Titel: Anarchismus-Spezialisten?
Datum: Oktober 2018
Thema: Kritik
Quelle: Entnommen aus der Zeitschrift In der Tat. Anarchistische Zeitschrift. Nummer 1, Oktober 2018
Bemerkungen: Rezensionen & Kommentare Die Texte in dieser Rubrik sind mit Pseudonymen versehen, damit in einer späteren Diskussion die Autoren und Autorinnen auf Einwände, Kritik und Vertiefungen antworten können.

Verlasset also, Ihr jungen Leute, baldigst diese dem Untergänge geweihte Welt, diese Universitäten, Akademien und Schulen...“ (Michael Bakunin, 1869)

Sollen wir als Anarchisten die Akademiker bei ihrer Arbeit über Anarchismus unterstützen?

Wenn es nach uns geht, so denken wir, dass dies möglichst vermieden werden sollte. Der Sumpf der Hochschulen produziert vor allem Theorien für die Macht; Theorien welche es – gewollt oder nicht! - erleichtern die realen Bewegungen gegen die Herrschaft zu neutralisieren.

Natürlich, man könnte darauf verweisen, dass es immer Anarchisten gab, welche sich gewissermassen in diesem Sumpf bewegten, welche Wissenschaftler waren, etc.

Aber, wo ist ein heutiger Kropotkin, welcher die modernen wissenschaftlichen Theorien für den Anarchismus einzuspannen sucht? Wo ist ein Reclus, welcher eine Geographie jenseits der Grenzen und Staaten erstellte, und zwar auf höchstem Niveau? In David Graeber und Konsorten lassen sich diese wohl kaum finden... Aber darum soll es hier auch gar nicht gehen.

Ist ein Teil der Theorien von Kropotkin und Reclus heute in den rein akademischen Diskurs integrierbar, ohne dass diese zu einer radikalen Infragestellung der Herrschaft führen (vielmehr werden sie für die ökologische Propaganda eingespannt, welche den vernünftigere Flügel des Kapitals betreibt, um das System noch einmal zu retten), so vor allem dank gewisser Leute, welche der Akademie den Anarchismus schmackhaft und mundgerecht machen (und ihn somit neutralisieren helfen), in dem sie die Ecken und Kanten genügend abschleifen und abstumpfen, bis ein Happen übrig, welcher gut verdaulich bleibt…

Einige von diesen Leuten haben sich um die „Zeitschrift“ Ne Znam geschart, von welcher schon in einige Nummern in Buchform herausgegeben wurde, und welche eben genau eine solche Wiederaufbereitung des Anarchismus (der natürlich immer Vergangenheitssache bleibt) für die Hochschulen betreibt. Ich will hier nur einen prägnanten Text herausgreifen, welcher die Perspektive dieser „Zeitschrift für Anarchismusforschung“ ganz gut auszudrücken scheint. Dieser ist eine Rezension des Schweizers Werner Portmann und trägt den Titel „Zur neueren universitären Anachismusforschung in der Schweiz am Beispiel von Nino Kühnis' Anarchisten!" Nino Kühnis Buch wird dort in Details kritisiert, die fehlerhaften Stellen herausgearbeitet, etc. etc. Soweit nichts Schlimmes, und einige der kritisierten Punkte machen Sinn. Unser einfacher und grundlegender Kritikpunkt wäre allerdings, dass Kühnis versucht eine anarchistische kollektive Identität“ herauszukristallisieren. und deshalb alle Äusserungen der Anarchisten nicht als aus Kampferfahrungen erspriessend (z. B. ist die Abgrenzung von der Sozialdemokratie vor allem dadurch veranlasst, dass diese von Beginn an Anarchisten, auch solche auf der Flucht, zu diffamieren und denunzieren begann, um deren Kampf zu sabotieren – eine praktische Frage also, und zwar über die Grenzen hinweg, während Kühnis das für eine identitäre schweizer Sache hält), sondern aus identitären Motiven entspringend, darstellen muss – und dass das Aufspüren einer „kollektiven Identität eigentlich vor allem einen polizeilichen Blickwinkel anzeigt! So weit geht Portmann aber natürlich nicht…

Nach dem er seine – etwas detailversessenen – Korrekturen angebracht hat, und dabei explizit eine „ungenügende“ Note gibt, renommiert er folgendes: „Es müsste in der Schweiz ja nicht gleich ein Lehrstuhl zum Anarchismus geschaffen werden, doch das Fehlen einer Spezialistin oder eines Spezialisten, die oder der die Arbeiterlnnen-Geschichte gut kennen würde (...) macht sich hier doch bemerkbar.“ Es mag nicht darüber hinwegtäuschen, dass Portmann wohl selbst gern dieser Spezialist wäre, auch wenn er die weibliche Form zuerst setzt. Er hofft, dass die universitäre Anarchismusforschung verbessert werde, und dazu soll wohl auch Ne Znam ein Beitrag sein. War's nicht schön, der Staat würde uns für unsere Spezialistenarbeit sogar roch bezahlen? Aber wir wollen hier nichts unterstellen…

Der Charakter der Ne Znam als „Zeitschrift“, welche sich vor allem an Intellektuelle richtet, ist offensichtlich. Es soll nicht Material geliefert werden, um die gegenwärtigen anarchistischen Kämpfe zu befeuern, nein, vielmehr soll der Anarchismus als ein Forschungsgebiet für Studenten und Historiker betrachtet werden. Dass damit der Anarchismus eigentlich in die Vergangenheit verbannt wird, dass es sich also um eine Verbannung handelt, soll hier behauptet werden.

Wenn sich Anarchisten in Akademien, Universitäten etc. aufhalten, so denken wir, sollten sie an dem Ort, wo sie sich befinden, den Kampf aufnehmen, „eine Front eröffnen“ (wie es Fredy Perlman formulierte, der eben mit der Hochschule völlig brach, und ihr soviel entriss, wie er konnte). Sie sollten das Wissen, das in den Universitäten angesammelt ist, nicht zurück in diesen Kreis tragen, sondern es verwerten zum Kampf gegen die Macht und ergo auch gegen diese Institution in der sie sich befinden. Und erst recht wenn sie sich ausserhalb befinden. Wir denken, der Macht die besten der Studenten zu entreissen, um sie zu revolutionieren, sollte die Absicht derer sein, welche die Macht zerstören wollen (und dieser Vorschlag ist nicht neu, siehe z.B. Bakunin). Und nicht zu besseren Inaugural-Dissertationen beizutragen. Aber es scheint nicht, dass wir uns hier mit den Machern von Ne Znam einig wären. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb diese sich „Zeitschrift für Anarchismusforschung“ nennt, während es uns ein bisschen fraglich scheint, ob die Stossrichtung dieser Zeitung denn eine anarchistische sei...?

Für Anarchisten und Anarchistinnen kann es zumindest nicht interessant sein, „Spezialisten“, Experten zu züchten, um diese einen Personenkult aufzubauen und ihnen das anarchistische Erbe anzuvertrauen, viel interessanter ist es doch, die verschiedenen Materialien (vor allem die primären, und nicht nur sekundäre Abhandlungen) zu verbreiten, zu teilen und allen öffentlich zugänglich zu machen... Allen, welche vielleicht diesen oder jenen Faden wieder aufnehmen könnten, um damit in der Tat zu experimentieren. Allen, nur nicht jenen, welche wir eigentlich ohnehin als Revolutionäre nicht in unseren Räumen tolerieren können (und wer da dazu gehört, dass ist ohnehin, egal wie viel ich hier jetzt quatsche, Sache der Klarheit und Bestimmtheit jedes Einzelnen). Denn: die Anarchismus-Spezialisten funktionieren nur durch das Horten von Material, welches anderen so schwer zugänglich ist, man betrachte z.B. mal die horrenden Preise welche gewisse Antiquariate für Kopien von historischen anarchistischen Zeitschriften verlangen!

Dass Ne Znam hin und wieder auch brauchbare Texte aus anderen Sprachen übersetzt, mag ihnen zugute gehalten werden, man kann dabei sogar ignorieren, dass dabei vielfach versucht wird, Texte mittels paternalistischer Fussnoten zu delegitimieren. Anarchismusforschung im anarchistischen Sinne kann aber nur darüber funktionieren, wenn auf den („anarchistischen“) Markt, die Akademie und die Spezialisten gepfiffen werden, und ihnen alles, was sie für sich allein beanspruchen, entrissen wird, um es in einem Kontext des Kampfes zu neuem Leben zu erwecken!

Ein violenter Nörgler