Die Schiffs-Crew war schon lange, bevor die italienische Marine aufkreuzte, von Bord gegangen. Die Überfahrten der „Blue Sky M“ und der „Ezadeen“, zweier Geisterschiffe im Mittelmeer Ende Dezember 2014, hätten für über tausend Migrant_innen tödlich geendet, wären sie nicht 15 Seemeilen vor der italienischen Küste unter Kontrolle der Marine gebracht worden. Die Medien heroisierten die „Rettungsaktion“ des italienischen Staates und verteufeln mantra-mässig das grausame Vorgehen der Menschenschmuggler. Als Anarchist verorte ich mich auf keiner der „beiden Seiten“, da alle Institutionen der Unterjochung, ob nun staatlich organisiert oder nicht, der Freiheit des Individuums entgegenwirken. Es ist klar, dass die lauwarme, demokratische Propaganda immer versuchen wird, globale Verstrickungen und Komplexitäten auf einfache Kausalitäten herunter zu brechen. So hat man sich als Medienkonsument schlussendlich zwischen A und B zu entscheiden, zwischen Staat oder Menschenschmuggler, ohne ihren Zusammenhang zu verstehen und Parallelen auszumachen. Denn die Misere der Migrant_innen beginnt nicht erst am anderen Ufer des Mittelmeeres, wo sie teures Geld für eine lebensgefährliche Überfahrt bezahlen müssen.

Täglich verlassen tausende Individuen ihre Heimat und begeben sich auf eine endlose, traumatisierende und oft tödliche Reise nach Europa. Zwangsarbeit, Folter und Vergewaltigung warten auf sie. Die Beweggründe, warum Individuen ihre Heimat und ihr soziales Umfeld verlassen und, durch die unzähligen Berichte von Angehörigen und Bekannten, bewusst ihr Leben aufs Spiel setzen, sind bestimmt nicht launischer Natur. Es ist müssig, auf die staatlichen Kategorisierungen der Fluchtgründe einzugehen, ist es doch sein historischer und immer noch anhaltender Terror, der die Trennung von Armut und Reichtum produziert, immer weiter ausbaut und Menschen dadurch zwingt, zu emigrieren. Wir leben in einem globalisierten Dorf, wo kein Ereignis mehr isoliert betrachtet werden kann; weder der militärische Krieg am anderen Ende der Welt, die strukturelle Umweltzerstörung, die Privatisierung des Bodens und aller Güter, der innerstaatliche Terror gegen die Bevölkerung, noch der Menschenschmuggel. Fakt ist, dass die „illegale Migration“ nur durch ein System existieren kann, dass durch territoriale Grenzziehung das freie Herumziehen der Individuen aktiv verhindert und gleichzeitig auf deren billige Arbeitskraft angewiesen ist.

Der Menschenschmuggel – eine Folge dieses Systems

Ob nun auf der ägyptischen Halbinsel Sinai, in der kleinen lybischen Küstenstadt Zuwarah, oder in Europa selbst; die organisierten Menschenschmuggler, auch Schlepperbanden genannt, scheffeln Millionen durch das rentable Geschäft. Ihre Methoden zum Erfolg sind Erpressung, Zwangsarbeit, Folter, Vergewaltigung. Die Regierenden in ganz Europa haben längst erkannt, dass es mit Hilfe ihrer Sprachrohre, den Massenmedien, aufgrund internationalen Drucks immer dringender wird, von ihrer tötenden Migrationspolitik, die Menschen erst auf solche Boote zwingt, um sie dann in Europa in Lager und Gefängnisse zu pferchen, abzulenken. Für das muss aber ein Feindbild geschaffen werden, dem die ganze Verantwortung für das Elend, das Menschen auf der Flucht erfahren, zugeschoben werden kann; der organisierte Menschenschmuggel. Wie schon oben erwähnt, geht es hier nicht darum, diese ausbeuterischen, autoritären und abscheulichen Taten, die Profit auf dem Rücken der Ärmsten abwerfen, zu relativieren oder gutzuheissen. Es geht darum, seine Rolle in einem kapitalistischen System zu analysieren und zu verstehen. Nach den Frachter-Ereignissen im Dezember 2014, sprach die europäische Politik, im Vergleich zur zerstrittenen und angespannten Situation davor, plötzlich wieder die gleiche Sprache – mit vereinten Kräften gegen den Menschenschmuggel. Natürlich war das vor diesen Ereignissen auch schon der Fall, doch durch die mediale Aufmachung dieser Vorfälle haben sie nun effektive Narrenfreiheit, diesem illegalen Geschäft mit noch mehr Repression und Überwachung im Mittelmeer entgegenzuwirken. Wer in dieser Negativspirale die Leidtragenden sind, ist wohl allen bekannt...

Rekuperation durch den Staat

Der Menschenschmuggel hat also durchaus einen positiven Effekt für die Regierenden hier in Europa. Einerseits weil er als neuer Feind hochstilisiert werden kann, dem mit vereinten Kräften, von links bis rechts die Stirn geboten werden muss, und dies nur mit Aufstockung militärischem Arsenals an den Aussengrenzen Europas möglich ist. Andererseits ist er ein nützliches Werkzeug, um prekarisierte Menschen, die in Europa rechtlich gar nicht existieren, auf übelste Weise auszubeuten und zu erniedrigen. Es ist offensichtlich, dass ohne ihre Grenzen, Gesetze und Repression, der Menschenschmuggel, zumindest in solch einer Form, sicher nicht existieren würde. Die EU nutzt also wieder einmal die Gunst der Stunde, um ihr tötendes Regime gegen unverwertbare Migrant_innen unsichtbar werden zu lassen, indem sie die Scheinwerfer einfach auf eine Konsequenz ihrer unweigerlichen Politik richten und uns den neuen Feind präsentieren. Aus anarchistischer Perspektive ist es unmöglich, sich auf eine der „beiden Seiten“ zu schlagen, nach Reformen zu schreien oder Moral einzufordern. Das freie Herumziehen der Individuen soll Teil einer freien Gesellschaft sein. Dieser Freiheit stellt sich der Staat mit all seinen zur Verfügung stehenden Mittel entgegen.