Was ist der Mann? Nichts! — Was ist die Frau? Nichts!

Was ist das menschliche. Wesen? ALLES! —

Im tiefsten Louisiana, wohin mich die Gezeiten des Exils verschlagen hatten, konnte ich in einer Zeitung der Vereinigten Staaten, der ,Revue des Westens', ein Fragment aus der Korrespondenz zwischen Ihnen, P. J. Proudhon, und einer Frau d'Héricourt lesen.

Die wenigen Worte der Frau d'Héricourt, die in der Zeitung zitiert wurden, lassen mich befrüchten, daß — polemisch ausgedrückt — die weibliche Antagonistin ihrem brutalen und männlichen Widersacher nicht gewachsen ist.

Ich weiß nichts von Frau d'Héricourt, nichts von ihren Schriften — falls sie geschrieben hat, nichts von ihrer gesellschaftlichen Stellung, nichts von ihrer Person. Aber um mit Verstand von der Frau zu reden, wie um mit Verstand vom Manne zu reden, reicht Geist allein nicht aus: man muß viel gesehen und viel nachgedacht haben. Man müßte, so glaube ich, seine ganze Leidenschaft an allen Ecken und Kanten der Gesellschaft schmerzlich gewetzt haben; von den Höhlen des Elends bis zu den Spitzen des Glücks; von den silbernen Gipfeln, von denen sich die massige Lawine des glücklichen Lasters niederstürzt, bis auf den Grund der Schluchten, wo sich die Unzucht des Leidens wälzt. Dann könnte aus diesem menschlichen Edelstein, solchermaßen von Zusammenstoß zu Zusammenstoß geschliffen, die Logik, dieser Funke der Wahrheit, springen.

Ich würde es begrüßen, wenn die Frage der Emanzipation der Frau von einer Frau behandelt würde, die viel und auf verschiedene Weise geliebt hat und die in ihrem vergangenen Leben Erfahrungen mit der Aristokratie und dem Proletariat gemacht hat, vor allem mit dem Proletariat; denn die Frau der Mansarde ist befähigt, durch Blick und Gedanken in das luxuriöse Leben der Grande Dame, sei es das offizielle oder geheime, einzudringen, während die Frau des Salons von dem Leben der offenbaren oder versteckten Entbehrungen der Tochter des Volkes kaum etwas erahnt.

Mangels jedoch dieser neuen Magdalena, die zu Füßen der gekreuzigten Menschheit die fruchtbaren Tautropfen ihres Herzens vergießt und deren Herz einer besseren Welt entgegenschlägt; mangels dieser Stimme der büßenden Zivilisierten, der Gläubigen der Harmonie, der anarchischen Tochter; mangels dieser Frau, die laut und öffentlich den Vorurteilen des Geschlechtes und der Rasse, der Gesetze und der Sitten abschwört, die uns noch an die alte Welt fesseln, werde nun ich, ein menschliches Wesen männlichen Geschlechtes versuchen, gegen Sie, Eselskopf — Proudhon, diese Frage der Emanzipation der Frau zu behandeln, die identisch ist mit der Frage der Emanzipation des menschlichen Wesens beider Geschlechter.

Ist es wirklich möglich, berühmter Publizist, daß sich unter Eurer Löwenhaut soviel Eselei verbirgt?

Ihr, in dessen Adern ein so mächtiger revolutionärer Puls für Alles, was mit der Arbeit des Armes und des Magens zusammenhängt, schlägt, verhaltet Euch gegenüber der Arbeit des Herzens und Gefühles nicht weniger ungestüm, bloß mit einer ganz und gar reaktionären Dummheit. Eure in den Fragen der industriellen Produktion und Konsumtion so kraftvolle und unbeugsame Logik verwandelt sich in den Fragen der moralischen Produktion und Konsumtion zu einem schwachen und biegsamen Schilfrohr. Eure Intelligenz, mannhaft und voll gegenwärtig in Bezug auf den Mann, ist wie kastriert, sobald es um die Frau geht. Als hermaphroditisches Gehirn hat Euer Denken die Monstrosität der Zweigeschlechtlichkeit unter demselben Schädel, das Geschlecht des Lichtes und das Geschlecht der Dunkelheit, und es krümmt und windet sich vergebens auf sich selbst, ohne die soziale Wahrheit gebären zu können.

Neue Jeanne d'Arc männlichen Geschlechtes, der Ihr, wie man sagt, über vierzig Jahre hin Eure Jungfräulichkeit bewahrt habt, die Kasteiung in der Liebe hat Euer Herz verhärtet; es trieft von eifersüchtigen Gehässigkeiten; Ihr schreit: „Krieg den Frauen!" wie die Jungfrau von Orléans „Krieg den Engländern!" schrie. — Die Engländer haben sie bei lebendigem Leib verbrannt. ... Aus Euch haben die Frauen einen Ehegatten gemacht, oh heiliger Mann, solange Jungfrau und jederzeit Märtyrer!

Hören Sie, Vater Proudhon, soll ich es Euch sagen: wenn Sie von den Frauen reden, machen Sie auf mich den Eindruck eines Kollegbruders, der über sie laut und aufdringlich, ins Blaue hinein und mit Impertinenz klatscht, um sich den Anschein des Kenners zu geben, der aber, wie seine jugendlichen Zuhörer, nicht die leiseste Ahnung von ihnen hat. Die vierzig Jahre währende Entweihung Eures Körpers in der Einsamkeit hat schließlich von Pollution zu Pollution in der öffentlichen Entweihung Eurer Intelligenz, in den Unkeuschheiten Eurer schlaflosen Nächte, in der Beschmutzung der Frau geendet.

Ist es das, Narziss-Proudhon, was Sie unter einer männlichen und ehrenhaften Gesittung verstehen?

Ich zitiere Eure Worte: „Nein Madame, Sie wissen nichts über Ihr Geschlecht; Sie kennen nicht einmal das erste Wort der Frage, die Sie und Ihre ehrenwerten Bundesgenossinnen mit soviel Aufwand und sowenig Erfolg breittreten. Und wenn Sie von dieser Frage nichts verstehen; wenn auf acht Seiten, die Sie mir in Erwiderung meines Briefes geschrieben haben, vierzig Paralogismen vorkommen, so hängt das, wie ich Ihnen bereits sagte, auf präzise Weise mit Ihrer sexuellen Unterlegenheit zusammen. Ich verstehe unter diesem Wort, dessen Genauigkeit vielleicht Anstoß erregen mag, die Eigenart Ihres Begriffsvermögens, das Ihnen versagt, das Wesen der Dinge zu erfassen, sofern nicht wir, die Männer, Sie mit der Nase daraufstoßen. Es gibt bei Ihnen im Kopf wie im Bauch, ein gewisses Organ, das aus sich selbst heraus nicht fähig ist, seine angeborene Trägheit zu überwinden und das allein der Geist des Mannes zum Funktionieren bringen kann — was ihm sogar noch oft mißlingt. Solcherart, Madame, ist das Resultat meiner direkten und positiven Beobachtungen: ich übergebe es Ihrem Hebammenscharfsinn und überlasse es Ihnen, daraus die unübersehbaren Konsequenzen zu ziehen."

Aber — alter Keiler, der Ihr nur ein Hausschwein seid — wenn es stimmt, wie Ihr sagt, daß Kopf und Bauch der Frau nichts ohne Hilfe des Mannes erschaffen können — und das stimmt —, so stimmt es ebenfalls — die Sache ist umkehrbar —, daß Körper und Geist des Mannes nichts ohne Hilfe der Frau produzieren können. Das ist Logik und scharfe Logik, Meister Lenchen-Proudhon, die ein Schüler, der immer — er auch! — ein ungehorsamer Untertan war, Euch leicht entreißen und an den Kopf werfen kann.

Die Emanzipation oder Nichtemanzipation der Frau, die Emanzipation oder Nichtemanzipation des Mannes: was will das meinen? Kann es in der Natur Rechte des einen geben, die nicht Rechte des anderen wären? Ist das menschliche Wesen nicht menschliches Wesen im Plural wie im Singular, als feminines wie als maskulines? Heißt es nicht seine Natur verändern, wenn man es nach Geschlechtern spaltet? Und sind Regentropfen nicht Regentropfen, gleich ob sie in großer oder geringer Anzahl aus den Wolken fallen, gleich ob sie diese oder jene Form, gleich ob sie männliche oder weibliche Gestalt haben?

Die Frage der Emanzipation der Frau mit der Frage der Emanzipation des Proletariats verknüfen, dieses Mann-Weib oder, anders ausgedrückt, dieses Menschen-Sklaven — Körper des Serails oder Körper der Werkstatt —, das versteht sich und das ist revolutionär; diese Frage aber dem Privileg des Mannes unterordnen, das ist, wenigstens unter dem Gesichtspunkt des sozialen Fortschritts, widersinnig, das ist reaktionär. Um jede Doppeldeutigkeit zu vermeiden, sollte man von der Emanzipation des menschlichen Wesens reden. In diesen Begriffen ist die Frage als ganze gestellt; sie so zu stellen, heißt, sie zu lösen: das menschliche Wesen wird in seinen täglichen Bahnen, von Revolution zu Revolution, von dem Ideal seiner Vervollkommnungsfähigkeit, der Freiheit, angezogen.

Aber daß Mann und Frau so im gleichen Takt ihrer Schritte und Herzen, vereint und gestärkt durch die Liebe, ihrer natürlichen Bestimmung, der anarchischen Gemeinschaft, entgegengehen; aber die Verneinung aller Despotismen, die Einebnung aller sozialen Ungleichheiten; aber daß Mann und Frau so — Arm in Arm und die Köpfe einander zugeneigt in diesen sozialen Garten der Harmonie eintreten; aber diese Gruppe menschlicher Wesen, wahrgewordener Traum vom Glück, beseeltes Bild der Zukunft; aber all dies egalitäre Rauschen und Strahlen tut Eurern Ohren und Augen weh. Euer von kleinlicher Eitelkeit gepeinigter Verstand läßt Euch in der Nachwelt die Statue des Mannes, errichtet auf dem Podest der Frau, erblicken, wie in der Welt der Ahnen der Mann als Patriarch über der Frau als Dienerin thront.

Schreibender Auspeitscher der Frauen, Leibeigener des absoluten Mannes, Proudhon-Haynau2, der das Wort zur Knute hat, scheint Ihr Euch wie der kroatische Henker mit lüsterner Geilheit daran zu weiden, Eure schönen Opfer auf dem Papier der Marter zu entkleiden und sie mit Euren Schmähungen zu geißeln. Anarchist des juste-milieu, liberal und nicht LIBERTÄR, wollt Ihr den freien Tausch der Wolle und der Kerze, preist aber protektionistische Systeme des Mannes gegen die Frau an, sobald es um die Zirkulation der menschlichen Leidenschaften geht; Ihr schreit gegen die Industriebarone und wollt gleichzeitig die Baronie des Mannes über die weibliche Vasallin wiedererrichten; Brillenlogiker, seht Ihr den Mann durch das Vergrößerungsglas und die Frau durch das Verkleinerungsglas; von Kurzsichtigkeit geschlagener Denker, könnt Ihr nur unterscheiden was Euch in der Gegenwart oder in der Vergangenheit direkt in die Augen sticht, und Ihr könnt nicht entdecken, was höher oder weiter entfernt ist, was die Perspektive der Zukunft hat: Ihr seid ein Krüppel!

Wisset, die Frau ist die Triebfeder des Mannes, wie der Mann die Triebfeder der Frau ist. Es gibt keine Idee in Eurem mißgestaltenem Gehirn wie in dem Gehirn anderer Männer, die nicht zuvor von der Frau befruchtet wurde; keine Aktion Eures Armes oder Eurer Intelligenz, die nicht danach trachten würde, die Aufmerksamkeit der Frau zu erregen, ihr zu gefallen, sogar in dem, was am weitesten entfernt davon erscheint, sogar in Euren Beleidigungen. Alles, was der Mann Schönes geschaffen, alles, was der Mann Großes produziert hat, alle Meisterwerke der Kunst und Industrie, die Entdeckungen der Wissenschaft, die titanische Bestürmung des Unbekannten durch den Mann, alle Eroberungen und alle Bestrebungen des männlichen Genies sind der Frau geschuldet, die sie ihm auferlegt hat, ihm, dem Ritter, als Königin des Turniers, für eine kleine Gunstbezeugung oder ein leichtes Lächeln. Der ganze männliche Heroismus, seine ganze physische und moralische Kraft rührt von dieser Liebe her. Ohne die Frau würde er noch auf dem Bauch oder auf vier Tatzen kriechen, würde er noch Gräser oder Wurzeln fressen; er wäre an Intelligenz dem Ochsen gleich, dem Tier; er ist nur etwas Höheres, weil die Frau ihm sagte: es sei! Ihr Wille hat ihn geschaffen, ihn und was er heute ist, und um den erhabenen Forderungen der weiblichen Seele zu genügen, hat er sich bemüht, die erhabensten Dinge zu vollbringen!

Das hat also die Frau aus dem Mann gemacht; sehen wir nun, was der Mann aus der Frau gemacht hat.

Ach! um ihrem Herrn und Meister zu gefallen, bedurfte es keiner großen intellektuellen und moralischen Anstrengungen. Wenn sie sich nur durch äffische Fratzenschneiderei und Schöntuerei produzierte; wenn sie sich nur Glasperlen oder anderen Klunker an Hals und Ohren hängte; wenn sie sich nur mit lächerlichen Stoffen herausputzte und mittels der Krinoline oder eines Weidenkorbs den Hüftumfang einer Mutter Gigogne3 oder einer Hottentotten-Venus erreichte; wenn sie schließlich gar noch einen Fächer oder einen Schaumlöffel handhaben konnte; wenn sie auf dem Klavier klimpern konnte oder sich der Hausarbeit widmete, so war schon alles erfüllt, was das Herz ihres Sultans begehrte, alles, dessen es bedurfte, um seine männliche Seele zum Jubilieren zu bringen, das Alpha und Omega des männlichen Strebens und Begehrens. So hat die Frau sein Tüchlein der Gunst erobert.

Diejenige Frau, welche eine solche Rolle und solcherlei Erfolge als schmählich empfand und die guten Geschmack und wahre Anmut beweisen, das Verdienst mit der Schönheit verbinden, Zeugnis von ihrem Herzen und ihrer Intelligenz ablegen wollte, wurde unbarmherzig vom Pöbel der vergangenen und gegenwärtigen Proudhons gesteinigt, als Blaustrumpf beschimpft oder mit anderen törichten Spottnamen verfolgt und so gezwungen, sich auf sich selbst zurückzuziehen. Für diesen Haufen Männer ohne Herz und Verstand hatte sie durch zuviel Herz und Verstand gesündigt: man warf mit Steinen nach ihr; und selten genug hatte sie das Glück, dem Typ Mann zu begegnen, der sie bei der Hand nahm und ihr sagte: Erhebt Euch, Frau, Ihr seid der Liebe und der Freiheit würdig!

Nein, der Mann — welcher den Namen des Menschen usurpiert4 — braucht nicht die Frau in ihrer ganzen physischen und moralischen Schönheit, die Frau von eleganter und künstlerischer Erscheinung, mit von Anmut und Liebe umstrahlter Stirn, die Frau, die mit einem tätigen und einfühlsamen Herzen, mit schwärmerischen Gedanken, mit einer von poetischen und humanitären Idealen ergriffenen Seele begabt ist; nein, dieser alberne Trottel, der sich auf allen Jahrmärkten herumtreibt, braucht eine geschminkte und gefiederte Wachsfigur; dieser Gastronom der Bestialitäten, der vor Fleischerbänken in Ekstase gerät, braucht — ich sage es Euch — einen mit Stickereien verzierten Brocken Fleisch! So daß die Frau, des Mannes überdrüssig, der sich als solch ein Schwachkopf entpuppt hatte, von dem sie endlich genug hatte, weil sie bei ihm vergebens das Organ des Gefühls gesucht hatte, so daß die Frau — die Geschichte lehrt es, ich möchte es für eine Fabel, eine Erzählung, eine Bibelgeschichte halten — die Frau — oh! wendet Euch ab, keusche Augen und keusche Gedanken — sich vom Zweibeiner zum Vierbeiner zurückentwickelte ... Esel zu Esel, nach allem war es nur verständlich, daß sie sich vom größten Format des Tieres verführen ließ. Da die Natur sie mit zu robusten moralischen Eigenschaften ausgestattet hatte, als daß diese durch Fasten abgetötet werden könnten, wandte sie sich schließlich von der Menschheit ab und besorgte sich die Nahrung für die leidenschaftlichen Sehnsüchte ihrer Seele in den Tempeln des Aberglaubens, auf den religiösen Irrwegen des Geistes und Herzens. In Ermangelung des Mannes, von dem sie träumte, schenkte sie ihre ganze Liebe einem imaginären Gott und was ihre Sinnesempfindungen angeht, so ersetzte der Priester den Esel!

Ah! wenn es auf der Welt soviele niedrige Kreaturen weiblichen Geschlechts und sowenige wahre Frauen gibt, wer, Männer, trägt die Verantwortung? Dandin-Proudhon5, worüber beklagt Ihr Euch? Ihr habt es nicht anders gewollt ...

Und dennoch habt Ihr persönlich, das erkenne ich an, so manche Redeschlacht im Dienste der Revolution geschlagen. Ihr habt die Axt an den hundertjährigen Stamm des Eigentums gelegt, daß die Späne nur so flogen; Ihr habt das Wesen der Dinge von ihrer Rinde entblößt und es in seiner Nacktheit den Blicken der Proletarier ausgesetzt; Ihr habt die kümmerlichen neuen Keime der Autorität, die von den Sozialisten-Konstitutionalisten zu neuem Leben erweckten Theorien der Griechen — die Eure inbegriffen — unter Eurem schweren Schritt zermalmt; Ihr habt die kurvenreiche Strecke der Zukunft in Windeseile durcheilt und habt die ganze Meute der physischen und moralischen Begierden mitgerissen. Ihr habt einen Weg gebahnt; Ihr habt ihn für andere begehbar gemacht; Ihr seid müde, Ihr wollt Euch ausruhen; aber die Stimmen der Logik rufen Euch auf, Eure revolutionären Deduktionen fortzuführen, vorwärtszumarschieren, immer vorwärts, unter Qualen, die unheilvollen Vorzeichen mißachtend, in der Gewißheit, daß man versuchen wird Euch zu Fall zu bringen und zu zerreißen.

Seid also frei heraus ganzer Anarchist und nicht ein Viertel Anarchist, ein Achtel Anarchist, ein sechszehntel Anarchist, wie man ein Viertel, Achtel, Sechszehntel Wechselagent ist. Geht also bis zur Abschaffung des Vertrages, der Abschaffung nicht nur des Schwertes und des Kapitals, sondern des Eigentums und der Autorität in all ihren Formen. Gelangt so zur anarchischen Gemeinschaft, das heißt zu gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen es jedem freigestellt wäre, frei nach seinem Willen und Gutdünken zu produzieren und zu konsumieren, ohne daß er irgendeine Kontrolle, von wem auch immer oder über was auch immer, auszuüben oder zu ertragen hätte; in denen sich das Gleichgewicht zwischen Produktion und Konsumtion auf natürliche Weise herstellen würde, nicht durch die vorbeugende und willkürliche Inbesitznahme durch die einen oder anderen, sondern durch die freie Zirkulation der Fähigkeiten und Bedürfnisse eines Jeden. Die menschlichen Wogen haben mit Euren Deichen nichts zu schaffen; laßt der Flut freien Lauf: denn stellt sie nicht jeden Tag ihren mittleren Stand wieder her? Benötige ich beispielsweise eine Sonne für mich allein, eine Atmosphäre für mich allein? Habe ich das Recht, mich zu ihrem alleinigen Besitzer, ihrem Eigentümer zu machen und die anderen ihrer zu berauben, sogar wenn ich sie nicht zur Befriedigung meiner Bedürfnisse brauche? Und wenn ich dieses Recht nicht habe, habe ich dann mehr Recht, jedem wie beim Vertragssystem je nach seiner zufälligen Arbeitskraft zuzumessen, was ihm von all diesen Dingen zukommt? Wieviele Sonnenstrahlen, Kuben von Luft oder Wasser, welchen Teil des Waldes er für seinen Spaziergang zu beanspruchen hat? Welches die Zahl der Häuser oder der Zimmer eines Hauses, die er bewohnen darf, sein wird? Die Zahl der Straßen oder der Pflastersteine einer Straße, die er betreten darf? — Werde ich, mit oder ohne Vertrag; mehr von diesen Dingen in Anspruch nehmen, als es meiner Natur oder meinem Temperament zuträglich ist? Kann ich für mich allein alle Strahlen der Sonne, alle Luft der Atmosphäre, alles Wasser des Flusses absorbieren? Kann ich als Einzelperson alle Schattenplätze der Wälder, alle Straßen der Stadt und alle Pflastersteine der Straße, alle Häuser der Stadt und alle Zimmer des Hauses besetzen und überfüllen? Und verhält es sich nicht so bei allem, was der menschlichen Konsumtion dient, sei es nun ein Rohprodukt, wie die Luft oder Sonne, oder ein bearbeitetes Produkt, wie die Straße oder das Haus? Wozu sollte dann ein Vertrag gut sein, der meine Freiheit nicht erweitern kann, der aber sehr wohl ein Attentat auf sie verüben kann und sicherlich ein Attentat auf sie verüben wird? Und was nun die Produktion anbelangt, wäre da das mir innewohnende bewegende Prinzip entwickelter, wenn man es unterdrückt, wenn man ihm Fesseln anlegt? Eine solche These aufrechtzuerhalten, wäre absurd. Der Mensch, der frei genannt wird, der Proletarier der heutigen Gesellschaften, produziert viel besser und viel mehr als der Mensch, der Neger genannt wird, der Sklave. Wie wäre es erst, wenn er wirklich und im universellen Sinne frei wäre: die Produktion würde sich verhundertfachen. Und die Faulen, werdet Ihr einwenden? Die Faulen sind ein Zwischenfall unserer anormalen Gesellschaften, denn es ist nicht weiter erstaunlich, daß, wo der Müßiggang als ehrenhaft und die Arbeit als verächtlich gilt, die Menschen einer Plackerei überdrüßig werden, die ihnen nur bittere Früchte einbringt. Aber im Zustand der anarchischen Gemeinschaft und in Verbindung mit den Wissenschaften, wie sie sich seit unseren Tagen entwickelt haben, ist dergleichen nicht mehr vorstellbar. Es wird sicher wie heute Leute geben, die langsamer produzieren, die aber folglich auch langsamer konsumieren, Leute, die schneller als andere produzieren, folglich auch schneller konsumieren: alles gleicht sich auf natürliche Weise aus. Bedarf es eines Beispiels? Wählt durch Zufall hundert Arbeiter unter den Arbeitern aus und ihr werdet sehen, daß die Eifrigsten im Konsumieren auch die Eifrigsten bei der Produktion sind. — Wie soll man sich vorstellen, daß das menschliche Wesen, dessen Organismus aus sovielen kostbaren Werkzeugen zusammengesetzt ist und aus derem Gebrauch ihm eine solche Unmenge von Genüssen entspringt, gleich ob es sich nun um das Werkzeug des Armes, das Werkzeug des Herzens, das Werkzeug des Verstandes handelt, wie soll man sich vorstellen, daß es sie freiwillig vom Rost zerfressen lassen sollte? Wie! im Zustand der freien Natur und der Wunderwerke der Industrie und Wissenschaft, im Zustand des anarchischen Überflusses, wo alles zur Bewegung und die Bewegung zum Leben aufruft, wie! hier sollte das menschliche Wesen sein Heil in stumpfsinniger Trägheit suchen? Ach was! Nur das Gegenteil ist möglich.

Auf diesem Gelände der wahren Anarchie, der absoluten Freiheit würde ohne Widerspruch soviel Verschiedenheit unter den Menschen existieren, wie es Personen in der Gesellschaft, Unterschiedlichkeit des Alters, des Geschlechts, der Fähigkeiten gibt: Gleichheit ist nicht Uniformität. Und gerade diese Verschiedenheit aller Menschen und aller Augenblikke verunmöglicht jede Regierung, jede Verfassung, jedes Vertragswerk. Wie soll man sich für ein Jahr, für einen Tag, für eine Stunde festlegen, wenn man in einer Stunde, einem Tag, einem Jahr ganz anders denken kann als zu dem Augenblick, in dem man sich festgelegt hat. — In der radikalen Anarchie würde es also weiter Frauen und ebenso Männer von größerer oder geringerer relativer Tüchtigkeit geben; es würde weiter Kinder wie Greise geben; aber sie wären alle unterschiedslos Teile des menschlichen Wesens und wären gleichermaßen absolut frei, sich auf der Kreisbahn ihrer wechselseitigen Anziehung zu bewegen, frei, zu konsumieren und zu produzieren, wie es ihnen gefällt, ohne daß irgendeine Autorität des Vaters, des Ehemanns, der Regierung, ohne daß irgendeine Reglementierung durch Gesetz oder Kontrakt sie einschränken könnte.

Wenn man die Gesellschaft so versteht — und Ihr müßtet sie so verstehen, Ihr als Anarchist, der sich so sehr mit seiner Logik brüstet —, was soll dann noch die Rederei von ,sexueller Unterlegenheit' der Frau oder des Mannes beim menschlichen Wesen?

Hört, Meister Proudhon, redet nicht von der Frau oder studiert sie, bevor Ihr von ihr redet; geht zur Schule. Nennt Euch nicht Anarchist, oder seid Anarchist bis zum Schluß. Redet uns, wenn Ihr wollt, vom Unbekannten und vom Bekannten, von Gott, der das Böse, und vom Eigentum, das Diebstahl ist. Aber wenn Ihr vom Manne redet, erhebt ihn nicht zu einem selbstherrlichen Gott, sonst werde ich Euch antworten: der Mann ist das Böse! — Stattet ihn nicht mit einem Intelligenzkapital aus, das ihm nur durch das Recht der Eroberung gehört, durch Liebeshandel, dem wucherischen Reichtum, den ihm ganz und gar die Frau eingebracht hat, schmückt Euch nicht mit fremden Federn, sonst werde ich Euch antworten: Eigentum ist Diebstahl!

Erhebt vielmehr Eure Stimme gegen diese Ausbeutung der Frau durch den Mann. Sagt aller Welt mit dieser Überzeugungskraft, die aus Euch einen athletischen Agitator gemacht, sagt ihr, daß der Mann die Revolution nur mithilfe der Frau aus dem Dreck, aus ihrer verschlammten und blutigen Wegspur ziehen kann; daß er allein ohnmächtig ist; daß er zu seinem Schutz auf Herz und Verstand der Frau angewiesen ist; daß sie im gleichen Schritt auf dem Weg des sozialen Fortschritts marschieren müssen, Seite an Seite und Hand in Hand; daß der Mann, nur wenn ihn die Blicke und Zärtlichkeiten der Frau unterstützen und stärken, ans Ziel gelangen und die Strapazen der Reise bewältigen kann. Sagt dem Manne und sagt der Frau, daß es ihre Bestimmung ist, sich einander anzunähern und sich besser zu verstehen; daß sie nur einen einzigen und gleichen Namen haben, so wie sie nur ein einziges und gleiches Wesen bilden, das menschliche Wesen; daß sie einer nach dem dem anderen und zur gleichen Zeit dessen rechter Arm und dessen linker Arm sind, und daß in der menschlichen Identität ihre Herzen nur ein Herz und ihre Gedanken nur ein Gedankenbündel bilden können. Sagt ihnen noch, daß sie nur, wenn diese Bedingung erfüllt ist, in ihrem wechselseitigen Strahlen leuchten und auf ihrem phosphoriszierendem Gang die Schatten durchdringen können, die die Gegenwart von der Zukunft, die die zivilisierte Gesellschaft von der harmonischen Gesellschaft trennen. Sagt ihnen endlich, daß das menschliche Wesen — in seinen aufeinander bezogenen Proportionen und Manifestationen — dem Glühwürmchen gleicht: es leuchtet nur durch die Liebe und für die Liebe!

Sagt all das! — Seid stärker als Eure Schwächen, großzügiger als Eure Ränke; proklamiert die Freiheit, die Gleichheit, die Brüderlichkeit, die Unteilbarkeit des menschlichen Wesens. Sagt all das: es dient dem Allgemeinwohl. Erklärt die Menschheit in Gefahr; ruft den Mann und die Frau in Massen auf, die eindringenden Vorurteile hinter die sozialen Grenzen zurückzuwerfen; stiftet einen Zweiten und Dritten September6 gegen diesen neuen maskulinen Adel an, diese Aristokratie des Geschlechtes, die uns an das alte Regime ketten möchte. Sagt all das: es muß sein! Sagt es mit Leidenschaft, mit Genie, gießt es in Bronze, laßt Euer Wort donnern ... so werdet Ihr Euch um andere und Euch selbst verdient gemacht haben.

New Orleans, Mai 1857

1 Den „Brief an P. J. Proudhon" veröffentlichte Déjacque im Mai 1857 als Broschüre in New Orleans. Proudhon hat auf ihn, obwohl er von ihm Kenntnis erhalten zu haben scheint, nie geantwortet.

Demgegenüber schreibt der alte Sozialist Pierre Leroux, der im Juni 48 die Juniinsurgenten verteidigte und den Déjacque trotz ihrer inhaltlichen Differenzen stets achtete, in seiner Zeitung „L`espérance" (Sept. 58): „Tatsächlich kann Proudhon heute nicht mehr als der Repräsentant dieser Sekte angesehen werden, nachdem er seine letzte Schlußfolgerung (die Frau als Sklavin der Autorität des Ehemanns) gezogen hat. Es bedurfte eines Anderen. Die Standarte der Freiheit befindet sich heute in den Händen eines seiner Schüler, eines An-anarchisten wie ihm, der aber die Anarchie ernster nimmt als er."

Déjacques Verhältnis zu Proudhon war immer sehr zwiespältig. Er anerkennt in ihm seinen Lehrer, soweit es sich um die antietatistische Programmatik und die Kritik Proudhons an der Februarregierung handelt, kritisiert jedoch aufs Schärfste dessen frauenfeindlichen Patriarchalismus und später auch dessen ökonomische Reformvorschläge, mit deren Charakter er sich jedoch nie genauer auseinandergesetzt zu haben scheint. Im ,Libertaire´ vom 20.11.58 zieht er als vernichtendes Résumé: „Genau genommen hat dieser berühmte Töter der Bourgeoisinstitutionen sich nichts vorgestellt als die Restaurierung der Bourgeoisie und all ihrer legitimen Konsequenzen."

In der Tat trennt den Juniinsurgenten und kommunistischen Anarchisten Déjacque von Proudhon noch mehr, als der erstere selbst wahrgenommen haben mag. Proudhon verhielt sich der Februarrevolution gegenüber zunächst skeptisch. Wie die frühen utopischen Sozialisten bekümmerte er sich noch wenig um politische Fragen und hielt einen Fortschritt auch unter der alten Regierung für möglich. Ende März wurde er — noch relativ unbekannt — von der Kandidatenliste der Arbeiter gestrichen. Anläßlich der Demonstration vom 16. April, deren Forderung nach ,Organisation der Arbeit' den Hintergrund für Gerüchte über einen angeblich bevorstehenden kommunistischen Staatsstreich bildete, gehörte er — wie er in seinen Bekenntnissen eingesteht — zu jenen, die sich „um die Regierung wie um die Fahne der Revolution" scharten. Auch die Manifestation vom 15. Mai findet ihn unter ihren Gegnern. Durch seine publizistische Tätigkeit mittlerweile bekannt geworden, wird er bei den Ergänzungswahlen zur konstituierenden Nationalversammlung am 5. Juni mit 77.900 Stimmen zum Abgeordneten des Seine-Departements gewählt. Während des Juniaufstandes verhält sich Proudhon völlig passiv; erst später nimmt er die Insurgenten gegen die Wut der Reaktion

in Schutz, allerdings ohne sich völlig auf ihre Seite zu schlagen. Sein Programm lautet fürderhin: Wiederversöhnung der Klassen. Immerhin besitzt er die Größe, seine politische Enthaltsamkeit im Juni freimütig und selbstkritisch einzugestehen: „Ich gestehe es mit Schmerz, bis zum 25. hatte ich nichts vorausgesehen, nichts gewußt, nichts geahnt ... Seitdem ich den Fuß auf den gesetzgeberischen Sinai gesetzt, hatte ich aufgehört, mit den Massen in Beziehung zu stehen. Um mich mit Gewalt in meine legislativen Arbeiten zu versenken, hatte ich die laufenden Angelegenheiten ganz aus den Augen verloren. ... Man muß in dieser Isolierung, welche man eine Nationalversammlung nennt, gelebt haben, um zu begreifen, wie die Menschen, welche absolut von dem Zustand des Landes nichts wissen, beinahe immer diejenigen sind, welche es vertreten. ... Man sprach von den Nationalwerkstätten nur mit Schrecken; denn die Furcht vor dem Volke ist das Übel für Alle, die zur Autorität gehören. Das Volk ist für die Staatsgewalt der Feind. ... Traurige Lehrzeit! Die Wirkung dieser repräsentativen Pfütze, in der ich leben mußte, war die, daß ich für nichts ein Verständnis hatte. ... Ich habe durch parlamentarische Verdummung an meiner Pflicht als Volksvertreter gefehlt. Ich war dort, um zu sehen, und ich habe nichts gesehen; ich war dort, um Lärm zu schlagen, und ich habe es nicht getan! Ich habe gehandelt wie der Hund, der gegenüber dem Feinde nicht bellt. Ich, der von der Plebs Gewählte, ich, der Journalist des Proletariats, durfte diese Masse nicht ohne Leitung und ohne Rat lassen ..." (Bekenntnisse eines Revolutionärs, Reinbek 1969, S. 90 f.)

Am 11. Juli 48 bringt Proudhon in der Nationalversammlung einen Gesetzesvorschlag zur progressiven Einkommensbesteuerung ein. Dessen öffentliche Beratung am 31. Juli führt zu einem éclat. Durch diesen Auftritt wurde Proudhon zum unfreiwilligen enfant terrible der Revolution, zum Bürgerschreck schlechthin. Nach der Wahl Louis Bonapartes zum Präsidenten der Republik wird er am 28.3.49 wegen „Erregung zu Haß und Verachtung gegen die Regierung" zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt und nach kurzer Flucht eingekerkert. Später wird er emigrieren und sich weitgehend aus der Tagespolitik zurückziehen.

Jede wahre Revolution ist nach Proudhon zugleich konservativen Charakters. Seine mehr sozialreformerischen als revolutionären Pläne zielen vor allem auf die Neuorganisation der Zirkulationssphäre. Wechselseitigkeit und Unentgeltlichkeit des Kredits, die Organisation des Austausches über eine Volksbank sollen die Macht des Kapitals brechen und der Staatstätigkeit letztlich die Basis entziehen, den Staat überflüssig machen. Die Organisation der Produktion selbst rückt er kaum ins Blickfeld. Sowenig er die Ausbeutung mehrwertschaffender Lohnarbeit als die Basis von Kapitalproduktion durchschaut, sowenig existiert für ihn der unversöhnliche Antagonismus von Kapital und Arbeit; Klassenkampf ist für ihn kaum mehr als Bruderzwist.

Eine Revolution sei „nur legitim, sobald sie spontan, friedlich und historisch begründet ist." Sein Ziel ist die Versöhnung der Klassen, die Verschmelzung von Kapital und Arbeit im Idealtypus des individuellen Besitztums.

Zwischen Eigentum und Gütergemeinschaft will er eine Welt aufbauen. Sein Antietatismus hat auf diesem Hintergrund starke Anklänge an die Staatskritik des radikalen bürgerlichen Liberalismus (Vorstellung vom ,Nachtwächterstaat etc.)

Déjacque hat ihn treffend als „Anarchist des juste milieu" charakterisiert, oder um Proudhon selbst sprechen zu lassen: „Wohl oder übel, wir müssen uns darein ergeben, bloße Spießbürger zu sein."

2 Julius Freiherr von Haynau (1786-185 2) wurde durch seine ungeheure Brutalität bei der Niederschlagung des Aufstandes von Brescia (1849) berüchtigt, die ihm den Beinamen „Hyäne von Brescia" einbrachte. Auch bei der militärischen Zerschlagung der ungarischen Revolution von 48/49 machte er sich um die Gegenrevolution verdient.

3 Mutter Gigogne: Figur aus dem Kindertheater. Unter ihren Rockschößen krochen zahlreiche Kinder hervor.

4Die französische Sprache kennt für ,Mann` und ,Mensch` nur ein Wort: homme.

5 George Dandin ist eine Gestalt aus einer Komödie von Molière. Ein dummer neureicher Bauer kommt durch seine Heirat mit einer Adligen in arge Schwierigkeiten. Der Ausspruch: „Ihr habt es nicht anders gewollt, George Dandin!" ist sprichwörtlich geworden.

6 Die Aufdeckung des Komplottes Ludwig XVI. mit dem Ausland, gegen das Frankreich Krieg führte, löste am 10. August 1792 einen bewaffneten Volksaufstand, den Sturm auf die Tuilerien aus, durch den die Monarchie gestürzt und die revolutionäre Commune dekretiert wurde. Jedoch schon einige Tage später erfuhr die Bevölkerung von der kampflosen Übergabe der Festung Longwy durch aristokratische Offiziere; als kurz darauf mit Verdun die letzte Bastion zwischen Paris und der Grenze von den preußisch-österreichischen Invasionstruppen genommen wurde, stürmten die Pariser Sansculotten am 2. September die Gefängnisse, um mit den inhaftierten Royalisten abzurechnen. Schon zuvor hatte J. P. Marat im „Volksfreund" davor gewarnt, ins Feld zu ziehen, ohne zuvor die Feinde des Volkes zu vernichten: „Hütet Euch, nachdem Ihr Euer Blut vergossen habt, um das Vaterland vor dem Abgrunde zu retten, daß Ihr nicht die Opfer der- geheimen Ränke Eurer Feinde werdet, hütet Euch, daß Ihr nicht in finsterer Nacht von einer wütenden Soldateska von Euren Lagern gerissen und in Kerkerhöhlen geworfen werdet, wo Ihr Eurer Verzweiflung überlassen bleibt, bis man Euch aufs Schafott zerrt. Fürchtet die Reaktion, wiederhole ich Euch; Eure Feinde werden Euch nicht schonen, wenn die Würfel wieder zu ihren Gunsten gefallen sind. ... Niemand verabscheut Blutvergießen mehr als ich, aber um zu verhindern, daß das Blut in Strömen fließt, dringe ich in Euch, einige Tropfen zu vergießen." 1000 Gefangene — unter ihnen viele, die nichts mit dem aristokratischen Komplott zu tun hatten - wurden Opfer des Massakers, in dem sich der Volkszorn entlud. Diese sogenannten Septembrisaden hatten ihren Hintergrund in der doppelten Bedrohung des revolutionären Frankeichs durch die royalistischen Restaurationsintrigen im Innern und durch den Ansturm der Armeen der vereinten Monarchien des Kontinents von Außen. Zudem schürte die katastrophale Versorgungslage der Bevölkerung, die durch Getreidehortung und Wucher verschärft wurde, Verzweiflung und Wut. Kropotkin erinnert in seiner Geschichte der französischen Revolution gegenüber der bürgerlichen Geschichtsschreibung, für die die Septembrisaden zum Inbegriff, der Greueltat wurden, daran, daß damals die Feinde der Revolution „nur auf die Ankunft der Deutschen (warteten), um sie mit offenen Armen zu empfangen und mit ihrer Hilfe das gegenrevolutionäre Schreckenselement, das ,schwarze` Blutbad in Szene zu setzen. Man braucht sich nur an den weißen Schrecken unter den Bourbonen zu erinnern, als sie im Jahre 1814 unter dem hohen Schutze der ausländischen Armeen zurückgekehrt waren." Auch andere, die nicht gerade als Sympathisanten der Sansculotten angesehen werden konnten, bezeichneten das Blutbad, das den Beginn des revolutionären Terrors — zunächst vom Volke ausgehend, dann von der Jakobinerregierung institutionalisiert und zum Schluß gegen das Volk gerichtet — markierte, als schrecklich, aber gerecht.

Auch Dejacques Empfehlung des revolutionären Terrors wurzelt in der Erfahrung des weißen Terrors, des Gemetzels der Junitage; die Tatsache, daß die siegreiche Reaktion vor keinem Blutvergießen zurückschreckte und daß dazu die sonst so beredte Stimme des „öffentlichen Gewissens" schwieg, bedeutete auch für den zuvor gemäßigten Mann ein bitteres Erwachen. Auch der Pariser Commune blieb das gleiche Schicksal nicht erspart — so wie in unserer Zeit auf die friedliche Revolution der Unidad Popular die Salven der Exekutionskommandos und die Bestialitäten der Folterkammern Pinochets antworteten.