Titel: Die Bestürmung von Ceuta und Melilla
Datum: Dezember 2008
Thema: Migration
Bemerkungen: Veröffentlicht in A Corps Perdu, internationale anarchistische Zeitschrift, Nr. 1, Mai 2009. Teil des Dossier "Fremdlinge von überall?".

Trotz einer langen Tradition aktivistischer Cliches, wäre es falsch, weiterhin von der “Festung Europa“ zu sprechen. Dieser Ausdruck ist geläufig, lässt aber vergessen, dass es für die reichen Ausländer kein Problem ist, nach Europa zu gelangen. Er verdeckt vorallem auch die Tatsache, dass der Kontinent, aufgrund des Bedarfs an Arbeitskräften, weiterhin ein Gebiet legaler und legalisierter Einwanderung bleibt, so wie er es auch schon immer gewesen ist. Die zunehmende Kluft zwischen den Immigranten, die aufgrund von Nationalität, Quoten oder der Überlebensdauer vor der Regularisierung auserwählt werden und all denen, die weiterhin ankommen ohne für eine Genehmigung zu fragen, hat schon oft zu dieser Simplifizierung geführt.


Die zwei spanischen Enklaven von Ceuta und Melilla in Marokko stellten einen der einzigen Landwege dar, um nach Europa zu gelangen. Während das Mittelmeer – aufgrund der Unzähligen ertrunkenen Flüchtlinge, die auf dem Weg nach Italien (Lampedusa und Sizilien), Spanien (die Seestrasse von Gibraltar, die kanarischen Inseln) aber auch nach Zypern oder Malta waren – bekanntlich eine der grössten europäischen Grabstätten darstellt, bot diese Grenze, durch etwas Selbstorganisation und Entschlossenheit, für lange Zeit den Vorteil einer kostenlosen und sicheren Überquerung.

Erst im Jahr 1998 erbaute die Stadt Melilla (65‘000 Einwohner) ein spezifisches Internierungszentrum namens CETI (Centro de Estancia Tempral de Inmigrantes). Dieses halb-offene Zentrum ermöglichte eine uneingeschränkte Internierungsdauer; im Gegensatz zu den 40 Tagen der zehn anderen CEI (Centro de Internamiento de Extranjeros) genann­ten Deportationslagern, die von 1985 an errichtet wurden. La Granja, das von dem Roten Kreuz und der Vereinigung Maria Immaculada mitverwaltet wird, hat eine Kapazität von 250 Plätzen und dient als Aussortierungszentrum zwischen jenen, die mit einem Ausweisungsbefehl in einer spanischen Stadt auf dem Festland freigelassen und allen anderen, die per Boot oder Flugzeug zurückgeschickt werden. Im selben Jahr noch begann der Bau einer metallenen Absperrung um die Stadt, nach dem Vorbild von jener in Ceuta des vorigen Jahres. Tatsächlich nehmen die Bootsüberquerungen der «Subsaharier» von Marokko (Sidi Ifni, El Aaiun, Dajla) nach den kanarischen Inseln auf der einen Seite und nach Südspanien (Cadiz, Málaga, Almeria) auf der anderen seit 1994 stetig zu. Gleichzeitig vervielfachen sich auch die individuellen oder durch kleine Gruppen durch­geführten Angriffe auf die Landgrenze bei Ceuta und Melilla.

Doch seit 2005 beginnen sich die Ereignisse zu überstürzen. Vielleicht, weil sie es einfach satt haben, für 1500 Dollar an die Schmuggler, auf eine erfolgreiche Überfahrt zu warten (die technologische und menschliche Bewachung der Seewege hat stark zugenommen), weil sie am Ende ihrer Ressourcen sind (von der Polizei beraubt, von der Mafia erpresst, nach jedem missglückten Versuch eingesperrt und verprügelt in den Gefängnissen von Marokko und Lybien) oder schlicht weil sie zu arm sind; jedenfalls führen seither tausende von Migranten massive Angriffswellen durch, um gewaltsam die Zone zu überwinden, die den Übergang zu den beiden spanischen Enklaven markiert. Wenn wir uns hier vorallem auf die Angriffe dieses Jahres konzentrieren, dann nicht, weil sie in den Medien aufgrund der verursachten Toten einen grösseren Anklang fanden, sondern, weil zahlreiche Migranten im Nachhinein ihre Abenteuer erzählten und vor allem, weil diese Erfahrung der Selbstorganisation und Entschlossenheit mit den Opfermus­ter brachen und zu jedem Individuum sprechen, das noch Freiheit und Wut in seinem Herzen trägt.

Die gute Beziehung zwischen Spanien und Marokko

Die Grenze (mehr als 8 km in Ceuta und 10km in Melilla) wird durch eine doppelte Umzäunung aus gerhärtetem Stahl (gegen Kneifzangen) geschützt, die, je nach Ort, zwischen 3 und 6 Meter hoch ist. Sie verfügt über ungefähr 30 Überwachungstürme, über Wärmekameras und Infrarot-Überwachungsgeräte. Ist die erste Umzäunung (mit Stacheldraht) einmal überwunden, muss man in den Zwischenraum springen und versuchen eine der seltenen Türen aufzubrechen oder eben die zweite Umzäunung zu erklimmen. In Melilla muss man dann noch weiter rennen und sich verstecken, bevor man das Stadtzentrum erreicht, wo es nur eine Einrichtung gibt, die die Asylanfragen registriert. Die anderen werden, nach den üblichen Prügeln, wieder den marokkanischen Behörden überführt. Die spanischen Wächter sind mit Gummischrotgewehren, die schwere Verletzungen verursachen können, ausgerüstet und sind auch äusserst motiviert, von diesen Gebrauch zu machen: Für diesen Posten winkt ein Bonus von 500 bis 800 Euro im Monat.

Der gesamte Sicherheitsapparat, sowohl auf dem Lande wie auch auf der See, wird Sive (Integriertes System externer Wachsamkeit) genannt. 1998 errichtet, wird es im August 2002, entlang von Algesiras, bei der Mündung der Seestrasse von Gibraltar, in Betrieb genommen. Etwas später, im Dezember 2003, wird es auf Malaga und die Insel Fuerteventura (kanarische Inseln) ausgeweitet, worauf Cadiz und Granada im November 2004, Ceuta, Melilla und Lanzarote (kanarische Inseln) im Januar 2005 und bis 2007 schliesslich La Gomera, El Hierro, Valencia, Alicante, Murcia und Ibiza folgen. In Cadiz befindet sich El Mando, das operationelle Zentrum der Guardia Civil, die das Sive verwaltet. Ursprünglich ein Kontrollsystem, das ausschliesslich fürs Land gedacht war, wurde es schliesslich zu einem komplexen Apparat, der gleichzeitig Videoaufnahmen, Satelitenverbindungen, Radar, Wärme- und Infrarotkameras, automatische Nummerschildleser und Herzschlagdetektoren in den Häfen umfasst. All dies unterstützt durch schnelle Intervention-Einheiten, wie jene mit den Speedbooten und Helikoptern, die mit Hilfsmitteln für den nächtlichen Gebrauch ausgerüstet sind. Der Einflussbereich von Sive umfasst (nach den Texten, die in Brüssel im November 2003 über die Kontrollzentren der Migrationsströmen aus dem Süden herausgegeben wurden), alle Gewässer von Portugal, von Frankreich und Italien (Marokko, Algerien und Tunesien mitinbegriffen, ob sie das nun wollen oder nicht). Das zweite Sive, in Griechenland gelegen, muss angesichts der Handelsroute von (menschlichen oder materiellen) Waren, die im Balkan, der Türkei, Ägypten und Libyen benötigt wird, noch errichtet werden. Amper, einer der beiden Betriebe, die Sive eingerichtet haben, exportiert sein System bereits nach Serbien und an die russisch-lettische Grenze, während der andere namens Indra es nach Hong Kong exportiert.

Marokko sieht sich daher durch die Grenzen von Ceuta und Melilla (und den verschieden verteilten Inseln in der Seestrasse) mit einem wahren europäischen Schutzwall zur Überwachung des Mittelmeers verbunden und übernimmt foglich die Funktion der externen Polizei. 1999 befindet sich Marokko bereits auf der Liste der Länder, die von der europäischen Union als vorrangig bezeichnet werden, zur Ausarbeitung von Aktionsplänen, um die Migranten zu stoppen (nebst Albanien, Somalia und Afghanistan). So wurde im November 2003 ein Gesetz «betreffend der Ankunft und des Verbleibs von Ausländern in Marokko und der unregelmässigen Immigration und Emigration» angenommen und somit namentlich das Delikt der illegalen Emmigration ins Leben gerufen (Artikel 50 bis 52, der bis zu 20 Jahren Gefängnis vorsieht). Im Gegenzug zu dieser Art von Gesetzen und Lagern bringt die europäische Union ihre «Entwicklungshilfe» und ihre «Zusammenarbeit» zur Geltung, ein Markt, in dem Libyen und Marokko um Nord-Afrika wetteifern. Das Programm von Den Hag (November 2004) hat diese enge Verbindung zwischen (Anti‑)Migrations Politik und Subventionen jeglicher Art offiziell für fünf Jahre verfestigt.

Das Fehlen gültiger Papiere war für lange Zeit eine sim-ple administrative Straftat, bevor es für die Immigranten in Europa zu einem strafrechtlichen Verbrechen wurde. Staaten wie Marokko sind, nach dem Vorbild des alten Ostblocks, momentan damit beschäftigt, die Emigration aus Afrika als strafrechtliches Verbrechen einzuführen. Sie verdeutlichen nochmals, dass die Individuen ihnen angehöhren (und nicht umgekehrt) und dass es ihnen nicht zusteht ihr Territorium nach ihrem Gutdünken zu verlassen. Nach marokkanischem Vorbild unterzeichnete auch Mauretanien ein Abkommen mit Spanien, das 2006 in Nouadhibou den Bau eines militärisches Lagers bezwecken soll, um dort die Exilsuchenden des eigenen Landes einzusperren. Auch Senegal schloss ein ähnliches Abkommen ab…

Für das Jahr 2004 sprechen die offiziellen Quellen von über 55‘000 Erklimmungen der Zäune durch Individuen oder kleine Gruppen bei Melilla. Diese, von dem marokkanischen Staat angegebenen Zahlen, wurden mit grösster Wahrscheinlichkeit aufgebauscht, um die mangelnde Effektivität der lokalen Polizei aufzuzeigen und insbesondere, um Druck auf die europäischen Subventionen auszuüben, indem man fortdauernd neuen Bedarf an Finanzierungen zur Sprache brachte; nichtsdestotrotz zeugen sie von einem Menschenstrom, der längst nicht mehr als belanglos abgetan werden kann. Im Jahr 2004 fand eine Beschleunigung der spanisch-marokkanischen Annäherung statt, trotz der abgekühlten Beziehung zwischen den beiden Ländern seit dem Konflikt über die Insel Leila-Perejil im Juli 2002: Im Februar 2004 wurden Abkommen über die Rückführung von südsaharischen Exilanten geschlossen; im April fand der erste offizielle ausländische Besuch von Zapatero statt; im Oktober wurde zusätzliche Hilfe von 950‘000 Euro (neben den versprochenen 70 Millionen) angekündigt; im Januar 2005 wurde das SIVE an der marokkanischen Grenze zu Algerien erweitert; im Februar wurde Marokko Mitglied der IOM (Internationale Organisation für Migration, die die Rückkehrhilfe verwaltet); im Juli wurde mit der europäischen Union ein Abkommen über den Fischfang getroffen, der seit 2001 eingestellt wurde. Es spricht für sich selbst, dass eine der Gegenleistungen die marokkanische Immigrationspolitik war, vorallem im Zusammenhang mit Ceuta und Melilla.

Hetzjagden und steigende Repression

Sie beide sind umringt von Bergen und Wäldern. Auf dem Berg Gourougou, im Wald rund um die Stadt Nador, die sich oberhalb von Melilla befindet und im Wald von Ben Younech, nördlich von Melilla, werden informelle Lagerplätze errichtet. Vom 12. bis 14. Januar 2005, drei Tage vor dem Besuch des König Juan Carlos, zerschlugen 1200 Mitglieder der marokkanischen Sicherheitskräfte, mit der Hilfe von 25 Militärfahrzeugen und 3 Helikoptern, die informellen Lagerplätze von Gourougou und verhafteten dutzende Migranten. Im Februar wird der Wald von Bel Younech umzingelt und belagert und ihnen wird die wichtigste Wasserquelle am Rande des Waldes abgeschnitten. Im Mai finden mehrere Hetzjagden in der Umgebung statt, mit dem Ziel, ausgehungerte Flüchtlinge zu fassen, die vom Wald aus in die in einem Abstand von rund 10 km liegenden Dörfer (wie Fnidq) flohen und versuchten zurück zu gelangen, um sich mit Nachschub zu versorgen. Einige Flüchtlinge versuchten sogar bis zur kommunalen Mülldeponie von Nador vorzudringen. Am 5. Juli wird auch dieser Lagerplatz besetzt und durchkämmt.

Die Flüchtlinge werden in die umliegenden Berge gejagt, wo sie sich in Grotten oder improvisierten Höhlen verbergen oder sich in nahe gelegenen Dörfern verstecken. Ein Teil der Migranten beginnt sich in der Umgebung von Melilla neu zu formieren, und am 29. August versuchen ungfähr 300 von ihnen, vom Berg Gourougou aus, die Umzäunung zu erstürmen. Sie werden durch Gummigeschosse zurück getrieben. Eine kleine Gruppe wird von Guardia Civil umzingelt und aufsschwerste verprügelt: Viele Migranten trugen grobe Verletzungen davon und eine Person wurde umgebracht (ein Mann, der an den Folgen einer Nierenblutung starb). Trotz dem kollektiven Misserfolg, werden bei Melilla weiterhin Versuche gestartet (wie am 8. und 15. September), dann jedoch, wie früher, in kleineren Gruppen. Während lokale Zeitungen eine rassistische Kampagne starten (Le Matin und danach Ashamal die über «die Menschen da» sprechen die «alles verschmutzen», oder über «die schwarzen Heuschrecken», die ins Land einfallen), erhöht die marokkanische Polizei den Druck und geht zu grossangelegten Razzien über: Am 7. September im Norden des Landes und am 27. September in den Arbeitervierteln von Rabat, Casablanca, Tanger und Fes (1100 Festnahmen).

Von Selbstorganisation…

Ungeachtet dieser breitangelegten Operationen, die stehts technisch und zeitlich begrenzt sind, führt der nahende Winter, der Druck der Polizeirazzien in den Städten und Wäldern und eine gute Portion Wut, viele Flüchtlinge dazu, die Wälder, die anfang des Jahres verloren gingen, kurzerhand erneut zu erobern, aber auch, sich auf neue Angriffswellen vorzubereiten, die dieses Mal massiv und entschlossen sein werden.

Gemäss verschiedenen Aussagen entstand die Selbstorganisation ebenso durch Nationalitäten und Sprachen, als auch aus Netzwerken von 10-15 Personen, die sich während den Wander­ungen gebildet haben und manchmal mehrere Jahre lang andauern. Viele Gruppen wählen einen Sprecher oder Chairman (für die Eng-lisch sprechenden), was oftmals diejenigen sind, die als erste angekommen waren – einige lebten bereits mehr als ein Jahr im Wald. Die Koordination zwischen den Gruppen oder Gemeinschaften, betrifft die verschiedenen materiellen Aspekte des Lagerplatzes: Improvisierte kollektive Toiletten und Abfallverarbeitung (um die Verbreitung von Krankheiten und Epidemien zu vermeiden), Bau von kollektiven schäbigen Unterkünften, die «Ghettos» genannt werden, sowie Teams von Erste-Hilfe-Leis­tenden, um die Kranken oder Verwundeten (gebrochene Beine, tiefe Schnittwunden) zu versorgen, die abends, nach diskreten Versuchen die Grenze zu überwinden, zurückkehren. Diesen Teams wird manchmal durch unregelmässige Kontakte mit den einen oder anderen NGOs geholfen, Medikamente zu bekommen. In Bezug auf Konflikte sprechen viele Zeugen von der Anwesenheit von «Weisen», von internen «Blauhelmen», die aufgrund der wachsenden internen Spannungen, betreffend des steigenden Polizeidruckes, eingerichtet wurden.

Die ersten massiven Bestürmungen beginnen im August in Melilla, von dem Berg Gourougou aus. Sie sind ihnen nicht gelungen, doch verursachten sie viele Hin-und-Rückreisen von Bel Younech (Ceuta) nach Gourougou (Melilla) und erzeugten einen wahren Prozess kollektiver Reflektion (informelle Sitzungen und Assemblees), die trotz allem auf die Fortsetzung desselben modus operandi, aber auch auf eine breite technische Koordination hinausliefen: die Konstruktion zahlreicher handgefertigter Leitern aus Holz und Gummi, die bis zu zehn Meter lang waren, Versorgung mit Handschuhen und dergleichen für hunderte von Personen, die Wahl eines Abschnittes der Umzäunung von 50 Metern aufgrund der Höhe der Hecken und der Bewachung, Organisation in Angriffsgruppen und Aufrufe an Migranten aus Gegenden, die weiter entfernt vom Wald lagen. Zeugen sprechen aber auch von anderen Themen, die während einer zweitägigen Versammlung in Bel Younch diskutiert werden, wie z.B. die Teilnahme von Frauen (was schlussendlich auch geschah) oder die Konkurrenz zwischen verschiedenen Chairmans, die ohne Zweifel eher danach verlangten, ihr bisschen Macht zu erhalten, als dafür zu sorgen, dass sich ihr Wald ein für alle Mal leerte. Diese internen Neugruppierungen deuten auch das Hervorkommen entschlossenerer Individuen an, für welche das Entfliehen vom marokkanischen Elend und der Traum von dem europäischen Eldorado stärker sind, als die spröden Vermittlungen, die eingeführt werden, um das Überleben zu verwalten. Es sind jene, die die Angriffsgruppen anführen und jene, die als erste die Kugeln der Guardia Civil um ihre Ohren pfeifen hören werden.

…und massiven Angriffen

Einen Monat nach dem missglückten Überquerungsversuch von 300 Personen, sind es dieses Mal fast 800 Migranten, die bei Melilla einen zweifachen Ansturm lancieren. Etwa 300 Personen gelingt die Überquerung. Dieser siegreiche Angriff ermutigt die Migranten von Ceuta und verstärkt die kollektive Entscheidung.

Am Abend vor der Eröffnung der spanisch-marokkanischen Gipfelkonferenz in Séville und wie ein Schlag ins Gesicht der Mächtigen, die doch so fleissig ihre Interessen verteidigen, machen sich im Wald von Bel Younech etwa 500 Migranten bereit.

Um 1 Uhr brechen sie im Gänsemarsch in Richtung Ceuta auf. Nach 3 Stunden kommen sie vor der Umzäunung an, an einer Stelle, wo sie gerade etwa 3 Meter hoch ist; die erste der fünf Gruppen legt die Leitern an, und alle anderen folgen. Alarmiert durch die Hunde bezieht das marokkanische Militär mit ihren Gewehren Stellung. Sie verursachen unmittelbar zwei Tote und zahlreiche Verletzte. Under dem blendenden Licht der Scheinwerfer, die die Umgebung ableuchten, tritt die zweite Gruppe ihrerseits in Aktion und greift die Gitter an, sie gelangen bis zu den Stacheldrahtrollen, doch da werden sie bereits von den Wärtern aufgehalten, die sie zu Boden reissen und auf sie einzuknüppeln beginnen. Die Flüchtlinge der beiden Gruppen fliehen entlang des schmalen Korridors zwischen den beiden Zäunen und suchen einen Durchgang nach Ceuta, ohne erneut klettern zu müssen und von den Spaniern wie Kaninchen heruntergerissen zu werden. Die Guardia Civil versperrte mit ihren Fahrzeugen sofort die Tore des zweiten Zaunes. Sie schiessen mit Tränengas und Gummischrot auf jene, die ihn emporklettern. Sie töten 3 weitere Personen, allerdings ohne die Masse vom Überqueren abzuhalten. Weitere spanische Soldaten beginnen von marokanischer Seite her in die Masse zu schiessen, um die Unentschlossenen der drei letzten Gruppen abzuschrecken. Etwa 225 Personen konnten bis nach Ceuta vordringen. Sie wurden umstellt und setzten sich nieder, gegen das Versprechen sie in die Stadt zu geleiten (wo sie einen Asylantrag stellen könnten). Um 4 Uhr morgens treffen die Anti-Riot-Einheiten ein und alle Flüchtenden wurden knallhart verprügelt, um sie dann umgehend den marokkanischen Autoritäten wiederauszuliefern.

Angesichts dieser Angriffe, die von sich reden machten, und der 5 Toten, die einen Gipfel beschmutzten, der zum Ziel hatte den Erfolg der gemeinschaftlichen Anstrengungen beider Länder zu aufzuzeigen, wurde an der Grenze sogleich Verstärkung aufgeboten. Es zeigen sich nun 1600 Bewacher auf marokanischer Seite und 480 Soldaten auf der spanischen, ausserdem wurden zusätzliche technische Mittel (wie z.B. 130 Infrarot-Überwachungsgeräte) installiert. Während die marokkanischen Autoritäten die Razzien vervielfachen, erklärt der spanische Sicherheitsbeauftragte, Antonio Camacho, dass «wenn diese Lawinen weitergehen, wird es äusserst schwierig sein, ihnen die Stirn zu bieten und ich schliesse keine weiteren ungwollten Situationen aus». Mit anderen Worten, das diejenigen, die kommen, um ihre Arbeitskraft zu niedrigen Preisen zu verkaufen, aus nächster Nähe abgeknallt werden. Ein jeder weiss, dass einmal eingeleitet, eine solche kollek-tive Entschlossenheit im Laufe von Monaten von Leiden, von Widerständen und enttäuschter Hoffnung geschmiedet, nicht so leicht durch Zwang gebrochen werden kann. Und dass das seinen Preis haben wird…

Eine Woche voller Hoffnung

Trotz diesen ganzen Vorkehrungen schwärmen am 3. Oktober, gegen 5 Uhr morgens, also weniger als eine Woche später, erneut 650 Migranten zum Angriff auf Melilla aus. Dieses Mal ist es ein 6 Meter hoher Stacheldrahtzaun, der mit selbstgefertigten Leitern erklommen wird. Erneut gelingt es etwa 300 bis nach Melilla vorzudringen, doch die Zahl der Verletzten (aufgrund von Schnitten, Schlägen, Treffern von Projektielen oder den Kreuzfeuern) ist beachtlich: 135 – 5 davon Schwerverletzt. Während der Konfrontation wurden auch 7 Polizisten und Soldaten verletzt (einer leidet unter einem Schädeltrauma), die meisten aufgrund von Steinwürfen, während ein Teil der Metallumzäunung niedergerissen wurde. Als Repressalie verspricht der marokkanische Staat vor Ceuta einen Graben von 3 Metern tiefe zu graben. Kurz darauf findet im Wald von Bal Younech eine Menschenjagd statt. Die Lagerplätze werden in Brand gesteckt und alle 100 Meter werden Militärposten aufgestellt und permanente Jeeppatrouillen durchgeführt. 130 Migranten sind hierbei verhaftet worden. Was die Umgebung von Melilla betrifft, sieht es etwas anders aus, denn dort bietet das Gourougou-Gebierge den Flüchtlingen Schutz…

Am 5. Oktober, zum fünften mal in acht Tagen, geht eine Welle von 500 Personen, aufgeteilt in zwei Gruppen, zum Angriff auf die militarisierte Einrichtung bei Melilla über. Sie nutzen eine der letzten Pasagen aus, bei der der Zaun «nur» drei Metar hoch ist. Die Schlacht ist brutal, aber etwa 65 Migranten können das doppelte Hinderniss überwinden, alle in einem miserablen Zustand. In dem Gedränge wurde ein Militärjeep umgekippt und ein spanischer Guardia Civil verletzt. Zwei neue Anti-Riot-Einheiten der Guardia Civil wurden sogleich zur Verstärkung beigezogen, während Zapatero die Konstruktion eines dritten «hochentwickelten», «unüberwindbaren» und… «unbeschädigbaren» Zaunes ankündigt. Er fragt bei der Europäischen Union an und erhält eine Zusage von 40 Millionen Euro für Marokko, und fordert im Gegenzug von diesem, die Zulassung aller Illegaler, die durch sein Territorium aus Marokko nach Spanien gelangt sind (eigentlich dieselbe Sache, wie die Länder des Schengenraumes untereinender bereits anwenden).

Am 6, Oktober, gegen 3 Uhr morgens, wird von einer letzten massiven Welle die Überwindung der Grenze bei Melilla versucht, dieses Mal auf der Höhe von Rostrogordo. Anfänglich spricht die Presse von 1500 Personen, eine unwahrscheinliche Zahl, angesichts der intensiven Kontrollen in der Aufbruchszone, der grossangelegten Razzias (85 Festgenommene am Vorabend und 134 am Tag davor in Nador, in der Nähe von Melilla) und all der Verhaftungen während früherer Versuche. Wahrscheinlich waren es etwa 500, sowie beim vorhergehenden Mal. Dieses Mal gelingt niemandem die Überquerung und weitere sechs Flüchtende werden von den Ordnungskräften umgebracht (seit Anfang Sommer insgesamt 17 an diesem Grenzabschnitt). Die marokkanischen und Spanischen Truppen warteten alle wachsam entlang der Umzäunung. Es war ein Massaker. Über diese letzte tragische Nacht drangen nur wenige Informationen nach aussen, bloss über die Zahl der Ermordeten verlor man einige Zeilen. Juan José Imbronda, der Gouverneur von Melilla, gibt sich damit zufrieden, in einem Privat-Radio zu erklären: «Die marokkanischen Truppen haben mitgeholfen, das ist worauf wir warteten»…

Massenhafte Deportationen

Spanien organisierte schnell die Rückführung über Malaga oder Algesiras nach Marokko, von all jenen, die diese so symbolische Landgrenze überschritten haben (die meisten Sans-Papiers kommen eigentlich über die Häfen und Flughäfen in Europa an). Einzig eine Gruppe von 140 Personen wurde davon ausgenommen. Daraufhin werden viele vom Büro für internationale Migration oder dem Roten Kreuz in einem Konvoi nach Oujda, an die algerische Grenze gebracht, von wo aus mehrere Charterflüge starten: Sechs Flugzeuge mit 140 Ausgewiesenen nach Senegal am 10 und 12 Oktober mit Royal Air Maroc und eine Boeing 747 nach Mali, die am 11. Oktober extra für 400 Ausgewiesene gebucht wurde, dem tagsdarauf ein Flugzeug mit weiteren 200 folgt. 2400 andere Afrikaner (Kongolesen, Ivoirier, Guineer, Gambianer,…) wurden seit anfangs Oktober mit Bussen in die westliche Sahara ausgeschafft, in den Teil der Wüste, der an Mauretanien und Algerien grenzt.

Am 9. Oktober brach ein kleiner Skandal aus, als 500 von ihnen in der Zone von Bouarfa wiedergefunden wurden, nachdem sie mehrere Tage lang vor der algerischen Grenze ohne Wasser und Lebensmittel in der Wüste verloren waren. Daraufhin wurden sie in der Militärbasis von Taouima und von Berden (bei Guelmin) eingesperrt. Dort, trotz oder vieleicht gerade wegen der von den Soldaten auferlegten, unmenschlichen Bedingungen, kämpften sie mit einem Hungerstreik weiter, um ihre Befreiung zu beantragen. Nach anderthalb Monaten Haft wurden sie alle in ihre Herkunftsländer (Senegal, Mali, Kamerun, Guinea, Gambia) oder in die algerischen Lager ausgewiesen. Desweiteren finden anfangs Dezember in Algerien grossflächige Razzien statt und die Flüchtlingslager, wie jenes von Maghnia (Grenzstadt gegenüber von Oujda) werden geleert, um ihrerseits eine gewisse Anzahl Menschen in die Wüste nahe der malinesischen Grenze zu deportieren.

Alles geht weiter…

Es ist überflüssig zu sagen, dass das verschieben der Grenze nichts verändert hat, ausser der Anzahl Toter, angesichts der schwierigeren Überquerung. Die Pateras (Bootflüchtlinge) starten nun mit immer mehr Menschen von Mauretanien und Senegal aus in Richtung kanarische Inseln, anstatt von Marokko; und in letzter Zeit auch eher von El Ayoune als von Ceuta. Die Immigranten, denen es gelingt nach Marokko zu gelangen, um die Überquerung nach Europa zu versuchen, haben sich vom Wald des Gourougouberges bei Melilla aus in den Wald des Maiwari, in der Nähe von Nador, zurückgezogen. Das einzige, das sich nicht von der Stelle gerührt hat, sind die Lichter der spanischen Stadt, die, trotz der Verstärkung der Grenzen, weiterhin Flüchtlinge anzieht (in den ersten fünf Monaten von 2008, wurden in der Zone 960 Flüchtlinge festgenommen). Die Verstärkung der Grenze besteht im Moment aus einem erstmaligen System von mobilen Zaunpfosten, um zu verhindern, dass die Angreifer Leitern anlegen können, gefolgt durch ein Gewirr von Kabeln und Seilen, zwischen 6 und 12 mm dick, die sich durch das Gewicht der Angreifer lockern, um diese aufzuhalten. Die erste Umzäunung verfügt über ein Alarmsystem und einen Verteiler von auf Pfeffer basierendem Tränengas, der auf Druck reagiert. Der Alarm schaltet auch die extrem starken Scheinwerfer ein, die alle 125 Meter aufgestellt wurden. Darüberhinaus gibt es Radar und diverse Bewegungsdetektoren. Auf einem Grenzstück von rund 10 km stehen 17 Überwachungstürme. Dieses technologische Spielzeug, MIR genannt (radikal intelligente Mauer), das zu Beginn des Sommers 2006 installiert wurde, kostete bloss eine Bagatelle von 20 Mio. Euros, und überlässt die Drecksarbeit den Marrokanern. Diese installierten alle hundert Meter einen militärischen Posten, von wo aus sie mit Maschinengewehren und Hunden patroullieren. All dies wird durch europäische Fonds finanziert.

Wir könnten es hierbei belassen; bei der Herrschaft, die in dieser Episode des sozialen Krieges die Oberhand gewinnt, wenn da nicht neue Informationen angekommen wären, die uns daran erinnern, dass die Geschichte kein zeitliches Kontinuum ist, mit einer abgeschlossenen Vergangenheit und einer ewigen Gegenwart, sondern sich sprunghaft vorausbewegt. Diese, auf Selbstorganisation, Solidarität und Mut basierten Kämpfe von Flüchtlingen, hätten zu Beginn des Sommers 2005 auch enden können. Aber…

Am 21. und 22. Juni 2008, kommt es erneut zu zwei massiven Erstürmungen, wobei Flüchtlinge erfolgreich den Zugang zu Melilla erzwingen können und sich dadurch ermöglichen, in die spanischen Enklaven einzudringen. Der Ansturm vom Juli 2006, bei dem der Grenzposten von Beni-Asnar (in der Nähe von Nador) direkt angegriffen wurde und ein Angreifer das Leben verlor, wiederholt sich. Am 21. Juni, um ungefähr 4.30 Uhr, fallen rund 70 Flüchtlinge die Bewacher mit Steinen und Stöcken an. Als kompakte Gruppe überrumpeln sie die marrokanischen und spanischen Wächter (drei werden dabei verletzt) und ungefähr 50 gelingt es, die Grenze zu überqueren, worauf eine grossangelegte Hetzjagd ausgerufen wird. Einige werden auf Bäumen oder unter Autos aufgefunden. Alle Festgenommenen werden in einem Internierungszentrum eingesperrt; die nächst Etappe auf dem Weg zu einer möglichen Freilassung in den Strassen des Kontinents. Deutlich inspiriert, wird am folgenden Abend, um 21:15, der Angriff durch eine kleinere Gruppe wiederholt, die von dem Geschreien bei einem Goal, während des Viertelfinals von Euro 2008, zwischen Spanien und Italien profitieren, diesmal jedoch mit weniger Erfolg.

Diese neue Episode erinnert uns daran, dass, solange Staaten und Grenzen bestehen, keine einzige Mauer stark genug sein wird, wie technologisiert auch immer sie sein mag, um die Wut und die Hoffnung der Beherrsch­ten, auf der Suche nach einem besseren Leben, zu bezwingen. Es wird immer Wälder und Berge geben, von wo aus die Anstürme auf diese tote Welt hervorkommen werden. Von den abgelegensten Wüsten, bis in die Herzen der Metropolen.

Ein Sans-Patrie