Alabama namens Powderly (Westside) geboren und aufgewachsen und es war ländlich, unbefestigte Straßen, Schweine, etc. Als ich etwa 7 Jahre alt war, brannte unser Haus nieder und wir zogen in eine andere Nachbarschaft auf der Westside namens Westend. Es wurde als Mittelklasse-Viertel angesehen. Wir besaßen zwei Häuser in dieser Nachbarschaft. Beide meiner Eltern arbeiteten. Aber da ich noch so jung war, wusste ich nicht, dass meine Eltern Probleme in ihrer Ehe und in finanzieller Hinsicht hatten. Letztendlich ließen sich meine Eltern scheiden und wir verloren die Häuser. Ich, meine Schwester und drei Brüder zogen mit unserer Mutter für etwa drei Jahre in die Southside und dann in die Northside in die Siedlungsprojekte. Das ist der Zeitpunkt, an dem ich anfing, soziale Probleme zu haben. Ich wurde von den Kindern in den Projekten ausgegrenzt, aber da ich nie ein Weichei war, habe ich nie zugelassen, dass mich jemand verprügelt, ohne zurückzuschlagen. Nachdem die Kinder gelernt hatten, dass ich zurückschlagen würde, wurde ich als Gleichrangiger akzeptiert. Das war mein größtes Hindernis, akzeptiert zu werden oder sich anzupassen. In den Projekten gab es eine Menge schwuler (Drag Queens) Leute in den Familie meiner Gleichrangigen, es war also nichts Ungewöhnliches. Die Sache war, ob man sich wehren würde.

Interviewer: Kannst du ein bisschen darüber sprechen, warum du in den späten 80ern eingesperrt wurdest?

Michael: Ich wurde 1986 für den Mord an einem Weißen eingesperrt, der mir und einem Freund Schaden zufügen wollte. Wir hatten unsere Arme umeinander gelegt und dieser Typ fing an, uns zu verarschen, nannte uns Schwuchteln, Nigger und alle Arten von respektlosen, homofeindlichen und rassistischen Scheiß. Nachdem wir ihn konfrontiert hatten als er uns angriff, zog ich eine Pistole, die ich bei mir hatte und erschoss ihn. Die Medien versuchten, daraus einen rassistisch motivierten Mord zu machen und alles Mögliche. Ich wusste wirklich nichts davon, bis ich die Möglichkeit hatte, meinen Pre-sentence Investigation Report (PSI) einzusehen und das war, nachdem ich schon eine Weile im Gefängnis war. Ich brachte den Fall vor Gericht und erhielt eine lebenslange Haftstrafe und hier bin ich 29 Jahre später, immer noch im Gefängnis wegen eines homofeindlichen Rassisten. Ich bereue es nicht.

Interviewer: Du hast bereits über deine politische Entwicklung im Gefängnis gesprochen — vom Kommunismus zur Anarchie. Kannst du uns erzählen, wie das passiert ist? Gab es Erfahrungen, Ereignisse, Beziehungen oder Schriften, die dich in Richtung antiautoritäres Handeln gedrängt haben?

Michael: Ich wurde in meinen frühen Jahren Kommunist, weil es die Unterdrückung von Schwarzen, Schwulen, armen Menschen und natürlich Gefangenen ansprach und die Idee vertrat, eine Welt frei von diesen Unterdrückungen zu schaffen. Ich wurde Teil des New Afrikan Independence Movement (NAIM), das zu dieser Zeit sehr lautstark war und es schien, als ob alle Kämpfenden der Black Liberation Movement Teil des NAIM waren. Und sie waren in den Gefängnissen aktiv, was die juristische Unterstützung (Klagen, Briefe, Telefonkampagnen, Aufklärung) und die Besuche bei den Gefangenen angeht. Und natürlich nahmen sie auch an kulturellen Programmen in den Gefängnissen hier in Alabama teil. Auch um diese Zeit herum hatten die ABCs [Anarchist Black Cross] begonnen, durch ihre Unterstützung von "politischen Gefangenen/Kriegsgefangenen" aus den Bewegungen der vergangenen Jahrzehnte sichtbar zu werden, so dass ich anfing, Literatur und Zeitungen (The Blast, Love & Rage, Bulldozer, Fifth Estate, etc.) zu erhalten und begann, etwas über Anarchismus zu lernen und es fand bei mir Resonanz. Scheiße, ich war gegen Autorität, gegen Unterdrückung und begann die Widersprüche zwischen Staatlichkeit (Regierung) und Freiheit zu sehen. Im Anarchismus ging/geht es darum, all das abzuschaffen und im Jetzt zu verwirklichen und nicht auf die Zukunft zu warten. Und seitdem bin ich ein überzeugter Anarchist.

Interviewer: Hat das Schwulsein einen Einfluss auf deine Fähigkeit, dich zu organisieren und kollektiv im Gefängnis zu kämpfen?

Michael: Ohne Zweifel. Zuerst musst du die Mentalität im Gefängnis verstehen, die nicht viel anders ist als draußen, nur kleiner. Auf der einen Seite gibt es den Glauben, dass schwul sein gleichbedeutend mit Schwäche ist, auf der anderen

Seite gibt es Typen, die sich als Macho aufspielen, um sich in einer Welt voller Raubtiere zu verteidigen und/oder Typen, die politisch sind und aus einer religiös-kulturell-nationalistischen Orientierung kommen. Diese letztgenannten Typen sind die, mit denen du am ehesten zu tun haben wirst, wenn du etwas organisierst. Und viele von ihnen sind Gangmitglieder und sind das, was man

O.G.s (Original Gangstas) nennt, Gangmitglieder, die nicht mehr so aktiv in der Gangkultur sind wie in ihrer Jugend, aber immer noch eine Verbindung dazu haben und zu denen jüngere Gangmitglieder aufschauen. All die Stigmata von außen werden vergrößert, aber man kann immer noch mit den meisten dieser Typen arbeiten, wenn man sich einen Ruf als jemand aufgebaut hat, der aufsteht und sich von niemandem etwas gefallen lässt, weder von Cops noch von Gefangenen, und der aufrichtig ist in dem, was er sagt, worum es ihm geht. Sie wissen es, sie leben seit Jahren täglich um dich herum. Aber auch hier ist es ein Kampf an sich, den ganzen psychologischen Scheiß zu überwinden, der in den Köpfen dieser Jungs herumschwirrt. Man hat ihnen jahrelang gesagt, dass es nicht in Ordnung ist, schwul zu sein und nicht den traditionellen Geschlechterrollen zu entsprechen. Also stumpft es deine Stimme und deine Bemühungen ab, schwul zu sein. Aber als Anarchist wüte ich weiter, weil ich ein eigenes Interesse daran habe, Unordnung im Inneren zu schaffen und zur totalen Vernichtung der Gefängnisse und des Systems, das sie hervorgebracht hat, beizutragen.

Interviewer: Wie war es, in den 90er Jahren ein revolutionärer Gefangener zu sein, als ein Großteil der antiimperialistischen Bewegung auseinandergefallen war und der anarchistische Kampf erst begann, sich aus seiner jahrzehntelangen Flaute in den USA herauszuziehen?

Michael: Um die Wahrheit zu sagen, war ich so in den Kämpfen in diesen Gefängnissen gefangen, dass ich mich nicht wirklich auf die Geschehnisse draußen konzentrierte. Ich war damit beschäftigt, zu versuchen, im Inneren aufzubauen. Natürlich streckten wir die Hände aus und spürten den Rückgang, aber die Menschen versuchten immer noch, mit uns zu interagieren. Ich habe nicht zu viel von der aufkeimenden anarchistischen Bewegung erwartet, da es offensichtlich war, dass sie in den Kinderschuhen steckte.

Interviewer: Hast du irgendwelche Veränderungen in den Methoden und Formen der anarchistischen Gefängnissolidarität bemerkt, seit du eingesperrt wurdest?

Michael: Meine Erfahrung mit Anarchist*innen draußen war nicht so umfangreich, aber von dem, was ich beobachtet habe, waren anarchistische Gruppen wie die ABCF, die am meisten in der Nähe von Gefängnissen aktiv war, hauptsächlich materielle und emotionale Unterstützung für diejenigen der alten, etablierten Bewegungen, Organisationen der vergangenen Jahrzehnte,

die sie als politische Gefangene/Kriegsgefangene klassifizieren. Das hat sich zu einem großen Teil geändert, jetzt hast du Anarchist*innen, die in der materiellen, emotionalen Unterstützung involviert sind, aber auch in Demos, Angriffe gegen Gefängnisse, etc. Das ist etwas, was ich in den 1990er Jahren in den USA nie gesehen habe. Es geht jetzt darum, Kompliz*innen zu werden.

Interviewer: Du hast dich schon früher kritisch über das Konzept des politischen Gefangenen/Kriegsgefangenen geäußert. Kannst du erläutern, warum du dich gegen diese Bezeichnung aussprichst und welche Erfahrungen du mit diesem Konzept und seinen Befürworter*innen gemacht hast?

Michael: Erstens: Das Konzept, das von den meisten Gruppen verwendet wird, basiert auf der Definition der Vereinten Nationen (UN), wer und was ein politischer Gefangener/Kriegsgefangener ist, also habe ich definitiv ein Problem damit. Um genau zu sein, lehne ich es ab. Die UN ist nur eine weitere staatliche Institution, die auf Herrschaft und Kontrolle von Bevölkerungen basiert. Dann ist das Konzept, so wie es praktiziert wird, elitär, diskriminierend und schafft Berühmtheiten und legitimiert eigentlich nur den Staat und sein Rechtssystem. Die USA haben über 2 Millionen in ihren Lagern, aber nur etwa 100 werden von den Gruppen als politische Gefangene/Kriegsgefangene angesehen. Das ist ein Witz. Es übersieht die Männer und Frauen, die in diesen Gefängnissen kämpfen und deswegen leiden. Oh, ich hatte Debatten über all dies mit Anarchist*innen. Es hat unsere Korrespondenz zum Ende gebracht. Ich bekomme Kopfschmerzen, wenn ich darüber spreche, genauso wie wenn ich über Religion spreche. Die jüngsten anarchistischen Kämpfe hatten das Gefängnis als einen zentralen Fokus, sowohl wegen der staatlichen Angriffe auf Anarchist*innen als auch wegen der offensiven Aktionen von Anarchist*innen gegen die Gefängnisgesellschaft.

Interviewer: Gibt es Aktionen oder Kämpfe, die für dich in letzter Zeit inspirierend waren?

Michael: Die Unterstützung und Solidarität, die dem Free Alabama Movement (F.A.M.) hier von Anarchist*innen gezeigt und gegeben wurde, die Demos im ganzen Land, die 11.-Juni-Ereignisse, die Solidarität, die ich im letzten Jahr oder so bekommen habe, und die Aktionen, die in Solidarität mit den Gefangenen und gegen die Gefängnisgesellschaft auf der ganzen Welt getragen wurden, die Bannerabwürfe, die wöchentlichen Lärmdemos in Kalifornien am Gefängnis sind alle inspirierend. Ich bin einfach nur froh, wenn ich sehe, dass hier in Alabama solche konstanten Sachen passieren.

Interviewer: Was denkst du über die jüngsten Anti-Polizei-Kämpfe in den USA?

Michael: Ich liebe die Anti-Polizei-Demos und Rebellionen. Ich habe vor ein paar Nächten im Radio gehört, dass in Ferguson zwei Cops erschossen wurden. Ich war so aufgeregt, dass ich in dieser Nacht nicht einmal schlafen gegangen bin. Ich bin froh, dass die jungen, Schwarzen Menschen in Ferguson nicht zugelassen haben, dass diese "Rassenzuhälter" ihre gerechte Wut und ihren Wunsch zu kämpfen, auslöschen, und den Cops Vergeltung zufügen. Ich denke, dass wir in naher Zukunft mehr von diesen Angriffen sehen werden, denn die Cops hören nicht auf, Schwarze zu ermorden. Welche andere Wahl haben wir, als zurückzuschlagen? Das sind zwei Aktionen der Vergeltung. Die Aktion in New York und die Aktion in Ferguson. Es gibt noch mehr, von denen ich sicher noch nicht gehört habe.

Interviewer: In einigen deiner Schriften drückst du eine Opposition zur Zivilisation aus. Könntest du darüber sprechen und wie sich das von einer Kritik an Staat und Kapital allein unterscheidet?

Michael: Ich denke nicht, dass man eine Kritik an Staat und Kapital von einer Kritik an der Zivilisation trennen kann. Die Zivilisation hat den Staat und das Kapital hervorgebracht, die alle Arten von Unterdrückung mit sich brachten und Werkzeuge, um diese Unterdrückung zu managen, wie Überwachung, Gier, Herrschaft und all die anderen beschissenen Dinge, die die Menschen logischerweise einander und der Umwelt antun. Zivilisation wird vom Kapital mit Fortschritten in der Effizienz und Lebensqualität erklärt, aber bedenke, dass die Lebenserwartung eines Schwarzen Mannes in den USA etwa 25 Jahre beträgt. Es wird erwartet, dass er im Alter von 25 Jahren tot oder im Gefängnis ist. Die Zivilisation hat eine Trennung zwischen den Menschen und der Erde verursacht. Die Zivilisation hat alle Arten von Krankheiten hervorgebracht; Medikamente, die nichts heilen, dich aber dazu bringen, sie zu kaufen, um die Krankheit zu "managen", ihre Gier zu füttern; Umweltverschmutzung; Patriarchat; Rassismus; Gefängnisse; etc. Die Zivilisation ist die Ursache des Elends, das wir als Unterdrückung bezeichnen und muss abgebaut, rücksichtslos und vollständig zerstört werden.

Interviewer: Wie können Anarchist*innen stärkere Beziehungen zu Gefährt*innen im Inneren der Gefängnisse aufbauen?

Michael: Durch Interaktion, Zuhören, Kompliz*innen werden, Gefangene als Gleiche behandeln und die Situation der Gefangenen nicht romantisieren. Es ist nichts Nobles daran, im Gefängnis zu sein. Nur revolutionäre Solidarität zu zeigen und alles, was das mit sich bringt. Ich sage das immer wieder und werde es auch weiterhin tun: Die Leute müssen sich Os Cangaceiros anschauen, du weißt schon, die Gruppe in Frankreich während der 70er, 80er und 90er Jahre, um zu sehen, wie eine Form der Solidarität aussieht.

Interviewer: Was würdest du gerne vom anarchistischen Kampf in den USA in den nächsten Jahren sehen?

Michael: Ich würde gerne sehen, dass Anarchist*innen aktiver werden, indem sie echte Kompliz*innenschaft und Freundschaften mit denen von uns drinnen aufbauen und mehr Angriffe gegen Gefängnisse, Firmen und Institutionen unternehmen, und so die Menschen, die entführt und in Gefängnissen gehalten unterstützen. Außerdem denke ich, dass es für Anarchist*innen an der Zeit ist, etwas für die Anarchist*innen aufzubauen, die die Gefängnisse durch Bewährung, End of Sentence (E.O.S.) oder anderweitig verlassen. Einige von uns werden nach ihrer Entlassung eine Unterkunft, Kleidung, etc. brauchen. Du weißt schon, etwas, wo wir uns einklinken können. Meistens müssen wir uns bei einem Resozialisierungszentrum bewerben und das ist ein ganz neues Problem, denn alle, die ich kenne, sind religiös orientiert und verlangen, dass man an religiösem Scheiß teilnimmt.

Interviewer: Die Kämpfe in den Gefängnissen von Alabama werden immer härter. Was ist dort aktuell los?

Michael: Nun, wir hatten gerade einen nationalen Aufruf für die Verteilung von Kondomen, da Geschlechtskrankheiten ein großes Problem unter den Gefangenen zu sein scheinen. Dann, am 1. März 2015, rief die F.A.M. zu einem Arbeitsstreik (Shutdown) auf. Er dauerte 3 Tage. Ich bin ziemlich sauer darüber. Warum nur 3 Tage? Es sollte doch auf unbestimmte Zeit sein. Ich habe am 2. März einen Hungerstreik begonnen, um meine Solidarität zu zeigen und habe erst am 9. oder 10. März erfahren, dass er vorbei ist. Die Erklärung, die ich für die Kürze des Streiks bekomme, ist, dass dies ein Testlauf war, um den Leuten zu zeigen, was sie erwarten können. Scheiße, wir (Holman und St. Clair) hatten gerade erst einen Shutdown im Januar 2014 und der dauerte 15 Tage, also wissen die Leute, was sie zu erwarten haben. Aber nochmal, ich war nicht dabei, also weiß ich es nicht, aber ich vermute, dass einige "vernünftige" und "verantwortungsbewusste" Gefangene den Rebell*innen "Vernunft" eingeredet und sie erdrückt haben.

Hier in Holman in der Lockup Unit protestieren die Jungs dagegen, dass die warmen Mahlzeiten durch Lunchpakete ersetzt werden, wenn man seinen Essensschlitz offen hat. Also, es wurde viel Urin und Kot geworfen und Feuer angezündet. Die Cops haben sich vorerst zurückgehalten, aber wir warten ab, was als nächstes kommt. Ich habe meinen Hungerstreik beendet.

Interviewer: Gibt es noch etwas anderes?

Michael: Ja, ich denke, je mehr Kämpfe wir draußen sehen, desto mehr wird die Scheiße drinnen losgehen. Anarchist*innen müssen darauf vorbereitet sein

und darüber nachdenken, was sie bereit sind, zur Zerstörung des Staates beizutragen, indem sie die Gefängnisse angreifen. Lass mich auf die zweite Frage zurückkommen, die du gestellt hast. Versteh mich nicht falsch, es gab schwere Ungerechtigkeiten, die mir zugefügt wurden, als ich in Alabama aufwuchs. Es gab bestimmte Abschnitte, durch die ich nicht gehen wollte, weil ich höchstwahrscheinlich verhaftet werden würde, einfach weil ich ein Schwarzer bin. Sogar in den 1980er Jahren gab es Straßen mit Geschäften, die immer noch "Whites Only"-Schilder in den Schaufenstern hatten. Aber ich fühlte mich sicher in meinem Viertel. Außerdem hatte ich wirklich keinen Grund, an diese Orte zu gehen, die People of Color gegenüber feindlich eingestellt waren. Aber weißt du was, als ich 12 oder 13 Jahre alt war, sind wir Kinder mit dem Fahrrad durch diese rassistischen Viertel gefahren und nicht einer dieser Fanatiker*innen hat etwas gesagt. Oh ja, sie haben uns böse Blicke zugeworfen, aber das war uns scheißegal. Wir waren knallharte Kerle und haben im Grunde genommen alles gemacht.

Nun, schwul zu sein war etwas anderes. Ich wurde durch Spott von Freund*innen und Familie verarscht, aber es war nicht so wie bei Racefeindlichkeit. Obwohl es von den Leuten in meiner Hood akzeptiert wurde, schwul zu sein, war es direkt nebenan in den anderen Hoods anders. Die Leute machten sich lustig, schikanierten und verprügelten sogar diejenigen, die sie als schwul ansahen. Ich wurde mit vielen Namen beschimpft und hatte eine Menge Kämpfe, als ich aufwuchs. Aber weißt du, ich wurde so jung eingesperrt und das war nicht mein erstes Mal, dass ich eingesperrt wurde. Ich war schon eine ganze Weile durch das Jugendstrafsystem gegangen. So wurde ich vor einer Menge Zeug auf der Straße bewahrt. Ja, der Knast hat mich vor den Straßen bewahrt, aber nicht vor dem ganzen Scheiß, der gegen Schwule läuft, während sie eingesperrt sind. Ich war nie Zeuge einer Vergewaltigung, aber ich habe Grausamkeiten erlebt. Weißt du, als Kinder suchen wir nach allen möglichen Gründen, um andere Kinder runterzumachen. Wir suchen nach Unterschieden und zusammen mit den Vorurteilen, die uns die Gesellschaft in den Kopf gesetzt hat, ist es nicht schwer für uns, diese zu finden. Diese Welt ist so kaputt, dass sie, wenn sie es nicht versteht, es nicht kontrollieren kann, versucht, es zu zerstören. Und das wird den Kindern zu Hause beigebracht, in der Kirche, in der Schule, einfach überall, wo sie sich hinwenden. Kein Wunder, dass die Selbstmordrate bei Teenager*innen so hoch ist.

Anarcho-Pantherista

Ashanti Alston

Wenn in der Black Panther Party jemand sagte: "Power to the People!", lautete die Antwort: "ALL Power to the People!" Nach vielen Jahren politischer Gefangenschaft, in denen ich den einfach zu handhabenden Malcolm-Eldridge Educational Supercharger benutzte, bekam dieser Ruf/diese Antwort eine anarchistischere Bedeutung. Hier geht es um meine Erfahrung im Jetzt als Anarchist (noch ein Baby) innerhalb einer allgemein hierarchischen Panther- Formation.

Erst in diesem Jahr, im Januar 1995, entschied ich mich, mich öffentlich als Anarchist zu identifizieren. Beim Herumspielen kam ich auf einen Begriff, der mich vollständig identifiziert: Anarcho-Pantherista. Aus Spaß habe ich beschlossen, ihn zu behalten. Das bin ich. Albern, anarchistisch, in echt.

Als politisch aktiver Teenager in den 60ern, der diese überwältigende und turbulente Zeit durchlebte, war ich bereit, als ich und mein Gefährte (Jihad Abdul Mumit, jetzt ein Kriegsgefangener) zum ersten Mal von diesem Bild von Huey und Bobby angezogen wurden. Schwarzes Barett, schwarze Jacke, schwarz bis auf die Stiefel. Und bewaffnet! Panthers. Yeah, schauen wir uns die mal an.

Unsere nationalistische und rebellische Politik begann sich in etwas Revolutionäreres und Fokussierteres zu entwickeln. Wir lernten Ideologie, Organisation, Vorbereitung, Kameradschaft, Wagemut. Sobald ich anfing, das Bild zu verstehen, war ich überzeugt: Panther-Revolution, Lumpenproletariat, urbaner Guerillakrieg, Serve the People-Überlebensprogramme, Wretched of the Earth [ein Buch von Frantz Fanon], "L'il Red Book", Panther-Sistas in führenden Funktionen, Sieg...

Kurz gesagt, die Panthers halfen mir in den "Prozess des Werdens", was ein Revolutionär, der sich der Freiheit, der Freiheit und noch mehr Freiheit verschrieben hat, ausmacht. Man darf nie aufhören zu lernen, zu wachsen und für die Menschen zu arbeiten.

Meine 12+ Jahre auf dem Malcolm-Eldridge Supercharger führten mich im Gefängnis dazu, mein Lernen und Verständnis für so viele Dinge zu vertiefen:

Wilhelm Reich und die Frankfurter Schule der Psychologie, verschiedene Schulen des radikalen feministischen Denkens und der Kritik, und Paulo Freires Methodik der Gemeinschaftserziehung und des Empowerments. Und James Boggs hielt mich in der Macht der Schwarzen Unterschicht in Babylon verankert. Alles in allem lernte ich nicht nur viel, sondern wurde auch herausgefordert, bestimmte alte Wege, Überzeugungen und Denkweisen aufzugeben, die rückständig und antirevolutionär waren.

Irgendwann, während ich im Marion Stalag war, warfen ein Panther und ein eiskalter sizilianischer Revolutionär anarchistische Literatur auf mich. Um die Wahrheit zu sagen, war ich aufgrund meiner marxistisch-leninistisch- maoistischen Lehre bereits gegen den Scheiß voreingenommen. Also war ich ziemlich zögerlich, es wirklich abzuchecken. Aber es half, dass ich die Brüder liebte. Das Lustige ist, wenn du monatelang in der Segregation eingesperrt bist und alles andere gelesen hast, wird dir langweilig. Nach einer Weile nimmst du dann Klopapier zur Hand und liest es. Was passierte, war, dass ich es las und ungeachtet dessen, was meine marxistisch-leninistisch-maoistischen Autoritäten dagegen sagten, warf dieser Anarchismus einige gute Punkte auf.

Als ich meine Denkweise entspannte, lernte ich mehr. Kombiniert mit den Erkenntnissen der progressiveren und radikaleren Psychologien und feministischen Kritiken, begannen die Dinge, die ich in der Vergangenheit erlebt hatte und mein Verständnis der Bewegungsgeschichte anders auszusehen. Struktur, Sexismus, autoritärer Gruppendruck gegen Individualität, Spontaneität, Kreativität und Liebe. Es stellte sich heraus, dass dieser Typ namens Bakunin einige berechtigte Kritikpunkte an dem Gott Marx hatte und Kropotkin tief in der Scheiße von Lenin steckte und die marxistische Revolution nicht der einzige Weg war.

Jahre zuvor (vor meiner Gefangennahme im Jahr 74) hatte mir ein anderer Panther, Frankie Ziths, ein vervielfältigtes Dokument über den Anarchisten Makhno und seine Truppen und ihre üble Behandlung durch die Bolschewiki gegeben. Ich konnte damals nicht damit umgehen, aber jetzt, 15 Jahre später, lese ich es wieder und wieder. Frankie war so — ein sehr, sehr kritischer Denker. Kein Respekt vor Titeln. Die Praxis zählt. Mein Gefährte ist gestorben, bevor ich mich bedanken konnte.

Anarchismus bedeutete das gleiche langfristige Ziel, das meine revolutionäre nationalistische Bewegung und die allgemeine radikale Bewegung verfolgten, nämlich die Entwicklung oder Schaffung einer kommunistischen Gesellschaft. Die Anarchist*innen unterschieden sich in der Art und Weise, wie sie das erreichen wollten. Der Anarchismus sagte: "Lasst uns jetzt die Selbstverwaltungsfähigkeiten des Volkes fördern." Wir brauchen keine autoritären politischen Parteien, die sich wie elterliche Kontrollfreaks aufführen.

Das Volk hat Köpfchen. Vergiss nicht, da kommen wir her. "Habt Vertrauen in das Volk, habt Vertrauen in die Partei", sagen die Marxist-Leninist- Maoist*innen. Nein! "Habt Vertrauen in das Volk" und lasst es so stehen. Wenn irgendein Individuum oder eine Gruppe etwas von ihren Erfahrungen, ihrem Fachwissen oder ihren "höheren" Erkenntnissen anzubieten hat, dann lass die Beziehung zum Volk im Kampf eine der Erleichterung sein und nicht diese arrogante Führung.

Die Denkweise der alten Schule ist ein Muthafucka. Es gibt Zeiten, in denen neues Wissen so mächtig sein kann, dass die lernende Person ein Gefühl der Überforderung erlebt. Wie vermittle ich das alles so, dass es anderen individuell und organisatorisch helfen kann. Mein Anliegen? Wir müssen gewinnen. Aber nur die volle Beteiligung des Volkes kann den wahren Sieg bringen. Und das Volk sind echte, individuelle Menschen, wie ich — mit Köpfen, Wünschen, Ängsten, Wut, Träumen, etc. Bevor ich '85 aus dem Gefängnis kam, legte ich ein persönliches Gelübde ab, dies niemals zu ignorieren. Ich kam heraus und brachte meine Erkenntnisse aus der Psychologie, dem Feminismus und dem Anarchismus mit. Sie waren nun ein Teil von mir.

Das Black Panther Collective wurde vor etwa einem Jahr gegründet, als die Leute in den Sklav*innenquartieren die Black Panther Zeitung sahen. Viele bekundeten ihr Interesse an den Aktivitäten des Black Panther Newspaper Committee (BPNC), einer Formation von ehemaligen Mitgliedern der Black Panther Party. Diese hauptsächlich jungen Brothas und Sistas äußerten den Wunsch, in ihren jeweiligen Sklav*innenvierteln Revolution zu betreiben und dies im Geiste der Panther, wie sie ihn verstanden, zu tun. Also beschloss das BPNC aus New York den Prozess in Gang zu setzen. Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass die meisten von denen, die zuerst nach vorne getreten sind, immer noch bei dem Prozess dabei sind. Sie sind Revolutionär*innen nach unseren eigenen Herzen, wie die Tatsache zeigt, dass wir die ganze Zeit kämpfen (weil sie ihren eigenen Kopf haben!). Sie wollten zwei Dinge von uns:

(1) in die Gemeinschaftsarbeit involviert zu sein, einschließlich der politischen Gefangenenarbeit, und (2) politische Bildung, einschließlich der Geschichte der Black Panthers und des Praxisstils. Wir waren mehr als glücklich, beides anbieten zu können. Aber das war und ist kein einfacher Prozess, denn sie verlangten Führung! Der Anarchismus hat mich gelehrt, diesem Konzept und seinen politischen Gefahren für Individualität, Spontaneität, Kreativität und die allgemeine Gesundheit und das Wohlergehen der Revolution für eine wirklich freie Gesellschaft besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Revolution bedeutet zu lernen, wie man eine große Vielfalt von Persönlichkeiten zu einer kraftvollen Harmonie zusammenbringt. Diese Harmonie muss eine allgemeine Richtung vorgeben und die Arbeit erledigen. Das ist nie einfach. Es ist ein Kampf. Es erfordert eine Menge Geschick. Das Black Panther Collective

musste das lernen. Wir begannen ohne eine formale Struktur. Wir taten es einfach zusammen. Auch die Alte Garde des BPNC hatte bereits Aufgaben, um die Zeitung herauszubringen und daran zu arbeiten, das Bewusstsein unserer Gefährt*innen zu schärfen, die noch immer politische Gefangene sind. Eine informelle Struktur, mehr oder weniger führungslos, entwickelte sich um diese Arbeit herum, wobei das BPNC andere ermutigte, mitzumachen. Und das taten sie!

Die anfängliche Crew war gaaanz krass! Und wie! Hat den Black Panther verkauft, als würde er ihnen gehören. Sie hatten keine Angst, mit den Leuten zu reden und sie anzusprechen. Oder sie herauszufordern, was das betrifft. "Nun, warum willst du die Zeitung nicht kaufen? Es ist für dich, Sista. Hab keine Angst, Brotha. Warte nicht darauf, dass sie dir die Tür eintreten..." Mm-m. Panther-Temperament.

Es gibt so viel zu tun. "Es gibt ein Treffen für politische Gefangene am blah-blah, um 19:00 Uhr. Diejenigen von euch, die an der Arbeit interessiert sind..." Das ist alles. Sie waren da. Du solltest sie jetzt bei der FREE MUMIA Arbeit sehen! Wir arbeiteten so viel, dass wir nie dazu kamen, unsere Aktivitäten und Entscheidungs- und Richtungsfindungsprozesse zu strukturieren oder zu gestalten. Das hätte uns was gekostet, und das tat es auch. Aber es musste geschehen.

Revolution, nach einer Niederlage und vergangenen Jahren, ist genauso psychologisch wie formal politisch. Panthers, automatische Mitglieder des BPNC, kamen nach Jahren der Abwesenheit des intensiven, disziplinierten Kampfes, den wir einst kannten, zusammen. Wir haben Veränderungen durchgemacht. Wir haben immer noch versucht, unsere unterschiedlichen Persönlichkeiten zu vereinen. Aber jetzt ist es Zeit für eine Struktur. Das Kollektiv ruft nach Führung. Es ist Zeit, dass der wesentliche Kampf beginnt: einer für Klarheit, Einheitlichkeit des Willens, formale Organisation des BPC mit Ideologie, einer Befehlskette und Regeln. Oh Gott!

Im Kollektiv wird jede Person ermutigt, die eigene Meinung zu sagen. In der Black Panther Party haben wir Maos »Gegen den Liberalismus« praktiziert, so gut wir konnten. Als Anarchist mit weiteren Wurzeln in der Psychologie und im Feminismus, biete ich, wenn es angebracht ist, meine 2 Cents zu Fragen der Struktur, der Eigeninitiative und gegen Sexismus an. Ein großer Teil der Schwierigkeit, die ich mit meinen 2 Cents habe, ist, dass Menschen, die mit Hierarchien und autoritären Vorstellungen aufgewachsen sind, diese tatsächlich als natürlich ansehen. Es muss immer eine Führung geben. Ich sage: Warum? Wer sagt das? Welche Art? Warum geht man davon aus, dass es nur eine Form der Organisationsstruktur gibt? Und was bedeutet es, wenn unsere Struktur der des Feindes ähnelt? Als Mitglied dieses Kollektivs akzeptiere ich seine

allgemeine Richtung, auch wenn ich mit meinen Ansichten in der Minderheit bin. Weil es demokratisch genug ist, um Input zu erlauben, und ich kann immer noch meine Ansichten einbringen, wie jede*r andere auch. Oh ja, ich werde frustriert und wütend. Aber das ist normales Zeug in jeder Gruppierung. Ich denke, dass die BPC, die jung an Erfahrung sind, an diesem Punkt verstehen, dass Frustration und Ärger Teil des Prozesses sind. Wie wir in der Partei sagen würden: "Es ist eine gute Sache, keine schlechte Sache." Es ist der einzige Weg, wie wir eine vielfältige Gruppe von Menschen zusammenbringen können. Wie ein BPNC-Mitglied über das Kollektiv sagte: "Sie sind ein Haufen verrückter Muthafuckas", die Art von guten Menschen, die Revolution machen.

Es ist schwer, sich wohl zu fühlen, wenn du wirklich glaubst, dass du interne Gefahren in deiner Gruppe siehst. Ich bin eine Person. Ich schätze, ich glaube wie jede*r andere, dass meine Kritik richtig ist, dass meine Warnzeichen beachtet werden sollten. Aber dies ist ein Kollektiv von Menschen und obwohl es vielleicht nicht anarchistisch ist, ist es demokratisch genug für mich, um das Gefühl zu haben, dass meine 2 Cents wertgeschätzt werden.

Mein Kollektiv weiß, dass ich meine Stimme gegen Sexismus erhebe. Ich spreche über revolutionäre Sexualität und lege Kondome auf den Sitzungstischen aus. Ich bringe immer Lesestoff mit, weil ich glaube, dass wir zum Lesen, Lesen, Lesen ermutigt werden müssen. Aber ich will nicht nur in marxistischem Zeug hängenbleiben — "Lil' Red Book" etc. Egal wie wertvoll sie sind. Ich habe die Schriften von Lorenzo Komboa Ervin mit ihnen geteilt. Es ist wichtig, dass sie sich mit verschiedenen Ansichten und Kritiken auseinandersetzen. Ich bin einer dieser verschiedenen "Ältesten", wie sie uns vom BPNC nennen. Als Anarcho-Pantherista kann ich nur ich sein und mein Bestes geben und hoffen, dass andere sehen, dass mein Hauptanliegen die Revolution ist, ALL Power to the People und der Sieg über all unsere Feind*innen, von Menschen, die sich der Freiheit widersetzen sowie bis hin zu Denkweisen, die weiterhin an freiheitsfeindlichen, antirevolutionären Ideen festhalten.

Die BPC ist eine temperamentvolle Gruppe von hartgesottenen Revolutionär*innen. Auf eigene Faust und des Wartens auf uns (die Führung) überdrüssig, haben sie bereits ein Essensprogramm in Gang gesetzt. Ich sage: Weiter so! Es geht um Initiative und ich mag ihre. Die Menschen sind ihre eigenen Anführenden, ihre eigenen Befreienden. Ich sehe mich als Teilnehmer- Vermittler. Anarcho-Pantherista, die höchste Stufe des Pantherismus.

ALL POWER TO THE PEOPLE!

Schwarzer Anarchismus

Ashanti Alston

Obwohl die Black Panther Party sehr hierarchisch war, habe ich durch meine Erfahrungen in der Organisation viel gelernt. Vor allem haben mir die Panther die Notwendigkeit eingeprägt, von den Kämpfen anderer Menschen zu lernen. Ich denke, das habe ich getan und das ist einer der Gründe, warum ich heute Anarchist bin. Denn wenn alte Strategien nicht mehr funktionieren, muss man nach anderen Wegen suchen, um zu sehen, ob man sich aus der Sackgasse befreien und wieder vorwärts kommen kann. Bei den Panthers haben wir uns viel von Nationalist*innen, Marxisten-Leninist*innen und anderen abgeguckt, aber ihre Ansätze zur sozialen Veränderung hatten erhebliche Probleme und ich habe mich in den Anarchismus vertieft, um zu sehen, ob es andere Wege gibt, über eine Revolution nachzudenken.

Ich lernte den Anarchismus durch Briefe und Literatur kennen, die mir während meiner Zeit in verschiedenen Gefängnissen des Landes zugeschickt wurden. Zuerst wollte ich nichts von dem Material lesen, das ich erhielt — es schien, als ginge es im Anarchismus nur um Chaos und dass jede Person ihr eigenes Ding macht — und für die längste Zeit habe ich es einfach ignoriert. Aber es gab Zeiten — als ich in der Segregation war — in denen ich nichts anderes zu lesen hatte und mich aus Langeweile schließlich eingrub (trotz allem, was ich bis dahin über Anarchismus gehört hatte). Ich war tatsächlich ziemlich überrascht, Analysen über die Kämpfe der Menschen, die Kulturen der Menschen und die Organisationsformen der Menschen zu finden, die für mich eine Menge Sinn ergaben.

Diese Analysen halfen mir, wichtige Dinge über meine Erfahrung in den Panthers zu sehen, die mir vorher nicht klar gewesen waren. Zum Beispiel erkannte ich, dass es ein Problem mit meiner Liebe für Leute wie Huey P. Newton, Bobby Seal und Eldridge Cleaver gab und der Tatsache, dass ich sie auf ein Podest gestellt hatte. Denn was sagt es über dich aus, wenn du jemandem erlaubst, sich als dein Anführer aufzustellen und alle deine Entscheidungen für dich zu treffen? Was der Anarchismus mir half zu sehen, war, dass du als Individuum respektiert werden solltest und dass niemand wichtig genug ist, um dein Denken für dich zu übernehmen. Selbst wenn wir Huey P. Newton oder Eldridge Cleaver als die großartigsten Revolutionäre der Welt betrachten, sollte ich mich selbst als den großartigsten Revolutionär

sehen, genau wie sie. Auch wenn ich jung bin, habe ich ein Gehirn. Ich kann denken. Ich kann Entscheidungen treffen.

Ich dachte über all das nach, während ich im Gefängnis saß, und ertappte mich dabei, wie ich sagte: "Man, wir haben uns wirklich auf eine Art und Weise eingerichtet, die zwangsläufig zu Problemen und Spaltungen führen würde. Wir waren verpflichtet, Programmen zu folgen, ohne zu denken." Die Geschichte der Black Panther Party, so großartig sie auch ist, hat diese Leichen im Keller. Die kleinste Person auf dem Totempfahl sollte ein*e Arbeiter*in sein und derjenige an der Spitze war derjenige mit dem Hirn. Aber im Gefängnis lernte ich, dass ich einige dieser Entscheidungen selbst hätte treffen können und dass die Menschen um mich herum diese Entscheidungen auch selbst hätten treffen können. Obwohl ich alles schätzte, was die Anführenden der Black Panther Party taten, begann ich zu sehen, dass wir die Dinge auch anders machen können und so mehr aus unseren eigenen Potentialen schöpfen und noch weiter in Richtung echter Selbstbestimmung gehen können. Obwohl es anfangs nicht einfach war, blieb ich bei dem anarchistischen Material und stellte fest, dass ich es nicht mehr weglegen konnte, sobald es anfing, mir Einsichten zu vermitteln. Ich schrieb an Leute in Detroit und Kanada, die mir Literatur geschickt hatten, und bat sie, mir mehr zu schicken.

Allerdings beschäftigte sich nichts von dem, was ich erhielt, mit Schwarzen oder Latinx. Vielleicht gab es gelegentlich Diskussionen über die mexikanische Revolution, aber nichts beschäftigte sich mit uns, hier, in den Vereinigten Staaten. Es gab eine überwältigende Betonung auf diejenigen, die zu den anarchistischen Gründungsvätern wurden — Bakunin, Kropotkin und einige andere — aber diese europäischen Figuren, die sich mit europäischen Kämpfen befassten, sprachen mich nicht wirklich an.

Ich versuchte herauszufinden, wie das auf mich zutrifft. Ich fing an, mich wieder mit der Schwarzen Geschichte zu beschäftigen, mit der afrikanischen Geschichte und mit den Geschichten und Kämpfen anderer People of Color. Ich fand viele Beispiele für anarchistische Praktiken in außereuropäischen Gesellschaften, von den ältesten Zeiten bis in die Gegenwart. Das war sehr wichtig für mich: Ich musste wissen, dass nicht nur europäische Menschen antiautoritär agieren können, sondern dass wir es alle können.

Ich wurde durch Dinge ermutigt, die ich in Afrika fand — nicht so sehr durch die alten Formen, die wir Stämme nennen, sondern durch moderne Kämpfe, die in Simbabwe, Angola, Mosambik und Guinea-Bissau stattfanden. Obwohl sie von avantgardistischen Organisationen geführt wurden, sah ich, dass die Menschen vor Ort radikale, demokratische Gemeinschaften aufbauten. Zum ersten Mal in diesen kolonialen Situationen schufen die afrikanischen Völker das, was die Angolaner*innen "Volksmacht" nannten. Diese Volksmacht nahm eine sehr

antiautoritäre Form an: Die Menschen führten nicht nur ihr Leben, sondern veränderten es auch, während sie die fremde Macht, die sie unterdrückte, bekämpften. Doch in jedem dieser Befreiungskämpfe wurden neue repressive Strukturen eingeführt, sobald die Menschen der Befreiung nahe kamen: Die Führung war besessen von Ideen der Regierung, der Aufstellung eines stehenden Heeres, der Kontrolle des Volkes, wenn die Unterdrückenden vertrieben waren. Sobald der sogenannte Sieg errungen war, wurde das Volk — das jahrelang gegen seine Unterdrückenden gekämpft hatte — entwaffnet und statt einer echten Volksmacht wurde eine neue Partei an der Spitze des Staates installiert. Es gab also keine wirklichen Revolutionen oder wahre Befreiung in Angola, Guinea-Bissau, Mosambik und Simbabwe, weil sie einfach einen ausländischen Unterdrückenden durch einen einheimischen Unterdrückenden ersetzt haben.

Hier bin ich also, in den Vereinigten Staaten, kämpfe für die Befreiung der Schwarzen und frage mich: Wie können wir solche Situationen vermeiden? Der Anarchismus gab mir einen Weg, diese Frage zu beantworten, indem er darauf bestand, dass wir, wie wir jetzt kämpfen, Strukturen der Entscheidungsfindung und des Handelns schaffen, die immer mehr Menschen in den Prozess einbeziehen, und nicht nur die "aufgeklärten" Leute für alle anderen entscheiden lassen. Die Menschen selbst müssen Strukturen schaffen, in denen sie ihre eigene Stimme artikulieren und ihre eigenen Entscheidungen treffen. Das habe ich nicht von anderen Ideologien bekommen: Ich habe das vom Anarchismus.

Ich begann auch in der Praxis zu sehen, dass anarchistische Strukturen der Entscheidungsfindung möglich sind. Zum Beispiel sah ich bei den Protesten gegen die Republican National Convention im August 2000, wie normalerweise ausgeschlossene Gruppen — People of Color, Frauen und Queers — aktiv an jedem Aspekt der Mobilisierung teilnahmen. Wir erlaubten kleinen Gruppen nicht, Entscheidungen für andere zu treffen, und obwohl die Menschen Unterschiede hatten, wurden sie als gut und nützlich angesehen. Es war neu für mich, nach meiner Erfahrung bei den Panthers, in einer Situation zu sein, in der Menschen nicht versuchen, auf derselben Seite zu stehen und den Versuch, unsere manchmal widersprüchlichen Interessen auszuarbeiten, wahrhaftig begrüßten. Das gab mir einige Ideen, wie Anarchismus angewendet werden kann.

Es brachte mich auch dazu, mich zu fragen: wenn es auf die verschiedenen Gruppen auf dem Protest angewendet werden kann, könnte ich, als Schwarzer Aktivist, diese Dinge in der Schwarzen Gemeinschaft anwenden?

Einige unserer Ideen darüber, wer wir als Volk sind, behindern unsere Kämpfe. Zum Beispiel wird die Schwarze Community oft als eine monolithische Gruppe angesehen, aber sie ist eigentlich eine Gemeinschaft von Gemeinschaften mit

vielen verschiedenen Interessen. Ich betrachte Schwarzsein nicht so sehr als ethnische Kategorie, sondern als oppositionelle Kraft oder Prüfstein, um Situationen anders zu betrachten. Schwarze Kultur war schon immer oppositionell und es geht darum, Wege zu finden, der Unterdrückung hier, im rassistischsten Land der Welt, kreativ zu widerstehen. Wenn ich also von einem Schwarzen Anarchismus spreche, ist das nicht so sehr an meine Hautfarbe gebunden, sondern daran, wer ich als Person bin, als jemand, der Widerstand leisten kann, der anders sehen kann, wenn ich feststecke, und somit anders leben kann.

Was mir am Anarchismus wichtig ist, ist sein Beharren darauf, dass man niemals in alten, überholten Ansätzen stecken bleiben sollte und immer versuchen sollte, neue Wege zu finden, die Dinge zu betrachten, zu fühlen und zu organisieren. In meinem Fall habe ich den Anarchismus zum ersten Mal in den frühen 1990ern in einem Kollektiv angewandt, das wir gegründet haben, um die Black Panther Zeitung wieder herauszubringen. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch ein heimlicher Anarchist. Ich war noch nicht bereit, mich als Anarchist zu outen, weil ich schon wusste, was die Leute sagen würden und wie sie mich ansehen würden. Wen würden sie sehen, wenn ich Anarchist sage? Sie würden die weißen Anarchist*innen sehen, mit all den lustigen Haaren etc. und sagen: "Wie zum Teufel willst du dich da einklinken?"

Es gab eine Spaltung in diesem Kollektiv: auf der einen Seite gab es ältere Gefährt*innen, die versuchten, das Rad neu zu erfinden und auf der anderen Seite mich und ein paar andere, die sagten: "Lasst uns sehen, was wir von der Panther-Erfahrung lernen können und darauf aufbauen und es verbessern. Wir können die Dinge nicht auf die gleiche Weise machen." Wir betonten die Wichtigkeit einer antisexistischen Perspektive — ein altes Thema innerhalb der Panthers — aber die andere Seite sagte: "Ich will dieses ganze feministische Zeug nicht hören." Und wir sagten: "Das ist in Ordnung, wenn ihr es nicht hören wollt, aber wir wollen, dass die jungen Leute es hören, damit sie über einige der Dinge Bescheid wissen, die bei den Panthers nicht funktionierten, damit sie wissen, dass wir einige interne Widersprüche hatten, die wir nicht überwinden konnten." Wir versuchten, das Thema voranzutreiben, aber es wurde zu einer Schlacht und die Diskussionen wurden so schwierig, dass es zu einer Spaltung kam. An diesem Punkt verließ ich das Kollektiv und begann mit anarchistischen und antiautoritären Gruppen zu arbeiten, die wirklich die einzigen waren, die bisher konsequent versucht haben, mit dieser Dynamik umzugehen.

Eine der wichtigsten Lektionen, die ich auch vom Anarchismus gelernt habe, ist, dass man nach den radikalen Dingen suchen muss, die wir bereits tun und versuchen, sie zu fördern. Das ist der Grund, warum ich denke, dass es so viel Potential für Anarchismus in der Schwarzen Community gibt: so viel von dem, was wir bereits tun, ist anarchistisch und hat nichts mit dem Staat, der Polizei

oder den Politiker*innen zu tun. Wir passen aufeinander auf, wir kümmern uns um die Kinder der anderen, wir gehen füreinander einkaufen, wir finden Wege, um unsere Gemeinschaften zu schützen. Ich habe gelernt, dass es Wege gibt, radikal zu sein, ohne immer Literatur zu verteilen und den Leuten zu sagen: "Hier, wenn ihr das lest, werdet ihr automatisch unserer Organisation folgen und der Revolution beitreten." Zum Beispiel ist Partizipation ein sehr wichtiges Thema für den Anarchismus und auch in der Black Community ist es sehr wichtig. Betrachte den Jazz: Er ist eine der besten Illustrationen einer existierenden radikalen Praxis, weil er eine partizipatorische Verbindung zwischen dem Individuum und dem Kollektiv voraussetzt und den Ausdruck dessen erlaubt, wer du bist, innerhalb eines kollektiven Rahmens, basierend auf dem Genuss und der Freude an der Musik selbst. Unsere Gemeinschaften können auf die gleiche Weise sein. Wir können alle Arten von unterschiedlichen Perspektiven zusammenbringen, um Musik zu machen, um Revolution zu machen.

Wie können wir jeden Akt der Freiheit nähren? Ob es mit Menschen am Arbeitsplatz ist oder mit den Leuten, die an der Ecke abhängen, wie können wir gemeinsam planen und arbeiten? Wir müssen von den verschiedenen Kämpfen rund um die Welt lernen, die nicht auf Vorhut basieren. Es gibt Beispiele in Bolivien. Es gibt die Zapatistas. Es gibt Gruppen im Senegal, die soziale Zentren aufbauen. Du musst wirklich auf Menschen schauen, die versuchen zu leben und nicht unbedingt versuchen, mit den fortschrittlichsten Ideen zu kommen. Wir müssen das Abstrakte vernachlässigen und uns darauf konzentrieren, was auf an der Basis passiert.

Wie können wir all diese verschiedenen Stränge zusammenbringen? Wie können wir die Rastas einbinden? Wie können wir die Menschen an der Westküste einbinden, die immer noch gegen den Tagebau der Regierung auf Indigenem Land kämpfen? Wie können wir all diese Menschen zusammenbringen, um eine Vision von Amerika zu schaffen, die für uns alle ist?

Oppositionelles Denken und oppositionelle Risiken sind notwendig. Ich denke, das ist gerade jetzt sehr wichtig und einer der Gründe, warum ich denke, dass der Anarchismus so viel Potential hat, uns vorwärts zu bringen. Es wird nicht von uns verlangt, dogmatisch an den Begründer*innen der Tradition festzuhalten, sondern offen zu sein für alles, was unsere demokratische Teilhabe, unsere Kreativität und unser Glück erhöht.

Wir hatten gerade eine Anarchist People of Color Konferenz in Detroit vom 3. bis 5. Oktober. Einhundertdreißig Leute kamen aus dem ganzen Land. Es war großartig, uns selbst und das Interesse von People of Color aus den ganzen Vereinigten Staaten zu sehen, Wege zu finden, außerhalb der Norm zu denken. Wir sahen, dass wir die Stimme in unseren Gemeinschaften werden können, die

sagt: "Wartet, vielleicht müssen wir uns nicht so organisieren. Wartet, die Art und Weise, wie ihr die Menschen innerhalb der Organisation behandelt, ist unterdrückend. Warte, was ist deine Vision? Würdest du gerne meine hören?" Es gibt einen Bedarf für diese Art von Stimmen innerhalb unserer verschiedenen Gemeinschaften. Nicht nur in unseren Gemeinschaften of Color, sondern in jeder Gemeinschaft ist es notwendig, dass wir aufhören, vorgefertigte Pläne voranzutreiben und darauf vertrauen, dass die Menschen gemeinsam herausfinden können, was mit dieser Welt zu tun ist. Ich denke, wir haben die Möglichkeit, das beiseite zu legen, was wir für die Antwort hielten und gemeinsam zu kämpfen, um verschiedene Visionen der Zukunft zu erkunden. Daran können wir arbeiten. Und es gibt nicht die eine Antwort: wir müssen sie nach und nach herausfinden.

Auch wenn wir kämpfen wollen, wird es aufgrund der Probleme, die wir von diesem Imperium geerbt haben, sehr schwierig werden. Ich habe zum Beispiel einige sehr harte, emotionale Kämpfe bei den Protesten gegen die Republican National Convention gesehen. Aber die Leute blieben dabei, auch wenn sie dabei weinend zusammenbrachen. Wir werden einige unserer internen Dynamiken, die uns gespalten haben, nicht überwinden können, wenn wir nicht bereit sind, durch einige wirklich harte Kämpfe zu gehen. Das ist einer der anderen Gründe, warum ich sage, dass es keine Antwort gibt: Wir müssen da einfach durch.

Unsere Kämpfe hier in den Vereinigten Staaten betreffen jede*n auf der Welt. Die Menschen aus der Basis werden eine Schlüsselrolle spielen und die Art und Weise, wie wir mit den Menschen aus der Basis umgehen, wird sehr wichtig sein. Viele von uns sind privilegiert genug, um einigen der schwierigsten Herausforderungen aus dem Weg gehen zu können, und wir werden etwas von diesem Privileg aufgeben müssen, um eine neue Bewegung aufzubauen. Das Potential ist da. Wir können immer noch gewinnen — und neu definieren, was es bedeutet zu gewinnen — aber wir haben die Möglichkeit, eine reichhaltigere Vision von Freiheit voranzutreiben, als wir jemals zuvor hatten. Wir müssen bereit sein, es zu versuchen.

Als ein Panther und als jemand, der als Stadtguerilla in den Untergrund gegangen ist, habe ich mein Leben aufs Spiel gesetzt. Ich habe meine Gefährt*innen sterben sehen und den größten Teil meines Erwachsenenlebens im Gefängnis verbracht. Aber ich glaube immer noch, dass wir gewinnen können. Der Kampf ist sehr hart und wenn du diese Linie überschreitest, riskierst du, ins Gefängnis zu kommen, ernsthaft verletzt zu werden, getötet zu werden und zuzusehen, wie deine Gefährt*innen ernsthaft verletzt und getötet werden. Das ist kein schönes Bild, aber das ist es, was passiert, wenn man verschanzte Unterdrückende bekämpft. Wir kämpfen und werden es ihnen schwer machen, aber der Kampf wird auch für uns hart sein.

Deshalb müssen wir Wege finden, uns gegenseitig zu lieben und zu unterstützen, auch in schwierigen Zeiten. Es ist mehr als nur der Glaube, dass wir gewinnen können: Wir müssen Strukturen haben, die uns durchtragen können, wenn wir das Gefühl haben, keinen weiteren Schritt mehr gehen zu können. Ich denke, dass wir uns wieder bewegen können, wenn wir einige dieser Dinge herausfinden können. Dieses System muss einstürzen. Es tut uns jeden Tag weh und wir können nicht aufgeben. Wir müssen dorthin kommen. Wir müssen neue Wege finden.

Anarchismus, wenn er etwas bedeutet, bedeutet offen zu sein für alles, was es im Denken, im Leben und in unseren Beziehungen braucht, um voll zu leben und zu gewinnen. In gewisser Weise denke ich, dass beides dasselbe ist: voll und ganz zu leben bedeutet zu gewinnen. Natürlich werden und müssen wir mit unseren Unterdrückenden zusammenstoßen und wir müssen gute Wege finden, dies zu tun. Denke an die, die unten sind, die am meisten davon betroffen sind. Sie haben vielleicht andere Perspektiven, wie dieser Kampf verlaufen soll. Wenn wir keine Wege finden, uns von Angesicht zu Angesicht zu treffen, um diese Dinge zu klären, werden alte Geister wieder auftauchen und wir werden wieder in der gleichen alten Situation sein, in der wir schon einmal waren.

Ihr alle könnt das tun. Ihr habt die Vision. Ihr habt die Kreativität. Erlaubt niemandem, das zu blockieren.

Afrikanischer Interkommunalismus / Wie wir die Welt in dieser Zeit sehen

Lorenzo Kom'boa Ervin

Anarchistische Ideale führen logischerweise zum Internationalismus oder genauer gesagt zum Transnationalismus, also jenseits des Nationalstaates. Anarchist*innen sehen eine Zeit voraus, in der der Nationalstaat für die meisten Menschen überhaupt keinen positiven Wert mehr haben wird und tatsächlich abgeschafft werden wird. Aber diese Zeit ist noch nicht da, und bis dahin müssen wir uns für den Interkommunalismus organisieren, oder für Weltbeziehungen zwischen afrikanischen Menschen und ihren revolutionären sozialen Bewegungen, anstatt ihrer Regierungen und Staatschefs. Die Black Panther Party hat das Konzept des Interkommunalismus zum ersten Mal in den 1960er Jahren vorgestellt und, obwohl es sich leicht unterscheidet, ist es im Kern ein sehr libertäres Konzept. (Dies wurde früher "Pan-Afrikanismus" genannt, schloss aber hauptsächlich "revolutionäre" Regierungen und Kolonial- oder Unabhängigkeitsbewegungen als Verbündete ein). Aufgrund des Erbes der Sklaverei und des anhaltenden ökonomischen Neokolonialismus, der Schwarze auf alle Kontinente verstreut hat, ist es machbar, von Schwarzer internationaler revolutionärer Solidarität zu sprechen.

Hier ist, wie Anarchist*innen of Color (speziell wir innerhalb von Black Autonomy) die Welt sehen: Sie ist gegenwärtig in konkurrierenden Nationalstaaten organisiert, in militärischen und politischen Allianzen. Durch internationale Institutionen wie die Weltbank, den Internationalen Währungsfonds und die Welthandelsorganisation sind die kapitalistischen westlichen Nationen für die meisten Hungersnöte der Welt, den Imperialismus und die Ausbeutung der wirtschaftlichen Ressourcen der nicht-weißen Völker der Erde verantwortlich. Aber in der Tat halten Anarchist*innen alle Nationalstaaten für Instrumente der Unterdrückung. Auch wenn es Regierungen

gibt, die behaupten, "Arbeiter*innenstaaten", "sozialistische Länder" oder sogenannte "revolutionäre Regierungen" zu sein, haben sie im Grunde alle die gleiche Funktion wie ein faschistisches oder kapitalistisches Regime: Diktatur und Unterdrückung der Vielen durch die Wenigen.

Der Bankrott des Staates wird weiter bewiesen, wenn man die Millionen von Toten nach zwei Weltkriegen, ausgelöst durch den europäischen Imperialismus, (1914-1918 und 1939-1945) und hunderte von kleineren Kriegen, die von den Supermächten des Westens oder von Russland in den 1950er Jahren angezettelt wurden und bis heute andauern, betrachtet. Dazu gehören Kriege nicht nur zwischen dem Westen, sondern zwischen "Arbeiter*innenstaaten" wie China-Russland, Vietnam-China, Vietnam-Kambodscha, Somalia-Äthiopien, Russland-Tschechoslowakei und anderen in den letzten 40 Jahren, die wegen Grenzstreitigkeiten, politischen Intrigen, Invasionen oder anderen feindlichen Handlungen in den Krieg gezogen sind. Solange es Nationalstaaten gibt, wird es Krieg, Spannungen und nationale Feindschaft geben. Gemeinsame politische Ideologie, raciale Merkmale oder ähnliche Kulturen werden dies nicht verhindern.

Tatsächlich war das Traurige an der Dekolonialisierung Afrikas in den 1960er Jahren, dass die Länder schließlich in dem eurozentrischen Ideal des Nationalstaates organisiert wurden, anstatt einer anderen Formation, die besser auf den Kontinent passt, wie zum Beispiel eine kontinentweite freie Föderation. Dies spiegelte natürlich die Tatsache wider, dass die Afrikaner*innen zwar die "Unabhängigkeit unter der Flagge" und alle Merkmale des souveränen europäischen Staates erlangten, aber keine wirkliche Freiheit. Die Europäer*innen kontrollierten immer noch die Wirtschaft des afrikanischen Kontinents und die nationalistischen Führenden, die in den Vordergrund traten, waren größtenteils so gefügig und konservativ wie möglich.

Oh, es gab gelegentlich eine radikale Person wie Patrice Lumumba aus dem Kongo, der volle Rechte und Freiheit für die afrikanischen Völker forderte, aber er wurde schnell (und brutal) in einem CIA-Belgisch-Kolonialkomplott zum Schweigen gebracht. Die Länder Afrikas waren wie ein Hund mit einer Leine um den Hals; obwohl die Europäer*innen den Kontinent nicht mehr direkt durch Kolonialmacht beherrschen konnten, taten sie dies nun durch Marionetten, die sie kontrollierten und verteidigten, wie Mobutu im Kongo, Selassie in Äthiopien und Kenyatta in Kenia. Viele dieser Männer waren Diktatoren der schlimmsten Sorte und ihre Regime existierten ausschließlich aufgrund der Unterstützung des europäischen Finanzkapitals. Zusätzlich gab es weiße Siedlergemeinschaften in den portugiesischen Kolonien, Südafrika und Simbabwe, die die afrikanischen Völker noch schlimmer unterdrückten als das alte Kolonialsystem. Deshalb traten in den 1960er und 70er Jahren die nationalen Befreiungsbewegungen in Erscheinung.

Anarchist*innen unterstützen nationale Befreiungsbewegungen in dem Maße, wie sie gegen eine koloniale oder imperialistische Macht kämpfen; stellen aber auch fest, dass in fast jedem Fall, in dem solche Befreiungsfronten die Staatsmacht übernommen haben, sie zu "staatskommunistischen" Parteien oder neuen Diktatoren über die Massen des Volkes wurden. Darunter sind einige, die sich an den epischen Massenkämpfen beteiligt hatten, aber auch viele, die von Anfang an auf der offensichtlichsten Militärdiktatur basierten. Ihre Regierungen sind nicht fortschrittlich und sie dulden keinen Dissens.

Kaum war z.B. die MPLA (Bewegung zur Volksbefreiung Angolas) in Angola an der Macht, begann sie alle ihre linken ideologischen Gegner*innen (Maoist*innen, Trotzkist*innen, Anarchist*innen und andere) zu verhaften und Streiks der Arbeiter*innen für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen gewaltsam niederzuschlagen, indem sie solche Arbeitsaktionen als "Erpressung" und "wirtschaftliche Sabotage" bezeichnete. " Und mit der Nito- Alves-Affäre und seinem angeblichen Putschversuch (Alves war ein Held der Revolution und ein beliebter Militärführer) gab es die erste Parteisäuberung von Gegner*innen in der neuen Regierung. Etwas Ähnliches fand auch statt, als die Sandinistische Nationale Befreiungsbewegung in den 1980er Jahren in Nicaragua die Macht übernahm. Nichts davon sollte Anarchist*innen seltsam oder uncharakteristisch erscheinen, wenn wir bedenken, dass die bolschewistische Partei dasselbe tat, als sie die Staatsmacht während der russischen Revolution (1917-1921) konsolidierte. Sie lieferte das Modell für alle späteren Regime dieser Art.

Länder wie Benin, Äthiopien, die Volksrepublik Kongo und andere "revolutionäre" Regierungen in Afrika sind nicht als Ergebnis einer sozialen Revolution des Volkes an der Macht, sondern aufgrund eines Militärputsches oder weil sie von einer der großen Weltmächte installiert wurden. Darüber hinaus beutet der eine oder andere afrikanische Staat ein anderes, vermeintlich schwächeres Land aus; zum Beispiel hat der Sudan, ein arabisch kontrolliertes Land, immer noch afrikanische Sklav*innen, welche machtlose Schwarze aus dem südlichen Teil des Landes sind. Daher kämpfen sie seit 20 Jahren in einem Bürgerkrieg.

Weiter; im Gegensatz zu vielen der romantischen Berichte, die die westliche Berichterstattung dominierten, waren viele der nationalen Befreiungsbewegungen keine unabhängigen sozialen Bewegungen, sondern standen vielmehr unter dem Einfluss oder der Kontrolle Russlands oder Chinas als Teil ihres geopolitischen Kampfes gegen den westlichen Imperialismus und untereinander. (Das soll nicht heißen, dass revolutionäre Bewegungen keine Waffen und andere materielle Unterstützung von einer äußeren Macht annehmen sollten, solange sie politisch unabhängig bleiben und ihre eigene

Politik bestimmen, ohne dass diese Hilfe an das politische Diktat und die "Parteilinie" eines anderen Landes gebunden ist).

Aber auch wenn wir uns mit ihnen politisch und taktisch in vielen Bereichen unterscheiden und auch mit all ihren Fehlern nach der Übernahme der Staatsmacht, sind die revolutionären Befreiungskämpfer*innen (das Volk mit Waffen im Gegensatz zur Vorhutorganisation) unsere Gefährt*innen und Verbündeten im gemeinsamen Kampf gegen den gemeinsamen Feind — die imperialistische herrschende Klasse der USA. Ihr Kampf befreit den Todesgriff des US-amerikanischen und westlichen Imperialismus ("kapitalistische Weltmacht", wie Anarchist*innen ihn genauer nennen) und während der Kampf weitergeht, sind wir in Solidarität miteinander verbunden. Die Bewegung in Chiapas, Mexiko, durch die dortige Indigene Bevölkerung, die die EZLN, eine revolutionäre Befreiungsbewegung, gegründet hat, ist eine, die wir und viele Anarchist*innen unterstützen.

Dennoch können wir bei der Analyse von nationalen Befreiungsbewegungen nicht die Gräueltaten übersehen, die von Bewegungen wie den Roten Khmer, einer marxistisch-leninistischen Guerillabewegung in Kambodscha, begangen wurden, die Millionen von Menschen massakriert hat, um eine rigide stalinistische Politik durchzusetzen und das Land zu konsolidieren, als sie in den 1980er Jahren die Macht übernahm. Wir müssen dieses Gemetzel und andere Verbrechen, die vom Staatskommunismus begangen wurden, für alle sichtbar aufdecken, direkt vor die Füße des Weltkommunismus und des Staatssozialismus. Wir sind nicht für diese Art von Revolution, die nur reines Machtstreben und Terrorismus gegen das Volk ist, um eine sogenannte linke herrschende Klasse zu installieren. Deshalb war der Anarchismus schon immer nicht damit einverstanden, wie die Bolschewiki die Macht in Sowjetrussland ergriffen haben. Sie schufen einen Polizeistaat und Stalins Abschlachten des russischen Volkes scheint ein Modell für die staatskommunistischen Bewegungen auf der ganzen Welt gewesen zu sein, dem sie über die Jahre hinweg folgten. Jetzt ist der sowjetische Staat verschwunden, zusammen mit den meisten osteuropäischen Regierungen, aber das Erbe des autoritären Sozialismus lebt mit ihren Bewegungen in einer Vielzahl von Verkleidungen weiter.

WIR glauben, dass die nationalen Befreiungsfronten einen grundlegenden Fehler vieler nationalistischer Bewegungen unterdrückter Völker machen, nämlich sich so zu organisieren, dass die Klassenunterschiede verwischt werden. Dies geschah auch in Amerika, wo die Bürger*innenrechtsbewegung im Kampf für demokratische Rechte Schwarze Prediger, Lehrkräfte und andere aus der Mittelschicht in die Führung einschloss und jede Schwarze Person ein "Bruder" oder eine "Schwester" war, solange die Person Schwarz war. Doch diese vereinfachende Analyse und soziale Realität hielt nicht lange an, denn als

sich die Bürger*innenrechtsphase des amerikanischen Schwarzen Kampfes verbraucht hatte, traten die Klassenunterschiede und der Klassenkampf in den Vordergrund. Sie haben sich seither weiter verschärft.

Arme Menschen fordern, sich in ihrem eigenen Namen und Klasseninteresse zu organisieren, denn obwohl es den reichen Schwarzen und der Profiklasse seit den 1960er Jahren gut gehen mag, sind die Armen und Unterdrückten nur noch tiefer in die Armut gesunken und Gefängnisse werden als soziales Werkzeug benutzt, um Millionen einzusperren.

Obwohl es Schwarze Bürgermeister*innen und andere Bürokrat*innen gibt, die jetzt Positionen in der Regierung innehaben, haben sie keine Macht, die Dinge für ihr Volk zu verändern, sie dienen lediglich als Beschwichtigungsagent*innen des Staates, was wir "Schwarze Gesichter in hohen Positionen" nennen. Ihre symbolische Repräsentation soll Hoffnung wecken oder die Masse der Menschen im Glauben an das System halten. Sie sind nicht einmal ein ernsthaftes Zugeständnis an unseren Kampf. Sie werden ins Amt gesetzt, um den Kampf zu kooptieren und die Menschen für ihren Schmerz zu betäuben.

Dieses amerikanische neokoloniale System ähnelt der Art von Neokolonialismus, der in der 3. Welt in den 1950er-1980er Jahren stattfand, nachdem viele Länder ihre "Unabhängigkeit" erlangt hatten. Europa behielt immer noch die Kontrolle durch Marionettenpolitiker*innen, wirtschaftliche Vorherrschaft und eine Kommandostruktur von kleinbürgerlichen Agenten, die bereit waren, die Freiheit ihres Volkes für persönlichen Gewinn einzutauschen. Diese Leute haben keine wirkliche Macht, das Leben der Massen zu verbessern; sie präsidieren lediglich über deren Elend. In Afrika sind/waren einige der korruptesten Anführenden koloniale Untertanen für die europäischen Länder und erfreuen sich keinerlei lokaler Beliebtheit; sie schüren lediglich Angst durch militärische Kontrolle und passive Akzeptanz durch die Masse der Menschen.

Während Schwarze Revolutionär*innen also generell die Ideen des afrikanischen Interkommunalismus befürworten, wollen sie eine prinzipielle revolutionäre Einheit. Natürlich ist der größte Dienst, den wir den Völkern der sogenannten "Dritten Welt" Afrikas, Asiens und Lateinamerikas erweisen können, eine Revolution hier in Nordamerika zu machen — im Bauch der Bestie. Denn indem wir uns selbst befreien, schaffen wir uns die herrschende Klasse des US-Imperialismus vom Hals.

Als Anarchist*innen of Color wollen wir eine internationale Organisation gegen Kapitalismus, Rassismus, Kolonialismus, Imperialismus und Militärdiktatur aufbauen, welche die kapitalistischen Mächte effektiver bekämpfen und eine Weltföderation der Schwarzen Völker, eine Kommune, schaffen kann. Wir

wollen einen Bruder oder eine Schwester in Nordamerika mit den Schwarzen Völkern Australiens und Ozeaniens/Südwestasiens, Afrikas, der Karibik und Südamerikas, Asiens, des Mittleren Ostens und jenen Millionen unseres Volkes, die in Großbritannien und anderen westeuropäischen Ländern leben, vereinen. Wir wollen Stämme, Nationen und Kulturen zu einem internationalen Körper von Basis- und kämpfenden Kräften vereinen.

Nur eine soziale Revolution wird zur Schwarzen Einheit und Freiheit führen. Dies wird jedoch nur möglich sein, wenn es eine internationale Schwarze revolutionäre Organisation und soziale Bewegung gibt. Eine Organisation, die überall die Widerstandskämpfe der afrikanischen Völker koordinieren kann; eigentlich ein Netzwerk solcher Organisationen, Widerstandsbewegungen, die über die ganze Welt verteilt sind, basierend auf einem Konsens für den revolutionären Kampf. Dieses Konzept nimmt jedes Maß an Gewalt in Kauf, das notwendig sein wird, um die Forderungen der Menschen und Arbeiter*innen durchzusetzen.

In den Ländern, in denen eine offene Schwarze revolutionäre Bewegung heftiger Repression durch den Staat ausgesetzt wäre, wie z.B. in neokolonialistischen Schwarzen Marionettendiktaturen in anderen Teilen Afrikas, der Karibik und sogar in Teilen Asiens, ist es notwendig, einen Widerstandskampf im Untergrund zu führen. Außerdem ist der Staat immer gewalttätiger geworden, mit weit verbreiteten Folterungen und Hinrichtungen, Hochsicherheitsgefängnissen und massiven Polizeikontrollen, Bespitzelung und Vorenthaltung demokratischer Rechte, Polizeigewalt und Mord. Es ist klar, dass solche Regierungen — und alle Regierungen — gestürzt werden müssen. Sie werden nicht aufgrund interner wirtschaftlicher oder politischer Probleme fallen, sondern müssen besiegt und demontiert werden. Deshalb rufen wir zu einer internationalen Widerstandsbewegung auf, um die Regierungen und das System der kapitalistischen Weltregierungen zu stürzen.

Die Militärdiktator*innen und Regierungsbürokrat*innen haben nur bewiesen, dass sie wissen, wie man Geld für Prunk und Pomp ausgibt, aber nicht, wie man die letzten Überreste des Kolonialismus in Südafrika abbaut oder westliche neokolonialistische Intrigen besiegt. Afrika ist immer noch der ärmste Kontinent der Welt, während es materiell der reichste ist. Der Kontrast ist klar: Millionen von Menschen hungern in weiten Teilen Äquatorialafrikas, aber die Stammeshäuptlinge, Politiker*innen und Militärdiktator*innen fahren in Mercedes herum und leben in Luxusvillen, während sie über den Internationalen Währungsfonds den Wünschen westeuropäischer und amerikanischer Bankiers nachkommen. Sie sind Teil des Problems, nicht Teil der Lösung!

Unsere Ideen über die Bedeutung des Interkommunalismus basieren auf der festen Überzeugung, dass nur eine Föderation freier Völker den Massen wahre

Black Power bringen wird. "Power to the people" bedeutet nicht eine Regierung oder politische Partei, die in ihrem Namen regiert, sondern soziale und politische Macht in den Händen des Volkes selbst. Die einzige wirkliche "Macht des Volkes" ist die Macht, ihre Entscheidungen in wichtigen Angelegenheiten selbst zu treffen und nicht einfach jemand anderen in manipulierten Wahlen zu wählen oder sich eine Diktatur aufzwingen zu lassen. Wahre Freiheit ist es, volle Selbstbestimmung über die eigene soziale, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung zu haben. Die Zukunft ist der anarchistische Kommunismus, nicht der Nationalstaat, blutrünstige Diktator*innen, Kapitalismus oder Lohnsklaverei.

Aufbau einer autonomen Bewegung der People of Color

Der Aufbau einer autonomen Bewegung der People of Color, basierend auf anarchistischen Prinzipien, ist etwas anderes als Panafrikanismus oder Konzepte von La Raza oder sogar sozialistischer Internationalismus. Es bedeutet, eine Bewegung aufzubauen, die über Hautfarbe, Sprache oder sogar die gemeinsame Geschichte eines Volkes hinausgeht, um die stärkste Bewegung der internationalen Solidarität aufzubauen. Die meisten Solidaritätsbewegungen sind um die Identifikation mit einem bestimmten Kampf herum aufgebaut. Aber entweder nutzlose Erklärungen über Race-Einheit abzugeben, oder vage Erklärungen der Unterstützung, oder den eigenen Kampf dem eines anderen unterzuordnen, ist nicht das, worum es bei der Autonomie geht. Was wir brauchen, ist eine internationale Bewegung, die auf gemeinsamer Unterdrückung und Engagement für einen gemeinsamen Kampf basiert.

Dies muss uns über die Vorherrschaft eines beschränkten Nationalismus oder regionaler Kämpfe hinausführen und zurück zur Idee der Revolution als weltweite soziale Veränderung, ein internationaler Bürgerkrieg der armen und unterdrückten Völker gegen das kapitalistische System. Ich beziehe mich nicht nur auf die Entwicklung eines sozialistischen Staates in einem Land, wie es mit der alten Sowjetunion geschah, auf regionale Kämpfe mit dem afrikanischen Antikolonialismus oder auf das alte Konzept von Black Power der 1960er Jahre.

Die alten Ideen des politischen Sozialismus und des Panafrikanismus sind mit dem Nationalstaatismus und dem Stalinismus verloren gegangen. Sogar die Ideale gemeinsamer Unterdrückungsformen sind verloren gegangen, so dass viele glauben, dass es nur in den Vereinigten Staaten von Amerika eine interne Schwarze Bevölkerung gibt, die rassistischer Unterdrückung ausgesetzt ist, und dass Formen der Unterdrückung, die auf Kaste, Ethnie oder anderen People of Color basieren, kein Rassismus im gleichen Sinne sind. Dies ist ein schwerer Fehler und schneidet uns von vielen Verbündeten auf der ganzen Welt ab.

Unterstützen Anarchist*innen die Demokratie?

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Demokratie verstehen

Das Wort "Demokratie" kommt von zwei griechischen Wörtern: Demo- was "Volk" bedeutet.

-kratie: was "Herrschaft", "Regierung", "Leitungsorgan" bedeutet.

Wörtlich bedeutet Demokratie also: "Herrschaft durch das Volk". Oder genauer gesagt, von der Mehrheit des Volkes.

Meiner Meinung nach ist jede Person, die darauf abzielt, dass wir vom "Volk" regiert werden (so abstrakt und bedeutungslos dieses Konzept auch sein mag), nicht für Anarchie. Aber leider wird diese Ansicht nicht immer von den Menschen geteilt, die sich heute Anarchist*innen nennen. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass Anarchist*innen, die vermutlich gegen jede Form von Autorität sind und hoffentlich die Vorstellung von Herrschenden ablehnen, damit einverstanden sind, von "dem Volk" regiert zu werden... Ich weiß, dass ich auf keinen Fall von irgendjemandem regiert werden will. Aber viele Anarchist*innen romantisieren weiterhin die Demokratie, vielleicht weil sie nicht in der Lage sind, die jahrelange Propaganda zu durchbrechen, mit der sie vom Staat und seinen Schul- und Medienapparaten gefüttert werden.

Von klein auf wird uns eingehämmert, dass Demokratie gleich Freiheit ist. Jede*r Anarchist*in wird dir sagen, dass die meisten von uns zwar in Gesellschaften leben, die von demokratischen Formen regiert werden, aber niemand von uns so etwas wie Freiheit hat. Trotzdem machen viele uns Ausflüchte, sodass wir die Demokratie weiterhin romantisieren können... Wenn du in einem Raum voller Anarchist*innen sagst, dass du gegen die Demokratie bist, wirst du zweifelsohne die leidenschaftliche Behauptung hören, dass das, was wir jetzt haben, keine "echte" Demokratie ist, aber "wenn wir Anarchismus hätten, hätten wir eine "echte" Demokratie und die Dinge wären anders, weil Anarchismus die einzige echte Demokratie ist!"

Viele Anarchist*innen geben sich viel Mühe, an unterdrückerischen Phantomen wie der Demokratie festzuhalten, und bemühen sich sehr, diese liberalen Konzepte mit der Anarchie zu verschmelzen, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gibt. Anarchist*innen, die darauf bestehen, dass Anarchie und Demokratie ein und dasselbe sind, obwohl die Demokratie für eine endlose Liste von schrecklichen Gräueltaten verantwortlich ist, erweisen der Anarchie keinen Dienst.

Unsere Machthabenden nutzen die Demokratie, um uns in In- und Outgroups zu unterteilen, die Mehrheitsgruppe gegen die Minderheitsgruppen auszuspielen und allen ein falsches Gefühl der Kontrolle zu geben. Uns wird vorgegaukelt, dass wir mitbestimmen können, wie unser Leben verläuft, weil wir an der glorreichen Demokratie teilnehmen dürfen. Natürlich werden wir alle, die nicht zur herrschenden Klasse gehören, weiterhin ausgebeutet und leben in ständiger Knechtschaft. Die einzigen, die wirklich von der Demokratie profitieren, sind die Herrschenden, die sie benutzen, um uns zu entfremden und abzulenken, damit wir uns nicht erheben und sie alle für das lähmende Elend, das sie verursachen, töten. Anarchie lehnt Autorität und die Herrschaft von Mehrheitsgruppen über Minderheitsgruppen ab. In der Anarchie geht es darum, die Autonomie jeder einzelnen Person zu wahren und die Autorität, die uns von Unterdrückenden aufgezwungen wird, abzubauen. Die Demokratie gibt bevorzugten Gruppen das Recht, Minderheitsgruppen zu unterdrücken. Die Demokratie ignoriert die Autonomie des Individuums zugunsten des kollektiven Willens der herrschenden Gruppe. Die Demokratie ermöglicht es den Machthabenden, brutale Machthierarchien aufrechtzuerhalten. Sie ist der Inbegriff von Autorität und dient dazu, den tyrannischen kapitalistisch-staatlichen Status quo überall auf der Welt aufrechtzuerhalten.

Das Scheitern der Demokratie

Demokratie ist die Tyrannei der Mehrheit, egal wie man sie zu verschleiern versucht. In der Praxis wurden alle Formen der Demokratie von einer Mehrheitsgruppe dazu benutzt, eine Minderheitsgruppe zu kontrollieren oder ihr etwas vorzuschreiben. Alle Formen der Demokratie wurden dazu benutzt, die Autonomie zu unterdrücken, die Selbstbestimmung zu unterdrücken und die Herrschenden von der Verantwortung für ihr Handeln zu entbinden. Wie können Herrschende für ihre Gräueltaten verantwortlich sein, wenn "das Volk" sie gewählt und ermächtigt hat, diese Gräueltaten zu begehen?

Auch wenn Demokratie-Fetischist*innen das nie erwähnen werden, wurde Hitler im Einklang mit dem deutschen politischen System demokratisch gewählt. Seine Handlungen nach der Wahl wurden größtenteils von der Mehrheitsgruppe in Deutschland unterstützt. Alle Gräueltaten, die er beging, geschahen im Namen dieser Mehrheitsgruppe, um die Position der "arischen" Christ*innen in

der Gesellschaft auf Kosten aller anderen zu stärken. Das deutsche Volk hat Hitler ermächtigt, seine Privilegien um jeden Preis zu erhalten. Es gibt keinen Grund, warum eine sogenannte "echte" Demokratie anders sein sollte als die Demokratie, die Nazideutschland hervorgebracht hat. Eine partizipatorische Demokratie würde es nur mehr Mitgliedern der herrschenden Gruppe ermöglichen, direkter an der Durchsetzung brutaler Politik mitzuwirken.

Eine "echte" Demokratie hält die Menschen nicht davon ab, andere zu unterdrücken, um ihre eigene Gruppe zu begünstigen. Wenn die Mehrheit der Deutschen im Zweiten Weltkrieg zugesehen und gejubelt hat, als Menschen in Konzentrationslager verschleppt wurden, warum sollte jemand glauben, dass eine "echte" Demokratie daran etwas ändern würde? Im Laufe der Geschichte hat die Mehrheitsgruppe immer dann, wenn ein geschickter Propagandist mit dem Finger auf eine Minderheitengruppe zeigt, diese in Stücke gerissen. Das ist gelebte Demokratie. Weiße Vorherrschaft und sogar Genozid wurden schon unzählige Male mit der Macht der Demokratie gestützt.

Demokratie oder Anarchie?

Unterstützen Anarchist*innen also die Demokratie? Nicht, wenn diese Anarchist*innen ein umfassendes Verständnis davon haben, was Anarchie bedeutet. Nicht, wenn es ihnen ernst damit ist, sich von Autoritäten zu befreien und Hierarchien zu zerschlagen, sobald sie entstehen.

Die Demokratie ist mit der Anarchie in keiner Weise vereinbar. Sie könnte ein nützliches Verfahren sein, um die Ansichten der einzelnen Mitglieder einer kleinen Gruppe abzuschätzen, aber das sollte nicht ausreichen, um zu behaupten, dass "Anarchie demokratisch ist". Anarchie ist der Widerstand gegen Autorität. Es ist der Kampf gegen Unterdrückung. Das Bestreben, das Leiden zu begrenzen. Wir sollten nicht behaupten, dass Anarchie durch die Demokratie definiert wird, die ein bestimmtes Regierungssystem ist, das verlangt, dass Menschen von anderen Menschen regiert werden. Wenn du 10 zufällige Anarchist*innen fragst, ob sie die Demokratie unterstützen, wirst du sicher eine gemischte Antwort erhalten. Jede Person, die du fragst, befindet sich an einem anderen Punkt ihres politischen Weges, und einige Anarchist*innen werden viel mehr Zeit damit verbringen, über Arbeitsrechte, Wohnungsbau, Migrant*innenhilfe und andere dringende Anliegen nachzudenken, während sie sich nur wenige philosophische Gedanken über das Wesen der Hierarchie und all die Wege machen, auf denen sie sich manifestiert und in unser Leben eindringt.

Kollektivistisch gesinnte Anarchist*innen bestehen in der Regel auf direkter Demokratie und Konsensdemokratie als Entscheidungsmechanismen, aber das führt häufig zu Problemen, wenn bestimmte Mitglieder der Gruppe nicht mit der Agenda der Mehrheit übereinstimmen. Je größer die Gruppe ist, desto

wahrscheinlicher ist dies der Fall. Die Mitglieder der Minderheit werden unweigerlich frustriert über diese Unterdrückung und verlassen entweder die Gruppe oder werden gezwungen, sich anzupassen, um zu bleiben. In der Praxis könnte das zum Beispiel bedeuten, dass alle Schwarzen in einer Gemeinschaft entfremdet und an den Rand gedrängt werden oder sogar gezwungen sind, ihr Zuhause ganz zu verlassen, weil die weiße Mehrheit dafür gestimmt hat, ihre Anliegen zu ignorieren, um das weiße Privileg zu wahren. Demokratie und Marginalisierung sind in der Regel ein Gruppendeal. "Alle Macht dem Volke" bedeutet in Wirklichkeit "Macht für die mächtigste Gruppe von Menschen", und je mehr Macht die mächtige Gruppe hat, desto weniger Macht haben die marginalisierten Gruppen.

Die Autorität der Demokratie

Die westliche Demokratie hat ihren Ursprung im antiken Griechenland. Dieses politische System gewährte freien Männern das demokratische Bürgerrecht, während Sklav*innen, Fremde und Frauen von der politischen Teilhabe ausgeschlossen waren. In praktisch allen demokratischen Regierungen der antiken und modernen Geschichte bedeutete Demokratie genau das. Eine elitäre Klasse freier Männer traf alle Entscheidungen für alle. Bevor Athen die Demokratie einführte, beherrschten Aristokraten die Gesellschaft. Die "Herrschaft des Volkes" oder die Idee einer Regierung, die (theoretisch) von allen (freien) männlichen Bürgern kontrolliert wird, anstatt von einigen wenigen wohlhabenden Familien, schien also eine gute Sache zu sein. Aber in Wirklichkeit war es nur eine neue Version der aristokratischen Herrschaft und nicht die Revolution, als die sie dargestellt wird. Die Reichen beherrschen die Gesellschaft immer noch, indem sie die Wählenden mit sorgfältig konstruierter Propaganda füttern und dafür sorgen, dass alle arm und überarbeitet sind und verzweifelt darauf warten, dass der Staat ihnen ihre Grundbedürfnisse gewährt.

In den heutigen Demokratien wird nur den legalen Bürger*innen eines Landes Demokratie gewährt. In vielen Ländern wird Menschen, die wegen eines "Verbrechens" verurteilt wurden, das Wahlrecht verweigert, unabhängig davon, wie lange es her ist, dass sie ihre Strafe abgesessen haben. In den USA wird dies genutzt, um Minderheiten das Wahlrecht zu verweigern, die einen großen Teil der Gefängnisinsass*innen ausmachen. In manchen Gesellschaften darf nur eine kleine Minderheit an der Demokratie teilnehmen. Im Apartheids- Südafrika gewährte sich die Minderheit (europäische Siedler*innen) selbst die Demokratie und schloss die einheimische Mehrheit aus, indem sie die Demokratie dazu nutzte, der einheimischen Bevölkerung die Rechte vorzuenthalten, die den europäischen Siedler*innen gewährt wurden. Anarchie bedeutet natürlich, dass es keine Regierung, keine Herrschenden gibt. Die Demokratie zielt darauf ab, dass die einzelne Person von anderen regiert, beherrscht und kontrolliert wird. Es liegt also auf der Hand, dass Anarchie mit Demokratie grundsätzlich unvereinbar ist.

Es ist viel darüber geschrieben worden, warum das Konzept der Demokratie einfach nicht mit Anarchie vereinbar ist. Dennoch weigern sich viele Menschen, die sich heute als Anarchist*innen bezeichnen, die Idee der Demokratie als revolutionäre Methode loszulassen, und bestehen darauf, dass sie irgendwie ihren inhärent hierarchischen Charakter und ihre lange Geschichte der Unterdrückung überwinden kann. Ehrlich gesagt sind viele dieser Leute einfach nur verwirrte Minarchist*innen, die die Hierarchie nicht wirklich abschaffen, sondern nur minimieren wollen.

Konsensdemokratie?

Die Konsensdemokratie zielt darauf ab, dass sich alle Mitglieder einer Gruppe auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. In der Theorie hört sich das gut an, aber die einzige Möglichkeit, alle Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungen dazu zu bringen, demselben Ziel zuzustimmen, besteht darin, den Plan so weit zu verwässern, dass die Aktion wahrscheinlich sinnlos wird. Die Konsensdemokratie geht davon aus, dass die Mehrheitsgruppe die Minderheitsgruppe nicht schikanieren oder unter Druck setzen wird, damit sie sich ihrem Willen beugt. Sie ignoriert die Tatsache, dass manche Menschen anderen ihren Willen aggressiv aufzwingen oder zumindest ihre Gegner*innen beschämen oder manipulieren, damit sie sich unterwerfen.

Das ganze Konzept der Konsensdemokratie erinnert mich an das Meme mit dem selbstgefälligen Kerl, der am Stand mit dem Schild "Change my mind" sitzt und seine politischen Gegner*innen zu einer Debatte einlädt. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich, wenn ich diesen Typen an diesem Stand sitzen sähe, in die andere Richtung gehen würde. Warum sollte man jemanden in eine Situation bringen, in der man gezwungen ist, seine ganze Energie darauf zu verwenden, jemandes Meinung zu ändern? Mach einfach dein eigenes Ding und kümmere dich nicht um Leute, die sich nicht an dem beteiligen wollen, was du tust. Wenn Menschen grundlegende Meinungsverschiedenheiten haben, müssen sie nicht mitmachen. Das ist nicht das Ende der Welt.

Der vergebliche Versuch, alle zu einer Einigung zu bringen, ist nur die neueste Form des bürokratischen Windens, das politisches Handeln schon lange sabotiert. Nach zahllosen Stunden hitziger Debatten und einer langen Reihe von Kompromissen wird der erzielte Konsens (wenn er denn überhaupt jemals zustande kommt) wahrscheinlich sehr verwässert und für niemanden in der Gruppe von Nutzen sein. Ein Plan für konkrete Maßnahmen wird sich in eine frustrierende Übung aus Zugeständnissen, lauen Halbmaßnahmen und schließlich Untätigkeit verwandelt haben. Und das alles nur, weil die Leute, die den Plan gemacht haben, das Bedürfnis hatten, die Zustimmung eines Ausschusses von Neinsagenden einzuholen, bevor sie ihn weiterverfolgen.

Anarchie braucht keine Demokratie

Anstatt dass eine große Gruppe die Demokratie bemüht, um sich auf eine Vorgehensweise zu einigen, wäre es viel produktiver, wenn kleinere Gruppen, die aus Menschen mit gemeinsamen Interessen bestehen, sich abspalten und zusammenarbeiten, um ihre eigenen Pläne zu verfolgen, die keine Kompromisse erfordern, weil ihre Interessen bereits übereinstimmen. Im Laufe der Geschichte hat die Demokratie dazu gedient, Autorität zu legitimieren und hierarchische Machtstrukturen zu rechtfertigen, indem sie jede unterdrückerische Maßnahme des Staates gegen uns als "Wille des Volkes" darstellte. Sie hat es den Mächtigen lange Zeit ermöglicht, die Machtlosen zu unterdrücken. Menschen, die darauf bestehen, den Anarchismus mit der Demokratie in Verbindung zu bringen, versuchen, den Anarchismus zu legitimieren und ihn mit bequemen Institutionen in Verbindung zu bringen, die von durch und durch indoktrinierten Liberalen übernommen werden. Aber die Anarchie braucht keine Legitimation. Die Anarchie muss nicht verwässert werden, um ihre Anziehungskraft auf ein hierarchieverliebtes Publikum zu erhöhen.

Anarchist*innen sind immer gegen die Monarchie, die Herrschaft des Einzelnen. Wir sind immer gegen die Oligarchie, die Herrschaft einiger weniger. Warum sollten wir dann nicht auch gegen die Demokratie sein, also die Herrschaft der Vielen? Warum sollten die Vielen entscheiden, wie du oder ich unser Leben leben? Ein Herrscher ist ein Herrscher ist ein Herrscher. Die Demokratie wurde von den Eliten der Gesellschaft geschickt als Waffe eingesetzt. Indem sie die Demokratie mit sorgfältig ausgearbeiteter Propaganda kombinieren, können die Mächtigen die Wählenden kontrollieren und sie so manipulieren, dass sie gegen ihre eigenen Interessen stimmen.

Die Demokratie ist seit jeher ein Synonym für klassenbasierte Gesellschaften. Sie hat ganze Länder in zwei kaum unterscheidbare politische Parteien (konservativ und "progressiv") gespalten, die sich dennoch ständig an die Gurgel gehen. Selbst in ihren libertärfreundlichsten Formen hat es immer wieder versagt, Hierarchie, Zwang und die autoritären Machenschaften von Mehrheitsgruppen zu verhindern. Du kannst nicht versuchen, ein künstliches System, das so brutal hierarchisch ist wie die Demokratie, durch eine vermeintlich egalitärere Version desselben Systems zu ersetzen und es Anarchie nennen. Du musst das ganze verrottete System über Bord werfen.

Lehne die Demokratie ab. Lehne die Vorstellung ab, dass du von irgendjemandem regiert werden solltest. Umarme die Selbstbestimmung. Umarme die Anarchie.

Nationale Befreiung & Anarchismus

Reaktionär oder Revolutionär?

Saint Andrew

Einführung

Die Welt von heute ist voller Konflikte, da eine Vielzahl von Kämpfen im Rahmen des allgemeinen Kampfes um Freiheit geführt wird. Inzwischen ist es ziemlich klar, dass es mehr Kriege gibt als nur den Klassenkampf. Die Wahrheit ist, dass es trotz der dogmatischen Behauptungen einiger Klassenreduktionist*innen schon immer welche gab. Wir müssen intersektional denken und auch gegen das Patriarchat, die weiße Vorherrschaft, die Umweltzerstörung und vieles mehr kämpfen, denn die Befreiung kann nicht nur in Bezug auf den Klassenkampf erfolgen. Ich möchte hier klarstellen, was meiner Meinung nach die vernünftigste Position in einem solchen Kampf gegen Herrschaft ist. Ich möchte die Frage nach der nationalen Befreiung beantworten und wie wir sie als engagierte Internationalist*innen in einer Welt voller nationaler Unterdrückungen angehen sollten.

Was ist eine Nation?

Ich verwende den Begriff Nation hier nicht als Bezeichnung für einen Nationalstaat, ein Land oder eine politische Verfassung, sondern für eine imaginäre Gemeinschaft von Menschen, die sich auf der Grundlage einer gemeinsamen Sprache, Geschichte, Abstammung, Gesellschaft oder Kultur bilden und sich ihrer Autonomie bewusst sind. Ich verwende es im Grunde als Synonym für ethnische Gruppe. Eine Nation ist also nicht geografisch gebunden, wie die gängige westliche Vorstellung von einer Nation. Diasporas sind in der Tat ziemlich verbreitet. Manche Nationen sind unter dem Banner von Nationen vereint, wie z. B. der Panafrikanismus, der versucht, die Tausenden von ethnischen Gruppen auf dem Kontinent und in der Diaspora zu vereinen.

Nationen sind oft das Ziel von Unterdrückung, Unterwerfung und Auslöschung. Afrikanische Völker wurden vom Kontinent entrissen und ihrer Sprachen,

Geschichten und Kulturen beraubt und werden auch heute noch in der sogenannten neuen Welt unterdrückt. Auch Indigenen Völkern auf der ganzen Welt wird ihre Autonomie als Minderheiten innerhalb eines herrschsüchtigen Staates verweigert. Die Armenier*innen wurden unter dem Osmanischen Reich systematisch ermordet und die Kurd*innen sind auf vier Länder aufgeteilt und unterdrückt. Hawaii und Puerto Rico bleiben vom US-Imperium besetzt, während Tibeter*innen und Uigur*innen weiterhin vom chinesischen Staat beherrscht werden. Das sind nur einige Beispiele. Überall auf der Welt kämpften und kämpfen die Nationen für ihre Befreiung.

Was ist nationale Befreiung?

Der nationale Befreiungskampf ist ein Kampf gegen das Verhältnis von Ausbeutung und Herrschaft, das einer Nation auferlegt wurde. Es ist ein Kampf gegen die Beherrschung eines Volkes durch ein anderes, bei dem es oft um Fragen der Sprache, der Kultur, des Wohlstands, der Gleichheit und des Landes geht. Dem können wir nicht einfach neutral gegenüberstehen und ihn ignorieren. Nationale Befreiungskämpfe zu ignorieren hieße, sich auf die Seite der nationalen Unterdrückung zu stellen.

Und versuche nicht, sie alle in eine Schublade zu stecken. Nationale Befreiungskämpfe sind vielfältig. In ihnen sind in der Regel viele Tendenzen im Spiel, von den reaktionärsten bis zu den revolutionärsten. So gibt es neben dem Kampf für nationale Befreiung auch andere laufende Kämpfe, darunter den Klassenkampf. Während sich die unterdrückten Klassen an den nationalen Befreiungskampf klammern, um sich gegen fremde Unterwerfung und Ausbeutung zu wehren, nutzt die kapitalistische Klasse den Kampf für die nationale Befreiung, um ihre Macht zu festigen und die Ausbeutung der Arbeiter*innenklasse zu monopolisieren.

Das bringt mich unweigerlich zum Nationalismus.

Was ist Nationalismus?

Der Nationalismus ist eines der Programme, die als Lösung für die nationalen Befreiungskämpfe vorgeschlagen wurden. Er ist zwar nicht das einzige Programm und nicht gleichbedeutend mit nationaler Befreiung, aber er ist eines der beliebtesten. Die Terminologie kann hier leicht durcheinander gebracht werden, da sich der Nationalismus sowohl auf Ideologien von unterdrückenden Nationen als auch von unterdrückten Nationen bezieht. Zwischen der gewalttätigen Vorherrschaft und dem Kolonialismus des weißen Nationalismus und den Selbstbestimmungsbewegungen des Schwarzen Nationalismus besteht eine große Kluft.

Das Programm des Nationalismus, insbesondere bei unterdrückten Nationen, hat die unterdrückte Nation im Allgemeinen als einen einheitlichen Block

gesehen, der Klassen-, Geschlechter-, Religions- und andere Unterschiede ignoriert, um einen unabhängigen Staat zu entwickeln, der in der Regel eine Form des Kapitalismus ist, entweder staatskapitalistisch, wohlfahrtskapitalistisch oder neoliberal.

Der Nationalismus wird oft von der herrschenden Klasse als Waffe eingesetzt und gefördert, um die unterdrückten Klassen mit den einheimischen Unterdrücker*innen zu vereinen, indem ausländische Kapitalist*innen durch lokale Kapitalist*innen, ausländische Generäle durch lokale Generäle und ausländische Regierungsbeamt*innen durch lokale Beamt*innen ersetzt werden. Kurz gefasst, um die Bedeutung des Klassenkampfes zu verschleiern.

Der Nationalismus hat wiederholt versagt, Armut, Unterdrückung, Ausbeutung und Leid zu lösen. Obwohl viele Staaten dank nationalistischer Bewegungen formell unabhängig von ihren Kolonialherren geworden sind, hält der Neokolonialismus an. Doch das Fortbestehen der nationalen Unterdrückung führt oft zu einer Wiederbelebung des Nationalismus, anstatt andere Optionen zu erforschen. So wurde der Nahe Osten auch nach der Unabhängigkeit von den westlichen Imperialisten stark unterdrückt, aber die vorgeschlagenen Lösungen waren der reaktionäre, autoritäre Ba'athismus und der salafistische Dschihadismus, der ein globales Kalifat anstrebt.

Deshalb wird der Nationalismus in der Regel von Anarchist*innen kritisiert und abgelehnt. Noch einmal: Es gibt einen Unterschied zwischen Nationalismus und nationaler Befreiung. In ihrer Kritik am Nationalismus erkennen einige Anarchist*innen zwar an, dass es innerhalb einer Nation Klassenspaltungen gibt, ignorieren aber die nationalen Spaltungen innerhalb einer Klasse zugunsten einer idealen vereinigten Arbeiter*innenklasse. Die Wahrheit ist, dass die unterdrückten Klassen einiger Nationen von der Herrschaft der unterdrückten Klassen in anderen Nationen profitiert haben. Fall nicht auf den Klassenreduktionismus herein.

Es liegt auf der Hand, dass Nationen, gegen die seit Jahrhunderten ständig Krieg geführt wird, dazu neigen, sich dem Nationalismus zuzuwenden, um ihre nationale Befreiung zu erreichen. Verzeih ihnen, dass sie nicht an die globale Arbeiter*innenklasse denken, wenn sie buchstäblich wegen ihrer nationalen Identität angegriffen werden. Wenn du gegen koloniale Verwaltende und ausländische Armeen kämpfst, ist das nicht gerade ein Klassenkampf. Deshalb haben nationale Befreiungskämpfe, die sich auf den Nationalismus stützen, in der Vergangenheit die Klassenunterschiede zwischen den unterdrückten Nationen ignoriert. Aber nicht immer. Schauen wir uns zwei Beispiele an, von denen das eine unter dem Banner des Nationalismus steht und das andere ihn völlig ablehnt: der revolutionäre Schwarze Nationalismus und die kurdische nationale Befreiungsbewegung.

Revolutionärer Schwarzer Nationalismus

Der Schwarze Nationalismus ist eine sehr vielfältige politische Bewegung mit verschiedenen Strömungen und gegensätzlichen Perspektiven, die sich jedoch wie ein roter Faden durch die Bewegung zieht: Widerstand gegen die Vorherrschaft des rassistischen Systems und die Behauptung der Schwarzen Souveränität. Es ist die Erkenntnis, dass wir uns selbst befreien müssen, ohne auf Erlaubnis zu warten. Es ist die Erkenntnis, dass wir uns vor den anhaltenden Angriffen des Imperiums schützen müssen. Die Anerkennung, dass wir stolz auf unseren Körper, unseren Geist und unser Erbe sein und es lieben können. Eine Ablehnung des Eurozentrismus. Einige Erscheinungsformen des Schwarzen Nationalismus waren reaktionär, kapitalistisch, homofeindlich und patriarchal. Andere standen in krassem Gegensatz zu diesen Strömungen. Vor allem der revolutionäre Schwarze Nationalismus, der sich im Gegensatz zu anderen Formen des Schwarzen Nationalismus gegen alle Formen der Unterdrückung wendet, einschließlich Imperialismus, weißer Vorherrschaft und Kapitalismus. Meiner Meinung nach hat der revolutionäre Schwarze Nationalismus, wie viele Schwarze Anarchist*innen festgestellt haben, seinen Platz im Kampf gegen das Patriarchat, den Kapitalismus und den Staat, um eine Welt frei von allen Formen der Herrschaft zu schaffen.

Kurdischer nationaler Befreiungskampf

Der kurdische nationale Befreiungskampf ist eine sehr zersplitterte Bewegung mit vielen Gruppen und Ansätzen, die jeweils unterschiedliche Lösungen vorschlagen. Nach Hunderten von Jahren der Unterdrückung durch das Osmanische Reich wurden die Kurd*innen in vier Staaten aufgeteilt: Türkei, Syrien, Irak und Iran. Doch die Existenz dieser unabhängigen Staaten löste die kurdische nationale Frage nicht: Sie sind eine unterdrückte Minderheit geblieben. Sie werden gemeinhin als die größte Nation ohne Staat angesehen.

In den 1990er Jahren brach eine der kurdischen nationalen Befreiungsgruppen, die PKK, mit dem Marxismus-Leninismus und dem kurdischen Nationalismus und verfolgte einen demokratischen Konföderalismus, der sich aus dem Kommunalismus und Anarchismus entwickelte. Die PKK steht nun in Opposition zu Kapitalismus, Feudalismus, Imperialismus und Etatismus und befürwortet ein "demokratisches System eines Volkes ohne Staat", das "seine Macht vom Volk nimmt und sich anpasst, um in jedem Bereich Selbstständigkeit zu erreichen." Die PKK hält nach wie vor an der Unabhängigkeit als Endziel fest, allerdings durch den Aufbau der Gesellschaft und nicht durch den Aufbau eines Staates. Sie haben die Autonome Verwaltung von Nord- und Ostsyrien gegründet, die bis 2016 Rojava hieß. Dann wurde das kurdische Wort fallen gelassen, um die multiethnische Einheit zu fördern.

Wir haben also unsere Kritik an der Art und Weise, wie sich der Nationalismus manifestiert, und wir wissen, dass das nicht der einzige Weg ist. Wir haben gesehen, wie die PKK für die kurdische nationale Befreiung gekämpft hat und sich gleichzeitig gegen den Staat und den Kapitalismus gestellt hat, und wir haben gesehen, wie der revolutionäre Schwarze Nationalismus trotz seines Namens einen Kampf gegen den Kapitalismus und manchmal auch gegen den Staat beinhaltet. Wir erkennen die Bedeutung der nationalen Befreiung an, aber wie können wir solche Kämpfe unterstützen und gleichzeitig unseren Prinzipien treu bleiben?

Wahrer Internationalismus

Während der Nationalismus unterdrückter Nationen oft eng mit kapitalistischer und staatlicher Herrschaft verbunden ist, ist die nationale Befreiung gegen die Herrschaft eine Haltung, die jede*r wahre Internationalist*in vertreten sollte. Wahre Internationalist*innen sind Leute, die anerkennen, dass die Einheit der Menschheit nur durch gegenseitigen Respekt, Solidarität und Bündnisse zwischen allen Völkern erreicht werden kann. Ein Teil der internationalen Revolution muss die Beteiligung am nationalen Kampf für Selbstbestimmung und Menschenwürde gegen die imperialistische Vorherrschaft beinhalten.

Wenn wir die männliche Vorherrschaft, also das Patriarchat, ablehnen, müssen wir den Kampf der Frauen dagegen unterstützen. Das bedeutet nicht, dass wir den bürgerlich-liberalen Girl-Boss-Feminismus blindlings unterstützen. Es bedeutet, zuzuhören, zu lernen und gemeinsam das revolutionäre anarcha- feministische Projekt zur Befreiung aller Frauen von der patriarchalen Herrschaft zu entwickeln. Wenn sich Arbeiter*innen entscheiden, eine Gewerkschaft zu gründen, ist die bestehende Gewerkschaft in vielen Fällen pro- kapitalistisch und hierarchisch. Dennoch stehen wir an der Seite der Arbeiter*innen gegen die Bosse, auch wenn wir versuchen, sie von der Notwendigkeit von Gewerkschaftsdemokratie, Militanz und Widerstand gegen die Bürokratie zu überzeugen, um sie von der Klassenherrschaft zu befreien.

Der Preis der Solidarität kann niemals Unterwerfung sein. Solidarität ist keine Belohnung für Gehorsam. Solidarität ist ein Diskurs zwischen Völkern darüber, wie wir unsere eigene Freiheit bestimmen. Auch wenn wir mit der Entwicklung von Staaten nicht einverstanden sind, steht es den Menschen frei, Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen. Natürlich können wir etatistische Elemente in diesen Bewegungen kritisieren. Schließlich haben wir immer wieder gesehen, dass unabhängige Staaten nach wie vor von globalen Mächten und Konzernen beherrscht werden. Unabhängige Staaten bleiben Werkzeuge für lokale Kapitalist*innen, um ihre eigene Bevölkerung auszubeuten. Bitte denke daran, dass unser Ziel definitiv nicht darin besteht, die Führenden zu unterstützen. Nur um das klarzustellen, denn der häufigste Antiimperialismus, den ich in letzter Zeit gesehen habe, war so vulgär.

Beim Antiimperialismus geht es definitiv nicht darum, Führende und Parteien zu unterstützen, die oft selbst imperialistische Ambitionen haben, aber behaupten, antiimperialistisch zu sein. Antiimperialismus bedeutet nicht, Genozid zu leugnen, die unterdrückten Minderheiten in den unterdrückten Ländern zu ignorieren, und es geht definitiv nicht darum, den Staat mit dem Volk zu verwechseln. Du musst Prinzipien haben. Du musst in der Lage sein, dich auf die Komplexität und die Widersprüche der nationalen Befreiungskämpfe einzulassen, Kritik zu üben, wo es nötig ist, und reaktionären, kapitalistischen, patriarchalen und etatistischen Elementen zu widerstehen, wo sie sich zeigen. Unser Ziel ist es, die unterdrückten Massen in ihrem Kampf um Autonomie zu unterstützen und gleichzeitig einen Dialog der Solidarität zu führen.

Behandle die Menschen, mit denen du solidarisch bist, nie als einen Monolithen und vertraue auch nicht denjenigen, die behaupten, für sie zu sprechen. Eine mehrheitliche Zustimmung macht etwas nicht richtig. In nationalen Befreiungsbewegungen gibt es immer Meinungsverschiedenheiten, und du kannst diejenigen unterstützen, deren Visionen deinen eigenen nahe stehen. Wir können uns an diesen Kämpfen beteiligen und sie unterstützen, während wir unseren Gefährt*innen darin helfen, sie in eine revolutionäre, libertäre und sozialistische Richtung zu lenken. Es gibt immer Stimmen, die sich gegen Klassenunterdrückung und Autoritarismus stellen, auch wenn sie sich nicht als Anarchist*innen bezeichnen.

Wie können wir uns also in nationalen Befreiungskämpfen engagieren? Die Umstände sind unterschiedlich. Diese Kämpfe finden oft in anderen Teilen der Welt statt, weit weg von unserer Reichweite. Aber wir können uns trotzdem einmischen. Wendet euch an Organisationen und Gefährt*innen vor Ort, die in den Kampf verwickelt sind. Beginne einen Dialog mit ihnen und finde heraus, wie du sie unterstützen kannst. Höre mehr zu als du sprichst.

Wir verteidigen uns, damit wir alle in Frieden atmen können

William C. Anderson

"Schwarze müssen sich mit jedem einzelnen Mittel des Kampfes beschäftigen: legal, illegal, passiv, aktiv, gewaltsam und gewaltlos." — Lorraine Hansberry

Es kann — und wird — oft noch schlimmer werden, bevor es besser wird. Denke an all die früheren Rebellionen, Aufstände und Proteste gegen die weiße Vorherrschaft und die Unterdrückung durch den Kapitalismus, die uns an diesen Punkt gebracht haben [Essay wurde inmitten der Anfänge der George- Floyd-Rebellion geschrieben, Anm. d. Übers.]. Selbst die Bürger*innenrechtsbewegung war keine völlig legale oder gewaltfreie Angelegenheit, auch wenn sie absichtlich falsch dargestellt wird. Schwarze Männer, Frauen und Kinder haben sich gewehrt und überall, wo es Widerstand gab, Selbstverteidigungspatrouillen gebildet.

Vergiss nicht, dass die Schwarzen einen illegalen Kampf führten, indem sie Gesetze brachen, um gegen die Jim-Crow-Apartheidpolitik zu protestieren. Die Menschen haben "die Nase voll davon die Nase voll zu haben", wie Fannie Lou Hamer 1964 sagte. Wenn sie schon vor über einem halben Jahrhundert erschöpft waren, dann stell dir vor, sie und andere, die an ihrer Seite kämpften, wären noch am Leben, um zu sehen, was jetzt passiert.

Die Dinge sollten nicht so sein, aber der Kampf um die Freiheit und ohne Angst zu leben, wird weitergehen, solange die Unterdrückung grassiert. Was jetzt geschieht, ist das Ergebnis von unbewältigten Problemen wie weißer Vorherrschaft, staatlicher Gewalt und Kapitalismus. Wenn wir uns jetzt nicht mit ihnen auseinandersetzen, werden sie nur wieder auftauchen. Unsere Absichten, wie wir diese Probleme bekämpfen und loswerden wollen, sind also alles in diesem Moment, der uns aufgezwungen wurde. Die Vergangenheit kann uns dabei helfen, diese unerwünschte Gegenwart zu bewältigen. Jeder Sklav*innenaufstand, jeder Aufstand der Native People, jeder Schwarze

Aufstand, jede Sitzblockade, jede Arbeitsniederlegung und jeder Streik hat uns etwas zu sagen.

Jedes Mal, wenn es einen Aufstand gibt, wird mit dem Wort "Revolution" um sich geworfen, aber viele verstehen nicht, dass ein solch bedeutender Wandel nicht in einem Augenblick stattfindet. In den Köpfen, die von der Populärkultur und den oft romantischen Nacherzählungen der Vergangenheit geprägt sind, können einige Dinge verloren gehen. Lorenzo Komboa Ervin, ehemaliges Mitglied der Black Panther Party und Schwarzer Anarchist, ist in dieser Hinsicht ein Vorbild. In Anarchism and the Black Revolution erklärt er, dass "Revolution ein sozialer Prozess und kein einzelnes Ereignis ist".

Diese Ereignisse, Aufstände und Rebellionen wie die, die gerade jetzt auf den Straßen stattfinden, sind nicht die Revolution selbst. Sie sind einzelne Ereignisse in einem langen Prozess, der schließlich zu einem revolutionären Kampf führen kann, der an sich schon ein großes Unterfangen ist. Nichtsdestotrotz haben die Menschen eine wichtige Arbeit geleistet, die uns Hoffnung geben sollte.

Wir holen uns zurück, was uns gehört

Inmitten der Corona-Pandemie und der ununterbrochenen Polizeigewalt traten viele Linke in Aktion, gründeten neue Kollektive und mobilisierten bestehende, um ihre Gemeinschaften durch gegenseitige Hilfe zu unterstützen. Ohne die finanziellen Mittel, den gemeinnützige Organisationen haben, begannen Anarchist*innen, Kommunist*innen, Abolitionist*innen und Menschen ohne ideologisches Etikett, die Bedürftigen zu versorgen und zu betreuen, als der Staat sie im Stich ließ. Viele dieser Bemühungen gab es schon viele Jahre vor der Pandemie.

Jetzt sind Überlebensprogramme wie die der Black Panther von größter Bedeutung, um uns im Kampf gegen die schreckliche Katastrophe einer Pandemie inmitten der ständig eskalierenden staatlichen Gewalt zu unterstützen. Durch die Schaffung von Diensten in den Gemeinschaften, wenn es sonst niemand tut, erfüllen Überlebensprogramme die Bedürfnisse der Menschen, wenn der Staat sich weigert, sie zu erfüllen. Denk an kostenlose Kliniken, kostenlose Frühstücksprogramme, kostenlose Schulen, kommunale Selbstverteidigung und vieles mehr. Die Möglichkeiten sind endlos und es wurde schon einmal gemacht.

Es muss etwas oder jemanden geben, der die Bedürftigen ernährt, beschützt, auffängt, ausbildet, beherbergt und medizinisch versorgt, denn der Staat ist eindeutig mehr daran interessiert, diejenigen zu töten, die seiner Meinung nach keine Hilfe und Versorgung verdienen. Dieser Jemand sind wir alle. Und all das sollte auf eine Art und Weise geschehen, die die kapitalistische Logik des

Geldverdienens und Profitstrebens direkt in Frage stellt. Das sind Rechte, die uns von Geburt an zustehen, und nicht etwas, das wir uns aufgrund des Zustands einer manipulierten Wirtschaft leisten können sollten. Diese Prioritäten müssen an erster Stelle stehen, nicht die Sicherheiten der Reichen und ihr gehorteter Reichtum, während andere an Armut zugrunde gehen.

Während zig Millionen Menschen arbeitslos sind, gibt die US-Regierung den Menschen Krümel, während sie gleichzeitig die Banken und Konzerne mit Billionen von Dollar retten, um eine Krise zu überleben, die sie mit verursacht haben. Das Fehlen einer allgemeinen Gesundheitsversorgung zwang die Schwächsten, die Armen, die Schwarzen, die Indigenen, die People of Color und andere, die Hauptlast der Corona-Pandemie zu tragen.

Die Verzweiflung zeigt sich in den sogenannten "Plünderungen" inmitten des Aufstands. Die Menschen nehmen sich, was sie wollen, denn das ist der Präzedenzfall, den der Staat bereits geschaffen hat: Er nimmt den Armen das Geld weg, damit die Reichen noch reicher werden können. Es ist das Bemühen, das zurückzufordern, was uns Jahr für Jahr genommen wurde, ohne dass uns etwas zurückgegeben wurde, das jetzt die Grundsteine des Landes erschüttert. Wir können diese Realität ändern.

Es gibt Rufe nach einer Rückkehr zur Normalität. Die Menschen schwelgen in Erinnerungen an die früheren Präsidenten Bush und Obama. Doch diese Präsidentschaften haben mit Kriegen, vernachlässigten Krisen, unzähligen Abschiebungen und ständigen staatlichen Übergriffen die Voraussetzungen für diesen Moment geschaffen. Manche sind bereit, Unterdrückung zu akzeptieren, solange sie nach Belieben konsumieren und bequem ihren täglichen Geschäften nachgehen können.

Diese Art zu leben ist keine wahre Befreiung, aber jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um eine Welt zu gestalten, die es ist. Die Probleme, die durch Geld und Klasse entstehen, hindern uns daran, Befreiung zu erfahren. Da wir in einem Land leben, in dem die Frage, ob man genug Geld hat, über fast alle Aspekte des Lebens entscheidet, überleben viele elendig, weil sie nicht genug haben.

Die Barrieren abbauen

Diese Revolten in den USA sind ein Klassenkampf und die Menschen werden sich die Frage stellen müssen, warum einige in der reichsten Nation der Welt mehr als genug haben und andere überhaupt nichts. Das Land, das sich selbst als das freieste der Welt bezeichnet, sollte keine unkontrollierten öffentlichen Hinrichtungen durch die Polizei und ähnliche Armutsraten wie im globalen Süden haben.

Nirgendwo auf der Welt sollte es solche Armut geben, aber die bittere Realität ist, dass die Ungleichheit des Reichtums deutlich wird, wenn eine Nation so reich ist wie die Vereinigten Staaten. Malcolm X sagte deshalb voraus, dass es einen "Kampf zwischen den Unterdrückten und denen, die sie unterdrücken" geben würde, einen Kampf "zwischen denen, die Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit für alle wollen, und denen, die die Systeme der Ausbeutung aufrechterhalten wollen."

Deshalb sehen sich auch Prominente und Politiker*innen und diejenigen, denen es vorher gut ging, einer Gegenreaktion gegenüber. Prominente, die mehr als genug haben, haben oft das Gefühl, dass sie es verdienen, dass alles so bleibt, wie es ist. Aber niemand verdient mehr, nur weil sie berühmt sind, gewählt wurden oder als eine Art "Führende" bezeichnet werden. Wir alle haben ein Recht auf Sicherheit und Ressourcen. Das ist das offenkundige Problem des Kapitalismus, das es erforderlich macht, ihn abzuschaffen und der Hölle zu überlassen, aus der er gekommen ist.

Jetzt, da die Regierung die Menschen wieder zur Arbeit zwingt, ist es klar, dass unsere Arbeit ein entscheidendes Organisierungsinstrument ist. Die Notwendigkeit eines Generalstreiks ist extrem wichtig. Lorenzo Komboa Ervin sprach diese Notwendigkeit ebenfalls an: "Der Generalstreik kann die Form von Industriesabotage, Fabrikbesetzungen oder Sitzblockaden, Arbeitsverlangsamungen, wilden Streiks und anderen Arbeitsunterbrechungen annehmen, um Zugeständnisse auf lokaler und nationaler Ebene zu erreichen." Da unsere Arbeit so wichtig ist, dass wir während einer Pandemie unser Leben riskieren, sollte sie zurückgehalten werden, bis die Menschen das haben, was sie brauchen. Dies kann im Einklang mit allen anderen Aktionen geschehen, die stattfinden.

Es bedarf massiver Anstrengungen, um möglichst allen Menschen politische Bildung zu vermitteln. Die Menschen müssen organisiert und politisiert werden, um die Macht, die wir haben, wenn wir zusammenarbeiten, zu nutzen. Hier geht es nicht um Führung, Wahlen oder darum, das Problem wegzureden. Wenn das funktionieren würde, wären wir gar nicht erst hier. Wie Lucy Parsons einmal schrieb: "Es gibt tatsächliche, materielle Barrieren, die den Weg versperren. Diese müssen beseitigt werden. Wenn wir darauf hoffen könnten, dass sie wegschmelzen oder ins Nichts gewählt oder gebetet werden, würden wir uns damit begnügen, zu warten, zu wählen und zu beten."

Nichts davon wird jedoch einfach sein; keine der Veränderungen, von denen ich hier spreche, wird einfach so geschehen. Wir alle müssen unseren Platz und unsere Aufgabe finden, egal ob wir unterrichten, planen, organisieren, uns kümmern, kochen oder Kunst schaffen. Nicht alle werden auf der Straße sein,

aber einige schon, und die Menschen sollten nichts tun, wozu sie nicht bereit, geübt oder vorbereitet sind.

Es gibt keine einzig richtige Art zu protestieren, und die Behörden werden versuchen, uns zu spalten, indem sie versuchen, die Schuld auf diejenigen zu schieben, die radikale Taktiken anwenden, wie es Schwarze in der Vergangenheit getan haben. Wir können alle etwas Neues lernen, aber wir sollten uns bewusst sein, dass es nicht um jeden Einzelnen von uns geht, sondern um uns alle zusammen.

Unsere Handlungen müssen durch unsere kollektiven Bedürfnisse motiviert sein und nicht durch die Wünsche einer einzelnen Person. Möge dies unser Denken leiten, wenn wir vorankommen. In Anlehnung an Ella Baker hat uns die abolitionistische Pädagogin und Aktivistin Mariame Kaba gesagt, dass wir herausfinden müssen, wer unser Volk ist. Wir müssen wissen, wem gegenüber wir verantwortlich sind, was die Bedürfnisse unseres Volkes sind und dass jede unserer Handlungen einen Zweck hat.

Lehne dich nicht zurück, warte und beschwere dich nicht. Es ist an der Zeit, uns und einander zu verteidigen. Wenn du die revolutionäre Bedeutung verstehst, die in diesem Topf der Revolte brodelt, dann finde deinen Platz und fange an, etwas zu tun, um diese Aktionen auf jede erdenkliche Weise zu unterstützen.

Der Konflikt steht vor unseren Türen, aber sie geschlossen zu halten, wird niemanden vor dem Gestank einer verrotteten Gesellschaft schützen, die ihr Verfallsdatum längst überschritten hat. Hilf mit, die Luft zu reinigen, damit alle in Frieden atmen können.

Sexuelle Gewalt, der Staat und COVID-19

bonnabella

Das Erbe des Kolonialismus basiert auf sexuelle Gewalt. Was einst ein Kontrollmechanismus war und immer noch ist, mit dem die Siedler*innen Indigene Gemeinschaften terrorisierten, geschieht jetzt in der Heimat unserer Angehörigen. Unter Berücksichtigung all dessen, was diese Krise der Welt gebracht hat, wissen wir heute mehr denn je, dass der koloniale Staat darauf ausgerichtet ist, Gewalt gegen und in den Gemeinschaften fortzusetzen, die am meisten unter dem Kolonialismus gelitten haben — Schwarze/Indigene People of Color (BIPOC).

Einer der wichtigsten Auslöser für sexuelle Gewalt ist wirtschaftlicher Stress. Täter*innen aller Art nutzen den Druck, unter dem die Lohnabhängigen dieser Welt stehen, voll aus. Aber wer sind eigentlich die Menschen, die am meisten von Geld, Nahrung und Unterkunft abhängig sind? Unsere Kinder. Die Bevölkerung, die im Moment am meisten gefährdet ist, sexuell missbraucht zu werden, sind Kinder. Die Täter haben den ganzen Tag über Zugang zu den in ihrer Wohnung gefangenen Opfer. Gleichzeitig fordern Vermieter sexuelle Gefälligkeiten von ihren schutzbedürftigen Mieter*innen, dafür dass sie den Zugang zu einer Unterkunft sichern.

Der Staat sagt: "Bleib sicher, bleib gesund, bleib zu Hause". Für viele ist das Zuhause nicht sicherer. Nicht, wenn zu Hause bedeutet, dass man finanziell und in Bezug auf Essen und Unterkunft von den Tätern abhängig ist. Wir wissen, dass die Raten der sexuellen Gewalt gegen Opfer, insbesondere Kinder, vor COVID-19 mehr als alarmierend waren. Die Daten aus den USA zeigen, dass 63000 Kinder pro Jahr Opfer von sexuellem Missbrauch werden, dass mehr als die Hälfte der Indigenen Frauen von ihrem Intimpartner missbraucht werden und dass 22 % der Obdachlosen, trans Personen und Two-Spirit-People, die in staatlich sanktionierten Unterkünften untergebracht waren, von Personal oder Mitbewohnenden sexuell missbraucht wurden.

Um es ganz klar zu sagen: Wären wir da, wo wir jetzt sind, wenn wir nicht von einem System abhängig wären, das uns jahrhundertelang im Stich gelassen,

BIPOC zu Rädchen in einer Maschine gemacht und uns mit der Einführung von Alkohol und sexueller und häuslicher Gewalt vergiftet hat?

Wir können hier den ganzen Tag sitzen und über diese Themen reden, und das tun wir schon seit Jahrhunderten. Überlebende von sexueller und häuslicher Gewalt, aber auch von staatlicher Kolonialgewalt, haben diese Gespräche angeführt, seit europäische Terroristen ihren Fuß auf diesen Kontinent gesetzt haben. Tatsache ist, dass die überlebenden Frauen und Two-Spirit-People, die die Mehrheit der Verfechtenden einer Welt ohne sexuelle Gewalt ausmachen, nicht gehört wurden. Es ist an der Zeit, dass Cis-Männer, die 98% der Gewaltverbrecher*innen ausmachen, etwas tun. Der Wandel muss von Männern ausgehen und von ihnen angeführt werden — denn wenn überlebende Frauen und Two-Spirit-People in der Lage wären, den Wandel herbeizuführen, hätten wir es mit all unseren Bemühungen schon längst geschafft. Männer müssen dabei helfen, eine Welt zu schaffen, in der alle Männer und Jungen liebevoll und respektvoll sind und alle Frauen, Mädchen sowie Two-Spirit- People wertgeschätzt und sicher sind. Männer müssen dabei helfen, eine Welt zu schaffen, in der die fortgesetzte Gewalt von Männern gegen Frauen, Mädchen und Two-Spirit-People nicht anders gesehen wird als die koloniale Gewalt, die die europäischen Siedler zuerst an unseren Frauen, Kindern, Two- Spirit-People und unserer größten Fürsorgerin — Mutter Erde — verübt haben. Männer müssen helfen, eine Welt zu schaffen, in der das Matriarchat wiederhergestellt und der Kolonialismus abgeschafft wird.

Der Kampf gegen sexuelle Übergriffe und zwischenmenschliche / geschlechtsspezifische Gewalt in unseren Gemeinschaften ist unser gemeinsamer Kampf. Verantwortung beginnt und endet nicht, wenn Übergriffe begangen werden, sondern es muss ein fester Bestandteil dessen sein, was und wer wir jeden Tag sind.

Einige Schritte:

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Einwilligung akzeptieren.

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Persönliche Grenzen achten und respektieren (und dabei helfen, sie zu stärken).

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Lerne, höre zu und entwickle ein Verständnis für die Ursachen geschlechtsspezifischer Gewalt wie Hetero-Patriarchat, historisches Trauma, Kolonialismus, weiße Vorherrschaft, Kapitalismus, verinnerlichte Unterdrückung und Ökozid und setze dich direkt mit ihnen auseinander.

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Sexistisches, homo- und transfeindliches Verhalten in all seinen Formen herausfordern.

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Ehre Two-Spirit-People und trans Personen.

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Überlebende in den Mittelpunkt stellen und ihnen intensive Betreuung, Einfühlungsvermögen, Mitgefühl, Verständnis und andere Formen der Unterstützung bieten.

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Respektiere die Autonomie der Überlebenden.

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Betreibe kein Opfer-Blaming.

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Apologetisches Verhalten sollte nicht fortgesetzt oder unterstützt werden.

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Sich an Prozessen der transformativen und wiederherstellenden Gerechtigkeit beteiligen.

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Unterstütze die Heilung der Überlebenden und stelle den Zugang zu notwendigen Diensten sicher.

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Jungen und Männern das Einverständnis und die Einhaltung von Grenzen beibringen.

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Beleidigendem Humor und Sprache entgegentreten.

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Machismo, Manarchismus, Mansplaining und andere beschissene Handlungen/Verhaltensweisen überprüfen.

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Erkenne, dass Missbrauch nicht nur körperlich, sondern auch psychologisch, verbal, wirtschaftlich, indirekt und verinnerlicht sein kann.

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Erkenne, dass geschlechtsspezifische Gewalt kein persönliches oder individuelles Problem ist, sondern eine Störung in unseren Gemeinschaften und Kulturen.

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Sich für die vollständige Abschaffung der Vergewaltigungskultur einsetzen.

Wenn unsere Bewegungen wirklich befreiend sein sollen, dürfen wir nicht zögern, uns in diesem entscheidenden Kampf zu engagieren. Das liegt in unser aller Verantwortung.

Zerschlage den Kolonialismus. Zerschlage das Hetero-Patriarchat.

Warum ich Anarchist bin

Lorenzo Kom'boa Ervin

Die anarchistische Bewegung in den USA ist zum allergrößten Teil weiß, und ihre Anhänger*innen entstammen der Mittelklasse. Außerdem ist sie zum Großteil pazifistisch. Es stellt sich also die Frage: Warum bin ich ein Teil dieser Bewegung, wenn nichts davon für mich gilt?

Der Grund ist, dass ich eine Vision habe, die über die heutige anarchistische Bewegung in Nordamerika weit hinausgeht. Ich habe die Vision einer Bewegung, die Hunderttausende, vielleicht Millionen von Schwarzen, Latinx und andere nicht-weiße Arbeiter*innen vereinen wird. Dies wird keine Bewegung sein, der sich Schwarze Arbeiter*innen und andere Unterdrückte einfach "anschließen" werden, sondern es wird eine unabhängige Bewegung sein, eine Bewegung mit ihrer eigenen sozialen Perspektive, kulturellen Bestimmung und politischen Ausrichtung. Sie wird im Herzen anarchistisch sein, und zwar so anarchistisch, wie es keine europäische soziale oder kulturelle Bewegung je war. Die Arbeiter*innen, die diese Bewegung konstituieren werden, werden wie ich glauben, dass der Anarchismus der demokratischste, effektivste und radikalste Weg ist, unsere Freiheit zu erreichen — doch sie werden gleichzeitig davon überzeugt sein, dass wir zunächst der Freiheit bedürfen, diesen Weg selbst zu konzipieren, ob das nun von weißen nordamerikanischen Anarchist*innen verstanden oder "gutgeheißen" wird oder nicht. Unsere Freiheit muss von uns selbst erkämpft werden, niemand kann das an unserer Stelle tun. (Auch wenn uns andere in unserem Kampf helfen können.)

Ich schreibe diesen Text vor allem aus drei Gründen: 1. Um eine landesweite Föderation zum Kampf gegen Rassismus und Polizeigewalt zu gründen, die anarchistisch ist oder in der zumindest viele Anarchist*innen engagiert sind. 2. Um eine Koalition zwischen Anarchist*innen und revolutionären Schwarzen Organisationen wie der neuen Black-Panther-Bewegung der 1990er zu schaffen. 3. Um in den afroamerikanischen und anderen unterdrückten Gemeinschaften, in denen Anarchismus bestenfalls ein Kuriosum ist, einen neuen revolutionären Impuls zu schaffen und die Gründung neuer Organisationen zu ermöglichen. Ich denke, dass dies meine Aufgabe als entschlossener, respektierter libertärer Revolutionär ist. Würden weiße Anarchist*innen diese Ideen in die besagten Gemeinschaften tragen wollen, sie würden kaum ernst genommen, egal wie gut ihre Absichten sein mögen.

Warum ich Anarchist bin, werde ich nunmehr erklären:

In den 1960ern war ich Teil einer Reihe von revolutionären Schwarzen Bewegungen, inklusive der Black Panther Party, für deren Scheitern ich vor allem den autoritären Führungsstil von Huey P. Newton, Bobby Seale und anderen Angehörigen des Zentralkomitees verantwortlich mache. Dies sollen keine persönlichen Schuldzuweisungen sein, doch es muss betont werden, dass viele Fehler gemacht wurden, dass die Führung der Partei zu weit von den lokalen Gruppen (die sich auf das ganze Land verteilt hatten) entfernt war und dass sich eine Befehls- und Zwangsstruktur entwickelt hatte, die von denjenigen, die in Führungspositionen saßen, bestimmt wurde. Gleichzeitig wurden viele Probleme durch die marxistisch-leninistische Ausrichtung der Organisation geschaffen. Es gab wenig innerparteiliche Demokratie, und wenn es zu Konflikten kam, waren es die Anführenden, welche die entsprechenden Entscheidungen trafen — die Leute an der Basis hatten wenig zu sagen. Schließlich kam es immer häufiger zu internen Säuberungen, und viele gute Leute wurden einfach deshalb aus der Partei ausgeschlossen, weil sie nicht mit der Meinung der Führung übereinstimmten. Letztere konzentrierte so viel Macht auf sich, dass die Partei als Massenbewegung schließlich mehr oder weniger zu existieren aufhörte, während die Anführenden sich nach Oakland, Kalifornien, zurückzogen.

Natürlich sind viele Fehler, die gemacht wurden, der Tatsache zuzuschreiben, dass die Black Panther Party eine junge Organisation war, die sich erbarmungslosen Angriffen von Seiten des Staates ausgesetzt sah. Ich will nicht behaupten, dass die Fehler, die intern gemacht wurden, der Hauptgrund für das Ende der Partei waren. Der Hauptgrund waren die Angriffe des Staates. Wenn die Partei jedoch besser und demokratischer organisiert gewesen wäre, hätte sie diesen Angriffen vielleicht standgehalten. Meine Kritik darf nicht als leichtfertig oder gehässig missverstanden werden. Ich liebte die Black Panther Party. Und niemand — weder ich noch sonst irgendwer, und egal, wie viel Kritik angebracht sein mag — kann der Partei die enorm wichtige Rolle nehmen, die sie für die Schwarze Befreiungsbewegung der 60er Jahre gespielt hat. Trotzdem müssen wir alle Aspekte der Organisation und ihrer Geschichte betrachten, um die Fehler, die begangen wurden, nicht zu wiederholen.

Ich denke, dass die kurze Zeit, die ich in der Partei verbracht habe, sehr wichtig war, da sie mir die Grenzen, ja das Versagen, autoritärer Führungsstrukturen in einer revolutionären Bewegung zeigte. Das Problem waren nicht die individuellen Persönlichkeiten derjenigen, die Führungspositionen innehatten — das Problem war, dass es einen Widerspruch gab zwischen ihren Interessen und den Interessen der Leute an der Basis.

Später zog ich dieselbe Lehre aus meiner Verbindung mit der African People's Socialist Party (APSP) — das war in den 1980er Jahren, nachdem ich aus dem Gefängnis entlassen worden war. Ich traf Omali Yeshitela im Gefängnis in Leavenworth, Kansas, als er 1979 zu unseren jährlichen Feiern anlässlich des Black Solidarity Day eingeladen wurde. Wir blieben in Kontakt, vor allem in Zusammenhang mit der Gründung der Schwarzen Gefangenenhilfsorganisation African National Prison Organization (ANPO), die von der APSP initiiert worden war. Die ANPO leistete zweifellos gute Arbeit. Neben jenen der News and Letters Committees, der Kentucky-Sektion der National Alliance Against Racism and Political Repression sowie der Social Revolutionary Anarchist Federation (die es jetzt nicht mehr gibt) waren es die Briefe und Telefonanrufe der ANPO, die mir das Leben retteten, als ich an Tuberkulose erkrankt war. Ohne sie wäre ich nie ins Krankenhaus überführt worden. Leider löste sich die Gruppe auf, als Sektierertum die Gründung einer gemeinsamen Organisation platzen ließ.

Unmittelbar nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis verlor ich den Kontakt zur APSP, da die Organisation von Louisville, Kentucky, an die Westküste gezogen war. Erst 1987 sprachen wir uns wieder, anlässlich einer Massendemonstration gegen Polizeigewalt, die wir in meiner Heimatstadt organisierten. Gemeinsam mit der NAPO und verschiedenen anderen linken Gruppen nahm die APSP an der Demonstration teil, und in den nächsten zwei Jahren tauschten wir uns immer wieder aus. Aber ich fühlte ständig, dass die APSP politisch eine autoritäre Organisation war, und obwohl ich niemals ein Mitglied wurde, war mir ihre organisatorische Struktur nicht geheuer.

Im Sommer 1988 reiste ich schließlich nach Oakland, einerseits um einen "Agitator*innen-Kurs" zu besuchen, andererseits um mehr über die internen Dynamiken der APSP zu erfahren. Für sechs Wochen arbeitete ich von ihrem Zentralbüro aus an lokalen Projekten. Dies erlaubte mir, einen wirklichen Einblick in die Arbeit und Politik der Organisation zu gewinnen. Ich erfuhr von den Säuberungen, Fraktionskämpfen und dem diktatorischen Stil (bzw. dem "Ein-Mann-Führungsstil") der Partei. Als ich gefragt wurde, ob ich nicht im Herbst zu einem Treffen nach Philadelphia reisen wollte, um die ANPO wiederzubeleben, willigte ich dennoch ein.

In Philadelphia angekommen, wurde ich jedoch richtig unruhig, als mir offenbart wurde, dass ich auf einer Liste von "Kandidat*innen" stand, aus denen sich die Offiziellen der ANPO-Gruppe formieren sollten. Dafür hatte es nie eine demokratische Diskussion unter denjenigen gegebenen, welche die Basis der Organisation bilden sollten, und diesen Aktivist*innen war es nicht möglich, sich selbst als Kandidat*innen zu nominieren. Schlussendlich wurde ich tatsächlich zum obersten Offiziellen der Organisation gewählt. Auch wenn ich immer noch daran glaube, dass es eine Massenbewegung politischer Gefangener geben

muss — im Besonderen eine Schwarzer Gefangener —, wusste ich sofort, dass die wiederbelebte ANPO diese Aufgabe nicht erfüllen konnte, da es ihr nicht gelingen würde, die Kräfte Schwarzer und progressiver Bewegungen wirklich zu vereinen. Nur so kann aber die Massenbasis geschaffen werden, die für eine effektive Organisation politischer Gefangener unerlässlich ist. Im Falle der Wiederbelebung von ANPO ging es nur darum, eine Partei und ihre Politik zu fördern. Die Befreiung der Gefangenen schien in Wirklichkeit zweitrangig. Ich verließ die Organisation daher und habe seither nichts mehr mit ihr zu tun gehabt. Ich erlaube niemandem, mich zu missbrauchen — zumindest nicht lange. Es war desillusionierend und deprimierend zu realisieren, was hier wirklich vor sich ging.

Die frühe Phase des Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) war etwas Besonderes. Keine Phase der Schwarzen Befreiungsbewegung — vorher oder nachher — kann mit ihr verglichen werden. Die meisten der SNCC- Aktivist*innen entstammten der Mittelklasse und waren College-Intellektuelle. Dazu kam eine kleine Anzahl von Aktivist*innen an der Basis, die der Arbeiter*innenklasse entstammten. Trotzdem wurde eine Arbeitsweise entwickelt, die sehr antiautoritär und in der Bürgerrechtsbewegung einzigartig war. Anstatt Repräsentant*innen einer Zentralorganisation in alle möglichen Orte zu schicken, um dort die lokalen Kämpfe zu führen — so wie Dr. Martin Luther King Jr. und sein Southern Christian Leadership Council (SCLS) es taten

—, schickte das SNCC einfache Agitator*innen, die direkt mit den Menschen der betroffenen Gemeinschaften zusammenarbeiteten, um eine lokale Kontrolle der Kämpfe zu entwickeln und zu sichern. Das SNCC glaubte an die Fähigkeit der Menschen der Basis, ihre Ziele selbst zu formulieren und die Wege selbst zu finden, entlang derer sie diese Ziele erreichen wollten. Seine Angehörigen wandten sich gegen die Vorstellung, dass diese Menschen Befehle oder Führung von anderen benötigten. So gab es auch innerhalb des SNCC keine mächtigen Anführenden. Es gab Personen, die mit einer gewissen Entscheidungsgewalt ausgestattet waren, doch mussten sie sich stets den Ausschüssen der Basis gegenüber verantworten, was ansonsten innerhalb keiner der Organisationen, welche die Bürgerrechtsbewegung konstituierten, der Fall war.

Das SNCC war außerdem eine säkulare Organisation. Dies unterschied sie wesentlich von Organisationen wie beispielsweise dem SCLS, der von Schwarzen Predigern geformt wurde und seine Organisationsstruktur auf derjenigen Schwarzer Kirchen aufbaute, in denen eine religiös legitimierte Autoritätsfigur ihren Untergebenen Befehle erteilt.

Die meisten Politolog*innen und Historiker*innen weigern sich bis heute, die Effektivität des SNCC in der Bürgerrechtsbewegung anzuerkennen, doch viele der erfolgreichsten Kämpfe der Bewegung wurden von ihnen initiiert und

gewonnen, etwa der Großteil der Wahlrechtskämpfe oder die sogenannte "Mississippi-Phase". Ich lernte im SNCC eine Menge über interne Demokratie und darüber, wie das Überleben bzw. die Moral einer Organisation von deren Stärke abhängt. Alle Menschen, die im SNCC organisiert waren, konnten in die Entscheidungsprozesse der Organisation eingreifen und fühlten sich damit als Teil eines historischen Moments, der für immer ihre Leben verändern sollte. Und sie hatten Recht. Auch wenn das SNCC später von den Reichen zerstört und ein autoritärer Führungsstil eingeführt wurde, hatten wir alle, die wir im SNCC engagiert waren, aus diesem Engagement enorm wichtige Lehren für unser Leben gezogen.

Nachdem ich gezwungen wurde, die USA zu verlassen, überdachte ich vieles neu. Ich ging zuerst nach Kuba, dann in die Tschechoslowakei und andere Länder des "sozialistischen Blocks", wie das damals genannt wurde. Auch wenn diese Länder viele bedeutende Reformen durchgeführt und die materiellen Lebensbedingungen vieler ihrer Einwohner*innen verbessert hatten, war mir klar, dass sie im Grunde Polizeistaaten waren. Außerdem existierte in diesen Ländern nach wie vor Rassismus, den Menschen wurden grundlegende demokratische Rechte verweigert, und es gab teilweise Armut, wie ich sie nicht für möglich gehalten hätte. Darüber hinaus war die Korrumpiertheit der "kommunistischen" Mächtigen unübersehbar — ihnen ging es gut, während die Arbeiter*innen reine Lohnsklav*innen waren. Ich dachte mir, dass es einen besseren Weg geben müsse als diesen. So stieß ich auf den Anarchismus, über den ich zu lesen begann, als ich in Ostdeutschland gefangen genommen wurde, und über den ich schließlich mehr erfuhr, als ich in den USA im Gefängnis saß.

Es ist unvermeidlich, im Gefängnis über seine Vergangenheit nachzudenken und all seine bisherigen Vorstellungen zu hinterfragen. Ich reflektierte über meine Erfahrungen in der Schwarzen Befreiungsbewegung, meine schlechte Behandlung in Kuba, meine Gefangennahme in und meine Flucht aus der Tschechoslowakei sowie meine endgültige Gefangennahme in Ostdeutschland. Ich ließ all dies immer und immer wieder in meinem Kopf Revue passieren.

Zu meiner ersten richtigen Einführung in den Anarchismus kam es 1969, unmittelbar nachdem ich in die USA zurückgebracht und in New York City eingesperrt worden war. Dort traf ich Martin Sostre. Sostre erklärte mir, wie ich im Gefängnis überleben würde, er gab mir zu verstehen, wie wichtig es ist, für die demokratischen Rechte der Gefangenen einzutreten, und versuchte, mir den Anarchismus begreiflich zu machen. Trotz des enormen Respekts, den ich Sostre entgegenbrachte, hatte dieser Einführungskurs in den Anarchismus keine unmittelbaren Auswirkungen, schlicht deshalb, weil ich damals seine theoretischen Konzepte nicht verstand.

Erst 1973, nach bereits dreijähriger Haft, beschäftigte ich mich wieder mit anarchistischen Ideen, da ich von Anarchist*innen, die sich meines Falles angenommen hatten, anarchistische Literatur erhielt. Damit begann meine langsame Wandlung hin zu einem überzeugten Anarchisten. Freilich sollte es noch ein paar Jahre dauern, bis diese Wandlung gänzlich vollzogen war. Während der späten 1970er Jahre wurde ich vom Anarchist Black Cross in England adoptiert, ebenso wie von einer holländischen anarchistischen Gruppe namens HAPOTOC (Help A Prisoner Oppose Torture Organizing Committee), die auch eine internationale Unterstützungskampagne organisierte. Dies führte dazu, dass tatsächlich Menschen aus allen Teilen der Erde an die US- Regierung appellierten, mich frei zu lassen.

Ich begann, eine Reihe von Artikeln für die anarchistische Presse zu schreiben und trat der Social Revolutionary Anarchist Federation, der IWW und einer Reihe anderer anarchistischer Gruppen in den USA (und darüber hinaus) bei. Bald jedoch war meine anfängliche Begeisterung verflogen. Das Unvermögen der anarchistischen Bewegung, die weiße Vorherrschaft zu bekämpfen, ebenso wie der Mangel an einer effektiven Politik des Klassenkampfes, frustrierten mich zusehends. Dies motivierte mich 1979, den Text Anarchism and the Black Revolution zu schreiben. Es ging mir darum, den erwähnten Fragen eine stärkere Präsenz in der anarchistischen Bewegung zu schaffen. Als ich 1983, nach beinahe 15 Jahren Haft, aus dem Gefängnis entlassen wurde, hatte der Text eine Reihe von Anarchist*innen beeinflusst, denen es mit dem Kampf gegen den Rassismus sowie mit dem Klassenkampf wirklich ernst war. Trotzdem wandte ich mich bald enttäuscht von der anarchistischen Bewegung ab.

Es sollte bis 1992 dauern, bis ich mit der anarchistischen Bewegung wieder Kontakt aufnahm. Dies verdankt sich einem Treffen mit einem Anarchisten namens John Johnson, zu dem es in jenem Jahr in meiner Heimatstadt Chattanooga, Tennessee, kam, wo ich in lokalen sozialen Projekten arbeitete. Johnson gab mir eine Ausgabe der Zeitschrift Love & Rage, woraufhin ich Chris Day von der Love & Rage Federation und Gefährt*innen von der WSA in New York kontaktierte.

Der Rest ist, wie es so schön heißt, Geschichte, und seither bin ich mit mehr Eifer denn je bei der Sache. Ich sehe, dass es heute Menschen in der Bewegung gibt, welche die Mechanismen der weißen Vorherrschaft verstehen. Diese Menschen haben mich auch darin bestärkt, Anarchism and the Black Revolution zu überarbeiten. Ich habe dies dankbar getan.

Warum bin ich also Anarchist? Weil es eines alternativen revolutionären Prozesses bedarf. Es gibt einen besseren Weg. Wenden wir uns ihm zu!

Was wir mit Schwarzer Autonomie meinen

Black Autonomy Federation

Aufgrund der dualen Formen der Unterdrückung nicht-weißer Arbeiter*innen und der Tiefe der sozialen Verzweiflung, die dadurch entsteht, müssen Schwarze und People of Color zuerst streiken, egal ob ihre potentiellen weißen Verbündeten dafür zur Verfügung stehen oder nicht. Das ist Selbstbestimmung und deshalb ist es notwendig, dass unterdrückte Arbeiter*innen unabhängige Bewegungen aufbauen, um ihre eigenen Völker zuerst zu vereinen. Malcolm X war der erste, der dies wirklich erklärt hat. Diese Selbstaktivität der unterdrückten Massen of Color, wenn sie das radikale Stadium erreicht, ist von Natur aus eine revolutionäre Kraft und ist ein wesentlicher Teil des sozialrevolutionären Prozesses der gesamten Arbeiter*innen- und Armenklasse.

Als Schwarze und andere unterdrückte People of Color durchleben wir einige der gefährlichsten Zeiten sowohl in der amerikanischen als auch in der Weltgeschichte. Das weiße Imperium ist im Niedergang begriffen, aber in seiner Verzweiflung, sich an die Macht zu klammern, sehen wir uns mit Polizeimorden und Brutalität, Masseninhaftierungen von Jugendlichen of Color, Racial Profiling, entwürdigender Armut und Arbeitslosigkeit, repressiver Anti-Terror- Gesetzgebung und neuen Eroberungskriegen konfrontiert und doch hören wir nicht die Stimmen der organisierten People of Color in ihren Millionen in Nordamerika. Stattdessen sind wir Teil der "Agenda von jemand anderem" oder der "politischen Organisation von jemand anderem", aber es ist jetzt an der Zeit, unsere eigene aufzubauen und für uns selbst zu sprechen. Wir müssen nicht nur unsere Rechte einfordern, unsere "Rechte" in einer westlichen kapitalistischen Gesellschaft, sondern dafür kämpfen, eine neue Welt aufzubauen.

Die Schwarzen, Braunen, Gelben, Roten und andere unterdrückte People of Color dieses Planeten Erde sind Genozid, Rassismus, Kriegen, Sklaverei, Folter, wirtschaftlicher Ausbeutung und anderen Formen der Unterdrückung ausgesetzt, die von den westlichen imperialistischen Ländern auf sie gehäuft werden. Seit Jahrhunderten haben wir versucht, Widerstand zu leisten, individuell und mit antikolonialen/befreienden und anderen Kämpfen in unseren Ländern, aber jetzt müssen wir eine vereinte Front von People of Color überall

aufbauen, die denselben Feind, dieselben Kämpfe kämpfen. Die ganze Welt ist jetzt ein Ghetto, eine 'Hood', mit armen/arbeitenden People of Color in Brüssel, London, Paris, New York, Los Angeles, Durban, Detroit, Lagos, Libanon und Städten auf der ganzen Welt, die das gleiche Leben in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Entbehrung führen.

Es ist also an der Zeit, unsere Völker in den Barrios, den Ghettos, den Weilern, den Vierteln, Hütten, Student*innenwohnheimen, High Schools, Kirchen, Gefängnissen und anderen Orten, wo wir sie finden, zu organisieren. Wir müssen eine Föderation von autonomen People of Color organisieren und beginnen, eine verlorene Kunst unter Aktivist*innen heutzutage zu praktizieren: gemeinschaftsbasiertes Organisieren für die Macht der Menschen an der Basis.

Wir müssen uns selbst herausfordern, ernsthafte Organisator*innen und Aktivist*innen in unseren eigenen Gemeinschaften zu werden, um uns mit anderen zu vernetzen und eines Tages eine mächtige Bewegung aufzubauen, die die Welt verändern kann. Und wir müssen uns sowohl zu einer starken Stimme in der anarchistischen Szene als auch zu einer Alternative in der radikalen sozialen Veränderungsbewegung im Allgemeinen machen, anstatt nur marginale oder symbolische Schwarze, Braune, Gelbe oder Rote Gesichter in kleiner Zahl innerhalb weißer radikaler Tendenzen. Autonomie bedeutet Unabhängigkeit.

Jenseits des Nationalismus, aber nicht ohne ihn

Ashanti Alston

"Was mich mehr als alles andere am Anarchismus und seiner Relevanz für die Schwarze Revolution motiviert, ist, dass er mir einige mächtige Einsichten darüber geboten hat, warum wir nicht in der Lage waren, uns von unserer Niederlage (der Revolution der 60er Jahre) zu erholen und zu den Arten von Einheiten, Organisationen und Aktivitäten vorzustoßen, die unbesiegbare revolutionäre Bewegungen ausmachen." – Anarchist Panther, Vol. 1

"...uns wurde beigebracht, unsere Unterschiede entweder zu ignorieren oder sie als Gründe für Trennung und Misstrauen zu sehen, anstatt als Kräfte für Veränderung. Ohne Gemeinschaft gibt es keine Befreiung, nur den verletzlichsten und vorübergehenden Waffenstillstand zwischen einem Individuum und seiner Unterdrückung. Aber Gemeinschaft darf weder bedeuten, dass wir unsere Unterschiede aufgeben, noch dass wir pathetisch so tun, als gäbe es diese Unterschiede nicht." – Audre Lorde

Dieses großartige Zitat von Audre Lorde, entnommen aus Arsenal No 4, leitet ihre Diskussion zum gleichen Thema ein. Als Schwarzer Anarchist, der es satt hat, dass vor allem weiße Anarchist*innen den Nationalismus einfach abweisen, schätze ich es sehr, dass Arsenal und ONWARD als zwei der neuesten Zeitungen/Mags in der Szene dieses Thema aufgreifen.

Es gibt alle Arten von Nationalismus und es gibt alle Arten von Reaktionen auf Nationalismus. Ich persönlich habe mich durch einige der Schwarzen Nationalismen, die spezifisch für die Schwarze Community sind, bewegt und bin darin gewachsen.

Der Schwarze Nationalismus hat mir in gewisser Weise als Teenager in den 1960er Jahren das Leben gerettet. Er "rüttelte" an meiner unbewussten Akzeptanz des Amerikanismus, der meine Völker verfolgte, und half mir, das

größere Bild zu sehen. Ich bin ein Kind der 60er Jahre. Es gab Malcolm, es gab

H. Rap Brown und Stokeley Carmichael von der Black Power Bewegung, und dann gab es die Black Panther Party. Alle waren Nationalist*innen, alle repräsentieren eine Entwicklung des Nationalismus innerhalb der Schwarzen Gemeinschaft. Aufgrund der total rassistischen, genozidalen Dynamik innerhalb dieses babylonischen Imperiums, verstanden Schwarze Nationalist*innen, dass wir in erster Linie auf uns selbst schauen müssen, um uns zu befreien. Und keiner dieser Denker*innen hatte das Gefühl, dass es notwendig war, bei dem weißen Mann — vom Herrscher bis zum Revolutionär — 'einzuchecken', um zu sehen, ob es in Ordnung war. Es ging um unser Überleben als Volk, nicht als diese mythische "Arbeiter*innenklasse" oder diese ebenso mythischen "Bürger*innen". Für mich, als dieser Teenager, der gerade die Rebellionen der 60er Jahre in meiner eigenen durch und durch rassistischen Heimatstadt miterlebt hatte, war der Nationalismus ein Lebensretter: "WIR MÜSSEN UNS LIEBEN." "BLACK IS BEAUTIFUL." "WIR MÜSSEN UNSERE EIGENEN GEMEINSCHAFTEN KONTROLLIEREN."

Als Anarchist, der nach etwas gutem anarchistischen Zeug aus den 60er Jahren suchte, um es hochzuhalten und den "Beweis" zu erbringen, dass die Anarchist*innen hinsichtlich der Position des Nationalismus besser waren als die Marxist*innen und Leninist*innen, fand ich kaum etwas! Ich fand einige positive Sachen von einer "libertären" Publikation, aber zu meiner Überraschung vertraten sie die "anarcho-kapitalistische" Tendenz! Dennoch fand ich sie auf den Punkt und konsistent in Bezug auf den RESPEKT gegenüber Nationalismus und nationaler Befreiung. (Das Libertarian Forum der späten 60er und frühen 70er Jahre. Karl Hess, Joseph Peden, und Murray N. Rothbard). Sie verstanden zumindest, dass der nationalistische Kampf der Schwarzen ein Kampf gegen den Staat war, den babylonischen Staat. Sie schauten sich auch an, was die nationalistischen Gruppen in ihrer tatsächlichen Praxis an der Basis taten, wie z.B. die Schaffung konkreter Verteidigungen gegen Repression und Alternativen in den Überlebensinstitutionen. So mochten sie, was die Panther durch ihre Programme vor Ort taten und unterstützten diese Art von Nationalismus als vereinbar mit dem "Anarchismus vor Ort". Paul Goodman machte ähnliche Beobachtungen über die frühen Gruppen der Bürger*innenrechtsbewegung. Aber es wurde verstanden, dass diese Gruppen sich mit Fragen des Überlebens gegen den Genozid beschäftigten, und dass diese Gruppen ihre eigenen Analysen und Programme entwickelten, um ihre Gemeinschaften zu sammeln. Die Libertären des Libertarian Forum standen den Panthers interessanterweise kritisch gegenüber, als sich die Partei dem Marxismus und anderen autoritären Ideologien zuwandte, weil die Überlebensprogramme in ihrer Praxis nicht mehr spontane Antworten auf spezifische Unterdrückungen waren, sondern zunehmend unter der engen Kontrolle der Partei gehalten wurden. Macht dem Volke -vs.- Macht der Partei?

Nationalismus und Etatismus sind unterschiedlich, weil Nationalismus anti- staatlich sein kann. Aber sie können Gemeinsamkeiten darin haben, dass Nationalismus nur gegen eine bestimmte Art von Staat sein kann, wie z.B. einen rassistischen Staat oder einen faschistischen Staat. Anarchismus und Nationalismus sind sich insofern ähnlich, als dass sie beide antistaatlich sind, aber was bedeutet es, wenn die spezifischen anarchistischen Bewegungen innerhalb eines bestimmten Landes rassistisch sind und jeglichen Nationalismus ablehnen, sei er reaktionär oder revolutionär? Für mich geht es selbst beim Nationalismus eines Louis Farrakhan um die Rettung meines Volkes, obwohl er auch durch und durch sexistisch, kapitalistisch, homofeindlich und potentiell faschistisch ist. Dennoch hat er eine wichtige Rolle dabei gespielt, einen gewissen Schwarzen Stolz und Widerstand aufrecht zu erhalten. Ihre Arbeit "am Boden" ist sehr wichtig, um eine antirassistische Mentalität aufrecht zu erhalten. Als Schwarzer Anarchist ist das MEIN Thema, mit dem ich mich befassen muss, weil es MEINE Leute sind. Aber es zeigt auf, wo Anarchismus und Nationalismus Unterschiede haben: Die meisten Anarchist*innen in den USA haben KEIN Verständnis dafür, was es bedeutet, in dieser abgefuckten Gesellschaft SCHWARZ zu sein. Wir haben nicht den Luxus, so intellektuell über diesen quälenden Stiefel in unserem kollektiven Nacken zu sein, dieses modernen Middle Passage [1] in den Gefängnisindustriekomplex und andere Formen der Neo-Sklaverei.

Als postmoderner Anarchist ist Identitätspolitik wichtig für mich. Jedes Mal, wenn ich höre, wie jemand über meine Leute spricht, als ob wir nur eine "Arbeiter*innenklasse" oder ein "Proletariat" wären, möchte ich so weit wie möglich von dieser Person oder Gruppe wegkommen, egal ob Anarchist*in, Marxist*in oder was auch immer. Als postmoderner Anarchist erkenne ich auch die Erfahrung meines Volkes als die Grundlage, von der aus wir unseren Weg zur Befreiung und Macht finden werden. Das verstehe ich unter dem "Aufstand der unterjochten Erkenntnisse". Mein Nationalismus gab mir diese Art von Stolz, weil er eine solche Ablehnung des weißen Denkens war oder zumindest eine Dezentrierung der Vorherrschaft des weißen Denkens, kapitalistisch, sozialistisch, was auch immer. Leute außerhalb unserer Erfahrung müssen respektieren, dass sie kein Monopol auf revolutionäres Denken haben und verdammt sicher keines auf revolutionäre Praxis. Es ist einfach, sich zurückzulehnen und über unseren Nationalismus aus dem modernistischen, eurozentrischen Rahmen rationaler, wissenschaftlicher, materialistischer Modelle zu intellektualisieren. Während man das tut, ist es unser Nationalismus, der unser Volk ständig dazu bringt, zusammenzukommen, sich an unsere Geschichte zu erinnern, uns selbst zu lieben, weiterzuträumen und zurückzuschlagen. Schwarze Anarchist*innen und antiautoritäre Revolutionär*innen verstehen die Grenzen des Nationalismus in Bezug auf seinen historischen Sexismus, die Hierarchie oder seine modernistischen Züge im Allgemeinen. Aber wir erkennen auch die modernistischen Fallen des

Anarchismus in Form des amerikanischen Rassismus/Klassenprivilegs, wenn es um People of Color geht.

Die Bemühungen von Lorenzo Kom'boa Ervin, Greg Jackson und anderen, eine Organisation / Föderation von Schwarzen Community-Partisanen

/Organisator*innen aufzubauen, sind ein Beispiel für die Vereinigung von Schwarzem revolutionärem Nationalismus und Anarchismus. Die Black Fist- Organisation und -Publikation, auch wenn sie allgemein als People of Color- oder Dritte-Welt-Antiautoritäts-Organisation bezeichnet wird, verstand die Notwendigkeit, sich auf die Erfahrungen der Schwarzen und Braunen Communities zu stützen. So waren die Erfahrungen der Panthers und der Brown Berets und ähnlicher Gruppen wesentlich. Die Frage scheint zu sein, ob weiße Anarchist*innen und Antiautoritäre mit solchen Gruppen zusammenarbeiten können. Auch wenn diese beiden Gruppen nicht mehr existieren, sind ihre Erfahrungen wichtig.

Weiße Leute müssen sich damit auseinandersetzen, ANTI-RASSISTISCHE ALLIES für Communities und Aktivist*innen of Color zu sein. Aktivist*innen im Besonderen, weil wir normalerweise der Einstiegspunkt für Weiße in jede mögliche Beziehung mit unseren Gemeinschaften sind. Anarchistische Theorie und Praxis kann nicht die Form eines bloßen Festhaltens an den Gründungsvätern und anerkannten Praktiken, wie Kropotkin, Bakunin und dem Spanischen Bürgerkrieg, annehmen. Wir haben es satt, es zu hören! Der Anarchismus HIER in Babylon muss unsere einzigartigen Probleme und Möglichkeiten des Kampfes reflektieren. Unsere Kämpfe sind nicht nur gegen den Kapitalismus. Das ist zu einfach. Unsere Kämpfe sind nicht nur gegen den Rassismus. Das ist auch zu einfach. Es gibt alle Arten von negativen "Ismen", gegen die wir kämpfen und, genauso wichtig, alle Arten von Welten, für die wir kämpfen. Das ist der Grund, warum die ganze Idee und Praxis von "Konvergenzen" und "Sprecher*innenräten" so wichtig für Aktivist*innen im Allgemeinen ist, um davon zu lernen und sie zu verbessern, weil es darum geht, Raum für alle "Stimmen" zu schaffen, damit sie gehört und in die Entscheidungsfindung einbezogen werden können, so dass die Aktivitäten, die daraus hervorgehen, die Art von neuen Welten, die wir wirklich wollen, präfigurieren.

Ich beende dies mit einem Ratschlag: WEIẞE ANARCHIST*INNEN: BESCHÄFTIGT EUCH DAMIT, DIE BESTEN ANTIRASSISTISCHEN VERBÜNDETEN ZU SEIN, DIE IHR KÖNNT. WIR BRAUCHEN EUCH — UND IHR BRAUCHT UNS — ABER WIR WERDEN DIESEN SCHEIẞ AUCH OHNE EUCH MACHEN.

An meine Folks of Color: STELLT EUCH ETWAS VOR: Stellt euch eine Welt der Welten innerhalb unserer Welt vor, in der es eine prinzipielle Koexistenz innerhalb der wunderbaren Vielfalt der Schwarzen Community gibt.

Harlems / Spanisch Harlems / Watts / Hip-Hop-Gemeinschaften / Dörfer der Carolina-Küste / College-Gemeinschaften / schwul-lesbisch-bisexuell-trans Gemeinschaften / Zulu Nation / new afrikan / religiöse Gemeinschaften, die hauptsächlich am Samstag oder Sonntag zusammenkommen / Hausbesetzer*innen-Gemeinschaften / Outlaw-Gemeinschaften / Kemetische Gemeinschaften / ibo-ghanaische-sierra leonean-äthiopische-rasta Nachbarschaften / nomadische Dichter*innen-Künstler*innen-Stämme / und dann diejenigen von uns, die einfach nur ignorant und harmlos und verrückt sind, wenn wir es sein müssen und lebenslustig und gerne durch und zwischen Gemeinschaften reisen und manchmal einfach neue gemischte schaffen ... WAS WENN? ... und WIE?

Ella Baker sagte, wir können es schaffen, wenn wir uns selbst vertrauen und von der führungsgesteuerten Revolution wegkommen; Kwesi Balagoon sagte, wir können es schaffen, wenn wir bereit sind, ein Chaos zu schaffen, das diese Muthafucka zum Schweigen bringt; Audre Lorde sagte, wir können es schaffen, wenn wir unsere schöne Vielfalt lernen und respektieren und die Werkzeuge unserer Unterdrücker*innen ablehnen; Harriet Tubman sagte, dass es keine bessere Art zu leben gibt, als für eine gerechte Sache zu kämpfen; und Frantz Fanon sagte, dass es für die Seele befreiend ist, wenn wir diesen Muthafucka eine Ohrfeige verpassen und die Cops aus unserem Territorium vertreiben, indem wir sie mit einer Waffe bedrohen.

Durch die Vorstellungskraft ist alles möglich.




Anarkata

Eine Erklärung

Afrofuturist Abolitionists of the Americas

Was ist Anarkata?

"Anarkata" entsteht als Antwort auf die politische Entfremdung, die Schwarze anarcho-angrenzende Linke erfahren haben, die sowohl die Whiteness des traditionellen Anarchismus als auch den Autoritarismus einiger Formen des Schwarzen Nationalismus ablehnen.

Der "Schwarze Anarchismus" als Konzept des 21. Jahrhunderts hat in letzter Zeit mehr an Popularität gewonnen, da die Werke von Lucy Parsons, Lorenzo Kom'boa Ervin und Kuwasi Balagoon im Internet (und vor allem mit der Veröffentlichung des "Black Anarchism Reader") eine größere Verbreitung gefunden haben. Diese erhöhte Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit hat denjenigen von uns, die Schwarze Radikale sind, die den gemeinsamen Glauben an die Notwendigkeit von Dekolonisierung und Selbstbestimmung für Afrika und die Diaspora teilen, aber die eine unkritische Investition in Hierarchie, Zentralisierung und den Staat als Wege zur internationalen Schwarzen Befreiung ablehnen, eine gewisse Bestätigung gegeben.

Wir finden Schwarzen Anarchismus als politische Tendenz besonders attraktiv wegen seiner Flexibilität — wie er aus einer Reihe von revolutionären Rahmenwerken schöpft — Schwarzer Marxismus, Panafrikanismus, Schwarzer Feminismus, Queer-Befreiung — was ihn nicht nur gegen die westlichen und kapitalistischen Kräfte macht, die Schwarze Menschen unterdrücken, sondern auch gegen die transfeindlichen, heterosexistischen, frauenfeindlichen, ableistischen und menschenzentrierten Kräfte, die gegen uns arbeiten. Die meisten von uns in "anarchischen" Schwarzen radikalen Bewegungen werden jedoch übersehen und unsere Politik wird verwechselt und als gleichbedeutend mit dem klassischen, europäischen Anarchismus abgetan — der selbst von der nicht-anarchischen Welt oft als eine weitgehend ästhetische und utopische Bewegung missverstanden wird, in der vielleicht Leute mit Bandannas Fensterscheiben einschlagen oder für eine individualistische Freiheit, einen naiven Pazifismus oder einfach unkoordinierte Zerstörung und "Chaos"

eintreten. In diesem Milieu — der zunehmenden Popularität und Relevanz des Anarchismus für die Schwarze Revolution und der verwirrenden oder schwer fassbaren Natur dieser Relevanz im öffentlichen Bewusstsein aufgrund der anarchistischen Mythologie — entschieden einige von uns, dass wir unseren eigenen Namen entwickeln sollten, um zu zeigen, dass wir unseren anarchischen Radikalismus in unserer eigenen Geschichte als Afrikaner*innen/Schwarze Menschen verorten.

Der Kampf für Schwarze Selbstbestimmung hat sich oft durch Selbstbenennung artikuliert, sei es durch die Benennung unabhängiger Parteien oder religiöser Institutionen oder durch die Wahl von nicht-englischen/nicht-europäischen Namen. Inspiriert von dieser Tradition der Selbstbenennung wurde vorgeschlagen, dass wir den Begriff "Anarkata" verwenden könnten, um uns selbst für uns selbst innerhalb des revolutionären Kanons zu beschreiben. Kurz für "anarchic akata", soll der Begriff eine Rückgewinnung des Yoruba-Wortes für "Hauskatze" oder "wildes Tier" sein (wir danken dem Black Youth Project dafür, dass es uns auf diese Idee gebracht hat), das verwendet wurde, um in Amerika vertriebene Afrikaner*innen zu beschreiben. Die Rückgewinnung eines Begriffs, der in einigen Berichten als Schimpfwort angesehen wird und in anderen Berichten als ein Weg angesehen wird, alle Schwarzen/Afrikaner*innen mit der Black Panther Party in Verbindung zu bringen, war hier wichtig. Anarkata bedeutet für uns, dass vor allem die Vorsilbe "anarch-" (was "ohne Hierarchie" oder "ohne Herrschende" bedeutet) im politischen Kampf von "Blackness" als panafrikanisches (und afrikanisches Diaspora-) Set von Erfahrungen und revolutionären Geschichten (anarch-akata) verankert wäre und nicht nur in einer universalisierten, unspezifizierten Vision über die Abwesenheit von Herrschaft (anarch-ist). Wir würden also Herrschaft, Unterwerfung, Ausbeutung und den Widerstand dagegen im Licht des Schwarzen/afrikanischen Denkens und Kampfes definieren.

Auf diese Weise ist Anarkata zu sein verwandt mit etwas, das Ashanti Alston einmal sagte, wo unsere Blackness "...nicht so sehr als ethnische Kategorie, sondern... eine oppositionelle Kraft oder ein Prüfstein, um Situationen anders zu betrachten" ist. "Schwarze Kultur war schon immer oppositionell und es geht darum, Wege zu finden, der Unterdrückung kreativ zu widerstehen. Wenn ich also von einem Schwarzen Anarchismus spreche, ist das nicht so sehr an meine Hautfarbe gebunden, sondern daran, wer ich als Person bin, als jemand, der Widerstand leisten kann, der anders sehen kann, wenn ich feststecke, und so anders leben kann." Die Anarkata-Politik versucht, diese flexible Kultur des Schwarzen Oppositionalismus in eine bewusst revolutionäre, ethische und logische Form zu bringen — insbesondere als Antwort auf die Probleme des 21. Jahrhunderts, mit denen Schwarze/Afrikanische Menschen global konfrontiert sind, wie Klimawandel, Umweltrassismus und Behinderung, Neokolonialismus, Neofaschismus, Siedlerkolonialismus, militarisiertes Policing,

Masseninhaftierung, etc. Es ist dieser Prozess der Synthese, eine Synthese Schwarzer radikaler Oppositionalitäten entlang der Linien einer Schwarzen nicht-hierarchischen Kritik (Anarkata-Synthese), der charakteristisch für den Anarkata-Ansatz zur Schwarzen Befreiung ist.

Das folgende Dokument soll kein Gründungsdokument für eine bestimmte Organisation sein, sondern ist als Ausgangspunkt für anarchische Schwarze Radikale gedacht, um unsere vielfältigen Gedanken zusammenzuführen. Die Autor*innen haben dies nicht geschrieben, um für alle Dinge in der anarchischen Schwarzen Revolution zu sprechen, sondern wir schreiben dies als eine Einladung an uns alle, unsere Köpfe und Gedanken zusammenzusetzen. Wir hoffen, dass aus diesem Dokument eine Reihe von Gesprächen und Beziehungen entstehen kann, durch die Anarkatas dann effektiver propagieren und eine Welle von Literatur produzieren kann, die noch mehr unserer Perspektiven widerspiegelt. Wir stellen uns vor, dass das, was hier angeboten wird, aufgegriffen, analysiert, umgeschrieben, erweitert und herausgefordert wird — dass dies ein lebendiges Dokument ist. Wir hoffen, dass es genutzt wird, um die lokale Schwarze anarchistische Arbeit, die bereits stattfindet, besser zu informieren und zu bereichern. Zines, Videos, Memes, Lexika, Podcasts, Artikel — wir hoffen, dass all das und noch mehr um dieses Dokument herum entsteht, damit die wachsende Energie und das Interesse an anarchischer Schwarzer radikaler Politik intensiviert und weiter vorangetrieben werden kann. Unsere Hoffnung ist, dass wir, wenn wir als Anarkatas zusammenkommen, kohärenter arbeiten können, um unsere Traditionen, Politiken, Praktiken und Freiheitsvisionen für alle zugänglich zu machen.

Anarkata-Tradition

"Anarkata" ist inspiriert von der reichen Geschichte Schwarzer/Afrikanischer Politik und Widerstand, die bis in die vorkoloniale Zeit zurückreicht.

Nomadische afrikanische Gesellschaften schufen nicht-hierarchische Formationen und interkommunale Dörfer.

Staatenlose Afrikaner*innen nutzten dezentrale Methoden, um den Reichweiten der afrikanischen Imperien zu trotzen.

Geflüchtete des saharischen und atlantischen Sklav*innenhandels migrierten über Grenzen und Territorien hinweg, um einer Gefangennahme zu entgehen.

Schwarze Gefangene in den geschlechtergetrennten Laderäumen von Sklav*innenschiffen gingen queere Beziehungen miteinander ein.

Im 17. Jahrhundert segelten Schwarze Pirat*innen im Atlantik außerhalb der Jurisdiktion des Gesetzes und bluteten das Imperium um seine Ressourcen aus.

Sklav*innen in Amerika flohen von den Plantagen und gründeten auf ihrer Suche nach Freiheit ihre eigenen lokalisierten Maroon-Gemeinschaften.

Sklav*innenaufstände erschütterten die koloniale Gesellschaft und bedrohten ständig die weiße Machtstruktur.

Schwarze trans Menschen überschritten weiterhin die kolonialen Geschlechterbinaritäten, die von den weißen Kolonisatoren auferlegt wurden.

Schwarze/Afrikanische spirituelle Führende forderten die starren kolonialen Normen heraus, trotzten modernen Geschlechterkonstruktionen und riefen früheste Versuche der Selbstbestimmung hervor.

Viele Schwarzafrikaner*innen widersetzten sich der europäischen Kolonialisierung durch dezentralisierte Guerillakriege.

Schwarze Frauen als Ganzes brachten die modernen feministischen Bewegungen hervor, die das Patriarchat der weißen Vorherrschaft herausforderten.

Insbesondere Schwarze trans Frauen haben die queeren Befreiungsbewegungen des 20. Jahrhunderts im Alleingang ins Leben gerufen.

Race-Riots verursachten weitreichende Schäden an weißem Eigentum und stellten die Grundlagen weißer Macht auch in der Gegenwart in Frage.

Die Schwarze Tendenz, sich gegen Starrheit, Grenzen, Hierarchie und Abgrenzung zu wehren, ist die Wurzel der Anarkata-Tradition.

Der Schwarze Feminismus hat den Anarkatas die kritische Linse geliefert, um zu verstehen, wie sich unsere Unterdrückungen als Schwarze Menschen überschneiden und einige an den Rändern und ganz unten in der Hierarchie zurücklassen, und uns gelehrt, die Übersehenen und extrem Verwundbaren in den Mittelpunkt zu stellen; die Queer/Trans-Befreiung hat die Anarkatas gelehrt, die Art und Weise, wie wir unsere Körper als Schwarze Menschen bewohnen und verstehen, neu zu denken, jenseits von sexuellen und anatomischen Reduktionen, die uns durch Kolonialismus und Kapitalismus aufgezwungen wurden, und uns dazu zu drängen, zu verstehen, wie/warum unsere Körper freiere Beziehungen zueinander und zum Planeten herstellen sollten oder könnten; die Black Panther Party inspiriert Anarkatas, sich um das Überleben,

die politische Bildung und die Selbstverteidigung unserer Gemeinschaften an der Basis zu organisieren und eine Reihe von radikalen Beiträgen in unser Streben nach Selbstbestimmung zu integrieren.

Der Panafrikanismus verbindet die Freiheitskämpfe der Anarkata mit allen Mitgliedern der afrikanischen Gemeinschaft, einschließlich der Diaspora, und versteht die Befreiung der Schwarzen außerhalb der nationalen Grenzen und verbindet unsere körperliche Freiheit mit der Befreiung unseres gesamten Heimatlandes aus den Fängen neokolonialer/militärisch-imperialer Herrschaft. Afropessimismus, Antihumanismus und verwandte Konzepte helfen Anarkatas, die Implikationen unseres symbolischen Ausschlusses aus dem Konstrukt der Menschlichkeit zu verstehen und die Art und Weise, wie sich dies darauf auswirkt, mit wem oder für wen wir uns organisieren — und fordern uns letztlich heraus, über die "Menschlichkeit" hinauszuschauen, um das zu begründen, was uns als Volk und unseren Befreiungskampf gültig macht. Behindertengerechtigkeit ruft Anarkatas dazu auf, all unsere körperliche und kognitive Beschaffenheit als gültig und ganz anzuerkennen und unsere gelebten Bedürfnisse so zu verstehen, dass sie nicht entstehen, weil wir "Ausfälle" sind, sondern weil unterdrückerische sozio-ökologische Kontexte uns den Zugang verwehrt haben und deshalb beseitigt werden müssen, wenn wir unser volles einzigartiges Selbst leben und dies autonom tun wollen. Die Abschaffung der Gefängnisse lehrt Anarkatas, dass wir alle Formen der Einschließung zerstören und die materielle und imaginäre Notwendigkeit dieser überhaupt erst einreißen müssen — und dass wir allein die ultimativen Garanten für unsere Sicherheit sind. Schließlich erinnern Formationen wie die Street Trans Action Revolutionaries (STAR) oder die Black Liberation Army die Anarkatas daran, dass Freiheit nur durch Basisorganisation, gegenseitige Hilfe und revolutionären Kampf errungen werden kann.

Zusammen haben diese Geschichten und ideologischen Einflüsse dem, was es bedeutet, Anarkata zu sein, seine Form und Gestalt gegeben. Sie sind es, die die Politik der Anarkata sowohl in ihren anarchistischen Tendenzen als auch innerhalb des vielfältigen Katalogs Schwarzer radikaler Traditionen erden. Durch zahllose Momente des Trotzes und der Flexibilität haben unsere Vorfahr*innen einen Weg für uns geschaffen, uns einen anarchischen Radikalismus vorzustellen, der unverkennbar Schwarz ist.

Anarkata-Politik

Anarkatas glauben, dass alle Hierarchien Schwarzen Personen Formen der Vereinnahmung, Gefangenschaft und Kommodifizierung unterwerfen. Aufgrund der historischen Prozesse der afrikanischen Versklavung, die afrikanische Körper als Eigentum, Vieh und nicht-menschliche Ware markiert und transformiert haben, sind Schwarze Personen besonders anfällig für Gefangenschaft, die darin verankert ist, dass unsere Körper als unmenschlich

markiert sind. Aus diesem Grund glauben Anarkatas, dass alle Kräfte der Unterdrückung, die Schwarze Menschen erfahren, einschließlich weißer Vorherrschaft, Behindertenfeindlichkeit, Cisheterosexismus, Kapitalismus, Kolonialismus, Humanismus, Misogynie, Transmisogynie und Patriarchat, aus hierarchischen Schichten der Macht bestehen, die Schwarze Menschen in fortgesetzte Positionen der Verwundbarkeit für Gefangenschaft, Versklavung und Tod unter Kolonialismus und Kapitalismus bringen. Sie bilden Grenzen, die unsere Schwarzen Körper in überlappende Gefängnisse der Objektivierung einsperren. Aus diesem Grund streben Anarkatas danach, alle Formen hierarchischer Unterdrückung zu zerstören und abzuschaffen. Anarkatas verstehen Hierarchie so, dass sie Schwarze immer diesen Gefahren unterwirft.

Anarkatas sagen, dass Staaten formalisierte hierarchische Strukturen sind, die in erster Linie der herrschenden Klasse nützen und die Macht zentralisieren, um die materiellen Interessen der herrschenden Klasse zu schützen. Der moderne Staat wurde erfunden, um die materiellen Interessen des westlichen Imperiums durch den Begriff der modernen "Souveränität" zu sichern. Staaten halten die Ökonomie des Schwarzen Leidens, der Kommodifizierung und der afrikanischen Enteignung aufrecht, die durch Sklaverei und Kolonialismus hervorgebracht wurde, und ermöglichen so die Einnahme, Versklavung und Sicherung von Schwarzen Menschen und Land als Eigentum. Der westfälische Nationalstaat kristallisiert diese anti-Schwarzen, kolonialen und kapitalistischen Funktionen des Staates heraus, indem er ideologisch das "menschliche" Bürger*innensubjekt als sein Hauptanliegen in den Mittelpunkt stellt, während er Schwarze Menschen ausschließt und uns als versklavbar unter den Staat stellt. Der Staat konsolidiert die Macht, die unsere "Dingifizierung" ermöglicht, und ist auf die Polizei angewiesen, um seine Hierarchien zu schützen und durchzusetzen, indem er Anti-Blackness im Gesetz kodifiziert. Anarkatas behaupten, dass alle Staaten inhärent anti-Schwarze Regierungsstrukturen sind, die letztlich nicht in der Lage sind, Schwarze Menschen zu voller Selbstbestimmung und autonomen Gemeinschaftsbildungen zu bringen. Was auch immer ein Staat (insbesondere ein westfälischer) an Schutz vor Gewalt bieten mag, ist angesichts von Kapital und weißer Vorherrschaft begrenzt. Anarkatas binden daher weder nationale Befreiung, autonome Gemeinschaftsbildung noch Selbstbestimmung für Schwarze Menschen an die Bildung eines Staates und glauben, dass all dies von der Gemeinschaft in nicht- staatlichen Formationen entwickelt werden kann und letztlich auch sollte. Anarkatas sind überall gegen die Existenz aller Staaten aufgrund ihrer inhärenten Anti-Blackness und Abhängigkeit von zentralisierter Macht, Formen der Einschließung und Eigentumssicherung. Wir sehen die Bildung Schwarzer Nationalstaaten als ein dysfunktionales, konterrevolutionäres Mittel, um Schwarze Befreiung zu erreichen, da sie schwerwiegende Schwächen aufweisen und Schwarze/Afrikanische Menschen nicht von diesen Schwächen befreien. Wir erkennen jedoch die einigende Rolle des Schwarzen

Nationalismus in den antikolonialen Bewegungen an und bekräftigen, dass die fortlaufende Debatte um unseren Weg nach vorne unter uns selbst ausgearbeitet werden muss, ohne jegliche Einmischung von nicht-Schwarzen Menschen.

Anarkatas sagen, dass der Kapitalismus ein grundlegend genozidales und ökozidales System der Akkumulation ist, das europäischen Ursprungs ist. Der Kapitalismus korrumpiert und kooptiert die Beziehungen der Menschen zueinander und zur Umwelt, indem er unsere Körper und unsere Arbeit den Händen der weißen, able-bodied, christlichen, cisheterosexuellen Wenigen unterwirft. Die profitorientierten Motive des Kapitalismus bringen ihn auf einen Kollisionskurs mit den Menschen und dem Planeten. Anarkatas verstehen den Profitgewinn als eine Mutation unserer Beziehungen zueinander und zur Umwelt, weil er unsere Grundbedürfnisse monetarisiert. Im Kapitalismus ist uns der offene Zugang zu den Mitteln des Überlebens (und den damit verbundenen Beziehungen zur Umwelt) verwehrt: Stattdessen wird er durch rassifizierte/koloniale Klassenherrschaft vermittelt. Es ist ein hierarchisches Arrangement, das unsere Aktivitäten in der Umwelt und unsere Beziehungen zueinander nun durch die Logik einer herrschenden Klasse und deren "Rechte" auf "Eigentum" neu definiert und unterwirft. Ihr Eigentum wird durch einen Staats- oder Regierungsapparat und seine Streitkräfte gesichert. Unter der Hand des Staates übt eine kleine Untergruppe von Menschen materiellen Besitz über die natürlichen Ressourcen des Planeten aus und bestimmt, wer Zugang zu den materiellen Mitteln des Überlebens hat.

Der Rest von uns wird in eine Position gebracht, in der wir gezwungen sind, unsere Arbeitskraft für einen "Lohn" zu verkaufen, weil es keine andere Option gibt, die von der herrschenden Klasse und ihrem staatlichen Schutz erlaubt wird (d.h. es gibt keinen anderen Weg, direkten Zugang zu unseren materiellen Bedürfnissen zu bekommen, ohne unter das Feuer des Staates/der bewaffneten Kräfte zu geraten, die dazu da sind, die Ressourcen für die Mächtigsten festzuhalten). Der Zweck dieses Systems und des Diebstahls/Zwangs unserer Arbeit ist es, jede Beziehung in unserer Gesellschaft auf die Produktion und den Verkauf von Waren auf einem Markt auszurichten. Dieser Markt ermöglicht eine konstante Anhäufung von Ressourcen und er verflacht den Wert von Waren durch ein leicht quantifizierbares Tauschmittel (Währung, Geld). Dieser Prozess zielt darauf ab, alles zu Waren zu machen, von Land über Wasser bis hin zu Nahrung und sogar Luft. Das kapitalistische Denken neigt dazu, diesen auf Wachstum und Gewinnstreben basierenden Markt als gut für das Kollektiv und als das beste Wirtschaftssystem darzustellen, das unsere Spezies zu bieten hat, aber seine Grundlage und sein Ausgangspunkt liegt in einer Entfremdung der Massen von den materiellen Mitteln des Überlebens, der irdischen Quelle unserer Macht. Und am Ende kommt es nur den Wenigen wirklich zugute.

Durch Sklaverei, Kolonialismus, Imperialismus und später Globalisierung haben die Kräfte des Kapitals ihre Reichweite auf den Planeten ausgedehnt und ihn in Sektoren der Industrialisierung, Entwicklung und Unterentwicklung aufgeteilt. Dies schafft eine inhärent ausbeuterische Beziehung zwischen dem industrialisierten globalen Norden und dem unterentwickelten globalen Süden, die der höchste Ausdruck einer systematischen Entfremdung der Menschen vom Zugang zu und der offenen Nutzung der materiellen Mittel des Überlebens ist. Anarkatas behaupten, dass der Dreh- und Angelpunkt des kapitalistischen Systems dieser fortgesetzte Großraub, die Ausbeutung und die absichtliche Unterentwicklung der Dritten Welt durch den Westen ist. Die Völker der Dritten Welt werden von der Ebbe und Flut der Weltmärkte, die die Produktion von Waren durch nicht-weiße Arbeiter*innen zu extrem niedrigen Kosten für die Kapitalist*innen erzwingen, verzehrt und zerrissen. Die Länder der Dritten Welt werden weiter dazu gedrängt, Exportländer und Müllhaldenländer zu sein, völlig abhängig von Exporten, um zahlungsfähig zu bleiben, und anfällig für die achtlose Entsorgung von Giftmüll der Konzerne und Militärs der Ersten Welt, der während des Produktionsprozesses auf Indigenem Land abgelagert wird. Verwaltungsmarionetten, staatliche Korruption und Unternehmenskollaboration, verursacht durch hierarchisches/autoritäres Machtstreben, arbeiten daran, die Menschen mittellos und abhängig von diesem Arrangement zu halten. Die Arbeitskräfte der Dritten Welt werden von den westlichen Konzernen zu extrem niedrigen Preisen abgeworben, die ihre Aktivitäten in Übersee in den Bereichen Öl, Bergbau, Landwirtschaft, Produktion und anderen Industrien vorantreiben, die den westlichen kapitalistischen Interessen dienen. Oftmals können sich die Arbeiter*innen in der Dritten Welt nicht einmal die Waren leisten, die sie mitproduzieren, und die Löhne, die sie verdienen, werden oft über den globalisierten Konsum an die westlichen Kapitalist*innen zurückgeleitet.

Wenn die Massen im Kapitalismus gezwungen sind, ihre Arbeitskraft an die Produktionskräfte zu verkaufen, um zu überleben, dann werden Schwarze Menschen — vor allem die am Rande Stehenden — in die kapitalistische Ökonomie integriert, nicht als Arbeiter*innen im eigentlichen Sinne, sondern als Ware, die vom Netz des Handels gefangen gehalten wird. Historisch gesehen stellte die Versklavung der Körper Schwarzer Menschen eine Quelle freier Arbeit dar, die den Prozess der staatlichen/imperialen Eigentumsakkumulation ermöglichte, wodurch der Kapitalismus überhaupt erst entstand. Durch die Sklaverei machte der Kapitalismus uns zu Körpern, die ihre Arbeit nicht besitzen und denen kein Wert zugewiesen wurde, was uns daran hindert, in das übliche Arbeiter*innenverhältnis des Austauschs einzutreten, in dem wir unsere Arbeit für unsere Grundbedürfnisse eintauschen können. Schwarze Arbeit unter dem kapitalistischen System ist immer von Natur aus ohne Wert, gerade wegen dieser historischen Beziehung der Versklavung. Schwarze Arbeit ist im Kapitalismus stattdessen in die Produktionsmittel selbst eingebettet, als eine weitere Ressource; frei für jeden, um sie auszubeuten oder zu plündern, ohne

dass es sie etwas kostet. Indem unsere Arbeit in die Position von nicht- menschlichen Dingen eingeordnet wird, wird Schwarze Arbeit als Eigentum der Kapitalist*innen und Kolonisator*innen für deren materiellen Gewinn gefangen genommen. Der Staat schützt und begründet dieses Arrangement von normativen Eigentumsverhältnissen und ermöglicht die Akkumulation und Vereinnahmung Schwarzer Arbeit — insbesondere der Arbeit der am meisten Marginalisierten. Das bedeutet Schwarze Arbeit in der Dritten und Vierten Welt; das bedeutet Gefängnisarbeit, Hausarbeit, Sexarbeit, emotionale Arbeit und andere Formen Schwarzer Arbeit, die größtenteils von Frauen, Gefangenen, QTGNC-Leuten [Queer Trans Gender Non Conforming] und anderen in der Schwarzen Gemeinschaft geleistet werden. Wenn Anarkatas von der 'unmenschlichen' Schwarzen Arbeit sprechen, die der Kapitalismus der weißen Vorherrschaft systematisch abwertet und für nicht-Schwarze Konsument*innen leicht verfügbar macht, konzentrieren wir uns auf die Kämpfe von trans Frauen, Sexarbeiter*innen, Hausangestellten und Gefangenen. Diese repräsentieren die archetypischen 'Schwarzen' Arbeiter*innen, die oft auf die Position des 'Ungedachten' verwiesen werden und dessen Super-Ausbeutung unsere kollektive Position als Ware innerhalb des kapitalistischen Systems untermauern. Sie stehen an vorderster Front der verstärkten staatlichen Gewalt, der alle Schwarzen Menschen ausgesetzt sind. Das macht den Schwarzen Arbeitskampf jenseits von 'proletarisch'; er nimmt nicht wirklich die Position des "Proletariats" ein, wie es von Marx konzipiert wurde. Unter einem kapitalistischen System sind wir nicht nur anfällig für Ausbeutung, sondern auch dafür, dass wir selbst von den anti-Schwarzen Kräften der kapitalistischen/kolonialen Produktion zur Ware gemacht und akkumuliert werden.

Die Kommodifizierung unserer Körper und ihre Einbindung in die Produktionsmittel erzeugen und entspringen einer Struktur der Anti-Blackness, die der Logik des Kapitalismus der weißen Vorherrschaft zugrunde liegt. Wenn Anarkatas von Anti-Blackness sprechen, beziehen wir uns auf einen Prozess, der auf einem Mensch-Nicht-Mensch-Antagonismus beruht. Damit meinen wir, dass Anti-Blackness ein Ausdruck der gewalttätigen, ausbeuterischen Beziehung zwischen Menschen und dem Rest der nicht-menschlichen Welt ist, da die entmenschlichende Rassifizierung Schwarzer Menschen, die uns als 'unmenschlich' markiert hat, mit der fortlaufenden kolonialen/kapitalistischen Verletzung Afrikas verbunden ist. Das moderne globale System und sein Massenökozid beruhen auf dem, was Aimé Césaire "Dingifizierung" nannte. Während der Sklaverei und des Kolonialismus reduzierte dieser Prozess der "Dingifizierung" die Körper afrikanischer Menschen zu nicht-menschlichen Objekten. Anti-Blackness fließt in diesen Prozess ein, indem es uns symbolisch als unmenschlich markiert und unsere Umwandlung in Eigentum weiter ermöglicht.

Anarkatas verbinden den Kampf der Schwarzen mit dem Kampf für die Umwelt, weil die Körper der Schwarzen symbolisch vom "Menschlichen" (d.h. von zivilisatorischen Strukturen wie der Staatsbürger*innenschaft, die die Idee des "Menschlichen" bedeutet) entfremdet und als eine weitere natürliche Ressource behandelt werden, die für den menschlichen (weißen) Konsum extrahiert und ausgebeutet wird. Die gewaltsame Zerstörung unserer Körper und die Ausbeutung des Landes unserer Vorfahr*innen ist die Geburtsstunde des modernen westlichen/kapitalistischen Ökozids ("Anthropozän"). Schwarze/Afrikanische Heimatländer waren schon lange zum Zweck der Versklavung überfallen worden, aber mit dem Aufkommen des europäischen Kolonialismus und der Landnahme durch westliche imperiale Staaten verwandelte das kapitalistische Arrangement die Sklav*innenarbeit sowohl in eine Ware als auch in ein Werkzeug, um mehr Waren für den Markt zu produzieren, der auf konstantem Wachstum und Umweltzerstörung aufbaut. Sowohl Schwarze Menschen als auch unsere Heimatländer wurden auf eine Technologie des Profits reduziert, ein bloßer Mechanismus, auf den die europäische Klassenherrschaft gestützt wurde. Wie Linda Brent in Incidents in the Life of the Slave Girl von Harriet Jacobs sagte, bedeutete Anti-Blackness, dass versklavte Afrikaner*innen "in den Augen ihrer Herren nicht mehr sind als die Baumwolle, die sie anpflanzen, oder die Pferde, die sie hüten." Bis heute ist der Raub afrikanischer Ressourcen entscheidend dafür, wie der globale Kapitalismus funktioniert. Negiert von der "Menschheit" und ausgebeutet wie und zusammen mit dem Dreck oder dem Vieh oder den Feldfrüchten — die alle Bedürfnisse haben, die nicht anerkannt werden — wird der Kampf der Schwarzen zur "Verkörperung" (wie Annie Olaloku-Teriba sagt) von Entfremdung und Ausbeutung. Die Zerstörung Afrikas und der afrikanischen Leute ist lebenswichtig für das eurokoloniale System des Vampirismus, dessen Technologien Materialien, Arbeit und andere Ressourcen benötigen, die aus Afrika gestohlen wurden.

Der "Mensch" taucht als ein Konstrukt auf, das zum Gesicht von Anti- Blackness, weißer Vorherrschaft und Umweltzerstörung wird. Anarkatas erkennen die Zentralität eines anti-Schwarzen und ökozidalen "Menschen"- Konstrukts, das in der modernen Welt entwickelt wurde, als untrennbar mit kolonialen, hierarchischen, cisheteropatriarchalen und ableistischen Konstrukten verbunden. In Anlehnung an Sylvia Wynter lernen wir, dass der Mensch eine Erfindung des europäischen Denkens der Renaissance und der Aufklärung ist, die darauf abzielte, die Gültigkeit der sich entwickelnden Klassenherrschaft des eurokolonialen Kapitalismus zu qualifizieren und zu artikulieren und den imperialen/kolonialen Raub von Indigenem Land und Körpern zu rechtfertigen. Das menschliche Konstrukt baute vor allem auf früheren euro-christlichen Vorurteilen gegen Sexualität und die materielle Welt als satanisch auf, die die Kirche nutzte, um europäische Laien ideologisch zu entmenschlichen. Diese Vorurteile wurden dann auf die Körper und das Land

der Afrikaner*innen angewandt, damit diese Laien ihre "Vermenschlichung" durch die 'Beherrschung' über das Satanische (die Körper und das Land der Afrikaner*innen/Schwarzen) rechtfertigen konnten. In diesem Fall wird Blackness zu einem 'Gegenpol', von dem aus sich die Gemeinschaft des "Menschen" als Subjekt und Staatsbürger*innen mit "Rechten" manifestiert. Die Säkularisierung des westlichen Denkens und der Aufstieg der westlichen Wissenschaft führten neue Denkweisen über das Menschliche ein, die das Menschsein durch 'Biologie' und 'Genetik' indizieren. Das wissenschaftliche Streben nach Menschlichkeit objektivierte sowohl lebende als auch tote afrikanische Körperteile durch brutale Experimente, um das "Menschliche" vom "Unmenschlichen" zu unterscheiden. Die daraus resultierenden Definitionen machten die Realitäten Schwarzer geschlechtlicher Varianz, Behinderung und Fettleibigkeit neben den allgemein bekannten 'phänotypischen' Merkmalen wie Haarstruktur, Hautfarbe und Nasenform, die mit afrikanischen Personen assoziiert werden, 'unnatürlich' oder 'untermenschlich'. Das Konstrukt "Mensch" wird in der modernen Welt weiterhin gegen Schwarze Menschen und alle anderen Lebensformen eingesetzt, mit schrecklichen Folgen für das Leben der verletzlichsten Schwarzen — vor allem für trans und behinderte Schwarze Personen.

Anarkatas lehnen den Humanismus ab und sehen unsere Befreiung als verbunden mit der Befreiung aller nicht-menschlichen Wesen (tatsächliche 'Dinge'), die von diesem entfremdenden Konstrukt und den Strukturen des Kapitalismus, Kolonialismus und Eurozentrismus, die es begründen, negativ betroffen sind. Anstatt zu versuchen, unsere Menschlichkeit zu beweisen und von der weißen Machtstruktur als Menschen gesehen zu werden, und anstatt zu versuchen, unsere Befreiung in der Vermenschlichung als konzeptionellem Rahmen und Bestreben, auf das wir hinarbeiten sollten, zu gründen, streben Anarkatas danach, das menschliche Konstrukt als Zentrum der Ermächtigung vollständig abzuschaffen und nach neuen Wegen des Verständnisses von Sein und Persönlichkeit zu suchen, und letztendlich nach neuen Wegen, durch die wir aktiv zu unserer kollektiven Transformation tendieren. Anarkatas suchen nach neuen Seinsweisen, in denen man sein "Menschsein" nicht beweisen oder sich auf "Menschenrechte" berufen muss, um mit Wert und Würde behandelt zu werden. Unser Personsein kann nicht durch Menschsein erfasst oder indiziert werden, und unser Kampf besteht darin, in neue Gewässer des Selbstseins und der Beziehung hinauszugehen, die dieses Konstrukt hinter sich lassen.

Anarkatas behaupten, dass Schwarzen Menschen ein anderes Geschlecht zugewiesen wird als dem "Menschlichen", aufgrund des historischen Prozesses der Versklvung und Dingifizierung, der uns als unmenschlich markiert hat. In Anlehnung an Hortense Spillers verstehen Anarkatas, dass, wenn Schwarzen Menschen ein Geschlecht zugewiesen wird, dies nicht im Sinne von "Mensch" geschieht, sondern so, wie wenn einem "Ding" (Objekt oder Eigentum) ein

Geschlecht zugewiesen wird. Der kolonisierende Prozess wischt jede andere Ontologie oder Seinsweise weg, einschließlich unserer geschlechtlichen/sexuellen Vielfalt, Besonderheit und Autonomie, die afrikanische Menschen historisch vor der westlichen Invasion hatten. Sie taten dies, um uns zu rassifizieren und damit zu entmenschlichen. In diesem Prozess der Neudefinition und Rassifizierung werden die Körper Schwarzer Personen "ungeschlechtlicht" — als abnormale Leinwand für das weiße Patriarchat, um uns eine Geschlechtszuweisung aufzudrücken. Daher erleben Schwarze Personen den Prozess der Geschlechtszuweisung als einen anti-Schwarzen Prozess, der in der Geschichte der Gefangenschaft und extremen Formen anti- Schwarzer Gewalt begründet ist. Aus diesem Grund verstehtén Anarkatas Geschlecht als immer rassifiziert und Rassifizierung als immer vergeschlechtlicht.

Anarkatas glauben jedoch, dass Geschlecht als soziales Konstrukt ein mächtiges Mittel zur Selbstgestaltung und Rückgewinnung körperlicher Autonomie sein kann. Auf diese Weise kann das Geschlecht umfunktioniert werden, um die starren Grenzen der traditionellen, kolonialen Geschlechterbinarität zu überwinden. In den Händen der patriarchalen kapitalistischen Gesellschaft wird Geschlecht jedoch benutzt, um sexuelle Hierarchien zu schaffen, die auf einer reduktiven Vision der sexuellen Anatomie (und Genetik) basieren, die gewaltsam den Wert zuweist und die Arbeit zwischen Individuen aufteilt. Der Staat weist den Körpern der Menschen ohne ihre Zustimmung ein Geschlecht zu und kontrolliert die Grenzen der Geschlechterbinarität und des Geschlechtsausdrucks durch Gewalt, Gesetze, Infrastruktur und Propaganda. Unter dieser Unterdrückung werden afrikanische/Schwarze Personen, insbesondere trans Frauen und alle anderen Nicht-Männer, systematisch ausgebeutet und endlosen Misshandlungen durch diejenigen ausgesetzt, die als Männer bezeichnet werden.

Anarkatas betonen, dass trans und nichtgeschlechtskonforme Schwarze Personen am meisten von dieser kolonialen Auferlegung von Geschlecht betroffen sind. Tatsächlich sind Schwarze Queers das primäre Ziel seiner Entstehung, insbesondere Schwarze trans Frauen, die zum Sündenbock gemacht werden als Quintessenz oder höchstes Beispiel vermeintlich unmenschlicher 'Negroverdorbenheit' (wie es von Frances Thompson nach dem brutalen misogynoiristischen Memphis-Massaker von 1866 gesagt wurde) — was von den euro-christlichen sexuellen Vorurteilen übernommen wird, die das "menschliche" Konstrukt übernommen hat. Während das vorkoloniale Afrika keineswegs ein Monolith in Bezug auf geschlechtliche/sexuelle Vielfalt war, hatten viele unserer Vorfahr*innen Seinsweisen, die heute als trans, nichtgeschlechtskonform oder queer bezeichnet werden würden. Oftmals waren spirituelle Führende in afrikanischen Traditionen das, was man heute als queer, trans oder nichtgeschlechtskonform bezeichnen würde. Die Europäer stießen

darauf und nutzten die Religion, um Transheit, Gender-Nonkonformität und Queerness zu verteufeln, um kulturelle Praktiken zu zerstören, die den Afrikaner*innen halfen, eine Gemeinschaft zu bilden. Auf diese Weise konnten die Kolonisatoren erfolgreich eine hierarchische Neudefinition unseres Volkes durchsetzen, die uns von wichtigen kulturellen und spirituellen Kraftorten entfernte und so ihre imperiale Eroberung von Land und Körper unterstützte. Das Geschlechterkonstrukt taucht im Kolonialismus als binäres System auf, um die Bevölkerung auszuräumen und die westlichen kapitalistischen Interessen voranzutreiben, die unser Land und unsere Körper schänden und uns alle auf Profitmechanismen reduzieren.

Für Anarkatas ist es wichtig, Moya Baileys Konzept des 'Misogynoirs' zu betonen, um zu verstehen, dass das moderne Geschlecht eine koloniale/rassifizierte Auferlegung ist [Misogynoir bezeichnet Misogynie gegen Schwarze Frauen, in welcher Race und Geschlecht miteinander verschmelzen]. Wenn wir Carl Linnaeus' Beiträge zur westlichen wissenschaftlichen 'Taxonomie' als Beispiel betrachten, können wir die Linnaeische Kategorisierung der Biosphäre in verschiedene Reiche (Pflanzen und Tiere), Phyla, Klassen, etc. analysieren — und wir werden feststellen, dass Linnaeus auch rassistische 'Taxonomien' für unsere Spezies im Besonderen entwickelte. In diesem Prozess entwickelte er eine entmenschlichende Klassifizierung von Schwarzen/Afrikaner*innen, die sich auf eine geschlechtliche Objektivierung derjenigen stützte, die er als afrikanische Frauen bezeichnete.

Darüber hinaus ist die Hypersexualisierung unserer Körper als Schwarze Personen innerhalb der geschlechtsbasierten Tropen (d.h. die Mammy, die Jezebel, die wütende/starke Schwarze Frau/der Mann) ein Ausdruck der Tatsache, dass Misogynoir den kolonialen ungendering-Prozess strukturiert und zentral ist. Dass Schwarzes "Geschlecht" nicht von einer Konstruktion von uns als kriminell, abnormal oder räuberisch hypersexuell getrennt werden kann — während weißes "Geschlecht" als normal angesehen wird — hat seinen Ursprung in der Sklaverei und demonstriert die Gewalt der Geschlechterbinarität und seine Rolle bei der Aufrechterhaltung der karzeralen und kolonialen Kontrolle über uns. Anarkatas behaupten, dass Schwarze Weiblichkeit im Zentrum dieser hypersexualisierten Auferlegung von Geschlecht steht, durch die afrikanische Personen rassifiziert und entmenschlicht wurden. Abgesehen von Linneaus rassistischen Taxonomien können wir auch auf die Gewalt gegen Sarah Baartman und die Objektivierung und Animalisierung ihres Volkes (Khoikhoi-Frauen) schauen, durch die so viele misogynoiristische Tropen über die Körper und Sexualitäten Schwarzer Frauen geschaffen wurden. Diese sind es, die weiterhin benutzt werden, um rassistische/kapitalistische Gewalt gegen Schwarze Personen im Allgemeinen zu rechtfertigen.

Anarkatas greifen auch Trudy von Gradient Lairs Ergänzung zu Moya Baileys Begriff auf, indem sie Transmisogynoir in den Vordergrund stellen, wenn es darum geht, wie wir verstehen, welche Gewalt den kolonialen ungendering- Prozess strukturiert und ihm zugrunde liegt. Wenn Anarkatas also sagen, dass Geschlecht zentral für Schwarze Entmenschlichung und Rassifizierung ist und dass die Objektivierung afrikanischer Weiblichkeit im Zentrum dieses kolonialen Ungendering-Prozesses steht, dann bedeutet das auch, dass Transness und trans-Frau-Sein der Schlüssel dazu ist, wie wir den Geschlechterkampf Schwarzer Frauen am genauesten und effektivsten nachzeichnen können. Saidiya Hartman sagt, dass die Arbeit Schwarzer Frauen die Gender- Nonkonformität der Schwarzen Gemeinschaft und des Kampfes sichtbar macht; und Spillers ermutigt den Schwarzen Widerstand, die subversive Kraft zu umarmen, die das "ungendering" von Schwarzen Frauen bedeutet. Dennoch können und sollten wir von Schwarzer Transness und Schwarzer Geschlechtsvarianz ausgehen, wenn wir Schwarze geschlechtliche Gewalt analysieren, damit wir es nicht versäumen, kolonialen Cisheterosexismus in unserer Analyse zu konfrontieren. Schwarze trans Frauen in den Mittelpunkt zu stellen, ist für unsere Analyse wichtig, da Schwarze trans Frauen und nichtgeschlechtskonforme Schwarze Personen am meisten durch die Geschlechterbinarität isoliert sind. Auch hier wurde das Binärsystem eingeführt, um Teilen und Herrschen durch Hierarchie zu erzwingen, um Herrschaft zu entmenschlichen und zu rechtfertigen und um uns von Gemeinschaften des Widerstands und der QTGNC-Führung zu entfernen. Durch sie macht die weiße Vorherrschaft ein kriminalisierendes und dämonisierendes Schreckgespenst aus Schwarzen trans Frauen – die zur Zielscheibe euro-christlicher sexueller Vorurteile werden, an denen das Konstrukt "Mensch" ursprünglich gemessen wurde. Der Kolonialismus benutzt dieses Schreckgespenst als Dreh- und Angelpunkt gegen die Schwarze Befreiung im Allgemeinen.

Das oben Verfasste ist zentral dafür, wie Anarkatas den Maskulinismus unter Schwarzen Männern verstehen. Anarkatas sagen, dass in diesem Milieu — in dem das Geschlecht vom Kolonisator auferlegt wird, um uns zu rassifizieren und zu entmenschlichen und uns so zu spalten, indem trans Frauen isoliert, dämonisiert und objektiviert werden, alles um imperiale Interessen zu sichern — Schwarze Personen, die dem Status "Mann" zugeordnet werden, in die Lage versetzt werden, psychologische und sogar materielle Vorteile aus der Nähe zur inhärent patriarchalen, sexistischen und transfeindlichen Struktur der weißen Vorherrschaft zu ziehen. Das gilt selbst dann, wenn sie vom weißen Patriarchen niemals als richtiger "Mann" angesehen werden und somit nicht in der Lage sind, den Status eines Mannes im "menschlichen" Sinne des Wortes zu haben. Diese Position des Schwarzen Mannes, als "Mann und doch nicht", ist ausdrücklich in das Geschlechtersystem eingebaut, um Schwarze Personen als Ganzes durch Teilen und Herrschen unterdrückt zu halten. Schwarze Männer, die sich dieser Zuweisung von "Männlichkeit" anschließen, werden absichtlich

darauf konditioniert, nach der idealisierten "Spitze" dieses Geschlechterkonstrukts zu streben (die an die kapitalistischen Definitionen des Mannes gebunden ist, wie z.B. der Ernährer und Ehemann). Und da der weiße Humanismus und die kapitalistische Unterdrückung die volle Teilhabe an diesen Rollen negieren, ist das männliche Streben, ein (weißer) Mann zu sein, das größte interne Problem bzw. der größte Widerspruch, dem unsere Gemeinschaften gegenüberstehen. Denn Schwarze Männer bestehen dann darauf, etwas zurückzufordern, was ihnen ständig verweigert wird. Das produziert Queerfeindlichkeit und (Trans)Misogynoir, wo insbesondere trans Frauen als "verräterisch" für das vermeintliche Recht Schwarzer cis-Männer auf Macht und Kontrolle im Kapitalismus und im Staat und als Bedrohung für ihre maskulinistischen Werte markiert werden. Cis-Männer investieren in eine Hierarchie, die sie dazu veranlasst, den revolutionären Kampf der Schwarzen weiterhin zu sabotieren, indem sie die Fiktionen von Männlichkeit und Maskulinität verteidigen, während sie Menschlichkeit mit Autorität verwechseln. Dabei setzen sie alle Schwarzen Personen Formen der Gewalt, des Missbrauchs und der Gefahr aus, indem sie sich in koloniale Transmisogynoir und deren Gebrauch einkaufen, anstatt in Solidarität mit Schwarzen trans Frauen dagegen vorzugehen.

Institutionalisiertes Geschlecht schränkt daher die körperliche Autonomie aller Menschen ein, weil es kolonialen Ursprungs ist und als Mittel erfunden wurde, um den entmenschlichenden Prozess der afrikanischen Rassifizierung zu unterstützen — und die Inbesitznahme unseres Landes und unserer Körper zu rechtfertigen. Transbefreiung und Geschlechtsautonomie stellen jedoch die Logik der rassifizierten biologischen "Differenz", die das moderne Geschlecht bedeutet, auf den Kopf und sind eine Herausforderung für die erzwungenen Geschlechterrollen, die der Kapitalismus für seine Ausbeutung unseres Landes und unserer Körper benötigt. Dekolonisierung bedeutet, dafür zu kämpfen, dass wir alle als Schwarze Personen die Autonomie haben, unseren eigenen Geschlechtsausdruck für uns selbst zu wählen und zu definieren, Geschlechtsausdrücke nach Belieben zu verändern, neue Geschlechter zu erschaffen oder uns komplett aus dem Geschlecht zu lösen. Geschlechtliche/sexuelle Befreiung innerhalb des Dekolonisationsprojekts bedeutet auch die Freiheit, alternative Modelle von Verwandtschaft und Beziehung zu etablieren, und die Anerkennung, dass unsere Fähigkeit, unsere Bedingungen zu verändern und starke Gemeinschaften aufzubauen, nicht durch (um unsere Biologie oder sexuelle Ontologie herum geschaffene) Werte bestimmt wird. Die Grundlage des Humanismus in diesem Sinne wird von Queer-Anarkatas abgelehnt. Queere, trans und nichtgeschlechtskonforme Schwarze Personen fordern so unsere Schwarzen Körper jenseits der Fallen der Sklaverei zurück. Und die Bewegungen, die wir anführen, sind der Beweis dafür, dass Schwarze Personen den Versuch schnell aufgeben sollten, die Autorität der weißen Macht zurückzufordern, die sich auf die biologische "Natur"

des Menschen beruft, die moderne Geschlechts- und Sexualkonstrukte aufrechterhalten. Eine solche Autorität wurde nur für den ausdrücklichen Zweck der Herrschaft, der euro-kulturellen Hegemonie und der Klassenherrschaft erfunden.

Behindertenfeindlichkeit (Ableismus/Disablismus) ist eine weitere Hierarchie, die vom Staat aufrechterhalten und auf einer strukturellen Ebene benutzt wird, um den kapitalistischen Wert unserer Körper auf der Grundlage physischer und psychischer Fähigkeiten zu markieren. Die Produktionsbedürfnisse des Kapitalismus orientieren sich an einem idealisierten "abled" Körper und bringen diesen Körper strukturell unter (als "Arbeiter*in" und "Bürger*in"), indem sie Appelle an diesen Körper durch Propaganda nutzen, um den Kapitalismus voranzutreiben. Der westliche Mythos der Meritokratie ist ein Stück Propaganda, das suggeriert, dass harte Arbeit vom Kapitalismus belohnt wird, während er behinderte Menschen völlig außer Acht lässt und sie als entbehrlich darstellt. Anarkatas glauben, dass, weil Schwarze Personen unter der weißen Vorherrschaft als unmenschlich angesehen werden und weil unsere Eingliederung in den Kapitalismus durch die Sklaverei erfolgte, der Wert unserer Körper vollständig auf unserer Arbeitsleistung und unserem Gebrauchswert basiert. Die Körper Schwarzer Personen wurden vollständig auf der Basis der Arbeitsleistung bewertet und unter der Sklaverei bis an ihre absoluten Grenzen gedehnt, verstümmelt und brutalisiert, bis unsere Körper nicht mehr "tauglich" waren und entsorgt wurden.

Die unterdrückerischen Bedingungen Schwarzer Existenz verlangten (und verlangen) nicht nur, dass die Körper Schwarzer Personen für die Zwecke weißer kapitalistischer Interessen "able bodied" sind, sondern strapazierten auch behinderte Schwarze Körper bis an den Rand der Zerstörung. Die Traumata des weißen Terrors waren/sind oft genau die Faktoren, die bei einigen Schwarzen Personen Behinderungen hervorrufen und bei anderen bereits bestehende Zustände verschlimmern. Behinderte Schwarze erleben Behindertenfeindlichkeit auf einem Kontinuum anti-Schwarzer Gewalt, wobei die staatliche Misshandlung und Bevormundung uns gegenüber eine direkte Folge der Sklaverei ist und unendlich mit karzeralen Formationen in der kolonialen Welt verbunden ist. In diesem Milieu werden behinderte Schwarze ständig als Monstrosität betrachtet, die zwangsgelagert werden müssen, als vernachlässigbare Ressourcennutzung, die neutralisiert werden sollten. Schwarze behinderte Personen werden als beschädigtes Eigentum markiert, während sie gleichzeitig den äußeren Umständen ausgesetzt sind, die mit dem Leben unter dem Kapitalismus der weißen Vorherrschaft einhergehen. Raciale Entmenschlichung bedeutet, dass Schwarze Behinderungen in der populären Vorstellung ausgelöscht werden, weil wir als eins mit anderen Dingen betrachtet werden, die es verdienen, strukturell zerlegt und ausgebeutet zu werden.

Die Unterdrückung aller Schwarzen Personen, die Negation Schwarzer Menschlichkeit und wie sie Queerfeindlichkeit, Anti-Fettleibigkeit und Menschzentrismus hervorbringt — all das wird durch den Ableismus abgebildet. Als die Kolonisatoren einen 'wissenschaftlichen' Rahmen über die europäisch- christlichen Vorurteile bauten, die sie benutzten, um uns zu entmenschlichen, beruhten die brutalen Experimente, die an unseren Körperteilen durchgeführt wurden, egal ob wir tot oder lebendig waren, um den Menschen als ein Wesen zu definieren, das 'fähig' ist, die Herrschaft im Kapitalismus/Staat zu übernehmen, auf ableistischen Auffassungen von afrikanischer 'Differenz'. Die Vorstellung von einem 'abled' Körper und einem 'abled' Geist wurde durch koloniale europäische Auffassungen darüber konstruiert, was einen 'richtigen' menschlichen Körper ausmacht — und welche Art von Körper Rechte und Untertanenschaft verdient. Und dies basiert auf der Rechtfertigung der kolonialistischen Anhäufung von Ressourcen und Menschen als Eigentum — und definiert somit, wer unter dem Staat das 'Recht' hat, an der Klassenherrschaft und dem Kapitalismus teilzuhaben. Der Disablismus ist mit dem Humanismus verbunden, weil einige gelebte, körperliche Bedürfnisse und Realitäten beiseite geschoben werden, als unnatürlich oder unheilig verteufelt werden und außerhalb des Schoßes des Menschen als Staatssubjekt stehen.

Die Kolonisatoren objektivierten die Körper der Afrikaner*innen und bezeichneten uns als kriminell hypersexuell in diesem disablistischen Schema. Die Kolonisatoren betrachteten entlaufene Sklav*innen, die nach Freiheit strebten, als 'verrückt' in diesem disablistischen Schema. Heute werden afrikanische Lebensweisen als abweichend von der kognitiven Normativität markiert und als bloß 'wahnhaft' abgetan. Schwarze QTGNC-Menschen werden oft als 'wahnhaft' eingestuft, weil sie sich die Autonomie über unsere eigene Identität, Ontologie und Biologie von der unterdrückenden Gesellschaft zurückholen. Populäre Visionen von Intelligenz und Empfindungsvermögen schließen Schwarze Personen immer aus und markieren uns als unfähig zu denken oder zu fühlen. Das hat negative Konsequenzen für diejenigen von uns, die medizinische Bedürfnisse und Behinderungen haben — denn diese werden dann ignoriert, besonders für trans Frauen. Am groteskesten ist, dass wir in den Gefängnissen eine überwältigende Anzahl von behinderten Personen vorfinden, deren Bedürfnisse übersehen oder durch die giftige und missbräuchliche Gefängnisumgebung sogar noch verschlimmert werden. Die ganze Zeit über wird davon ausgegangen, dass Schwarze Personen das Gefängnis und seine Gewalt verdienen, weil sie angeblich eine 'wahnsinnige' Natur haben, die uns kriminell macht. Der Ableismus ist zentral für die Aufrechterhaltung der kolonialen Arroganz über die 'unmenschliche' Arbeitsressource, auf die weiße Vorherrschaft und Anti-Blackness die Körper unserer Leute reduziert.

Anarkatas behaupten, dass es bei der Behindertengerechtigkeit um die körperliche Autonomie unseres Volkes außerhalb von Sklaverei und

Imperialismus geht. Behindertengerechtigkeit sagt, dass unsere mittellosen Zustände nicht sind, weil etwas von Natur aus mit uns und unseren Körpern/Gemütern nicht stimmt, sondern weil gewalttätige, hierarchische Strukturen uns aus unserer Fähigkeit, unsere Bedürfnisse zu erfüllen, herauszwingen. Anarkatas bekräftigen, dass wir niemals frei sein werden, bis alle Schwarzen Personen, insbesondere behinderte Personen, frei sind, körperliche Autonomie zu praktizieren und unsere Bedürfnisse mit der vollen Unterstützung der Schwarzen Gemeinschaft zu erfüllen. Anarkatas setzen sich für Behindertengerechtigkeit ein, weil wir wissen, dass unsere Unterstützung von uns kommen wird und kann, nicht vom Staat. Diese Unterstützung wird unsere ganze Person und unser ganzes Selbst anerkennen, wie auch immer wir geformt sind oder uns verändern können, und daran arbeiten, uns zu bestätigen, durch uns, für uns. Diese Unterstützung wird uns über die Unterwerfung unter den Staat und die Reduzierung des Kapitalismus auf eine unmenschliche Arbeitsressource hinausbringen, indem sie uns dazu aufruft, unser volles Selbst zurückzufordern und mit unseren eigenen Händen für unsere Bedürfnisse zu kämpfen. Diese Unterstützung ist ökopolitisch, denn im Streben nach der Befriedigung unserer Bedürfnisse werden wir dann die Wiederherstellung mit unserer Umwelt benötigen, um die materiellen Mittel zum Überleben in dieser Umwelt zu erhalten. Und wir werden unsere Biologie und Neurologie innerhalb der Komplexität, die die ökologische Welt ist, verstehen müssen, jenseits von Reduktionen, die von unseren Klassen-/Kolonialfeind*innen auferlegt werden. Anarkatas sagen, dass es bei der Behindertengerechtigkeit letztlich um die Macht der Personen im wahrsten Sinne des Wortes geht, und sehen dies als zentral für alle politischen Positionen, die wir hier vertreten.

Unser Beharren auf Freiheit für alle Schwarzen Personen erstreckt sich auf alle Mitglieder der afrikanischen Diaspora und ist explizit panafrikanisch in seiner Vision. Wir erkennen an, dass wir alle miteinander verbunden sind aufgrund der Geschichte des Kolonialismus, des Sklav*innenhandels und der weitreichenden Migration (freiwillig oder nicht), die Personen afrikanischer Abstammung über den ganzen Globus verstreut hat. Aufgrund dieser kollektiven Geschichte, die die Art und Weise beeinflusst hat, wie die Körper Schwarzer Personen gelesen werden und wie das Schwarze Symbol in hegemonialen Systemen auf der ganzen Welt erscheint, sind die Kinder Afrikas überall auf anti-Schwarze Gewalt gestoßen, wohin wir auch gegangen sind. Wir behaupten, dass Anti-Blackness sowohl der Entstehung des Westens vorausgeht als auch diese übersteigt, durch Formen wie die Präsenz afrikanischer Sklaverei in der arabischen Welt, die Kolonisierung Nordafrikas durch das Römische Reich und schließlich die abrahamitische religiöse Ideologie des Hamitismus. Aber wir erkennen, dass sie durch das westliche Aufkommen der weißen Vorherrschaft und der Rassenwissenschaft neu definiert und gefestigt wurde. Die katastrophalen Ereignisse der atlantischen Sklaverei machten die Schwarzafrikaner*innen zu

einem Symbol des nicht-menschlichen Eigentums im Kolonialismus. Dies lieferte die materiellen und ideologischen Grundlagen für die kapitalistische Ausbeutung, den Imperialismus und die Kolonisierung des afrikanischen Kontinents durch die europäischen Mächte. Die Ausplünderung des afrikanischen Kontinents, die Nutzung des "Mutterlandes" als 'Bauch' der modernen Welt und als kontinentale Plantage geschah zum materiellen Vorteil der Herrschenden. Aus diesem Grund streben wir danach, die Herrschaft des Imperiums über den afrikanischen Kontinent und die Personen in der afrikanischen Diaspora weltweit zu zerstören. Solange nicht alle Schwarzen überall befreit sind, und solange der afrikanische Kontinent nicht aus seiner Knechtschaft befreit ist, ist niemand von uns frei.

Schließlich halten wir die Anarkata-Politik für relevant für die panafrikanische Befreiung — die Befreiung der Schwarzen Völker weltweit — in einer Zeit massiver klimatischer Instabilität. Wenn der Schwarze Kampf und die Befreiung des Planeten miteinander verwoben sind, dann zwingen uns Umweltfragen dazu, Schwarze/Afrikanische Personen, die unter dem westlichen Imperialismus und Neokolonialismus leiden, ins Zentrum zu stellen. Wir stellen Afrika in den Mittelpunkt der extraktiven Prozesse des Kapitals, die den globalen Ökozid aufrechterhalten. Afrika muss emanzipiert werden und diejenigen, die ungerechterweise im Bauch der Bestie domestiziert sind, im imperialen Kern, der der kapitalistische Parasit der Ersten Welt ist (der sich von Afrika und der Dritten Welt ernährt), haben die Pflicht, gegen den Militarismus und Imperialismus zu kämpfen, die den Planeten in die Katastrophe getrieben haben. Wir alle müssen uns vom 'Anthropozän' befreien — von der gewaltsamen, kapitalistischen Transformation des Planeten durch den kolonialen Prozess.

Wir erkennen die unvergleichliche ökologische Verwüstung des Planeten als Ergebnis kolonialer Systeme, die einen einzigartigen und unverhältnismäßigen Einfluss auf Schwarze Personen des Globalen Südens haben. Wir sehen die Hauptrolle, die das amerikanische Militär und die amerikanischen Konzerne bei der konstanten Produktion und Ausbeutung dieser globalen Schwarzen Verwundbarkeit für ökologischen Tod und Zerstörung gespielt haben. Wir sehen auch, dass die Klimakatastrophe westfälische Staatlichkeit und Grenzen insgesamt in Frage stellt, Migrationen intensiviert, Ressourcen weltweit bedroht und erhöhte Risiken für Autoritarismus und Ethnonationalismus mit sich bringt. Wir stellen uns daher eine "grüne" Bewegung vor, die entschieden antiimperial und panafrikanisch ausgerichtet ist und in der Anarkata-Politik verankert ist. Ausgehend von einer erhöhten Aufmerksamkeit für Umweltrassismus und die ungleichen Auswirkungen ökologischer Gefahren auf Schwarze Personen, konzentriert sich unsere Praxis auf radikale Lösungen, die lokalisierte Schwarze Kämpfe mit denen Schwarzer Personen über alle Nationen und Grenzen hinweg verbinden, und die auf Lösungen schauen, die uns in der Rückgewinnung und

Wiederherstellung des Planeten vereinen — und alle mit der irdischen Quelle unserer Macht verbinden.

Anarkata Praxis

Die Anarkata-Praxis strebt danach, ein revolutionäres Vorhaben um bereits existierende Kulturen der Opposition im Schwarzen/afrikanischen Leben zu konsolidieren. Die Anarkata-Praxis strebt danach, Transmisogynoir, Homofeindlichkeit und Patriarchat zu bekämpfen, indem sie die Stimmen und die Führung von Schwarzen trans Frauen und Nicht-Männern als entscheidend für das Überleben unserer Gemeinschaften hervorhebt. Hierarchie verankert die Art und Weise, wie Schwarze gefangen gehalten werden können, und macht Schwarze trans Frauen und andere Nicht-Männer extremer Verletzlichkeit und Gewalt ausgesetzt. Sie müssen im Zentrum des Anarkata-Kampfes für die totale Befreiung aller Schwarzen stehen. Anarkatas verstehen Schwarze trans Frauen als ganz unten in der Geschlechterhierarchie positioniert und sind deshalb einem großen Maß an Gewalt ausgesetzt, während Schwarze Cis- Männer an der Spitze der Geschlechterhierarchie in der Schwarzen Gemeinschaft stehen und im Vergleich zu anderen Mitgliedern der Schwarzen Gemeinschaft die meisten Vorteile erfahren.

Aus diesem Grund ist es entscheidend und von größter Wichtigkeit, dass Schwarze trans Frauen und Schwarze QTGNC-Personen breit unterstützt und als Anführende der Revolution kultiviert werden. Mit Führung meinen wir, dass wir in unseren Fähigkeiten und Fertigkeiten respektiert und bestätigt werden, die Initiative in Sachen Schwarzer Befreiung zu ergreifen, einschließlich des Bestrebens, diese Fähigkeiten und Fertigkeiten zu verbreiten, um Führung zu verbreiten (z.B. die Art und Weise, wie Schwarze Queers organisch in die Obdachlosigkeit intervenieren, indem sie alternative Wohnstätten bilden).

Die Anarkata-Praxis zielt darauf ab, die Geschlechterhierarchie zu unterbrechen und zu untergraben, wo immer es möglich ist, indem Schwarze cis-Männer aus dem Fokus Schwarzer Organisationsräume herausgenommen werden, um die Gewalt aufzudecken, die die am meisten Marginalisierten der Schwarzen Gemeinschaft betrifft. Anarkatas priorisieren die Organisierungsarbeit rund um Themen, die Schwarze trans Frauen und Schwarze Nicht-Männer direkt betreffen und verknüpfen sie mit allen anderen Themen, die Schwarze Menschen als Ganzes betreffen. Die Anarkata-Praxis ist darauf bedacht, (Trans-)Misogynoir, Homofeindlichkeit und Patriarchat zu thematisieren und zu demontieren, wenn sie in unseren Räumen und bei der Organisation auftauchen. Wir verteidigen die Bildung von autonomen Räumen, die ausschließlich für Schwarze trans Frauen und/oder Schwarze Nicht-Männer sind. Anarkatas unterstützen und fördern die gegenseitige Hilfe von Schwarzen trans Frauen, trans Männern und Schwarzen nichtgeschlechtskonformen Individuen durch Essen, Geld, Fähigkeiten und andere Mittel. In Anbetracht der

Häufigkeit von sexueller Gewalt, Übergriffen und Mord an Schwarzen Nicht- Männern, glauben Anarkatas, dass das Überleben der Verletzlichsten in unserer Gemeinschaft um jeden Preis und mit allen Mitteln gesichert werden sollte, einschließlich des Einsatzes von bewaffneter Selbstverteidigung.

Die Anarkata-Praxis zielt darauf ab, Ableismus zu unterbrechen und zu untergraben, indem wir abled Personen aus dem Zentrum unserer Analyse entfernen, Körperpositivität und Bewusstsein für mentale Gesundheit bekräftigen und eine Schwarze Kultur des Komforts an alle Körper entwickeln. Durch die Praxis versuchen Anarkatas die hierarchischen Wertesysteme zu untergraben, die den Wert basierend auf Fähigkeiten zuweisen und Schwarze Körper dazu zwingen, die Erwartungen zu erfüllen, starke fähige Körper zu sein. Anarkatas bejahen die gegenseitige Hilfe von behinderten Individuen und insbesondere von Schwarzen trans Frauen und Schwarzen nichtgeschlechtskonformen behinderten Individuen. Anarkatas hoffen, das Stigma der Behinderung in der Schwarzen Community, das durch den Kolonialismus entstanden ist, zu beseitigen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass sowohl körperliche als auch geistige Behinderungen in unseren Communities existieren und unsere Verwandtschaft betreffen. Wir behaupten, dass Schwarze Menschen niemals frei sein werden, bis alle Mitglieder unserer Gemeinschaft frei sind und ihre körperliche Autonomie ausüben können, auch durch den Zugang zu ihren körperlichen und kognitiven Bedürfnissen.

Ein wichtiger Bestandteil der Anarkata-Praxis ist die Organisation unseres Überlebens durch gegenseitige Hilfe. Wir verstehen gegenseitige Hilfe als eine afrikanische Methode der kollektiven Unterstützung für unsere Gemeinschaften, die Schwarze Personen seit vorkolonialen Zeiten praktizieren. Sie beinhaltet die Verteilung von Geld, Essen, Wasser, Dienstleistungen, Fähigkeiten, medizinischer Versorgung, Unterkunft und anderen Notwendigkeiten an diejenigen, die sie benötigen. In Anlehnung an die Überlebensprogramme von STAR House oder auch der Black Panther Party glauben wir, dass die unmittelbaren materiellen Bedürfnisse unserer Gemeinschaften die Grundlage jeder Schwarzen Organisationsarbeit sein müssen. Unser revolutionäres Potential und unsere Fähigkeit, Unterdrückung zu bekämpfen, ist abhängig von der Gesundheit und Sicherheit unserer Gemeinschaften. Wir unterstützen die gegenseitige Hilfe aller Schwarzen, insbesondere von behinderten Personen, trans Frauen und nichtgeschlechtskonformen Schwarzen Personen. Anarkatas priorisieren die gegenseitige Hilfe von armen und arbeitenden Schwarzen Personen und von obdachlosen Schwarzen Personen.

Anarkatas sehen Schwarze gegenseitige Hilfe als direkte Untergrabung der staatlichen Sozialprogramme, die Schwarze Personen schon immer stark unterversorgt haben, uns in Armut gehalten haben und die materielle Abhängigkeit von eben jenem Staat gefördert haben, der uns ausbeutet.

Anarkatas bestehen darauf, dass wir unsere eigenen Gemeinschaften unterstützen und unsere eigenen Bedürfnisse unabhängig vom Staat befriedigen müssen.

Die Anarkata-Praxis bejaht die Selbstverteidigung unserer Gemeinschaften mit allen notwendigen Mitteln, einschließlich der bewaffneten Selbstverteidigung. Anarkatas sehen die Selbstverteidigung als einen integralen Bestandteil unseres Überlebens, der den Schutz vor äußeren und inneren Bedrohungen beinhaltet. Die internen Bedrohungen für die Schwarze Gemeinschaft bestehen aus homo- und transfeindlicher Gewalt, sexueller Gewalt, sexuellen Übergriffen, häuslicher Gewalt, Kindesmissbrauch, Bandengewalt und anderen räuberischen Elementen, die die Schwächsten in unseren Gemeinschaften ausbeuten. Diese räuberischen Elemente werden entweder als charakteristisch für die Schwarze Community abgetan oder sogar vom Staat und den Polizeibehörden durch absichtliche Nachlässigkeit ermutigt und ermöglicht; was Ruth Wilson Gilmore strukturelle Vernachlässigung nennt. Zu den internen Bedrohungen gehören auch Entreprenegroes, 'Schwarze Kapitalist*innen' und neokoloniale Marionetten und Verräter*innen, die im Interesse des weißen Besitzes und der weißen Macht agieren und die letztlich ihren individuellen wirtschaftlichen Erfolg über die Sicherheit aller anderen stellen, während sie behaupten, dass ihre Bestrebungen der herrschenden Klasse auf die Massen herabrieseln werden. Anarkatas sagen, dass all diese räuberischen Elemente in unseren Gemeinschaften im Tandem mit der Polizei arbeiten, um uns im Elend zu halten und die lokale Autonomie zu untergraben. Da wir der Polizei und dem Staat nicht trauen können, uns in dieser Hinsicht zu dienen oder zu schützen, liegt es an uns, unsere Fähigkeit auszubauen, selbst mit internen Bedrohungen umzugehen, um die Gesundheit und Sicherheit unserer Gemeinschaften zu unterstützen.

Schwarze Selbstverteidigung für diese internen Bedrohungen könnte "Keep the Peace"-Brigaden, Intervention bei häuslicher Gewalt, kommunale Pflegeunterbringungen, Notunterkünfte für Missbrauchsopfer, lokalisierte Notfallteams, Kampfsportklassen, bewaffnete QTGNC-Brigaden, Freiheitsschulen, die unsere Kinder vor der School-to-Prison-Pipeline schützen, moderne Untergrundbahnen und kommunales Waffentraining beinhalten. Es ist besonders wichtig, dass Schwarze QTGNC-Leute und andere Nicht-Männer unter uns bewaffnet sind (wenn sie sich dafür entscheiden), da sie die Gruppe darstellen, die am meisten der internen Gewalt in unseren Gemeinschaften ausgesetzt ist. Wir möchten betonen, dass nur die Verteidigung gegen diese internen Bedrohungen uns in die Lage versetzen wird, uns angemessen gegen die Polizei und all die anderen externen Kräfte zu verteidigen, die versuchen, uns zu töten. Jede Praxis, die diese internen Widersprüche unbehandelt lässt, wird niemals Befreiung für die trans Personen, Behinderten, Sexarbeiter*innen, Obdachlosen, Migrant*innen und andere super-ausgebeutete Mitglieder

unserer Gemeinschaft bringen. Anarkatas sagen, dass wir selbst für unsere Leute eintreten müssen.

Wir müssen wachsam sein gegenüber Strafverfolgungsbehörden, die unsere Gemeinschaften besetzen, sowie gegenüber dem Ku-Klux-Klan, Neo-Nazis, Neo-Konföderierten, staatlichen Milizen, Amokschützen und allen anderen weißen Bürgerwehren, die nichts weniger als unsere Zerstörung und Beherrschung anstreben. Schwarze Selbstverteidigung gegen diese externen Bedrohungen beinhaltet eine Reihe von Methoden, die Polizeiüberwachungsgruppen, Selbstverteidigungsbrigaden, Kampfsportkurse und gemeinschaftliche Waffentrainings beinhalten können. Da das neofaschistische Klima weiterhin den Aufstieg von weißen Nationalismen fördert, ist das Wissen über den Feind sehr wichtig und es ist unerlässlich, dass wir die besonderen Nuancen dieser Gruppen identifizieren können, wer sie sind und wie sie funktionieren. Weiße Bürgerwehren sind nicht monolithisch und nicht so einheitlich, wie sie zu sein scheinen. Jede hat bestimmte ideologische Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten, die von uns ausgenutzt werden können, um diese Gruppierungen gegeneinander auszuspielen. Diese Art der List ist ein weiterer Aspekt der Schwarzen Selbstverteidigung, den wir als Anarkatas unterstützen, indem wir uns auf die anansische Rolle des Tricksters zurückbesinnen. Die List könnte die Form von False Flagging, Fake News, falscher Propaganda, Desinformation, Infiltration und anderen Mitteln annehmen. Der Aufbau unserer Selbstverteidigungskapazitäten, gepaart mit Tricks und List, kann die Gewalt der weißen Vorherrschaft von unseren Gemeinschaften weg und zu unseren Feind*innen hin umlenken.

Die Anarkata-Praxis bejaht den Einsatz von extralegalen Aktivitäten als Mittel, um Schwarze Befreiung zu erreichen. Da das Gesetz von den anti-Schwarzen Funktionen des Eigentumserwerbs, der Schwarzen Kriminalität und des weißen Terrors abhängt und diese kodifiziert, sehen Anarkatas jeden bedeutenden revolutionären Kampf für die Schwarze Befreiung als inhärent vom Staat kriminalisiert. Wo das Gesetz die Funktion hat, über Angelegenheiten zu urteilen, die menschliche Subjekte betreffen, erkennen wir, dass Blackness unter dem Staat immer kriminalisiert wird, gerade weil wir als unmenschlich markiert sind und unsere Körper immer schon außerhalb des Gesetzes stehen, unabhängig davon, ob wir rechtmäßig handeln oder nicht. Schwarz zu sein bedeutet, dass das eigene Sein (die eigenen Freuden, Hoffnungen, der Frieden, das Überleben) vom Staat geächtet wird. Dieser geächtete Status lieferte nicht nur die legale Grundlage für die Sklaverei, sondern ist auch der legale Anstoß dafür, dass unsere Körper für fortgesetzte Masseninhaftierungen, Schikanen durch die Strafverfolgungsbehörden und weißen Bürger*innen zur Zielscheibe werden. Es ist der Grund, warum die Polizei von weißen Bürger*innen so gerne auf Schwarze Personen angesetzt wird, obwohl es keinen wirklichen Grund dafür gibt. Da wir unter der weißen Vorherrschaft rechtlich ausgegrenzt sind,

können wir uns niemals auf das Gesetz verlassen, um unsere eigenen Verletzungen, die uns angetan wurden, anzugehen, und deshalb steht uns das Gesetz nicht als Mittel zur Verfügung, um Gerechtigkeit oder Freiheit zu erlangen. Wir verstehen das weiße Gericht als eine illegitime kolonisierende Institution und lehnen es als legitime Zuständigkeit über Schwarze Körper ab. Die flüchtige Natur von Blackness, die inhärente Ächtung unserer Körper durch den Staat und unsere Positionierung als bereits außerhalb des Gesetzes stehend, führt zu einem Schwarzen Illegalismus, bei dem extralegale Aktivitäten zur Förderung unseres Überlebens im Vordergrund stehen. Für Anarkatas unterstützt der Illegalismus nicht alle Schwarzen kriminellen Aktivitäten, sondern nur die, die den revolutionären Kampf vorantreiben und das weitere Überleben unserer Gemeinschaften fördern.

Neben der Betonung der gegenseitigen Hilfe erkennen Anarkatas auch Diebstahl als eine logische Antwort auf die Bedingungen der Unterdrückung an, der sich die Menschen organisch zuwenden werden, um nicht nur die für unser Überleben notwendigen Ressourcen zu sichern, sondern auch die Kräfte des Kapitalismus der weißen Vorherrschaft zu untergraben. Da unser Volk und unsere Ressourcen vom afrikanischen Kontinent durch den Westen systematisch geplündert wurden und wir die Reparationen, die uns geschuldet werden, niemals legal erlangen werden. Weil die Verletzung, die Schwarzen Personen angetan wurde, sowohl vor dem Gesetz unentzifferbar ist als auch nicht richtig berechnet werden kann, sagen Anarkatas, dass Schwarze Personen jedes Mittel verfolgen können und sollten, um diese Reparationen von den Weißen für die Schäden, die durch Sklaverei und Kolonialismus entstanden sind, zurückzufordern, einschließlich außergesetzlicher Aktivitäten. Anarkatas unterstützen es nicht, unser eigenes Volk zu bestehlen, und schon gar nicht unsere verletzlichsten Gemeinschaftsmitglieder. Wir unterstützen auch nicht die kapitalistische Ausbeutung unseres Volkes durch die Hände unseres eigenen Volkes, was ebenfalls Diebstahl an unserer Gemeinschaft ist. Wir unterstützen jedoch die Plünderung, den kleinen Diebstahl und die Enteignung von Großkonzernen, Fortune-500-Unternehmen, staatlichen Institutionen, gentrifizierenden Ladengeschäften und anderen kolonisierenden Industrien. Darüber hinaus verteidigen Anarkatas die Notwendigkeit von Militanz in unserem Vorstoß für Zugänglichkeit, einschließlich der Enteignung notwendiger medizinischer Güter, um unsere Schwarzen Alten, Schwarzen Behinderten, Schwarzen trans Frauen und alle anderen in unserer Gemeinschaft, die sie brauchen, mit allen Mitteln zu unterstützen. Das Streben nach Reparationen durch extralegale Mittel, die Enteignung weißer Institutionen und die Umverteilung dieser Ressourcen an unsere Gemeinschaften ist starke Anarkata-Praxis.

Anarkatas sehen Riots als eine verständliche Antwort auf den anhaltenden Rassismus, die Unterdrückung und Ausbeutung, denen Schwarze unter dem

Staat ausgesetzt sind — und gegen die sich die Leute organisch wenden werden. Seit Jahrhunderten ist es ein Ausdruck unserer Unzufriedenheit mit den unerträglichen Bedingungen des Schwarzen Lebens. Innerhalb dieser Geschichte haben wir Riots auch als Mittel zur Enteignung und Umverteilung von Ressourcen an unsere Gemeinschaften beobachtet und weitreichende Schäden an weißem Eigentum verursacht. Wir unterstützen nicht die Plünderung oder Zerstörung von armen und Schwarzen Gemeinschaften der Arbeiter*innenklasse und raten davon ab. Anarkatas erkennen jedoch an, dass Aufruhr eine Technologie ist, die von unserem Volk auf strategische Weise genutzt wird, um Gentrifizierung zu verhindern, weißes Eigentum zu zerstören, Besatzungstruppen in unseren Gemeinschaften zu dislozieren, kapitalistische Interessen zu sabotieren, revolutionäre Bewegungen zu unterstützen und Ressourcen an unsere Gemeinschaften umzuverteilen. Wir erkennen an, dass Riots, egal wo sie stattfinden, am revolutionärsten sind und die beste Praxis haben, wenn sie auf diese strategische Weise eingesetzt werden. Anarkatas sehen Riots als eine Tradition des kollektiven Dissenses, die zum Erbe des Schwarzen Widerstands in unserer Geschichte gehört.

Sabotage ist ein weiterer Aspekt der Anarkata-Praxis, der dynamisch und auf vielfältige Weise nützlich ist, um die Schwarze Befreiung in unseren Gemeinschaften voranzutreiben. Seit den Tagen der Sklaverei haben Schwarze Personen Sabotage betrieben, um sich den Bedingungen unserer Knechtschaft zu widersetzen, die kapitalistische Produktion absichtlich zu untergraben und revolutionären Kampf zu führen. Sabotage umfasst ein breites Spektrum an Schwarzen transgressiven und extralegalen Aktivitäten, die wir durchführen können, und kann alles von kleinem Diebstahl bis hin zu massiven Arbeiter*innenstreiks beinhalten. Es ist eine dezentralisierte Aktivität, die jede*r jederzeit durchführen kann. Es gibt fünf Hauptkategorien von Sabotage, die für die Schwarze Befreiung relevant sind. Cybersabotage beinhaltet die absichtliche Manipulation von Computer- und Netzwerksystemen und Hardware, wobei Kommunikationssabotage die Unterbrechung des Informationsflusses über Korrespondenz, E-Mail, Telefon und die Verbreitung von Fehlinformationen beinhaltet. Industriesabotage beinhaltet Aktivitäten, die den Fluss der kapitalistischen Produktion stören und von Arbeiter*innen und Konsument*innen durchgeführt werden.

Infrastruktursabotage sind alle Aktivitäten, die die materiellen Systeme und Funktionen von Institutionen, Strukturen, Verkehrswegen und Ausrüstung stören. Militärische Sabotage schließlich ist jede Aktivität, die darauf abzielt, die Handlungsfähigkeit von Polizei und Militär zu stören. Die Anwendung dieser Methoden der Sabotage, die entweder unabhängig oder koordiniert mit anderen Aktivitäten durchgeführt werden, sind im Allgemeinen eine gute Praxis, solange sie verantwortungsvoll durchgeführt werden. Anarkatas verstehen den Einsatz von Sabotage auch als eine unvermeidliche Reaktion auf unsere

Unterdrückung, wenn Leute darum kämpfen, Ressourcen zu erhalten, unsere Gemeinschaften zu schützen, den Kapitalismus zu untergraben, sich der Strafverfolgung und anderen Besatzungsmächten zu widersetzen und einen revolutionären Kampf gegen den Unterdrückenden zu führen.

Anarkatas glauben, dass Schwarze Personen ein Recht haben, für unsere Befreiung durch bewaffneten revolutionären Kampf zu kämpfen, weil die Position, in die wir als Volk gezwungen sind, den bewaffneten Konflikt unvermeidlich macht. Solange die Artefakte des Staates der weißen Vorherrschaft bestehen bleiben, werden Schwarze Gemeinschaften immer durch Formen des weißen Terrors und der staatlichen Gewalt angefeindet werden. In den Worten der Black Liberation Army "müssen wir nicht nur alternative soziale, ökonomische und politische Institutionen aufbauen, sondern wir müssen dabei absichtlich die bestehenden Institutionen der herrschenden Klasse sabotieren, überlasten und zerstören". Die Entwicklung einer Schwarzen bewaffneten Front ist eine logische und valide Antwort, die darauf abzielt, die Ordnung der Unterdrückung aus unseren Gemeinschaften zu beseitigen und das revolutionäre Programm des Volkes auszuführen. Wir glauben, dass unterschiedliche politische Umstände, das Klima, die Geographie und die lokalen Bedingungen den Charakter und die Form einer bewaffneten Bewegung an jedem Ort bestimmen werden, aber dass es ein paar Schlüsselmerkmale geben sollte. Die bewaffnete Front sollte aus unserem Volk hervorgehen, unserem Volk verpflichtet sein und von unserem Volk unterstützt werden. Eine solche bewaffnete Front sollte frei von Hierarchien sein und die Führung und Teilnahme von Frauen und Nicht-Männern anerkennen, die zu den Waffen greifen und sich am Kampf beteiligen wollen. Die giftige Waffenkultur, die in bewaffneten Kadern brütet, sollte aktiv abgeschafft und durch eine Kultur der revolutionären Liebe ersetzt werden. Die bewaffnete Front sollte ihre Aktivitäten im Untergrund durchführen, um Aufstandsbekämpfungsmaßnahmen zu minimieren und sie sollte aus kleinen Gruppen von Kämpfenden bestehen, um die Infiltration zu minimieren. Kleine Gruppierungen von Kämpfenden erhöhen auch die Geschwindigkeit, Flexibilität und Reaktionsfähigkeit der Front als Ganzes. Durch die Anwendung von Guerillataktiken können solche Gruppierungen die Revolution horizontal führen, indem sie autonom operieren und gruppenübergreifend zusammenarbeiten, ohne dass es eine zentralisierte Achse gibt. Schließlich sollten ihre Aktivitäten nicht unverantwortlich sein, damit sie unser Volk nicht in unmittelbare Gefahr bringen. In den späteren Phasen des revolutionären Kampfes wären bewaffnete Bewegungen der Schlüssel, um Territorien zu befreien, autonome Zonen zu etablieren und der weißen Machtstruktur entscheidende Schläge zu versetzen.

Anarkatas sind jedoch ausdrücklich gegen den Avantgardismus und verstehen die Avantgarde als konterrevolutionär, weil sie das revolutionäre Potential des Volkes hemmt und die politische Abhängigkeit von der Vorhut fördert. Ebenso

lehnen wir den demokratischen Zentralismus ab und sehen ihn als eine autoritäre Organisationsform, die darauf abzielt, Führungshierarchien und Befehlsketten innerhalb der Kader zu schaffen. Wenn wir die Lehren aus den Schwarzen nationalistischen und panafrikanistischen Gruppen der Vergangenheit wie der Black Panther Party, dem African National Congress (ANC) und der Convention Peoples Party (CPP) ernst nehmen, sehen wir den demokratischen Zentralismus als ein Mittel zur Konsolidierung der Macht für hochrangige Kadermitglieder, welche die Möglichkeit einer weiteren Debatte für die vom Entscheidungsprozess ausgeschlossenen Kadermitglieder ausschließt. Absolute, unkritische Loyalität gegenüber den Mandaten einer politischen Organisation und ihrer Führung (selbst nach einem "demokratischen" Entscheidungsprozess) ist nicht "prinzipientreu" oder "diszipliniert", sondern autoritär und gefährlich. Wie der Schwarze Anarchist Lorenzo Kom'boa Ervin betonte, "gibt sich der demokratische Zentralismus als eine Form der innerparteilichen Demokratie aus, ist aber in Wirklichkeit nur eine Hierarchie, bei der jedes Mitglied einer Partei einem höheren Mitglied untergeordnet ist". Wir glauben, dass nationale Komitees, nationale Führungen und alle anderen zentralisierten politischen Formationen obsolet sind und nur der notwendigen Arbeit im Weg stehen, die vor Ort von lokalen Organisator*innen geleistet wird, die mit den Besonderheiten ihrer Gemeinschaften vertraut sind. Schließlich verstehen wir zentralisierte Organisation immer als ein anfälliges Ziel für Angriffe des Staates. Wir glauben, dass die zentralisierte Natur Schwarzer Organisationen in der Vergangenheit dazu beigetragen hat, dass diese Organisationen leicht durch Maßnahmen der Aufstandsbekämpfung kompromittiert werden konnten.

Anarkatas orientieren sich an unserer Vorfahrin Ella Baker, die sagte, dass "starke Menschen keine Führenden brauchen", und vertreten die Position, dass der Zweck einer wahrhaft revolutionären Organisation nicht darin besteht, die Menschen zu führen, sondern aus den Menschen zu sein; den Menschen zu helfen, ihre eigene Stärke zu finden und die Menschen zu befähigen, sich selbst zu führen. Anarkatas sind daran interessiert, starke Leute zu entwickeln, und mit Stärke meinen wir auch die Erkenntnis, dass die Befreiung für alle Schwarzen Personen in der Art und Weise verwirklicht wird, wie wir aktiv und bewusst die totale Freiheit des anderen vorantreiben, besonders in der Bejahung und Zentrierung und Verteidigung von trans Frauen, behinderten Personen und den am meisten Ausgegrenzten. Die Leute müssen verstehen, dass wir, wie Fanon sagte, unsere eigenen magischen Hände sind — und dass unser Erfolg von der Art und Weise kommt, wie wir füreinander da sind, und nicht von hierarchischer Autorität von oben nach unten (besonders wenn diese Autorität von Cishets kommt). Anstelle von Avantgardismus glauben wir daran, alle Macht zum Volk zu bringen — und nicht zu ihren Stellvertretenden. Anarkatas glauben, dass das Volk die Macht hat, sich selbst zu befreien und dass die Revolution von unten kommen muss. Anarkatas glauben nicht an die

Abwesenheit von Führung, sondern daran, dass Führung organisch, kontextabhängig, situativ und temporär sein sollte und darauf abzielt, die Massen zu nähren und ihnen zu helfen, ihre eigene Macht und ihr Potenzial besser zu nutzen. Ein großer Teil davon ist die absichtliche Verbreitung von Führungswissen und -fähigkeiten. Dies gibt den Unerfahrenen Raum, Führungsfähigkeiten und prinzipielle Verwurzelung in der Notwendigkeit, die Schwächsten zu unterstützen, zu entwickeln — was die kollektive Stärke, Reaktionsfähigkeit, Mobilität und Flexibilität unseres Volkes verbessert. Für uns ist das Ziel der Revolution, unsere Gemeinschaft dabei zu unterstützen, eine gut informierte, radikalisierte, autonome und sich selbst erhaltende Masse zu werden.

Zu diesem Zweck betrachten Anarkatas die politische Bildung unseres Volkes als gleichbedeutend mit unserem Wachstum und Erfolg, denn sie spielt nicht nur eine Schlüsselrolle in der politischen Entwicklung des Volkes, sondern ermöglicht es uns, gut informierte, prinzipienfeste und verantwortungsvolle Entscheidungen bezüglich unserer Befreiung zu treffen. Sie erhöht unsere Fähigkeit, selbständig und in Zusammenarbeit mit anderen in Fragen der Befreiung zu handeln und schafft dafür eine Grundlage. Ohne politische Bildung würden sich unsere Bemühungen in grundlosem, prinzipienlosem Chaos auflösen. So schafft die politische Bildung genau die Möglichkeitsbedingungen, die unser Volk bei der Nutzung unserer Autonomie unterstützen. Für uns besteht politische Bildung aus zwei Komponenten: Bewusstseinsbildung und Radikalisierung. Bewusstseinsbildung ist ein Prozess, der sich praktisches, theoretisches und erfahrungsbasiertes Wissen zunutze macht, um das Bewusstseinsniveau der Menschen zu erhöhen (unser Verständnis für die Gesamtheit der Situation, in der wir uns befinden, einschließlich ihrer Ursprünge und verschiedenen Iterationen). Radikalisierung ist der Prozess, der praktisches, theoretisches und erfahrungsbasiertes Wissen nutzt, um die Handlungsfähigkeit eines Volkes zu erhöhen (unser Antrieb, gegen die Situation, in der wir uns befinden, zu kämpfen und uns zu organisieren, einschließlich ihrer ideologischen und strukturellen Beschaffenheit). Zusammen setzen die Prozesse der Bewusstseinsbildung und Radikalisierung das revolutionäre Potential eines Volkes frei. Revolutionäres Potential ist das Feld der Möglichkeiten, in dem wir unsere kollektive Stärke, Kreativität und Handlungsfähigkeit bei der Transformation unserer äußeren und inneren Bedingungen voll entfalten. Anarkatas behaupten, dass die Bewusstseinsbildung und Radikalisierung unseres Volkes durch politische Bildung sicherstellen wird, dass Schwarze Personen unser revolutionäres Potential verwirklichen. Wir wollen uns selbst ermächtigen, nicht nur (für) uns selbst zu führen, sondern dies auf eine verantwortungsvolle und gebildete Art und Weise zu tun.

Anarkatas bejahen die Mobilisierung von Massenbewegungen, wenn sie im Dienst der lokalen Organisierung steht. Mobilisierung ist oft eine organische Reaktion auf die Empörung über unsere Unterdrückungsbedingungen und kann Schwung, Aufmerksamkeit und Aktivität für ein bestimmtes Thema erzeugen. Obwohl Mobilisierung nützlich sein kann, um für unmittelbare Errungenschaften zu agitieren, ist sie noch effektiver als Werkzeug der Bewusstseinsbildung und Radikalisierung. Sie kann genutzt werden, um revolutionäre Ideen zu verbreiten und unser Volk zum Handeln zu inspirieren. Die Art und Weise, wie die Mobilisierung Möglichkeiten zur kollektiven politischen Bildung bietet, ist bei weitem der wertvollste Aspekt, den sie uns bietet. Sie lässt sich gut neben aufständischen Aktivitäten einsetzen und kann den politischen Konflikt allmählich eskalieren lassen und den Prozess der Bewusstseinsbildung und Radikalisierung unterstützen. Auf diese Weise sehen wir sie als ein mächtiges Organisierungsinstrument, eines, das wichtig ist, um die Art von populärer Unterstützung und Momentum aufzubauen, die benötigt wird, um andere Aktivitäten zu unterstützen. Jedoch ist die Mobilisierung ohne die richtigen Kanäle der organisierten lokalen Aktivitäten, die ihr zugrunde liegen, weitgehend unhaltbar, ineffektiv und anfällig für institutionelle Kooptation. In Anlehnung an Kwame Ture muss jede Mobilisierung in einer wirklich radikalen Organisation verwurzelt sein, die für die spezifischen Probleme Schwarzer Personen in den verschiedenen Orten relevant ist.

Der Ansatz von Anarkatas zur Organisation betont Lokalisierung, Dezentralisierung, Horizontalismus und Flexibilität. Unter Lokalisierung verstehen wir die Entwicklung von kleinen, unabhängigen, autonomen Gruppen, die sich um lokale Themen in ihren jeweiligen Gemeinschaften organisieren. Dezentralisierung ist die übergreifende Zusammenarbeit dieser lokalen Gruppierungen, die sich zu einem autonomen Anarkata-Netzwerk zusammenschließen, aber dennoch unabhängig agieren und sich frei mit dem Netzwerk verbinden. Horizontalismus ist die Abflachung hierarchischer Beziehungen über und innerhalb der lokalen und breiteren Netzwerkebene, sowie der Austausch von gegenseitiger Hilfe und Ressourcen über diese Ebenen hinweg. Flexibilität ist der Prozess, herauszufinden, wann/wie man mehr oder weniger starre Organisationsformen als Reaktion auf verschiedene Situationen aufbaut oder auflöst. Zusammen erlauben uns diese vier, hierarchische Macht innerhalb unserer Organisationen zu minimieren und ein Höchstmaß an Autonomie und direkter Demokratie zu fördern und unsere organisierte Teilnahme an Bewegungen auf kontextuelle Bedürfnisse reagieren zu lassen.

Die freie Assoziation ist die Grundlage des Anarkata-Organisationsrahmens, der die Autonomie sowohl von Individuen als auch von Gruppen schätzt. Die Mitglieder der lokalen Gruppe sind frei zu wählen, wie sie sich innerhalb der Gruppe beteiligen und die lokalen Gruppen haben die Autonomie zu

entscheiden, wie sie innerhalb des Netzwerks interagieren und teilnehmen. Führung entsteht innerhalb der Gruppe auf einer kontextuellen Basis, wenn es notwendig ist, und wenn dies der Fall ist, ist diese Führung der Gruppe als Ganzes verpflichtet und ihr gegenüber rechenschaftspflichtig. Wir verstehen diesen Ansatz der Führung als freie Initiative. Jedes Mitglied der Gruppe ist frei, die Initiative zu ergreifen, wenn es für die Gruppe notwendig ist, einschließlich der Übernahme der Führung oder der Erfüllung einer Rolle oder Aufgabe. Sobald die Initiative ergriffen wurde, wird das Mitglied von der Gruppe dafür verantwortlich gemacht. Ebenso üben die lokalen Gruppen innerhalb des Anarkata-Netzwerks freie Initiative aus und können die Führung bei gemeinsamen Bemühungen über lokale Gruppierungen hinweg oder bei Bemühungen, die das Netzwerk als Ganzes betreffen, übernehmen. Unser Gebrauch von freier Assoziation und freier Initiative sind Ausdruck unserer Betonung von Autonomie und sind die Bausteine der Anarkata- Organisationsdynamik.

Zu welchem Ende? Dem Ende der Welt

Diese Welt, die wir kennengelernt haben, die Welt, die aus der Zerstörung Afrikas geboren wurde, geboren aus der Entgeschlechtlichung unserer Körper und ihrer Verwandlung in Eigentum, geboren aus dem Schweiß unserer Vorfahr*innen, wie Frantz Fanon es ausdrückte, diese manichäische Welt muss endlich zu einem Ende kommen.

Es ist eine Welt, die in Grenzen und Partitionen unterteilt ist, in der das ordnende Prinzip die Gefangenschaft und extreme Formen der Gewalt ist.

Es ist eine Welt der cisheterosexuellen Herrschaft, des Patriarchats der weißen Vorherrschaft und der ableistischen Unterdrückung.

Es ist eine Welt der militärischen Besetzungen, multinationalen Konzerne, Gefängnisse und modernen Plantagen.

Es ist eine Welt der universalisierten weißen Symboliken, Theologien und Philosophien.

Es ist eine Welt, die weiß ist, in der der westliche Imperialismus und Kolonialismus die Reichweite des Westens stark ausgeweitet hat, mit katastrophalen Folgen für die Menschen der Dritten Welt und für die Umwelt.

Es ist eine Welt, in der die kapitalistische Ausbeutung von Ressourcen und die Verschmutzung, die sie hinterlässt, uns in eine Klimakatastrophe zu stürzen droht.

Das ist die Welt, die wir geerbt haben und die Welt, in der wir ums Überleben kämpfen. Wofür wir kämpfen (und zu welchem Zweck) ist nicht, diese Welt, die wir geerbt haben, besser zu machen, ihre Strukturen zu verbessern oder sie gar in einem radikalen Sinne zu verändern. Unser Endziel ist es, sie zu beenden,

d.h. ihr Ende ist unser Anfang.

Diese Welt der Moderne, die Welt, die Sklaverei, Kapitalismus und Kolonialismus erbaut haben, ruht auf der materiellen Erde, ist aber nicht von der Erde. Die weltbildenden Prozesse von Kapitalismus, Kolonialismus und Imperialismus haben die Erde rassifiziert, vergeschlechtlicht, objektiviert und verwüstet und sie in Rohstoffe für das Kapital selbst verwandelt. Im Gegenzug hat der Kapitalismus versucht, seine Logik zu naturalisieren und behauptet, dass die Gewalt und Aggression im Zentrum seiner Prozesse denselben Gesetzen unterliegt wie die natürliche Welt. Die sozialdarwinistische Vorstellung, dass die Erde vom "Überleben des Stärkeren" regiert wird, ist ein weiteres Stück kapitalistischer Propaganda, die dazu dient, die koloniale Ausbeutung zu rechtfertigen, indem sie die Ordnungsprinzipien der Welt mit denen der Umwelt erweitert und verschmilzt. Aber wir sagen, dass die "Erde" und die "Welt" zwei grundlegend verschiedene Dinge sind, die diametral entgegengesetzt sind: das eine wird ausgebeutet und degradiert, um die weitere Existenz des anderen zu fördern. Die Erde ist eine nachhaltige Ansammlung von miteinander verbundenen Ökosystemen, die Welt ist eine nicht-nachhaltige Masse von Strukturen und Institutionen, die von Konsum und Ausbeutung angetrieben werden. Die Erde ist ein lebender, atmender Organismus, während die Welt eine soziale Erfindung ist, ein vom Menschen geschaffener Parasit, der sich von der Erde ernährt und den Menschen als sein einziges Subjekt im Zentrum der Welt hervorbringt. Anders ausgedrückt, die populäre Aussage "die Welt ist grausam" ist kein Diskurs über die Erde, sondern ein Verweis auf die Welt: die Welt ist diese soziale Erfindung, die sich durch abscheuliche Grausamkeit konstituiert. Wo die modernen Umweltbewegungen die Erde und die Welt miteinander verschmelzen, sagen wir, dass die Welt die Erde antagonisiert und argumentieren, dass das einzige Mittel, den Prozess des Klimawandels zu stoppen, der die Erde zu zerstören droht, darin besteht, die Welt zu liquidieren und sie aus unserer Zukunft zu eliminieren. Auf diese Weise ist mit dem Ende der Welt nicht das Ende unseres Planeten gemeint, sondern das Ende jener Welt, die unseren Planeten zu zerstören droht.

Von dem Moment an, als unsere Vorfahr*innen geraubt und in die Struktur des Kapitalismus der weißen Vorherrschaft eingegliedert wurden, wurde die Saat für dessen letztendlichen Untergang gelegt. Denn wenn die moderne Welt eine soziale Erfindung ist, dann wurde sie durch die Versklavung der Afrikaner*innen und die Plünderung des afrikanischen Kontinents geboren. Die afrikanische Sklav*innenarbeit ist die Grundlage der modernen Welt, die historisch die Bedingungen der Möglichkeit für den westlichen Kapitalismus, Kolonialismus,

Imperialismus und Humanismus lieferte. Blackness baute die Welt auf und erhält sie weiterhin aufrecht, kann aber kein Teil von ihr sein oder einen angemessenen Platz in ihr haben. Die Verdrängung von Blackness, dieser Ausschluss von der Welt, diese Andersweltlichkeit, ist ein Schlüsselmerkmal, das Schwarze als Agent*innen der Weltzerstörung positioniert. Denn das Ende des Menschen und der Welt, die ihn zentriert, kann nicht durch den (kolonialen) Menschen selbst herbeigeführt werden; es gibt nichts am Menschen, das revolutionär sein kann. Diese Arbeit gehört einem ganz anderen Wesen, einem, das vom Menschen und der Welt verachtet wurde. Blackness ist apokalyptisch: unsere eigene Haut ist ein Zeichen der Apokalypse, die auf die westliche Moderne zukommt. Die Whiteness fürchtet diese Apokalypse vielleicht noch mehr als die Aussicht auf ein ökologisches Armageddon, mehr als die Umweltkatastrophe, deren privilegiertes Subjekt es selbst noch ist. Denn Blackness läutet das Ende des Weißen als privilegiertes Subjekt ein. Blackness ist der fruchtbare Boden, auf dem die Welt steht, und wenn wir uns erheben, wird auch die Welt, die auf uns gebaut ist, zerbröckeln.

Aus der Asche dieser Apokalypse entstehen unzählige Afro-Zukünfte, die darauf warten, zu sein; wundersame, spekulative Universen, in denen Schwarze Leute frei sind und die Grenzen des Möglichen verschieben. Vielleicht gibt es eine Zukunft, in der Schwarze Leute auf schwimmenden Städten leben, nachdem die Folgen des Klimawandels den Meeresspiegel ansteigen lassen. Oder vielleicht leben wir in atmosphärischen Städten hoch über den Wolken, verursacht durch einen nuklearen Winter. In einer Zukunft, in der die Ozonschicht weg ist, leben wir vielleicht in unterirdischen afrikanischen Dörfern. Oder vielleicht sind wir nomadische Baumpflanzer*innen, die die Erde nach ihrer Versteppung terraformieren. Stell dir eine Zukunft vor, in der es Milliarden von Geschlechtern gibt, jedes mit einem eigenen Tempel, der der jeweiligen Person gewidmet ist, und einer eigenen Gemeinschaft von Jünger*innen. Stell dir sternenbeobachtende Schwesternschaften, zeitreisende Vorfahr*innen und intergalaktische Maroon-Gemeinschaften vor. Stell dir interstellare Reisen an Bord des Black Star Space Shuttles vor, oder vielleicht eine kosmische Harlem Renaissance. Stell dir Zukünfte vor, in denen der Mensch verschwunden ist und Platz für das Auftauchen eines neuen Wesens gemacht hat. Anarkata fordert uns auf, von Schwarzen Möglichkeiten zu träumen, die noch nicht erdacht wurden. Vom Ende der Welt kommen neue Seinsweisen, neue Lebensformen, neue Visionen von Freiheit.

Aber wir müssen nicht unsere Vorstellungskraft benutzen, um diese Zukünfte zu erträumen; die Beweise dafür können in unserem heutigen Kampf gesehen werden. Die wachsende Sorge um die Schwächsten in unseren Gemeinschaften, der Austausch von gegenseitiger Hilfe für unser Überleben, die politische Bildung unseres Volkes und die flexible Reaktionsfähigkeit unserer Bewegungen, die Formationen, die in unseren Gemeinschaften

entstehen und die kleinen und großen Wege, wie wir Autonomie und Verwandtschaft mit dem Land, dem Wasser und dem Boden zurückerobern — all das sind Vorboten unserer Afro-Zukunft. Anarkata stellt sich eine Afro- Zukunft vor, in der alle Schwarzen frei sind, ihre körperliche Autonomie auszudrücken, in der Schwarze Nicht-Menschen geehrt werden und im Vordergrund stehen, in der behinderte Schwarze Personen aufgenommen und anerkannt werden. Wir sehen horizontale Zukünfte voraus, in denen Hierarchien abgeschafft werden und die Zusammenarbeit zwischen Leuten, Orten und Netzwerken stattfindet. Wir sehen die Abschaffung von Gefängnissen und das Aufkommen von kommunalen Schlichtungen zur Beilegung von Streitigkeiten voraus. Wir stellen uns autonome Orte vor, die sich selbst durch direkte Demokratie, Kritik und Konsens regieren. Wir stellen uns eine Zukunft vor, in der die Leute Zugang zu ihren Bedürfnissen haben und nicht dem bloßen Überlebenskampf, der Ausbeutung oder innerkommunaler Gewalt ausgesetzt sind. Wir stellen uns eine gemeinschaftliche und befreiende Bildung für unsere Kinder vor. Und wir stellen uns eine Schwarze Masse vor, die die politische Bildung und die Fähigkeit zur Führung hat, um autonom zu sein.

Diese Zukünfte sind keine Utopien, in denen keine Probleme existieren, aber sie sind Zukünfte, in denen unsere Anpassungsfähigkeit an neue Probleme durch die Stärke und Gesundheit unserer Gemeinschaften erhöht wird. Es liegt an uns, diese Zukünfte zu bauen und heute den Grundstein dafür zu legen. Es ist die Schwarze revolutionäre Arbeit von heute, die die Möglichkeiten einer Afro- Zukunft von morgen nähren wird. Indem wir den Konturen von Anarkata, ihrer Tradition, Politik und Praxis einen Namen geben, hoffen wir, Aspekte dieser expansiven Arbeit zu lokalisieren, die bereits für die totale Befreiung unseres Volkes getan wird. Diese Erklärung hofft, die Bandbreite der Ideen und Ansätze, die die Anarkata-Wende belebt haben, in einem Dokument zusammenzufassen. Das Dokument ist lediglich ein Angebot in diese Richtung; ein Startpunkt, oder vielleicht ein Mittelweg in dem, was der Korpus des Anarkata-Denkens und der Politik werden könnte. Dieses Dokument ist auch eine laufende Arbeit: es lebt, wächst und wird transformiert, wenn neue Einsichten über seinen Inhalt (und seine Fehltritte) gemacht und neue Ansätze ausgegraben werden. Es ist ein Dokument, das mit allen, die sich mit seinen Inhalten identifizieren, ins Gespräch kommt und dadurch verbessert wird. Es soll genauso flexibel und kollaborativ sein wie die Bewegungen, die wir aufzubauen hoffen. Wir laden die Leser*innen ein, dieses Dokument auf jede Art und Weise zu nutzen, die sie für nützlich halten, um das Projekt der Schwarzen Befreiung in ihren eigenen Gemeinschaften voranzutreiben. Schließlich ist dieses Dokument ein Ausdruck von Liebe: einer unsterblichen Liebe für unser Volk, Liebe für unsere Gefährt*innen und eine Liebe zur Freiheit. Es ist diese Liebe, die uns zu Anarkata führt.

Wohin wir von hier aus gehen

Michael Kimble

In den letzten Monaten habe ich die sich schnell aufbauende Bewegung seit den Rebellionen in Ferguson und Oakland und anderen Orten, an denen Anti- Polizei-Demos entstanden sind, gelesen und analysiert. Ich behaupte nicht, dass ich alle Antworten habe, aber ich möchte einfach, dass die Leute dies als einen Beitrag zur Entwicklung einer anarchistischen Strategie akzeptieren. Ich denke, dass alle alten Modelle, die Revolution herbeizuführen, zu einem großen Teil veraltet sind und dass die informelle Organisation, die sich zu entwickeln scheint, die richtige Strategie ist, aber ich möchte darauf hinweisen, dass wir uns einige konkrete Ziele setzen müssen, langfristige und kurzfristige. Unser langfristiges Ziel ist natürlich die Zerschlagung des Staates, damit wir den Kampf zum Aufbau neuer gesellschaftlicher Verhältnisse beginnen können, ohne eine hierarchische, kapitalistische Gesellschaft.

Unsere langfristigen Ziele entbinden uns nicht davon, genau das jetzt inmitten des Kampfes zu tun. In der Tat ist es genau das, was wir jetzt tun sollten, während die Feuer der kollektiven Wut brennen. Obwohl wir sagen, dass wir nicht wissen, wie der Wandel aussehen wird. Natürlich wissen wir das nicht. Wir sind keine Wahrsagenden, aber die Idee ist, es so aussehen zu lassen, wie wir es uns wünschen. Nichts ist garantiert, aber wir können es uns leisten, anderen weiterhin zu erlauben, die Veränderung zu entwickeln, die sie sich wünschen. Wenn nicht, dann sollte ein Teil unserer sozialen Strategie die Projektion unserer Vision der Veränderung sein, die wir uns wünschen.

Wenn die Feuer der Rebellion weiter lodern, werden sich viele Rebell*innen hinter den Mauern oder auf der Flucht wiederfinden. Denke daran, Revolution ist verboten, illegal. Daher sollte die Versorgung und Sicherheit von Gefährt*innen, die sich in diesen Situationen befinden, Teil unserer kurzfristigen Ziele sein (finanzielle Unterstützung für Kautionen, sichere Unterkünfte, etc.), zusammen mit unserer Erzählung darüber, was vor sich geht und wie Veränderung möglich ist, und wie diese Veränderung möglicherweise aussehen kann.

"Ich glaube an die Fähigkeit der Menschen, ohne Kontrolle und Ausbeutung zu leben, aber wir haben eine ganze soziale Ordnung zu zerstören und lebenslange Sozialisation rückgängig zu machen. Unsere Art zu kämpfen, unsere Art zusammen zu sein, kann unsere ideale Welt in sich tragen, aber das ist so ziemlich alles, was wir im Moment haben. Ich habe genug Zeit mit der Anarchie als Tagtraum verbracht, es scheint darum zu gehen, sie zu schaffen, wo immer wir können."

Das kommt nicht nur der Not und der Sorge der Gefährt*innen entgegen, die sich hinter den Mauern wiederfinden, sondern zeigt Einigkeit und Solidarität nicht nur den Gefährt*innen, sondern auch den anderen, die beobachten, wie wir miteinander umgehen. Glaube mir, sie schauen zu. Also müssen wir uns eine wirtschaftliche Strategie einfallen lassen, um das Geld aufzubringen, das für ein solches Projekt benötigt wird. Konzerte, Nachtclubs, Restaurants, Enteignungen, etc. sind einige der Ideen, die mir dazu einfallen.

Ich werfe wirtschaftliche, soziale und politische Strategie in einen Topf, da sie sich überschneiden werden. Kohle wird auch für andere Projekte wie Landkauf, Landwirtschaft, Veranstaltungen, Kliniken, etc. benötigt. Ein Teil dieser Strategie sollte das Sammeln von, sagen wir mal, 1000$ von jeder anarchistischen Gruppe/jedem Kollektiv etc. sein. Ich bin mir sicher, dass wir allein in den USA 30 anarchistische Gruppen dazu bringen können, $1000 pro Jahr zu sammeln. Das sind 30.000$ und wir können das Jahr für Jahr wiederholen. Außerdem haben viele Gefangene Fähigkeiten/Talente wie z.B. Kunsthandwerk, Lederarbeiten usw., die zur wirtschaftlichen Strategie beitragen können.

Ein weiterer Aspekt unserer politischen/sozialen Strategie sollte es sein, Projekte zu etablieren, um die Hungernden zu ernähren, Kleidung, etc. Nicht als Lösungen, sondern als Beispiele für gegenseitige Hilfe und um die Widersprüche des Staates aufzuzeigen. Und als eine Möglichkeit, die Institutionen des Staates zu untergraben.

Der Anarchismus der Blackness

William C. Anderson, Zoé Samudzi

Die gegenwärtigen Inkarnationen einer unbeeindruckten und ermächtigten radikalen Rechten erfordern zunehmend die Präsenz einer echten, radikalen Linken. In den kommenden Monaten und Jahren werden die Linken und linksgerichtete Wähler*innenschaften in den Vereinigten Staaten klare Unterschiede zwischen potentiell kontraproduktiven symbolischen Fortschritten und tatsächlichen materiellen Fortschritten machen müssen. Liberalismus und Parteipolitik haben eine Öffentlichkeit im Stich gelassen, die versucht, wirklichen Wandel herbeizuführen — aber es gibt Lösungen.

Insbesondere der Schwarze Befreiungskampf hat lange Zeit eine Blaupause für transformativen sozialen Wandel innerhalb der Grenzen dieses Imperiums geliefert, und zwar aufgrund seiner Positionierung als inhärent radikale soziale Formation — ein Produkt der virulenten und grundlegenden Natur von Anti- Blackness in der amerikanischen Gesellschaft. Wenn wir die Bedeutung dieses Kampfes verstehen, können wir durch Untersuchungen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft neue Bewegungen, eine starke und radikale Linke und eine politische Macht aufbauen, die generiert und inspiriert, anstatt zu enttäuschen.

Der Anarchismus der Blackness

Täusche dich nicht: Fortschritt wurde durch die Mobilisierung der Schwarzen gesichert, nicht durch eine einzelne politische Partei. Wir sind diejenigen, die einen Großteil des Fortschritts erreicht haben, der die Nation zum Besseren für alle verändert hat. Diese Errungenschaften waren kein Produkt irgendeiner Illusion von amerikanischem Exzeptionalismus, sondern durch Blut, Schweiß und gemeinschaftliche Selbstverteidigung. Unsere Organisation kann jetzt genauso effektiv sein wie in der Vergangenheit, indem sie jeder Ortschaft und Gemeinschaft auf der Grundlage ihrer Bedürfnisse und Bestimmungen dient. So viel kann erreicht werden, indem wir uns von der Parteipolitik distanzieren, die uns nicht dient, da Schwarze Freiheiten nicht wirklich in einer bestimmten Wahl gesichert werden können. Unsere politische Energie ist wertvoll und sollte nicht

von politischen Zyklen aufgebraucht werden, die sich gegenseitig und zu unserem eigenen Nachteil verstärken.

Obwohl wir an die Gesetze des Landes gebunden sind, kann das Schwarze Amerika als eine außerstaatliche Einheit verstanden werden, da Schwarze vom liberalen Gesellschaftsvertrag ausgeschlossen sind. Aufgrund dieser außerstaatlichen Lage ist Blackness in vielerlei Hinsicht anarchistisch. Als ethnisch-soziale Identität, die sich aus Nachkommen versklavter Afrikaner*innen zusammensetzt, haben Afroamerikaner*innen neue Kulturen und soziale Organisationen entwickelt, ähnlich wie es der Anarchismus von uns verlangen würde, außerhalb staatlicher Strukturen zu leben. Schwarze radikale Formationen sind selbst grundlegend antifaschistisch, obwohl sie außerhalb "konventioneller" Antifa-Räume agieren, und Schwarze Menschen haben seit unserer Ankunft in Amerika anarchistischen Widerstand geleistet.

Von Aufständen auf Sklav*innenschiffen und Plantagen während der Versklavung bis hin zu Arbeits- und Gefangenenlagern nach der Emanzipation, zu Harriet Tubmans Befreiung versklavter Menschen aus der Obhut ihrer Besitzenden, zur Schaffung von Maroon-Gesellschaften im amerikanischen Süden, zum Kampf gegen die historischen (und gegenwärtigen) Absprachen zwischen staatlicher Strafverfolgung und dem Ku-Klux-Klan — die Behauptung der Schwarzen Persönlichkeit, Menschlichkeit und Befreiung hat notwendigerweise sowohl die Grundlagen als auch die Legitimität des amerikanischen Staates in Frage gestellt.

Warum also verstehen wir angesichts dieser Geschichte Schwarze politische Formationen als fest im Liberalismus verankert oder als fast gleichbedeutend mit der Unterstützung für die Demokratische Partei? Die Realität des Nachlebens der Sklaverei zeigt, dass die aktualisierten Bedingungen der Schwarzen Staatsbürgerschaft immer noch untrennbar mit den ursprünglichen Sünden verbunden sind, die seit der Gründung dieser Nation gegen uns erhoben wurden. Wir sind nicht in der Lage, einem Käfig zu entkommen, der nie vollständig entfernt wurde, auch wenn die liberale Fantasie uns glauben machen will, dass wir einen Traum haben oder würdevoll aus der Gefahrenzone heraus protestieren werden.

Die einfache und zunehmend realisierte Realität ist, dass Massenproteste, Petitionen und die überstrapazierten respektablen Methoden, die Liberale als einzige Lösungen anpreisen, einen Zweck haben, aber keine Kugeln aufhalten

— deshalb trugen Dr. King und viele ihrer bevorzugten "gewaltlosen" Demonstrierenden vergangener Tage Waffen, um sich zu verteidigen.

Die Antwort auf diesen neofaschistischen Moment

Der Liberalismus kann den Faschismus nicht besiegen, er kann ihn nur durch symbolische politische Manöver bekämpfen. Die Banalität der Wahlpolitik, die dem Leben der Schwarzen in den Vereinigten Staaten übergestülpt wurde, macht die Schwarzen zu einem unauslöschlichen Maultier für einen Großteil des sozialen Fortschritts in dieser Nation. Unser hyper-sichtbarer Kampf ist ein Kampf für die Freiheit aller Menschen und wir sterben nur, um zu erkennen, dass alles Erreichte mit einem schnellen Federstrich wieder rückgängig gemacht werden kann. Während der Liberalismus die Last auf sich nimmt, die "freie Rede" und die Rechte derer zu schützen, die alle Nicht-Weißen vernichten würden, übernehmen Schwarze Menschen und andere People of Color alle Risiken und Schäden.

Die symbolischen Kämpfe, die die Demokratische Partei und ihre liberalen Wähler*innen ausfechten, stellen eine direkte existenzielle Bedrohung für Schwarze Menschen dar, weil sie hochgehaltene Ideale einer Verfassung schützen, die Schwarzen Menschen noch nie Sicherheit oder Schutz garantiert hat. Die idealistischen Gesten, mit denen sich der Liberalismus definiert, werden auf Kosten Schwarzer Menschen gemacht, die durch solche Ideale nicht so geschützt werden, wie institutionelle Whiteness und sogar Artikulationen weißer Vorherrschaft geschützt werden.

Verfassungsänderungen werden verdreht, basierend auf der historischen Missachtung des Staates, der einen aktiven Antagonismus gegen Schwarze Leben aufrechterhält. Der erste Verfassungszusatz wurde wiederholt von der militarisierten Polizei, die durch Schwarze Viertel trabte, mit Füßen getreten. Der Zweite Verfassungszusatz wurde von zahllosen staatlichen Vollstreckenden niedergeschossen, die Schwarze außergerichtlich ermordet haben, nur weil sie den Verdacht hatten, dass sie eine Waffe haben könnten. Der Dreizehnte Verfassungszusatz legitimierte die Versklavung durch Masseneinkerkerung und erweiterte die Praxis zu einer neuen Form der Rationalisierung der weißen Vorherrschaft und einer alten kapitalistischen Arbeitspolitik, die uns bis heute quält. Dieses faschistische Moment ist weder ideologisch neu noch zeitlich überraschend. Es ist eine Unvermeidlichkeit.

Antifaschistische Organisierung muss mutig sein. Die Mechanismen, die gegen uns arbeiten, unterhalten nicht unsere Menschlichkeit: Sie sind hyper- gewalttätig. Sie bringen Tod und Zerstörung in zahllosen Teilen der nicht- westlichen Welt, während sie die heimischen Schwarzen und Braunen Nachbarschaften zu Vorbildern dafür machen, wie man mit "anderen" Unterbürger*innen umgeht. Die Militarisierung der Polizei, Grenzregime, polizeiliche Kontrollmaßnahmen, bei der "Verdächtige" angehalten und durchsucht werden, und ICE sind klare Beispiele dafür, wie der Staat die Gemeinschaften betrachtet, die er ins Visier nimmt und brutalisiert. Zumindest

ist eine Konversation über Selbstverteidigung, die unser Überleben nicht als eine Form von Gewalt missversteht, dringend notwendig. Und es wäre noch besser, wenn ein solches Gespräch die antifaschistische Organisierung normalisieren würde, die die Menschen auf die Möglichkeit eines Kampfes vorbereitet, anstatt einfach zu hoffen, dass dieser Tag nie kommt und respektvoll die sprichwörtlichen Perlen vor die Füße derer zu werfen, die derzeit auf den Straßen kämpfen.

Jede*r hat ein Interesse an dem Kampf gegen den Faschismus. Er kann nicht mit Feilschen, Bitten, Flehen, "zivilisiertem" Dialog oder irgendeiner anderen Art der Reaktion, die uns beigebracht wurde, besiegt werden. Faschist*innen haben keinen Respekt vor "andersartigen" Menschen. Unabhängig von Alter, Geschlecht, Race, Sexualität, Religion, körperlichen Fähigkeiten oder Nationalität, gibt es einen Platz für uns alle in diesem Kampf. Wir kämpfen immer gegen die Widrigkeiten, denn es gibt keine Atempause in einem ständig missbrauchenden Staat. Er kann nur durch diesen Missbrauch funktionieren, also können wir nur durch Organisierung, die in radikaler Liebe und Solidarität geerdet ist, siegen.

Unsere Solidarität muss die Verantwortlichkeit in den Vordergrund stellen und sie muss authentisch sein. Strategische Organisierung dieser Art, Organisierung, bei der wir die unentwirrbare Verbindung unserer jeweiligen Kämpfe verstehen, ist unser Mittel, um den Aufbau einer kohäsiven Linken in den Vereinigten Staaten zu unterstützen. Die Zeit, die mit Dogmen und Sektierertum, Vorurteilen und Inkohärenz unter Linken verschwendet wird, ist vorbei.

Je früher insbesondere das Schwarze Amerika beginnt, unsere Position als ein inhärent anarchistisches Element der Vereinigten Staaten zu verstehen, desto realistischer werden wir in der Lage sein, uns zu organisieren. Jenseits des falschen Begriffs des Chaos sind die Elemente, die uns zu einem solchen machen, genau die Werkzeuge, die wir nutzen sollten, um unsere Befreiung zu erreichen. Dieses brennende Haus kann nicht reformiert werden, um uns angemessen einzuschließen, noch sollten wir einen schmerzhaften Tod teilen wollen in den Flammen unterzugehen. Eine bessere Gesellschaft muss durch unsere unveräußerliche Selbstbestimmung geschrieben werden, und das wird nur geschehen, wenn wir erkennen, dass wir den Stift in der Hand halten.

Anarchie ist

ziq

Anarchie ist ein fortlaufender Prozess zur Demontage von Autorität.

Anarchie ist die unerbittliche Verneinung von Herrschaftsstrukturen, das Bestreben, sich kleine Bereiche des Lebens frei von Ausbeutung und Leid zu schaffen.

Anarchie ist der kompromisslose Vorstoß gegen Unterdrückung und die lautstarke Forderung nach Autonomie und Selbstbestimmung, die Ablehnung aller Klassen, Institutionen und Dogmen, die geschaffen wurden, um Menschen zu beherrschen.

Anarchie ist vor allem eine Praxis, nicht eine Theorie. Es geht darum, aktiv daran zu arbeiten, autoritäre Verhältnisse zu beenden, wo immer sie existieren, und nicht-autoritäre Alternativen aufzubauen. Es geht nicht darum, eine Lebensweise für einen imaginären Ort, eine imaginäre Zeit und imaginäre Menschen vorzuschreiben. Es geht um reale Menschen und die Bewältigung realer Probleme.

Anarchie ist eine lebendige und atmende Praxis, die wir in unser tägliches Leben einbauen. Eine persönliche Haltung gegen die Herrschaft, die alle unsere Entscheidungen beeinflusst und so den Verlauf unserer Existenz prägt.

Es gibt kein Endziel für Anarchie. Sie ist ein fortwährender, nicht enden wollender Kampf gegen hierarchische Strukturen und die Autoritätspersonen, die im Luxus an der Spitze dieser Strukturen sitzen.

Anarchie ist der Wunsch nach Freiheit von Tyrannei. Anarchie sind unzählige Generationen verschiedener Menschen mit dem Drang, freier zu sein als sie es unter den Systemen sind, die sie gewaltsam regieren.

Anarchie ist die Ablehnung der Regierung, der Staaten, der Grenzen, des Kapitals, des Patriarchats, des Gender-Essenzialismus, der Sklaverei, der Ideologie, der Rechten, der Linken, des Klerus, der Demokratie, des Privateigentums, der Technokratie, der Kernfamilie, des Humanismus, des Imperialismus, der Gefängnisse, der Fabriken, der Gründerväter, der

Bürokratie, der Ethnokratie, der Heteronormativität, der Idole, der Tradition, der Polizeiarbeit, der Neuronormativität, des Ökozids, der Zivilisation und jeder anderen Form von Autorität.

Anarchie ist Gemeinschaftsgärten, Umsonstläden, Graffiti, 3D-gedruckte Waffen, FKK, vegane Potlucks [1], Hausbesetzungen, Lebensmittelwälder, Sabotage von Pipelines, freie Software, die Befreiung von Kühen, Ladendiebstahl, das Sichern von Saatgut alter Kulturpflanzen, die Bildung autonomer Zonen, Attentate auf Tyrannen, Guerilla-Gärtnern, Zines schreiben, Regenwasser auffangen, Wahlurnen verbrennen, Biodiversität, Abschaffung der Whiteness, Hacken, Aquaponik, Musik machen, Upcycling, Polizeistationen abfackeln und Wildblumen in der ganzen Landschaft säen.

Anarchist*innen sind jene Personen, die sich weigern, von irgendjemandem oder irgendetwas regiert, beherrscht oder dominiert zu werden. Anarchist*innen sind wütende, verbitterte, verlorene, ängstliche, desillusionierte, gewalttätige, friedliche, mutige, idealistische, mitreißende, furchtlose Träumende.

Ein*e Anarchist*in steht allein gegen die riesige Flut der Autorität, die in alle Richtungen ansteigt. Anarchist*innen verbinden sich mit jeder geschundenen, geknechteten Seele im gemeinsamen Angriff gegen die rücksichtslosen Systeme, die uns entmachten und entfremden sollen.

Anarchie ist geprägt von endlosen Widersprüchen, existenzieller Angst und unerträglichen inneren Konflikten, und doch ergibt Anarchie für jede Person, die entsetzt oder wütend ist über die groben Ungerechtigkeiten, die diesen kleinen blauen Planeten verschlingen, einen perfekten Sinn. Anarchie ist für jede Person, die ein Leben in Würde anstrebt.

Anarchie ist ein unmögliches, absonderliches, aber für unser Überleben notwendiges Streben.

Anarchie ist...




Nicht Fuchs, nicht Wolf, sondern die Wildkatze

Nsambu Za Suekama

"Demokrat*innen sind für die Armen, und Republikaner*innen sind für die Reichen." Meine Eltern haben mir das zum ersten Mal gesagt, als ich vielleicht drei oder vier Jahre alt war. Damals gab es eine Art Aufruhr wegen einer manipulierten Wahl, bei der George Bush die Präsidentschaft gewann, glaube ich. Ich war klein und verstand nicht, warum meine Eltern und Nachbar*innen wütend waren, aber sobald meine Eltern unsere wirtschaftlichen Kämpfe mit den Interessen der Blauen Partei in Verbindung brachten, machte es sofort Sinn, warum sie sich aufregten. Sie wollten die Partei, deren Plattform sich auf uns als Leute der Arbeiter*innenklasse ausdehnen würde.

Meine Eltern waren die ersten Menschen, die mit mir über Klasse diskutierten. Ein Großteil meiner Kindheit verbrachte ich im Heim und so sprachen sie oft darüber, wie die Armut aus einer Struktur der Vernachlässigung kam und wie die Wirtschaft gegen uns als arme Menschen aufgestellt war und wie sie uns absichtlich in einen Kreislauf brachte, um ins Gefängnis zu kommen oder getötet zu werden.

Aber ich war nicht überzeugt von dieser Gleichung, diesem Schema, das sie mir beizubringen versuchten, welche politische Partei den Armen helfen könnte. Konnten die Demokrat*innen wirklich für die Armen sein, wenn die Mehrheit der Armen, die ich sah — mich eingeschlossen — Schwarz waren und die meisten Demokrat*innen, wie auch die Republikaner*innen, weiß waren? Mir kam es so vor, als hätten beide Parteien ein gemeinsames Interesse an der weißen Macht.

Mein Verstand war in diesem Alter auf einer racialen Wellenlänge. Meine Eltern spielten mir Aufnahmen von Martin Luther King, Jr. vor, und so begannen sich Diskussionen über Segregation in meinem Kopf zu festigen. Obwohl King schon Jahrzehnte alt war, schienen die Themen, über die er sprach, für mich immer noch real zu sein. Denn all die weißen Menschen, die ich sah, waren nicht in meiner Nachbar*innenschaft; sie lebten in großen Häusern mit Rasen und so, während wir in verseuchten Gebäuden waren. Was hatten die Demokrat*innen, die angeblich die Armen unterstützen, getan, um Menschen, die wie ich

aussehen, davor zu bewahren, in Heimen gefangen zu sein, in denen ich aufgewachsen war, oder in stinkenden Projekten oder unterfinanzierten Schulen?

Mein Verstand war in diesem Alter auf einer racialen Wellenlänge. Meine Eltern rieten uns davon ab, draußen mit Spielzeugwaffen zu spielen, weil die Polizei denken könnte, dass sie echt sind, uns für Kriminelle halten und uns töten könnte. Alle Cops, die ich sah, waren weiß. Was hatten die Demokrat*innen, die angeblich auf der Seite der Armen standen, getan, um Menschen, die wie ich aussehen, davor zu bewahren, in einem Kreislauf der Armut gefangen zu sein, der uns in Kontakt mit Polizei und Gefängnissen brachte?

Mein Verstand war in diesem Alter auf einer racialen Wellenlänge. Jede Person tyrannisierte mich wegen meiner Gender-Nonkonformität, indem sie mir sagten, ich solle mich stattdessen "Schwarz verhalten". Ich geriet in Schlägereien und erlitt tiefe psychologische Narben und wurde mir der Schikanen bewusst, denen andere geschlechtsabweichende Schwarze Menschen ausgesetzt waren. Was hatten zum Beispiel die Demokrat*innen, die angeblich für die Armen da sind, getan, um den wohnungslosen Schwarzen trans Kids zu helfen, die oft von queerfeindlichen Familienmitgliedern verlassen wurden, den arbeitslosen Schwarzen trans Leuten, die Arbeitgeber*innen aufgrund ihrer sexuellen/geschlechtlichen Vorurteile ablehnten, einzustellen?

Mein Verstand war in diesem Alter auf einer racialen Wellenlänge. Ich las in den wissenschaftlichen Enzyklopädien meiner Mutter über Umweltverschmutzung und fand heraus, dass industrielle Gifte sowohl die Körper von Pflanzen- als auch Tierarten verwüsteten und Mitglieder unserer Spezies krank machten. Was hatten die Demokrat*innen, die angeblich für die Armen da waren, getan, um den Massen von Schwarzen zu helfen, die an Asthma oder Bleivergiftung litten, weil wir es uns nicht leisten konnten, dass Industrieabfälle und Gift nicht in unsere Umwelt gekippt wurden, wie es die Weißen konnten?

Fast zwei Jahrzehnte nachdem ich diese Fragen gestellt habe, muss sich New Afrika ("Schwarzes Amerika") immer noch die gleichen Fragen stellen. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir einen Schwarzen Präsidenten, wir hatten Schwarze Bürgermeister*innen, wir hatten Schwarze Polizeichefs, wir hatten Schwarze Schuldirektor*innen, wir hatten Schwarze Entertainer*innen und Geschäftsleute. Und doch ist unsere wirtschaftliche und soziale Position immer noch so ziemlich die gleiche (wenn nicht sogar schlechter) als kurz vor der Verabschiedung der Bürger*innenrechtsgesetze, für die Martin Luther King mitgekämpft hat.

"Oberflächliche Veränderungen in den Gesetzen/Politiken und sogar im kulturellen Bewusstsein der globalen Gesellschaft haben es nicht geschafft, uns die Freiheit vollständig zu garantieren, auch wenn wir ein paar Maßnahmen zur

Sicherheit haben. In den letzten Jahrzehnten haben wir begonnen, eine immer größere Kluft zwischen Arm und Reich auf der ganzen Welt zu erleben, und eine massive Umweltzerstörung, sowie ständige Genozide gegen unser Volk durch die Konzerne, Gefängnisse, Polizei, Krankenhäuser, Schulen und das Militär. Die Repräsentation unseres Volkes innerhalb der weißen Systeme/Medien hat uns überhaupt nichts Lohnenswertes versprochen, und oft verraten unsere Repräsentant*innen die Interessen des Kollektivs zu ihrem eigenen Vorteil. Und xenophobe Narrative werden weiterhin in unseren Gemeinschaften gesät, um uns zu spalten, damit wir unsere verletzlichsten Geschwister unter den Bus werfen und uns gegenseitig verraten können. Viele rechtliche Schutzmechanismen werden ohnehin oft verweigert und sogar schnell wieder abgeschafft." – Afrofuturist Abolitionists of the Americas

All dies kann nicht auf Trump und das Wiederaufleben des Faschismus unter seiner Präsidentschaft geschoben werden. Sicherlich hat die republikanische Machtübernahme die Dinge oberflächlich betrachtet schwieriger für uns gemacht und bringt glaubwürdige Gefahren in Bezug auf öffentliche Bildung, LGBT+-Rechte, Schutz vor Hassverbrechen, Wohlfahrtsprogramme und mehr. Doch wann hatte uns der Liberalismus und die "Diversifizierung" der amerikanischen Institutionen wirklich gedient?

Ich erinnere mich, dass ich unter der Obama-Präsidentschaft versucht hatte, dem Liberalismus eine Chance zu geben. Ich hatte gehofft, dass sich die Dinge zu gegebener Zeit für uns ändern könnten. Als ich sah, dass endlich ein Schwarzer Mann das höchste Amt bekleidet, dachte ich, dass sich etwas ändern würde, wenn es die richtigen Schwarzen Gesichter in hohen Positionen gäbe. Dann hatte Obama nicht nur eine, sondern zwei Amtszeiten hinter sich. Beim ersten Mal passierte nichts, aber vielleicht würde es sich beim zweiten Mal ändern. Ich glaubte aufrichtig, dass, wenn wir geduldig wären, sich bis dahin die Dinge mit ihm auf dem Stuhl ändern würden, denn er war Schwarz und das musste bedeuten, dass er die gleichen Interessen teilte wie die durchschnittliche Schwarze Person.

Aber das geschah nicht. Stattdessen gab es eine Rezession, verursacht durch die gleiche Gier und räuberische Wohnungsbaupraktiken, die Schwarze schon seit Generationen unterversorgt hatten. Und dann gab es in Orten wie Ferguson und Baltimore Aufstände gegen die Polizei, weil Schwarze landesweit immer noch ungerecht behandelt wurden. Und Obama hatte die Frechheit, die Aufstände zu verurteilen. Dann hatte er die Frechheit, so zu tun, als ob der Grund, warum wir unter den Händen der Polizei leiden, die Abwesenheit der Eltern wäre, als ob Kriminalität und Armut kein strukturelles Problem wäre, sondern ein Ergebnis der Tatsache, dass Schwarze Menschen sich nicht "selbst am Riemen reißen". Als ich das von ihm sah, wurde mir klar, dass Obama in Wirklichkeit Teil einer "Black misleadership class" war. Er war eine

neokoloniale Figur. Er teilte nicht die gleichen Interessen wie die armen, kämpfenden, Schwarzen Massen und diejenigen von uns am Rande. Als solcher gab es in meinen Augen keine Hoffnung für die Demokrat*innen.

Ich begann über etwas nachzudenken, was Malcolm X einmal sagte:

"Die weißen Konservativen sind auch keine Freund*innen des Negers, aber sie versuchen zumindest nicht, es zu verbergen. Sie sind wie Wölfe; sie zeigen ihre Zähne in einem Knurren, das dem Neger immer bewusst macht, wo er*sie bei ihnen steht. Aber die weißen Liberalen sind Füchse, die dem Neger auch ihre Zähne zeigen, aber vorgeben, dass sie lächeln. Die weißen Liberalen sind gefährlicher als die Konservativen; sie locken den Neger an, und während der Neger vor dem knurrenden Wolf wegläuft, flieht er in das offene Maul des "lächelnden" Fuchses. Der eine ist ein Wolf, der andere ist ein Fuchs. Egal was passiert, sie werden dich beide fressen."

Nun haben wir einen neuen Präsidenten, und eine weitere Wahl ist vorbei. Und ähnliche Ideen über die Demokrat*innen wie die, die mir meine Eltern vor Jahren erzählt haben, werden wieder aufgegriffen, da die Demokrat*innen nun behaupten, einen blassen "Widerstand" gegen den Neofaschismus anzuführen. Aber die Worte von Malcolm X sind immer noch gültig, sowohl für weiße Demokrat*innen als auch für Schwarze. Während wir sprechen, versuchen die Demokrat*innen ihr Bestes, um uns auf racial-kultureller Ebene anzusprechen, indem sie unsere Vorfahr*innen zitieren, Kente-Kleidung tragen, unsere Bewegungen auf einer oberflächlichen Ebene beanspruchen, alles, damit sie so aussehen können, als wären sie auf unserer Seite. Lächelnd.

Dies wurde vor allem nach den großen Protesten von 2020, im Gefolge des Todes von George Floyd, deutlich. Die rebellische Energie wuchs in den Herzen der Schwarzen Gemeinschaften schon bevor die Wölfe in diesem Land das Weiße Haus eroberten, und die Füchse sehen das. Genauso wie sie sehen, wie wir anfangen zu verstehen, dass der Kapitalismus ökologisch unhaltbar und genozidal gegen unser Volk ist. Sie sind sich bewusst, dass die Vernachlässigung durch die Regierung, die rassistischen gesundheitlichen Ungleichheiten rund um die Pandemie und die Tatsache, dass sie die Regeln zu ihren Gunsten umschreiben, wenn jemand sie bei ihrem eigenen Spiel ausspielt, der Welt gezeigt haben, wie abscheulich das bürgerliche Wirtschafts- und Staatssystem ist. Sie haben Angst, und um ihre materiellen Interessen zu schützen, müssen die Meister*innen uns davon überzeugen, dass das, was wir tief in uns wissen, nicht wahr ist: dass ihre Struktur uns schützen und bestätigen kann, wenn wir sie nur zurückfordern.

Noch einmal: Sie sind Füchse. Hinter all ihrem Lächeln verbirgt sich in Wirklichkeit ein unersättlicher Durst, uns in ihrem Rachen zu fangen. Hinter ihren Versprechungen von Respekt steckt eine Politik, die genauso

einwanderungsfeindlich, genauso karzerial, genauso geschlechterfeindlich, genauso imperial und neokolonial ist — also genauso anti-Schwarz, genauso gewalttätig gegenüber den Randgruppen der Gesellschaft — wie das, was die konservativen Wölfe fordern. Das ist der Grund, warum sie "Happy Black History Month" sagen, während sie gleichzeitig den Krieg gegen Afrikaner*innen ausweiten, Haitianer*innen deportieren und Diktaturen unterstützen, die die Interessen des einfachen Volkes verletzen. Die Demokrat*innen wollen uns beschwichtigen, damit wir uns ruhig von ihnen verschlingen lassen können, im Gegensatz zu den Amerikkkan Right, die uns offen und stolz verschlingen wollen. Die einzige Hoffnung für den Neger ist es, dies zu erkennen: dass wir kein passives Schaf sind, das in den politischen Zähnen der USA gefangen ist, sondern eine Wildkatze, die mit jedem Knurren und jeder Klaue gegen Massas Haus kämpfen muss und die Autorität daran hindern muss, uns in einen domestizierten, unterwürfigen Zustand zu zwingen.

Die Wildkatze, nicht der Fuchs oder der Wolf, sollte unser Symbol für politische Aktivität sein. Eine solche Aktivität ist die Politik des Unbeherrschten, des Unregierten, des Unbezwingbaren, des Revolutionären, ja sogar des Anarchischen, der sich New Afrika stärker zuwenden muss, wenn wir uns von unseren Bedingungen befreien wollen. Die Wildkatze repräsentiert das Erbe und die unsterblichen Kulturen des Radikalismus, der Rebellion, der Subversion und des Eigensinns, die Europa bedroht haben, seit sie zum ersten Mal in afrikanisches Land eingedrungen sind. Wo der Fuchs für den Liberalismus und der Wolf für den Konservatismus steht, ist die Wildkatze die globale Schwarze/Panafrikanische Revolution. Wir müssen und sollten uns nicht auf Wahlen und Milliardär*innen verlassen, wenn wir uns an Schwarze radikale Traditionen wenden können.

Es sind Wildkatzen (Schwarze Radikale), die uns ernähren, während die Füchse (Liberale), auch Schwarze, unser Volk verhungern lassen; es sind Wildkatzen, die uns bewaffnen oder für uns kämpfen, während die Füchse, auch Schwarze, uns von Cops erschießen lassen und uns dafür verantwortlich machen. Es sind Wildkatzen, die Plantagen niederbrennen, dafür sorgen rassistische Bosse loszuwerden, die heiliges Land schützen, die natürliche Stätten vor kapitalistischer Vergiftung bewahren, die unsere Kinder unterrichten, wenn das Schulsystem unsere Köpfe mit Lügen füllt oder uns ins Gefängnis wirft, die Briefe an unsere Gefängnisfam schicken und sich dafür einsetzen, dass wir auch Bücher und medizinische Versorgung bekommen. Es sind Wildkatzen, die trans Straßenqueers beherbergen, wenn es sonst niemand tut, die Faschos über den Haufen boxen, wenn die Cops auftauchen, um sie zu verteidigen, die kostenlose Therapiesitzungen für diejenigen von uns anbieten, die es brauchen und es sich sonst nicht leisten könnten, die Gärten halten und Pflanzen und Kräuter für uns anbauen, mit denen wir uns ernähren können, wenn die städtische Infrastruktur uns von Nahrung oder medizinischem Zugang

ausschließt. Es sind Wildkatzen, die im Laufe der letzten Jahrhunderte immer wieder Sklav*innenenhaltertum und Kolonialregierungen gestürzt haben, sei es in der haitianischen Revolution oder in den verschiedenen Dekolonisationsbewegungen des 20. Jahrhunderts. Es sind die Füchse, die den Schwarzen leere Versprechungen machen, die nur dazu führen, dass sie sich die Taschen füllen und uns einsperren oder töten, sobald wir uns erheben, wenn wir erkennen, dass wir weiterhin verarscht werden.

Die Wildkatzen tun, was wir tun, weil wir verstehen, dass die Unterdrückung der Schwarzen nicht nur aufgrund von Racediskriminierung oder rassistischer Ausgrenzung besteht. Die Wildkatzen sagen, dass wir nicht nur gegen die weiße Vorherrschaft kämpfen können; wir müssen den westlichen Imperialismus bekämpfen, der die weiße Vorherrschaft hervorbringt und begründet. Die Wildkatzen sagen, dass wir nicht nur wütend über geschlechtsspezifische Stereotypen gegen Schwarze Menschen sein können, wir können nicht nur auf die rassistischen Implikationen dieser Narrative auf Schwarze Liebe und Schwarze Verbundenheitsstrukturen hinweisen. Wir müssen auch die Quelle dieser rassistischen Ideen in Frage stellen: das westliche wissenschaftliche Modell von Geschlecht selbst, das sowohl ein binäres (nur Mann, nur Frau) und hierarchisches (Mann ist überlegen, Frau ist unterlegen) Verständnis von Verbundenheit und Liebe verstärkt, als auch davon, wer menschlich/zivilisiert (europäisch) oder nicht menschlich/unzivilisiert (afrikanisch) ist.

Die Wildkatzen machen nicht nur auf die ungerechten Auswirkungen der Idee auf Gesundheit und Karriere aufmerksam, dass Schwarze 'doppelt so hart arbeiten müssen, um halb so weit zu kommen'; wir stellen die Existenz einer sozialen Leiter und Hierarchie des Zugangs überhaupt in Frage. Wir erkennen an, dass es das ist, was uns dazu zwingt, am unteren Ende des Fasses für bloße Krümel zu kämpfen, während zahllose, meist behinderte Schwarze als wegwerfbare, wertlose "Ressourcenverschwendung" behandelt werden, weil sie nicht in der Lage sind, in dem Tempo und mit den Verhaltensstandards zu arbeiten, die die weiße Gesellschaft vorgibt.

Darüber hinaus verurteilen die Wildkatzen nicht nur den allgemeinen rassistischen Ausschluss der meisten unserer Leute von der Teilnahme an der Wirtschaft, die Weiße ohne Probleme genießen können. Wir sind auch gegen die moderne Ökonomie selbst, weil wir verstehen, dass sie uns immer ausschließen wird, da sie grundlegend und kontinuierlich auf der globalen Ausbeutung der Arbeit und des Landes unseres Volkes für den materiellen Gewinn der Kapitalist*innen und Kolonisatornationen beruht.

Die Wildkatzen sind Schwarze Radikale, weder Liberale noch Konservative. Wir lehren die Menschen nicht einfach, afrikanische/Schwarze Kulturen und soziale

Formationen zu 'respektieren' und 'einzubeziehen'. Die Füchse tun dies, während sie sich gleichzeitig weigern, 'zu weit zu gehen', wenn es darum geht, dafür zu kämpfen, dass afrikanische Gesellschaften anstelle der hegemonialen europäischen die Erde vollständiger bevölkern können. Währenddessen fordern die Wildkatzen als Schwarze Radikale sowohl Respekt für unsere Gemeinschaften und kämpfen für eine tatsächliche Dekolonisierung und das Recht auf afrikanische Autonomie über die Ernährung, Gesundheit, Bildung, Verteidigung und andere Infrastrukturbedürfnisse unserer Gemeinschaften mit allen Mitteln.

In ähnlicher Weise, da wir Schwarze Radikale sind, verlangen die Wildkatzen nicht, dass die Menschen einfach anerkennen, dass die USA und ihre Institutionen auf Sklaverei und Genozid gegründet sind. Die Füchse werden das tun, aber sie weigern sich zuzugeben, dass diese gewalttätige Grundlage nicht der Vergangenheit angehört, sondern ein fortlaufender Mechanismus der Unterdrückung ist. Schwarze Radikale, die Wildkatzen, sagen, dass wir Amerikkka sofort und unerschrocken zerstören und an seiner Stelle die dekoloniale Selbstbestimmung für Indigene Völker priorisieren müssen.

Als Schwarze Radikale werden die Wildkatzen die Polizeiarbeit niemals nur als ein Raceproblem sehen — sie werden niemals sagen, dass es einfach nicht genug Schwarze Cops gibt, oder dass die Cops vielleicht nur auf raciale Vorurteile getestet werden müssen, oder dass wir vielleicht Körperkameras brauchen, um "individuelle" rassistische Cops auf frischer Tat zu ertappen und sie hoffentlich feuern zu können. Nein, die Wildkatzen verstehen Polizeiarbeit als ein Überbleibsel der Sklaverei und lehren, dass Polizeiarbeit/Gefängnisse/Gerichte dazu dienen, die Interessen der herrschenden (bürgerlichen, kolonisierenden) Klasse durchzusetzen und zu schützen, die die Massen durch ihren Besitz von Eigentum und Produktionsmitteln enteignen.

Wenn du es von einem radikalen Standpunkt aus zusammenfasst, verstehst du, dass die konservativen Wölfe den Rassismus verteidigen oder leugnen mögen, aber die liberalen Füchse, die den Rassismus gerne kritisieren, den Rassismus tatsächlich herunterspielen. Sie verwässern die Dinge. Sie beschönigen. Aber es geht ihnen nicht um echte Lösungen. Es geht ihnen um leere Symbolik und Anbiederung. Und sie arbeiten hart daran, uns davon zu überzeugen, dass unsere einzige Hoffnung darin besteht, demselben System unterworfen zu bleiben, das uns und unsere Cousins in Übersee verletzt. Sie weigern sich, dass wir uns für die Abschaffung des Systems einsetzen, das Rassismus produziert und durch ihn verstärkt wird — seine materielle Basis, die eine euro- kapitalistische, ableistische cis-hetero patriarchale Gesellschaft ist.

Aber die Wildkatzen fordern uns auf, es wie Fannie Lou Hamer und Angela Davis zu tun: die Dinge an der Wurzel zu packen. Wir sagen, dass die armen, queeren/trans, behinderten, Schwarzen Massen keine Verbündeten in der weißen/bourgeoisen Machtstruktur haben, selbst wenn die Mächtigen 'melanisiert' sind. Wir müssen auf die Weisheit der Wildkatzen hören. Wir müssen Schwarze radikale Traditionen studieren (Panafrikanismus, Queer/Trans-Befreiung, Afro-Anarchismus, Schwarzer Feminismus, Abolitionismus, etc). Und konkrete Netzwerke der Solidarität, des Studiums und der gegenseitigen Hilfe mit unseren Schwarzen Geschwistern im eigenen Land und auf der ganzen Welt aufbauen. Schließe dich einer revolutionären Organisation oder einer anderen Formation von frei assoziierenden Radikalen an. Entwickle eine Kultur der Bewusstseinsbildung, des Bewegungsaufbaus, der Militanz und der Care-Arbeit. Erkenne, dass es keine Retter*innen innerhalb des Amerikkkan Empire gibt. Wir allein sind unsere magischen Hände, wie Fanon einmal sagte, und so liegt es an uns, uns selbst zu schützen, durch uns selbst, für uns und für unseren Planeten.

Anarchie kann nicht alleine kämpfen

Kuwasi Balagoon

Von allen Ideologien ist die Anarchie diejenige, die Freiheit und gleichberechtigte Beziehungen in einer realistischen und ultimativen Weise behandelt. Sie ist damit vereinbar, dass jedes Individuum die Möglichkeit hat, ein vollständiges und vollkommenes Leben zu führen. Mit Anarchie erhält sich die Gesellschaft als Ganzes nicht nur auf gleiche Kosten aller, sondern entwickelt sich in einem kreativen Prozess weiter, der von keiner Klasse, Kaste oder Partei behindert wird. Denn zu den Zielen der Anarchie gehört es nicht, eine herrschende Klasse durch eine andere zu ersetzen, weder unter dem Deckmantel eines gerechteren Chefs noch als Partei. Das ist der Schlüssel, denn das ist es, was anarchistische Revolutionär*innen von maoistischen, sozialistischen und nationalistischen Revolutionär*innen unterscheidet, die von vornherein keine vollständige Revolution anstreben. Sie können sich keine wirklich freie und gleichberechtigte Gesellschaft vorstellen und müssen bis zu einem gewissen Grad den Verstaatlichungsprozess akzeptieren, der Ausbeutung und Unterdrückung überhaupt erst möglich und vorherrschend macht.

Als ich zum ersten Mal ein Revolutionär wurde und die Doktrin des Nationalismus als Antwort auf den von der Regierung der Vereinigten Staaten praktizierten Genozid akzeptierte, wusste ich genauso wie heute, dass der einzige Weg, die üblen Praktiken der USA zu beenden, darin bestand, die Regierung und die herrschende Klasse, die sich durch diese Regierung abschirmte, durch einen langwierigen Guerillakrieg zu zerschlagen. Mit diesem Wissen bewaffnet, begann ich mit der anfänglichen Organisation der Black Panther Party, bis die Eskalation des Krieges des Staates gegen die Schwarze Bevölkerung, der mit der Invasion Afrikas zur Gefangennahme von Sklav*innen begonnen hatte, mir klar machte, dass ich, um zu überleben und einen Beitrag zu leisten, in den Untergrund gehen und buchstäblich kämpfen musste.

Nachdem ich wegen bewaffneten Raubüberfalls gefangen genommen worden war, hatte ich die Gelegenheit, die Schwäche der Bewegung zu sehen und die Offensive des Staates zu relativieren. Zuerst trieb der Staat alle

Organisator*innen zusammen, auf die Agent*innen aufmerksam gemacht hatten, welche die Black Panther Party infiltriert hatten, sobald sie in N.Y. mit der Organisierung begonnen hatte. Sie klagten diese Leute der Verschwörung an und verlangte so hohe Kautionen, dass sich die Partei von ihren Zielen der Befreiung der Schwarzen Kolonie abwandte und sich der Geldbeschaffung zuwandte. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Führung eher importiert als vor Ort entwickelt, und die Situation verschlechterte sich schnell und drastisch. Diejenigen, die auf Kaution freigelassen wurden, waren diejenigen, die von der Führung ausgewählt wurden, ohne Rücksicht auf die Wünsche der Basis oder der Mitgefangenen.

Unter ihrer Führung hörten "politische Konsequenzen" (Angriffe) gegen die Besatzungstruppen ganz auf. Nur ein Bruchteil des Geldes, das für den Zweck der Kaution gesammelt wurde, floss in die Kaution. Die Anführenden begannen, auf großem Fuß zu leben, während die Basis Zeitungen verkaufte, herausgefiltert wurde und so viele Roboter zurückließ, die die Politik nicht in Frage stellen würden, bis die Inhaftierten die Führung öffentlich anprangerten.

Wie konnten ein paar Wichser so lange so viel Zweck und Energie ablenken? Wie konnten sie den Mut und den Intellekt des Kaders neutralisieren? Die Antworten auf diese Fragen sind, dass die Kader ihre Führung akzeptierten und ihr Kommando annahmen, unabhängig davon, was ihr Intellekt ihnen klar gemacht hatte oder nicht. Den wahren demokratischen Prozess, für den sie bereit waren zu sterben, um ihrer Kinder willen, würden sie nicht für sich beanspruchen. Das sind die gleichen Gründe, warum die Volksrepublik China die UNITA und die reaktionäre südafrikanische Regierung in Angola unterstützte; warum die Sowjetunion, das Produkt der ersten sozialistischen Revolution, nicht das Argument liefert, dass sie durch ihre Vorbildfunktion sollte und könnte.

Das soll nicht heißen, dass es den Menschen in der Sowjetunion, der Volksrepublik China, Simbabwe oder Kuba aufgrund der Kämpfe, die sie ertragen mussten, nicht besser geht. Es soll sagen, dass die einzige Möglichkeit, eine Diktatur des Proletariats zu errichten, darin besteht, alle zum Proletariat zu erheben und alle Machtvorteile zu beseitigen, die sich in den Willen einiger weniger verwandeln, die der Mehrheit diktieren, dass die Möglichkeit verhindert werden muss, dass irgendein Individuum oder eine Gruppe von Individuen in der Lage ist, ihren Willen über das Privatleben eines anderen Individuums durchzusetzen oder soziale Konsequenzen für Verhaltensvorlieben oder Ideen zu ziehen.

Nur eine anarchistische Revolution hat auf ihrer Agenda, sich mit diesen Zielen zu befassen. Dies würde scheinbar die Arbeiter*innenklasse, die kolonisierten

Nationen der Dritten Welt und einige Mitglieder des Kleinbürgertums und der Bourgeoisie aufrütteln. Aber das ist nicht der Fall.

Dass China, Nordkorea, Vietnam und Mosambik um eine marxistische Ideologie herum bauen würden, um Invasoren zu vertreiben und feudale Ökonomien inmitten der westlichen Imperialismuspläne und -bemühungen zur Wiederbesiedlung und Rekolonisierung wieder aufzubauen, ist ein Punkt, über den man angesichts der internationalen Situation streiten kann. Es ist eine Sache, dass sie nicht so sehr auf den Willen des Volkes setzen, wie sie Verbündete in den Ost-West-Kriegen wählten, die auf dem Boden der nicht- weißen Kolonien geführt wurden. Es ist eine andere Sache, dass die Anarchie aufhört, sich für den Kampf gegen Faschismus und Imperialismus hier in Nordamerika mit der Geschichte der Wobblies, der Western Federation of Miners und anderer Gruppen, die der Geschichte ihren Stempel aufgedrückt haben, einzusetzen oder die Führung zu übernehmen. Es ist eine Verleugnung unserer historischen Aufgabe, der Verrat an den Anarchist*innen, die im Widerstand gegen die Tyrannei in der Vergangenheit gestorben sind, die sich angesichts der schrecklichen Zustände geziert haben. Es ist der Diebstahl einer Option für die nächste Generation und die Verwirkung unseres eigenen Lebens durch schwache Herzen.

Wir erlauben Menschen anderer Ideologien, Anarchie zu definieren, anstatt unsere Ansichten unter die Massen zu bringen und Modelle zu liefern, die das Gegenteil zeigen. Wir erlauben Konzernen, nicht nur Arbeiter*innen zu entlassen und zu bedrohen, indem sie ihre Gehälter kürzen, sondern auch die Luft und das Wasser zu vergiften. Wir erlauben der Polizei, dem Klan und den Nazis, jeden Teil der Bevölkerung zu terrorisieren, den sie wollen, ohne ihnen in irgendeiner Form etwas zurückzugeben. Kurz gesagt, indem wir uns nicht an der Massenorganisation beteiligen und den Unterdrücker*innen den Krieg liefern, werden wir nur dem Namen nach Anarchist*innen.

Weil Marxist*innen und Nationalist*innen das nicht in großem Umfang tun, macht es das nicht weniger eine Schande. Unsere Untätigkeit schafft eine Lücke, die dieser Polizeistaat mit seiner reaktionären Presse und seinen eindeutigen Zielen füllt. Die Teile des Lebens der Menschen, die angeblich von Massenorganisation und revolutionärer Inspiration berührt werden, die ein Licht ausstrahlt, das sie ermutigt, einen neuen Tag zu enthüllen, werden stattdessen von Bedingungen manipuliert, zu denen Apathie nicht weniger gehört als toxische, unbestrittene reaktionäre Propaganda. Für diejenigen, die an eine zentralisierte Partei mit einem Programm für die Massen glauben, mag das bedeuten, was immer ihre subjektive Analyse zulässt. Aber für uns, die wir wirklich an die Massen glauben und glauben, dass sie ihr Leben selbst in der Hand haben sollten und wissen, dass Freiheit eine Gewohnheit ist, kann dies nur bedeuten, dass wir noch weit zu gehen haben.

Nach dem Aufstand in Overtown hat sich die kubanische Gemeinschaft, die von Castro als verlorene Seelen eingestuft wurde, klar für die Schwarze Kolonie ausgesprochen. Und vorhersehbarerweise machte der Ku-Klux-Klan durch einen Ehren-FBI-Agenten, Bill Wilkenson, keinen Hehl daraus, dass er die Rechte der Unternehmen und das Geschäft des Imperialismus unterstützt. Die Kolonien der Dritten Welt in den Vereinigten Staaten stehen vor einem Genozid, und es ist an der Zeit, dass Anarchist*innen sich dem Kampf der Unterdrückten gegen die Unterdrückenden anschließen. Wir müssen in Worten und Taten das Selbstbestimmungsrecht und die Selbstverteidigung der Menschen der Dritten Welt unterstützen.

Es ist nebensächlich, ob Schwarze, Puerto Ricaner*innen, Indigene und Chicano-Mexicanos den Nationalismus als Mittel zur Selbstbestimmung befürworten oder dem Anarchismus als einzigem Weg zur Selbstbestimmung zustimmen. Als Revolutionär*innen müssen wir den Willen der Massen unterstützen. Es ist nicht nur Rassismus, sondern Konformität mit dem Feind, außerhalb der sozialen Arena zu stehen und zuzulassen, dass Amerika weiterhin Genozid an den gefangenen Kolonien der Dritten Welt betreibt, weil sie zwar Widerstand leisten, aber nicht mit uns übereinstimmen. Wenn wir wirklich wissen, dass die Anarchie die beste Lebensform für alle Menschen ist, müssen wir sie fördern, sie verteidigen und wissen, dass die Menschen, die so klug sind wie wir, sie akzeptieren werden. Zu erwarten, dass die Menschen dies akzeptieren, während sie als Nation ausgelöscht werden, ohne Verbündete, die bereit sind, alles aufs Spiel zu setzen ist verrückt.

Dort, wo wir leben und arbeiten, müssen wir nicht nur die Diskussionen und Arbeitsgruppen eskalieren, wir müssen uns auch auf der Basisebene organisieren. Die Vermieter*innen müssen durch Mietstreiks bekämpft werden, und statt Strategien zu entwickeln, um die Miete zu zahlen, sollten wir Strategien entwickeln, um die Gebäude zu nehmen. Wir müssen die Hausbesetzungsbewegung nicht nur als das anerkennen, was sie ist, sondern sie unterstützen und umarmen. Richte Kommunen in verlassenen Gebäuden ein, verkaufe Schrottautos und Aludosen. Verwandle ungenutzte Grundstücke in Gärten. Wenn unsere Kinder aus der Kleidung herauswachsen, sollten wir Orte haben, wo wir sie hinbringen können, deutlich gekennzeichnete anarchistische Kleiderbörsen, und uns nicht scheuen, dort zuerst nach Kleidung zu suchen. Und natürlich sollten wir wieder lernen, wie man Lebensmittel konserviert; wir müssen das Bauen lernen und Wege finden, unser Leben zurückzunehmen, uns gegenseitig zu helfen, uns zu bewegen und in Form zu bleiben.

Lassen wir die amerikanische und kanadische Flagge auf Halbmast wehen... Ich weigere mich zu glauben, dass direkte Aktion gekapert worden ist.

Klasseneinheit und POC- Autonomie ist die einzig wahre Solidarität

Lorenzo Kom'boa Ervin

Wenn es wirkliche Klasseneinheit oder Solidarität geben soll, gibt es für weiße Anarchist*innen, Sozialist*innen oder autonome People of Color keinen anderen Weg nach vorne, als die Notwendigkeit zu erkennen, Bewegungen zu organisieren, die auf neuen Konzepten von Klasse und Race basieren. Wir müssen die heuchlerische anarchistische oder weiße radikale Rhetorik zurückweisen, dass autonomistische Bewegungen irgendwie mechanisch auf Race basieren und dass eine "Mainstream" weiße radikale Bewegung auf einer überlegenen Konzeption von Klasse oder politischer Einheit basiert. Die Bedingungen von Schwarzen und People of Color erfordern eine neue politische Einschätzung und müssen zu einem kardinalen Bestandteil jeder radikalen Tendenz gemacht werden.

Wir fordern unser Recht, kulturell und politisch verschieden zu sein und verlangen weiterhin, dass weiße Anarchist*innen/Radikale unser Recht respektieren, in politischen Fragen unterschiedlicher Meinung zu sein und einen separaten Weg zu gehen, der auf den Interessen der einen Partei in Opposition zur anderen basiert. Ich spreche nicht von racialem Separatismus, noch werde ich einer weiteren nutzlosen Koalition nachgeben, die wie die meisten Schwarz- Weiß-Koalitionen so organisiert ist, dass die Weißen wirklich dominieren, weil sie Zugang zu überlegenen Ressourcen haben und weil sie mehr politischen Zugang haben.

Ich spreche von einer Situation, in der sich POC-autonomistische Kräfte mit weißen Radikalen vereinen, wenn es Einigkeit in einem bestimmten politischen Thema gibt, aber dann müssen sie unsere Autonomie zu anderen Zeiten respektieren, wenn wir nicht einverstanden sind oder unseren eigenen Weg gehen wollen. Wenn also People of Color autonome Bewegungen gründen, anstatt sich weißen radikalen Gruppen anzuschließen, ist das eine Reflexion ihrer eigenen racialen Ausgrenzung innerhalb weiß dominierter Bewegungen,

genauso wie es um lokale Organisierung, kulturelle Autonomie oder politische Unterschiede geht.

Eine Sache, die weiße Radikale aufgeben müssen, ist die Vorstellung, dass der ganze Kampf davon abhängt, dass weiße Arbeiter*innen sich massenhaft entscheiden, Kapitalismus und Rassismus abzulehnen. Diese Fabel wird angeblich als Ergebnis eines "katastrophalen Ereignisses" oder einer sozialen Krise eintreten, die das "revolutionäre Mark" der weißen Arbeiter*innen hervorbringt, so die weißen Radikalen. Die Wahrheit ist, dass es eine Reihe von großen Depressionen, zwei Weltkriege und andere katastrophale Ereignisse gegeben hat, die in 400 Jahren amerikanischer Republik keine von Weißen geführte Revolution ausgelöst haben, es sei denn, du zählst die Reihe von Ereignissen während der 1770er Jahre mit, die die Weißen vom englischen Kolonialismus befreiten, während sie selbst weiterhin Sklav*innen hielten!

Tatsache ist, dass die Weißen in Amerika gute Wachhunde für den gestohlenen Reichtum des amerikanischen Kapitalismus waren, so lange sie ihren Anteil bekamen. Weiße Einwanderer*innen wurden aus dem weißen "Club" ausgeschlossen und galten als "gefährliche" Ausländer*innen. Sie wurden den grausamsten Klassen- und Sozialbedingungen unterworfen. Im frühen 19. Jahrhundert rümpften die weißen angelsächsischen Protestant*innen die Nase über italienische, polnische, jüdische und osteuropäische Menschen. Diese Einwanderer*innen galten nicht als weiß, sondern als "soziales Ungeziefer", unpatriotisch und eine "gefährliche ökonomische Klasse". Als diese entfremdeten Völker jedoch weiße politische Macht und Respektabilität bekamen, erhielten sie eine Art ethnischen Zutritt. Im Laufe der Zeit, nachdem sie in den "Club" aufgenommen wurden oder sich hineingearbeitet hatten, übernahmen sie dieselben Vorurteile gegenüber Schwarzen und anderen People of Color, die der schlimmste weiße angelsächsische protestantische Kultursnob ihnen gegenüber hegte.

Weiße Radikale wissen das, aber viele halten an dieser Fiktion einer "heldenhaften weißen Arbeiter*innenklasse" fest, die angeblich so tolerant und bereit ist, auf einer gleichberechtigten Basis mit Schwarzen zu arbeiten. Die Wahrheit ist, dass es keine Retter*innen gibt, die aus dem weißen Mutterland kommen, um Schwarze Menschen zu retten. Wir sind für unsere eigene Befreiung verantwortlich. Es mag weiße Verbündete geben, die mit uns arbeiten werden, aber wir werden sie nur mit uns für Gleichheit, gegenseitige Hilfe und Selbstachtung arbeiten lassen, nicht für weiße Eigeninteressen.

Die Geschichte hat bewiesen, dass nur wenn die Sklav*innen oder die unterdrückten Völker selbst rebellieren, die Weißen in Sympathie sie unterstützen können, vielleicht genug, um das Blatt zu wenden. Allein die Vorstellung, dass sie (Weiße und People of Color) zusammenkommen, weil sie

sich "mögen" oder die Weißen "zeigen wollen, dass sie nicht rassistisch sind", ist der großkotzigste Liberalismus und nicht irgendeine revolutionäre Ideologie.

Nur wenn man versteht, dass sie Teil einer revolutionären Bewegung zur Umstrukturierung der Gesellschaft ist, auch wenn diese in der Anfangsphase nur unmittelbare Gewinne erzielt, kann man dem Gerede von funktionaler "Einheit" überhaupt Glauben schenken. Natürlich kann eine solche Bewegung nicht von Weißen geführt werden, was seine eigenen enormen negativen Implikationen und Ergebnisse hat. Anstatt eine falsche oder romantische Sichtweise zu schlucken, werde ich sagen, dass der einzige Weg, wie Schwarze/POC und Weiße wirklich zusammenarbeiten können, ist, wenn es eine gemeinsame Führung, gemeinsame Interessen und eine gemeinsame Risikobereitschaft innerhalb einer Massenbewegung für raciale und soziale Gerechtigkeit gibt.

Einer von Weißen geführten Bewegung darf es niemals erlaubt werden, die grundlegende Rolle der People of Color selbst zu verdrängen, für ihre eigene Freiheit zu kämpfen. Die paternalistische Idee, dass Weiße wissen, was das Beste für People of Color ist, ist in den europäischen, amerikanischen, britischen und südafrikanischen anarchistischen und linken Bewegungen virulent. Sie versuchen sogar, Mitglieder of Color dazu zu bringen, sich einem politischen "Loyalitätseid" rund um das Thema Race zu unterwerfen, damit es nicht zu einem internen Problem wird. Seien wir ehrlich: Wie viele Weiße in einer rassistischen Gesellschaft im Allgemeinen versuchen sie, solche Themen nicht zu diskutieren, es sei denn, sie kontrollieren die Tagesordnung und legen das Format fest. Auch hier fürchten sie eine Herausforderung ihres eigenen Rassismus.

Zum größten Teil tolerieren die weißen Radikalen nicht nur Symbolpolitik, anstelle der Ermächtigung von Schwarzen in der anarchistischen Bewegung, sondern haben ganz andere Vorstellungen von der Bekämpfung des Rassismus. Sie befassen sich nicht mit der Masseninhaftierung von der armen und Schwarzen Jugend durch den Staat, den Polizeimorden auf den Straßen, der Kindersterblichkeit oder der massiven Armut in den Communities of Color. Stattdessen sehen sie Rassismus als Diskriminierung in Einzelfällen, rassistischen Randgruppen oder einfach als etwas, das die herrschende Klasse als Strategie "benutzt", um Schwarze von Weißen zu spalten. Aber das sind Anliegen über Rassismus aus einer weißen Perspektive, nicht von denen, die tatsächlich Opfer geworden sind.

Also müssen Aktivist*innen of Color das Thema zu ihnen bringen, basierend auf unserem politischen Verständnis, unseren Erfahrungen und basierend auf unserer tatsächlichen Bedingung der Unterdrückung. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir, auch wenn wir an viele Dinge gemeinsam glauben, den

Kampf für unsere eigene Freiheit führen müssen. Weiße Menschen verstehen immer noch nicht ganz, dass man eine Massenbewegung für totale soziale Veränderung nur aufbauen kann, wenn die armen und unterdrückten People of Color sie anführen, nicht privilegierte weiße Arbeiter*innen und Aktivist*innen. Wir können mit jeder Person zusammenarbeiten, aber nur unter den Bedingungen einer prinzipiellen Einheit und eines gemeinsamen Interesses, nicht aufgrund von liberalen racialen Klischees von ... "es ist gut, dass wir alle zusammen im selben Raum sind", "wir müssen uns gegenseitig lieben" oder "wir sitzen alle im selben Boot". Die Schwarze Bewegung und die Bewegungen anderer People of Color brauchen Verbündete in ihrem Kampf gegen die rassistische kapitalistische Klasse — nicht die übliche weiße liberale oder verlogene "radikale" Unterstützung, sondern echte revolutionäre Unterstützung und Solidarität der Arbeiter*innenklasse, von Anarchist*innen auch "gegenseitige Hilfe" genannt. Die Basis einer solchen Einheit muss jedoch prinzipiell sein und auf Klasseninteressen beruhen, und nicht auf liberalen "schlechten Gewissen", "Gutmenschentum" oder Opportunismus und Manipulation durch liberale oder radikale politische Parteien.

Die Bedürfnisse der unterdrückten Menschen müssen die wichtigste Überlegung sein, denn sie wollen echte Unterstützung, keine vorgetäuschte oder linke Rhetorik. Es gibt viel Misstrauen gegenüber weißen Radikalen unter Schwarzen Menschen aufgrund des jahrelangen Fehlverhaltens dieser Radikalen in den Gemeinschaften of Color und des unsachgemäßen Umgangs mit Aktivist*innen of Color. Weiße Radikale haben immer die Probleme so betrachtet, dass sie sich um ihre Konzepte der weißen Arbeiter*innenklasse drehen, die "zur Vernunft kommt", ihre "historische Mission als führende Klasse erkennt und uns alle rettet". Wie edel, aber wie falsch!

Wir glauben, dass Schwarze und People of Color in Amerika und überall auf der Welt anfangen müssen, autonome Bewegungen unter ihresgleichen zu organisieren, sie können sich nicht weißen Aktivist*innen fügen. Niemand wird unsere Hilferufe hören und danach handeln, und niemand kann die Arbeit in unseren Gemeinschaften tun, die nur wir allein tun können. Ein Grund, warum es so wenige Schwarze Anarchist*innen und Anarchist*innen of Color gibt, ist, dass die Bewegung keine Mittel bereitstellt, um People of Color zu erreichen, sie für den Anarchismus oder Sozialismus zu gewinnen und ihnen zu helfen, sich selbst zu organisieren. Das muss sich ändern, wenn wir wollen, dass die soziale Revolution in Amerika stattfindet und wenn wir wollen, dass der nordamerikanische Anarchismus oder Sozialismus mehr als nur eine weitere "Weiße Rechte"-Bewegung ist. Ich habe nie verstanden, warum andere kein Problem damit haben. Das Versagen des Anarchismus und Sozialismus, eine racial und ethnisch vielfältige Bewegung aufzubauen, ist eines seiner größten Versäumnisse. Es könnte die gesamte Bewegung noch zum Scheitern verurteilen.

Anarchist*innen [und Progressive] müssen also ihre eigenen Häuser in Ordnung bringen, bevor sie effektiv eine antirassistische Bewegung aufbauen können, um andere Weiße aufzuklären oder zu organisieren und sich mit POC auf einer prinzipiellen Basis zu vereinen. Aufgrund des internen Rassismus fangen zu viele Aktivist*innen of Color an, kritisch über die Schwachstellen betreffend Klasse und Race in den zeitgenössischen anarchistischen, progressiven und Antiglobalisierungsbewegungen zu sprechen, als dass sie weiterhin ignoriert werden könnten. People of Color in die Bewegung einzuladen, aber auf einer Basis, auf der sie voll ermächtigt sind, ist absolut notwendig. Dies sollte elementar sein, kein Problem, das endlos debattiert oder gänzlich umgangen wird.

Wählen ist keine Schadensbegrenzung

Eine Indigene Perspektive

Indigenous Action

Wenn verkündet wird, dass „Wählen Schadensreduzierung ist", ist es nie klar, wie weniger Schaden tatsächlich berechnet wird. Vergleichen wir, wie viele Millionen undokumentierte Indigene abgeschoben wurden? Zählen wir zusammen, welche politische Partei mehr Drohnenangriffe durchgeführt hat? Oder wer das höchste Militärbudget hatte? Berücksichtigen wir Pipelines, Minen, Dämme, Schändung heiliger Stätten? Bilanzieren wir die Inhaftierungsraten? Vergleichen wir die Statistiken über sexuelle Gewalt? Liegt es in den massiven Budgets der Politiker*innen, die hunderte von Millionen Dollar ausgeben, um um Stimmen zu werben? Obwohl es einige politische Unterschiede zwischen den beiden prominenten Parteien in den sogenannten USA gibt, schwören sie alle der gleichen Flagge die Treue. Ob rot oder blau, es sind immer noch Streifen auf einem Tuch, das über gestohlenem Land weht, das aus einem Land besteht, das durch gestohlene Leben aufgebaut wurde.

Wir leugnen nicht die Realität, dass im Ausmaß der kolonialen Gewalt der US- Siedler*innen selbst der kleinste Schaden Leben oder Tod für die Schwächsten bedeuten kann. Was wir hier behaupten, ist, dass die gesamte Vorstellung von

„Wählen als Schadensbegrenzung" die siedlerkoloniale Gewalt verschleiert und verewigt, es gibt nichts „weniger Schädliches" an ihr und es gibt effektivere Wege, um in ihre Gewalt einzugreifen. Irgendwann hat die Linke in den sogenannten USA erkannt, dass es eine aussichtslose Strategie ist, Menschen davon zu überzeugen, sich hinter einem „kleineren Übel" zu versammeln. Der Begriff „Schadensbegrenzung" wurde angeeignet, um die Bemühungen zu reframen, ihre Beteiligung zu rechtfertigen und andere zu zwingen, sich am Theater dessen zu beteiligen, was in den USA „Demokratie" genannt wird. Schadensreduzierung wurde in den 1980er Jahren als eine Strategie des öffentlichen Gesundheitswesens für Menschen etabliert, die sich mit Problemen des Substanzkonsums auseinandersetzen und mit der Abstinenz kämpfen. Laut der Harm Reduction Coalition (HRC) legen die Prinzipien der

Schadensreduzierung fest, dass das identifizierte Verhalten „Teil des Lebens" ist, so dass sie „sich dafür entscheiden, schädliche Auswirkungen nicht zu ignorieren oder zu verurteilen, sondern zu minimieren" und darauf hinarbeiten, soziale Stigmata in Richtung „sichereren Gebrauch" zu brechen. Die HRC stellt auch fest, dass „es keine universelle Definition oder Formel für die Umsetzung von Schadensminderung gibt." Insgesamt konzentriert sich die Schadensminimierung auf die Reduzierung der schädlichen Auswirkungen, die mit schädlichen Verhaltensweisen verbunden sind.

Die Behauptung der „Schadensreduzierung" im Zusammenhang mit Abstimmungen bedeutet etwas ganz anderes als die, die sich organisieren, um Probleme des Substanzkonsums anzugehen. Die Behauptung lautet: „Da dieses politische System nicht verschwindet, werden wir Politiker*innen und Gesetze unterstützen, die weniger Schaden anrichten können." Die Vorstellung, dass eine Wahl den Schaden in einem System, das in kolonialer Herrschaft und Ausbeutung, weißer Vorherrschaft, Hetero-Patriarchat und Kapitalismus wurzelt, verringern kann, ist eine außerordentliche Übertreibung. Es gibt keine Person, deren Leben nicht jeden Tag von diesen Unterdrückungssystemen beeinflusst wird, aber anstelle von kodiertem Reformismus und zwanghaften

„get out the vote"-Kampagnen für eine „sicherere" Form des Siedlerkolonialismus, fragen wir: „Was ist der wirkliche und tragische Schaden und die Gefahr, die mit der Aufrechterhaltung der kolonialen Macht verbunden ist und was kann getan werden, um sie zu beenden?"

Wählen, wie es in der US-„Demokratie" praktiziert wird, ist der Prozess, mit dem Menschen (mit Ausnahme von Jugendlichen unter 18 Jahren, verurteilten Straftäter*innen, solchen, die der Staat für „geistig unzurechnungsfähig" hält, und Menschen ohne Papiere, einschließlich Menschen mit dauerhaftem Aufenthalt) gezwungen werden, eng vorgeschriebene Regeln und Machthabende zu wählen. Das anarchistische Kollektiv Crimethinc stellt fest:

„Wählen konsolidiert die Macht einer ganzen Gesellschaft in den Händen von wenigen Politiker*innen." Wenn dieser Prozess unter kolonialer Autorität durchgeführt wird, gibt es keine andere Option als den politischen Tod für Indigene Völker. Mit anderen Worten: Wählen kann unter kolonialer Herrschaft niemals eine Überlebensstrategie sein. Es ist eine Strategie der Niederlage und des Opferseins, die das Leiden und den historischen Schaden, der durch den anhaltenden Siedlerkolonialismus verursacht wird, verlängert. Und obwohl das Gefühl der Schadensbegrenzung aufrichtig sein mag, können selbst hart erkämpfte marginale Reformen, die durch die Unterstützung der Bevölkerung erreicht wurden, genauso leicht durch den Federstrich eines Politikers*einer Politikerin wieder rückgängig gemacht werden. Wenn Wählen die demokratische Beteiligung an unserer eigenen Unterdrückung ist, ist Wählen als Schadensbegrenzung eine Politik, die uns von der Gnade unserer Unterdrückenden abhängig macht.

Während so viele Linke – einschließlich einiger Indigener Radikaler – sich um die Konsolidierung der Macht in faschistischen Händen sorgen, verkennen sie, wie koloniale Macht bereits konsolidiert ist. Es gibt nichts Intersektionales daran, sich an einem genozidalen politischen System zu beteiligen und es aufrechtzuerhalten. Es gibt keine sinnvolle Solidarität in einer Politik, die uns dazu drängt, unsere Unterdrücker*innen dort zu treffen, wo sie sich befinden. Wählen als Schadensbegrenzung erzwingt eine falsche Solidarität mit denjenigen, die am verletzlichsten gegenüber schädlichen politischen Maßnahmen und Aktionen sind. In der Praxis spielt es sich als paternalistische Identitätspolitik ab, wenn Liberale daran arbeiten, die am wenigsten gefährlichen Kandidat**innen zu identifizieren und sich zur Unterstützung ihrer Kampagnen zu versammeln. Die Logik des Wählens als Schadensbegrenzung behauptet, dass derjenige, der am meisten Schaden erleidet, den meisten Schutz durch den am wenigsten gefährlichen Nenner in einem gewalttätigen autoritären System erhält. Diese siedler-koloniale Naivität bringt mehr Menschen, nicht-menschliche Wesen und Land in Gefahr als sonst. Typischerweise sind es dieselben liberalen Aktivist*innen, die behaupten, Wählen sei Schadensbegrenzung, die militante direkte Aktionen und Sabotage als Handlungen anprangern und zu unterdrücken versuchen, die „nur unserer Bewegung schaden". „Wählen als Schadensbegrenzung" ist die beschwichtigende Sprache derer, die Bewegungen kontrollieren.

Wählen als Schadensbegrenzung ist die von der Regierung ausgegebene

Decke der demokratischen Partei, in der wir entweder schlafen oder sterben werden.

Sich aus einer Position heraus zu organisieren, in der das Wählen ein Akt der Schadensbegrenzung ist, verwischt die Linien des Schadens, den der Siedler- und Ressourcenkolonialismus auferlegt.

Unter kolonialer Besatzung funktioniert alle Macht durch Gewalt. Es gibt absolut nichts „weniger Schädliches" daran, sich an der politischen Macht der Besatzer*innen zu beteiligen und diese aufrechtzuerhalten. Wählen wird den Siedlerkolonialismus, die weiße Vorherrschaft, das Hetero-Patriarchat oder den Kapitalismus nicht ungeschehen machen. Wählen ist keine Strategie zur Dekolonisierung. Der gesamte Prozess, der zum „Stimmrecht der Native People" führte, war eine Auferlegung der politischen Identität der USA auf Indigene Völker, die durch weiße Vorherrschaft angeheizt und durch den Kapitalismus ermöglicht wurde.

Das „Stimmrecht der Native People": Eine Strategie der kolonialen Herrschaft

Vor der kolonialen Invasion durch die Siedler*innen unterhielten die Indigenen Völker vielfältige und komplexe kulturelle Organisationen, die für die europäischen Eindringlinge kaum zu erkennen waren. Von Anfang an erkannten

die USA an, dass Indigene Völker eigenständige souveräne Nationen darstellten. Die Projektion des Nations-Status erfolgte zu den Bedingungen der Kolonisator*innen, die politische Einheiten brauchten, mit denen sie Verträge schließen konnten (vor allem für Krieg und wirtschaftliche Zwecke). Infolgedessen sahen sich die sozialen Organisationen der Indigenen Völker extremer politischer Manipulation ausgesetzt, da die Rollen des Matriarchats und der Two-Spirits entweder komplett missachtet oder regelrecht angegriffen wurden. Der Imperativ des US-amerikanischen Siedlerkolonialprojekts war schon immer, die Indigene Souveränität zu untergraben und zu zerstören. Dies ist die heimtückische Unnatur des Kolonialismus. Im Jahr 1493 wurde die Päpstliche Bulle „Inter Caetera" von Papst Alexander VI. erlassen. Das Dokument etablierte die „Doktrin der Entdeckung" und war zentral für Spaniens Christianisierungsstrategie, um das „exklusive Recht" auf die versklavten Indigenen Völker und das Land, das Kolumbus im Jahr zuvor erobert hatte, zu sichern. Dieses Dekret machte auch die Drohung des Papstes deutlich, die Indigenen Völker gewaltsam dem Katholizismus zu assimilieren, um das

„christliche Reich" zu stärken. Diese Doktrin führte zu aufeinanderfolgenden

Generationen von genozidalen und ökozidalen Kriegen, die von europäischen Siedler*innen gegen das Leben, das Land, den Geist und die Lebenswelt der Indigenen Völker geführt wurden. Im Jahr 1823 wurde die „Doctrine of Discovery" im Supreme Court Fall Johnson v. McIntosh in das US-Gesetz geschrieben, um den Indigenen Völkern ihre Landrechte zu verweigern. In einer einstimmigen Entscheidung schrieb der Oberste Richter John Marshall, dass christliche europäische Nationen während des „Zeitalters der Entdeckung" die vollständige Kontrolle über das Land „Amerika" übernommen hatten. Und bei der Erklärung der „Unabhängigkeit" von der Krone Englands im Jahr 1776 stellte er fest, dass die USA faktisch und somit per Gesetz die Autorität über diese Länder von Großbritannien geerbt hatten, „ungeachtet der Besetzung durch die Native People, die Heid*innen waren..." Laut dem Urteil hatten die Indigenen Völker keine Rechte als unabhängige Nationen, sondern nur als Pächter*innen oder Bewohner*innen der USA auf ihrem eigenen Land. Bis heute ist die „Doctrine of Discovery" nicht verworfen und Johnson v. McIntosh nicht aufgehoben worden.

Die Genealogie des Stimmrechts der Native People ist verbunden mit Internaten, christlicher Indoktrination, Zuteilungsprogrammen und globalen Kriegen, die den US-Imperialismus begründeten. Die US-Assimilationspolitik war nicht als wohlwollende Form der Schadensbegrenzung gedacht, sie war eine Erweiterung einer militärischen Strategie, die ihre genozidalen Programme nicht erfüllen konnte. Die Staatsbürgerschaft wurde den Indigenen Völkern als Teil der kolonialen Strategie aufgezwungen um „den Indigenen zu töten und den Mensch zu retten". Es gab eine Zeit, in der Indigene Völker nichts mit der US- Staatsbürgerschaft und dem Wahlrecht zu tun haben wollten.

Katherine Osborn, Ethnohistorikerin an der Arizona State University, erklärt:

„[Indigene] Verfassungen stehen in einer Regierung-zu-Regierung-Beziehung mit den Vereinigten Staaten. Daher ist ihr politischer Status einzigartig, und das bedeutet, dass sie nicht nur eine weitere Minderheitengruppe sind, die auf eine Aufnahme in die politische Ordnung der USA hofft. Für Indigene Gemeinschaften ist der Schutz ihrer Souveränität als Stammesnation das wichtigste politische Anliegen." Als die US-Verfassung ursprünglich geschaffen wurde, konnte jeder Staat nach eigenem Ermessen bestimmen, wer Staatsbürger*in werden konnte. Einige Staaten gewährten nur selten die Staatsbürgerschaft und verliehen damit den Status an ausgewählte Indigene Völker, aber nur, wenn sie ihre Stammesbeziehungen auflösten und „zivilisiert" wurden. Dies bedeutete in der Regel, dass sie ihre Stammeszugehörigkeit aufgaben, Steuern zahlten und sich vollständig in die weiße Gesellschaft assimilierten. Alexandra Witkin schreibt in To Silence a Drum: The Imposition of United States Citizenship on Native Peoples: „Die frühe Staatsbürgerschaftspolitik beruhte auf der Annahme, dass die Zugehörigkeit nur zu einer Nation gegeben werden konnte; daher konnten Völker mit einer Zugehörigkeit zu einer Indigenen Nation nicht Bürger*innen der Vereinigten Staaten werden." Die Präferenz lag jedoch nicht darin, die Souveränität der Native People zu respektieren und aufrechtzuerhalten, sondern sie als

„unzivilisiert" zu verurteilen und sie durch extreme Taktiken der

Zwangsassimilation zu untergraben.

Als der 14. Zusatzartikel zur US-Verfassung 1868 ratifiziert wurde, gewährte er die Staatsbürgerschaft nur Männern, die in den USA geboren oder eingebürgert worden waren, dies schloss ehemalige Sklaven ein, wurde aber so interpretiert, dass es nicht für Indigene Völker galt, außer für diejenigen, die sich assimilierten und Steuern zahlten. Der 15. Zusatzartikel wurde 1870 verabschiedet, um das Wahlrecht der US-Bürger*innen ohne Diskriminierung aufgrund von „Race, Hautfarbe oder früherer Leibeigenschaft" zu gewährleisten, wurde aber immer noch so interpretiert, dass Indigene Völker, die sich nicht assimiliert hatten, ausgeschlossen waren. In gewisser Weise war dies ein Akt der Entrechtung, aber noch deutlicher war es eine Bedingung, die den Indigenen Völkern auferlegt wurde, die sich mit verbrannten Böden und der Drohung von Massen-Todesmärschen in Konzentrationslager konfrontiert sahen. Die Botschaft war klar: „Assimiliert euch oder geht unter". Im Jahr 1887 verabschiedete der US-Kongress den General Allotment Act, besser bekannt als Dawes Act, der dazu diente, die koloniale Invasion zu beschleunigen, den Abbau von Ressourcen zu erleichtern und die Indigenen Völker weiter in die koloniale Gesellschaftsordnung einzugliedern. Der Dawes Act markierte einen Wechsel von einer militärischen zu einer wirtschaftlichen und politischen Strategie, bei der Reservate in einzelne Parzellen aufgeteilt wurden, wobei nur männliche „Haushaltsvorstände" 160 Morgen (eine alte Flächeneinheit, entspricht etwa 400.000 qm2) erhielten und das restliche Land zum Verkauf an

weiße Invasor*innen angeboten wurde, die in Scharen herbeiströmten, um ihr

„offenkundiges Schicksal" zu erben. Indigene Völker, die die Zuteilungen akzeptierten, konnten die US-Staatsbürgerschaft erhalten, und obwohl dies das erste Kongressgesetz war, das diesen Status vorsah, ging dies auf Kosten der kulturellen und politischen Identität der Indigenen Völker, insbesondere durch die weitere Zersplitterung der Indigenen matriarchalen Gesellschaften. Unter dem Dawes Act wurde das Indigene Land von 138 Millionen auf 52 Millionen Morgen reduziert. Im Jahr 1890 wurde die gesamte Indigene Bevölkerung von mehreren Millionen zur Zeit der ersten europäischen Invasion auf etwa 250.000 reduziert. Im Gegensatz dazu war die Bevölkerung der Kolonisator*innen in den USA im selben Jahr auf 62.622.250 gestiegen.

Die rechtliche Zerstörung Indigener souveräner Nationen wurde in Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs durch den Richter John Marshall vollzogen, der 1831 schrieb, dass die Cherokee Nation keine fremde Nation sei, sondern dass „sie, vielleicht richtiger, als inländische abhängige Nationen bezeichnet werden können... Ihre Beziehung zu den Vereinigten Staaten ähnelt der eines Mündels zu seinem Vormund." Die genozidalen Militärkampagnen der USA, die unter dem Namen „Indianerkriege" bekannt sind, endeten angeblich im Jahr 1924. Im selben Jahr verabschiedete der US-Kongress den Indian Citizenship Act (ICA), der den Indigenen Völkern die Staatsbürgerschaft zusprach, es den Staaten aber immer noch erlaubte, zu bestimmen, ob sie wählen dürfen. Das führte dazu, dass einige Staaten das Wahlrecht für Indigene Völker bis 1957 ausschlossen. Bis zur Verabschiedung des ICA, das ohne Anhörungen genehmigt wurde, wurden Indigene Völker als „einheimische Untertan*innen" der US-Regierung betrachtet.

Die Haudeneshonee Konföderation lehnte die Verleihung der US- Staatsbürgerschaft durch das IAC vollständig ab und bezeichnete es als einen Akt des Verrats. Joseph Heath, General Counsel der Onondaga Nation, schreibt: „Die Onondaga Nation und die Haudenosaunee haben niemals die Autorität der Vereinigten Staaten akzeptiert, Bürger*innen der Six Nations zu Staatsbürger*innen der Vereinigten Staaten zu machen, wie im Citizenship Act von 1924 behauptet. Wir besitzen drei Verträge mit den Vereinigten Staaten: den Vertrag von Fort Stanwix von 1784, den Vertrag von Fort Harmor von 1789 und den Vertrag von Canandaigua von 1794. Diese Verträge erkennen die Haudenosaunee eindeutig als separate und souveräne Nationen an. Die Annahme der Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten wäre ein Verrat an ihren eigenen Nationen, eine Verletzung der Verträge und eine Verletzung des internationalen Rechts…" Sie lehnten die ICA ab und „widersetzten sich ihrer Umsetzung sofort nach ihrer Verabschiedung, weil sie das historische und kulturelle Verständnis hatten, dass es lediglich die neueste Bundespolitik war, die darauf abzielte, ihr Land zu nehmen und die Assimilation zu erzwingen." Heath fügt hinzu: „Seit über vier Jahrhunderten haben die Haudenosaunee ihre

Souveränität gegen den Ansturm des Kolonialismus und der Assimilierung aufrechterhalten und sie haben ihre Pflichten als Verwaltende der natürlichen Welt fortgesetzt. Sie haben sich gegen Umsiedlung und Zuteilung gewehrt; sie haben ihre Sprache und Kultur bewahrt; sie haben das Diktat der christlichen Kirchen nicht akzeptiert; und sie haben die Zwangseinbürgerung abgelehnt." Es ist wichtig anzumerken, und paradox, dass die kolonisierenden Architekten der US-Verfassung stark von der Haudeneshonee-Konföderation beeinflusst wurden.

Zane Jane Gordon von der Wyandotte Nation kritisierte die ICA zu der Zeit, als es verabschiedet wurde: „Keine organisierte Regierung ... kann irgendjemanden in ihre Staatsbürgerschaft aufnehmen ohne die formale Zustimmung ... Die Indigene Bevölkerung ist in der Form von ‚Nationen' organisiert, und sie haben Verträge mit [anderen] Nationen als solche. Der Kongress kann sie nicht durch einen einfachen Akt in die Staatsbürgerschaft der Union einbeziehen." In Challenging American Boundaries: Indigenous People and the „Gift" of U.S. Citizenship schreibt Kevin Bruyneel, dass der Tuscarora-Häuptling Clinton Rickard, der sich vehement gegen die Verabschiedung des ICA aussprach,

„auch durch die Tatsache ermutigt wurde, dass ‚es unter meinem Volk keinen großen Ansturm gab, hinauszugehen und bei den Abstimmungen des weißen Mannes zu wählen.'" Rickard erklärte: „Durch unsere alten Verträge erwarteten wir den Schutz der Regierung. Der weiße Mann hatte den größten Teil unseres Landes erhalten und wir fühlten, dass er verpflichtet war, etwas im Gegenzug zu bieten, nämlich den Schutz des Landes, das wir noch hatten, aber wir wollten nicht in seine Gesellschaft aufgenommen und assimiliert werden. Die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten war nur ein weiterer Weg, uns zu absorbieren und unsere Bräuche und unsere Regierung zu zerstören Wir

befürchteten, dass die Staatsbürgerschaft auch unseren Vertragsstatus in Gefahr bringen und Steuern auf unser Land bringen würde. Wie kann ein*e Bürger*in einen Vertrag mit der eigenen Regierung haben Dies war eine

Verletzung unserer Souveränität. Unsere Bürgerschaft lag bei unseren eigenen Nationen."

Die Haudeneshonee sprachen sich auch gegen die Auferlegung der US- Staatsbürgerschaft aus, da ihre Nation durch die kanadische Grenze getrennt wurde. Diesen Auswirkungen sind Indigene Völker, deren Land durch die kanadische und mexikanische Grenze geteilt wird, immer noch ausgesetzt. Die Auferlegung der Staatsbürgerschaft hat ihr Volk entlang der kolonialen Linien politisch getrennt. Eine der deutlichsten Illustrationen der Assimilationsstrategien in Bezug auf Staatsbürgerschaft und Wahlrecht stammt von Henry S. Pancoast, einem der Gründer*innen der christlichen rassistischen Gruppe, der Indian Rights Association (IRA). Pancoast erklärte: „Nichts [außer der Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten] wird so sehr dazu tendieren, den Indianer zu assimilieren und seine enge Stammeszugehörigkeit

aufzubrechen, wie ihm das Gefühl zu geben, dass er ein eigenes Recht und eine Stimme in der Nation des weißen Mannes hat." Das anfänglich erklärte Ziel der IRA war es, „die vollständige Zivilisierung der Indigenen Bevölkerung und ihre Aufnahme zur Staatsbürgerschaft herbeizuführen." Die IRA betrachtete sich selbst als Reformist*innen und setzte sich im Kongress erfolgreich dafür ein, das Internatssystem zu etablieren, den Dawes Act zu verabschieden, das Bureau of Indian Affairs zu reformieren und den Indian Reorganization Act von 1834 zu verabschieden. Die US-Staatsbürgerschaft wurde eingeführt, um die Souveränität der Indigenen Bevölkerungen zu zerstören und massenhaften Landraub zu ermöglichen. Bis heute ist die „Native vote" an assimilatorische Bedingungen gebunden, die kolonialen Interessen dienen.

Assimilation: Die Strategie der Übertragung des Stimmrechts

Historische Akte der Wählerunterdrückung scheinen der Strategie der Assimilation zu widersprechen, denn wenn weiße Siedlerpolitiker*innen so sehr wünschten, dass Indigene Völker Bürger*innen werden, warum sollten sie sie dann gleichzeitig aktiv entrechten? Dies ist der zugrundeliegende Widerspruch des Kolonialismus in den USA, der als „Indianerproblem" artikuliert wurde, oder noch unverblümter, die Frage der Vernichtung oder Assimilation. Wie bereits erwähnt, war es bis 1957 nicht möglich, dass Indigene Völker in jedem US- Bundesstaat wählen konnten. Laut Katherine Osborn: „Einige Staaten entlehnten die Sprache der US-Verfassung in Artikel 1, Abschnitt 2, der

‚Indigene, die nicht besteuert werden' von der Staatsbürgerschaft ausschließt und nutzten sie, um das Wahlrecht zu verweigern. Die Gesetzgebenden in Idaho, Maine, Mississippi, New Mexico und Washington verweigerten ihren Indigenen Bürger*innen das Wahlrecht, weil diejenigen, die auf Reservationsland lebten, keine Grundsteuern zahlten. In New Mexico, Utah und Arizona argumentierten die Staatsbeamt*innen, dass das Leben in einem Reservat bedeute, dass Indigene nicht wirklich Einwohner*innen des Staates seien, was ihre politische Beteiligung verhindere." Osborn fügt hinzu: „Artikel 7, Abschnitt 2 der Verfassung von Arizona besagt: ‚Keine Person, die unter Vormundschaft steht, nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ist oder geisteskrank ist, ist berechtigt, an einer Wahl teilzunehmen.' Die Gesetzgebenden von Arizona verstanden dies so, dass es den Indigenen das Wahlrecht untersagte, weil sie in ihren Reservaten angeblich unter Bundesvormundschaft standen."

Die frühe US-Staatsbürgerschaftspolitik in Bezug auf Indigene Völker war klar; das Wahlrecht würde solange bestehen bleiben, bis wir uns assimilieren und unseren Stammesstatus aufgeben. Die Entrechtung war und ist eine Strategie, die Bedingungen für die Assimilation schafft. Die Unterdrückung der politischen Partizipation ist historisch gesehen die Art und Weise, wie sich das System selbst reguliert und aufrechterhält. Weiße Vorherrschende, die die Politik von Gebieten kontrollierten, in denen große Indigene Bevölkerungen lebten,

fürchteten, dass sie zu Minderheitensubjekten in ihrem eigenen demokratischen System werden würden. Sie unterliefen das Wahlrecht oft auf gewaltsame Weise, aber das war nie wirklich eine Bedrohung, weil die weiße Vorherrschaft in der Gesamtheit des kolonialen Projekts der US-Siedler*innen eingebettet war. Es geht nicht darum, dass die Siedlergesellschaft vor den Interessen der Indigenen kapituliert hat, sondern darum, dass die Indigenen Völker – ob mit Gewalt oder durch Zermürbung – in das US-amerikanische Gemeinwesen eingegliedert worden sind. Vielleicht wird dies nirgendwo deutlicher als durch die Einrichtung von Stammesräten. Zum Beispiel wurde 1923 der Navajo- Stammesrat gegründet, um den Abbau von Ressourcen durch die US- Regierung zu legitimieren. Laut einem Bericht der U.S. Commission on Civil Rights wurde der Stammesrat zum Teil geschaffen, damit die Ölfirmen einige legitime Vertreter*innen der Navajos haben, durch die sie Reservationsland pachten können, auf dem Öl entdeckt wurde. Auf der Website der Navajo Nation Oil and Gas Company heißt es: „Im Jahr 1923 wurde eine Navajo- Stammesregierung hauptsächlich für das Bureau of Indian Affairs gegründet, um Pachtverträge mit amerikanischen Ölgesellschaften zu genehmigen, die begierig darauf waren, Ölgeschäfte auf Navajo-Land zu beginnen."

Um die koloniale Herrschaft und Ausbeutung zu erfüllen und aufrecht zu erhalten, formen und kontrollieren die Kolonisator*innen die politische Identität der Indigenen Völker. Die Kapitalist*innen erleichterten und beuteten die Auflösung der Indigenen Autonomie aus. Der Preis der Staatsbürgerschaft war schon immer unsere Souveränität, die Bedingungen der Staatsbürgerschaft standen schon immer im Dienst der weißen Vorherrschaft. Dass Indigene Völker 1924 das Wahlrecht erhielten, unsere religiösen Praktiken jedoch bis 1979 verboten waren, ist eines von vielen Beispielen für die Inkongruenz der Indigenen politischen Identität in den sogenannten USA. Die Wahlrechtsbewegungen in den USA haben für eine gleichberechtigte Teilhabe am politischen System gekämpft, haben es aber versäumt, die Systeme der Unterdrückung, die der siedlerkolonialen Gesellschaft zugrunde liegen, anzuklagen und abzuschaffen. Nach Jahrzehnten der Organisierung feierten weiße Frauen 1920 das Wahlrecht, das zum Teil als Belohnung für ihren Dienst im 1. Weltkrieg gewährt wurde. Das Hetero-Patriarchat wurde nicht abgebaut und Schwarze wurden in ihrer Kampagnenarbeit gezielt übergangen.

Lucy Parsons, eine afro-Indigene Anarchistin, war eine von vielen, die das Wahlrecht zu dieser Zeit kritisierten. Parsons schrieb 1905: „Kann eins es Anarchist*innen verübeln, die erklären, dass von Menschen gemachte Gesetze nicht heilig sind?...Tatsache ist, dass Geld und nicht Stimmen das Volk regieren. Und die Kapitalist*innen kümmern sich nicht mehr darum, die Wähler*innen zu kaufen, sie kaufen einfach die ‚Diener*innen', nachdem sie gewählt worden sind, um zu ‚dienen'. Die Idee, dass die Stimme des armen Menschen irgendetwas bedeutet, ist die wahrste Täuschung. Der Stimmzettel

ist nur der Papierschleier, der die Tricks verbirgt." Schwarze litten jahrzehntelang unter den weißen, rassistischen „Jim-Crow-Gesetzen", die die Rassentrennung durchsetzten und ihre politische Macht unterdrücken sollten. Diese rassistischen Gesetze endeten erst mit den kraftvollen Mobilisierungen der Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren. Die US-Regierung erließ in den 50er und 60er Jahren Gesetze, darunter das Wahlrechtsgesetz von 1965, das von revolutionären Schwarzen Nationalist*innen wie Malcom X kritisiert wurde: „Der Stimmzettel oder die Kugel. Wenn du Angst hast, einen Ausdruck wie diesen zu benutzen, solltest du das Land verlassen; du solltest zurück in das Baumwollbeet gehen; du solltest zurück in die Gasse gehen. Sie bekommen alle Stimmen der Schwarzen, und nachdem sie sie bekommen haben, bekommen die Schwarzen nichts zurück."

Radikale Bewegungen waren entweder mit extremer staatlicher Gewalt und Repression konfrontiert oder wurden systematisch in das politische Milieu der USA assimiliert. Der gemeinnützige Industriekomplex hat als unausgesprochener Verbündeter des US-Imperialismus bei den Bemühungen um Unterdrückung und Pazifizierung agiert. Vielleicht ist dies die Methode der politischen Maschinerie der USA, um den Schaden oder die Auswirkungen von effektiven Bewegungen für soziale und ökologische Gerechtigkeit zu reduzieren. Wenn sie die Organisator*innen nicht töten oder inhaftieren können, dann falten sie sie in die Bürokratie ein oder verwandeln ihre Kämpfe in Unternehmen. Am Ende des Tages können nicht alle weiße Supremacist*innen zu sein, aber alle können Kapitalist*innen sein. Solange das politische und ökonomische System intakt bleibt, ist das Wahlrecht, auch wenn es vielleicht von offenkundigen weißen Rassist*innen abgelehnt wird, immer noch willkommen, solange sich nichts am gesamten politischen Arrangement grundlegend ändert. Die Fassade der politischen Gleichheit kann unter gewaltsamer Besatzung entstehen, aber die Befreiung findet nicht an der Wahlurne der Besatzer*innen statt. Im Kontext des Siedlerkolonialismus ist Wählen die „Bürgerpflicht" zur Aufrechterhaltung unserer eigenen Unterdrückung. Es ist untrennbar mit der Strategie verbunden, unsere kulturellen Identitäten und Autonomie auszulöschen. Die fortwährende Existenz Indigener Völker ist die größte Bedrohung für das koloniale Projekt der US-Siedler*innen, dass wir uns eines Tages erheben und unsere souveräne Position mit unserem Land in Widerlegung der Doktrin der Entdeckung behaupten. In Custer Died for your Sins idealisierte Vine Deloria Jr. „Indigene Völker nicht als passive Empfänger*innen von Bürgerrechten und Eingliederung in den Nationalstaat, sondern als kolonisierte Völker, die aktiv die Dekolonisierung fordern."

Du kannst den Stimmzettel nicht dekolonisieren

Da die Idee der US-„Demokratie" das Mehrheitsprinzip ist, werden Indigene Wähler*innen immer der Gnade „gutwilliger" politischer Verbündeter ausgeliefert sein, es sei denn, es gibt einen extremen Bevölkerungsanstieg. Die

Konsolidierung der Indigenen Wählerschaft zu einem Wahlblock, der sich mit derjenigen Siedlerpartei, denjenigen Politiker*innen oder demjenigen Gesetz verbündet, das weniger Schaden anzurichten scheint, ist keine Strategie, um politische Macht auszuüben, es ist das Stockholm-Syndrom. Das Native Vote zielt auch darauf ab, Native Politiker*innen hervorzubringen. Und wie könnte eins die Herrschaft besser assimilieren als mit einem vertrauten Gesicht? Die Strategie, Indigene Völker in eine koloniale Machtstruktur zu wählen, ist kein Akt der Dekolonisierung, sondern eine Erfüllung derselben. Wir haben eine Geschichte, in der unser Volk von kolonialen Mächten gegen uns verwendet wurde, insbesondere mit assimilierten Indigenen Völkern, die als „Indianer- Scouts" agierten, um das Militär des Feindes zu unterstützen. In nur einem aufgezeichneten Fall meuterten Ndee (Cibicue Apache) Army Scouts gegen die USA, als sie gebeten wurden, gegen ihr eigenes Volk zu kämpfen. Drei der Ndee Scouts wurden infolgedessen hingerichtet.

Egal, was dir von allen Politiker*innen, die ein Amt anstreben, vorgegaukelt wird, am Ende des Tages haben sie einen Eid auf das System geschworen, das entworfen wurde, um uns und unsere Lebensweise zu zerstören. Der Eid für Mitglieder des Kongresses besagt: „Ich schwöre feierlich, dass ich die Verfassung der Vereinigten Staaten gegen alle Feind*innen im In- und Ausland unterstützen und verteidigen werde; dass ich ihr treu und loyal ergeben sein werde; dass ich diese Verpflichtung aus freien Stücken, ohne geistige Vorbehalte oder die Absicht, sich ihr zu entziehen, übernehme; und dass ich die Pflichten des Amtes, das ich antrete, gut und treu erfüllen werde: So wahr mir Gott helfe." Selbst wenn wir davon ausgehen, dass ihre kulturellen Werte und Absichten mit denen des Volkes übereinstimmen, ist es selten, dass Politiker*innen nicht an eine Kette von Geldgebenden gebunden sind. Sobald sie gewählt werden, sind sie auch mit unerbittlichen Special-Interest- Lobbygruppen konfrontiert, die Millionen und Abermillionen von Dollars hinter sich haben und, selbst wenn sie die besten Absichten bekundet haben, unweigerlich von ihren politischen Mitstreitenden überstimmt werden.

Heute haben wir Kandidat*innen, die mit dem Versprechen gewählt wurden, die massenhafte Entführung und Ermordung von Indigenen Frauen, Mädchen und Two-Spirit-Leuten zu stoppen und was schlagen sie vor? Sie klagen nicht die Ressourcenkolonisator*innen an, die unser Land zerstören und deren Industrie diese Krise des Menschenhandels und der extremen geschlechtsspezifischen Gewalt auslöst. Sie schlagen nicht vor, den Kapitalismus und den Ressourcenkolonialismus zu beenden. Sie schlagen Gesetze vor und mehr Cops mit mehr Macht, um diese Gesetze in unseren Gemeinschaften durchzusetzen. Obwohl wir also eine Epidemie von Polizeigewalt und Morden gegen unsere Völker haben, gehen Indigene Politiker*innen eine gewalttätige Krise an, indem sie eine andere für unser Volk noch schlimmer machen. Es ist die Erfüllung des assimilatorischen kulturellen Genozids des „Tötens des

Indigenen, um den Menschen zu retten". Stammes-, Lokal- und Regionalpolitik befinden sich in demselben kolonialen Arrangement, das der herrschenden Klasse zugute kommt: Politiker*innen kümmern sich um Regeln und Herrschaft, Polizei und Militär setzen durch, Richter*innen sperren ein. Unabhängig davon, wer und in welchem Ausmaß, kann kein*e Politiker*in jemals Indigene Lebensweisen im Kontext eines politischen Systems vertreten, das vom Kolonialismus etabliert wurde.

Eine weniger schädliche Form der kolonialen Besetzung ist die Fantasie. Der Prozess der kolonialen Rückgängigmachung wird nicht durch Wahlen stattfinden. Man kann den Stimmzettel nicht dekolonisieren.

Ablehnung der siedlerkolonialen Autorität, auch bekannt als nicht wählen

An den Wahlen der Kolonisator*innen teilzunehmen, hält Indigene Völker machtlos. Unsere Macht, im weitesten Sinne, kommt nicht von einer nicht- konsensualen Mehrheitsherrschaft, die von oben herab durch menschengemachte Gesetze bestimmt wird, sondern sie leitet sich aus der Beziehung zu und dem Verhältnis zu allen Lebewesen ab. Dies ist eine körperliche und spirituelle Macht, die seit Urzeiten in Kraft ist und was die Indigenen Völker angesichts von mehr als 500 Jahren extremer kolonialer Gewalt am Leben erhalten hat.

Der verstorbene Ben Carnes, ein mächtiger Fürsprecher der Choctaw, wird in einem Artikel über das Native Vote von Mark Maxey mit den Worten zitiert:

„Meine Position ist, dass ich kein Bürger einer Regierung bin, die die Lüge aufrechterhält, dass wir es sind. Sklaverei war genauso legal wie Jim Crow, aber nur weil es Gesetz ist, macht es das nicht richtig. Wir haben nicht darum gebeten, der Citizenship Act wurde uns auferlegt als ein weiterer Schritt in ihrer sozialen und mentalen Konditionierung der Native People, um sie ihrer Identität zu berauben. Es war auch eine gesetzgeberische Methode, um die „Indigene, die nicht besteuert werden"-Klausel der Verfassung zu umgehen und damit die Auferlegung von Steuern zu rechtfertigen. Das US-Wahlsystem ist eine sehr kranke Methode, bei der Kandidat*innen von denjenigen gekauft werden können, die am meisten für sie bieten. Die Mentalität, für das kleinere Übel zu stimmen, ist ein falscher Standard, um die Existenz eines Zweiparteiensystems zu rechtfertigen. Es fehlt die Kontrolle und das Gleichgewicht, um sicherzustellen, dass die Staatsdiener*innen sich an den Willen des Volkes halten. Das ganze System muss abgeschafft werden, genauso wie die Regierung selbst."

Wählen wird niemals „Schadensbegrenzung" sein, solange koloniale Besatzung & US-Imperialismus regiert. Um zu heilen, müssen wir den Schaden stoppen, nicht ihn vermindern. Das bedeutet nicht einfach Enthaltsamkeit oder das

Problem zu ignorieren, bis es einfach weggeht, sondern Strategien und Manöver zu entwickeln und umzusetzen, die die Autonomie der Indigenen Völker stärken. Da wir nicht erwarten können, dass diejenigen, die ausgewählt wurden, um in diesem System zu regieren, Entscheidungen treffen, die unseren Ländern und Völkern zugutekommen, müssen wir es selbst tun. Direkte Aktion, oder der unvermittelte Ausdruck von individuellen oder kollektiven Wünschen, war schon immer das effektivste Mittel, mit dem wir die Bedingungen unserer Gemeinschaften verändern. Was haben wir davon, wenn wir wählen gehen, was wir nicht direkt für uns und unser Volk tun können? Auf welche Weise können wir uns organisieren und Entscheidungen treffen, die im Einklang mit unseren vielfältigen Lebensweisen stehen? Wie kann die immense Menge an materiellen Ressourcen und Energie, die darauf verwendet wird, Menschen zum Wählen zu bewegen, in Dienstleistungen und Unterstützung umgelenkt werden, die wir tatsächlich brauchen? Wie können wir unsere Energie, individuell und kollektiv, in Bemühungen lenken, die unmittelbare Auswirkungen auf unser Leben und das Leben der Menschen um uns herum haben?

Dies ist nicht nur eine moralische, sondern auch eine praktische Position und so nehmen wir unsere Widersprüche in Kauf. Wir kämpfen nicht für ein perfektes Rezept für „Dekolonisation" oder eine Vielzahl von Indigenen Nationalismen, sondern für eine große Rückgängigmachung des kolonialen Siedlerprojekts, das die Vereinigten Staaten von Amerika umfasst, damit wir gesunde und gerechte Beziehungen zu Mutter Erde und all ihren Wesen wiederherstellen können. Unsere Tendenz geht zu autonomen antikolonialen Kämpfen, die in die kritische Infrastruktur, auf der die USA und ihre Institutionen ruhen, eingreifen und sie angreifen. Interessanterweise sind dies die Bereiche unserer Heimatländer, die am stärksten vom Ressourcenkolonialismus bedroht sind. Hier ist das System am anfälligsten für Risse, das ist die Zerbrechlichkeit der kolonialen Macht. Unsere Feind*innen sind nur so mächtig wie die Infrastruktur, die sie aufrechterhält. Das brutale Ergebnis der erzwungenen Assimilation ist, dass wir unsere Feind*innen besser kennen als sie sich selbst. Welche Strategien und Aktionen können wir uns ausdenken, um es diesem System unmöglich zu machen, auf gestohlenem Land zu regieren?

Wir plädieren nicht für eine staatsbasierte Lösung, rotgewaschene europäische Politik oder irgendeine andere koloniale Fantasie von „Utopie". In unserer Ablehnung der Abstraktion des Siedlerkolonialismus, zielen wir nicht darauf ab, koloniale Staatsmacht zu ergreifen, sondern sie abzuschaffen.

Wir suchen nichts anderes als die totale Befreiung.

Werkzeuge des Anarchismus Teil 1: Über zwischenmenschliche Beziehungen (und gelebter Anarchie)

Elany

Ein wesentlicher Teil der anarchistischen Theorie befasst sich mit zwischenmenschlichen Beziehungen. Wie sehen diese aus, wenn der Staat fällt? Wie sieht eine anarchistische Gesellschaft aus? Sollte es überhaupt eine Gesellschaft geben? Was ist mit Gemeinschaft, Affinität, freie Assoziation?

Während viele Anarchist*innen die Gesellschaft auf ein imaginäres Podest stellen, argumentieren andere Anarchist*innen, dass das Konstrukt der Gesellschaft selbst der Anarchie im Wege steht und dass ihr selbst eine Autorität innewohnt. In seinem Beitrag "Gegen Gemeinschaftsbildung, für die Freundschaft" argumentiert der Indigene Anarchist ziq, dass "das Ideal der anarchistischen Gemeinschaft unerreichbar und isolierend ist" und zwischenmenschliche Beziehungen in einer Anarchie stattdessen auf Freundschaften basieren sollten anstelle von erzwungener Gemeinschaft.

Bereits 1844 hat Max Stirner in seinem Werk "Der Einzige und sein Eigentum" das Konzept der Gesellschaft angegriffen und als Alternative zur Gesellschaft die "Vereinigung der Egoist*innen" vorgeschlagen. Nach Stirner ist die Vereinigung etwas Alltägliches, aber ein unglaublich mächtiges Werkzeug für alle Individuen. Die Vereinigung ist etwas, das wir alle im Laufe unseres Lebens erfahren und erschaffen. Im Gegensatz zur Gesellschaft ist die Vereinigung der Egoist*innen nicht als statische Beziehung zwischen Individuen zu betrachten, sondern als gemeinsame Lebensaktivität von eigeninteressierten Individuen. Sie wird im Moment gefühlt, erlebt und gelebt.

In dieser Vereinigung kommen wir für eine gemeinsame Aktivität zusammen — nicht etwa durch Pflicht, Moral oder anderen Gründen, sondern weil wir einen gegenseitigen Nutzen in einer solchen Verbindung finden. Beispiele für alltägliche Beziehungen, die auf Gegenseitigkeit beruhen, sind zB eine Liebesbeziehung, ein Spiel spielen, Sex oder eine Bank ausrauben. Eine solche Vereinigung schließt auch große Gruppierungen ein. So kann diese Vereinigung auch aus Tausenden von Menschen bestehen, die sich in einer Gewerkschaft zusammenschließen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Was zählt, ist, dass alle Beteiligten Befriedigung aus einer solchen Vereinigung finden. Wenn wir sie nicht mehr als vorteilhaft empfinden, uns nicht länger wohl fühlen, oder eine neue Aktivität wünschen, wird die Vereinigung beendet.

Kurz gefasst: die Vereinigung wird im Moment gelebt und ist vergänglich. Sie ist ein Werkzeug des Individuums. Dies steht im Gegensatz zur Gesellschaft. Das Individuum ist ein Werkzeug der Gesellschaft. Der Anspruch der Gesellschaft über das Individuum ist absolut und das Individuum kann diesen Anspruch nicht beenden. Während die Vereinigung ein bewusster Akt deiner eigenen Macht ist, wird die Gesellschaft dir aufgezwungen. Sie beruht nicht auf Gegenseitigkeit und in ihr wirst du gezwungen, dich auf Aktivitäten und Beziehungen einzulassen, in welcher du keine Befriedigung findest. Bedürfnisse und Sehnsüchte werden für leere Ideen unterdrückt.

Eine weitere Form zwischenmenschlicher Beziehungen im anarchistischen Raum ist die Bezugsgruppe. Eine Bezugsgruppe ist eine Gruppe von Gefährt*innen, die sich selbst als autonome politische Kraft verstehen. Die Idee dahinter ist, dass Menschen, die sich bereits kennen und sich vertrauen, zusammenarbeiten, um schnell und flexibel auf neue Situationen reagieren zu können. Obwohl Bezugsgruppen darauf konzipiert sind kleine Gruppen zu sein, können sie eine starke Wirkung erzielen. Im Gegensatz zu Top-Down- Strukturen sind sie frei darin sich jeder Situation anzupassen. Alle Mitglieder einer solchen Bezugsgruppe können sofort agieren und reagieren ohne auf Befehle warten zu müssen – und das trotzdem mit einer klaren Vorstellung von den Erwartungen und Vorstellungen der anderen.

Als Gegenstück zu den klassischen formellen Organisationsformen mit Programmen, Deklarationen von Prinzipien und Kongressen existieren noch informelle Organisationen, bei welcher die Vertreter*innen argumentieren, dass große Föderationen ein Relikt der Vergangenheit sind, welche bewiesen haben, dass sie gescheitert sind. Stattdessen sollten kleine autonome und agile Gruppen bevorzugt werden. Ohne die stets wichtige Verbreitung anarchistischer Ideen aufzugeben, geht es heutzutage nicht darum, um jeden Preis möglichst viele Leute um den Anarchismus zu versammeln. Es wird argumentiert, dass keine starken anarchistischen Organisationen nötig sind, die

das Signal für die Revolution oder den Aufstand geben, wenn die Zeit reif ist. Wenn es nicht mehr darum geht, wie man Menschen für den Kampf organisieren kann, ist die neue Frage, wie man den Kampf organisieren kann. Voneinander unabhängige informelle Bezugsgruppen, welche die gleiche Perspektive des Kampfes haben, sind der beste Weg, um direkt in die Offensive zu gehen. Dies bietet die größte Autonomie und das breiteste Spektrum möglicher Aktionen.

Um nochmal zur "Gesellschaftsform" in einer Anarchie zurückzukommen, erscheint es mir abschließend sinnvoll ein Beispiel der zwischenmenschlichen Beziehungen in einer gelebten Anarchie zu geben: das Stammesmodell der Jäger*innen und Sammler*innen, welches im Zuge der sich ausbreitenden Zivilisationen vor etwa 10.000 Jahren durch autoritäre zwischenmenschliche Beziehungen ersetzt wurde. In manchen Teilen der Welt leben auch heute noch kleine Gruppen von Jäger*innen und Sammler*innen, wie etwa die Hadza in Tansania, Ostafrika, die ihr antiautoritäres Modell der zwischenmenschlichen Beziehungen aufrechterhalten. Viele Anthropolog*innen und Soziolog*innen bezeichneten/bezeichnen diese Jäger*innen und Sammler*innen als "egalitäre Kulturen" oder "akephale Gesellschaften", nur die wenigsten verwendeten das Wort "Anarchie" — ein bemerkenswerter Versuch der ideologischen Sabotage, wenn du mich fragst. (Akephal bedeutet übrigens herrschaftsfrei.)

Viele Jäger*innen und Sammler*innen zeichne(te)n sich durch einen besonderen Grad der Gleichheit, der individuellen Autonomie, der gegenseitigen Hilfe und der antiautoritären Erziehungsmethode aus. Sie leb(t)en stets in kleinen Gruppen von 20 bis 50 Menschen, ganz selten waren es bis zu

100. Hier finden wir somit eine Ähnlichkeit zu dem heutigen Konzept der Bezugsgruppe, welche für gewöhnlich aus 5 bis 25 Menschen besteht. Es wäre nicht abwegig, einen Stamm als die erste Bezugsgruppe der Welt zu bezeichnen. Die kleine Größe eines Stammes verhinderte — zusammen mit den anderen Merkmalen — effektiv die Bildung von Hierarchien. Ein Bezug zu Stirners Modell der Vereinigung der Egoist*innen lässt sich ebenfalls herstellen. Manchmal kamen/kommen verschiedene Stämme auf eine freiwillige gegenseitige Basis zusammen, um zB beim Bau von vorübergehenden Heimen zu helfen oder aber um Eindringlinge abzuwehren. Anschließend war die Vereinigung wieder beendet und die Stämme trennten sich.

In den Stämmen existiert ein "egalitärer Ethos". Wenn ein Mitglied eines Stammes dieses verletzt, wird es von den anderen Mitgliedern gemieden. Entweder stellt die gemiedene Person ihr Verhalten ein oder aber die Person verlässt den Stamm und schließt sich einem anderen an (freie Assoziation).

Eine Praxis sticht allerdings besonders hervor. Eine Sache, die in anarchistischen Diskursen viel zu wenig Beachtung findet: die antiautoritären

Praktiken der Kindererziehung, die dafür sorgen, dass in jeder Generation die Gefühle von Vertrauen, das egalitäre Prinzip und die Ablehnung von Autorität weitergegeben werden.

Der Erziehungsstil der Jäger*innen und Sammler*innen würde in der zivilisierten Welt als "freizügig" bezeichnet werden. Kinder durften frei entscheiden, wann sie gefüttert werden wollten oder nicht, und sie bildeten sich durch ihr eigenes, selbstbestimmtes Spiel und Erkunden. Körperliche Bestrafungen waren Fehlanzeige. So beschreibt zB Elizabeth Marshall Thomas, welche die Ju/'hoansi in der Kalahari-Wüste Afrikas studierte, folgendes: "Ju/'hoan-Kinder weinten sehr selten, wahrscheinlich weil sie wenig Grund zum Weinen hatten. Kein Kind wurde jemals angeschrien, geohrfeigt oder körperlich bestraft, und nur wenige wurden überhaupt gescholten. Die meisten hörten nie ein entmutigendes Wort, bis sie sich der Pubertät näherten, und selbst dann wurde die Zurechtweisung, wenn es wirklich eine Zurechtweisung war, mit sanfter Stimme ausgesprochen. ... Man sagt uns manchmal, dass Kinder, die so freundlich behandelt werden, verwöhnt werden, aber das liegt daran, dass diejenigen, die diese Meinung vertreten, keine Ahnung haben, wie erfolgreich solche Maßnahmen sein können. Frei von Frustration oder Angst, sonnig und kooperativ, waren die Kinder der Traum aller Eltern. Keine Kultur kann jemals bessere, intelligentere, sympathischere und selbstbewusstere Kinder großgezogen haben."

Es ist leicht nachvollziehbar, dass Kinder, denen von Anfang an vertraut wird und die gut behandelt werden, dazu heranwachsen, anderen zu vertrauen und sie gut behandeln, und wenig oder kein Bedürfnis verspüren, andere zu beherrschen und zu unterdrücken, um ihre Bedürfnisse erfüllt zu bekommen. ]Zum Thema Erziehung empfehle ich den Beitrag "Kindheit & Die psychologische Dimension der Revolution" von Ashanti Alston zu lesen — nicht nur einmal.]

Heute sind die Hadza eines der letzten noch heute existierenden Beispiele der gelebten Anarchie und antiautoritärer zwischenmenschlicher Beziehungen. Und das seit mindestens 100.000 Jahren. Doch die sich immer stärker ausbreitende Landwirtschaft ist im Inbegriff das letzte bisschen Anarchie zu zerstören.

Den absoluten Großteil ihres Lebens lebten die Hadza unberührt von der zivilisierten Welt. Während das mesopotamische Reich mit der Landwirtschaft experimentierte (was zu Wüstenbildung und Überschwemmungen führte, etwas, das auch heute noch die Folgen sind), während in Ägypten Sklav*innen die Pyramiden bauten, während des Aufstiegs und des Untergangs des Römischen Reichs, während Europäer die Welt kolonisierten, während Indigene auf dem amerikanischen Kontinent abgeschlachtet wurden, während afrikanische Menschen aus ihrer Heimat entführt wurden um die "neue Welt" aufzubauen,

lebten die Hadza in völliger Unwissenheit über Kolonialismus und Agrarimperialismus. Bis zum Ersten Weltkrieg, als die britische Kolonialregierung versucht hatte, die Hadza dazu zu bringen, sesshaft zu werden und Landwirtschaft zu betreiben. Profitierten die Hadza anfangs noch von den neuen Nahrungsmitteln, sahen sie schnell keinen Sinn mehr darin schwere Tätigkeiten auf den Feldern zu verrichten, wenn im Busch ausreichend Nahrung frei verfügbar ist. Ein weiterer Grund, warum sie die Siedlungen verließen, war der Ausbruch von Infektionskrankheiten, wie etwa Masern, die in sesshaften Gemeinschaften gut gedeihen.

Krankheiten sind bei den Hadza selten. Es existiert eine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und Jugendliche dürfen ihre Sexualität frei erkunden. Frauen genießen ein hohes Maß an sexueller Autonomie, ganz im Gegensatz zur zivilisierten Welt. Die Hadza sind auch völlig befreit von der erdrückenden Zeit. Ihr Zeitgefühl hängt ausschließlich von den wandernden Tieren und den wechselnden Mustern der blühenden Pflanzen ab.

Doch in den letzten 100 Jahren haben sie aufgrund der zunehmenden Landwirtschaft und der Zivilisation, die in ihre Gebiete eindringen, mehr als 90% ihres Landes verloren. Rinder verdrängen die übliche Jagdbeute und fressen Nüsse und Beeren weg. Durch die Überweidung der Gebiete fingen sie zudem auch damit an die Grasdächer der Hadza-Hütten zu fressen. Der Zugang zu Quellwasser ist heute mühsam, da die lokale Landwirtschaft einen enormen Bedarf hat, eine anhaltende Dürre in Ostafrika ausgelöst hat und der Grundwasserspiegel gesunken ist. Manche Hadza sind gezwungen ihren wertvollen Honig gegen das weniger wertvolle Maismehl von den sesshaften Gemeinschaften zu tauschen, da die Nahrungsbeschaffung immer schwieriger wird. Aufgrund des Tourismus, bei welchen die Hadza eine beliebte Attraktion sind, kamen einige Stämme zudem auch das erste Mal in Kontakt mit Alkohol. Alkoholismus und damit verbundene Todesfälle sind zu einem ernsten Problem geworden. Wenn die Hadza bald erfolgreich ihres Gebietes und ihrer Lebensweise beraubt werden und sie in Folge dessen zwangszivilisiert werden, stirbt erneut ein weiterer Teil der gelebten anarchischen zwischenmenschlichen Beziehungen, bis bald nichts mehr übrig ist.

Anarchy in the Town

Eine Einführung für People of Color

APOC — Anarchist People of Color

Der Anarchismus ist eine politische Philosophie, die auf der Freiheit und der Idee basiert, dass Menschen keine Macht über andere ausüben sollten. Diese Macht über andere ist Autorität, und sie kommt auf viele Arten vor: die Reichen über den Rest von uns, Weiße über People of Color, Männer über Frauen, usw. Und die Machthabenden setzen sie auf viele Arten durch: die Polizei, der KKK, häusliche Gewalt usw. Anarchist*innen sind Leute, die versuchen, ihr Leben im Kampf gegen diese Machtstrukturen zu leben, damit wir alle Freiheit erlangen können, ohne zu den Unterdrücker*innen zu werden.

In den letzten Jahren wurden wir beim Einschlagen von Bankfenstern und im Kampf gegen die Polizei gesichtet und tauchten in verschiedenen sozialen Bewegungen auf. Wir fingen an, uns während der Rebellionen im Jahr 2009 nach dem Mord an Oscar Grant durch die Polizei stärker wahrzunehmen. Seitdem sehen wir, wie jedes Mal, wenn wir wütend über einen weiteren Mord durch die Polizei an einer Schwarzen oder Braunen Person auf die Straße gehen, die Polizei und die Medien schnell behaupten, dass nur Menschen, die nicht aus unseren Gemeinschaften kommen, randalieren und sich wehren. Die Machthabenden würden alles sagen, um uns zu spalten, denn sie haben Angst vor dem gefährlichen Potenzial unserer Revolte. Sie haben die Nachrichten, die Konzernmedien und sogar andere People of Color, sogenannte "Community- Aktivist*innen", benutzt, um euch in die Irre zu führen. Selbst jetzt versuchen sie eine Trennlinie zwischen der Black-Lives-Matter-Bewegung und denjenigen von uns zu ziehen, die mit harten Mitteln auf der Straße kämpfen.

Die Zeit ihrer Lügen ist vorbei. Wir sind hier draußen auf der Straße und wehren uns gegen Unterdrückung und verlorene Leben. Es sind immer mehr anarchistische People of Color hier draußen. Wir Schwarzen und Braunen Rebell*innen waren die ganze Zeit hier und haben uns die schwarze Maske aufgesetzt. Wir wissen, dass der bewährte Weg, um uns zu verteidigen, wenn sie eines unserer Leben nehmen, darin besteht, in kollektiver Wut zurückzuschlagen und zu zeigen, dass wir den Horror, den sie uns antun, nicht hinnehmen werden. Wir haben wie die Hölle gekämpft und zusammen mit vielen

anderen die Stimmung aufgedreht. Wir warten nicht und wir spielen nicht — das ist ein Krieg gegen unsere Unterdrücker*innen.

Hier ist ein kurzer Text, den einige anarchistische POC darüber was wir denken geschrieben haben. Schau es dir an und wenn das nächste Mal die Kacke am Dampfen ist, sehen wir dich vielleicht auf der Straße.

REGIERUNGEN, POLIZEI UND DIE ELITE

Der Anarchismus ist gegen die Regierung. Die Aufgabe der Regierung besteht letztendlich darin, eine kleine Gruppe von Eliten und deren Eigentum zu schützen. Die meisten von uns wären ohne Regierungen besser dran. Diese Eliten sind die wirtschaftliche Klasse der Reichen und Mächtigen. Nicht die Reichen und Mächtigen wie Beyonce und Drake. Eliten sind die Manager*innen der Unterhaltungsindustrie, denen die Plattenlabels gehören und die immer einen Anteil für sich selbst bekommen, egal wer dieses Jahr angesagt ist. Sie sind die Bosse der Konzerne, die Besitzenden der Maschinen, die Autos, Handys, Waffen und Drohnen herstellen. Sie sind die Politiker*innen, die dafür kassieren, dass sie die Gesetze zugunsten dieser gierigen Geschäftsleute ändern. Die Regierung besteht aus den Behörden, den Gesetzen und den Cops, die die Macht der Superreichen über den Rest von uns aufrechterhalten. Die Polizei ist die vorderste Linie der Regierung. Ihre Aufgabe ist es, uns zu kriminalisieren, zu schlagen, einzuschüchtern, einzusperren und zu töten, damit wir keine Chance haben, uns gegen die Elite zu wehren.

SCHEIẞ AUF DIE POLIZEI. SCHEIẞ AUF DIE POLITIKER*INNEN.

Als Anarchist*innen wissen wir, dass viele Dinge, die die Regierungen behaupten, Quatsch sind. Auch wenn sie behaupten, von und für alle unterschiedlichen Menschen in der Gesellschaft zu sein, dienen sie immer noch den Eliten und arbeiten hart daran, den Rest von uns zu unterdrücken. Ein historisches Beispiel dafür ist der Satz aus der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten: "Alle Menschen sind gleich geschaffen...", den wir auswendig lernen müssen. Aber wir wissen, dass das, was sie über Gleichheit sagten, in Wirklichkeit Bullshit war, weil die Sklaverei legal war! Sie sprachen nicht von Schwarzen, Indigenen, neuen Migrant*innen oder Frauen. Sie meinten nur weiße Männer. Der Anarchismus ist keine politische Partei. Wir haben es satt, wählen zu gehen. Wir sehen, dass die einzigen Wahlmöglichkeiten diejenigen sind, die sich Leute mit viel Geld ausgedacht haben. Es ist egal wen du wählst. Es ist alles das Gleiche.

KOLONISATION

Lange Zeit lebte unser Volk von seinem Land, das genug zum Leben oder zum Handeln bot. Überall auf der Welt wurde unser Land erobert, in Parzellen aufgeteilt und um wertvolle Ressourcen beraubt. Dies wurde größtenteils durch

das Projekt der weißen Vorherrschaft, den Genozid und die Sklaverei, die Kolonisation, ermöglicht. 500 Jahre lang segelten die Europäer*innen um die Welt, raubten Land und zerstörten unsere Lebensweise. Entweder wir arbeiteten für sie, glaubten an ihre Religion, kämpften gegen unser eigenes Volk oder mussten sterben. Ein wichtiger Teil ihrer Strategie war es, uns dazu zu bringen, ihre Werte zu verinnerlichen, unsere eigene Haut zu hassen, patriarchal und homofeindlich zu sein. Für viele ging es bei der Würde nur ums Überleben. Für andere wiederum bedeutete Würde, gegen das Unmögliche zu kämpfen. Die meisten dieser dekolonialen Kämpfenden haben verloren, und ihre Geschichten werden nie erzählt werden. Aber einige hielten durch, tief im Dschungel, hoch in den Bergen oder versteckt in den Städten, und kämpften später in dekolonialen Kämpfen gegen die weißen Regierungen. Und einige konnten nur Teilerfolge erringen, wie zB "Rechte" innerhalb der unterdrückerischen Regierungsstruktur. Die Verfassenden von Geschichtsbüchern wollen uns glauben machen, dass die Übel der Vergangenheit durch den Fortschritt behoben wurden. Lehrkräfte sagen, dass der Schlüssel zu unserer Zukunft darin liegt, einen guten Job zu bekommen. Spürst du, wie sie dich einer Gehirnwäsche unterziehen? Dieser "gute Job" ist deine fortgesetzte Sklaverei. Diese Geschichtsbücher wurden geschrieben, um deinen Verstand zu kolonisieren, damit du ihre Werte verinnerlichst. Der Kampf um Dekolonialisierung und Würde geht bis zum heutigen Tag weiter. Er beginnt damit, dass wir unseren eigenen Verstand dekolonialisieren und uns mit unseren Vorfahr*innen gegen die anhaltende Unterdrückung unseres Volkes wehren.

Kenne deine Geschichte. Kenne deine Feinde. Kämpfe gegen deine Feinde.

"Anarchist*innen wissen, dass jeder großen, grundlegenden Veränderung in der Gesellschaft eine lange Zeit der Bildung vorausgehen muss. Deshalb glauben sie weder an das Betteln um Stimmen noch an politische Kampagnen, sondern an die Entwicklung von selbstdenkenden Individuen." — Lucy Parsons

MÄNNLICHE DOMINANZ

Bei der Kolonisation unserer Völker setzten europäische Männer die unterdrückerische Vorstellung durch, dass es nur zwei verschiedene Geschlechter gibt, Männer und Frauen. Sie errichteten ein System, in dem die Menschen in diesen Kategorien auf eine bestimmte Art und Weise sein müssen, damit die Männer dominieren können. Das nennt man Patriarchat. Diese soziale Struktur leugnete die Existenz von schwulen, queeren oder trans Menschen. Sie wurde durch sexuelle Übergriffe, häusliche Gewalt, Schwulenhass und die Vorenthaltung von Arbeitsplätzen für Frauen, Queers und trans Menschen durchgesetzt. Rassismus, Klassismus und dieses geschlechtsspezifische System sind sich überschneidende soziale Unterdrückungssysteme, die im Dienste der weißen Elite stehen, die die Bevölkerung spaltet und erobert. Als

anarchistische POC müssen wir gründlich darüber nachdenken, wie wir diese Werte verinnerlicht haben, und diese Unterdrückungssysteme in uns selbst und in unseren Gemeinschaften dekonstruieren. Wenn wir es mit dem Kampf gegen die weiße Vorherrschaft ernst meinen, müssen wir das Patriarchat mit der gleichen Energie und zur gleichen Zeit bekämpfen.

Wir können das Patriarchat bekämpfen, indem wir Frauen, Schwule und trans Menschen kennen und respektieren lernen und uns ihre Sichtweise anhören. Indem wir unsere männlichen Freunde darauf hinweisen, dass es nicht cool ist, Frauen hinterherzurufen, die einfach nur die Straße entlang gehen wollen. Indem wir Männern, die wir der körperlichen oder verbalen Gewalt verdächtigen, sagen, dass das nicht cool ist, und ernsthafte Konsequenzen für missbräuchliches Verhalten schaffen. Indem wir "schwul" und "Schlampe" aus dem Vokabular streichen, mit dem wir Menschen diskriminieren.

GEGENSEITIGE HILFE UND EIN BESSERES LEBEN

Anarchist*innen kämpfen für eine bessere, befreite Welt. Das bedeutet, dass du dir die Zeit nimmst, anderen zu helfen, wenn du kannst, und dass du weißt, dass einige Leute das sehen und sich revanchieren werden. Durch diese Art der gegenseitigen Hilfe hat unser Volk Jahrhunderte der Unterdrückung überlebt. Das bedeutet, dass ganz normale Menschen eine Rolle dabei spielen, die Regeln zu schaffen und die Arbeit zu erledigen, die nötig sind, um zu überleben und das Leben zu genießen. In der Anarchie gibt es keine elitäre Gruppe. Stattdessen müssen wir uns selbst organisieren, um zu überleben, mit dem Ziel, dass die Stimme einer jeden Person zählt.

Der Anarchismus scheint uns die größte Parallele zu den Ideen zu sein, die wir von unseren Ältesten und Freund*innen überliefert bekommen haben, nämlich dass jede*r lieber in Harmonie miteinander leben möchte als im Krieg. Das basiert auf dem Überleben als Gruppe, also leben wir für die Interessen unseres Teams und nicht nur für uns selbst. Unsere Gruppe ist sogar von anderen Anarchist*innen unabhängig, wenn wir das wollen, und macht ihr eigenes Ding. Wir tun das alles, weil wir wissen, dass ein besseres Leben möglich ist, wenn wir gesunde Beziehungen aufbauen, die frei von Herrschaft sind.

KAPITALISMUS

Ein Haupthindernis für die Anarchie in der heutigen Gesellschaft ist der Kapitalismus. Im Gegensatz zu vielen gesunden sozialen Traditionen, die unsere Völker über Generationen hinweg unterstützt haben, zwingt der Kapitalismus jede*n dazu, um Arbeitsplätze, Wohnungen und Status zu konkurrieren, und isoliert uns von der lebendigen Welt um uns herum, dem Land und voneinander. Selbst wenn wir zu einer unterdrückten Gruppe gehören, konkurrieren wir am Ende miteinander, um im Kapitalismus aufzusteigen. Diejenigen, die erfolgreich sind, kommen vielleicht aus der Armut heraus und

fühlen sich schlecht, weil sie immer noch unterdrückt werden. Aber das System zwingt sie, andere zu dominieren, um das zu erreichen. Wir sehen einen roten Faden der Reichen und ihrer Polizei, die über alle anderen herrschen. In einer Gesellschaft, in der die reiche Oberschicht der Eliten machen kann, was sie will, sehen Anarchist*innen das als das, was es ist: ein Krieg gegen die Habenichtse. Auf diese Weise sehen wir andere Schichten der Scheißherrschaft, wie zB reiche Schwarze, die über arme Schwarze herrschen.

NON-PROFITS

Viele staatliche Programme und Dienstleistungen wurden für arme Menschen eingerichtet, um den Anschein zu erwecken, dass die Regierung vor allem den Menschen hilft. Aber in Wirklichkeit sind wir damit beschäftigt, Schlange zu stehen, Formulare auszufüllen und bei verschiedenen Ämtern anzurufen, nur um Lebensmittelmarken zu bekommen oder einen Arzt*eine Ärztin aufzusuchen. Bei all dem haben wir kaum Zeit, über die Rolle der Regierung bei der Stärkung des Kapitalismus zu sprechen oder uns mit anderen zu vernetzen und Strategien zu entwickeln, wie wir uns das zurückholen können, was uns gehört. Als militante Gruppen wie die Black Panther Party in den 1960er und 70er Jahren Kinderfrühstücksprogramme organisierten, um die Gesundheit und das Leben vieler Menschen zu verbessern, griff die Regierung sie brutal an und tötete oder inhaftierte viele ihrer Mitglieder. Als die Bewegung wuchs, bot die Regierung eine Lösung an: gemeinnützige Organisationen. Heute bieten viele Non-Profit-Organisationen dringend benötigte Dienstleistungen an, wie zB ein Frühstück für Kinder, aber ohne den militanten Charakter früherer revolutionärer Gruppen, da sich die Regierung in die Non-Profit-Strukturen integriert hat. Wie staatliche Hilfsorganisationen und Kirchen sind gemeinnützige Organisationen die Institutionen, die die Vorherrschaft der "Reichen" über die "Besitzlosen" festigen. Sie helfen dabei, den sehr langsamen Prozess der Verteilung eines kleinen Teils der Ressourcen und der Macht an arme Menschen zu koordinieren. Aber das reicht gerade aus, damit wir uns auf sie verlassen, anstatt uns um die Zerstörung des Systems zu bemühen, das uns zwingt, um Krümel zu betteln.

GEFÄNGNISSE

Das wohl schlimmste Beispiel für die Kontrolle des Lebens durch Regierungen sind die Gefängnisse und Haftanstalten. In den USA sitzt ein höherer Prozentsatz der eigenen Bevölkerung im Gefängnis als in jedem anderen Land der Welt, und private Unternehmen verdienen mehr Geld, wenn mehr Menschen eingesperrt werden. Im Knast nähren Wärter rassistische Rivalitäten, um zu verhindern, dass sich die Gefangenen im Kampf vereinen und sich dagegen auflehnen, dass sie eingesperrt werden, weil sie die Gesetze der Reichen gebrochen haben. Außerhalb des Gefängnisses ist es für die Familien schwierig, in Kontakt zu bleiben, und sie werden durchsucht und überwacht, nur weil jemand, der ihnen nahe steht, hinter Gittern ist.

STRATEGIE

Wenn Anarchist*innen sich organisieren, tun wir das auf dezentrale Weise. Das bedeutet, dass wir versuchen, Verantwortung und Führung zu teilen, denn wir wollen nicht dasselbe beschissene System, das wir bekämpfen, nachahmen und Macht übereinander ausüben. Dezentralisierung ist eine weit verbreitete Strategie auf der ganzen Welt mit entscheidenden Vorteilen gegenüber der staatlichen Polizei und dem Militär, die eine Top-down-Befehlsketten-Taktik anwenden. Wir wissen, dass der Feind großen Erfolg damit hat, Führungspersönlichkeiten herauszufiltern und sie anzugreifen, zu inhaftieren oder zu ermorden, wie es in den militanten Bewegungen der 1960er Jahre der Fall war. Wir wenden Strategien an, die dazu beitragen können, unseren Schwung zu erhalten. Zum Beispiel verdecken wir unsere Gesichter und tragen Jeans und einen schlichten Kapuzenpulli, damit sie nicht erkennen können, wer wer ist, wenn sie versuchen, uns Fälle anzuhängen. Es ist wichtig, dass wir uns ständig neue Strategien ausdenken, um uns und unser Volk vor der Unterdrückung zu schützen.

SCHLUSSFOLGERUNG

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Anarchist*innen die Zerstörung von Regierungen und jeder sozialen Beziehung anstreben, in der eine Gruppe über eine andere dominiert, auch Hierarchie genannt. Hierarchien wie Rassismus, Patriarchat und Homofeindlichkeit bestehen zwischen Individuen und müssen zerschlagen werden, da sie die Grundpfeiler des Systems sind, das uns alle unterdrückt. Dieses System ist der Kapitalismus, der an vorderster Front unsere Arbeitskraft ausbeutet und die Natur zerstört. Wir scheißen auf den Kapitalismus, denn wir durchschauen die Illusion der modernen kapitalistischen Demokratie. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir den Widerstand gegen diese Verhältnisse organisieren, so wie es unsere Vorfahr*innen getan haben, autonom und auf der Grundlage dessen, was wir gemeinsam haben. Das kann unser Block, unsere Klassengefährt*innen, unsere Kolleg*innen oder unsere queere Familie sein. Aber es ist auch wichtig, dass wir uns nicht von ihnen gegeneinander ausspielen lassen. Anstatt uns gegenseitig zu bekämpfen, können wir gemeinsam Wege finden, um die Eliten herauszufordern, zu sabotieren und zu besiegen und die Machtstrukturen, die uns von der Befreiung abhalten, von Grund auf zu erschüttern. Anarchismus ist eine Haltung, eine Einstellung, eine Art, die Welt zu betrachten, um befreite Gemeinschaften aufzubauen und Strategien zu entwickeln, was, wie und wann wir gegen die Machtstrukturen, die unser Leben ruinieren, zurückschlagen müssen.

Dekoloniale Apokalyptik

Demontage von Institutionen kolonialer Unterdrückung

Anonym

Es sind harte Zeiten, die wir als kolonisierte Völker durchleben. Diese Apokalypse ist beängstigend, aber notwendig. Denn die Apokalypse ist nicht gegen uns gerichtet, sondern gegen unsere Unterdrückenden. Die Zeit ist gekommen, dass der Siedlerkolonialismus fällt, und wir müssen dafür sorgen, dass das geschieht. Wir haben viel zu lange einem unterdrückerischen Tod ins Auge geblickt und es ist schön zu sehen, wie der Staat zerbröckelt. Das heißt aber nicht, dass wir gewonnen haben. Die Unterdrückenden versuchen verzweifelt, sich an der Macht zu halten und töten uns dabei. Es ist noch nicht vorbei, bis wir alle Institutionen der kolonialen Unterdrückung abschaffen. Dazu brauchen wir etwas, das ich gerne als Dekoloniale Apokalyptik bezeichne.

Dekoloniale Animistische Apokalyptik

Diese Welt in ihrer jetzigen Form muss enden, damit wir eine neue vorbereiten können. Das ist es, was mit Dekolonialer Animistischer Apokalyptik gemeint ist. Wir als kolonisierte Menschen müssen das Ende dieser Welt herbeiführen. Die höchste Form der dekolonialen spirituellen und physischen Praxis ist apokalyptisch. DAA ist eine Denkweise und ein Lebensstil, keine Theorie.

Grundsätze der Dekolonialen Animistischen Apokalyptik

1.

Unsere Mutter Erde

Die Erde ist unsere Mutter und es ist unsere Pflicht, sie mit allen Mitteln zu schützen. Wir müssen sie vom Gift der siedlerkolonialen weißen Vorherrschaft befreien.

1.

Der Siedlerkolonialismus ist ein Gift

Ein Gift, das ausgemerzt werden muss. Alle Strukturen des Siedlerkolonialismus müssen zerschlagen werden. Alle auf Siedlerkolonialismus basierenden Gesetze werden missachtet.

1.

Spirituelle Praxis

Vertraue auf die Geister. Verbindet euch auf der Seelenebene mit einander. Verbindet euch mit unserer Mutter Erde.

1.

Gegenseitige Hilfe

Gegenseitige Hilfe ist der Schlüssel zu wachsender Verbundenheit, besonders in diesen schweren Zeiten.

1.

Tod dem Patriarchat

Das Patriarchat und all seine Lehren müssen abgeschafft werden.

1.

Tod und Wiedergeburt

Den Tod zu erwarten und zu wissen, dass wir wiedergeboren werden, ist die ultimative Befreiung.

Dies erfordert ständige geistige, körperliche und spirituelle Arbeit, damit wir überhaupt eine Chance haben, erfolgreich zu sein. Dies ist die einzige Gelegenheit, die wir bekommen, um diese Welt zu verändern. Ein Moment, in dem der Unterdrücker Anzeichen von Schwäche und Verzweiflung zeigt. Das ist unser Moment, um zuzuschlagen.

Vom Schwarzen Protest zur Insurrektion

Lorenzo Kom'boa Ervin

Wir nähern uns dem 50. Jahrestag des Marsches auf Washington von 1963, und es gibt einige Dinge, die einen direkten Bezug zum gegenwärtigen Moment haben. Wir müssen wissen, dass es damals zwei Flügel der Bürgerrechtsbewegung gab, denjenigen, der vom Montgomery-Busboykott 1955-57 ausging, der Dr. Martin Luther King, Jr. als nationalen Führer hervorbrachte, und seine Southern Christian Leadership Conference (SCLC). In der Zeit von 1960-1963 hatte das Student Nonviolent Coordinating Committee, basierend auf jungen Leuten, die frühe Initiative von King und der SCLC übernommen, und sie waren diejenigen, die ursprünglich den Marsch auf Washington 1963 gefordert und organisiert hatten.

Ihnen schwebte eine viel militantere Anti-Regierungs-Protestbewegung vor, die eine langfristige Besetzung anstrebte und die Stadt Washington D.C. zerrütten wollte, um die Bundesregierung zu beschuldigen, den rassistischen Süden zu schützen und Armut und Unterdrückung aufrechtzuerhalten. Sie planten sogar, auf die Start- und Landebahnen der Flughäfen zu gehen und Flugzeuge an der Landung zu hindern, Züge anzuhalten und Highways und andere Durchgangsstraßen zu blockieren.

Malcolm X äußerte sich zustimmend zu den ursprünglichen Protestplänen, als ein Fortschritt gegenüber Dr. M.L. Kings Pazifismus. Die Kennedy- Administration war jedoch in der Lage, die autonome Führung zu manövrieren und zu unterwandern, indem sie die alte Bürgerrechtsführung aufstellte, die konservativer war und bereit, Befehle direkt von der Regierung entgegenzunehmen. Sie waren von Firmen- und Regierungsgeldern gekauft worden und töteten jegliche Militanz der Veranstaltung. Tatsächlich wurde sie von einem Protest zu einer "Feier" der Absprachen zwischen der Kennedy- Administration und diesen verräterischen Führenden.

Das zeigt uns also, was jetzt mit der Trayvon-Martin-Protestbewegung passiert, sie wurde von Al Sharpton und konservativeren Elementen usurpiert. Diejenigen, die das System lahmlegen und auf der Straße protestieren wollen,

werden von jenen gemäßigten und konservativen Elementen verdrängt, die "Frieden", "Ruhe" und "Befolgung des Gesetzes" betonen. Sie sagen, dass "wir auf Obama warten sollten", um zu entscheiden, ob er Zimmerman, den Mörder von Trayvon, strafrechtlich verfolgen wird. Hör zu, jeden Tag verfolgen die Feds Fälle, die in staatlichen Gerichten begannen; sicherlich tun sie es in Drogenfällen gegen junge Schwarze Männer und Teenager. Wenn er das tun will, sollte das nichts Außergewöhnliches sein, aber er hat Angst vor den rechten Faschos, und seine korporativen Bosse haben ihm noch nicht das Sagen gegeben. Er muss an seinem Platz bleiben und das tun, was die Wall Street ihm auch sagt.

Deshalb muss jeglicher Protest in dieser Zeit zum Aufstand führen, zum langfristigen Widerstand. Sie muss die heutige Protestmilitanz als eine Stufe des Kampfes beibehalten, aber eskalieren, sie zuerst in einen Monat des Widerstands verwandeln, und dann in viele Monate, sogar Jahre des Widerstands, wobei wir bei jedem Schritt unser Verständnis erweitern, dass wir eigentlich die Regierung selbst (und ihre korporativen Meister*innen) bekämpfen, welche weiße Vorherrschaft, Polizeiterror und Selbstjustiz als Werkzeuge der Aufstandsbekämpfung sanktioniert hat.

Wir kämpfen gegen den Faschismus und dürfen uns nicht neutralisieren oder in die Irre führen lassen, so wie es uns Huey P. Newton, Mitbegründer der ursprünglichen Black Panther Party, sagte. Sie wollen Schwarze Surplus- Arbeitskräfte, Obdachlose und all jene Elemente, die sie als soziales Ungeziefer in ihrem entstehenden korporativen Polizeistaat betrachten, ausrotten. Der Tod von Trayvon Martin und all dieser namenlosen jungen Schwarzen/POC muss in den Köpfen der Menschen vereint sein, denn sie entlarven den Angriff des Imperiums auf die Armen und Arbeiter*innen mit niedrigem Einkommen.

Wir müssen die Reife haben, in dieser Zeit eine Einheitsfront gegen Rassismus und Polizeigewalt aufzubauen, angeführt von den Armen, Schwarzen/POC, Arbeitslosen und Arbeiter*innen mit niedrigem Einkommen.

Diggin' In: Über die Natur von Black Power

Eine Einführung in Anarkata-Überlegungen

Afrofuturist Abolitionists of the Americas

Das Folgende ist eine notwendige Klärung über die Gründe für anarchische Aktivitäten und Tendenzen innerhalb einiger Aspekte der Schwarzen Befreiungsbewegung des 21. Jahrhunderts. Es gibt viele Ideen, sowohl innerhalb als auch außerhalb Schwarzer nicht/antihierarchischer oder nicht/antiautoritärer Visionen der kommunistischen Revolution, über die Natur der Macht, oder vielleicht sogar die Macht der Natur. Dieser Text versucht, eine dieser Visionen auszugraben und zu erforschen, um eine Perspektive zu teilen, die eine Reihe von revolutionären Organisator*innen in die Tat umgesetzt oder aufgeführt haben, fast wie Mykorrhizen, die hier und da sprießen, um gelegentlich gesehen zu werden, während sie oft in einer unterirdischen, versteckten, symbiotischen (und manchmal sogar pathogenen) Beziehung zu den Radikalismen bleiben, die im diskursiven und politischen Boden um uns herum arbeiten...

Die Angst vor der Klimaapokalypse wird benutzt, um uns dazu zu zwingen, die Lügen der (weißen) Macht als wahr zu akzeptieren, als einzig gültiges oder sicheres Mittel zu dem mehr gewünschten Ende, in dem wir tatsächlich als Spezies oder Planet überleben. Das ist der Grund, warum der Faschismus über die Welt fegt, und in seinem Gefolge das verstärkte Vertrauen auf die kränkenden imperialen/karzeralen Technologien, die Indigene, femme, behinderte, queere, pathogene Aktivitäten unterdrücken und die unterdrückten Massen zum Sündenbock machen und als die eigentliche Ursache des anthropischen (menschlich-gesellschaftlichen) Niedergangs und der ökologischen Prekarität erklären...

Vor diesem Hintergrund möchte ich uns warnen und daran erinnern, dass das Problem weißer Macht nicht nur das gierige, gewalttätige Streben der Autorität nach ihr ist (obwohl dies sicherlich ein Thema ist); ebenso wenig ist das Problem weißer Macht nur die ausgrenzende, diskriminierende Besetzung ihrer

Positionen durch Massas (obwohl auch dies definitiv noch ein Thema ist). [Massa entstand aus Schwarzen Reden im Zusammenhang mit Sklaverei und steht für Meister oder Herr]

Das grundlegendere Problem mit (weißer) Macht ist die Art und Weise, wie sie die Beziehung, die wir Menschen als irdische Wesen zu der Quelle aller Macht haben — Land, Wasser, Luft usw. — kooptiert und sogar korrumpiert. (das heißt, unser Planet, unsere Umwelt).

Machtpositionen und ihr Streben werden als (oft) unvollständige Antworten auf das errichtet, was nur ein fundamentaler Kampf um das Überleben der anthropischen (menschlichen) und irdischen (nicht-menschlichen) Realität ist. Der Ursprung der Macht ist also die materielle Aneignung; ihre Wurzeln liegen in der Art und Weise, wie die Natur in menschliche Hände genommen wird. Und die Mechanismen, die zur Aufrechterhaltung von Machtpositionen eingesetzt werden, sind der Grund, warum sie als Antwort auf die Überlebensfrage unvollständig (vielleicht widersprüchlich) bleibt, denn sie erfordern oft Ausschluss, Unterdrückung und Ausbeutung, und das alles zum Vorteil einiger weniger.

Ein echter Umbruch, der die ausgrenzende, unterdrückende, ausbeuterische Weltordnung, die uns beherrscht, herausfordern würde, ist eine, die vollständigere Antworten und Lösungen auf die zutiefst ökologische Frage des Überlebens für die Menschen und den Planeten liefern wird. Das wären Bewegungen, die die eigentliche Notwendigkeit für (ein Streben nach) Macht negieren, weil sie sicherstellen, dass sämtliche Hand Rechenschaft über den ökologischen Imperativ zum Überleben ablegen kann und dafür verantwortlich ist.

Das ist der wahre Grund, warum unsere Feind*innen daran arbeiten, uns mit ihren Versprechungen zu beeinflussen, denn die apokalyptische Bedrohung unseres Erdsystems wird für viele von uns zu einer Offenbarung, die sich nun für diese Tatsache einsetzt (und eingesetzt hat). Unsere Macht liegt tatsächlich im Planeten, und so müssen wir in unserem Streben danach, zur Erde (mit) zurückkehren. Das ist die Natur der Black Power... Keiner der Aufseher*innen und Cops und Kolonisator-Kapitalist*innen und ihre Kollaborateur*innen (einschließlich, vielleicht besonders, Leute, die ihre Position wollen) wollen das

— weil es ihre materiellen Interessen bedroht.

Wahrer Schwarzer Radikalismus (was "von den Wurzeln her" bedeutet) ist eine Bedrohung für das Fundament von Massas Haus, indem es seinen Pfahl in einer toten Erde und im Tod unseres Volkes entfernt. Aber wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht in die Vorstellung hineinsteigern, dass eine Rückforderung der Werkzeuge, die es aufbauen und aufrechterhalten, der

einzige Weg ist, um zu garantieren, dass die menschliche Gesellschaft und unser Mutterland oder unsere Mutterwelt weiter existieren werden. Das bedeutet, dass wir uns kontinuierlich und in Gemeinschaft darum bemühen müssen, für uns selbst zu garantieren, dass in jeder Hinsicht alle Menschen, nicht nur einige, sowohl wissen, dass sie es können, als auch so handeln, wie sie es können — in unserer wissenschaftlichen Produktion, Aneignung und Nutzung von Wissen, in unseren wirtschaftlichen und subsistenzwirtschaftlichen Praktiken, in unseren sozialen Formationen, in unseren politischen Strukturen, in unseren kulturellen Lebensweisen, in unserer Kunstfertigkeit, in unserem Glauben, in unserer Ideologie und in unserer Philosophie — intime Partner*innen mit der tiefen, dunklen Erde unter uns zu sein, in dem gemeinsamen Projekt des Überlebens. Wenn jede*r in diesen planetarischen Kampf eingebettet ist und autonom und kollektiv daran arbeitet, es zu sichern, verlieren Herrschende und Bosse ihre Macht und wir können unsere eigenen und die Bedürfnisse der anderen erfüllen.

Viele sehen dies als Aufruf zum Weltuntergang. Andere sehen es als eine fast adamische Wiederherstellung, eine utopische Zukunft, ein Wirken Gottes in einer ächzenden Schöpfung. Und wieder andere, eher humanistisch gesinnte Menschen, sehen es einfach als einen Neuanfang oder den wahren Beginn des menschlichen Potentials.

Wir können es aber auch, wie einige Afrikanist*innen, einfach als einen Versuch sehen, die edlen, vielleicht heiligen Projekte zu erfüllen, die unsere Vorfahr*innen nie die Chance hatten, zu verbessern oder zu vollenden, aufgrund dessen, was der weiße Mann uns unter Kolonialismus und Kapitalismus aufgezwungen hat. Wir werden sie und das Gewicht ihrer Geschichte (die mit uns lebt) ehren, indem wir unsere revolutionäre Aktivität darauf ausrichten, die gewünschten Ziele (nämlich das Überleben) ihrer noch unvollständigen Teilnahme am anthropischen Kampf zu erfüllen. Wir werden nicht die Perfektion der Mittel und Mechanismen (die von den Mächtigen verzerrt wurden), die uns diese Ziele sichern sollen, über alles stellen (auch nicht angesichts innerer Widersprüche). Dies ist eine schmutzigere oder unordentlichere Vision der Dekolonisation. Es ist auch eine grünere Vision, die besagt, dass wir nur dann Selbstbestimmung, Solidarität und Autonomie finden können, wenn wir unser volles und kollektives Potential ausschöpfen und bejahen, um Antworten auf die Frage zu finden, wie wir als Spezies und als Planet wirklich gemeinsam überleben können.

Nun gibt es eine gewisse, sehr verlockende Idee, die besagt, dass wir eine solche totale Wiedervereinigung all (unserer) Menschen und unseres Geistes mit der Natur nicht brauchen — die besagt, dass der einzige oder der beste oder der sicherste Weg, die Mission unseres sozialen und ökologischen Überlebens zu erfüllen, über Herrschende und/oder Bosse führt, oft Männer mit

der vermeintlich "richtigen" Biologie, dem vermeintlich "richtigen" Körpertyp, dem "normalen" Neurotyp, dem "Standard"-Phänotyp, der vermeintlich "richtigen" Sexualität oder der "wahreren" Religion, der "besten" Sprache, den "reinsten" Sitten, etc. —, die damit das Recht haben, für uns zu denken und zu bestimmen, wie wir den Überlebensimperativ erfüllen. Leider glauben auch viele unserer eigenen Leute diesen Unsinn. Ein Hauptbeispiel: die maskulinistischen Haltungen, die der Präsenz, Aktivität und Führung von Schwarzen Frauen und Queers feindlich gegenüberstehen. Diese stellen das Cishet-Patriarchat als den einzigen oder besten oder sichersten Weg zum Überleben unserer Bevölkerung dar und rechtfertigen sich durch Appelle an das "Natürliche" (oft reduktionistische Ansichten der menschlichen genetischen oder biologischen Natur, insbesondere in Bezug auf sexuelle Gesundheit und Aktivität, Fortpflanzungsfähigkeit, Hormone und Geschlechtsorgane). Andere Beispiele sind das verzweifelte Festhalten am Kapitalismus und am Staat, die das Leben, das Land und die Glieder der kolonisierten Massen bedrohen. In ähnlicher Weise werden solche Ausbeutung und ungerechte Autorität als der reinste oder effektivste Weg dargestellt, um unsere Spezies und unsere Heimat/Welt zu schützen, und sie werden auch durch vereinfachende Appelle an "das Natürliche" gerechtfertigt (oft fundamentalistische Ansichten der menschlichen moralischen oder verhaltensmäßigen Natur als von Natur aus gierig oder barbarisch).

Dies ist das historische Problem mit Machtpositionen. Sie beantworten die anthropische (menschliche) und irdische (mehr als menschliche) Überlebensfrage mit einem widersprüchlichen Satz: wir alle wollen leben, also lassen wir einige an unserer Stelle leben, und in der Zwischenzeit dürfen sie einige von uns einfangen und die Natur einschließen... Das ist ein Trugschluss! Aber die Angst erlaubt es uns, dies zu übersehen, denn unsere sehr realen Sorgen um Sicherheit, Fortpflanzung, Zugang zu Ressourcen, das Bedürfnis nach Dingen wie Wärme, Nahrung, Unterkunft, Medizin, Informationen usw werden von Menschen an der Macht vereinnahmt. Sie ergreifen materiell (Menschen in der Natur), und locken uns mit abstrakten Reduktionen der (menschlichen) Natur. Wir sind dann überzeugt, dass außerhalb dieser Grenzen der Kampf ums Überleben nur ins Chaos abgleiten kann und wird. So werden diese zum richtigen Weg, um das Überleben aller zu garantieren, und die Menschen, die diese Projekte errichten und diese Narrative verbreiten, werden zu den notwendigen Manager*innen davon. Letztendlich, wenn das genaue Gegenteil des kollektiven Überlebens eintritt (weil Machtpositionen eine unvollständige Antwort sind) und die Meister*innen am Ende entweder ihren Dreck oder den Zorn derer, die sie als solche behandelt haben, eingestehen und sich ihnen stellen müssen, wird die Macht aus Angst noch härter an ihren Ansprüchen festhalten, sich noch mehr konsolidieren und uns davon überzeugen, dass es keine andere Option gibt, als zu versuchen, ihre Maschinerie zu verbessern. In der Zwischenzeit passiert überall dort, wo die

fortgesetzte Ergreifung der irdischen Machtquelle durch diejenigen, die sie für sich selbst konsolidieren wollen, auch das Folgende und bleibt ungelöst: Nichtmenschliche und menschliche Populationen sterben aus oder werden geopfert, ausgebeutet, vergiftet, angeblich für das "größere Wohl" (was vor allem unsere behinderten Angehörigen bedroht); die Landschaft und die Hydrosphäre und die Atmosphäre werden toxisch und schmutzig oder unbewohnbar als Ausgleich für den "Fortschritt" (was sowohl die nichtmenschlichen Spezies als auch die Menschen aus der Unterschicht bedroht, die es am schlimmsten trifft); und letztendlich sind die einzigen Menschen, denen es erlaubt ist, "Leben und Leben in Fülle" zu haben, genau die Menschen, die behaupten, es der Welt zu bringen — niemand sonst! Das Patriarchat, das Imperium, der Kapitalismus und der Staat haben alle diesen Prozess veranschaulicht, indem sie die Menschen und den Planeten nie vollständig bejaht haben. Diese Strukturen und Mechanismen der Macht halten einfach den materiellen Gewinn (oder auch nur das materielle Streben!) einiger weniger aufrecht, die chauvinistisch (und manchmal mit guten Absichten, haha) vorgeben, die Vertretenden aller zu sein, während sie uns verletzen, uns kontrollieren, uns zu Dingen machen, uns objektivieren, uns zu Waren machen und uns töten.

Schwarze Menschen kennen diese Widersprüche nur zu gut! Sogar diejenigen, die sich mit dem Cishet-Patriarchat identifizieren, können seine vermeintlich naturbasierten materiellen Vorteile nicht vollständig ernten und bleiben oft Opfer seiner Logik. Genauso verhält es sich mit dem herrschenden Wirtschaftssystem und dem westfälischen politischen Paradigma, das sich mit ihm verbindet. All diese Formen der Macht bleiben für uns unhaltbar, unfähig, ihre erklärten Ziele als Garanten für das Überleben unserer Bevölkerung zu erfüllen. Das liegt wiederum daran, dass es bei ihnen wirklich nur um das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück derer geht, die durch sie Halt suchen oder beanspruchen. Als Schwarze Menschen sind wir sehr geschickt darin, diesen Rauchvorhang zu durchschauen — und das müssen wir auch, denn wir werden ständig gejagt, brutalisiert und geschlagen — deshalb haben so viele von uns eine anarchische Skepsis gegenüber der Macht (ich sehe das besonders bei unseren Kindern, die wir leider in eine unterwürfige Haltung bestrafen). Wenn du von der Macht auf das irdische Reich der ausbeutbaren Dinge reduziert wurdest, von denen, die es als ihr Recht beanspruchen, die Erde zu erben, und die vorgeben, es zu deinem Wohl zu tun (während es in Wirklichkeit um ihren ökonomischen und triebhaften Vorteil geht und nicht um deinen), dann wirst du natürlich revolutionäre Bewegungen aufbauen, die sich über das gesamte Spektrum sozialer, kultureller und politischer Orte entwickeln, um diese Machtstrukturen abzuschaffen.

Die multidimensionale Oppositionsfront des globalen Schwarzen Widerstands ist das, was hinter dem Ruf nach Black Power steht. Sie ruft eine negative

Macht hervor, die die Herrschenden und Bosse herausfordert, wo immer sie vorgeben, die Frage zu beantworten, wie wir tatsächlich sicherstellen können, dass wir gemeinsam als Spezies und Planet überleben — und dabei ihre egozentrische, opportunistische Falschheit und ihre Klasseninteressen entlarven. Sie besagt, dass niemand wirklich frei werden kann, bis alle aus der Gefangenschaft befreit sind. Black Power wendet sich also gegen die physische Gefangenschaft der Natur (befreit das Material; die mehr-als-menschliche Realität, biotisch und abiotisch); Black Power wendet sich gegen die ideologische Gefangenschaft unseres Verständnisses der menschlichen Natur (befreit den Geist; wie wir unsere biologische, neurologische, psychologische, vielleicht spirituelle Beschaffenheit und unser Potential begreifen); und Black Power wendet sich gegen die ausbeuterische und entmenschlichende Gefangenschaft von Menschen, die in der Natur unterschiedlich positioniert sind (befreit die Muntu, d.h. volle menschliche Personen, in unseren ganzen Körpern, wie auch immer sie geformt sind oder sich verändern mögen, die als Gefangene eines Krieges für Profit gehalten werden, gegeneinander aufgeteilt wie Krabben in einem Fass). Unser ganzes Überleben liegt in der Vereinigung dieser drei. Das Ende dieser Käfige ist der Schlüssel zur Befreiung.

Black Power ist die ideologische Synthese aller revolutionären Aktivitäten, die es gibt, jedes Kampfes gegen die Ketten, die der Materie (unserem Planeten), dem Geist (unserer Psyche) und den Muntu (unserem Volk) auferlegt werden. Black Power erkennt, dass wir nie vollständig in der Lage waren, in die Quelle der Macht zu graben, die Überlebensfrage durch eine irdische Verbindung wahrheitsgemäß und logisch zu beantworten, solange die Unterdrückungen existieren. Black Power sagt, dass diese Geschichte der Unterdrückungen bedeutet, dass verschiedene Grade von Tod und Despotismus, einige großflächiger und entsetzlicher als andere, die anthropische (menschliche) zu irdische (natürliche) Beziehung korrumpiert haben. Und Black Power räumt ein, dass der Widerstand gegen diese Verstrickungen leider in den Fällen gering war, in denen es weniger klar war, dass ihr Ursprung in den Handlungen, der Vernachlässigung oder der Unwissenheit der Menschen (und nicht nur des Universums, der Natur oder sogar des Göttlichen) lag, und dass daher eine Lösung durch die Hände der Menschen möglich war/ist. Aber in unserer gegenwärtigen Epoche, dem sogenannten Anthropozän, mit dem Westen und dem Kapitalismus an der Spitze, sind wir gezwungen, die Verschmelzung oder Verfestigung dieser Käfige auf die Natur, die menschliche Natur, die Menschen, die aus der Natur kommen, zu sehen — und ihre daraus resultierende Tödlichkeit. Daher zeigen die Mechanismen und die Maschinerie, die unseren Versuch behindern und stören, die Reise der Vorfahr*innen hin zu einer echten menschlich-nichtmenschlichen Beziehung zu vollenden, ihre abscheulichen Gesichter mehr und sichtbarer als je zuvor; und jetzt kann niemand von uns mehr leugnen, dass der weiße Mann und seine ableistischen,

anthrozentrischen, patriarchalen Formationen die Probleme reproduzieren und ausnutzen, die uns dem sozialen und ökologischen Tod ausliefern.

Und so kommt es zu Aufständen, und die Plantagen und Schweinesysteme der Welt werden entweder niedergebrannt oder sind jeden Tag in Gefahr, niedergebrannt zu werden. Ich möchte jedoch, dass wir uns daran erinnern, dass die menschliche Gesellschaftsbildung und das Erdsystem (wie wir es kennen) einen Punkt des Zusammenbruchs erreichen, weil die weiße Macht nur ineffektive, widersprüchliche materielle Aneignungen sind, die die Überlebensfrage nicht wirklich beantworten — die die sozial-ökologische Tödlichkeit aufrechterhalten und nur den Wenigen zugutekommen. Die Lösung für die Überrepräsentation der Autorität liegt also nicht darin, Machtpositionen oder deren Bestrebungen zu negrifizieren. Wir können nicht jede Kette durchbrechen, indem wir einfach Schwarze Menschen an die Macht bringen oder Schwarze Menschen als die (wahre) Autorität darstellen.

Stattdessen müssen wir uns in die Quelle aller Macht eingraben — das ist die Erde und wir selbst als von der Erde Geborene, die derzeit alle beschlagnahmt, geplündert und getötet werden. Wir müssen danach streben, unsere Mutter zu befreien und uns, ihre Kinder, in die ermächtigte Umarmung darin zu bringen.

Wir müssen also die Häuser aller Meister*innen entwurzeln, einschließlich unserer eigenen, und uns an ihren Wurzeln vorbeischlängeln, bis wir uns alle tatsächlich selbst mit und in der Erde darunter lebendig machen können, als ein Kollektiv. Das ist die einzige ehrliche, logische und ethisch-moralische Lösung für das Problem des Überlebens unserer menschlich-nichtmenschlichen Beziehungen. Wenn wir uns befreien wollen, arbeiten wir daran, alle Menschen, und nicht ihre Stellvertretenden, zur Quelle ihrer Macht zu bringen — der Erde. Und auf diese Weise treiben wir eine Beziehung voran, die kein Kapital, keine Hierarchien, keine Kolonien und keine Käfige braucht.

Lasst uns das alles abschaffen! Für den Planeten und die Menschen! Das ist die Forderung der Anarkata, in ihrer einfachsten Form.

FÜR DIE FREIHEIT!!!

Manifest an die internationale anarchistische Bewegung

Ein Aufruf zu einer internationalen revolutionären Widerstandsbewegung

Lorenzo Kom'boa Ervin

"Vor dem Ersten Weltkrieg ging der Hauptimpuls für die soziale Revolution von den anarchistischen und revolutionären syndikalistischen Bewegungen aus. Nach der Niederlage der Russischen Revolution mit dem Triumph des autoritären (Staats-)Kommunismus neigte der Weltkapitalismus jedoch dazu, seine Energien auf die Vernichtung dieser realen, scheinbaren Gefahr für seine weitere Existenz zu konzentrieren, wodurch der Eindruck entstand, dass die libertäre Bewegung und ihre Ideen überflüssig oder bestenfalls eine Nebensache des Hauptkampfes waren, soweit die organisierte Arbeiter*innenklasse betroffen war. Nur in einer Minderheit von Ländern übernahm der Anarchismus die Führung, während anderswo die Idee der Freiheit selbst in den Niedergang ging. Die modernen Staaten, ob totalitär oder demokratisch, der private und der staatliche Kapitalismus, alle Variationen politischer und religiöser Ideologien, die Gewerkschaftsbewegung (ob reformistisch oder staatlich), im Allgemeinen alle sozialen Gruppen, die Teil der produktiven Gesellschaft sind, haben als Tatsache eine Koexistenz etabliert, die um jeden Preis dazu tendiert, den gegenwärtigen Status quo für die alten Formen von Privilegien, Ausbeutung und Autorität zu sichern." – Albert Meltzer

In Ost und West sind es die Staaten, die die Unterdrücker der Menschen sind. Aber der Kapitalismus wird durch wirtschaftliche und politische Krisen (Depression, Inflation, Aufdeckung von politischer Korruption) und eine Vielzahl anderer sozialer und kultureller Missstände ausgehöhlt. Unsere Zeit ist unauslöschlich gebrandmarkt durch den Raub menschlicher Arbeitskraft und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen. Die Verweigerung der Freiheit, der Weltkrieg und die Unterdrückung durch den Staat kennzeichnen ebenfalls

unsere Zeit. Staatlich geförderte Folter, Mord, Genozid und Terrorismus sind seit den 1930er Jahren an der Tagesordnung.

Die Unfähigkeit der bürgerlichen Wissenschaftler*innen und Politiker*innen, diese Probleme an der Wurzel zu packen, öffnet die Tür für anarchistische revolutionäre Aktivitäten. Diese offensichtliche weltweite Zerstörung sowie die immer näher rückende planetarische Katastrophe — die sogar die Bourgeoisie sehen kann — eröffnet für die anarchistische Weltanschauung die bestmöglichen Umstände seit den Anfängen der anarchistischen Bewegung.

So steht der Anarchismus gegenwärtig vor einer hervorragenden Gelegenheit, eine dominierende soziale Kraft in der modernen Gesellschaft zu werden, das wissenschaftliche, kulturelle und soziale Chaos in eine freie Gesellschaft zu verwandeln und den libertären Sozialismus im Weltmaßstab zu implementieren.

Die anarchistische Gesellschaft wird jedoch nur als Ergebnis einer weltweiten, sozialen Revolution verwirklicht werden, aber dies wird nur möglich sein, wenn es eine internationale revolutionäre anarchistische Organisation gibt; eine Organisation, die die bestehenden Widerstandskämpfe der Menschen koordinieren kann, ohne diese Aktivitäten jedoch zu zentralisieren und die diesen Aktionen libertäre Ziele geben kann.

Ein Aufruf für eine internationale anarchistische Widerstandsbewegung Die soziale Revolution ist proletarisch internationalistisch, nicht nur ein Aufstand in einem Land, sondern muss den weltweiten anarchistischen Aufstand und den Sturz aller Staaten zum Ziel haben. Wir brauchen eine Organisation und eine sozialrevolutionäre Bewegung, die in der Lage ist, unsere Kämpfe in jedem Land zu lancieren, zu unterstützen und zu koordinieren.

Auch wenn es den Anschein haben mag, dass es sich hier um einen monolithischen, zentralisierten Apparat handelt, ist dies nicht der Fall. Es muss ein Netzwerk von Organisationen geben, die über die ganze Welt verteilt sind, aber auf einem gemeinsamen Konsens für den revolutionären Kampf basieren. Die Strukturen würden sich zu einer internationalen revolutionären Organisation und sozialen Bewegung zusammenschließen. Die Revolution erkennt keine Grenzlinien an.

1.

Anarchistisch-kommunistische Infrastruktur

Die Kommunen bilden die Grundlage für diese internationale Organisation und sind die primäre soziale Form der neuen Gesellschaft. Sie werden das primäre Mittel sein, um die Autorität und Kontrolle des Staates zu untergraben. Wir werden die neue Gesellschaft in der Schale der alten organisieren. Kommunen können jede Form annehmen: Arbeits- oder munizipale Kommunen, Affinitätsgruppen und Kollektive. In einer revolutionären Situation würden ganze

freie Städte Kommunen errichten. Wir müssen jetzt damit beginnen, Arbeitskommunen und Gemeinschaftskommunen zu bilden und uns nicht damit zufrieden geben, kleine, isolierte, nicht funktionierende Kommunen zu bilden, die eigentlich nur Kollektive für alternative Lebensstile sind. Unsere Kommunen wären für uns ein alternativer Weg, um angesichts der Wirtschaftskrise in den kapitalistischen Ländern Lebensmittel, Kleidung und andere lebensnotwendige Dinge zu verteilen und eine Infrastruktur für direkte Demokratie durch das Volk zu schaffen. Dies würde die Führer*innen, die politischen Parteien und den Staat untergraben und wäre der erste Schuss, der in der sozialen Revolution fällt. Es würde bedeuten, den Staat zu diskreditieren und ihn zu einem irrelevanten Dinosaurier zu machen. Die Menschen wären in der Lage zu sehen, wie die zukünftige anarchistische Gesellschaft funktionieren wird, indem sie sie heute in einer embryonalen Form sehen.

Wir müssen diese Organisierung auf der ganzen Welt durchführen. Deshalb brauchen wir eine Anarchistische Internationale, um nationale und kontinentweite anarchistische Föderationen zu organisieren, die bereits existierenden Föderationen zu koordinieren und diese Föderationen und Kommunen überall auf der Welt miteinander zu vernetzen. In Ländern, in denen es keine Tradition anarchistischer Aktivitäten gibt, sollte sie eine Reihe von anarchistischen Propaganda-Ligen, Buchläden, Film-, Video-, Bildungs-, Kultur- und Sozialgruppen, Zeitungen und theoretischen Zeitschriften, Arbeiter*innenvereinigungen und anderen Organisationen aufbauen, um anarchistische Ideale zu verbreiten, Menschen für unsere Ansichten zu gewinnen und eine libertäre revolutionäre Massenbewegung aufzubauen. Natürlich werden die Bedingungen in jedem Land diktieren, wie dies geschieht, und die Menschen vor Ort werden immer als die revolutionären Organisator*innen dienen, auch wenn gelegentlich der erste Anstoß von Delegierten der internationalen Organisation kommen mag. Dies entspricht unseren Idealen der Arbeiter*innenselbstverwaltung und der Selbstbestimmung der unterdrückten Menschen.

1.

Antistaatliche militärische Aktivitäten

Irgendwann ist es unvermeidlich, dass der Staat die Gefahr für sich selbst durch solche selbstverwalteten Organisationen erkennt und versuchen wird, sie gewaltsam zu unterdrücken. Wir müssen Selbstverteidigungskomitees organisieren, seien es Arbeiter*innenverteidigungsligen oder kommunale Selbstverteidigungsgruppen, um uns und unsere Bewegung vor Repression zu schützen. Solche Milizorganisationen wären keine Parteivorhut, keine Polizeitruppe oder ein stehendes Heer im staatlichen Sinne, sondern Verteidigungseinheiten, die von den Arbeiter*innen und der Gemeinschaft selbst verwaltet werden, also dem bewaffneten Volk. Diese Miliz- Organisationen, unsere revolutionäre Einheit, würden es uns ermöglichen, uns

jederzeit effektiv gegen Angriffe der Behörden zu wehren, egal aus welcher Richtung sie kommen (links oder rechts).

Außerdem sollte es eine Organisation geben, die einen Widerstandskampf im Untergrund führt, vor allem in den Ländern, in denen eine offene anarchistische Bewegung unmöglich wäre, oder sicher wäre, dass sie heftiger Repression durch den Staat ausgesetzt wäre. Solche Länder wie der Iran, Russland, China, Korea, Südafrika, Chile und andere repressive Länder sind Diktaturen. Die einzige Hoffnung für die Befreiung dieser unglücklichen Menschen von der Sklaverei und für die Etablierung des Libertären Kommunismus in diesen Gebieten ist es, einen Widerstandskampf im Untergrund zu führen. Ein solcher Kampf wäre nicht nur militärisch, sondern würde auch bedeuten, ein Propagandanetzwerk zu schaffen, um den Staat zu entlarven und zu untergraben, sowie anarchistische Ideen zu verbreiten; freie Gewerkschaften und andere autonome Arbeiter*innenorganisationen zu schaffen, um die industrielle Produktion zu sabotieren und als Industrieguerilla und Katalysator für Streiks und andere Arbeiter*innenproteste zu agieren; und andere solche Protestaktivitäten. Es sollten Techniken der Guerilla-Kriegsführung eingesetzt werden: besonders gut organisierte Sabotage von staatlichen Einrichtungen und die Ermordung von Folterer*innen und Mörder*innen der Geheimpolizei, mit dem unmittelbaren Ziel, den gesamten Staatsapparat so weit wie möglich lahmzulegen. Wenn solche extremen Formen der revolutionären Aktion erforderlich sind, sollte unter Revolutionär*innen jedoch ein klarer Unterschied zwischen einfachem Terrorismus ohne Unterstützung der Bevölkerung und Guerillakrieg, der aus den kollektiv empfundenen Frustrationen des einfachen Volkes entsteht, gesehen werden.

Es ist sehr wichtig und muss ganz klar gemacht werden, dass die Schaffung einer Volksguerillakriegssituation ein Mittel und nicht ein Selbstzweck sein würde. Der Einsatz militärischer Methoden wäre immer dann notwendig, wenn die Haltung und die Handlungen des Staates es für Revolutionär*innen zwingend erforderlich machen, sich selbst zu verteidigen, indem sie gegen den Staat in die Offensive gehen — um dessen normales Funktionieren zu stören und so den Aufbau einer anarchistischen sozialen Infrastruktur anstelle der bestehenden umso leichter zu machen. Ein intelligent ausgeführter und erfolgreich geführter Volksguerillakrieg würde den Effekt haben, den Staatsapparat und seine Fähigkeit zur Reglementierung und Kontrolle zu zermürben. Dies ist der einzige Weg, wie der Anarchismus in solchen repressiven Staaten sein Haupt erheben kann!

Solche Aktivitäten erfordern eine internationale revolutionäre Organisation. Der militärische Flügel einer solchen Organisation muss dezentralisiert und ein halbklandestiner Zusammenschluss von engagierten Revolutionär*innen sein. Wir werden sie Internationale Revolutionäre Aktionsgruppen nennen. Diese

autonomen revolutionären Zellen würden unter anderem klandestine Propaganda, Industriesabotage, antistaatliche militärische Aktivitäten, die Organisation von anarchistischen Kommunen, Versammlungen und einer anarcho-syndikalistischen Arbeiter*innenbewegung durchführen.

1.

Information

Jede einzelne Person, die sich für die soziale Revolution engagiert, muss wissen, wie weit unsere Sache in anderen Ländern fortgeschritten ist. Wir dürfen die Aufgabe der Nachrichten und der Analyse unserer Bewegung und ihrer Aktivitäten nicht der bürgerlichen und der sozialistischen Presse überlassen. Deshalb müssen wir alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um ein Internationales Anarchistisches Informationsbüro einzurichten, das die anarchistischen Gefährt*innen weltweit über den Stand des Kampfes informiert. Das Büro ist auch in der Lage, anarchistische Ideen weltweit zu verbreiten. Es würde als Kommunikations- und Propagandazentrum dienen, und würde Aktivitäten durchführen wie: Übersetzung und Verbreitung anarchistischer theoretischer Werke in jede wichtige Weltsprache; Schaffung eines sozialrevolutionären anarchistischen Nachrichtendienstes, der als Drahtdienst fungiert und Informationen und Nachrichten libertärer Zeitschriften und Zeitungen weltweit versendet; Sicherung eines internationalen Anti-Copyright- Abkommens zwischen anarchistischen/ libertären Verleger*innen, um freie Wiederveröffentlichungsrechte aller libertären Werke zu ermöglichen; Schaffung einer (oder mehrerer) internationaler anarchistischer Wochen- oder Tageszeitungen; Schaffung eines libertären Pressesyndikats, um anarchistischen Publikationen gegenseitige Hilfe und internationale Verbindungen anzubieten.

Zusätzlich sollte das Informationsbüro Propagandanetzwerke aufbauen, um in den Ländern, die anarchistische Ideen unterdrücken, revolutionäre Propaganda im Untergrund zu betreiben. Jede mögliche Methode der klandestinen Propaganda muss genutzt werden: Piratensender und Geheimsender, die im Zielland oder in einem Nachbarland eingerichtet werden; Einrichtung einer Untergrunddruckerei und geheime Verteilung von anarchistischer Literatur (wie es mit der "Samizdat"-Literatur in Russland gemacht wurde); heimliches Verputzen von Gebäuden mit Farbe oder Plakaten für Propagandabotschaften; Verbreitung von Flugblättern und anderen Materialien; Abhalten von improvisierten Kundgebungen und Demonstrationen gegen die Regierungspolitik oder Repression; und andere Aktivitäten. Das Ziel des Untergrundpropagandanetzwerks ist es, die Menschen über anarchistische Ideen zu informieren und sie zum Sturz des Staates anzustiften. Wir müssen kreativ in unseren Methoden sein, unser eigenes Leben und das Schicksal der Revolution kann davon abhängen.

1.

Anarchosyndikalistische Arbeiter*innenbewegungen

Viele ganze Kontinente wie auch einzelne Länder haben keinen anarchistischen Kern: Afrika, Asien, die Karibik, Ozeanien, viele Länder in Osteuropa und einige in Lateinamerika, sind Beispiele dafür. In den meisten dieser Länder hat es nie eine Geschichte anarchistischer Aktivitäten gegeben. Anarchosyndikalistische Propaganda-Ligen sollten jetzt gegründet werden, um den Klassenkampf- Gewerkschaftismus zu propagieren, revolutionäre Zellen in den Gewerkschaften zu schaffen und sie in die revolutionäre syndikalistische Richtung zu drängen.

Viele Länder in Afrika, wie Ghana, Kenia, Senegal, Sambia und andere (sogar Südafrika, wo es eine große afrikanische Arbeiter*innenklasse gibt) haben sehr große Gewerkschaftsverbände, aber sie sind reformistisch und stehen unter staatlicher Kontrolle. Die Ideen des Anarchosyndikalismus unter der Basis solcher Gewerkschaften könnten einen revolutionären Aufschwung auslösen und die internationale anarchistische Arbeiter*innenbewegung stärken. Außerdem würde es in der Dritten Welt die Natur der Befreiungskämpfe von marxistisch-leninistisch-autoritär zu anarchistisch-libertär verändern; von der Vorherrschaft einer Partei oder "Befreiungsfront" zur Selbstorganisation der Arbeiter*innen selbst; von den Ideen eines "Arbeiter*innenstaates" zur Schaffung von anarchistischen Kommunen (die besonders für afrikanische und asiatische Dörfer und Städte und Arbeiter*innen- und Bäuer*innenräte und - gewerkschaften geeignet sind). Dies ist eine Form des revolutionären Kampfes, die es in der Dritten Welt noch nie gab. Sie wird den Lauf der Geschichte verändern.

In Osteuropa, China, Südafrika und anderen repressiven Ländern würden wir unsere Aktivitäten wahrscheinlich im Untergrund führen müssen. Der Aufbau einer autonomen Arbeiter*innenbewegung im Untergrund für revolutionäre Industriesabotage und einen Generalstreik, um die Arbeiter*innen für die Selbstverwaltung der Produktion zu organisieren und die Regierung zu untergraben und zu stürzen, ist die oberste Priorität. In vielen dieser Länder sind Gewerkschaften lediglich Organe des Staates (wenn sie überhaupt existieren); es gibt kein Streikrecht, daher sollte die Internationale klandestine Arbeiter*innebversammlungen, Fabrikkomitees, unabhängige Gewerkschaften und andere solche freien Arbeiter*innenorganisationen organisieren. Diese Arbeiter*innenkommunen, Landwirt*innen- und Arbeiter*innenräte, syndikalistische Gewerkschaften sollten gegründet werden, um eine Situation der dualen Macht (Kontrolle durch die Arbeiter*innen) sowohl in der Industrie als auch in der Gesellschaft zu schaffen.

In den westlichen Industrieländern ist es notwendig, die reformistischen Gewerkschaften zu unterwandern und sie in eine klassenkämpferische, revolutionär-syndikalistische Richtung zu drängen; Fabrikkomitees, sowie

Arbeiter*innenversammlungen, Industrieräte und andere autonome Arbeiter*innenorganisationen zu schaffen, um die gewerkschaftliche Missführung zu untergraben und die staatliche Kontrolle der Gewerkschaften zu umgehen. Wir müssen ein Ende der staatlichen Kontrolle über die Gewerkschaften und die Aufhebung aller arbeiter*innenfeindlichen Gesetze fordern und auch die demokratische Kontrolle der Gewerkschaften durch die Basis verlangen.

Die Internationale muss die am meisten unterdrückten Arbeiter*innen vertreten, insbesondere Migrant*innen in den westlichen Industrieländern, raciale Minderheiten und Arbeiter*innen, und die unorganisierten Arbeiter*innen organisieren. Darüber hinaus gibt es in der aktuellen Wirtschaftskrise in den kapitalistischen Ländern Millionen von obdachlosen und arbeitslosen Arbeiter*innen: Es sollte Arbeitslosengewerkschaften geben, die parallel zu den Arbeiter*innengewerkschaften existieren, um von den Bossen zu verlangen, dass sie ihnen (gesellschaftlich nützliche) Arbeit geben, und um Streikunterstützung für Arbeiter*innen, die gegen Bosse streiken, zu leisten.

Anarchist*innen jeder Couleur sollten sich den Sektionen der Internationale anschließen und den Anarchismus wieder zu einer Doktrin der Arbeiter*innenklasse machen.

1.

Gefängnisunterstützungsarbeit

Anarchist*innen lehnen Gesetze, Gefängnisse und den Staat ab. Gefängnisse oder Gesetze sind nicht dazu da, die "Gesellschaft zu schützen" oder gar gefährliche Kriminelle wegzusperren (die wirklichen Kriminellen leiten den Staat), sondern sind vielmehr ein Mittel der staatlichen Sozialkontrolle und Sklav*innenarbeit. Die Gefängnisse sind reine Konzentrationslager für die Armen, die Machtlosen und raciale Minderheiten. Wir müssen uns organisieren, um das Gefängnissystem zusammen mit dem Staat abzuschaffen und alle Klassenkriegsgefangenen zu befreien. Außerdem müssen wir in der Lage sein, eine mächtige internationale Verteidigungskampagne zu organisieren, um die "politischen" Gefangenen zu befreien, d.h. die Gefangenen, die wegen ihrer sozialen oder politischen Überzeugungen oder ihrer revolutionären Organisationsaktivitäten eingesperrt sind.

Diese internationale Verteidigungskampagne kann bewaffnete Unterstützungsaktivitäten, einen internationalen Boykott und Generalstreik gegen die Konsumgüter und Dienstleistungen eines Ziellandes oder die Aktivitäten multinationaler Konzerne beinhalten; wir werden uns an Protestdemonstrationen vor den Botschaften und Konsulaten der betroffenen Länder beteiligen; eine internationale Petitions- und Briefschreibkampagne und viele andere Aktivitäten. Wir brauchen eine internationale Gefangenenhilfsorganisation, die solche Aktivitäten leitet und koordiniert.

Natürlich gibt es in mehreren Ländern Zweigstellen von Anarchist Black Cross, aber der Aufbau starker ABC- oder anderer anarchistischer Gefangenenhilfsorganisationen auf der ganzen Welt muss voll unterstützt werden. Der Gefängniskampf ist ein integraler Bestandteil des Kampfes gegen den Staat und er verdient die volle Unterstützung aller Teile der anarchistischen Bewegung.

Viele Gefangene werden sich als einige unserer stärksten anarchistischen Revolutionär*innen entpuppen, und weiter sollten wir nicht vergessen, dass Bakunin, Kropotkin, Johann Most, Sacco und Vanzetti, die Haymarket-Märtyrer, Alexander Berkman, Makhno, Emma Goldman, Durruti, Martin Sostre und viele andere Anarchist*innen politische Gefangene waren. Und bis zum heutigen Tag befinden sich überall auf der Welt viele unserer anarchistischen Gefährt*innen in staatlichen Kerkern. Sollen wir ihre Hilfeschreie ignorieren? NEIN!

1.

Gebiete des Kampfes in der Welt

Die Revolution kann sich nicht hinter nationalen Grenzen verschanzen, sondern muss international sein. Wir müssen eine internationale revolutionäre Solidaritätsbewegung aufbauen. Unser Ziel ist es, den Anarchismus auf der ganzen Welt zu verbreiten. Unsere Taktik mag sich von Land zu Land unterscheiden, aber unser Ziel bleibt das gleiche. Der Staat ist unser ewiger Feind, aber er wird nur durch den Triumph der sozialen Revolution verschwinden. Anarchist*innen sollten sich in Kämpfe auf allen Gebieten einmischen — von Frauenkämpfen bis hin zu dem sich schnell entwickelnden Konflikt zwischen den stark ausgebeuteten armen Völkern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas und den reichen Ausbeuternationen. Es ist lebenswichtig, dass wir Anarchist*innen uns in solche Basiskonflikte einmischen, die jetzt wüten oder kurz vor dem Ausbruch stehen. Denn wenn wir das nicht tun, werden wir keine Stimme oder Einfluss auf solche Entwicklungen haben, geschweige denn in der Lage sein, anarchistische Unterstützungsbasen in diesen Gebieten zu schaffen.

In den westlichen Industrieländern sollten Anarchist*innen die Korruption und Unfähigkeit der Regierung aufdecken, eine mächtige Arbeiter*innenbewegung aufbauen und revolutionäre Kommunen, Versammlungen und anarchistisch- kommunistische Föderationen bilden, um eine duale Macht in Industrie und Gesellschaft zu schaffen. Libertäre bildende, kulturelle und soziale Aktivitäten sollten den Schwerpunkt auf die Bekämpfung der Auswirkungen der autoritären Psyche legen, wie Rassismus, Militarismus, Patriotismus, Sexismus, die "Arbeitsethik" und andere Übel; das Ziel ist die Schaffung eines anarchistischen Systems menschlicher Beziehungen.

In den faschistischen und staatlich "kommunistischen" Ländern muss unser Kampf jedoch viel energischer und revolutionärer sein. Dort müssen

Anarchist*innen ein Leben im Untergrund führen oder Verfolgung und Tod erleiden. In den faschistischen Ländern wird dies klar erkannt und anerkannt, doch die Kommunist*innen geben sich als Revolutionär*innen aus und die von ihnen errichteten staatlichen Regime als "Arbeiter*innenstaaten", in denen sie "den Kommunismus aufbauen". So haben Castro in Kuba, Mao in China und andere Diktatoren eine recht große internationale Gruppe von Sympathisant*innen und Anhänger*innen (vor allem unter der Jugend) dafür gewinnen können, dass sie "erfolgreiche Revolutionäre" sind. Die Ideen des Marxismus-Leninismus sind in der Krise wie nie zuvor; die Menschen haben keine Sympathie für das, was sie als Sozialismus im Gegensatz zum Kapitalismus des Westens empfinden.

Anarchist*innen sollten den Mythen und Lügen dieser Kommunist*innen und Kapitalist*innen entgegentreten und ihre Staatsverbrechen entlarven. Aber am wichtigsten ist, dass Anarchist*innen das Monopol der Marxist-Leninist*innen bezüglich der Ideen des Sozialismus und Kommunismus herausfordern sollten. Der anarchistische Kommunismus muss beginnen, die Marxist-Leninist*innen in beiden Ideen herauszufordern und zu besiegen.

Wir müssen eine Untergrund-Widerstandsbewegung mit anarchistischen Freiheitskämpfenden aufbauen, die revolutionäre Aktionen gegen diese Diktaturen der kommunistischen Parteien durchführen. Es ist ein Kampf auf Leben und Tod, der den wahren Wert der anarchistischen Ideale und die Zukunft unserer Bewegung bestimmen wird. Es gibt keinen anderen Weg, wie Freiheit (der anarchistische Kommunismus) in diesen Gebieten der Welt etabliert werden kann. Es wird ein gewaltsamer, blutiger Kampf sein, aber er kann nicht vermieden werden. Die Befreiung wird uns nicht gegeben werden, wir müssen sie uns selbst nehmen. Aber natürlich können wir nicht das Loblied der Gewalt um ihrer selbst willen singen. Anstatt zu sagen, dass Gewalt zwangsläufig und logisch aus der Revolution hervorgeht, ist es besser zu sagen, dass wir gezwungen sind, Gewalt anzuwenden, weil die Konterrevolutionär*innen (kapitalistische Klasse) versuchen werden, uns mit Gewalt zu unterdrücken, um ihre Macht und Privilegien zu behalten. Alle unterdrückten Menschen haben das Recht, sich aufzulehnen.

1.

Was ist zu tun?

Die Schaffung einer großen anarchistischen sozialrevolutionären Bewegung — global und mit dichten lokalen Ansammlungen in vielen Teilen der Welt — ist ein wichtiger erster Schritt, um den Boden für eine erfolgreiche epochale anarchistische Revolution zu bereiten. Sie würde die notwendige Unterstützungsbasis schaffen, die jetzt so sehr für anarchistische Aktivitäten aller Art fehlt — angefangen von einem hochentwickelten globalen Informationsnetzwerk (selbst ein wichtiger Schritt in der Entwicklung einer militanten globalen anarchistischen Bewegung) bis hin zu erfolgreichen

militärischen Operationen gegen den Staat, wo solche sowohl notwendig als auch möglich sind.

Die Bedingungen werden reif für eine gründliche anarchistische Weltrevolution, die die seit langem kaputte und unzureichende staatliche Gesellschaftsordnung durch eine stabile, transnationale und libertäre Gesellschaft ersetzen wird. Aber eine solche echte Revolution kann nur stattfinden, wenn der Boden dafür vorbereitet ist. Das Problem im Moment ist es, eine militante anarchistische Minderheit zu schaffen, die als Kern für eine solche sozialrevolutionäre Bewegung dienen würde. Viele Anarchist*innen sind nur Träumende oder Sesseltheoretiker*innen, während ihre Mitmenschen um sie herum von den Staatsmaschinen zerstört werden. Sie leben nicht in der realen Welt! Unsere Untätigkeit wird für immer von den Sklav*innen von morgen verflucht werden. Als anarchistische Revolutionär*innen (lasst uns immer daran denken, dass Anarchist*innen per Definition aktive Revolutionär*innen sind, die immer im Krieg gegen die Staatsmaschinerie stehen, und wenn nicht, sind sie keine Anarchist*innen) müssen wir bereit sein zu kämpfen, nicht zu theoretisieren. Der Anarchismus war immer eine dynamische Lehre des revolutionären Kampfes, und wenn er zu einem Zufluchtsort für bürgerliche Intellektuelle und Hippie- Freaks wird, dann ist er nicht mehr Anarchismus.

DIE ZUKUNFT IST DER ANARCHISMUS, ODER ES WIRD KEINE ZUKUNFT GEBEN!

ZERSCHLAGT DEN STAAT!

Stammesmodell als revolutionäres Aktionsmodell

Mit besonderem Bezug auf die Massai in Afrika

Howard Banow

1.

"Machtsuchende" und "Verantwortungsübernehmende"

Macht neigt dazu zu korrumpieren. Die Politiker*innen unserer Nation sind "Machtsuchende". Unser politisches System ist, trotz des Mythos der Demokratie, ein zweigeteiltes System, das aus Führenden und Geführten besteht. Unsere Führenden sind Menschen mit begrenzter Integrität und/oder fehlgeleitetem Moralismus und Selbstgerechtigkeit. Ihre sprichwörtliche Bereitschaft zum Kompromiss und zur "gemeinsamen Vernunft"" trägt, wie unsere Politikwissenschaftler*innen nicht müde werden uns zu sagen, dazu bei, dass unser politisches System funktioniert. Aber wir in der Widerstandsbewegung haben uns verpflichtet, dieses System abzulehnen und einen humaneren und menschlicheren Weg zu finden, unsere kollektive Existenz zu ordnen. Deshalb sollten wir verstehen, dass wir uns in einem politischen Kampf befinden, der Koordination und Führung erfordert. Wenn wir von sozialem Wandel sprechen, müssen wir bereit sein, Alternativen in Betracht zu ziehen, Alternativen, die sowohl versprechen, unsere Ziele zu erreichen, als auch unsere Werte immer wieder zu bekräftigen, indem wir auf diese Ziele in einer Weise hinarbeiten, die dem entspricht, was wir sind und was wir zu werden hoffen. Ganz einfach, unsere Führung muss aus "Verantwortungsübernehmenden" bestehen, nicht aus "Machtsuchenden".

Im Widerstandsdienst habe ich zum ersten Mal eine Art von partizipatorischer Demokratie gesehen, die in krassem Gegensatz zu der Art von Politik steht, die wir in den USA als natürlich zu akzeptieren programmiert worden sind. Die Abneigung gegen formale Abstimmungen, der "Sinn der Versammlung" und die informellen Lenkungsausschusstreffen sind die konkreten Manifestationen

unserer "Stimmung der Neuen Linken". Das gefällt mir. Wir sollten sie beibehalten. Aber wir sollten erkennen, dass die Natur des Kampfes, mit dem wir konfrontiert sind, beginnt, Anforderungen an uns zu stellen, die eine artikuliertere Organisation erfordern. Es gibt ein unbürokratisches Modell, das einige Hinweise zum Erreichen dieses Ziels zu bieten scheint. Es wird von den politischen Systemen des traditionellen Schwarzafrikas geliefert. Im Besonderen werde ich mich auf die Massai beziehen, das Volk, mit dem ich am meisten vertraut bin (ich habe 14 Monate als Doktorand unter diesem Hirtenvolk in Kenia und Tansania geforscht).

1.

"Sinn der Versammlung" und "Konsens"

Jede Person, die vorliterarische Gesellschaften studiert hat, würde eine auffällige Ähnlichkeit zwischen der Weigerung, formale Abstimmungen durchzuführen und dem Vertrauen auf den "Sinn der Versammlung", der den Widerstand durchdringt, und der "Konsens"-Entscheidungsfindung, die traditionelle afrikanische Gesellschaften wie die Massai charakterisiert, sehen. Die Ältestenräte der Massai diskutieren ein Thema, bis alle zustimmen. Es wird keine formale Abstimmung durchgeführt — es gibt (normalerweise) keine Notwendigkeit für eine. Aber der Konsens ist und muss echt sein. Damit die Massai auf diese Art und Weise arbeiten können, müssen eine Reihe von Faktoren zusammenspielen. Erstens gibt es ein gemeinsames und tief verwurzeltes Wertesystem über die Art und Weise, wie Entscheidungen getroffen werden sollten, d.h. egalitär-patizipatorisch im Gegensatz zu autoritär- bürokratisch. Zweitens basiert die Fähigkeit, einen solchen allgemeinen Konsens zu erreichen, auf den Banden der Verwandtschaft und der erweiterten Verwandtschaft (alle Altersgenossen sind "Geschwister"), der ökonomischen Abhängigkeit und den Bindungen der Lokalität und Nachbarschaft. Aus diesen gemeinsamen Bindungen und Werten entsteht die Qualität, wirklich "die Sprache des anderen zu sprechen" und die Verpflichtung zu reden, zu reden, zu reden. Jeder Masai-Älteste darf im Rat sprechen, die meisten tun es. Das Treffen wird so lange fortgesetzt, bis alle das Gefühl haben, dass sie sich einig sind — jede*r erkennt an, dass die richtige Entscheidung getroffen wurde. Wenn dies zwei Tage erfordert, treffen sie sich für zwei Tage. Wenn sie sich in einer Woche wieder treffen müssen, tun sie das. Und so weiter.

Im Widerstand müssen wir erkennen, dass ein "Sinn der Versammlung" ein falscher und unvollkommener Ersatz für einen Konsens sein wird, wenn wir uns nicht dazu verpflichten, zu reden, zu reden, zu reden. Was gemeinsame Werte und Bindungen angeht, so gibt es bereits viel. Unser kollektiver Übergangsritus ist für viele von uns ein Band. Viele von uns haben sicherlich den Impuls verspürt, andere Widerständler*innen "Bruder" oder "Schwester" zu nennen. Ich glaube, dass viele von uns parallele Orientierungen in Bezug auf Politik und zwischenmenschliche Beziehungen teilen, auch wenn es noch unausgesprochen ist. Diejenigen von uns, die wie ich versuchen, in gewissem

Sinne ihr Leben in Widerstands-Kooperativen mit anderen in der Bewegung zu teilen, helfen vielleicht dabei, ein sicheres Fundament für die Art von Bindungen und das Verständnis aus dem Bauch heraus zu legen, das dazu beitragen wird, "Konsens"-Entscheidungen zu einem realisierbaren Medium für die Organisation unseres kollektiven Kampfes zu machen, um etwas Wahres und daher Schönes in Form einer politischen Gemeinschaft aufzubauen.

Fazit

Die Spannung, die zwischen dem Wunsch nach "Offenheit", "partizipativer Demokratie", Verspieltheit und der Ernsthaftigkeit unseres Engagements und der Größe unseres Kampfes besteht, ist sehr real. Unsere "Sache" zu halten, ist für mich genauso wichtig wie "effizient organisiert" oder "effektiv" zu sein. Es ist nur unser Wunsch, dass aus den Mitteln weiterhin Ziele entstehen, die uns die Chance bieten, wirklich einen anderen, menschlicheren Lebensstil zu erreichen. Diese Gedanken wurden mit dem Streben nach einem solchen Lebensstil im Hinterkopf angeboten. Während wir zusammen arbeiten, leben und kämpfen, hoffe ich, dass wir uns auf eine sinnvolle Art und Weise lieben lernen. Indem wir dies tun, riskieren wir viel. Nicht nur die Konfrontation mit dem Gefängnis, sondern auch die physische Gewalt, die uns zunehmend begegnen kann. Nicht nur die persönliche Herausforderung und die Angst, sondern den Schmerz, von "Brüdern" und "'Schwestern" getrennt zu sein und den Schmerz ihrer Schmerzen zu spüren. Aber das ist ein Risiko, das wir eingehen müssen. Denn dieses Risiko kommt nur aus der Bereitschaft, die wir haben, wirklich miteinander zu teilen, über die zersetzende, begrenzende Individualität eines Egos außerhalb der Gemeinschaft hinauszugehen. Das "eigene Ding" zu machen und das "Widerstandsding" zu tun, wird für viele von uns ganz natürlich zusammenwachsen.

Diesen ganzen "Jazz" über Organisation etc. zu Papier zu bringen, ist notwendig. Aber worum es wirklich geht, ist, dass wir zusammenhalten müssen, uns gegenseitig ausgraben, zusammen lachen und weinen und Scheiße bauen und nie ganz organisiert werden, aber jede*r für sich und alle zusammen "das Ding" machen. Diese Gedanken werden mit der Zuneigung angeboten, die aus der neu entdeckten Aufregung, Energie und dem Wunder wächst, ein Mitglied dieser unergründlich schönen Ansammlung von echten Menschen zu sein.

Anarchie & Religion

ziq

Für eine lange Zeit haben sich Menschen als "christliche Anarchist*innen", "jüdische Anarchist*innen", "muslimische Anarchist*innen" und so weiter identifiziert. In den meisten anarchistischen Kreisen wird dies ohne Frage akzeptiert, da das Ziel der Inklusivität die Bedenken, die die meisten religiösen Zugehörigkeiten aufgrund ihres patriarchalen Charakters mit sich bringen, in den Hintergrund drängt.

Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, Anarchie mit diesen expliziten Autoritätssystemen zu vereinen. Ähnlich wie beim "Anarchokapitalismus" halte ich den Versuch, die Anarchie an offenkundige Formen der Autorität zu binden, für einen fehlgeleiteten Impuls, der von Menschen ausgeht, die gründlich in autoritären Systemen indoktriniert wurden und nicht bereit sind, sich vollständig von Formen der Autorität zu trennen, an denen sie nostalgisch hängen. Das Gefühl der Bequemlichkeit oder Sicherheit, das ihnen ihre Religion vermittelt, führt dazu, dass sie versuchen, ihre Religion in etwas Gleichberechtigteres umzuwandeln, wenn sie feststellen, dass ihnen die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ideen der Anarchie gefallen, sie sich aber nicht von ihren lang gehegten religiösen Überzeugungen trennen wollen.

Ich möchte klarstellen, dass Anarchist*innen kein Recht haben, Menschen, die einer organisierten Religion angehören, ihre Ansichten aufzuzwingen. Ich möchte lediglich einige der auf Autorität basierenden Prinzipien untersuchen, die religiöse Organisationen für unantastbar halten, und versuchen zu verstehen, warum religiöse Anarchist*innen das Bedürfnis haben, ihre bevorzugte Religion so umzudeuten, dass sie nur bedingt mit der Anarchie vereinbar ist. Wie üblich sollte ich auch klarstellen, dass ich das Konzept einer "anarchistischen Gesellschaft" nicht teile, also ist dies kein Versuch, zu sagen, dass Religion in einer nicht existierenden "anarchistischen Gesellschaft" "verboten" werden sollte. Ich glaube nicht, dass so etwas möglich ist.

Anarchie ist eine antiautoritäre Denkweise, ein fortlaufender Prozess, den wir alle durchlaufen, um Autorität zu hinterfragen und zu überwinden. Sie ist kein künstlich geschaffenes System oder eine "Gesellschaft", nach der die Menschen regiert werden. Es ist kein dauerhafter Zustand, in dem die Autorität irgendwie aufhört zu existieren. Autorität wird es immer geben, und sie gedeiht

besonders gut in formalen Macht- und Kontrollsystemen, in denen Konformität und Gehorsam als erstrebenswert gelten. Und wenn eine Gruppe von Menschen irgendwie die Anarchie "erreicht" und dann versucht, den Menschen ihre religiösen Überzeugungen zu verbieten, würde diese Anarchie natürlich sofort bei dem Versuch, Autorität über andere zu erlangen, unter gehen. Man kann durchaus religiös ("spirituell") sein, ohne eine Autorität zu unterstützen. Man kann an außerirdische Wesen, Geister oder sogar Götter glauben, ohne dass man Hierarchien und autoritäre Rituale um sie herum aufbauen muss. Aber fast alle "großen Religionen" sind absolut autoritätsbasiert und wurden von Anfang an so konzipiert.

Der Monotheismus wurde von zivilisierten Menschen erfunden, um die Bauern daran zu gewöhnen, von einem großen Mann im Himmel regiert zu werden, damit sie genauso bereit sind, von einem großen Mann in einer Burg (oder später: in einem Präsidentenpalast oder in einer Fabrik oder einem Büro) regiert zu werden. Die Autorität des Monotheismus wurde der Welt schnell mit dem Schwert aufgezwungen und verdrängte den Polytheismus in den allermeisten Kulturen. Religiöse und zivile Führer betrachteten Polytheist*innen als "unzivilisierte Heid*innen" und schlachteten sie ab, wenn sie sich weigerten, sich der neuen Weltordnung anzuschließen. Es war kein Zufall, dass sich Monotheismus und Zivilisation Seite an Seite entwickelten. Vielfältige Polykulturen wurden durch eine starre globale Monokultur ersetzt, die von Herrschenden leicht dominiert werden konnte.

Die Sklaverei wurde durch mehrere dieser neuen monotheistischen Religionen stark gefördert, die diese Praxis direkt billigten, was den Sklav*innenhaltern eine einfache moralische Rechtfertigung bot und die Sklav*innen davon abhielt, sich dem System zu widersetzen, damit sie nicht die ewige Verdammnis erlitten. Es ist nicht schwer zu verstehen, warum religiöse Gesellschaften die Sklaverei so schnell unterstützten, wenn die heiligen Bücher, nach denen sie ihr Leben leben, alles tun, um diese Praxis zu normalisieren:

"Verflucht sei Kanaan und sei ein Knecht aller Knechte unter seinen Brüdern!" (Gen 9,25)

Dies ist ein Zitat aus dem Alten Testament, in dem Noah Kanaan (den Sohn Hams) zu ewiger Sklaverei verurteilt. Christen und einige Muslime identifizierten Hams Nachkommen als Schwarzafrikaner*innen und konnten so die jahrhundertelange rassistische Sklaverei in ihren Gesellschaften moralisch rechtfertigen, indem sie die Vorstellung konstruierten, dass bestimmte Mitglieder der menschlichen "Rasse" in ewiger Knechtschaft leben sollten. Dies ist ein immer wiederkehrendes Thema in der organisierten Religion, da religiöse Dokumente in den Kulturen, in denen sie als heilig gelten, stets Autorität aufbauen.

Das Neue Testament setzt die Tradition fort, den Gläubigen zu sagen, dass sie die Knechtschaft akzeptieren sollen, und geht noch weiter, indem es den Sklav*innen sagt, dass sie ihre Meister wie einen Gott akzeptieren sollen:

"Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren, ehrt und achtet sie! Dient ihnen so aufrichtig, als würdet ihr Christus selbst dienen. Tut dies nicht nur vor ihren Augen, um von ihnen anerkannt zu werden. Ihr sollt vielmehr als Diener von Christus bereitwillig und gern den Willen Gottes erfüllen." (Epheser 6,5-6)

Die Legitimierung der Sklaverei durch die Bibel wurde von religiösen Gruppen im Laufe der Geschichte zu ihrem natürlichen Ende geführt. Auf Barbados erhielt die Society for the Propagation of the Gospel in Foreign Parts ["Gesellschaft für die Verkündigung des Evangeliums in der Fremde"] im Jahr 1710 Plantagen, um ihr Codrington College zu finanzieren. Mehrere hundert Sklav*innen wurden zur Arbeit auf den Plantagen gezwungen und mit einem glühenden Eisen auf der Brust mit dem Wort "Society" gebrandmarkt, um zu zeigen, dass sie der Kirche gehören. Bis heute kolonisieren religiöse Menschen andere Länder und benutzen ihre heiligen Texte, um jede Gräueltat zu rechtfertigen, die sie begehen. Es ist viel einfacher, Gräueltaten vor sich selbst und anderen zu rechtfertigen, wenn man auf einen Vers in einem heiligen Text zeigen und sagen kann: "Der eine wahre Gott ist damit einverstanden." Religion hat die Angewohnheit, Tyrannen von ihrer Schuld freizusprechen und die Schuld auf mystische Autoritätspersonen zu schieben, die über jeden Vorwurf erhaben sind.

"Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin." (Matthäus 5:39)

Religionen, die eine erzwungene Körpermodifikation oder Indoktrination als Säugling oder Kind beinhalten, die Ehrfurcht und Verehrung vor göttlichen Wesen, Götzen, Texten, Symbolen, Ältesten oder Kirchenführenden verlangen oder die dich einfach anweisen, die andere Wange hinzuhalten, wenn du ausgebeutet wirst, kann man nicht ernsthaft als mit Anarchie vereinbar bezeichnen. Anarchist*in zu sein bedeutet, sich in allen Lebensbereichen gegen Autorität zu wehren und nicht die Augen vor ihr zu verschließen, wenn es gerade passt. Die Beschneidung ist ein Beispiel für eine religiöse Zeremonie, die lebenslange Auswirkungen hat. Kinder dazu zu zwingen, sich einer nicht unbedingt notwendigen Operation zu unterziehen, ist keine anarchistische Handlung, also kann niemand, der dies tut, behaupten, Anarchie zu praktizieren, während er ein Kind gewaltsam verstümmelt. Wer gewaltsam in die körperliche Autonomie eines Kindes eingreift, übt keine Anarchie aus. Es gibt keine Möglichkeit, so zu tun, als ob ein Säugling freiwillig an so etwas teilnehmen würde.

Wenn du Kinder zwingst, an deinen religiösen Praktiken teilzunehmen, bevor sie alt genug sind, um eine freiwillige Entscheidung zu treffen, und wenn du ihrem Körper von klein auf lebensverändernde Rituale aufzwingst, überträgst du ihnen Autorität. Sie sind zu jung, um sich freiwillig für die Beschneidung, die Taufe oder die weibliche Genitalverstümmelung zu entscheiden oder überhaupt zu verstehen, was mit ihnen gemacht wird.

Du kannst ein religiöser Mensch und gleichzeitig ein Anarchist sein, denn die meisten Menschen werden in eine Religion hineingeboren und der Prozess, sich von Autoritäten zu befreien, ist ein lebenslanges Streben ohne wirklichen Abschluss, aber du kannst nicht behaupten, dass eine unnötige Operation an einem Baby eine anarchistische Handlung ist. Das ist sie einfach nicht. Es ist völlig anti-anarchistisch. Dasselbe gilt für die Unterwerfung unter einen Meister und die Aufforderung an andere, sich mit der Ausbeutung abzufinden, ihren Ausbeuter*innen zu vergeben und sich nicht zu wehren.

Die organisierte Religion wird von oben diktiert, von der Kirche, d.h. der Autorität der Religion. Es ist ein System von Herrschenden und Gehorsamen, das zur Rechtfertigung aller möglichen Gräueltaten benutzt wird. Der Versuch, diese blutigen autoritären Institutionen zu retten, indem man sie mit anarchistischen Idealen in Verbindung bringt, ist eine zwanghafte und zerstörerische Lüge. Eine schwarze Fahne an Institutionen zu hängen, die in der Geschichte einen Weg des unerbittlichen Gemetzels geebnet haben, indem sie alles kolonisierten und abschlachteten, was sie berührten, tut der Anarchie keinen Gefallen und hilft den kirchlichen Autoritäten nur, ihre blutgetränkten Gewänder gerade lange genug zu verbergen, um ihr nächstes Opfer am Hals zu packen.

Wie jede Autorität wird auch die Autorität der Religion nicht stillstehen. In Zeiten von Konflikten werden Menschen, die sich weigern, sich der bevorzugten Religion anzupassen, zum Sündenbock gemacht, unterdrückt und im Namen von allem, was heilig, gut und gerecht ist, ermordet. Eine Religion ist eine ebenso große Autorität wie jede andere und wie jede Autorität kann ihr Wachstum nicht eingeschränkt werden. Schon gar nicht von ein paar Verfechtenden der mehr libertären Formen der Religion. Die vorherrschenden Strömungen werden immer unapologetisch autoritär sein und in Zeiten kultureller Unruhen und Kriege brutal unterdrückend wirken. Alles, was die reformorientierten Ableger tun werden, ist, eine Rechtfertigung für die Aufrechterhaltung der Religion zu schaffen, bis die autoritären Hauptströmungen blutige Morde auf die gottlosen Ungläubigen niederregnen lassen können, die sich der Autorität der Kirche und ihres unsichtbaren, allmächtigen Herrschers widersetzen, der praktischerweise niemals für die in seinem Namen begangenen Gräueltaten zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Deine Einsamkeit ist ein Problem der öffentlichen Gesundheit

Goat

Die am vollständigsten verwirklichte Gemeinschaft, die es in dieser Gesellschaft gibt, ist die Gemeinschaft des Geldes, und Geld schafft die Gemeinschaft ab, weil es das Vertrauen abschafft. Gemeinschaften gestalten ihr Leben durch gemeinsames Handeln, das nur durch endlose Kommunikation auf der Grundlage von Vertrauen stattfinden kann. Die Abschaffung der Gemeinschaft durch Geld ist auch die Abschaffung der Kommunikation. Wir erleben die Abwesenheit von Kommunikation in unserem Alltag als das Spektakel der Kommunikation, den unerbittlichen Schein der Kommunikation, der das wahre Schweigen der Menschen unter dem Geschwätz des Geldes verbirgt.

Was macht Geld? Maschinen. Maschinen machen Geld. Geld wird durch mechanisches Handeln geschaffen, durch die nahtlose Verbindung von Bewegung zwischen Metallmonstern, menschlichem Fleisch, vernarbtem Land und Plastikspielereien. Die Massengesellschaft ist eine Maschine, die aus Maschinen besteht. Wenn die Menschen schweigen, wenn wir uns als menschliche Ressourcen verhalten — wie die Idee des Geldes in menschlichen Gefäßen, als "Warenmaultiere" — müssen wir auch als Spiegelbild der Maschine betrachtet werden: berechenbar, mechanistisch, kontrollierbar, tot.

Wir sind so einsam, weil wir niemanden haben, mit dem wir reden können

In dieser Welt sprechen die Waren und die Menschen halten den Mund. Der Wert — der Preis jeder Ware, der Preis jedes materiellen und abstrakten Konzepts unserer Welt — wird von den Handelszauberern bestimmt, die sich mit ihrem technischen Himmelsgott verschworen haben. Egal, ob wir über den Tausch- und Gebrauchswert des Kapitals oder das Bruttoinlandsprodukt einer Nation sprechen, Wert hat immer einen Preis. Wert ist das, was sauberes Wasser in ein bestimmtes quantifizierbares Verhältnis zu einer 50-Watt- Glühbirne oder einem 30-minütigen Hundespaziergang setzt, ohne dass jemand

etwas sagen muss. Die Konversation verschwindet, weil die Debatte über die Besonderheit jeder einzelnen Interaktion, jedes Arbeitsprodukts oder jedes Wunsches durch den Wert vorbestimmt ist. Wir nennen nie den Preis. Alle menschlichen Interaktionen werden dadurch ökonomisiert, da Gespräche und Austausch der Technologielogik untergeordnet werden.

Die Ware ist die magische Technik der Händler*innen, mit der sie alles mit allem anderen gleichsetzen können. Unter dem magischen Bann der Ware ist alles alles und alles ist nichts. Jede dynamische menschliche Beziehung wird durch diese Äquivalenz, die alles zu einem Nichts standardisiert, abgeflacht. Das schrecklichste und deutlichste Anzeichen dafür ist die explosionsartige Zunahme von Menschen, die angeben, keine Freund*innen zu haben — also "niemanden, dem sie sich anvertrauen können" oder "niemanden, zu dem sie mit einem Problem gehen können". Menschen, die niemanden haben, mit dem sie reden können.

Wir haben niemanden, mit dem wir reden können, weil wir nichts zu sagen haben

Wir haben nichts zu sagen, weil die Waren das Reden übernehmen und die Maschinen alles erschaffen. Das Technokapital hat das gesamte Gefüge der Vorstellungswelt verschlungen und eine Situation geschaffen, in der alles von der Wirtschaft vorbestimmt und vorgefertigt ist. Der eigentümliche Fetisch der Herrschenden dieser Gesellschaft ist es, jede Sekunde unserer Zeit zu kontrollieren und zu verwalten und sie in Maschinen zu verwandeln, um Geld zu verdienen. Deshalb ist es wichtig, dass jede Person von uns gleichzeitig für die Produktionsanalyse isoliert und in ihrer Gesamtheit als produktiv betrachtet wird. Fügsamkeit, Passivität und Schweigen sind ebenfalls hilfreich. Einige von uns sind dazu bestimmt, zu verschwinden und andere, die Rädchen der Maschine zu steuern, aber ein Leben als menschliches Tier in der Gruppe kommt einfach nicht in Frage.

Wir konsumieren als Individuen passiv die Veranstaltungen, die von den Eigentümer*innen der Gesellschaft angeboten werden, alle 7+ Milliarden von uns. Kein*e einzige*r von uns hat auch nur ein einziges internationales Handelsabkommen unterzeichnet. Wird irgendein linker Depp fordern, uns das Recht einzuräumen, Unterzeichnende dieser Dokumente zu sein? Um Unterzeichnende dieser Gesellschaft zu sein?

Wir werden nicht als Dinge leben, die über Geld nachdenken

Es gibt keine wissenschaftlich begründete Beziehung zwischen dem Preis eines Apfels und dem eines iPhones, außer der Wissenschaft der Sklaverei. Nur die effiziente Einsparung der Zeit anderer schafft die Illusion eines bestimmten Preises. Das ist die Magie der Techno-Kaufleute. Keine dieser Mengen ist unsere eigene Schöpfung. Sie kommen an, als hätte Gott sie bestimmt. Wenn

wir uns ihnen unterwerfen, wenn wir passiv unsere Einkäufe tätigen, erschaffen wir immer weniger von unserer Welt, von der Struktur unseres täglichen Lebens, und verwandeln uns dadurch immer mehr in die Dinge, die über Geld nachdenken: Waren, die ihre Preise schreien, ihr genaues Verhältnis zu allen anderen Dingen, einschließlich unserer Zeit, während unsere Beziehung zu anderen Lebewesen immer entfremdeter, entfernter und undurchdringlicher wird.

Wir werden nicht in völliger Abwesenheit von Bedeutung leben

Wenn Geld, Wert und ihre materielle Verkörperung in der Ware die Kommunikation abschaffen, indem sie die Arbeitsprodukte ohne Mitspracherecht der Lohnsklav*innen austauschen, schaffen Maschinen und Massenorganisationen den Machtprozess ab, indem sie jede sinnvolle kreative Arbeit vorwegnehmen. Die Situation, mit der wir konfrontiert sind, ist das völlige Fehlen der Fähigkeit, das Lebensnotwendige zu schaffen und das völlige Fehlen der Fähigkeit zu kommunizieren, um das Leben mit Geist und Verbindung zu erfüllen. Auf der Ebene des Sinns, des Geistes und des Vertrauens lässt dich das autonome Funktionieren des Technokapitals kommen und gehen!

Du bist nicht allein, außer bei der Bewältigung der Gesamtheit deines Lebens

"Psychische Gesundheit" taucht als neues Konzept im Universum des Technokapitals auf, weil den Sklav*innen dieser Welt die psychische Gesundheit vorenthalten wird, so dass ihre Abwesenheit offensichtlich ist und sie auf mechanistische Weise behandelt wird. Psychotherapeut*innen sind die Mechaniker*innen der Personalabteilung des Technokapitals. In der Isolation der Therapeut*innenwerkstatt können privilegierte Lohnsklav*innen den Anschein ihrer geistigen Gesundheit zurückkaufen, die Illusion eines Heilmittels für die Abwesenheit von Sinn und Kommunikation. Psychiater*innen haben sogar einen Weg gefunden, mit der Unterdrückung der menschlichen Gemeinschaft Profit für Pharmaunternehmen zu machen. Die große Masse, die keinen Zugang zu der Schall- und Rauch-Show von Therapie und Psychiatrie hat, ist gezwungen, sich auf krassere Arten der Erlösung wie häusliche Gewalt, Drogen- und Alkoholsucht einzulassen. In diesem Paradies hat jede Person ihr Ding.

Wir verspüren den Drang zu explodieren genauso wie du

Die Menschen wurden so sehr an das Weltbild des Technokapitals — die Ware

— angepasst, dass jede*r Einzelne eine Ware ist, sich von Waren ernährt und fast ausschließlich über Waren spricht. Jede*r und alles hat in dieser Welt einen Preis. So entsteht das Spektakel der Gesellschaft, die endlose Horrorshow des falschen Lächelns und des Geldaustauschs durch Panzerglas in Tante-Emma- Läden und Elektronen auf Amazon. Viele von uns verhalten sich während der

meisten unserer wachen Stunden wie Schauspieler*innen in Rollen, die tatsächlich in Kostüme gekleidet sind.

In dieser Welt ist nichts unbezahlbar. Nur nichts kann mit Bedeutung gefüllt werden. Aber diese Sinnleere, in der nichts einen Sinn hat, hat ein tägliches Leben hervorgebracht, das von den groteskesten und undurchschaubarsten Momenten explosiver Wut und Terrorismus gegen sich selbst bevölkert ist. Die Zivilist*innen terrorisieren sich gegenseitig als Zivilist*innen, nicht als militante Terrorist*innen. Die Zivilist*innen haben den Terror auf sich selbst genommen.

Du kannst jetzt mit allen sprechen, dass du nichts zu sagen hast

Digitale soziale Netzwerke haben jeder einzelnen Person in dem sich ständig erweiternden Netzwerk die Möglichkeit gegeben, mit jeder anderen Person im Netzwerk zu kommunizieren. In dem historischen Moment, in dem wir mit niemandem mehr kommunizieren können, haben wir nichts mehr, worüber wir mit allen reden können. Das heißt nicht, dass wir nicht miteinander reden. Es ist die allgegenwärtige Angst, dass es nichts zu tun und nichts zu sagen gibt, die die Bühne für ein endloses Schauspiel bildet, das nirgendwohin führt und seinen zweiten Akt immer wieder verschiebt. Das ist das schreckliche Elend der Mittelmäßigkeit und Langeweile, das uns die Demokratien des Technokapitals immer versprochen haben. Jeden Tag posten Lohnsklav*innen im Internet, dass sie wieder nichts getan und nichts gesagt haben, dass sie immer noch nicht in der Lage sind, zu handeln oder zu sprechen. Wenn wir etwas zu sagen hätten, was würden wir dann sagen? Wo könnten wir anfangen? Sind wir in der Lage zu erkennen, dass wir "etwas zu sagen haben"? Es gibt immer noch eine Sache, über die wir reden können (hoffen wir!): das Negative. Das Negative, die tiefe Unzufriedenheit mit dem täglichen Leben und der Welt auszudrücken, ist der enge Bereich der Diskussion, der auf alle Gebiete ausgedehnt werden muss, die es aufdeckt. Diese tiefe Unzufriedenheit ist die völlige Abwesenheit von Vertrauen, die völlige Abwesenheit von Geist, die durch die Ökonomisierung all unserer Zeit und all unserer Kreativität hervorgerufen wird.

Wenn die Gesellschaft jeden Wunsch verrät

Diese kybernetischen Tech-Drecksäcke haben uns verwirrt. Es geht nicht darum, dass Smartphones uns ermöglichen zu kommunizieren, sondern dass wir kommunizieren, um Smartphones zu ermöglichen. Unser echter Wunsch nach Kommunikation und Verbindung wurde von der Telekommunikationsbranche verraten. Die Internet- und Kommunikationstechnologie ist eine der wichtigsten Errungenschaften, die es dem Kapitalismus ermöglichen, weiterzumachen, und er hat es auf jeden einzelnen Menschen auf dem Planeten abgesehen, wie das Bestreben von Facebook zeigt, all denjenigen Laptops zur Verfügung zu stellen, die in Afrika und anderen zerstörten Gebieten der Dritten Welt des Technokapitals ohne sie auskommen müssen. Wenn du noch nicht den Befehl von deinen Kolleg*innen

erhalten hast, ein Smartphone zu kaufen, werden sie alles daran setzen, dass du es bald tust.

Das Geniale am neuen Geist des Kapitalismus ist die Ausweitung des Marktes auf den menschlichen Geist und seine Fähigkeit, mit Lichtgeschwindigkeit auf die Launen dieses Geistes zu reagieren. Weil wir mehr und mehr wie Waren sind und weil so viel Kommunikation überwacht, aufgezeichnet und verkauft wird, können je mehr wir reden, desto mehr Waren und Produkte entwickelt werden, ohne dass wir eingreifen müssen. Social-Media-Tech-Firmen verdienen Milliarden mit dem Verkauf von Daten an Geheimdienste und Marketingagenturen, damit Werbung und Produkte auf unsere ständig wechselnden Wünsche zugeschnitten werden können. Wenn wir jetzt miteinander reden, ist es entscheidend, dass es vermittelt wird, und wir müssen gleichzeitig kaufen und verkaufen. Das ist die Demokratisierung der Abwesenheit von Kommunikation, die Demokratisierung des Scheins von Kommunikation, die Demokratisierung des Spektakels.

Nimm deinen Gefühlszustand als Schöpfung der Gesellschaft. Heute lässt sich nicht mehr leugnen, dass es der Technokapitalismus ist, der sich als Quelle ungebremster Unzufriedenheit erwiesen hat. Während die Instrumente der wissenschaftlichen Forschung die nächste Generation von 600-Dollar- Smartphones hervorbringen, sind die Techniker*innen im Bereich der klinischen Psychologie und der Medizin erstaunt, dass sie die Einsamkeitsepidemie aufgedeckt haben und schamlos verkünden, dass ihre gesundheitlichen Auswirkungen bedrohlicher sind — und weniger als persönliche Entscheidung abgetan werden können — als das Rauchen von Zigaretten. Die Apologet*innen dieser Welt werden jedes Mittel nutzen, das ihnen zur Verfügung steht — Armeen von intellektuell verstümmelten Akademiker*innen, Psycho- therapeut*innen, journalistischen Huren, Cops und Strafvollzugsbeamt*innen

—, um die Einsamkeit den Einsamen in die Schuhe zu schieben und zu verhindern, dass die Einsamkeit öffentlich gemacht wird. Wir wetten, dass sie nicht erfolgreich sein werden.

Weil nichts befriedigt

Von uns wird erwartet, dass wir mit nichts zufrieden sind, und deshalb befriedigt uns auch nichts. Wir leiden ständig unter dieser geistigen Ödnis. Der Vormarsch des Technokapitals beseitigt den Sinn. Es zerstört zwangsläufig den Sinn. Es setzt alles mit allem gleich, so dass nichts mehr einen Sinn hat. Es zerstört den Geist und setzt den Fortschritt an seine Stelle. Wir werden in diese hohle, absurde Realität hineingeboren und sollen sie reproduzieren, aber sie befriedigt uns nicht. Diese Welt muss zerstört werden, denn in ihr ist nichts zufriedenstellend. Wir sättigen unseren Geist an nichts. Es sind die Süchtigen, denen nichts befriedigt. Die völlige Abwesenheit von Sinn — hervorgerufen durch das Profitstreben, den Utilitarismus und den technologischen Prozess —

nährt den Suchtinstinkt. Eine Dosis Genozid hier, ein Hauch von Alkoholismus da. Ein Schuss Amphetamine für die widerspenstigen Tiere, und zum Schluss Rauschgift und Arbeitssucht für den Rest des Mobs. Dopamin überall. Befriedigung nirgends.

Bei Smartphones kommt es zu einer grotesken Verbindung von Drogensucht, Konsumsucht und Arbeitssucht. Der Kauf und die Nutzung von Smartphones sind gleichzeitig eine Wahl und eine Verpflichtung, und ihre Nutzung steht in enger Beziehung zur Sucht, wie die zunehmenden Berichte über digitale Pornosucht und die Abhängigkeit von sozialen Medien zeigen. Die Arbeitssucht, die durch prekäre Arbeitsbedingungen verstärkt wird, wird durch die zunehmende Anforderung, ein Smartphone zu besitzen, um für eine Beschäftigung in Frage zu kommen, noch verschlimmert, was wiederum die Wahrscheinlichkeit einer Smartphone-Sucht erhöht. Egal, ob du dir auf der Toilette deines Arbeitsplatzes einen Porno reinziehst oder eine freundliche SMS zur Erinnerung an eine Terminänderung mit Kolleg*innen erhältst, während du jemanden fickst, den du am Nachmittag über Tinder kennengelernt hast — wir kommen nicht umhin festzustellen, dass die Sirene des Smartphones einen gewissen erotischen Skandal auslöst, mit all den bekannten Enttäuschungen und Reuegefühlen der Sucht.

Schafft die Uhr ab

Wenn die Ära des Fordismus von den Techniken geprägt war, die das Auto massentauglich machten, so ist unsere Ära eindeutig von den Techniken geprägt, die das Smartphone massentauglich gemacht haben. Das Smartphone ist die Metatechnologie schlechthin. Es ökonomisiert die Technik, es macht die Effizienz effizient, es technologisiert die Technik. Anders als das Auto ist das Smartphone viel erschwinglicher und hat dennoch eine enorme Dichte an verkörperter Produktion und Energie. Ganz im Sinne des Trends zur Perfektionierung der Ware ist es die neueste und perfekteste Version eines globalen Produkts, das Globalismus produziert. Wir dürfen natürlich nicht vergessen, dass die Massenproduktion Entfremdung erzeugt.

Wir wollen damit nicht sagen, dass Smartphones die Ursache für all unsere Probleme sind. Das wäre eine Verkennung des Ganzen in einem Detail. Aber wenn wir untersuchen, was das Smartphone als die allgemeinste und modernste Form des Technokapitals ist, können wir das Terrain besser ausleuchten.

Weil das Leben zu angespannt ist

Im Einklang mit der Weltanschauung des Technokapitals hat das Smartphone die Verbindung zwischen Konsum und Produktion vertieft und vor allem die Effizienz erhöht. Unsere Fähigkeit, Menschen auf der ganzen Welt schnell eine SMS zu schicken, ist nur ein kleiner Vorteil der allgemeinen Beschleunigung der

modernen Welt, die durch diese neuen Gadgets ermöglicht wird. Die Verbreitung von Smartphones an den Hüften und Händen der meisten westlichen Menschen machen die Arbeiter*innen immer verfügbar, während die Verbraucher*innen immer auf dem globalen Marktplatz verfügbar sind. Dadurch kann die Produktion mit dem Konsum in einem einheitlicheren Gleichgewicht bleiben, was die Wirtschaft effizienter macht und die gesamte Gig-Economy ermöglicht. Es reicht nicht mehr aus, an die Arbeit zu denken, wenn du zu Hause bist und träumst, oder, noch schlimmer, wenn du gar keine Arbeit hast. Die Arbeit kann dich aus den trivialsten Gründen nerven. Aber alles ist gut, denn du kannst neue Laufschuhe online bestellen, während du bei Burger King isst, was ein netter Trost ist, da du alleine isst und sowieso niemanden zu sehen hast. Es gibt keine Grenzen, außer die der echten menschlichen Intimität. Es ist wichtig, diese neue Art von Sklav*innen mehr denn je mit nichts Bestimmtem zu beschäftigen. Leere Gefäße kippen leichter.

Auf der Seite des Geistes sein

Wenn wir alle ängstlich und isoliert sind, wird es immer schwieriger, ein Gefühl der Befreiung zu erlangen, insbesondere eine spirituelle Befreiung. Die Stimmen der Geister sind unter dem Dröhnen der Moderne und dem Gewicht unserer eigenen Depression nicht zu hören und zu beantworten. Es ist derzeit nicht möglich, spirituell zu sein, nur die Vorstellung von Spiritualität ist möglich.

Der Geist ist zerstört worden, das Vertrauen ist zerstört worden. Vertrauen ist Teil des Wesens der Gabe, Geist ist das Wesen der Gabe.

Geschenke verwickeln die Geschöpfe im Gabentausch in eine entstehende Beziehung ohne Ende, die auf einem sich ständig entwickelnden Vertrauen basiert. Bei Waren sind alle Beziehungen bereits beendet. Der Geist ist bereits ausgetauscht und verpackt. Die Ware verwandelt Gaben in Nihilismus. Das Techno-Kapital setzt die Zerstörung des Geistes voraus. Alles, was wir noch haben, ist die ausgelagerte Leiche, die Spiritualität, die Idee von der Möglichkeit des Geistes. Der Geist wurde zerstört und wird nicht einfach oder schnell zurückkehren. Was heute als Geist erscheint, ist die Erscheinung des Geistes, des spektakulär gewordenen Geistes. Und es gibt nichts, was wir tun können, um diese Katastrophe zu verhindern. Nicht genug Gärten, nicht genug Aufstände, nicht genug Zerstörungen, nicht genug Bomben, nicht genug Bücher, um ihn zurückzubringen. Im Tod wissen wir, dass der Geist nicht zurückkehren wird. Was wir unter diesen Umständen tun, sollte niemanden etwas angehen. Und doch ist es so.

Deine Einsamkeit ist ein öffentliches Gesundheitsproblem

Fast die Hälfte der Amerikaner*innen gibt an, dass sie niemandem mehr nahe stehen. Unsere Aufgaben, in welcher Form auch immer, können nicht stattfinden, ohne die Mauer der Isolation zu überwinden, und hier liegt die erste Aufgabe, mit der jede*r von uns konfrontiert ist, das verzweifelte Bedürfnis nach authentischer Kommunikation und gemeinsamem Handeln, das so oft von aktivistischen Kampagnen ausgesponnen wird, die um Diskussionen über das Wesen des modernen Elends herumtanzen.

Weil es Barrikaden in unseren Herzen gibt

Isolation zwingt uns dazu, die Kräfte zu blockieren, die uns isolieren. Wenn die Herrschenden dieser Gesellschaft darauf bestehen, Barrikaden zwischen uns und allem zu errichten, wenn sie darauf bestehen, uns immer mehr zu isolieren, können sie das nur tun, wenn sie dabei auch die Idee ihres Untergangs in unseren Herzen unterbringen. Geld und Maschinen und die soziale Isolation, die mit ihrer Eroberung einhergeht, verkalken die Seele zu einer toten, passiven Rolle — ob diese Rolle nun darin besteht, zu verschwinden, zu arbeiten oder zu verwalten. Aber die Verbarrikadierung von Kommunikation und Gemeinschaft enthält die Idee ihres Gegenteils und übersteigt manchmal ihre isolierende Funktion und geht nach hinten los.

Barrikaden blühen organisch auf, wie Samen, die viele Jahre lang geschlummert haben, und die Menschen werden zu ihnen gezogen, als würden sie von einer fremden Kraft bewegt. Es ist die Kraft ihres Art-Seins, ihre Verbundenheit mit dem Ort und dem Geist, die Kraft der Vorfahr*innen. Es ist die Kraft, die uns aus unserer Isolation heraus und in die Kommunikation hinein zieht.

Aber die Barrikaden sind nicht immer aufgerichtet und in Flammen. In der Zwischenzeit müssen wir zusammenhalten und überleben, indem wir uns um die kleinen Räume kümmern, die wir bereits haben und in denen wir uns zumindest kurz treffen oder zusammenarbeiten können, um die kleinen Welten unserer Träume zu bauen.

Siedlersexualität

Widerstand gegen staatlich sanktionierte Gewalt, Rückgewinnung von antikolonialem Wissen & Befreiung für alle

K'é Infoshop Collective

"Indigene Feminismen gehen über den allgemeinen Kampf um Rechte und Anerkennung innerhalb eines Nationalstaates hinaus — Indigene Feminismen sprechen die Verantwortung an, die wir füreinander und für unsere Beziehung zur physischen und nicht-physischen Welt haben."

Die Überwachung Indigener Geschlechter und Sexualitäten als Mittel zur Förderung des größeren siedlerkolonialen Projekts führte zur Entwicklung einer "Siedlersexualität". Scott Morgensen (Siedlerwissenschaftler) definiert Siedlersexualität als "eine weiße nationale Heteronormativität, die Indigene Sexualität und Geschlecht reguliert, indem sie sie mit der sexuellen Modernität der Siedlersubjekte ersetzt." In nicht-akademischer Sprache kann die Siedlersexualität als eine "außergewöhnliche" Form des sexuellen Ausdrucks beschrieben werden, die vom Siedlerstaat durchgesetzt wird. Der Siedlerstaat hält heterosexuelle Monogamie für "besonders" und "normal" und alles, was über diese Grenzen hinausgeht, für "primitiv" und "nicht besonders".

Beginnend mit der frühen Gewalt gegen Indigene Bevölkerungen in Nordamerika und den Ursprüngen der Siedlersexualität, beschreiben wir, wie solche Regime benutzt wurden, um das größere siedlerkoloniale Projekt der Plünderung von Indigenem Land und der Ausrottung der Indigenen Bevölkerung voranzutreiben. Indigene Feminismen werden dann vorgestellt, um Wege zur Dekolonisierung zu beleuchten. Dieser Text unterscheidet sich radikal von den Mainstream-Konzeptionen des Feminismus und hebt die Notwendigkeit Indigener Feminismen hervor, um Machtstrukturen zu beseitigen, die für die Indigene Existenz schädlich sind, wie das Heteropatriarchat, der Kapitalismus und die weiße Vorherrschaft. Indigene Feminismen fungieren als ein Weg, um Siedlersexualität und Siedlerkolonialismus insgesamt herauszufordern.

Die durchgängig verwendete Sprache, wie "Geschlecht" und "Sexualität", beschreibt und kommuniziert nicht vollständig die Art und Weise, wie unsere Vorfahr*innen sie verstanden haben. Westliche Interpretationen von Geschlecht und Sexualität wurden, seit sie artikuliert und überwacht werden, benutzt, um sich gegenseitig zu definieren. Zum Beispiel konzentriert sich "Homosexualität" auf den "Akt" von "gleichgeschlechtlichen" Beziehungen. Indigenes Geschlecht und Sexualität gehen über solche Definitionen hinaus. Geschlecht umfasst die mentale, emotionale und soziale Erfahrung und den Ausdruck eines Individuums; Geschlecht hat sich nie um das Biologische oder Körperliche gedreht.

Der Begriff "Queer" wird im gesamten Text verwendet, um sich auf sexuelle Subjektivitäten zu beziehen, die im Allgemeinen nicht vom kolonialen Heteropatriarchat akzeptiert oder umarmt werden. Die Weite des Begriffs kann brachial sein, aber die englische Sprache kann nicht wirklich etwas so Kompliziertes und Abstraktes beschreiben. In letzter Zeit wurde der pan- tribalistische Begriff "Two-Spirit", ein übersetztes Anishinaabe-Wort, verwendet, um Indigene trans Subjektivitäten zu beschreiben. Allerdings gibt es sowohl innerhalb als auch außerhalb der akademischen Welt Widerstand wegen der Breite des Begriffs, der Aufrechterhaltung des binären Geschlechts und des kolonialen Verständnisses von Geschlecht. "Queerness", wie wir es heute verstehen, unterscheidet sich weitgehend von der Art und Weise, wie unsere Vorfahr*innen Geschlecht und Sexualität verstanden haben. Der Begriff "Indigen", wie er in diesem Text verwendet wird, bezieht sich auf die Ureinwohnenden des sogenannten Nordamerikas.

Diesem Endprodukt könnte noch so viel mehr hinzugefügt werden. Es ist nur ein Bruchteil der Arbeit, die Basisorganisator*innen auf der ganzen Welt leisten.

Siedlersexualität auf gestohlenem Land Kapitalismus, Imperialismus und Race

Indigene Frauen, "queere", trans und nicht-binäre Menschen erleiden unsägliche Gewalt durch nicht-Indigene Siedler*innen und sogar durch ihre eigenen Gemeinschaftsmitglieder, dennoch leisten sie weiterhin Widerstand und ebnen einen Weg in eine bessere Zukunft. Indigene Frauen, trans Personen und Queers stehen an der Spitze der größeren dekolonialen Bewegung, um frühere Subjektivitäten zurückzufordern und eine strahlende kollektive Zukunft aufzubauen. Dekolonisierung wird oft als ein Versuch missverstanden, zu vorkolonialen Wegen "zurückzukehren", aber der aktive Prozess eines solchen trägt viel mehr Schwere als das. Indigene Menschen fordern nicht nur die vollständige Rückgabe von Land, sondern wir stellen uns ständig eine Welt ohne Strukturen wie Siedlerkolonialismus, Imperialismus, Kapitalismus, Rassismus, Faschismus und Heteropatriarchat vor und drängen darauf.

Dekolonisierung bedeutet, frühere Lebensweisen zurückzufordern — horizontale Führung, Kollektivismus und die Anerkennung universeller Beziehungen — und solche Lebensweisen in die Praxis und Aktion zu bringen, um eine nachhaltige Zukunft zu entwickeln. Es geht nicht nur um die Vergangenheit, sondern darum, was wir für unsere Gemeinschaften in den kommenden Jahren wollen. Indigene Frauen und Queers führen die größere Bewegung für eine solche Zukunft an, trotz der Gewalt, die sie unter Siedlerkolonialismus, Kapitalismus und Heteropatriarchat erfahren.

Die proto-kapitalistische Logik hat ihren Ursprung in der philosophischen Verschiebung vom naturalistischen zum humanistischen Denken bei den Griechen. Philosophen begannen, die komplizierten Fragen der "menschlichen Natur" zu erforschen und stellten das Individuum in den Mittelpunkt von allem. Das individualistische Denken charakterisiert die breitere Tradition der Aufklärung, die in die Fußstapfen der griechischen Philosophie trat und später die westlichen Ideen der politischen Theorie bis heute beeinflusst. Die Zentralisierung des Individuums und die Vernachlässigung des Kollektivs mündete schließlich in den Übergang vom Feudalismus zum rassifizierten Kapitalismus, der sich mit dem Aufkommen des Siedlerkolonialismus und Imperialismus entfaltete.

Die Verzweiflung nach Profit und Reichtum trieb den Ansturm des gewalttätigen Imperialismus in alle Richtungen voran. Der Aufbau des Imperiums stützte sich auf das Blut und den Schweiß der Schwarzen, Braunen und Indigenen Bevölkerungen. Die Kolonisatoren mussten einen "Grund" für ihre unersättliche Gier, ihre Abhängigkeit von Sklav*innenarbeit und für den Genozid an den Indigenen Bevölkerungen finden. Die Kolonisatoren konstruierten die Race, wie wir sie heute kennen, um einen "Grund" für ihre Unmenschlichkeit zu haben, und sie setzten die Whiteness an die Spitze der Hierarchie und die dunkle Haut an den unteren Rand. Diese Kaste des gewalttätigen Rassismus besteht auch heute noch in unserem Alltag.

Im Siedlerkolonialismus ging es immer um den Diebstahl, die Missachtung und die Kapitalisierung von Land. Während die Indigenen Bevölkerungen sich immer in Beziehung zum Land und zueinander sahen, betrachteten die Kolonisatoren das Land als etwas, das "entwickelt" werden konnte und die Indigenen standen dieser "Vision" im Weg. Indigene mussten assimiliert/eliminiert werden, weil sie zwischen den weißen Siedlern und dem Land standen.

Indigene Auffassungen vs. Siedlersexualität

Vor der Kolonialisierung führten Frauen/Queers/trans/nichtbinäre Menschen viele Indigene Gesellschaften horizontal an, basierend auf ihrem angeborenen Sinn für Mitgefühl, Konfliktlösung, kritisches Denken und Problemlösung.

Matrilineare Indigene Gesellschaften ehrten Frauen, queere und trans/nichtbinäre Menschen als Anführende, Intellektuelle, Versorgende, Hausmenschen und Krieger*innen.

Indigene Vorstellungen von "Geschlecht" betrachteten eher die mentalen, emotionalen und sozialen Aspekte des Ausdrucks und der Identität einer Person als deren physische oder biologische Beschaffenheit. Menschen, die man heute als "trans" bezeichnen würde, entsprechen nicht dem kolonialen Verständnis von "Geschlecht". Es versteht sich jedoch von selbst, dass trans/nicht-binäre Menschen schon seit Urzeiten existieren. Indigene Bevölkerungen in ganz Nordamerika haben ihre eigenen Schöpfungsgeschichten, die trans/nicht-binäre Gemeinschaftsmitglieder anerkennen und feiern. In jüngster Zeit wurde der pan-tribalistische Begriff "Two-Spirit", ein übersetztes Anishinaabe-Wort, verwendet, um Indigene trans Subjektivitäten zurückzufordern. Allerdings gibt es sowohl innerhalb als auch außerhalb der akademischen Welt Widerstand gegen die Ausweitung und Aufrechterhaltung des binären Geschlechts und des kolonialen Verständnisses von Geschlecht. Stammesgemeinschaften auf dem ganzen Kontinent haben ihre eigenen einzigartigen Verständnisse und Kosmologien, die solche Subjektivitäten umarmen und feiern. Die Winkte der Lakota, die Mahu der Kanaka Maoli, die Ihamana der Zuni und die Nádleeh der Diné sind größtenteils ausgelöscht und fehlinterpretiert worden, da unser gesamtes Verständnis und unsere Herangehensweise an Geschlecht durch koloniale Interpretationen pervertiert wurden.

Die Idee der universellen Beziehungen besteht in vielen Indigenen Lebensweisen fort. Jede*r ist mit allem und jede*m/r verbunden; wir stehen alle in Beziehung. Daher wurde die Liebe ohne das Eigentum am Körper einer anderen Person ausgedrückt; einige Gesellschaften praktizierten nicht- monogame Gesellschaft und gingen intime Beziehungen eher kollektiv als individuell an. Die Betonung der Wichtigkeit, universelle Beziehungen zu pflegen, sorgte für ein starkes Kollektiv von Individuen.

Siedlerische Konstruktionen und Artikulationen von "Geschlecht" und "Sexualität" haben Jahre der Gewalt hervorgebracht. Westliche Vorstellungen setzen Geschlecht und Sexualität in Beziehung zueinander und gründen solche Subjektivitäten auf "den Akt", sich mit jemandem eines bestimmten "Geschlechts" körperlich zu verbinden. Zum Beispiel konzentriert sich "Homosexualität" auf den "Akt" von "gleichgeschlechtlichen" Beziehungen, wobei "gleichgeschlechtlich" durch koloniale Auffassungen von Geschlecht definiert wird. Sex war etwas, das "gestanden" wurde. Die starke Artikulation und gleichzeitige Unterdrückung von Sex und Sexualität stellte das Individuum und nicht das Kollektiv in den Mittelpunkt und machte es erst zu etwas, das weiterhin ein fester Bestandteil der eigenen Identität und des eigenen

Ausdrucks ist. Weiße Siedlergesellschaften folgten im Allgemeinen einer strikten jüdisch-christlichen Geschlechterbinarität und -hierarchie, in der Männer eine höhere Autorität über Frauen in jedem Aspekt der Gesellschaft ausübten, besonders innerhalb ihrer "normalen" und "respektablen" heterosexuellen monogamen Beziehungen.

Die Perspektive der westlichen Zivilisation auf solche Intimitäten ermächtigt heterosexuelle weiße Männer und stellt sie als "die Norm" dar. Indigenes Geschlecht und Sexualität wurde als primitiv und heidnisch und verstört angesehen, und inakzeptabel für die Siedler. Die Siedler nutzten die Rhetorik der "unzivilisierten wilden Indigenen", um die Ureinwohnenden als bloße Hindernisse in einem größeren kapitalistischen Landraubplan darzustellen.

Historischen Berichten über die frühe spanische Besiedlung zufolge gehörten queere und trans Menschen zu den ersten, die brutalisiert wurden, als die Siedler die "Siedlersexualität" zur Erwartung für das Leben erhoben. Missionare massakrierten queere und trans Menschen wegen ihrer "unnatürlichen Lebensweise" und zwangen alle anderen, sich an die kolonialen Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität zu halten.

Da Frauen oft Führungspositionen innerhalb der Gemeinschaften innehatten, was für die Siedler ungewohnt und unzivilisiert war, gehörten sie auch zu den ersten Zielen der anfänglichen Gewalt. Um die Matriarchate vollständig zu zerstören, war es für weiße Siedler nicht ungewöhnlich, Indigene Frauen als Sexsklavinnen zu versklaven. Diese Gräueltaten wurden mit der Absicht ausgeführt, Indigene Menschen zu kontrollieren und zu beherrschen, genauso wie die Siedler das Land plündern wollten.

Die Siedlersexualität kann auf unzählige Arten kontextualisiert werden, abhängig von einem bestimmten Punkt in der Geschichte der Indigenen. Christliche Missionare zwangen den Indigenen Gemeinschaften das Christentum auf, zusammen mit den Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität innerhalb des Christentums. Der Indigene Mann wurde und wird immer noch als sexueller Perversling dargestellt, vor dem weiße Frauen beschützt werden müssen. Er ist brutal und wild. Auf der anderen Seite wurde und wird die Indigene Frau zu einem unterwürfigen Sexobjekt degradiert. Sie ist ruhig und still, leicht zu benutzen. Jede andere Person jenseits dieser männlich- weiblichen Binarität war/ist inakzeptabel und wurde/wird als solche behandelt.

Siedlersexualität in Bewegung

Das Eindringen der Siedler hat das Matriarchat und trans/nichtbinäre/queere Identitäten brutalisiert und ausgelöscht, um die Indigene Lebensgrundlage auf dem Kontinent auszurotten. Die Enteignung der Indigenen manifestierte sich in Vergewaltigung, Mord und schließlich in einem schleichenden Genozid, getarnt

als "humane" Assimilationsbemühungen. Die sogenannte US-Regierung beschloss, ihre explizit gewalttätigen Taktiken abzuschwächen und stattdessen einen langsameren Genozid durch biopolitische Überwachung und Assimilationsprojekte zu verfolgen. Weiße Anthropolog*innen, in dem Bestreben, ein "authentisches" Bild der Überreste der Indigenen zu erhalten, begannen ebenfalls, die Indigenen und ihre Kulturen zu studieren. Französische Siedler prägten den Begriff "berdashe", was übersetzt "passiver Homosexueller" oder "männliche Prostituierte" bedeutet, um sich auf Menschen mit einem Geschlecht zu beziehen, das sie nicht verstanden. "Berdashe" sickerte schließlich in die anthropologische Terminologie ein, wo es in der größeren Praxis der Fossilisierung von Indigenem Leben und Wissen verbleibt. Das Feld der Anthropologie und die breitere akademische Landschaft ist ein Ort der Gewalt gegen Indigene Körper, da es daran arbeitet, komplizierte und abstrakte Indigene Epistemologien durch einen kolonialen Denkrahmen zu untersuchen. Solche Denkstrukturen malen Indigene Menschen als Relikte der Vergangenheit, die der Moderne entgegenstehen. Die Anthropologie und die akademische Welt produzierten schädliche Fehldarstellungen, die die Faszination der Siedler für Indigene Völker weiter anheizen. Da die Indigene Identität gewaltsam auf die Vergangenheit beschränkt wurde, begannen die Kolonialregierungen, die Indigene Existenz institutionell auszulöschen, zu entrechten und zu kontrollieren.

Die Siedlersexualität wurde dem Leben der Indigenen gewaltsam und institutionell aufgezwungen, durch ein binäres Geschlechterschema, festgelegte Geschlechterrollen, staatlich sanktionierte Ehen, die "Kernfamilie" und geschlechtsspezifische Räume, wie Internate, in einem größeren Versuch, Indigene Menschen kulturell zu eliminieren. Internate trennten junge Kinder nach dem westlichen Geschlechterschema und setzten es durch den Lehrplan und die Lehrkräfte durch. Einige Internate wurden von Missionen betrieben, andere nicht, aber alle zwangen den Schüler*innen christliche Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität auf. Internate schlossen Indigene Schüler*innen generell von der akademischen Welt aus und drängten sie zu Berufen wie Krankenschwester und Zimmermann, damit sie sich "erfolgreich" in die Gesellschaft integrieren konnten. Junge Frauen wurden in Richtung häuslicher und reproduktiver Arbeit gedrängt — traditionell "weibliche" Positionen. Währenddessen wurden junge Männer in "männlichere" Berufe gedrängt. Während ihrer Jahre im Internat wurden die Schüler*innen gezwungen, unterschwellige und explizite Botschaften der westlich geprägten Vorstellungen von besonderer Bürgerschaft zu verinnerlichen. Dies alles diente dazu, "den Indigenen zu töten und den Menschen zu retten". Die Landzuteilungsgesetze sowohl in den USA als auch in Kanada verlangten von Frauen, dass sie in hetero-monogamen Ehen leben mussten, um Zugang zu Land zu erhalten. Solche Gesetze und die gesamte Institution der Ehe reduzierten Frauen und Kinder auf das Eigentum der Männer. Vor der Kolonialisierung erbten

Frauen/Queers/trans Menschen Land. Von Männern wurde oft erwartet, dass sie mit ihren Partner*innen mitziehen. Doch die westlichen Institutionen der Ehe haben Menschen zu Eigentum gemacht. Mehr Menschen begannen, dieser Formel für Gemeinschaft zu folgen, als Missionare mehr Menschen bekehrten und mehr Kinder das Internatssystem durchliefen. Patriarchale Ideale infiltrierten die häusliche Sphäre der Indigenen Existenz.

Moderne Siedlersexualität: Die realen Auswirkungen

Durch den starken Zwang, sich der heteronormativen Staatsbürgerschaft innerhalb des Nationalstaates anzupassen, wurden entmachtete Indigene Frauen und queere Menschen mit gewalttätiger Frauen-, Homo- und Transfeindlichkeit konfrontiert. Internate, ihre gewalttätigen Verwaltenden und die weitere Verankerung des rassistischen Heteropatriarchats auf dem gesamten Kontinent traumatisierten Kinder und ihre Gemeinschaften. Siedlerkolonialismus und ein sich schnell verändernder kapitalistischer Nationalstaat entfremdeten Indigene von ihren früheren, antikolonialen Subjektivitäten. Indigene Gemeinschaften verinnerlichten und verströmten genau die kapitalistische und heteropatriarchale Mentalität, gegen die sich die vorherigen Generationen wehrten. Indigene Frauen, Queers und trans/nicht- binäre Menschen sahen sich weiterhin unerbittlicher Gewalt ausgesetzt und wurden auf untergeordnete politische Positionen beschränkt, während Indigene Männer von den Vorteilen männlicher Privilegien profitierten und begannen, die Positionen der Stammesregierung zu dominieren.

Missionare blieben in den Reservaten, um Indigene zum Christentum zu bekehren. Die christliche Verachtung für queere Menschen sickerte in das Indigene Leben und die Perspektive ein. Das Heteropatriarchat entfremdete queere und trans/nicht-binäre Indigene von ihren Gemeinschaften, da sie Gewalt und Ausgrenzung erfuhren. Queere Indigene ertragen Homofeindlichkeit und Gewalt von ihren Gemeinschaften. Heute haben Indigene queere und trans/nicht-binäre Jugendliche eine der höchsten Raten an Selbstmorden. Die Indigenen Gemeinschaften lehnen ihre queeren/trans/nicht-binären Verwandten durch ständige Auslöschung und Gewalt aktiv ab. Zusätzlich zu dieser Entfremdung fetischisiert und vereinnahmt die Mainstream- und überwiegend weiße LGBTQ-Gemeinschaft unerbittlich Indigene queere/trans/nicht-binäre Subjektivitäten. Indigene trans/nicht-binäre Individuen sind gezwungen, mit einer unglaublich hohen Rate an Gewalt zu leben, während sie eine ebenso hohe Rate an Armut und Isolation ertragen müssen. Das Heteropatriarchat und der Kapitalismus behindern sie an einer friedlichen Existenz.

Gewalt gegen Indigene Frauen und Queers gibt es heute überall in den sogenannten USA und Kanada. Die Raten häuslicher und sexueller Gewalt innerhalb Indigener Gemeinschaften übersteigen den gesamten nationalen Durchschnitt. Zahlreiche Indigene Frauen werden jedes Jahr vermisst und

ebenso viele werden ermordet. Die Bewegung "Missing and Murdered Indigenous Womxn" (MMIW) entstand in Kanada als Reaktion auf den Handel mit Indigenen Frauen in "Männercamps", Campingplätze für Arbeiter in der Rohstoffindustrie und intensive Zentren des Sexhandels, wo Indigene Frauen oft zur Zielscheibe werden. In Kanada machen Indigene Frauen einen großen Teil der Gefängnispopulation aus, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung im Allgemeinen gering ist. In den USA ermordet die Polizei Indigene Menschen mit der höchsten Pro-Kopf-Rate unter allen anderen ethnischen Gruppen, und Indigene Frauen machen einen großen Teil der Morde aus.

Ehemals matriarchale Gesellschaften sind heute von Männern dominierte Stammesräte, die nur auf Profit aus sind, selbst wenn dies auf Kosten des Wohlergehens von Land und Wasser geht. Heteropatriarchat und Kapitalismus diktieren die feineren Funktionen von Regierung und Politik; das System wurde geschaffen, um Frauen, Queers, das Land und das Wasser zu entmachten.

Für viele Indigene Frauen, Queers und trans/nichtbinäre Menschen ist es nicht eine Frage des Ob, sondern des Wann.

Indigene Feminismen und der Weg zur Dekolonisierung

Die Befreiung aus den Fesseln des Siedlerkolonialismus erfordert die Rückgewinnung früherer Subjektivitäten, wie z.B. Indigene Feminismen, und die vollständige Vernichtung von Kapitalismus und Heteropatriarchat, wo immer es die bestehenden Regierungen und Angelegenheiten durchdringt. Die derzeitigen Systeme können und werden uns nicht retten. Die Cops haben immer wieder bewiesen, dass sie Agent*innen eines Staates sind, der arme Schwarze, Braune und Indigene Gemeinschaften aktiv hasst und entmenschlicht — sie werden niemals auf unserer Seite sein. Das gesamte System wurde so errichtet, um uns zu kriminalisieren und die Weißen und Wohlhabenden zu schützen.

Indigene Feminismen gehen über den allgemeinen Kampf um Rechte und Anerkennung innerhalb eines Nationalstaates hinaus — Indigene Feminismen sprechen die Verantwortung an, die wir füreinander und für unsere Beziehung zur physischen und nicht-physischen Welt haben. Indigene Feminismen können auf fast jeden Aspekt unseres Lebens angewandt werden, da sie unsere Beziehung zum Universum mit einbeziehen, und das bedeutet, starke Beziehungen zu Frauen, Queers und trans/nicht-binären Menschen zu pflegen. Indigene Feminismen schließen unsere trans/nicht-binären Angehörigen ein und kämpfen für sie, da sie oft von Menschen, die sich als Indigene Feministinnen bezeichnen, ausgelöscht und ausgeschlossen werden. Indigene Gemeinschaften haben solche reichhaltigen Philosophien in ihrem Leben vor dem Kontakt mit weißen Kolonisatoren angewandt, und die Werte können uns weiterführen.

Die Abschaffung von Konzepten und Praktiken wie Eigentum und Besitz kann die Menschen wieder miteinander verbinden. Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Wesen, und wir sind seit jeher auf einander angewiesen, um zu überleben. Unsere Kosmologien erkennen die universelle Verbundenheit von allem und jedem an. Man kann nie allein sein, da wir alle Teil desselben Lebens sind und wir die Verantwortung haben, uns umeinander zu kümmern. Dies steht im direkten Gegensatz zu späteren Entwicklungen der kapitalistischen Logik, in der die einzelne Person alleine durchs Leben gehen und mit anderen konkurrieren muss, um Sicherheit in einem immer prekären Markt zu erlangen.

Jetzt, in einer international vernetzten Welt, hat sich der Markt in einem Phänomen, das als Globalisierung bezeichnet wird, zu globalen Höhen ausgeweitet. Da im Kapitalismus alles zu einer Ware wird und die öffentliche Sphäre privat wird, verschmelzen sogar unsere Körper und Identitäten mit dem Markt. Transnationale Indigene Allianzen sind nun möglich und können durch die Praxis Indigener Feminismen gefördert werden. Die Organisierung von städtischen und Reservats-Gemeinschaften stellt eine Reihe von Herausforderungen dar, aber die Indigene feministische Praxis fordert uns auf, zu erkennen, dass Revolution keine singuläre Tortur ist, sondern eher eine gemeinschaftliche Anstrengung. Indigene Feminismen drängen uns dazu, uns an unsere Verantwortung füreinander zu erinnern, und sie verlangen unser Mitgefühl, unsere Aufmerksamkeit und unsere Arbeit. Indigene Feminismen verlangen von uns, dass wir ständig die Macht in Frage stellen und uns gegenseitig und uns selbst für das Wohl der Gemeinschaft verantwortlich machen.

Dekolonisierung verlangt von uns, uns die Zukunft vorzustellen, die wir für uns selbst wollen. Marginalisierte Menschen rund um den Globus fordern eine Welt ohne hegemoniales Heteropatriarchat, Rassismus und Kapitalismus. Wir fordern eine Welt ohne ein unterdrückendes Klassensystem, das seine Macht auf der Ausbeutung Schwarzer, Brauner und Indigener Menschen sowie der größeren Arbeiter*innenklasse begründet.

Die Demontage des bestehenden Systems und die Heilung der Probleme durch Indigene Feminismen kann uns in den dunkelsten Momenten motivieren und erheben. Organisierte Bevölkerungsmacht hat schon so viel zurückerobert und kann noch so viel mehr tun.

Einen nicht- eurozentrischen Anarchismus in unseren Gemeinschaften aufbauen

Ashanti Alston, José Antonio Gutiérrez Danton

Das Folgende ist ein Interview mit Ashanti Alston, einem afrikanischstämmigen anarchistischen Aktivisten, der seine politische Militanz in den 60er Jahren in der Black Panther Party begann. Er war auch ein Mitglied der Black Liberation Army und verbrachte wegen seiner revolutionären Aktivitäten mehr als ein Jahrzehnt im Gefängnis. Im Gefängnis wandte er sich dem Anarchismus zu und nach seiner Entlassung beteiligte er sich an zahlreichen libertären Initiativen und Publikationen und ist einer der Gründer von Anarchist People of Color (APOC), einem Netzwerk, das Anarchist*innen of Color in den bemerkenswert rassistischen USA zusammenbringt. Ashanti beteiligt sich auch an einer Reihe von Initiativen, die von der Solidarität mit politischen Gefangenen in den USA bis hin zum Institute for Anarchist Studies reichen.

Dieses Interview wurde am 9. März 2009 geführt, während seiner Zeit in Irland, als er als Redner für die 2009 Dublin Anarchist Bookfair kam. In dem Interview sprechen wir über die APOC-Initiative, die Verbindungen zwischen Ausbeutung und anderen Formen der Unterdrückung, über die Notwendigkeit, über den Eurozentrismus hinauszugehen und den Platz der People of Color und der Kämpfe der Dritten Welt bei der Gestaltung einer wirklich internationalistischen Bewegung, die von den Erfahrungen überall lernt. Er reflektiert auch über die Wurzeln und das Erbe der Schwarzen Befreiungsbewegung und über seine eigenen Erfahrungen in ihr.

1.

Wie und warum ist die Idee der Anarchist People of Colour entstanden?

In den USA ist die anarchistische Bewegung seit den 90er Jahren stark gewachsen und viele Leute wollten wissen, worum es geht, darunter auch viele People of Colour, denn die traditionellen revolutionären Gruppen, die marxistisch-leninistisch oder nationalistisch waren, waren für sie nicht attraktiv, weil sie so starr in ihrer Ideologie waren und die Loyalität, die sie von dir verlangten, war etwas, das viele Leute nicht wollten. Aber Leute, die aus Schwarzen, lateinamerikanischen und asiatischen Gemeinschaften und sogar aus Indigenen Gemeinschaften zum Anarchismus kamen, fanden, dass ihre Erfahrungen in anarchistischen Gruppen rassistisch waren. Es mag gut gewesen sein in dem Sinne, dass sie direkte Demokratie praktiziert haben, oder sie waren aktiv in den Straßendemonstrationen, aber sie dachten, dass sie innerhalb dieser vorherrschenden weißen Gruppen "exotisiert" wurden, weil sie von afrikanischer, asiatischer, lateinamerikanischer oder Indigener Abstammung waren, dass sie behandelt wurden, als ob sie so besonders wären

— das war keine gute Erfahrung. Oder der Rassismus weißer Anarchist*innen war einfach zu viel, um ihn zu ertragen, und die Leute bekämpften den Rassismus nicht. Also ging irgendwann gegen Ende der 90er Jahre der Aufruf raus, eine Konferenz zu veranstalten, die für Anarchist*innen of Color, Antiautoritäre of Color oder Leute, die an etwas jenseits der traditionellen Organisationsformen interessiert waren, sein sollte. So entstand 2003 die erste APOC-Konferenz. Ungefähr 300 Leute kamen nach Detroit, Michigan, in den USA, an eine Universität namens Wayne State University. Und das war eine großartige Konferenz, die es vielen von uns ermöglichte, sich zum ersten Mal zu sehen, und wir erkannten, dass wir so viel gemeinsam hatten, aber wir mussten von einer Basis aus arbeiten, von der wir wussten, dass wir uns gegenseitig respektieren würden, und dass wir einen Weg haben würden, in unseren Gemeinschaften auf eine gesündere Weise zu arbeiten.

1.

Du sprichst davon, dass du mit diskriminierenden oder rassistischen Praktiken innerhalb der anarchistischen Bewegung konfrontiert warst, was oft keine expliziten Praktiken waren, sondern Teil einer Kultur, könnten wir sagen... wie denkst du, dass dieser Rassismus, der in der Kultur der Menschen verankert ist, innerhalb der Bewegung und in der Gesellschaft insgesamt bekämpft werden kann?

In der anarchistischen Bewegung haben wir im Grunde weiße Anarchist*innen gefragt, wie sie mit Rassismus innerhalb der anarchistischen Organisation umgehen. Viele von ihnen haben nicht verstanden, dass man, wenn man in einer rassistischen Gesellschaft geboren wurde, und wenn man in dieser Gesellschaft als weiße Person geboren wurde, nicht nur mit einem Gefühl der Überlegenheit aufgewachsen ist, sondern auch, dass man Privilegien hat, und wir wollten, dass sie sich dieser Tatsache in ihrer Interaktion mit uns stellen,

weil die meisten von ihnen aus der anarchistischen Bewegung aus einem privilegierten Hintergrund kommen. Also geht mit der Tatsache um, dass ihr einige Verhaltensweisen habt, die sehr offensiv auf uns zukommen, die sehr beleidigend für uns sind, da ihr nie die Art von Umständen gelebt habt, in denen wir leben mussten. Wir wollen euch sagen, dass es in den USA ziemlich viele Gemeinschaften of Color gibt, die ausgesperrt sind. Also müssen wir den Rassismus nicht nur in den Institutionen bekämpfen, sei es in den Schulen, rund um die Arbeitsplätze oder die Polizeigewalt in den Communities of Color, sondern wir müssen ihn innerhalb der anarchistischen Institutionen bekämpfen, als einen Weg, den Rassismus in den USA im Allgemeinen zu bekämpfen, was alles noch ein Kampf ist.

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Frauen haben die gleiche Erfahrung innerhalb der Bewegung gemacht und wurden dazu gedrängt, reine Frauengruppen zu bilden. Was denkst du, wie das mit der Tatsache zusammenhängt, dass es andere Arten von Unterdrückung gibt, die mit dem Klassenkampf interagieren, aber bei denen der Klassenkampf allein nicht alles erklärt? Ich habe das Gefühl, dass einige Sektoren innerhalb der anarchistischen Bewegung blind für diese anderen Formen der Unterdrückung zu sein scheinen. Was denkst du darüber?

Etwas, das ich gelernt habe und immer noch lerne, indem ich lese und anderen Leuten zuhöre, ist, dass wir uns die Tatsache ansehen müssen, dass der Großteil unseres Verständnisses von Anarchismus aus Europa kommt. Und ich glaube nicht, dass wir erkennen, dass es uns vielleicht eine Menge gelehrt hat, in Bezug auf eine andere Art zu leben und sich zu organisieren, oder wie man offen für Unterschiede ist, aber wir verstehen nicht wirklich, dass es uns auch eine Perspektive auf den Klassenkampf bringt, an die sie sich halten wollen, als ob es etwas Biblisches wäre. Dass, wenn andere Kämpfe anarchistisch sind und sie nicht aus Arbeiter*innenkämpfen kommen, sie das nicht weniger anarchistisch macht. Es können Landwirt*innen sein, es können Leute sein, die auf andere Weise mit dem Land verbunden sind. Für mich kann man also nicht nur die anarchistischen Klassiker aus Europa lesen, sondern man muss von den Erfahrungen anderer Menschen lernen und von den Schriften über ihre Erfahrungen. Auch wenn diese Erfahrungen und Schriften nicht von Leuten stammen, die sagen "Ich bin Anarchist*in". Aber man kann aus ihren Schriften und Erfahrungen ziemlich genau erkennen, dass es sich um anarchistische Kämpfe handelt, die auch heute noch eine große Rolle in einigen der herausforderndsten Kämpfe gegen das Imperium spielen.

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Du hast erwähnt, dass Chiapas ein großer Einfluss für dich ist. Was denkst du, wie der Kampf der Menschen in Chiapas mit der Art von Anarchismus zusammenhängt, die du verteidigst?

Ich denke, dass der Kampf der Zapatista eine große Rolle gespielt hat, weil er dir klar gemacht hat, dass revolutionäres Denken aus vielen sozialen Kategorien kommen kann... zum Beispiel redest du in Chiapas über den Südosten Mexikos, der eine der ärmsten Regionen Mexikos ist, überwiegend Maya, die vom Kapitalismus und Imperialismus abgeschrieben wurden. Und doch gibt es hier einen Kampf, der das modernste Denken über Revolution heute hervorbringt. Für mich hat der zapatistische Kampf zum Beispiel nicht nur die Kämpfe der ethnischen Gemeinschaften wichtig gemacht, sondern auch die Kämpfe der Frauen, die Kämpfe an den Universitäten, die Kämpfe im kulturellen Bereich des Lebens, und wie all diese Teil eines größeren Bildes sind. Aber wenn sie sagen, dass wir eine Welt erschaffen können, in der viele Welten existieren, wollen sie auch, dass du erkennst, dass du in einer Welt bist, in der viele Welten existieren und dass keine Welt daherkommen und über alle anderen herrschen kann, "Ich habe die einzige Lösung, ich habe den einzigen revolutionären Weg zu gehen".

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Du erwähnst einen anderen wichtigen Punkt, und zwar, dass das klassische sozialistische Denken ein Kampf um einen hegemonialen Gedanken für eine einheitliche Kultur war, und doch kommen deine Ansichten aus der entgegengesetzten Sicht, nämlich der Vielfalt. Wie denkst du, kann die anarchistische Bewegung diese Sichtweise der Vielfalt mit der Notwendigkeit der Einheit des Kampfes verbinden, so dass wir von einer Bewegung sprechen können, die zwar Einheit hat, aber diese Vielfalt bewahrt?

Nun, es ist interessant, dass einige der Dinge, die es mir ermöglicht haben, Kämpfe auf der ganzen Welt und sogar Kämpfe in meiner eigenen Community anders zu betrachten, darin bestanden, dass ich viel revolutionäres Gedankengut gelesen habe, das aus einigen der älteren Befreiungskämpfe und einigen der jüngsten Universitätskämpfe, die in Frankreich und Deutschland stattgefunden haben, hervorgegangen ist. Wir haben es also mit Leuten wie Michel Foucault zu tun, oder mit deutschen Denkern, die zum Beispiel über Hegemonie und einige andere Konzepte über die Überschneidung verschiedener Unterdrückungen sprachen und wie wir die Welt auf eine komplexere Art und Weise betrachten müssen. Das sagt mir, dass der Anarchismus, wenn er lebendig sein will, offen sein muss für Unterschiede, er muss offen sein für die Kämpfe anderer Menschen, für das Denken anderer Menschen, für die Praktiken anderer Menschen, die sogar einige der Kernüberzeugungen des Anarchismus selbst in Frage stellen, um bereichert zu werden. Für mich, wie auch für die Zapatista, wird die Sache mit der Differenz so wichtig, weil man Kämpfe von Menschen aus verschiedenen Welten, aus verschiedenen Realitäten haben muss, und dennoch können wir einen Weg innerhalb desselben Raumes finden und unsere Gemeinsamkeiten vorantreiben, aber auf eine Weise, die die Individualität der Kämpfe respektiert. Wenn ich also ein Afrikaner in Amerika bin, wenn ich afrikanischer Abstammung

in New York bin, dann möchte ich mit den Mapuche zusammenarbeiten, ich möchte mit den Kämpfen in Afrika, Asien, der irisch-republikanischen Bewegung zusammenarbeiten, und zwar so, dass sie mich alle so sehen, wie ich bin, und ich sie sehe, und wir erkennen, dass wir uns immer noch auf eine gemeinsame Weise bewegen können, die die Imperien zu Fall bringt, die unser aller Leben beeinflussen.

Aber wir müssen es auf eine Weise tun, dass wir keinen Teil unserer Identität abgeben müssen, der uns zu dem macht, was wir sind. Wir sind nicht alle Arbeiter*innen, wir sind sehr facettenreiche Menschen, wo auch immer wir herkommen, aber unsere spezifische Geschichte und unser spezifischer Raum in der Zeit, macht uns zu dem, was wir sind, und damit kommt unser Reichtum heraus und der muss respektiert werden. Wir müssen uns nicht unterordnen, so wie im Falle der russischen Revolution, die chinesischen Revolution und sogar der kubanischen Revolution, und all die großen sogenannten Revolutionen, die wollten, dass die Menschen sich einer Massenlinie unterordnen, und wenn du nicht in diese Linie passt, wenn du noch in der traditionellen Art und Weise lebst, oder in dem, was sie Dschungel nennen, in der Art und Weise der Stämme, dann wird irgendeine Staatsmacht sagen, nein, du kommst in die moderne Welt oder wir werden dich auslöschen. Heute sehen wir, dass das nicht der Weg ist, den wir gehen wollen.

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Was du sagst, macht sehr viel Sinn in Bezug auf das Lernen aus den Erfahrungen anderer Menschen. Der Anarchismus war früher im 20. Jahrhundert eine sehr starke Bewegung, dann ging er zurück und jetzt kommt er sicherlich mit großer Kraft an Potentialen zurück. Aber irgendwie scheint es, dass wir weitgehend ignorieren, was in Bezug auf die Kämpfe in der Mitte passiert ist... Ja, wir gehen zurück zur spanischen Revolution, zur russischen Revolution, aber wir vergessen, dass in der Zwischenzeit der ganze afrikanische Kontinent in Revolutionen war. Ja, sie führten nicht zum anarchistischen Sozialismus, so wie weder Russland noch Spanien, aber es kam etwas dabei heraus in Form von Erfahrungen, Lektionen und einer Menge anderer Dinge... denkst du, dass es solche Erfahrungen gibt, die das anarchistische Denken heute tatsächlich bereichern könnten?

Es ist wie du sagst. Wenn man von all den klassischen Kämpfen wegkommt, die einem immer wieder vorgesetzt werden, um etwas darüber zu lernen, sei es China, Russland oder Spanien, vergessen wir, dass es Kämpfe gibt, die höchstwahrscheinlich direkt um einen herum sind, oder in lokalen Gebieten auf der ganzen Welt, die Beispiele liefern. Zum Beispiel in den USA haben wir, die wir in der Schwarzen nationalistischen Bewegung, in der Schwarzen Befreiungsbewegung sind, die Beispiele der Maroon-Gemeinschaften vom nordamerikanischen bis zum südamerikanischen Kontinent studiert, von Afrikaner*innen, die sich von der Sklaverei losgesagt haben, die sich in vielen

Fällen mit Indigenen Gemeinschaften zusammenschließen konnten und freie Gemeinschaften bildeten. Gemeinschaften im Widerstand, Gemeinschaften des Widerstandes. Sie sind es wert, studiert zu werden. In Afrika hast du zum Beispiel auch den Igbo-Frauenkrieg von 1929. Wenn man einen von Frauen geführten antiautoritären Kampf gegen den britischen Kolonialismus sehen will, muss man anfangen, den Igbo-Frauenkrieg von 1929 in Nigeria zu studieren. Das sind nur Beispiele dafür, wie Menschen mit ihren wirtschaftlichen Bedürfnissen umgingen, den Bedürfnissen, sich selbst zu ernähren. An Orten in Afrika, wo es Grenzen gibt, gibt es Leute, die aus der Not heraus sagen: "Scheiß auf die Grenzen. Wir wollen mit den Menschen jenseits der Grenze Handel treiben, denn wir waren mit ihnen verbunden, bis die Europäer eine künstliche Grenze zu unserem Land errichteten. Aber indem sie den Grenzen trotzen, schaffen sie neue antiautoritäre Erfahrungen, wo sie sagen, wir brauchen keine Grenzen. Grenzen sind Unterdrückung. Die Chicanos sagen die ganze Zeit über die Grenze zwischen Mexiko und den USA, dass nicht sie die Grenze überschreiten, sondern die Grenze sie überschreitet. Denn diese Grenze wurde künstlich errichtet, um sie zu unterdrücken, und jetzt haben die USA die Eier zu sagen, dass Mexikaner*innen, die in die USA kommen, illegal sind, obwohl sie in Wirklichkeit in ihr historisch eigenes Land kommen.

Es gibt also viele Dinge, die wir neu betrachten und studieren müssen und uns nicht nur auf bestimmte Bereiche beschränken, von denen wir glauben, dass sie uns nur ein Beispiel für eine Art richtigen anarchistischen Kampf oder anarchistische Revolution geben können.

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In der US-amerikanischen anarchistischen Tradition gibt es einige bemerkenswerte Anarchist*innen, die auch People of Color waren... Ich denke da an Leute wie Ben Fletcher, Lucy Parsons, die auch eine Frau war... denkst du, dass sie einen sensiblen Beitrag zur Bewegung als solche geleistet haben und was würdest du aus ihren Erfahrungen und Lehren mitnehmen?

Ben Fletcher ist jemand, von dem die Arbeiter*innen in den USA immer noch nichts wissen, genauso wenig wie von Lucy Parsons. Aber Ben Fletcher war Teil der IWW, der Industrial Workers of the World, einer Organisation, die in den USA in den 1910er, 20er und wahrscheinlich bis in die 30er Jahre so mächtig war... und sie waren sehr effektiv, weil es hier eine revolutionäre Bewegung gab, die auch dafür kämpfte, viele verschiedene ethnische Gruppen einzubeziehen. Es gab also Indigene, die Mitglieder der IWW waren, es gab Leute afrikanischer Abstammung, es gab Leute, die Spanisch sprachen, die Italiener*innen kamen, alle fanden ihren Weg zu den IWW. Aber viele Leute wissen nicht, dass diese Bewegung einen erbitterten Kampf gegen das geführt hat, was man als Arbeitsaristokratie bis hin zur Regierung und den Konzernen zu dieser Zeit bezeichnen kann, die in ihrer Unterdrückung brutal rücksichtslos waren.

Eines der Dinge über Lucy Parsons, die viele Menschen nicht wissen, ist, dass sie eine Frau mit gemischter Herkunft war... Ich meine, sie war Mexikanerin, Afrikanerin und eine Indigene, und obwohl sie zu einer Zeit in ihrem Leben leugnete, afrikanische Vorfahr*innen zu haben, war es für viele Menschen zu der Zeit offensichtlich, dass sie es war. Dennoch war sie eine Frau, die außergewöhnlich war und eine außergewöhnliche Rolle im Wachstum der anarchistischen Bewegung in den USA spielte. Sie tat so ungeheuerliche Dinge wie Albert Parsons zu heiraten, der ein weißer Mann war, der Teil der Konföderation war, der auf der Seite der Rassisten stand, die die Schwarzen versklaven wollten, aber irgendwann, wie die Soldaten, die nach Vietnam gingen, kam er zu dem Bewusstsein, dass es die USA und die Kapitalisten waren, die der Feind waren, also heirateten er und Lucy Parsons und sie zogen nach Chicago. Beide wurden zu ausgesprochenen Befürworter*innen des Anarchismus für Menschen aus der Arbeiter*innenklasse. Auch wenn Lucy Parsons ihre Probleme damit hatte, dass man sie als Schwarze bezeichnete, sprach sie sich dennoch gegen Lynchjustiz und für die Rechte von Menschen afrikanischer Abstammung in den USA aus. So geht sie als eine Schlüsselfigur in die Geschichte der anarchistischen Bewegung ein, aber nur wenige Menschen wissen bis heute von Lucy Parsons. Aber sie war eine mutige Frau, bis zu ihrem Todestag.

Aber es ist wie bei ihr, Ben Fletcher und all den anderen Leuten... es gab auch einen sehr wichtigen Native American, der ermordet wurde, aber es gibt eine Menge anderer Held*innen, über die wir Bescheid wissen müssen, besonders People of Colour, um zu sehen, dass es viele Menschen gab, die von anarchistischen Ideen inspiriert wurden, was im Grunde genommen heißt: "Wir brauchen keine Bosse, wir müssen kollektiv sein, wir müssen kommunal sein, wir müssen, wie sie heute sagen, horizontal sein in allem, was wir tun". Deshalb suche ich heute nach Wegen, um Informationen über Menschen wie Ben Fletcher und Lucy Parsons zu verbreiten.

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Du weißt es besser als ich, aber die beiden Schlüsselfiguren der afroamerikanischen Bewegung scheinen Malcolm X und Martin Luther King zu sein... was würdest du von ihnen erhalten und von ihnen lernen? Und was würdest du von ihnen ablehnen?

Sie waren definitiv zwei sehr wichtige Anführer. Ich würde auch Leute wie Ella Baker, Fannie Lou Hamer und ein paar andere dazu zählen... Ella Baker war eine Schlüsselfigur in der frühen Bürger*innenrechtsbewegung, wo sie die Student*innen und die jungen Leute dazu brachte, die ältere Schwarze Führung abzulehnen, die von den Schwarzen Geistlichen, den Predigern, gehalten wurde, weil sie die Student*innen zurückhielten. Und Ella Baker, die zu dieser Zeit eine alte Frau war, sagte den Student*innen: "Ihr müsst eure eigene Führung werden" und sie drängte auf eine Art der Führung, die auf der

Gemeinschaft basierte. Sie wollte, dass die Leute wegkommen von den charismatischen Predigern oder der Führung der Gebildeten. Fannie Lou Hamer war eine arme Schwarze Frau, die sich in der Bürger*innenrechtsbewegung engagierte und zu einer dynamischen Führungspersönlichkeit wurde, weil sie alles, was sie in der Gemeinschaft und in der Kirche gelernt hatte, in die Bewegung einbrachte, was bedeutete, dass sie sich um die Menschen kümmerte. Malcolm X und Martin Luther King hatten eine Beziehung zu ihr. Einer der Prediger, die Ella Baker kritisierte, war tatsächlich Martin Luther King! Denn er war Teil dieser Predigerführung, egal wie großartig er in vielen anderen Dingen war. Und hier hast du Ella Baker, die den Student*innen sagt: "Seid eure eigene Führung, egal wie brillant und charismatisch sie sind, seid eure eigenen". Aber Martin Luther King war auch in anderer Hinsicht großartig. Denn, genau wie Malcolm, zeigten beide, dass sie, wenn sie von einer Realität herausgefordert wurden, die sie nur schwer akzeptieren konnten, bereit waren, sich damit auseinanderzusetzen und ihr Denken und ihren Weg daraufhin zu ändern. Als Martin also immer wieder mit dem Scheitern der gewaltfreien Bewegung konfrontiert wurde, hatte er ein Schlüsseldenken über die Rolle der Gewalt. Als er herausgefordert wurde, nicht mehr so lokal zu sein und die internationale Szene zu betrachten, begann er, sich mit dem Vietnamkrieg zu befassen. Als er herausgefordert wurde, die Rolle der Arbeiter*innen oder die Aktivitäten der Arbeiter*innen zu betrachten, begann er, die Arbeiter*innen zu unterstützen. Und diese drei Dinge, wie er begann, gegen den Vietnamkrieg zu sein, wie er begann, Arbeiter*innen zu unterstützen, und es war sogar für das FBI offensichtlich, dass er seine Position zur Gewaltlosigkeit überdachte, war der Zeitpunkt, an dem viele von uns glaubten, dass es dann war, als das System ihn töten ließ.

In ähnlicher Weise forderte Malcolm uns heraus, uns nicht nur auf das Denken über Bürger*innenrechte zu beschränken. Malcolm sagte, Bürger*innenrechte ist, wenn man alles in den Händen des Feindes hält, da müssen wir rauskommen, wir müssen unser eigenes Denken bekommen. Malcolm X forderte uns auch heraus zu denken, dass man, wenn man frei sein will, bereit sein muss, dies mit allen notwendigen Mitteln zu tun. Dieser "any means necessary"-Teil wurde so populär, weil er uns eine Möglichkeit gab, wirklich zu denken, dass wir, wenn wir frei sein wollen, auch wenn das bedeutet, das amerikanische System zu stürzen, bereit sein müssen, unser Leben in diese Richtung zu engagieren. Aber auch Malcolms Leben war eines, in dem er, als er sah, dass er falsch lag, den Mut hatte, sich dem zu stellen, es zuzugeben und weiterzugehen. So sehen viele von uns Malcolm als jemanden, der nicht so egoistisch ist, auf einem Weg weiterzugehen, auch wenn klar ist, dass dieser Weg nicht funktioniert. Als sein Mentor, Elijah Muhammad von der Nation of Islam, begann, seine eigenen Lehren offensichtlich zu verraten, brauchte Malcolm einen Weg, aber als er sich dem schließlich stellen musste, musste er die Praktiken seines Mentors ablehnen und seinen eigenen Weg gehen, wie es

notwendig war. Aber Malcolm war so wichtig, um die Menschen zu revolutionärem Denken zu bewegen, dass er, als er nach Afrika und in andere Teile der Welt ging, zurückkam und über sozialistische Revolutionen sprach. Er brachte Botschaften zurück, die besagten, dass die Menschen sich mehr in Richtung Sozialismus bewegten und sich vom Kapitalismus entfernten. Und das war wichtig für uns zu wissen, denn die meisten von uns dachten nicht darüber nach. Wir wollten nur den Rassismus loswerden, aber er brachte uns dazu zu sehen, dass es eine Verbindung zwischen Rassismus und Kapitalismus gibt, dass man das eine nicht loswerden kann, ohne das andere loszuwerden. Also war Malcolm wirklich wichtig. Wenn die beiden in einer Art Einheit zusammengekommen wären, wissen wir nicht, wie es den Verlauf unseres Kampfes verändert hätte, aber damit können wir jetzt nicht leben, wir müssen einfach von ihnen lernen und weitergehen und aus unseren eigenen Fehlern lernen und vorwärts gehen und herausfinden, wie wir gewinnen werden. Sie sind tot, alles liegt jetzt an uns, die Zukunft liegt an uns, aber ihre Leben sind immer noch hier, nahe bei uns.

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Wenn es etwas gibt, von dem du denkst, dass es ein entscheidendes Lernen in deiner Zeit bei den Panthers war, was ist es?

Das wäre meine Zeit im Gefängnis, etwa 12 Jahre lang. Die ganze Zeit über verwandelst du das Gefängnis in eine Universität; du musst nachdenken, du musst über die Vergangenheit reflektieren. Es half mir, die Stärken und die Schwächen der Black Panther Party (BPP) zu sehen. Und ich denke, dass beides für mich bis heute entscheidend ist, weil ich denke, dass sie auch heute noch relevant sind. Die Stärke der BPP war, dass wir bereit waren, über die Revolution nachzudenken. Wir verstanden die Rolle von Kritik und Kampf und wir waren bereit, mit Programmen in unsere Gemeinschaften zu gehen. Wir waren nicht die intellektuellen Typen, die nur intellektuell zueinander waren, tagein, tagaus. Wenn du etwas hast, von dem du denkst, dass es gut ist, setzt du es in die Praxis um. Die Praxis wird dir sagen, ob es funktioniert oder nicht. Wenn nicht, gehst du zurück zum Zeichenbrett.

Ich denke, die Schwächen der BPP waren, dass wir jung waren, dass unser Feind sehr erfahren war und dass wir kein starkes, wie man es nennen könnte, "Dekolonisierungsprogramm" hatten, während wir diese Arbeit in unseren Gemeinschaften machen, während wir unsere Feinde bekämpfen, dass wir bewusst versuchen, dieses System aus unseren Körpern und aus unseren Köpfen und aus unseren intimsten Beziehungen herauszuarbeiten. Denn ich denke, das sind die Bereiche, die unsere Feinde nutzen, um uns zu Fall zu bringen: der Sexismus, der Autoritarismus, die Ängste vor der Freiheit, die Ängste vor dem Tod, all diese Dinge. Wir hatten keine Möglichkeiten, mit diesen Bereichen umzugehen und ich denke, das hat uns sehr geschwächt.

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Du sprichst über die innige Beziehung zwischen Kapitalismus und Rassismus, Sexismus und anderen Arten von Unterdrückung... Ich denke, das ist eine schwierige Frage, denn sie sind nicht unbedingt immer auf sehr offensichtliche Weise miteinander verbunden. Glaubst du also, dass es eine einzige Hauptverbindung zwischen ihnen gibt? Wie interagieren sie innerhalb eines kapitalistischen Rahmens? Wie kannst du ein Programm zur Beendigung der Ausbeutung zusammenbringen und gleichzeitig alle Arten von Unterdrückung beenden, was das Hauptziel des Anarchismus ist?

Im Gefängnis habe ich viel über revolutionäre und feministische Psychologie gelesen, über Kritische Theorie, die viel über Autoritarismus vermittelte und viele der Autor*innen waren jüdische Personen, die in Konzentrationslagern eingesperrt waren. Aber was mir geholfen hat zu verstehen, und das geht zurück auf Frantz Fanon, ist, dass Unterdrückung verinnerlicht wird, dass du nicht nur ein System da draußen, außerhalb von dir, bekämpfst, wie wenn die Anarchist*innen sagen "du musst den Cop in deinem Kopf töten". Das kapitalistische System ist auch in dir drin. So denke ich, dass eine der wichtigsten Lektionen, während ich im Gefängnis war, das Nachdenken und Reflektieren über die Bewegung war, dass wir Wege finden müssen, das System in uns zu bekämpfen, den Feind in uns, wie er in unseren Beziehungen zum Vorschein kommt. Und ich spreche von Beziehungen im weitesten Sinne, denn es geht nicht nur um familiäre, persönliche, intime, freundschaftliche Beziehungen, sondern auch um deine Beziehungen zu deinen Gefährt*innen und darum, auf welche Art und Weise du Unterdrückungen innerhalb deiner Beziehungen auslebst.

Es ist natürlich wichtig, antisexistisch zu sein, aber wir können nicht nur eine antisexistische verbale Position einnehmen; wir müssen wirklich verstehen, was es mit uns Männern und der Art, wie wir handeln, auf sich hat, das Frauen ausschließt, und Menschen ausschließt, die weniger mächtig sind, weil es auch Kinder ausschließt und es auch zu einer altersbezogenen Sache wird. Wenn wir sagen, dass wir die weiße Vorherrschaft in der Gesellschaft beenden wollen, sieht man oft alle ethnischen Gruppen, die nicht Teil der weißen Ethnie sind, als minderwertig an, aber man ist sich dessen vielleicht nicht bewusst, man tut es unbewusst. Wenn wir also eine Organisation gründen, selbst die einfachste Art von Organisation, eine Hilfsorganisation auf Gegenseitigkeit, müssen wir uns bewusst sein, was wir innerhalb dieser Organisation miteinander tun, die das System, das wir zu Fall bringen wollen, aushebelt. Wenn ich also in einer Organisation mit Frauen bin, möchte ich mir meines Sexismus bewusst sein. Wenn ich in einer Organisation bin, die ethnisch gemischt ist, möchte ich mir bewusst sein, wer in dieser Gruppe historisch gesehen still war. Wenn ich in einer Organisation bin, in der es queere Menschen gibt, möchte ich sehr darauf achten, was ich tue, wenn ich keine queere Person bin, was diese Person ausschließt und sie sich unsicher fühlt. Denn als Anarchist möchte ich in

Organisationen sein, die in irgendeiner Weise die Welt schaffen, die wir wollen. Wenn ich also meine Kinder erziehe, will ich sie nicht traditionell erziehen, so wie meine Eltern mich erzogen haben... Ich möchte sehr vorsichtig sein, dass ich sie so frei wie möglich erziehe, egal wie verrückt das manchmal sein mag, aber ich möchte sicherstellen, dass ihre Individualität und Initiative respektiert wird. Ich werde vorsichtig sein, ich bin der Elternteil. Aber ich werde auch darauf achten, dass ich sie nicht dazu bringe, mir einfach zu gehorchen, als autoritäre Vorbereitung auf die Welt, in die wir sie loslassen werden. Wir wollen antiautoritäre Kinder großziehen, wir wollen Kinder großziehen, die eine tiefe Liebe und Respekt für das Leben haben. Und gleichzeitig müssen wir dieselben Dinge in uns selbst wiederfinden, denn wir merken nie, wie sehr wir sie verloren haben.

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Wie denkst du, dass Anarchist People of Colour eine positive Rolle spielen kann, um diese Bewegung, von der du sprichst, zu einer lebendigen Realität zu machen?

Ich denke, APOC will zwei Dinge tun: wir wollen weiße Anarchist*innen und Anarchist*innen im Allgemeinen dazu drängen, ihr Verständnis von Unterdrückung und befreienden Praktiken zu vertiefen. Aber auch innerhalb unserer Gemeinschaften wissen wir, dass wir uns mit einigen Unterdrückungen auseinandersetzen müssen, mit denen sich andere Leute nicht unbedingt auseinandersetzen müssen: Zum Beispiel muss ich mich in der Schwarzen Gemeinschaft mit dem geringen Selbstwertgefühl meiner Gemeinschaft auseinandersetzen, die eine Geschichte von vierhundert Jahren Versklavung hat und in der jede amerikanische rassistische Institution darauf ausgerichtet ist, uns von dem Moment an, in dem wir geboren werden, herabzusetzen. Das macht meinen Kampf in vielerlei Hinsicht zu einem nationalen Kampf, weißt du, denn es gibt bestimmte Dinge, die wir tun müssen, um unser Selbstwertgefühl zu steigern und wir müssen sehen, dass wir uns selbst organisieren können, ohne dass Weiße involviert sind. Gleichzeitig sind wir immer offen für jede Art von Koalitionsarbeit mit anderen Gruppen, mit weißen Gruppen.

Ich denke, auch in den USA können wir als Anarchist*innen of Color den Weg weisen, indem wir uns der Unterdrückung, die wir auf andere Menschen ausüben, sehr bewusst sind. Wir versuchen also, uns der Unterdrückung von Frauen, queeren Menschen und jungen Menschen bewusst zu sein. Wir scheinen eher in unseren Gemeinschaften aktiv sein zu wollen, wir scheinen eher das Gefühl zu haben, dass wir mit dem Rücken zur Wand stehen, so dass wir nicht auf all die Schutzmechanismen zurückgreifen können, die andere Gruppen haben mögen. Aber wir wollen, dass andere Gruppen, besonders weiße Gruppen, wissen, dass, wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen, unsere Taktik und Strategie an manchen Stellen aggressiver sein kann. Aber was auch immer sie sein mögen, wir wollen die Unterstützung unserer weißen

Gefährt*innen. Wir wollen nicht, dass die intellektuell Privilegierten in einer Position sind, in der sie sagen: "Nun, wir mögen nicht, was ihr tut, also werden wir euch nicht unterstützen; wir mögen nicht, dass ihr versucht, die Polizei davon abzuhalten, euch auf den Straßen mit Waffen niederzuschießen, indem ihr euch bewaffnet". Wir wollen, dass sie verstehen, dass wir, was auch immer wir entscheiden zu tun, Köpfchen haben, wir sind intelligent wie jede*r andere und wir können unseren eigenen Weg finden.

Einiges davon sollten sie aus dem Studium der Befreiungsbewegungen der Vergangenheit gelernt haben und das ist, dass jeder Mensch ein Recht auf Selbstbestimmung hat, dass jedes Volk respektiert werden muss und seinen eigenen Weg finden kann, ob sie nun den Vorschriften oder dem Verständnis anderer Gruppen entspricht oder nicht. Jede Form der freien Gesellschaft wird nicht gleich sein, aber wir hoffen, dass jede freie Gesellschaft eine ist, die es keiner kleinen Gruppe erlaubt, die Masse der Menschen wieder in die Lage zu versetzen, ausgebeutet oder unterdrückt zu werden. Aber ich stelle mir eine Gesellschaft vor, die es Moslems, Christ*innen, Hindus, Biker*innen, was auch immer, erlaubt, ihre eigenen Gesellschaften zu schaffen und trotzdem Teil der gleichen Gemeinschaft zu sein und dass wir die Ressourcen auf eine respektvolle Art und Weise nutzen, die niemanden benachteiligt, weil wir vielleicht über einem Uran- oder Ölfeld leben... wir können über diese Dinge nachdenken, aber wir wollen nicht in einer Position sein, in der diejenigen, die meinen, alle intellektuellen Erkenntnisse über eine bestimmte Sache zu haben, uns sagen können, was zu tun ist.

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Wie du sagst, gibt es viele Kämpfe, wie z.B. den nationalen Befreiungskampf, die viele Leute abtun, weil sie nicht unbedingt in dieses perfekte Schema passen, wie ein anarchistischer Kampf aussehen sollte, aber sie sind nicht bereit, mit den Leuten zu gehen, um zu sehen, wie weit wir gehen können... Ich habe das Gefühl, dass du viele Themen zu Gemeinschaftskämpfen und Widerstand sehr gut abgedeckt hast, aber ich würde gerne wissen, ob du noch etwas hinzufügen möchtest, um das Interview abzuschließen, da du weißt, dass es von Gefährt*innen in vielen Kontinenten gelesen werden wird?

Ich möchte mich nur für die Möglichkeit bedanken, mit den Gefährt*innen von hier bis Brasilien zu sprechen... Ich denke, das Wichtigste ist, dass die Leute verstehen, dass der Anarchismus lebendig sein muss, offen für Veränderungen, wenn er jemals relevant sein soll... er muss wie Jazz sein. Ich spreche oft vom amerikanischen Jazz. Jazz kommt aus den afrikanischen Gemeinschaften, die in den USA ganz unten sind, wo wir in der Lage waren, nichts zu nehmen und etwas zu schaffen. Offensichtlich kommen ein Teil der europäischen Erfahrung und ein Teil der Schwarzen Erfahrung zusammen und erschaffen diese Sache, die man Jazz nennt und die Improvisation ist. Weißt du, für mich ist das nichts

anderes als Anarchie. Die Menschen in der anarchistischen Bewegung müssen verstehen, dass der Anarchismus überall auf der Welt und in der ganzen Geschichte verschiedene Formen annimmt, egal ob sie den Namen benutzen oder nicht. Wenn wir uns darauf versteifen, ob sich eine Gruppe öffentlich als anarchistisch identifiziert oder nicht, sind wir nicht anders als die Christ*innen und die Nationalist*innen und andere, die wir so schnell abtun. Ich komme aus einer Baptistenfamilie und ich sage den Leuten, dass ich der Kirche nahe stehe, auch wenn ich Atheist bin, weil sie sehr gemeinschaftlich ist und das sogar mit dem Pastor. Wenn die Menschen den Anarchismus nicht in ihrem täglichen Leben sehen können, ihn auf viele verschiedene Arten ausleben, wie die Menschen leben und miteinander umgehen, werden wir nie sehen, wie wir den Moment ergreifen können.

Wenn der Moment dadurch ergriffen wird, dass jede*r an einem bestimmten Tag der Krise den Anarchismus von Kropotkin oder Bakunin erklären muss, bedeutet das nichts. Aber wenn wir sehen, dass Menschen ihr Leben in die Hand nehmen können, indem sie einfach an dem festhalten, was sie wirklich jeden Tag ohne Autorität tun, dann werden wir sehen, dass der Anarchismus wahrscheinlich mehr da ist, als wir uns vorstellen können. In Brasilien zum Beispiel gibt es Kämpfe mit den landlosen Bäuer*innen und was die Anarchist*innen dort machen, und in Kolumbien und in Mexiko, in den USA und auf der ganzen Welt bis hierher, wo ich mich in Irland befinde, gibt es täglich Kämpfe, Gemeinschaften, die ihr Leben leben, und man muss erkennen, dass die Aufgabe darin besteht, einen Weg zu finden, all das zusammenzubringen. Aber wir müssen es mit Respekt für die Kämpfe jedes Volkes tun, damit wir nicht das Gefühl haben, dass wir jede Person mit unserer speziellen Interpretation in Einklang bringen müssen. Ich hoffe also, dass ein Generalstreik, wie er hier im Gespräch ist, für mich nicht zu einem anarchistischen Moment werden muss. Ein anarchistischer Moment ist für mich, wenn viele Tausende von Menschen in Irland erkennen, dass die Lösungen für die Probleme Irlands in der Hand der normalen irischen Bevölkerung liegen; dass diejenigen, die Bankiers sind, diejenigen, die Politiker*innen sind, diejenigen, die die Machtpositionen über das irische Volk ausüben, diejenigen sein müssen, die zurückgewiesen werden. Wenn sie das erkennen können, haben die Anarchist*innen ihre Sache gut gemacht. Wenn in den USA, mit Obama als Präsident, wenn die Menschen aus seiner Amtszeit mit dieser Krise, die die USA betrifft, herauskommen und einfach sehen, dass die Macht beim Volk liegt, wird das ein anarchistischer Moment sein. Es wird das sein, was wir tun müssen, wie Malatesta sagte: es ist nicht wichtig, dass jede Person deiner Organisation beitritt, aber es ist wichtig, dass wir das Bewusstsein unter den Menschen wecken, dass sie ihre eigenen Befreier*innen, ihre eigene Führung, ihre eigene Autorität sein müssen und Bedingungen schaffen, wo nie, nie wieder, einige Leute, wegen des Geldes, wegen des Militärs oder der Politik unser Leben kontrollieren können.

An meine Gefährt*innen

Michael Kimble

Gefährt*innen, ich hoffe, es geht euch allen gut und ihr leistet weiterhin Widerstand gegen die Auswüchse dieses räuberischen Systems der Sklaverei, Ausbeutung und Unterdrückung. Mir geht es gut, obwohl ich in letzter Zeit einige harte Zeiten hatte. Aber ich lebe und bin im Widerstand und finde darin Trost, zusammen mit all dem, was da draußen passiert. Gefährt*innen, von all den Infos, die ich in die Hände bekommen habe, scheint es ein erhöhtes Niveau des Kampfes und der Bewegungsbildung in den Schwarzen Kolonien in den ganzen USA gegen Polizeigewalt, Rassismus, weiße Vorherrschaft zu geben, und es hat nicht lange gedauert, bis diese Bewegung in den Kinderschuhen die Verbindung zwischen den oben genannten Übeln der kapitalistischen US- Gesellschaft und der Masseninhaftierung von Schwarzen und Braunen hergestellt hat. Ein Teilnehmer einer neuen Formation verschiedener Organisationen/Kollektive namens Third World Resistance (TWR) machte die folgende Aussage während einer #ReclaimMLK-Demo in Oakland: "Es ist wirklich ermächtigend zu sehen, wie sich unsere Gemeinschaften gegen die gewaltsame Polizeiarbeit gegen Schwarze Menschen erheben. Aber wir müssen auch genauso wütend sein über die Gewalt, die schwerer zu sehen ist, die Gewalt unserer Leute, die in Käfigen verschwinden. Dieses Land, das mehr Menschen einsperrt als jedes andere, trägt dazu bei, dass jenseits seiner Grenzen noch mehr eingesperrt werden, indem es Taktiken und Modelle der Unterdrückung exportiert und mit unterdrückerischen Regierungen teilt."

Verbindungen, die ganze Matrix zwischen dem Gefängnisindustriekomplex, weißer Vorherrschaft, Business, Herrschaft, Kontrolle und Ausbeutung, etc. Das ist es, wonach wir suchen und was wir in einer klaren Sprache erklären müssen. Das ist der Punkt des Angriffs. Nach allem, was da draußen passiert, fange ich wirklich an zu glauben, dass wir vielleicht noch zu unseren Lebzeiten die Zerstörung des Leviathans erleben und in den Ruinen der Zivilisation tanzen werden. Und es macht sich in den Gefängnissen bemerkbar. Wird es sich in Taten umsetzen lassen? Wer kann das schon sagen? Aber die Sklav*innen werden hier drinnen unruhig. Unruhiger. Die Drogen, das Fernsehen, der Sport, die Gangs, etc. können nicht ewig die Ablenkung aufrechterhalten. Die Menschen können nicht so unterdrückt werden, dass sie sich nicht in irgendeiner Weise wehren können. Und ihr solltet alle wissen, dass Gefangene wirklich erfinderisch sind. Ich fasse mir ein Herz aus den Rebellionen, die überall auf der Welt stattfinden, nicht nur in den USA. Die einzige Freiheit liegt heute, jetzt, im Kampf und im aggressiven freien Handeln.

Die Zukunft des Anarchismus in Afrika

Sam Mbah

Anarchismus im Weltkontext

Die Perspektiven des Anarchismus auf dem afrikanischen Kontinent sind letztlich untrennbar mit der Zukunft des Anarchismus weltweit verbunden. Aufgrund seiner internationalistischen Perspektive und Plattform muss die Zukunft des Anarchismus in einem globalen Kontext bewertet werden; jeder Versuch, ihn zu lokalisieren, wird zwangsläufig zu einem verzerrten Ergebnis führen. Die Hindernisse für den Anarchismus sind im Großen und Ganzen global, nur ihre Besonderheiten werden durch lokale Umstände bestimmt, wie es in Afrika der Fall ist. Die Krisen des Kapitalismus und in letzter Zeit des marxistischen "Sozialismus" weltweit haben, historisch gesehen, die Zukunft des Anarchismus gesichert. Marx' verheerende Kritik am Kapitalismus als Produktionsweise ist heute insgesamt noch genauso gültig wie zu der Zeit, als Marx selbst sie zum ersten Mal losließ. Aber die bewundernswerte Logik und systematische Herangehensweise des Marxismus ist letztendlich durch die inneren Widersprüche des Marxismus zunichte gemacht worden.

Die offenkundige Anhänglichkeit des Marxismus an das Staatssystem und seine Strukturen ist, wie die Erschütterungen in der Sowjetunion, Osteuropa, Afrika und Asien deutlich gezeigt haben, ein fundamentaler Fehler. Sie hat die erklärten Ziele des Marxismus (Freiheit, Sozialismus und eine klassenlose Gesellschaft) zum Gespött gemacht. Die Tatsache, dass es immer noch ein paar autoritäre staatssozialistische Vorposten gibt — China, Nordkorea und Kuba — widerlegt diese Schlussfolgerung nicht. Zwei Ergebnisse scheinen in diesen Nationen sehr wahrscheinlich: ein Zusammenbruch der staatssozialistischen Ideologie und des Systems, wie es in Osteuropa geschah, da diese Staaten ihre Fähigkeit verlieren, aus eigener Kraft durchzuhalten (Kuba, Nordkorea); und eine Transformation vom Staatssozialismus zum Staatskapitalismus — ja, zu einem System mit bemerkenswerten Ähnlichkeiten zum Faschismus italienischer Prägung (China).

So oder so, der Staatssozialismus ist, wie der Kapitalismus, dem Untergang geweiht. Im Laufe der Geschichte war die allgemeine Tendenz in der

Entwicklung der menschlichen Gesellschaft in Richtung sozialer Gleichheit und größerer individueller Freiheit. Das Tempo scheint quälend langsam zu sein und es gab unzählige Rückschläge, aber der allgemeine Trend ist unbestreitbar. Veränderung war die einzige Konstante in dieser Entwicklung, und sie wird mit ziemlicher Sicherheit auch in Zukunft die einzige Konstante sein. Angesichts der endemischen und unlösbaren Krisen sowohl des Kapitalismus als auch des Staatssozialismus muss der nächste Schritt der Menschheit fast zwangsläufig in Richtung größerer individueller Freiheit und größerer sozialer Gleichheit gehen

— das heißt, in Richtung Anarchismus.

Der marxistische "Kommunismus" ist ein gescheitertes Experiment. Er hat die Güter (Freiheit, soziales Wohlergehen und soziale Gleichheit) einfach nicht geliefert; und angesichts seiner Geschichte im 20. Jahrhundert scheint es offensichtlich, dass er die Güter nicht liefern kann. Genauso wenig wie der Kapitalismus, einschließlich der Laissez-faire-Variante, von der die amerikanischen "Libertären" so begeistert sind. Die bloße Abschaffung des Staates unter Beibehaltung einer kapitalistischen Wirtschaft würde Hierarchie, Herrschaft und die Klassenstruktur nicht beseitigen. Es würde und könnte nicht zu einer wirklich positiven Freiheit führen. Das Beste, was es hervorbringen könnte, wäre eine etwas größere Freiheit von äußerer Einmischung.

Vor fast einem Jahrhundert definierte Emma Goldman "positive Freiheit" als die "Freiheit zu tun". Solange grobe Ungleichheiten in der Verteilung von Wohlstand und Einkommen bestehen, scheint es offensichtlich, dass diese positive Freiheit nur für eine kleine Anzahl von Individuen sinnvoll existieren wird — und soziale Gleichheit eine Illusion bleibt. Natürlich ist die positive Freiheit eine relative, keine absolute Freiheit; das Beste, was wir anstreben können, ist eine gleichberechtigte positive Freiheit. Und das können wir in keiner Form des Kapitalismus erreichen. So hat der marxistische "Sozialismus" gleichberechtigte positive Freiheit versprochen (aber nicht geliefert), während er die "negativen" Freiheiten (Freiheit von Zwang) brutal unterdrückte; und der Kapitalismus hat nur stark eingeschränkte negative Freiheiten geliefert. Und er denkt nicht einmal über gleichberechtigte positive Freiheit nach.

Die Menschheit kann es besser machen.

Der afrikanische Zustand

Afrika liegt heute am Boden, blutet und ist an allen Fronten umkämpft, ein Opfer kapitalistischer und zu einem großen Teil auch staatssozialistischer Ambitionen. Das herzzerreißende Elend seiner Völker, die Bedingungen von bitterer Armut, Elend und Krankheit, in denen sie leben, existieren Seite an Seite mit dem schamlosen Luxus, der Raffgier und der Korruption seiner Führenden. Das Elend der überwältigenden Mehrheit ist das Ergebnis des Reichtums einiger weniger, deren Würgegriff über die gesellschaftlichen Produkte und Ressourcen

in Verbindung mit der Macht des internationalen Kapitals ihnen die virtuelle Macht über Leben und Tod der Mehrheit verleiht.

Als Mittelsmänner und Auftragsvermittelnde für multinationale Konzerne, die Verträge und Lizenzen vergeben, eignet sich die lokale Geschäftsklasse mit Hilfe des Staates den sozialen Überschuss Afrikas an. Während die lokale Geschäftsklasse im Vergleich zum Rest der Bevölkerung sehr privilegiert ist, befindet sie sich im Verhältnis zum ausländischen Kapital in einer unterwürfigen Rolle; dies ist natürlich ein Ergebnis der Beibehaltung der kolonialen Wirtschaftsstruktur in der postkolonialen Zeit. Dies geht einher mit Zwang und massiver Unterdrückung jeglicher Form von Protest der armen Mehrheit. Die Löhne in Afrika gehören zu den schlechtesten überhaupt; sie sind so niedrig, dass sie kaum den Lebensunterhalt garantieren können. Und die gezahlten Sklav*innenlöhne sind ständig "im Rückstand" und werden monatelang nicht bezahlt.

Die Situation in den selbsternannten "sozialistischen" Staaten ist auch nicht besser. Die herrschenden sozialistischen Parteikader und der Staat sind im Grunde genommen zu einer Einheit verschmolzen. Der Nettoeffekt ist, dass der Prozess der ursprünglichen Akkumulation (zum Nutzen einer kleinen Minderheit) noch schneller voranschreitet als in offen kapitalistischen Staaten. Weil die lokale kapitalistische Klasse schwach und vom ausländischen Kapital abhängig ist — und somit der Staat relativ stärker ist als in entwickelten kapitalistischen Ländern — und weil in "sozialistischen" afrikanischen Ländern der Staat der alleinige Eigentümer der Produktionsmittel ist, ist der Kampf um die Staatsmacht in Afrika heftig, oft sogar rücksichtslos. Das erklärt die Leichtigkeit und Regelmäßigkeit, mit der sich afrikanische Politiker, einmal an der Macht, über Nacht in stramme Herrschende und Präsidenten auf Lebenszeit verwandeln, unempfindlich gegen die sich verschlechternden sozioökonomischen Bedingungen ihrer Länder.

Auf globaler Ebene ist die Beziehung zwischen Afrika und dem Rest der Welt durch ungleichen Austausch und Ausgrenzung gekennzeichnet. Der Prozess funktioniert folgendermaßen: Afrika wird die Produktion von Rohstoffen und Primärgütern zu billigen Preisen überlassen, während es für Fertigwaren und Produkte zu exorbitanten Preisen zahlt. Aufgrund dieses ungleichen Austauschs sind die afrikanischen Nationen Schuldnernationen, die auf externe Kredite zurückgreifen müssen. Das Ergebnis ist, dass die afrikanischen Nationen südlich der Sahara derzeit mit weit über 300 Milliarden Dollar verschuldet sind. Dies fordert natürlich seinen Tribut von den nationalen Volkswirtschaften. Durchschnittlich 40% aller Deviseneinnahmen fließen jährlich in den Schuldendienst und lassen wenig oder nichts für die Entwicklung übrig.

In den 1980er Jahren brachen die Volkswirtschaften auf dem gesamten Kontinent zusammen. Als Antwort darauf formulierten die Industrieländer unter der Obhut des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank eine Strukturanpassungspolitik der verbrannten Erde (SAP), die sie den meisten afrikanischen Ländern aufzwangen. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels wurden 35 afrikanische Länder seit 1985 gezwungen, das Programm zu übernehmen. Es beinhaltet eine drastische Abwertung der nationalen Währungen, die Einführung von "Marktreformen" und die Deregulierung der nationalen Volkswirtschaften, einschließlich der Privatisierung von staatlichen Industrien und Unternehmen. In den 1990er Jahren hat sich die Situation weiter verschlechtert. Negative Wachstumsraten sind an der Tagesordnung, ebenso wie Arbeitslosigkeit, dreistellige Inflationsraten, sinkende Auslastung der Produktionskapazitäten und eine steigende Kriminalitätsrate. Und diejenigen, die diese Last tragen, sind vor allem die Armen, Arbeiter*innen und Bäuer*innen. Viele Ökonom*innen, auch kapitalistische Ökonom*innen, sind sich einig, dass die Schuldenlast Afrikas faktisch unbezahlbar ist.

Vor diesem Hintergrund sind Teile Afrikas in Gewaltorgien ausgebrochen, die effektiv den Beginn des Zusammenbruchs des modernen nationalstaatlichen Systems auf dem Kontinent bedeuten; und der Aufstieg einer neuen, wütenden Generation während dieses Chaos ist ein wichtiger Faktor dafür, wie und in welche Richtung die gegenwärtige Krise gelöst wird. Wie sehr wir auch die Ereignisse in Liberia, Somalia, Ruanda, Sierra Leone, Äthiopien, Mosambik, Angola, Sudan, Algerien und nicht zuletzt Nigeria und Zaire wegdiskutieren wollen, Tatsache ist, dass sie ihre Wurzeln im staatskapitalistischen System und in den sozialen und ökonomischen Beziehungen haben, die es hervorbringt. Das moderne nationalstaatliche System hat, wie zuvor das System des Reichsstaates, in Afrika versagt, wie es auch im Rest der Welt versagt hat.

Anarchismus und die nationale Frage in Afrika

Die vielleicht wichtigste Frage beim Zusammenbruch des modernen Nationalstaates ist die "nationale Frage", auch "Selbstbestimmungsrecht" genannt. Die Debatte dreht sich um die Rechte verschiedener ethnischer Gruppen auf autonome soziokulturelle Entwicklung innerhalb bestimmter Staaten. Die nationale Frage ist für Afrika angesichts der Heterogenität innerhalb seiner Teilstaaten von besonderer Relevanz. Viele zivile Konflikte auf dem Kontinent wurden direkt oder indirekt auf das Fehlen homogener Bevölkerungen zurückgeführt. Das Problem wird durch die Lösungen, die sowohl der Kapitalismus als auch der Staatssozialismus anbieten, noch verschärft: Das eine bietet Individuen und Gruppen Freiheit ohne Gleichheit, das andere Gleichheit ohne Freiheit. Beiden Systemen gemeinsam ist jedoch ein lautstarker Appell an den Patriotismus, ein Konzept, das Bakunin verächtlich als das vereinte Interesse der privilegierten Klasse abtat. [Hinter patriotischen Appellen versteckt, zwingt der Staat in Afrika seinen Untertanen

Ungerechtigkeiten und Elend auf, wie er es natürlich auch überall sonst tut. Und der Patriotismus erzeugt ein falsches Bewusstsein — in dem die Individuen direkt gegen ihre eigenen Interessen handeln — das es den Individuen erlaubt, die Ungerechtigkeit und das Elend, die durch das staatliche System verursacht werden, zu dulden, ja zu unterstützen. Der Staat, in Bakunins Worten, "zügelt, verstümmelt, tötet die Menschlichkeit in [seinen Untertanen], so dass ... sie sich niemals über die Stufe des Bürgers hinaus auf die Stufe eines Menschen erheben werden."

Die kapitalistische Demokratie und der Staatssozialismus haben beide den höchsten Grad an verschärfter racialer und nationaler Unterdrückung erreicht. Die marxistische Unterstützung für das Prinzip der nationalen Selbstbestimmung ist ebenso illusorisch wie die kapitalistische Unterstützung der individuellen Freiheit. G.P. Maximoff erläutert dies: "Nationale Rechte sind kein Prinzip an sich, sondern eine Folge des Prinzips der Freiheit. Keine Nation oder Nationalität, als ein natürlicher Zusammenschluss von Individuen auf der Basis einer gemeinsamen Sprache, kann innerhalb der Grenzen einer kapitalistischen Umgebung und staatlichen Organisation geeignete Bedingungen für ihre normale Entwicklung finden. Stärkere Nationen erobern die schwächeren und setzen alles daran, sie durch künstliche Assimilation zu zerstückeln. Aus diesem Grund ist die nationale Herrschaft ein ständiger Begleiter des Staates und des Kapitalismus." Die nationale Frage in Afrika ist also nur ein Bestandteil des Hauptproblems — nämlich die Erlangung von wahrer Freiheit und Gleichheit. Die "nationale Frage" ist also peripher zu den wirklichen Interessen der Arbeiter*innenklasse und der Bäuer*innen Afrikas. Solange der Kapitalismus und das Staatssystem existieren, bedeutet die "Selbstbestimmung" der Nationalitäten wenig. Maximoff stellt fest, dass ohne grundlegende Veränderungen "das Recht einer Nation auf 'Selbstbestimmung' und auf unabhängige souveräne Existenz nichts anderes ist als das Recht der nationalen Bourgeoisie auf die unbegrenzte Ausbeutung ihres Proletariats."

Nichtsdestotrotz ist der Anarchismus in keiner Weise gegen die Rechte unterdrückter Nationalitäten oder ethnischer Gruppen in Afrika oder anderswo. Aber der Anarchismus steht über den beschränkten und kleinlichen Ambitionen, die mit dem Streben nach nationaler Selbstbestimmung verbunden sind. Anarchist*innen sehen Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit als höhere Ziele als nationale Interessen, und der Kampf für diese höheren Ziele muss notwendigerweise international sein. Der Punkt ist natürlich, dass der Staat, jeder Staat ein Feind dieser Ziele ist. Maximoff erklärt: "Nationen, die ihr Selbstbestimmungsrecht erlangen und zu Staaten werden, beginnen ihrerseits, ihren eigenen untergeordneten Minderheiten nationale Rechte zu verweigern, ihre Sprachen, ihre Wünsche und ihr Recht, sie selbst zu sein, zu verfolgen. Auf diese Weise bringt die 'Selbstbestimmung' der betroffenen Nation nicht nur nichts von der inneren Freiheit, an der das Proletariat am meisten interessiert

ist, sondern löst auch das nationale Problem nicht. Im Gegenteil, sie wird zu einer Bedrohung für die Welt, da Staaten immer danach streben müssen, auf Kosten ihrer schwächeren Nachbarn zu expandieren."

Aus diesem Grund lehnt der Anarchismus jeden Versuch ab, die nationale Frage im Rahmen des Staatssystems zu lösen. Maximoff argumentiert: "Eine wirkliche und vollständige Lösung wird nur unter den Bedingungen der Anarchie möglich sein, in einem Kommunismus, der von der Freiheit des Individuums ausgeht und durch die freie Assoziation von Individuen in Kommunen, von Kommunen in Regionen und Regionen in Nationen erreicht wird — Assoziationen, die in Freiheit und Gleichheit begründet sind und eine natürliche Einheit in der Pluralität schaffen."

Anarchist*innen fordern die Befreiung aller bestehenden Kolonien und unterstützen die Kämpfe für nationale Unabhängigkeit in Afrika und auf der ganzen Welt, solange sie den Willen der Menschen in den betreffenden Nationen ausdrücken. Allerdings bestehen Anarchist*innen auch darauf, dass die Nützlichkeit der "Selbstbestimmung" sehr begrenzt sein wird, solange das Staatssystem und der Kapitalismus — einschließlich des marxistischen Staatskapitalismus — beibehalten werden. Die Implikationen für Afrika sind unmittelbar offensichtlich. Eine praktikable Lösung für die unzähligen Probleme, die die nationale Frage in Afrika aufwirft, wie z.B. die innerstaatlichen Bürgerkriege, ist nur außerhalb des Kontextes des Staatssystems realisierbar. Dies erfordert die Zerstörung des Staatssystems, sowie internationale Solidarität und revolutionäre Aktionen. Die Abschaffung des Staatssystems ist ein langfristiges Ziel, das schwer zu erreichen sein wird, aber es ist definitiv besser als der anhaltende mechanistische Ansatz, der sich in der Schaffung einer Vielzahl von nicht lebensfähigen Nationalstaaten auf dem gesamten Kontinent ausdrückt.

Anarchismus — Der Weg nach vorne für Afrika

Die Relevanz des Anarchismus für die menschliche Gesellschaft ist nirgends so offensichtlich wie in Afrika. In Anbetracht der vielen Probleme, mit denen die Völker Afrikas konfrontiert sind, der lähmenden sozioökonomischen Bedingungen, unter denen eine große Mehrheit von ihnen lebt, und des insgesamt wirtschaftlich benachteiligten Status Afrikas gegenüber den anderen Kontinenten, ist der Anarchismus wirklich das einzige befreiende Konzept, das in der Lage ist, den "dunklen Kontinent" in eine wirklich zukunftsweisende Richtung zu lenken. Die Dinge sind schon zu lange aus dem Ruder gelaufen; nur eine drastische Kur kann eine zunehmend wütende, verbitterte und unruhige Bevölkerung befriedigen, die sich von Kapstadt bis Kairo erstreckt. Zu den Bedingungen gehören das scheinbar endemische Problem ethnischer Konflikte auf dem gesamten Kontinent, die anhaltende politische und wirtschaftliche Marginalisierung Afrikas auf globaler Ebene, das unsägliche Elend von etwa

90% der afrikanischen Bevölkerung und in der Tat der anhaltende Zusammenbruch des Nationalstaates in vielen Teilen Afrikas.

Angesichts dieser Probleme ist eine Rückkehr zu den "anarchischen Elementen" im afrikanischen Kommunalismus praktisch unvermeidlich. Das Ziel einer selbstverwalteten Gesellschaft, die aus dem freien Willen der Menschen entsteht und frei von autoritärer Kontrolle und Reglementierung ist ebenso attraktiv wie langfristig machbar. Auf globaler Ebene befindet sich die menschliche Zivilisation in einer Übergangsphase, die durch den Zusammenbruch des marxistischen "Sozialismus" und die offensichtlich unüberwindbare Krise des Kapitalismus und des Staatssystems hervorgerufen wurde.

Wohin gehen wir also von hier aus? Wie wir bereits erwähnt haben, wurden alle Fortschritte in der Menschheitsgeschichte bis zu diesem Punkt durch das Streben der Menschheit nach Freiheit und menschlicher Solidarität möglich gemacht. Da dieses Verlangen ein natürlicher Instinkt zu sein scheint und als solcher nicht so bald verschwinden wird, folgt daraus, dass die weitere Entwicklung der Gesellschaft in Richtung Freiheit, Gleichheit und Gemeinschaft gehen wird.

Der Prozess der anarchistischen Transformation in Afrika könnte sich als vergleichsweise einfach erweisen, wenn man bedenkt, dass es in Afrika keine starke kapitalistische Grundlage, keine gut entwickelten Klassenformationen und Produktionsverhältnisse und kein stabiles, gefestigtes Staatssystem gibt. Was für den Moment notwendig ist, ist ein langfristiges Programm des Aufbaus eines Klassenbewusstseins, relevanter Bildung und einer verstärkten individuellen Beteiligung an sozialen Kämpfen. In der Zwischenzeit können sich die Krisen und Veränderungen des Kapitalismus, des marxistischen Sozialismus und des Staatssystems, individuell und kollektiv, nur beschleunigen. Insbesondere für Afrika ist eine langfristige Entwicklung nur möglich, wenn es einen radikalen Bruch mit dem Kapitalismus und dem Staatssystem gibt — den Hauptinstrumenten unserer festgefahrenen Entwicklung und Stagnation. Der Anarchismus ist Afrikas Ausweg.

Nihilistischer Animismus

Aragorn!

Letztlich wird alles, was ich tue, jedes Projekt, alles, was ich aufbaue, jede Beziehung, die ich beginne, scheitern. Auch die Welt, soweit ich Teil von ihr bin, löst sich auf. Dieses Bauen/Zerstören ist mein Ausdruck eines Gefühls, das irgendwo zwischen der protestantischen Arbeitsethik, dem Willen, die Welt mit Anarchie zu überziehen, und einer Haltung gegen die Projekte der Autorität lebt. Ich bin zufrieden, hier zu leben, an diesem instabilen Ort, weiterhin Dinge zu tun, die verwehen werden, sobald das Zentrum nicht mehr hält. Ich bin zufrieden damit, dies Nihilismus zu nennen, nicht weil es das ist, sondern weil unsere Kultur darauf aus ist, Dinge zu benennen und ich darauf, Lemminge von den Klippen ihrer eigenen Schöpfung zu stürzen.

Es gibt eine Strömung, die den Animismus leichtfertig als Lösung für das "Problem der Spiritualität" benutzt. Ich habe Bedenken. Auf der einen Seite profitieren wir von dem Wissen (meist aus anthropologischen Daten) über die scheinbare Parallelität zwischen vielen Völkern (d.h. dass jede Person, in der Vergangenheit, ein*e Animist*in war) und auf der anderen Seite leidet jeder Versuch, Animismus zu praktizieren, entweder darunter, eine Art kulturelle Aneignung zu sein, oder ein künstlicher Stich im Dunkeln, der nicht unmittelbar ein kulturelles Bedürfnis befriedigt und sich peinlich klein anfühlt, verglichen mit der Größe der ganzen Erde.

Es gibt eine schmerzhafte Kluft zwischen dem, ein*e Animist*in zu sein (oder sich selbst so zu nennen) und dem Gefühl der Herrlichkeit der profanen (und heiligen) Dinge um dich herum. Diese Kluft ist enorm. Sie wird durch die monokulturellen Religionen, Zivilisation und Technokratie gefüllt. Diese Dreifaltigkeit erhebt den unwiderstehlichen Anspruch, dass das Heilige tatsächlich durch Rituale, Gesetze und blinkende Lichter erreicht werden kann. Sie behauptet dies mit dem Versprechen der persönlichen Erlösung und dem Potential der privaten Offenbarung durch Priester*innen, urbanes Leben und neuen Handys.

Es ist eine enorme Provokation zu sagen, dass allein am Ufer eines Flusses zu knien und vom Heiligen gereinigt zu werden, ein reiner, unverfälschter Animismus ist. Es mag ein wahrer Moment sein (besonders für jemanden, der von Spektakel und Lügen umhüllt ist), aber es ist kein vollständiger Moment.

Irgendwann packt man die Freizeitausrüstung in den Subaru und fährt wieder nach Hause. Irgendwann später postet man darüber auf Tumblr. Man ist nicht vollständig in diesem Moment, sondern ist stattdessen ein*e Beobachter*in des eigenen Lebens. Dieses Leben kann sich wie eine Reihe von echten Momenten anfühlen, unterbrochen von Lücken der Trennung, die wie das tägliche Leben aussehen. Das Leben kann wie ein Problem sein, das nach der Pensionierung oder was auch immer gelöst werden kann.

Der Animismus begann zu sterben, als die Stadt geboren wurde. Das bedeutet nicht, dass der Drang starb, aber dieser Drang bewegt uns in erster Linie gegen uns selbst und in Richtung Campingtrips, Eschatologie und glaubensbasierte Ansätze für die Krankheiten dieser Welt. Unsere Frage ist, ob vermittelte Erfahrungen die einzigen sind, zu denen wir fähig sind. Wenn das der Fall ist, was wahrscheinlich ist, dann ist unsere Fähigkeit zur Offenbarungsfreude ähnlich eingeschränkt. Wenn wir tatsächlich gebrochen sind, sind wir dann fähig, NICHT gebrochen zu sein? Als Anarchist*innen, die ein Interesse daran haben, wie die Welt funktioniert und wie wir vielleicht als hölzerne Schuhe zu ihr auftreten könnten, sind wir naiv, was knirschende Zahnräder heute bedeuten. Wir denken, dass es genug ist, die Welt zu verändern, ohne zu realisieren, dass das Schleifen von Zahnrädern ein Viertel dessen ist, was die Welt tut. Wir haben einen Drang, aber wenig Weisheit über die unvorhergesehenen Konsequenzen unserer kleinen Strategien. Das ist der Grund, warum wir so hungrig nach der Möglichkeit des Animismus sind, einer spirituellen Praxis, in der Wunsch und Fähigkeit perfekt abgebildet sind.

Der Grund, warum wir dieses Problem nicht wie die kleinen besonderen Schneeflocken, die wir sind, lösen werden, ist genau das. Genauso wie der Monotheismus mit der Täuschung Erfolg hatte, dass er eine persönliche Beziehung zwischen dir und dem Allmächtigen repräsentiert, braucht der Animismus ein soziales Gefüge, außerhalb der zivilisierten Ordnung, um sich warm zu halten. Dieses soziale Gefüge ist nicht so einfach wie das Spielen im Freien mit anderen Kindern, dem Hunger nach Lebenslektionen vom Küchentisch, an dem die Ältesten sitzen und reden, oder Rituale, die dir helfen zu verstehen, dass du ein Teil von etwas Großem bist. Aber man kann sich eine solche Einfachheit vorstellen. Man kann sich ein Leben ohne Bildschirme vorstellen, während es gerade an uns vorbeigezogen ist, aber das ist nur ein Bruchteil dessen, was es bräuchte, um ein ganzes Leben zu leben. Während das Handy selbst heilig und lebendig sein mag, sind die Dinge, die wir auf ihm sehen, profan und gewöhnlich und machen uns gleich.

Auf unfruchtbarem Land versuchen die zukünftigen spirituellen Praktizierenden zu leben. Es sind entbehrungsreiche Leben, ohne Gemeinschaft oder irgendetwas anderes als Fetzen von Informationen darüber, wie andere das gemacht haben, was du versuchst zu tun. In diesem Kontext macht es durchaus

Sinn, dass raciale, alberne oder fantastische Elemente (oft das Gleiche) oft in das unmögliche Vorhaben eindringen. Es ist nicht so, dass wir nicht "zurückgehen" können, es ist nur so, dass es genauso schwierig ist, wie an einen völlig neuen Ort zu marschieren (ob Narnia oder ins Star Wars Universum). Das Neue scheint einfach einfacher zu sein.

Was ich vorschlagen würde, was ein nihilistischer Animismus mit sich bringen würde, wäre eine Anerkennung, dass ein spirituelles Bestreben aus einer geselligen Praxis kommen muss. Das kann ein Gespräch zwischen sieben von uns im Wald sein, oder verschiedene Sets an verschiedenen Orten, aber es muss den Test des Ich/Wir bestehen. Wenn du eine Gruppe von Menschen finden kannst, die bereit sind, die Spannung des Individuiertseins zu reiten, die den großen Schmerz der Kernentfremdung in der modernen Welt durchgemacht haben, während sie die eigenen Erfahrungen in einer Gruppe nicht privilegieren, dann könntest du beginnen. Das würde wie ein langes Warten aussehen, während der Verkehr an dir vorbeizieht, während deine Geräte in deinem Auto beep, bop, beep machen, wenn du andere Dinge tun könntest, damit die Welt um dich herum dir ihre Sprache offenbart. Dies würde nicht schnell passieren. Es würde wahrscheinlich Jahre dauern und dann könnte es eine Reihe von Prinzipien formen, einen Weg zu gehen, der für deine Gruppe von Menschen Sinn machen würde. Das ist der Grund, warum man es sich in dieser Welt nicht vorstellen kann. Der Kontext hat sich zu radikal verschoben, als dass man sich vorstellen könnte, ein Set von Werkzeugen über Jahre hinweg zu bauen, bevor man überhaupt daran denkt, sie zu benutzen. Der Kontext hat sich zu radikal verschoben, als dass man sich vorstellen könnte, etwas so Langfristiges mit Soziabilität zu machen.

Dieses lange Projekt des Lauschens macht keinen Sinn in einer Welt des Verkehrs, der Bildschirme und der Bullshit-Dichotomien wie ich und wir. Aber das ist der Anfang. Erstens, eine Gruppe von Menschen finden, zweitens, eine Sprache finden. Diese Sprache sollte wahrscheinlich keine öffentliche sein, denn die Aufgabe, die als nächstes kommt, ist nur allzu angreifbar. Wir sprechen davon, etwas zu erschaffen, wofür die Geschichte der gegenwärtigen Ordnung mit Genozid, Spott und Parade vor den sabbernden Konsument*innen des modernen Spektakels zu ihrem Vergnügen einen erstklassigen Job geleistet hat. Diese Sprache geheim zu halten wird in einer Welt der sozialen Medien fast unmöglich sein, aber damit ist die Aufgabe noch lange nicht erledigt. Schließlich muss diese Sprache bedeutungsvoll werden. Mit ihr muss eine Gruppe von Menschen, die mehrere Generationen umfassen wird, eine Welt demontieren und neu erschaffen, die nicht unter Monotheismus, Zivilisation und moderner Technologie leidet.

Diese unmögliche Aufgabenstellung, die ich mit dir teile, ist das, was ich am ehesten als empfehlenswerte Praxis vorschlagen würde. Ein der Welt

überdrüssiger Wiederaufbau der Gründe, warum wir überhaupt etwas gemeinsam tun sollten. Eine Praxis, an der ich selbst nicht teilnehmen kann, weil ich durch die gleichen Dinge wie du gebrochen wurde. Mein Geist ist nicht mehr gelenkig genug, um eine neue Sprache zu lernen. Mein Herz ist zu vernarbt, um etwas so Ehrliches mit einer Gruppe neuer Menschen zu tun, und zu erfahren, um es mit den Monstern zu tun, mit denen ich mich umgebe. Tief genug zu gehen, um die Konditionierung und Gewalt dieser Welt zu untergraben, ist einfach unmöglich genug, dass ich mir die Art von Person vorstellen kann, die es versuchen würde, aber ich habe keine Ahnung, was dabei herauskommen wird, selbst im besten Fall.

Ich träume von freien Akteur*innen, die ohne Angst leben. Ich stelle mir Worte vor, die jenseits des Verstehens sprechen. Ich stelle mir die gleichen Ziele vor, die ich ausgedrückt habe, gelebt von Menschen, die sich umeinander kümmern, die über die leere Geselligkeit unserer Zeit lachen, die die entfesselte Anarchie in der Welt sind. Ich stelle mir Verbindungen zur Welt vor, zu denen ich nicht fähig bin. Dieses unmögliche Set von Bedingungen und Möglichkeiten ist der Grund, warum mich ein nihilistischer Animismus überhaupt anspricht. Er benennt Fähigkeiten, die ich nicht habe, in einer Welt, in der ich mir nicht vorstellen kann zu leben. Das ist alles, was man von sich selbst verlangen kann.

Aufbau der Gegenmacht der Schwarzen Arbeiter*innenklasse gegen Staat, Kapital und nationale Unterdrückung

Interview mit Warren McGregor von der Zabalaza Anarchist Communist Front (ZACF) Südafrika

Leroy Maisiri (LM): Zunächst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst und in deinem vollen Terminkalender Platz für mich machst. Bitte beginne mit der Nennung deines Namens und jeglicher politischer Zugehörigkeit, die du zu Organisationen oder Bewegungen innerhalb der Linken hast.

Warren McGregor (WM): Es ist mir ein Vergnügen. Mein Name ist Warren. Ich bin Mitglied der Zabalaza Anarchist Communist Front (ZACF), sowie des Tokologo African Anarchist Collective (TAAC) und identifiziere mich politisch als Anarchist.

LM: Es scheint, als gäbe es derzeit ein neues Interesse an der Bildung einer "Arbeiter*innenpartei" in Südafrika. Einige Leute denken, dass die National Union of Metalworkers of South Africa (NUMSA) das Herz dieser Partei sein wird, angesichts ihrer kürzlichen Trennung von der Dreierallianz des African National Congress (ANC), des Congress of South African Trade Unions (COSATU) und der South African Communist Party (SACP). Andere setzen ihre Hoffnungen auf Formationen wie die neue Workers and Socialist Party (WASP), oder auch auf Julius Malemas Economic Freedom Fighters (EFF). Und viele Menschen haben große Hoffnungen, dass der ANC bei den kommenden

Wahlen von solchen Parteien verdrängt werden kann. Denkst du, dass es in Südafrika eine Arbeiter*innenpartei braucht?

WM: Ob ich denke, dass es einen Bedarf dafür gibt? Nein. Letztendlich muss man sich anschauen, was der Zweck der Arbeiter*innenpartei wäre: Offensichtlich wäre es derselbe wie bei allen anderen Parteien, nämlich auf irgendeine Weise Zugang zur Staatsmacht zu bekommen. Historisch gesehen kommen die Ideen einer Arbeiter*innenpartei als Mittel für die Arbeiter*innenklasse, die Macht zu übernehmen und die Gesellschaft zu verändern, aus der marxistischen Tradition und der Sozialdemokratie, wobei der Wunsch besteht, die Staatsmacht durch revolutionäre oder (heutzutage normalerweise) durch Wahlmittel zu erlangen. Wir Anarchist*innen würden sagen, dass es keine Notwendigkeit für eine Arbeiter*innenpartei gibt. Und dass sie nicht nur hier in Südafrika, sondern weltweit dem Arbeiter*innenkampf sehr abträglich wäre. Grundsätzlich ist für uns als Anarchist*innen die Staatsmacht ein Teil des Problems, warum wir eine ungleiche Gesellschaft haben. Die wirkliche, die hegemoniale Macht, die bereits in der Gesellschaft vorherrscht, ist die Macht der herrschenden Klasse. Mit "herrschender Klasse" meinen wir Anarchist*innen diejenigen, die sowohl in der ökonomischen als auch in der staatlichen Sphäre dominieren. Und wir schließen in die herrschende Klasse die Bosse des Großkapitals ein, aber auch die Bosse des Staates: deine Spitzenpolitiker*innen und diejenigen, die Dinge wie den militärischen Teil des Staates, deine Polizei und die Justiz leiten (alle übrigens nicht gewählt), sowie deine Spitzenbürokrat*innen im Regierungsarm (alle nicht gewählt).

Wir würden sie also zur herrschenden Klasse zählen. Unsere Analyse des Staates beinhaltet die Menschen, die den Staat leiten, als Teil der herrschenden Klasse. Eliten leiten Konzerne, Eliten leiten den Staat. Aufgrund unserer Analyse des Staates betrachten wir den Staat nicht als ein Instrument, das zur Rekonstruktion der Gesellschaft oder zum Aufbau einer gleichberechtigten Gesellschaft verwendet werden kann, und deshalb glauben wir nicht, dass der Sozialismus durch den Staat geschaffen werden kann. Und mit "Sozialismus" meinen wir hier eine klassenlose Gesellschaft und die gleiche Umverteilung von Reichtum und Macht in der Gesellschaft, was eine staatenlose Gesellschaft bedeutet, denn der Staat zentralisiert die Macht. Ich sage immer: Wenn wir eine staatenlose und gleiche Gesellschaft schaffen wollen, wie können wir dann den Staat benutzen? Das ist so, als würde man sagen: "In einem Jahr will ich schokoladenfrei leben, also keine Schokolade essen — und dazu werde ich viel Schokolade essen! Und dann wird die Schokolade vielleicht anfangen zu verschwinden!"

LM: Was ist deiner Meinung nach die Alternative?

WM: Weiter daran zu arbeiten, die Macht der Arbeiter*innenklasse im Land aufzubauen, aber was wir als Anarchist*innen, mit dem Programm des Anarchismus, speziell aufbauen würden, ist "Gegenmacht". Das ist eine Macht, die der hegemonialen Macht entgegengesetzt ist, im Wesentlichen eine Macht gegen, und außerhalb und gegen die Macht der herrschenden Klasse — und ihrer Staaten und Konzerne. Für uns bedeutet das sehr spezifische Dinge. Es geht darum, die Macht der Arbeiter*innenklasse aufzubauen, um die herrschende Klasse herauszufordern, und ihre Fähigkeit, die Gesellschaft irgendwann von unten zu rekonstruieren. Und zu den Organen der Gegenmacht würden revolutionäre (syndikalistische) Gewerkschaften und kommunale Gruppen und andere Formationen gehören. Unter "Arbeiter*innenklasse" verstehen wir hier nicht nur Arbeiter*innen. Alle Menschen, die für andere gegen Lohn arbeiten und keine Macht haben, sind Arbeiter*innen, unabhängig von ihrem Beruf, und neben den Arbeiter*innen umfasst die Arbeiter*innenklasse auch die Familien der Arbeiter*innen, sowie die Arbeitslosen und generell die Armen. Gleichzeitig dürfen die Organisationen der Arbeiter*innenklasse der Gegenmacht nicht nur Kampforganisationen sein, sondern müssen auch Organisationen der Bildung sein. Wir brauchen eine radikale Bildung, die die Fähigkeit einschließt, das, was um dich herum ist, kritisch zu analysieren, nicht nur die Gesellschaft, sondern auch dich selbst und deine Organisation.

Es geht darum, eine revolutionäre, populäre "Gegenkultur" aufzubauen, die sich auch mit Ideen auseinandersetzt, und mit Fragen, was wir mit "Revolution" oder "Demokratie" meinen, und mit den Idealen, die wir uns für die zukünftige Gesellschaft wünschen, und die dabei helfen, diese Ideale in die Praxis umzusetzen, jetzt, bei der Entwicklung unserer Organisationen. Gegenmacht und Gegenkultur sind also grundlegend miteinander verbunden. Mit "Demokratie" als Ziel sprechen wir von einer radikalen Demokratie, einer direkten Demokratie, in der die Menschen, die Teil eines bestimmten Projekts, einer Gemeinschaft, einer Fabrik sind, an wichtigen Entscheidungen beteiligt sind, die Entscheidungen kennen und an den Vorteilen teilhaben, die sich aus der Umsetzung der Entscheidungen ergeben. Um zu einer direktdemokratischen Gesellschaft in allen Bereichen zu gelangen, brauchen wir eine revolutionäre Transformation in allen Sphären. Aber um zu einer revolutionären Transformation zu gelangen, müssen wir die direkte Demokratie bereits jetzt in den Organisationen der Gegenmacht entwickeln. Und wir müssen auch eine revolutionäre Haltung, ein revolutionäres Verständnis und Bewusstsein entwickeln. Letztendlich wird die Fähigkeit der Organe der Gegenmacht, sich zu einer revolutionären Transformation zu entwickeln, durch die Entwicklung einer revolutionären Gegenkultur, eines revolutionären Bewusstseins bestimmt.

LM: Danke, sehr umfassend. Du sagst "revolutionäre Transformation", aber zerschlagen wir hier nur den Staat? Wie passen Reformen und unmittelbare

Kämpfe zusammen? Und was genau ist mit "revolutionärer Transformation" gemeint?

WM: Der Anarchismus zielt auf eine revolutionäre Transformation der Gesellschaft ab, und damit meinen wir eine komplette Überholung der Art und Weise, wie die Gesellschaft regiert und organisiert wird, um die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Arrangements zu "revolutionieren". Im Anarchismus geht es nicht um Chaos oder einen Mangel an Regeln: Er fordert eine andere Art von Regeln, eine andere Ordnung. Wir meinen nicht den Wechsel der Menschen an der Spitze der Gesellschaft oder die Verstaatlichung der Industrie: das bedeutet immer noch eine herrschende Klasse, die ein ungleiches System kontrolliert. Wir meinen eine Gesellschaft, in der die Produktionsmittel Allgemeingut sind, eine Gesellschaft, die selbstverwaltet und demokratisiert ist, ohne Hierarchien, ohne Unterdrückung und ohne herrschende Klasse. Es bedeutet eine selbstverwaltete, sozialistische Gesellschaft, egalitär und demokratisch, mit kollektivem Eigentum und individueller Freiheit.

Das ist es, was wir mit Revolution meinen. Aber um dorthin zu gelangen, musst du die revolutionäre Gegenmacht der Arbeiter*innenklasse so weit aufbauen, dass sie die Gesellschaft übernehmen und den Staat und das Kapital ersetzen kann. Das bedeutet, eine Massenbasis aufzubauen. Im Prozess der Entwicklung der Gegenmacht musst du also Menschen für deine Organisationen gewinnen. Das bedeutet, in der Lage zu sein, Reformen im Alltag zu erkämpfen, mit alltäglichen Kämpfen, basierend auf direkter Aktion, nicht auf Wahlen und Lobbyismus, um das Leben der Menschen zu verbessern: um für höhere Löhne, bessere Wohnverhältnisse und den Zugang zu besseren Bedingungen von Kapital und Staat zu kämpfen. Antistaatlich zu sein bedeutet nicht unbedingt, dass du den Kampf für Reformen nicht innerhalb des revolutionären Kampfes einsetzt. Die Idee ist, dass die Reformen nicht das A und O des Kampfes sind und dass die Gegenmacht autonom bleibt, außerhalb und gegen den Staat, und dass Kämpfe für Reformen durch direkte Aktionen von autonomen Bewegungen gewonnen werden und mit dem Kampf zum Aufbau von revolutionärer Gegenmacht und Gegenkultur verbunden sind.

Reformkämpfe helfen, revolutionäre Fähigkeiten zu entwickeln, und führen zu einem Gefühl der Ermutigung. Die Siege und Niederlagen in den täglichen Kämpfen sind lehrreiche Werkzeuge nicht nur für die Volksorganisationen als Ganzes, sondern auch für die Individuen innerhalb der Organisationen. Siege helfen, ein Gefühl des Vertrauens in sich selbst als Kämpfer*in in der Organisation, als Organisator*in und in die Organisation selbst zu entwickeln. Niederlagen können lehrreich sein, wenn wir uns entscheiden, sie als Orte der kritischen Analyse zu studieren. Revolution ist das Ziel, das Ende, und Reformen sind notwendig, nicht entscheidend oder endgültig, aber Schritte auf dem Weg zur revolutionären Transformation.

LM: Ich möchte deine allgemeine Meinung über den Zustand der Linken und des Anarchismus im Moment erfahren.

WM: Global gesehen ist die Linke in den letzten dreißig Jahren auf dem Rückzug. Das Aufkommen der neoliberalen Globalisierung und die Umstrukturierung der Kontrolle in den Gesellschaften haben das Gleichgewicht zugunsten der herrschenden Klasse auf der ganzen Welt verschoben, begleitet von Angriffen auf die Formationen der Arbeiter*innenklasse. Der Zusammenbruch der Sowjetunion, der im Grunde der Zusammenbruch des klassischen Marxismus war, hat einen massiven Einfluss gehabt: Du siehst es in einem massiven Niedergang des autoritären Sozialismus. Aber wir haben auch, obwohl Francis Fukuyama die Periode "das Ende der Geschichte" nennt, verschiedene Kämpfe gesehen, insbesondere Kämpfe der sozialen Bewegungen, Kämpfe der Arbeitslosen und der Landbevölkerung und Bäuer*innen. Überall auf der Welt haben wir Aufstände gesehen, und diese neuen Bewegungen haben bis zu einem gewissen Grad die Stelle eingenommen, wo früher die Gewerkschaften waren. Obwohl die Gewerkschaften noch lange nicht tot sind. Wir sehen auch eine Wiederauferstehung des eher libertären Sozialismus, insbesondere des Anarchismus. Der Anarchismus befindet sich weltweit immer noch in einem Prozess, in dem er sich nicht unbedingt selbst definiert, sondern neu definiert und wiederentdeckt, zu seinen historischen Wurzeln zurückkehrt und Teile der anarchistischen Theorie und Geschichte zurückerobert, die verloren gegangen oder verzerrt worden sind. Zum Beispiel hat sich das Schreiben über anarchistische Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg auf Nordeuropa und Amerika konzentriert und sich auf Perspektiven gestützt, die den Großteil des Anarchismus, der global und historisch existierte und existiert, außer Acht lassen.

Und wir sehen, dass viele der heutigen Kämpfe, wie z.B. die Occupy- Bewegungen, auch den Einfluss von libertären und anarchistischen Ideen widerspiegeln, ohne unbedingt rein anarchistisch zu sein. Viele dieser Ideen beginnen, mehr Raum in der Welt zu finden. Es ist jedoch noch ein langer Weg, um den Raum zurückzuerobern, den die Bewegungen der Arbeiter*innenklasse vor einigen Jahrzehnten hatten, als sie die Gesellschaft beeinflussten, und auch um den Raum für revolutionäre linke Ideen zurückzuerobern, insbesondere den Anarchismus, der die Gesellschaft radikal verändern kann. Tatsache ist, dass es die radikale Rechte — in religiösen, faschistischen, populistischen und rassistischen Varianten — ist, die den Raum erobert, der durch die massive Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den herrschenden Eliten eröffnet wurde.

LM: Südafrika hat auch eine lange Tradition von linker und Arbeiter*innenpolitik: wo passt der Anarchismus hier hin?

WM: Der Anarchismus hatte weltweit sein goldenes Zeitalter in Bezug auf den Einfluss von etwa 1870 bis in die 1930er Jahre und blieb auch danach wichtig, aber weniger als etatistische Bewegungen wie der antikoloniale Nationalismus und der klassische Marxismus. Aber davor war der Anarchismus sicherlich die dominanteste sozialistische Idee in der Welt, und sein Gewerkschaftswesen, auch bekannt als "Syndikalismus", hatte einen sehr großen Einfluss. Er spielte eine Schlüsselrolle in der kolonialen und postkolonialen Welt, auch in antikolonialen und antiimperialistischen Kämpfen. Dazu gehörte auch ein wichtiger Einfluss auf südafrikanische Schwarze und weiße Arbeiter*innenformationen in der ersten Hälfte der 1900er Jahre. Aber erst in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre haben wir ein Wiederaufleben der anarchistischen Präsenz in Südafrika und einen organisierten Versuch, sich wieder in die Kämpfe der Arbeiter*innenklasse einzubringen. Das alles bedeutet, dass der Anarchismus hier immer noch eine recht kleine Kraft ist, erstens in der Linken und zweitens noch kleiner in Bezug auf den Einfluss unter der Arbeiter*innenklasse und den Armen.

Aber auf der anderen Seite wachsen wir nicht nur als Organisation und organisierte Kraft, sondern, was noch wichtiger ist, die Ideen des Anarchismus finden, wenn man sich richtig und ehrlich damit auseinandersetzt, Anklang bei den Menschen der Schwarzen Arbeiter*innenklasse hier. Wichtiger als in Komitees in Koalitionen wie der neuen United Front, die von der NUMSA gefördert wird, zu sitzen oder politischen Parteiträumen hinterherzujagen, ist die systematische Arbeit an der Basis mit Menschen aus der Arbeiter*innenklasse, um Einfluss zu gewinnen und einen Kader von Anarchist*innen aus der Schwarzen Arbeiter*innenklasse zu entwickeln, die in den alltäglichen Kämpfen, den Kämpfen in den Gemeinschaften, den Gewerkschaftskämpfen usw. engagiert sind.

LM: Und die Linke in Südafrika?

WM: Ich habe trotz aller ideologischen Meinungsverschiedenheiten und Differenzen in taktischen und strategischen Entscheidungen eine Menge Respekt vor anderen in der Linken und in der progressiven Bewegung. Es gibt echte Differenzen in Bezug auf Strategie und Taktik. Aber wir sind keine Sektierenden: Unsere Geschichte zeigt das. Ich bin seit etwa sechseinhalb Jahren in der anarchistischen Bewegung involviert und es ist klar, dass Anarchist*innen eine lange Tradition haben, sich im Kampf mit Arbeiter*innenorganisationen zu engagieren, und das schließt die Arbeit mit einer Vielzahl von sozialistischen und nicht-sozialistischen Gruppen ein. Wir lehnen die Zusammenarbeit mit anderen politischen Organisationen absolut nicht ab, aber wir ziehen die Grenze, wenn es darum geht, wofür wir arbeiten: Wenn etwas gegen unsere Prinzipien oder gegen die Arbeiter*innenklasse geht,

ziehen wir die Grenze und kooperieren nicht. Wir fördern strukturierte, demokratische, mandatsbasierte Ansätze zur Organisierung und lehnen den südafrikanischen "populistischen" Stil ab. Dieser ist eng mit dem ANC und seinen Ablegern verbunden und konzentriert sich auf nicht gewählte und nicht rechenschaftspflichtige Anführende und selbsternannte Demagog*innen, die die Aktionen von Menschenmassen lenken, die kein wirkliches Mitspracherecht haben. Grundsätzlich gibt es keine Möglichkeit, dass wir eine politische Partei, egal ob links oder rechts, als nützlich für eine revolutionäre Transformation oder gar Reformen ansehen würden. Das schließt nicht aus, dass wir, wo nötig, mit Leuten aus politischen Parteien zusammenarbeiten werden — und nicht nur mit unabhängigen oder revolutionären Sozialist*innen, denn wir würden mit normalen SACP- und ANC-Mitgliedern in Kämpfen zusammenarbeiten. Diese Organisationen haben eine große Mitgliedschaft in der Arbeiter*innenklasse und diese Mitglieder können einbezogen werden. Aber als Vehikel für einen radikalen Wandel? Die SACP und der ANC und auch alle anderen Parteien, einschließlich der EFF, können diese Vehikel nicht sein. Wahlen werden nicht helfen und helfen nicht. Um bei Wahlen etwas zu erreichen, müsste die Linke Ressourcen, die für den Aufbau von Arbeiter*innenorganisationen und Bildung hätten verwendet werden können, in die Wahlbeteiligung stecken, und selbst wenn Sitze gewonnen werden, werden die Vertreter*innen nur Teil des Problems, Teil des Staatsapparates und der herrschenden Klasse. Wenn Militanz in Wahlen oder eine Arbeiter*innenpartei gelenkt wird, bedeutet das letztendlich die Unterwerfung der Arbeiter*innenmilitanz unter Wahlen.

Wir werden jede Initiative unterstützen, die Menschen mobilisiert und das Potential hat, zu einer Gegenmacht zu werden oder ein Raum, um Menschen für unsere Ideen zu gewinnen und eine Gegenkultur aufzubauen. Aber eine Arbeiter*innenpartei und Wahlen sind eine Sackgasse, ein Friedhof für linke, demokratische und Arbeiter*innenklassenpolitik. Was die Gesellschaft verändern wird, ist eine breite Bewegung der Organisation der Arbeiter*innenklasse, strukturiert, demokratisch und in der Lage, sich in Richtung Gegenkultur zu entwickeln, nicht eine Einheit der Linken, die nicht wirklich möglich ist. Und diese breite Bewegung erfordert nicht nur die Organisierung von Menschen, sondern auch die Veränderung der Ideen, die sie haben. Wir, Anarchist*innen, sind keine Messiasse, die den tatsächlichen Wandel, die revolutionäre Transformation herbeiführen werden. Es ist die Arbeiter*innenklasse, die durch einen langen, harten Kampf mit sowohl Sieg als auch Niederlage, durch den Aufbau von Organisation und Bewusstsein, trotz vieler Verluste, die Welt verändern wird. Es ist keine schnelle Lösung, es ist keine Politik der Wahlversprechen oder der Freiheit von oben. Staatsmacht und Wahlen haben noch nie für die Arbeiter*innenklasse funktioniert: das ist die schnelle Lösung, die nichts behebt. Nimm die EFF: An der Macht ist sie von ihren Versprechen zurückgetreten und reproduziert viele Merkmale des ANC- Populismus.

Werkzeuge des Anarchismus Teil 2: Über Entkolonialisierung (und die technologische Komponente des Kolonialismus)

Elany

Der anarchistische Kampf ist eng mit dem antikolonialen Widerstand verbunden. In beiden Kämpfen stehen der Staat und der Kapitalismus im Mittelpunkt. Doch viele Anarchist*innen (wie auch antikoloniale Kämpfende) versäumen es oft, die verschiedenen Ebenen der Macht und Unterdrückung zu berücksichtigen, die nicht nur historisch, sondern auch gegenwärtig im Spiel sind. Die technologische Komponente des Kolonialismus findet meist wenig Beachtung und der Anarchismus hat häufig einen beachtlichen Eurozentrismus.

Um über Entkolonialisierung zu sprechen, muss zunächst einmal festgehalten werden, wovon wir uns überhaupt entkolonialisieren wollen. Kolonialisierung bedeutet, dass eine dominante Gruppe ein Land und die jeweilige Bevölkerung ausbeutet, assimiliert und eigene Werte und Ideale aufzwingt, um die ursprünglichen Lebensweisen der kolonisierten Völker zu zerstören. Der Kolonialismus hat überall auf der Welt stattgefunden und sich in den unterschiedlichsten Formen der Unterdrückung gezeigt: Landraub, Versklavung, Vergewaltigung, Zerstörung von Körpern durch Arbeit, Gefangenschaft und Genozid, Entführung von Kindern, Durchsetzung von Religionen und Zerstörung spiritueller Lebensweisen, das Aufzwingen von eigenen Werten und Vorstellungen (wie etwa die Geschlechterbinarität und Heteronormativität) oder die Plünderung des Lebensraums. All diese Dinge

haben bei kolonisierten Völkern tiefe Risse hinterlassen, sowohl physisch als auch spirituell und psychologisch, während uns ein System aufgezwungen wurde, dass wir weder geschaffen noch mitgestaltet haben. Das sind die Dinge, von denen wir uns heilen müssen. Hier kommt die Entkolonialisierung ins Spiel.

Bei der Entkolonialisierung geht es darum, das zurückzufordern, was uns genommen wurde, und das zu ehren, was wir noch haben. Das erfordert bewusste Anstrengung. Es ist wertvoll, aktiv nach dem zu suchen, was verloren wurde, und sich an das zu erinnern, was vergessen wurde. Wir leben immer noch mit dem Trauma, das die Kolonialisierung mit uns gemacht hat, und viele von uns haben die aufgezwungenen Werte der Kolonialherrschaft so sehr verinnerlicht, dass sie in unseren Communities teilweise stärker sichtbar sind als in heutigen sogenannten "progressiven" Staaten. Um ein Beispiel zu nennen: vor dem Kolonialismus existierte in den meisten Indigenen Lebensweisen keine wirkliche Vorstellung von Geschlecht. Die Siedlersexualität zwang im Namen der Wissenschaft Vorstellungen der Geschlechterbinarität und Heteronormativität auf. Werte, die so sehr verinnerlicht wurden, dass unter kolonisierten Völkern heute Frauen- und Queerfeindlichkeit sowie patriarchale Strukturen weit verbreitet sind.

Um die Welt zu entkolonialisieren, müssen wir also zunächst uns selbst entkolonialisieren. Wir müssen von den tiefen Wunden heilen, die der Kolonialismus hinterlassen hat. Das erfordert, den Kolonisator im eigenen Kopf zu töten. Entkolonialisierung ist eine Lebensweise. Es ist ein Weg, der uns mit unserer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet. Es ist nicht nur politisch, sondern auch persönlich und spirituell.

Die anarchistische Dimension der Entkolonialisierung

Der Anarchismus hat viele verschiedene Tendenzen hervorgebracht, doch gibt es drei wesentliche Eckpfeiler des anarchistischen Denkens: gegenseitige Hilfe, direkte Aktion und freie Assoziation. Gegenseitige Hilfe ist der gegenseitige Austausch von Ressourcen und Unterstützung zum gegenseitigen Nutzen. Die direkte Aktion betont das unvermittelte Handeln durch einen Angriff auf die Strukturen der Herrschaft, was ich persönlich als permanenten Aufstand bezeichnen würde. Die freie Assoziation ist die Art und Weise, wie und mit wem Individuen ihre Aktivitäten bestimmen, um gemeinsam zu agieren.

Die anarchistische Entkolonialisierung unterstützt dabei den antikolonialen Kampf, ohne eigene Ideale in den Vordergrund zu stellen. Es bedeutet, die Wünsche und Bedürfnisse der kolonisierten Völker zu berücksichtigen, auch wenn diese nicht dem eigenen Wunsch nach Anarchie entsprechen. So unterstützt die anarchistische Entkolonialisierung den Kampf der Zapatista, auch wenn diese betonen, dass sie nicht am Anarchismus interessiert sind (aber laut eigener Aussage anarchistische Zapatista unter sich haben). Andere

antikoloniale Bewegungen haben ebenfalls nicht die Anarchie als Ziel, sondern Formen der Indigenen Demokratie und Kommunalismus, welche häufige politische Systeme in der vorkolonialen Zeit waren. Der anarchistische antikoloniale Kampf erfordert eine respektvolle Auseinandersetzung mit Indigenen Bewegungen, indem die Unterschiede und die Autonomie respektiert werden und Raum geboten wird, und nicht eigene Vorstellungen auf diese Bewegungen übertragen werden. Dies ist unabdingbar, um rekolonialisierende Tendenzen in anarchistischen Bewegungen zu verhindern.

Während eigene Vorstellungen nicht auf Bewegungen übertragen werden sollten, stellt die anarchistische Entkolonialisierung dennoch "anarchistische Werte" in einen Fokus, die das Erbe der Zivilisation in Frage stellen. Diejenigen, die marginalisiert und rassifiziert sind, sind nicht unbedingt frei von der Gefahr der Kolonialität. Der techno-industrielle Fortschritt ist die Kunst, die Wünsche der Unterworfenen zu erobern. Die Souveränität kolonisierter Völker zu unterstützen, bedeutet nicht, dass du jede Person, jedes Projekt und jede Bewegung unterstützen solltest. Es gibt viele Indigene, Schwarze und rassifizierte Menschen, die die Werte der Kolonialisierung verinnerlicht haben, und du tust dir keinen Gefallen, wenn du ihnen hilfst, an die Macht zu kommen. Kämpfe für befreiende Ideen, nicht für Nationen oder Blutlinien.

In einem anarchistischen antikolonialen Kampf kann die anarchistische Entkolonialisierung ihren wahren Geist zeigen und für die vollständige Befreiung von Menschen und Nicht-Menschen kämpfen. Dabei schöpft die anarchistische Entkolonialisierung aus verschiedenen anarchistischen Tendenzen. In Anlehnung an die aufständische Tendenz wird der (neo-)koloniale Staat als Besatzungsmacht identifiziert, welche einen permanenten Krieg mit niedriger und hoher Intensität führt, um natürliche Ressourcen zu kontrollieren und Menschen zu domestizieren. Die feministische und queere Tendenz liefert notwendige Positionen, um die Konstrukte des Patriarchats, der Geschlechterbinarität und der Heteronormativität zu identifizieren und zu zerstören. Besonders relevant für den antikolonialen Kampf ist schließlich die grüne Tendenz, bei welchem ökologische Themen, Verteidigung von Land und die Befreiung von Mensch und Tier in einen weiteren Mittelpunkt gestellt werden.

Die antizivilisatorische Tendenz ist dabei die radikalste grüne Tendenz, welche die Mechanismen der Herrschaft und der Unterdrückung innerhalb des zivilisatorischen Konstrukts erkennt, die erst zum Kolonialismus geführt hat. Der weltenverschlingende Leviathan wird bekämpft, der menschliche und nicht- menschliche Ressourcen ausbeutet und in seine kybernetische Infrastruktur und seine Kapitalkreisläufe umlenkt. Indem die sich überschneidenden Herrschaftsprozesse, die sich in verschiedene Formen manifestieren, erkannt

und abgelehnt werden, bietet dies eine für den antikolonialen Kampf wertvolle Perspektive, um Kolonialismus und Rekolonialisierung unmöglich zu machen.

Die anarchistische Entkolonialisierung ist vor allem fließend sowie wild und spontan wie die Anarchie selbst. Sie lässt sich nicht in einem Konzept erfassen und wird sich der noch immer weiter voranschreitenden Kolonialisierung anpassen müssen.

Die technologische Komponente des Kolonialismus

Viele Gefährt*innen können die technologische Komponente des Kolonialismus nicht erfassen (oder aber ignorieren sie absichtlich) und bleiben perplex gegenüber einer Perspektive, die auf der Notwendigkeit basiert, die Techno- Herrschaft und die Tech-Industrie vollständig zu zerstören. Sprichst du sie auf die Verbindung von Technologien mit der Macht an, wird mit einer angeblichen Neutralität dieser reagiert und dass diese von der Logik der Macht, die diese entwickelt und produziert haben, entkoppelt werden können.

Eine solche Haltung ignoriert, dass das gesamte Gerüst an Basistechnologien, das heute in allen Bereichen des sozialen Lebens angewandt wird, aus der militärischen Forschung stammt, und dass der Kolonialismus, sowohl historisch als auch gegenwärtig, eine starke technologische Komponente hat und diese ein Eckpfeiler des Kolonialismus ist. Der Prozess der Kolonialisierung entwickelte sich über Jahrhunderte hinweg, wobei stets neue Technologien hinzukamen, sobald diese entwickelt wurden. Diese Technologien basieren nicht nur auf der Ausbeutung von Menschen des Globalen Südens und ihrer Lebensräume, sondern wurden und werden stets gegen den "Feind" eingesetzt oder in den Kolonien getestet, bis sie schließlich im Imperium Einzug finden.

Mithilfe der britischen Kolonien ermöglichten Unterseekabel die telegrafische Kommunikation im Dienste des britischen Imperiums. Neue Entwicklungen in der Aufzeichnung, Archivierung und Organisation von Informationen wurden vom US-Nachrichtenmilitärdienst genutzt, die zuerst bei der Eroberung der Philippinen eingesetzt wurden. Gegenwärtig arbeiten Regierungen mit Tech- Giganten zusammen, um eine flächendeckende Überwachung und Kontrolle der eigenen Bevölkerung zu ermöglichen, wobei diese im Globalen Süden zuerst getestet werden. Microsoft bietet eine Lösung für Polizeifahrzeuge mit Gesichtserkennungskameras, die in Kapstadt und Durban, Südafrika, eingeführt wurden. Die Command-and-Control-Überwachungsplattform namens "Microsoft Aware" kommt bei der Polizei in Brasilien und Singapur zum Einsatz. Microsoft ist auch stark in der Gefängnisindustrie engagiert. Sie bieten eine Vielzahl von Software-Lösungen für den Strafvollzug an, die den gesamten Prozess abdecken. In Afrika haben sie sich mit einer Firma namens Netopia Solutions zusammengetan, die eine Prison-Management-Software-Plattform anbieten, die "Fluchtmanagement" und Gefangenenanalysen beinhaltet. Länder

des Globalen Südens bieten auch weiterhin eine Fülle von billigen Arbeitskräften für technologische Prozesse und Tech-Giganten. Dazu gehören Datenannotation für Datensätze der Künstlichen Intelligenz, Call-Center- Arbeiter*innen und Content-Moderator*innen für Social-Media-Giganten wie Facebook, welche Social-Media-Feeds von verstörenden Inhalten säubern, was sie oft psychisch beschädigt zurücklässt.

Über Jahrhunderte hinweg testeten imperiale Mächte Technologien zur Überwachung und Kontrolle der eigenen Bevölkerung zuerst an fremden Bevölkerungen, von Sir Francis Galtons Pionierarbeit an Fingerabdrücken, die in Indien und Südafrika angewandt wurden, bis hin zu Amerikas Kombination aus Biometrie und Innovationen in der Verwaltung von Statistiken und Datenmanagement, die den ersten modernen Überwachungsapparat zur Pazifizierung der Philippinen bildeten. Die Sammlung von Überwachungstechnologien, die auf den Philippinen zum Einsatz kamen, boten ein Testgelände für ein Modell, das schließlich in die Vereinigten Staaten zurückgebracht wurde, um es gegen Dissident*innen im eigenen Land einzusetzen. Die Hightech-Überwachungsprojekte von Microsoft und seinen Partnern legen nahe, dass Afrika weiterhin als Labor für karzerale Experimente dient.

Die technologische Komponente des Kolonialismus zeigt sich auch in der Art und Weise, wie Menschen im Globalen Süden für niedere und gefährliche Arbeiten ausgebeutet werden und dabei ihre Lebensräume zerstört werden, nur um angeblich notwendige Technologien zu liefern. So liefert Kongo mehr als 70% des weltweiten Kobalts, ein wichtiger Rohstoff für Batterien, die in Autos, Computer und Smartphones verwendet werden. Was Lithium betrifft, so befinden sich die größten Reserven in Chile, Argentinien, Bolivien und Australien, wobei Australien weniger attraktiv ist, da die Arbeiter*innen dort deutlich höhere Löhne erhalten. Der Prozess des Abbaus dieser Rohstoffe selbst hat oft negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Arbeiter*innen und die sie umgebenden Lebensräume.

Um den Kolonialismus auszumerzen, müssen die Ursachen, Hauptakteure und Auswirkungen klar und deutlich aufgezeigt und in Verbindung gebracht werden. Es sollte keine wirre Vorstellung sein, dass ein antikolonialer Kampf sich unweigerlich gegen die Tech-Industrie richten muss, wenn die Entkolonialisierung ihrem Namen gerecht werden will.

Eine postkoloniale Zukunft?

Die Unzulänglichkeit sich eine postkoloniale Zukunft vorzustellen, zeigen sich in den völlig bizarren Gedankenexperimenten so mancher Personen, die von sich behaupten Anarchist*innen zu sein, dabei aber zutiefst koloniale Weltanschauungen vertreten. Das abscheulichste Konzept ist dabei der

"Luxuriöse Weltraumkommunismus", dessen treffendere Bezeichnung Weltraumkolonialismus ist.

Fantasien wie diese offenbaren eine maßlose Naivität in Befreiungsbewegungen. Wenn festgestellt wird, dass all die Dinge doch nicht einfach so vom Himmel fallen werden, wird der Globale Süden weiter ausgebeutet, bis die Ressourcen erschöpft sind und die Erde verbrannt ist. Aber das soll uns nicht weiter stören, denn hinterher verfügen wir über die benötigten Materialien, um auch den Weltraum zu kolonisieren. "Radikale" werden sich an die Ausbeutung und Unterdrückung klammern, wenn sie herausfinden, dass ihr Gesellschaftsideal keinen kolonialen Luxus und keine durch ausbeuterische Arbeitspraktiken gestützten Systeme vorsieht. Das gewohnte Leben in der Wärme der vier heimischen Mauern ist am Ende dann doch das gemächlichste und sicherste aller Gefängnisse.

Anarchist*innen müssen sich der Frage stellen, was sie bereit sind "aufzugeben", wenn ihr Ziel eine tatsächliche antikoloniale Anarchie ist, befreit von jeder Hierarchie, jeder Ausbeutung und jeder Unterdrückung. Bist du nicht bereit, auf so manche Vorzüge, die die Tech-Industrie hervorgebracht hat, zu verzichten, stelle dir die Frage ob Anarchie wirklich das Richtige für dich ist. Dein geliebter Gaming-PC mit 16GB RAM und der neuesten NVIDIA GEFORCE ist wahrscheinlich ein solches Produkt, welches in einer postkolonialen Zukunft nicht länger existieren könnte, außer du findest auf magische Weise einen Weg einer nicht-ausbeuterischen Herstellung und Produktion. Bis dahin wirst du aber entweder andere Menschen ausbeuten müssen, um an die benötigten Rohstoffe zu kommen, oder aber du gefährdest deine eigene Gesundheit um diese zu gewinnen. Dies natürlich auch noch vorausgesetzt, dass die dazu benötigte Maschinerie zur Gewinnung, Produktion und Herstellung plötzlich nicht länger zur Zerstörung der Umwelt und der Lebensräume der Menschen und Nicht-Menschen um dich herum beiträgt.

Die Apokalypse überdenken: Ein Indigenes anti- futuristisches Manifest

Anonym

...Dies ist eine Übermittlung aus einer Zukunft, die nicht stattfinden wird. Von einem Volk, das nicht existiert...

Das Ende ist nah. Oder ist es schon vorher gekommen und gegangen?

-Ein*e Vorfahr*in

Warum können wir uns das Ende der Welt vorstellen, aber nicht das Ende des Kolonialismus?

Wir leben in der Zukunft einer Vergangenheit, die nicht unsere eigene ist. Es ist eine Geschichte der utopischen Fantasien und apokalyptischen Idealisierungen. Es ist eine pathogene globale Gesellschaftsordnung mit Zukunftsvorstellungen, die auf Genozid, Versklavung, Ökozid und totaler Zerstörung beruht.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus einer Welt ziehen, die aus Knochen und leeren Metaphern besteht? Eine Welt der fetischisierten Enden, die inmitten der kollektiven Fiktion bösartiger Gespenster berechnet werden. Von religiösen Büchern bis hin zu fiktionalisierter wissenschaftlicher Unterhaltung, jede vorgestellte Zeitlinie ist so vorhersehbar konstruiert: Anfang, Mitte und schließlich das Ende.

Unweigerlich gibt es in dieser Erzählung eine*n Protagonist*in, welche*r gegen einen feindlichen Anderen/Fremden kämpft, und Spoiler-Alarm: Es sind nicht du oder ich. Viele sind bereit, die einzigen Überlebenden der "Zombie-Apokalypse" zu sein. Aber das sind austauschbare Metaphern, dieser Zombie/der Andere/Fremde, diese Apokalypse. Diese leeren Metaphern, diese Linearität, existieren nur in der Sprache der Albträume, sie sind gleichzeitig Teil der

apokalyptischen Vorstellung und des Impulses. Diese Art zu "leben" oder "Kultur" ist eine Form der Herrschaft, die alles zu ihrem eigenen Vorteil verzehrt. Sie ist eine wirtschaftliche und politische Neuordnung, die sich an eine Realität anpasst, die auf den Säulen des Wettbewerbs, des Besitzes und der Kontrolle ruht und nach Profit und permanenter Ausbeutung strebt. Sie gibt vor, "frei" zu sein, doch ihre Grundlage ist gestohlenes Land, während ihre Struktur auf gestohlenen Leben aufgebaut ist.

Genau diese Kultur braucht immer einen feindlichen Anderen/Fremden, den sie beschuldigen, beanspruchen, beleidigen, versklaven und ermorden kann.

Ein untermenschlicher Feind, gegen den jede Form von extremer Gewalt nicht nur erlaubt ist, sondern von dem erwartet wird, dass es eingesetzt wird. Wenn es keinen unmittelbaren Anderen gibt, wird akribisch einer konstruiert. Dieser Andere wird nicht aus Angst geschaffen, sondern seine Zerstörung wird durch sie erzwungen. Dieser Andere wird aus apokalyptischen Axiomen und permanentem Elend konstruiert. Dieses "Anderssein", diese Weitko-Krankheit, lässt sich vielleicht am besten an der einfachsten Strategie ablesen, nämlich an unserem zum Schweigen gebrachten Wiedererkennen:

Sie sind schmutzig, sie sind ungeeignet für das Leben, sie sind unfähig, sie sind untauglich, sie sind entbehrlich, sie sind Ungläubige, sie sind unwürdig, sie wurden geschaffen, uns zu nützen, sie hassen unsere Freiheit, sie sind undokumentiert, sie sind queer, sie sind Schwarz, sie sind Indigen, sie sind weniger als wir, sie sind gegen uns, bis sie schließlich nicht mehr sind.

In diesem ständigen Mantra der neu gerahmten Gewalt heißt es: Entweder bist Du es oder Sie. Es sind die Anderen, die für eine unsterbliche und krebsartige Kontinuität geopfert werden. Es ist die Anderen, die vergiftet werden, die bombardiert werden und die leise unter den Trümmern zurückgelassen werden. Diese Art des Nicht-Seins, die alle Aspekte unseres Lebens infiziert hat, die für die Auslöschung ganzer Arten, die Vergiftung der Ozeane, der Luft und der Erde, die Abholzung und Verbrennung ganzer Wälder, die Masseninhaftierung, die technologische Möglichkeit eines weltumspannenden Krieges und die Erhöhung der Temperaturen auf globaler Ebene verantwortlich ist — das ist die tödliche Politik des Kapitalismus. Sie ist pandemisch.

Ein Ende, das es schon einmal gab.

Die physische, mentale, emotionale und spirituelle Invasion unseres Landes, unserer Körper und unseres Geistes, um uns zu besiedeln und auszubeuten, ist Kolonialismus. Schiffe segelten bei vergifteten Winden und blutigen Gezeiten über Ozeane, die mit einem flachen Atemzug und dem Drang zur Knechtschaft angetrieben wurden. Millionen und Abermillionen von Leben wurden still und leise ausgelöscht, bevor sie ihren Feind benennen konnten. 1492. 1918. 2020...

Biologische Kriegsführung, das Abschlachten unserer Büffel, das Aufstauen von lebensspendenden Flüssen, das Versengen von unbefleckter Erde, die Gewaltmärsche, die verordnete Gefangenschaft, die Zwangserziehung durch Missbrauch und Gewalt. Die alltägliche Nachkriegs-, Post-Genozid- und Post- Kolonial-Demütigung unseres langsamen Massenselbstmords auf dem Altar des Kapitalismus: arbeiten, verdienen, Miete zahlen, trinken, ficken, sich fortpflanzen, in Rente gehen, sterben.

Das sind die Gaben, die das offensichtliche Schicksal befallen, das ist die imaginäre Zukunft, die unsere Entführenden uns aufrechterhalten lassen wollen. Die gnadenlose Auferlegung dieser toten Welt wurde von einer idealisierten Utopie als Leichenhaus angetrieben, sie war "zu unserem eigenen Besten" ein Akt der "Zivilisation". Den "Indigenen töten"; unsere Vergangenheit und damit unsere Zukunft zerstören. Den "Menschen retten"; eine andere Vergangenheit und damit eine andere Zukunft aufzwingen. Dies sind die apokalyptischen Ideale von Missbrauchstätern, Rassisten und Hetero-Patriarchen. Der doktrinäre blinde Glaube derjenigen, die das Leben nur durch ein Prisma sehen können, ein zerbrochenes Kaleidoskop eines endlosen und totalen Krieges.

Es ist eine Apokalyptik, die unsere Vorstellungskraft kolonisiert und gleichzeitig unsere Vergangenheit und Zukunft zerstört. Es ist ein Kampf um die Beherrschung des menschlichen Sinns und der gesamten Existenz. Dies ist der Futurismus des Kolonisators, des Kapitalisten. Es ist zugleich jede Zukunft, die der Plünderer, der Kriegstreiber und der Vergewaltiger gestohlen hat. Es ging schon immer um Existenz und Nicht-Existenz. Es ist die Apokalypse, die Wirklichkeit geworden ist. Und da die einzige Gewissheit ein tödliches Ende ist, ist der Kolonialismus eine Plage. Unsere Vorfahr*innen wussten, dass man mit dieser Art des Seins nicht argumentieren oder verhandeln kann. Dass sie nicht gemildert oder erlöst werden kann. Sie wussten, dass das Apokalyptische nur in absoluten Zahlen existiert.

Unsere Vorfahr*innen träumten gegen das Ende der Welt an.

Viele Welten sind vor dieser Welt untergegangen. Unsere traditionellen Geschichten sind eng mit dem Gewebe der Geburt und des Endes von Welten verwoben. Durch diese Katastrophen haben wir viele Lektionen gelernt, die uns geprägt haben, wer wir sind und wie wir miteinander umgehen sollen. Unsere Art des Seins ist geprägt von der Suche nach Harmonie durch die Zerstörung von Welten und aus dieser heraus. Die Ellipse. Geburt. Tod. Wiedergeburt.

Wir haben eine Unwissenheit über die Geschichte der Welt, das Teil von uns ist. Es ist die Sprache des Kosmos, sie spricht in Prophezeiungen, die seit langem in die Narben eingemeißelt sind, in denen unsere Vorfahr*innen träumten. Es ist

der Geistertanz, die sieben Feuer, die Geburt des Weißen Büffels, die siebte Generation, es sind die fünf Sonnen, die in der Nähe von Oraibi und darüber hinaus in Stein geschrieben sind. Diese Prophezeiungen sind nicht nur vorhersagend, sondern auch diagnostisch und lehrreich.

Wir sind die Träumenden, die von unseren Vorfahr*innen geträumt haben. Wir haben alle Zeiten zwischen den Atemzügen unserer Träume durchquert. Wir existieren gleichzeitig mit unseren Vorfahr*innen und den ungeborenen Generationen. Unsere Zukunft liegt in unseren Händen. Sie ist unsere Gegenseitigkeit und Interdependenz. Sie ist relativ zu uns. Sie liegt in den Falten unserer Erinnerungen, sanft gefaltet von unseren Vorfahr*innen. Es ist unsere kollektive Traumzeit, und sie ist jetzt. Dann. Morgen. Gestern.

Die antikoloniale Vorstellungskraft ist keine subjektive Reaktion auf koloniale Zukunftsvorstellungen, sie ist eine Anti-Siedler-Zukunft. Unsere Lebenszyklen sind nicht linear, unsere Zukunft existiert ohne Zeit. Sie ist ein Traum, unkolonisiert.

Das ist die Indigene Anti-Zukunft.

Es geht uns nicht darum, wie unsere Feind*innen ihre tote Welt benennen oder wie sie uns oder dieses Land erkennen oder anerkennen. Es geht uns nicht darum, wie sie die Kontrolle über ihr Land ausüben oder ihre toten Vereinbarungen oder Verträge einhalten. Sie lassen sich nicht dazu zwingen, die Zerstörung zu beenden, auf der ihre Welt beruht. Wir flehen sie nicht an, die globale Erwärmung zu beenden, denn sie ist das Ergebnis ihres apokalyptischen Imperativs und ihr Leben ist auf dem Tod von Mutter Erde aufgebaut. Wir begraben den rechten und den linken Flügel gemeinsam in der Erde, die sie so hungrig verzehren wollen. Die Schlussfolgerung aus dem ideologischen Krieg der Kolonialpolitik ist, dass Indigene Völker immer verlieren, es sei denn, wir verlieren uns selbst. Kapitalist*innen und Kolonisator*innen werden uns nicht aus ihrer toten Zukunft herausführen.

Die apokalyptische Idealisierung ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Es ist die lineare Welt, die von innen heraus endet. Die apokalyptische Logik existiert in einer geistigen, mentalen und emotionalen Todeszone, die sich selbst kannibalisiert. Es sind die Toten, die auferstanden sind, um alles Leben zu verschlingen.

Unsere Welt lebt, wenn ihre Welt aufhört zu existieren.

Als Indigene Anti-Futurist*innen sind wir die Folge der Geschichte der Zukunft der Kolonisator*innen. Wir sind die Konsequenz aus ihrem Krieg gegen Mutter Erde. Wir werden nicht zulassen, dass das Gespenst der Kolonisator*innen, die

Geister der Vergangenheit, in den Ruinen dieser Welt spuken. Wir sind die Verwirklichung unserer Prophezeiungen.

Dies ist die Wiederentstehung der Welt der Zyklen. Dies ist unsere Zeremonie. Zwischen den stillen Himmeln. Die Welt atmet wieder und das Fieber lässt nach. Das Land ist ruhig. Es wartet darauf, dass wir zuhören.

Wenn es weniger Ablenkungen gibt, gehen wir zu dem Ort, an dem unsere Vorfahr*innen aufgetaucht sind. Und ihre/unsere Stimme.

Hier gibt es ein Lied, das älter ist als die Welten. Es heilt tiefer, als die Klinge der Kolonisator*innen je schneiden könnte.

Und da, unsere Stimme. Wir waren schon immer Heilende. Dies ist die erste Medizin.

Kolonialismus ist eine Seuche, Kapitalismus ist eine Pandemie.

Diese Systeme sind lebensfeindlich, sie lassen sich nicht zwingen, sich selbst zu heilen.

Wir werden nicht zulassen, dass sich diese korrumpierten, kranken Systeme erholen. Wir werden uns ausbreiten.

Wir sind die Antikörper.

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Zusatz: In unserer Vergangenheit/deiner Zukunft waren es die unsystematischen, nicht-linearen Angriffe auf verwundbare kritische Infrastrukturen wie Gasversorgung, Transportwege, Stromversorgung, Kommunikationssysteme und mehr, die den Siedlerkolonialismus in diesen Ländern unmöglich machten. Unsere Organisation war zellulär, sie brauchte keine formellen Bewegungen. Die Zeremonie war/ist unsere Befreiung, unsere Befreiung war/ist die Zeremonie. Wir ehrten unsere heiligen Lehren, unsere Vorfahr*innen und die kommenden Generationen. Wir haben uns für nichts gerühmt. Wir gaben keine Kommuniqués heraus. Unsere Aktionen waren unsere Propaganda. Wir feierten den Tod der linken Solidarität und ihrer kurzsichtigen apokalyptischen Romantik. Wir forderten nichts von den Kapitalist*innen/Kolonisator*innen.

An den Wüstenschöpfer

ziq

Ich sehe dich, Kreatur. Ich sehe, was du tust.

Du bohrst Löcher in Terras Schädel, tränkst ihr Fleisch mit Gift, reißt ihr die Haare aus, hackst ihre Gliedmaßen ab, saugst ihr das Blut aus den Adern und verbrennst es. Das nennst du Wachstum, Entwicklung, Fortschritt.

Tag und Nacht zermahlst du Terras Knochen zu Pulver, um deine grotesken Trugbilder quer über ihren blutigen Torso zu errichten. Das nennst du deine mächtige Zivilisation. Ein Wirrwarr aus Beton, Stahl und Plastik, das auf mich gerichtet ist, so dass ich gezwungen bin, es zu betrachten.

Du befiehlst deinen Dienenden, deine Türme höher und höher zu bauen. Schließlich bist du etwas ganz Besonderes! Die zivilisierte, kultivierte, hoch angesehene Kreatur! Sieh dir die wichtige Führungskraft im maßgeschneiderten Anzug an, mit Schuhen aus feinstem Alligatorenleder! Was für ein beeindruckendes Exemplar! Was für ein stattliches Wesen du bist!

Du wirst auf die Spitze deines höchsten Turms gehoben, damit du dich in deinem opulenten Schrein für den Reichtum niederlassen kannst, den du aus Terras Körper gerupft hast. Du stehst hoch oben und blickst auf die elenden Seelen unter dir herab und stellst sicher, dass jede*r von ihnen weiß, dass du über sie herrschst und dass Terra dein persönlicher Herrschaftsbereich ist. Dein Privateigentum, das du nutzen und missbrauchen kannst, wie du willst.

Ich sehe dich, Kreatur. Ich sehe, was du tust.

Du hast ihre erhabenen Berge zerstört, um deine Einkaufszentren und Jachthäfen zu bauen. Du hast ihre großen Seen trocken