Der Rebell. Organ der Anarchisten deutscher Sprache

Die Initiative

Unter diesem Titel enthält Nr. 11 des „Revolte“[1] einen beherzigenswerthen Artikel, welcher auch uns veranlasst, diesen Punkt einer eingehenden Erörterung zu unterziehen. Denn gerade die Initiative des Individuums ist die wichtigste Vorbedingung zur Realisierung der anarchistischen Idee. Der Anarchismus, welcher die Autorität in jeder Form negiert, setzt die Initiative der Individuen voraus, um ohne autoritäre Einflüsse die gesellschaftliche Harmonie zu ermöglichen. Solange die Individuen nicht Alles was sie für gut und nützlich halten aus eigenen Antriebe und auf die eigene Kraft vertrauend unternehmen und ausführen, sich auf Andere verlassen und warten bis sie von irgend einem Punkte aus dazu genöthigt werden, oder bis Andere für sie thun, solange werden sich auch Autoritäten mit allen ihren schlimmen Folgen erhalten und Neue werden sich bilden. Die Anarchie ist solange ein leeres Wort!

Leider gibt es bis heute nur noch sehr wenige, welche dies begriffen haben und darnach handeln. Sehr richtig schreibt daher der „Revolte“:

Was bisher die anarchistische Idee verhinderte ihre volle Wirkung (auf die Gesellschaft) hervorzubringen, ist: dass es noch nicht gelang, sich auch in der Praxis der Vorurtheile zu entledigen, welche man in der Theorie bekämpft, was zur Folge hat, dass man schafsmässig in der neuen Organisation den alten Fehlern, längst überlebter Organisationen folgt. Man reklamiert sich die individuelle Freiheit, man proklamiert die freie Initiative des Individuums, und, wenn es gilt zu handeln, verlässt man sich auf diesen oder Jenen von denen man gewohnt ist, sie handeln zu sehen.... Alles dies aus dem einfachen Grunde, weil die grosse Mehrzahl die anarchistische Idee nicht gründlich aufgefasst hat“.

In der That ist dieser Vorwurf des „Revolte“ nicht nur den französischen Genossen gegenüber berechtigt, sondern für die grosse Mehrzahl Aller, welche sich Anarchisten nennen-

Da gibt es Viele, welche den Anarchismus als eine platonische Idee auffassen und meinen, wenn sie sich irgend einer anarchistischen Organisation anschliessen, Zeitungen halten, Beiträge leisten, haben sie alles gethan um echte und rechte Anarchisten zu sein. Gehören dieselben irgend welchen Organisationen an, so pflegen sie aus alter Gewohnheit und besonders aber aus Bequemlichkeit (um uns keines schärferen Ausdruckes zu bedienen) für die zu entwickelnde Thätigkeit fleissig Comitees und Commissionen zu wählen, welche Wahl in der Regel immer nur die Wenigen trifft, welche man gewohnt ist thätig zu sehen, oder man verlässt sich auch ohne Wahl auf diese Wenigen. Daher kommt es, dass trotz der verhältnismässig ganz stattlichen Anzahl von Anarchisten, nur sowenig geschieht. Die Propaganda in Theorie und That ist im Verhältniss zu unserer Zahl kaum der Rede wert.

Diese Initiativlosigkeit hat nach zwei Seiten eine äusserst schlimme Wirkung. Erstens: gewöhnen sich die meisten Genossen immer mehr daran, resp. Kommen nicht aus der Gewohnheit, nur alles das als recht und gut anzuerkennen, was von einzelnen bestimmten Personen ausgeht, und zweitens: fallen diese einzelnen Personen mit der Zeit in einen gewissen Unfehlbarkeitsdusel, welcher der Anfang vom Autoritarismus ist. Kurz das führt trotz allen abwehren, zum Zentralismus. Sogar noch schlimmer, die Initiativlosigkeit der Masse bedingt den Zentralismus. Zentralismus kann nur da bestehen, wo Initiativlosigkeit herrscht, wie umgekehrt durch den Zentralismus die Initiativlosigkeit der Masse systematisch gepflegt wird.

Kommt es dann vor, dass von den einzelnen Personen, welche fasst ausschliesslich die Initiative ergreifen, Fehler gemacht werden, pflegt man auf diese Personen zu raisonnieren oder gar zu schimpfen, anstatt den Fehler in der eigenen Initiativlosigkeit zu suchen.

Würde es sich aber jeder Einzelne von uns ernstlich angelegen sein lassen, den alten Schlendrian abzustreifen, anstatt sich auf Andere zu verlassen um die Initiative für die zu entwickelnde Thätigkeit zu ergreifen, selbst denken und spekulieren, wie am besten unsere Idee befördert werden kann, und wenn ein realisierbares Projekt gefunden ist, wiederum selbst ans Werk gehen, sei es wenn möglich allein ohne dass Jemand Anderer davon weis, oder wenn es allein nicht möglich ist, in Verbindung mit der nöthigen Hilfe, so könnte bereits heute schon eine zehnfach grössere Thätigkeit entwickelt werden.

Die persönliche Initiative ist eine logische Pflicht für Jeden der auf die Bezeichnung Anarchist Anspruch macht. Denn es genügt durchaus nicht, die autoritären Institutionen der Gesellschaft, welche die freie Bethätigung und Entwicklung des Individuums hindern, nur theoretisch zu bekämpfen, sondern um dieselben auch faktisch auszurotten, muss diese freie Bethätigung der Individuen auch ausgeübt werden, d. h.: jeder Einzelne, der nicht im Schlepptau einiger Leithammel gezogen werden will, muss überall und in allen Dingen seine eigene Kraft in selbständiger Weise zu verwerten bestrebt sein. Es mag sein, dass für den Anfang viele Fehler gemacht, viel Mangelhaftes gethan wird, aber das darf nicht entmuthigen; denn nur durch praktische Übung kann Tüchtigeres geleistet werden. Kritiken und Tadel, soweit dieselben sachlich berechtigt sind, sollen stets nur als Sporn dienen, Besseres zu leisten. Alle engherzigen Nörgeleien, welche zumeist von solchen Personen ausgehen, welche Alles was Andere thun in Koth zu ziehen suchen, ohne selbst jemals Besseres zu leisten, können ruhig verachtet werden, denn solche Personen sehen Alles, selbst das Beste und Reinste, durch den schmutzigen Seelenspiegel ihres eigenen „Ichs“.

Es gibt aber ferner auch noch viele Anarchisten, welche in der besten Absicht der Sache, besonders der so sehnsüchtig erwarteten Revolution, zu dienen, eine gewisse Zentralisation der vorhandenen Kräfte in dem gegenwärtigen Kampfe als zweckmässoger befürworten und infolgedessen auch der Meinung sind, es sei besser wenn Jeder nur das thue, worin er bereits praktische Thätigkeit besitzt, um, mit Rücksicht auf unsere verhältnissmässige kleine Anzahl, eine um so intensivere Kraftäusserung zu erzielen. Soviel diese Meinung den Schein der Richtigkeit für sich hat, ist sie dennoch ein Irrthum. Der Anarchismus besteht nicht nur, wie wir schon so oft betont, in einer so bald als möglichen und gründlichen Zertrümmerung der bestehenden Gesellschaftsorganisation[,] sondern in der Vernichtung alles dessen was die Menschheit irgendwie in ihrer freien Bewegung hindert oder hemmen kann. Die gewaltsame Zerstörung des Alten ist also nur Mittel zum Zweck. Um aber den Zweck zu erreichen ist es vor allen Dingen nothwendig, dass es überall, wo vorläufig die soziale Revolution zu schlagen ist, eine entsprechende Anzahl in jeder Beziehung selbstständiger Menschen (Anarchisten) gibt, welche imstande sind, klar und zielbewusst die Initiative für die zu treffenden Massnahmen zu ergreifen. Diese Selbstständigkeit erlangt der Mensch jedoch nicht übernacht, dieselbe muss geübt und praktiziert werden und dass muss heute schon während des Kampfes bis zur allgemeinen Revolution geschehen. Sobald jedoch Jeder nur das thut, worin er bereits praktische Tüchtigkeit besitzt, so würden sich naturgemäss, die Individuen nur einseitig entwickeln und sich ausser ihrer respektiven Spezialität in allen anderen Dingen im Schlepptau einiger Leithammel (Autoritäten) ziehen lassen. Das anarchistische Ideal wäre abermals in eine unabsehbare Ferne gerückt und zwar durch unsere eigene Schuld.

Wenn die Revolutions-Pfaffen und Sozialdemagogen die revolutionäre Kraft des Proletariats zu zentralisieren suchen, dabei auch nie vergessen sich selbst an die Spitze der Zentralen zu bringen, so ist dies sehr natürlich, da diese Leute die Revolution nicht der Befreiung der Völker wegen anstreben, sondern um sich durch die Revolution der Herrschaft über die Völker zu bemächtigen. Die sozialen Versprechungen, welche sie dem Volke machen, gehören zum Geschäft wie die Reklame des Kaufmanns, oder die ewige Seeligkeit der Religionspfaffen. Autonomie und Selbstständigkeit der Individuen ist für sie ein Gräuel, „Hirngespinst“, Utopie“ u. s. w.; denn damit wird jede Herrschaft unmöglich, also auch ihre eigene.

Für diese Sorte „Sozialisten“ existiert das Volk nur als Masse, „das Individuum löst sich auf in der Allgemeinheit“. „Alles durch die Allgemeinheit und für die Allgemeinheit“, das Individuum ist Nichts. Warum? – Weil sich „im Interesse der Allgemeinheit“ die Individuen leichter unterdrücken lassen; weil, wenn die Rechte und Interessen der Menschheit oder der Völker nur in der Allgemeinheit anerkannt werden, Regierungen (Herrschaft) sein müssen, nach welchen ihr ganzes Streben gerichtet ist. Daher verstehen diese Leute unter „Freiheit“ nur jene Carrikatur, welche durch Gesetze und Codexe dekretiert und paragrafirt wird, eine „Freiheit“ wo Zuchthaus und Büttel die notwendigsten „Garantien“ sind, damit dieselbe nicht „übertreten“ wird! –

Wenn es Leute gibt, die solche Grundsätze gar als „anarchistisch“ lehren oder vertheidigen, so sagen wir ihnen einfach dass sie entweder keine Idee von Anarchismus haben oder dass sie Betrüger sind.

Eine wirkliche Collektiv-Freiheit wie sie als Völkerfreiheit bezeichnet wird, existiert nur dann, wenn die Menschen als Individuen anerkannt und frei sind; um diese Freiheit zu erringen, müssen die Individuen sich selbst von aller und jeder autoritären Beeinflussung frei und selbstständig machen und dies ist nur möglich durch die grösstmöglichste Bethätigung der individuellen Initiative.

[1] Le Revolté. Organe Communiste Anarchiste; mit Nummer 11 ist wahrscheinlich die des 7. Jahrgangs gemeint. Anfangs in Genf, zu jener Zeit repressionsbedingt jedoch in Paris herausgegeben. Erschien von 1879 bis 1887. Beteiligte waren u.a. Peter Kropotkin, Élisée Reclus, Carlo Cafiero und viele andere heute (noch) weniger Bekannte.


Aus: Der Rebell, Organ der Anarchisten deutscher Sprache Nr. 12, Oktober 1885