#title Über den Moment hinaus
#subtitle Anarchistische Bestrebungen im Angesicht der fortlaufenden Katastrophe(n)
#author Bismuto
#date März 2021
#source Entnommen aus dem Autonomen Blättchen Nr. 47
#lang de
#pubdate 2026-05-21T11:30:45
#authors Bismuto
#topics 0riginal: Französisch, 2020-2029, Revolution, Kollaps, Industrie, Industrialismus, Sabotage, Umweltzerstörung, Umweltfrage, Perspektive, Katastrophe, Katastrophismus,
#notes Zuerst publiziert als Au-delà de l'immédiat in Sans Détour (journal anarchiste apériodique), Ausgabe 4, März 2021; dann als Beyond the Moment in The Local Kids (A compilation of texts, a contribution to a correspondence between those who desire anarchy and subversion), Ausgabe 7, Sommer 2021. Die deutschsprachige Übersetzung wurde veröffentlicht im Autonomen Blättchen Nr. 47 Dez 21- Feb 22, übersetzt aus dem Englischen.
Während ich heute angestaubte anarchistische Texte lese, habe ich oft den Eindruck, dass Anarchist*innen vor einem Jahrhundert klarere Ideen über die Welt hatten, für die sie gekämpft haben, und welche Pfad man einschlagen muss, um eines Tages die Freiheit zu erringen, nach der sie sich so sehnten. Heute leben wir in einer düsteren und widerlichen Periode, die uns sehr wenig Hoffnung auf die Zukunft übrig lässt. Jede Spekulation in Richtung revolutionärer Erhebungen wird immer mit einem “Realismus” abgetan, der wenig Platz für Ideale und Utopien lässt. Nichtsdestotrotz, wenn wir entscheiden unsere Leben (oder große Teile davon) dem Kampf zu verschreiben, wieso versuchen wir dann nicht, weiter zu gehen als immer nur im Moment zu handeln, zumindest in unserer Vorstellung? Wieso nicht versuchen darüber zu reflektieren, was wir meinen — und das nicht nur auf einer theoretischen Ebene — wenn wir von “Revolution” sprechen und der Frage, welche”Stadien” so ein Prozess notwendigerweise durchlaufen würde? Oder sollen wir ein und für alle Mal der Möglichkeit von radikaler Veränderung des Verlaufs der Dinge den Tod erklären, unsere Bestrebungen widerrufen und anerkennen, dass unsere Kämpfe und Aktionen nur dazu dienen unserer Existenz Bedeutung und Freude zu geben, um nicht in Depression, Resignation, Apathie und Verzweiflung zu verfallen?
Ich will diese existenzielle Dimension des Kampfes nicht verneinen. Sie ist essentiell und ich bin absolut überzeugt, dass radikale Veränderung nicht ohne sie möglich ist. Nichtsdestotrotz, in bestimmten Momenten des Optimismus sage ich mir, dass wir nicht alleine darin sind, diese Umwälzung zu wollen. Zum Beispiel bei einem unerwarteten Aufeinandertreffen oder einer Geschichte, die das Herz erwärmt, etwa vom sozialen Kämpfen, die eine gewisse Größe auf der Straße erreichen oder von der Verbreitung von verschiedenen Angriffen auf Herrschaftsstrukturen. Aufgrund unserer tagtäglichen Beobachtungen der Schrecken, die diese Welt weitergehen lassen, haben wir die Tendenz zu vergessen, dass die Spannung hin zur Freiheit am Leben erhalten wird auch jenseits jener, die die anarchistischen Ideen kennen und hochhalten. Also, wieso nicht einmal darüber nachdenken, was eine revolutionäre Erhebung implizieren würde, wie die Anarchist*innen das in der Vergangenheit getan haben? Wieso nicht darüber sprechen ? Wieso nicht einen Ausblick auf die Zukunft wagen und das ohne falsche Hoffnungen oder glänzende Illusionen, genauso ohne Zynismus oder Abgebrühtheit?
Vor einem Jahrhundert waren revolutionäre Ideen immer noch weit verbreitet inmitten einer Periode, die vielleicht noch düsterer als unsere war (die Welt kam gerade aus dem ersten weltweiten Massaker). Errico Malatesta schrieb damals:
„Wenn die Monarchie gestürzt ist, die Polizeikräfte zerstört, die Armee aufgelöst, werden wir keine neue Form der Regierung anerkennen, besonders wenn es eine Zentralregierung ist, mit dem Vorwand die Bewegung anzuleiten und zu regulieren. Wir werden den Arbeiter*innen anraten sich vollständig das Land, die Fabriken, die Züge und die Schiffe anzueignen. Kurz — alle Produktionsmittel - um sofort eine neue Produktion zu organisieren, um für immer nutzlose und schädliche Prozesse abzuschaffen (und temporär jene des Luxus) und um den Großteil der Anstrengungen der Produktionskräfte auf die Produktion von Essen und anderem Essentiellem zu konzentrieren. Wir werden die Kollektivierung der Ökonomie und aller existierenden Produkte vorantreiben und die Organisierung von lokaler Verteilung sowie dem Austausch unter den Nachbarschaften und weiter entfernten Örtlichkeiten, in Übereinstimmung mit Gerechtigkeit, den Bedürfnissen und den Möglichkeiten, die im Moment gegeben sind. Wir werden die Besetzung von leeren oder wenig bewohnten Häusern vorantreiben, damit keine Person ohne einem Dach über ihrem Kopf leben muss und jede Person wird eine Behausung haben, entsprechend dem Raum der verfügbar ist. Wir werden die Banken, Rechtstitel und alles, das die Macht des Staates und die kapitalistischen Privilegien repräsentiert und garantiert, zerstören. Und wir werden versuchen die Dinge in so einer Art und Weise zu reorganisieren, dass es unmöglich sein wird, dass sich die bürgerliche Gesellschaft erneut ausbilden kann!“
Das ist eine sehr schematisierte Version davon, aus was eine Revolution besteht und welche Rolle Anarchist*innen laut dem unerschütterlichem neapolitanischem Subversivem darin spielen würden. Ein relativ klares Konzept trotz der großen Hindernisse, die solch ein Prozess bedeuten würde und etwas das von vielen Gefährt*innen während dieser Periode geteilt wurde. Bestimmt, genauso wie heute, war die anarchistische Bewegung durchzogen von einer Vielzahl von Diskussionen, Debatten und Konflikten. Zum Beispiel gab es jene, die so wie Malatesta für das Aufbauen von föderativen und vereinheitlichenden anarchistischen Organisationen mit formalen Strukturen, einem geteilten Programm, Kommissionen, etc. waren und dann gab es jene, die die individuelle Initiative befürworteten. Die für eine verstreute Propaganda eintraten und für die freie Assoziation basierend auf Affinität, außerhalb jeder permanenten Struktur und ohne jede Art von Zentralisierung. Es gab Anarchist*innen, die für eine Allianz mit politischen Parteien waren (sozialistische, kommunistische, republikanische), um die Monarchie zu stürzen und andere, die vehement gegen diese „gemeinsamen Fronten“ mit Autoritären und Reformist*innen waren. Es gab jene, die den bewaffneten Streik und die Besetzung von Fabrik propagierten, während andere sich in „libertärer Pädagogik” engagierten. Wieder andere schickten sich an die Repräsentanten und Strukturen der Herrschaft anzugreifen ohne auf die Massen zu warten. Nichtsdestotrotz und trotz dieser großen Unterschiede in ihren Ansichten und Methoden, denke ich, dass ich nicht fehl gehe, wenn ich behaupte, dass die Meisten von ihnen eine Konzeption des revolutionären Prozesses geteilt haben, der ähnlich zu dem oben beschriebenen ist. Bewaffneter Aufstand der Bevölkerung, Zerstörung von Kirche und Staat, Enteignung des Bürgertums und die Kollektivierung des Landes, der Produktionsmittel und der Früchte der Arbeit, sowie die Abschaffung des Eigentums wären alles Stadien, durch welche das Proletariat eine Aneignung ihrer Leben erreichen würde, wodurch sie sich von der Herrschaft der Ausbeuter befreien würden. Das waren nicht einfach nette Worte und die Gefährt*innen aus dieser Zeit waren keine naiven oder irregeleiteten Leute. Sie waren sich bewusst, welch hohen Preis so ein Prozess fordern würde und viele sind beim Versuch so eine Umwälzung herbeizuführen gefallen.
Was können wir behalten von so einer anarchistischen Konzeption von Revolution ein Jahrhundert nach dem Artikel von Malatesta? Ich habe den Eindruck, dass viele Gefährt*innen weiterhin diese verschiedenen Stadien (unter anderen) implizit in ihrem Kopf haben, wie sie von Malatesta beschrieben werden, auch wenn wir heute Anarchist*innen kaum noch darüber diskutieren hören „wie man Revolution macht”. Viele Radikale stellen sich eine Serie von proletarischen Erhebungen vor, die zu einer entscheidenden Konfrontation mit den Kräften der Herrschaft führen und dann zu einer Aneignung der Produktionsmittel. Jedoch haben sich die Dinge verändert seit der Zeit von Malatesta und sie fahren fort sich zu verändern mit solch einer Geschwindigkeit, dass unser Verständnis der Welt immer zu kurz zu kommen scheint, wenn es mit der Realität konfrontiert wird.
*** Anarchie kann nur anti-industriell sein
Vor einem Jahrhundert begann die industrielle Gesellschaft bereits mit ihren Minen, Ölfeldern, Fabriken und Zuggleisen ihre Tentakel in einen Gutteil der Erde auszubreiten. Heute jedoch ist so ein Stufe der Enteignung und des Desasters erreicht, dass wir zurückschauen und sogar manche der grundlegenden Texte des Anarchismus in Frage stellen müssen. Wir sind heute weit entfernt von den großen Hoffnungen, die der Fortschritt ausgelöst hatte — auch unter den Feinden der Herrschaft. So schrieb Malatesta dazumals: „(…) die Produktion, die von allen zum Vorteile von allen ausgeführt wird, mit Zuhilfenahme von Mechanik und Chemie kann unendlich wachsen”. Ein signifikanter Teil der Revolutionär*innen war überzeugt, dass die techno-wissenschaftliche Entwicklung, unter der Kontrolle der Arbeiter *innen und zu ihrem Vorteil, eine Art Wundermittel wäre, welches die anstrengenden Tätigkeiten der Menschheit übernehmen würde. Dieser Ansicht zur Folge könnten die mächtigen Technologien der kapitalistischen Gesellschaft (Züge, Flugzeuge, Autos, industrielle Maschinen) immer noch in einer Gesellschaft ohne Klassen oder Hierarchien hergestellt und betrieben werden. Die Kontrolle der Produktionsmittel müsste lediglich von den Bossen an die „Proletarier” übergehen. Die zwei wichtigsten revolutionären Versuche in Europa — in Russland und Spanien, trotz ihrer Unterschiede im Bezug auf die allgemeinen Umstände sowie die Beziehung zwischen Autoritären und Antiautoritären — zeigen, wie diese Übergabe in der Realität eine neue Hierarchie etablierte und die Arbeitsteilung, Spezialisierung und Entfremdung aufrecht erhielt. Sogar unter den Bannern der CNT in Spanien ging die Ausbeutung der Arbeiter*innen weiter und die Verweigerung, Streiks und Konflikte am Arbeitsplatz vervielfältigten sich. Bereits zu dieser Zeit und auch wenn die Industrialisierung noch sehr neu war (in den 20ern und 30ern des 20ten Jahrhunderts), gab es keine Möglichkeit für eine libertäre Aneignung der industriellen Welt, zumindest nicht im großen Maßstab. Die Fabriken zu behalten, hieß die Ausbeutung zu behalten, jedoch schienen nur wenige Revolutionär*innen dies voll und ganz zu begreifen.
Jetzt denken wir für einen Moment an die Leben großer Teile unserer Zeitgenoss*innen.Wenn wir uns ansehen, was hinter jeder Geste und jeder Aktion des „modernen Menschen” steht, sehen wir ein Szenario von Tod und Zerstörung in gigantischem Maßstab. Wo kommen unsere Kleider und wo kommt unser Essen her? Von endlosen Landflächen, die von der Agrarindustrie kontrolliert, mit Pestiziden überflutet und künstlichem Dünger gedüngt werden, die bearbeitet werden von Maschinen, die von Öl abhängig sind und mehr und mehr von Robotern. Wie bewegen wir uns fort? Mit Maschinen, die hergestellt werden, von Sklaven in allen Winkeln des Planeten, die mit Öl oder Nuklearenergie funktionieren. Und was lässt sich über Computer, Smartphones und die gesamte Internet-Infrastruktur sagen? Über die Technologien und Drogen, mit denen wir uns behandeln? Egal von welchem Punkt aus wir starten, wir landen bei Ausbeutung, Verwüstung und vergiftetem Land auf allen Kontinenten. Bei großen Kupfer-, Gold- und Lithiumminen, seltenen Erden und so weiter, mit ihren Seen aus Zyanit und Quecksilber. Bei Millionen von Tonen von Kohlenwasserstoff, das vom inneren der Erde extrahiert wird und als C02 in die Atmosphäre gelassen wird. Bei Kernkraftwerken. Bei Wäldern die kahlgeschlagen werden. Bei enormen Mengen an chemischem, elektrischem und radioaktivem Abfall, der sich überall stapelt. Lebende Spezies verschwinden in einer schwindelerregenden Geschwindigkeit, Wasserquellen gehen dramatisch zurück, das Klima wärmt sich auf.
Die „Umweltfrage“ von der ‚sozialen Frage” zu trennen macht keinen Sinn und kann nur den Interessen der Kapitalist*innen und Politiker*innen dienlich sein. Es ist klar, dass die menschlichen Wesen wie alle anderen Spezies die Konsequenzen der industriellen Ausbeutung erleiden. Überall geht die Zerstörung des Planeten einher mit endlosen Katastrophen, Hungersnöten und Kriegen um die Kontrolle über die Rohstoffe. Der Rhythmus der Verwüstungen, der durch die industrielle Herrschaft vorgegeben wird, beschleunigt sich jede Sekunde, jede Minute, die verstreicht. Es ist die Logik, die der Akkumulation und dem Profit inhärent ist, Kosten zu sparen, zu beschleunigen, mehr zu produzieren von demselben und von neuem Zeug. Die Tentakel der Maschine reichen in jeden Winkel des Planeten und darüber hinaus; von den Spitzen der Anden bis zum Grund des Meeres; von Amazonas in die Sahelzone, von unter der Erde bis in den Weltraum, wo tausende Satelliten hin gesendet werden und wo neuerdings auch Rohstoffe abgebaut werden sollen.
In dieser Welt, wo alles künstlich wird, wo jedes menschliche Individuum zu einem Rad in der Maschine wird, die niemand voll und ganz kontrollieren kann. In dieser Welt, in der der Verlust von Bedeutung und die Verzweiflung zu Teilnahmslosigkeit, Zynismus und blinder Gewalt werden... Kommen wir zurück zu der ursprünglichen Frage; welche Revolution ist möglich und begehrenswert? Für mich scheint es unausweichlich, dass wir immer öfter Szenarien der gewaltsamen Konfrontation zwischen den Ausgebeuteten und den Ausbeutern sehen werden, zwischen Militärkräften, die eine privilegierte Bevölkerung gegen eine Vielzahl an verhungernden, vergifteten und versklavten Menschen verteidigen (trifft das nicht zu auf diejenigen aus der „Dritten Welt‘, die zur Migration gezwungen sind?) und genauso, Kriege ums Überleben unter den Armen. Welche Möglichkeiten der radikalen Veränderung eröffnen sich in so einem Szenario und in welche Richtung müssen wir Anarchist*innen drängen?
Eine erste Beobachtung scheint heute unumgänglich. Das Problem ist nicht nur wer die Produktionsmittel und die Früchte der Arbeit besitzt. Das Problem ist tatsächlich die Existenz und die Natur der Produktionsmittel und ihrer Produkte selbst. Die Enteignung und Selbstverwaltung des Bestehenden, der industriellen Maschinerie, der wir alle untergeordnet werden, sind bestimmt keine begehrenswerten Ziele. Und sie sind auch unmöglich. Nehmen wir Erdöl als Beispiel. Dieser Rohstoff ist auf eine eher beschränkte Anzahl an Regionen konzentriert und ohne ihn wird die gegenwärtige Welt enden. Wie würde die Extraktion und die weltweite Distribution durch die Arbeiter*innen selbst verwaltet werden? Wie sollten sie das ohne eine hierarchische und militärische Organisation anstellen?
Befreiung ist unmöglich ohne ein Ende der Todesmaschine. Ich bin tief überzeugt, dass dies der einzige Ausweg ist und dass unsere Anstrengungen in diese Richtung gehen sollten, auch wenn so eine Schlussfolgerung absurd oder sogar verrückt in den Augen großer Teile der Bevölkerung scheinen mag. Der notwendige Pfad — für jene, die nach Freiheit streben oder einfach nur entschlossen sind, die sichere Auslöschung des Lebendigen durch die industrielle Welt aufzuhalten — hat einen lange und kurvenreichen Weg zur Folge. Ich denke, dass wir nicht länger die Größe der Hindernisse und die Herausforderungen dieses Weges vermeiden können.
*** Eine schmerzhafte Spaltung
Es ist keine Übertreibung einen großen Teil der Menschheit als einen unheilbaren Patienten zu beschreiben, dessen Überleben einzig von der Verbindung mit dem Stromnetz abhängt. In einem Feature der Revue Militaire Suisse, die der Blackout-Hypothese gewidmet war, wird dies sehr klar gezeigt vom Gesichtspunkt einer Evaluierung der Grade der gegenseitigen Abhängigkeit von Infrastruktur, die als ‚kritisch” eingestuft wird. Das Konzept von „Kritikalität” definiert die Kapazität der Komponenten eines Systems, potentielle Störung zu verbreiten. „Eine externe Störung verursacht lediglich lokale und kleine Schäden in einem System „niederer Kritikalität”, da die Komponenten so eines Systems kaum miteinander verbunden sind oder gar nicht. Im Gegensatz dazu verbreitet sich eine Störung in einem System „hoher Kritikalität” in große Teile des Systems wobei es beachtliche Schäden verursachen oder bestimmte Komponenten zerstören kann. Wenn die Kritikalität höher ist, erhöht sich die Möglichkeit eines Schneeballeffekts, der sich von einem System zum nächsten, von einer kritischen Infrastruktur zur nächsten fortsetzen kann. Folglich wird eine Gesellschaft mit beschränkter gegenseitiger Abhängigkeit zwischen den verschiedenen kritischen Sektoren weniger betroffen sein im Falle eines Blackouts als eine Gesellschaft mit höherer gegenseitiger Abhängigkeit wie in den sogenannten entwickelten Ländern. Die Schäden werden viel beträchtlicher sein für eine ultra-verbundene Gesellschaft.” Unter den genannten ‚kritischen Infrastrukturen“, spielen jene, die für die Energieversorgung verantwortlich sind, eine vitale Rolle. Eine anhaltende Unterbrechung der Energieversorung eines Landes, würde einen Stopp der Informations- und Telekommunikationssysteme provozieren, der Banken und der Finanzdienstleister, dem Transport von Waren, aber auch der Versorgung von trinkbarem Wasser und von Krankenhäusern. Laut dieser Studie würde eine Unterbrechung der Energieversorgen von acht Tagen einen Kaskadeneffekt auslösen, der dazu in der Lage wäre den definitiven Kollaps der Gesellschaft auszulösen. Sicherlich, die Megamaschine wird kollabieren und mit ihr werden wahrscheinlich unzählige Mensch sterben, aufgrund ihres Mangels an Autonomie (was Wasser, Essen und Gesundheit beinhaltet).
Laut denselben Expert*innen im Dienst der Herrschaft ist diese Szenario keine Science-Fiction. Die elektrische Infrastruktur ist veraltet, fragil und die “Risikofaktoren” werden immer mehr. Naturkatastrophen (Überschwemmungen, Schnee, Hitzewellen, Eis, Wind und Sonnenstürme, Pandemien, etc.), Überladung des Netzes, industrielle Explosionen und Unfälle (in der Industrie, auch nuklearer Art), technische und digitale Probleme, Sabotagen, Attacken, Cyberattacken oder menschliches Versagen sind alles potentielle Auslöser. Betreffend der Verbindung zwischen einer möglichen Pandemie und einem Blackout, legt dieser Text von 2018 dar: eine Pandemie kann die Anzahl der verfügbaren Angestellten einschneidend reduzieren. Sie können fehlen, weil sie krank sind oder weil sie sich um andere kümmern müssen oder weil sie sich um ihre eigene Gesundheit fürchten. Unter diesen Bedingungen könnte das elektrische Netz unterbesetzt sein; ein Faktor, der
zu einem Blackout führen könnte.”
Zwei Jahre später inmitten der Covid19-Krise ist das Bild des Kollaps sehr präsent. Staaten vermehren ihre Aufrufe nach „Resilienz”, danach sich immer prekäreren Verhältnissen anzupassen, jedoch sicherlich ohne eine Kurswende zu versuchen. In einem verzweifelten Manöver den Marsch des Fortschritts fortzusetzen, unternimmt die Herrschaft paradoxerweise Maßnahmen, die ihr eigenes Funktionieren fragiler machen. Telearbeit, 5G und alles Digitale erhöht den Grad der Kritikalität jeder Komponente des Systems. Wie die Revue Militaire Suisse unterstreicht: „Das Risiko eines Blackouts erhöht sich proportional mit der Zunahme der Hyper-Konnektivität“.
Der suizidale Marsch der techno-industriellen Gesellschaft wird mit sich einen Teil der Menschheit hinwegfegen, bzw. ist bereits dabei dies zu tun. Sollten wir handeln um den Kollaps zu begünstigen bevor die technologische Kontrolle omnipräsent ist, bevor die letzten Wälder ausgelöscht sind, bevor die wilde Fauna vollständig verschwunden ist, bevor die Luft nicht mehr geatmet werden kann? Die Subversiven des 21ten Jahrhunderts sind auf grausame Art mit dieser Frage konfrontiert. Durch das Niveau der gegenseitigen Abhängigkeit unserer am Totenbett liegenden Spezies und ihrer tödlichen Kreationen, sind wir eingeklemmt zwischen der „Sicherheit“ eines fatalen Schicksals und der Unsicherheit eines Pfades von Freiheit und Revolte. Heute mehr als gestern können Aktionen, die auf Unterbrechungen abzielen, schwerwiegende Konsequenzen haben. In diesen letzten Jahren haben wir zu verschiedenen Anlässen die staatliche Propaganda gehört gegen die Sabotagen von Infrastruktur und Telekommunikation; es wären „unverantwortliche” Aktionen, die das Leben von Menschen gefährden würden, besonders das von älteren Menschen, die nicht in der Lage wären die Notfalldienste zu erreichen. Es ist eine Erpressung, die die Mächtigen nutzen und immer nutzen werden, um die Rebell*innen zu isolieren und unterdrücken. Es soll ihnen das Gewicht aufbürden für die generalisierte Enteignung und Misere, den Verlust der Autonomie, die sozialen und ökologischen Desaster, die von diesem todbringendem System verursacht werden. Nebenbei bemerkt, derselbe Diskurs, der heute gegen die Saboteur*innen verwendet wird [174 sabotierte Funkmasten zwischen März 2020 und 2021 im französischen Territorium], wurde gestern gegen die Gelbwesten eingesetzt, die Straßen blockierten mit schwerwiegenden Konsequenzen für die Gesellschaft. Und es könnte gegen jeden Streik verwendet werden, der schnell Knappheiten provoziert. Jede radikale Aktion gegen den Kurs, den diese Gesellschaft eingeschlagen hat, sei es der Ausdruck einer Handvoll Rebell*innen oder eine aufständische Masse, wird chaotische Situationen hervorbringen und manchmal große Schwierigkeiten für die Bevölkerung. Das hat vor einem Jahrhundert gestimmt und heute umso mehr, wo ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr in der Lage zu sein scheint, ohne technologische Prothesen zu leben.
Auf der anderen Seite, wenn wir nicht die Verantwortung für die Enteignung und den Verlust der Autonomie der Menschheit übernehmen können, und dies sollte unseren Aktionen keine Bremsen auferlegen, sollten wir absolut die Verantwortung für unsere Entscheidungen und Aktionen als Anarchist*innen und Revolutionär*innen übernehmen. Wir haben uns nie entschieden in diese Welt geboren zu werden, nichtsdestotrotz machen wir jeden Tag Entscheidungen, die in die eine oder andere Richtung ausfallen können und es liegt an jedem Individuum und jeder Gruppe, die Auswirkungen ihrer Aktionen zu messen und evaluieren. Persönlich denke ich, auch wenn wir von der weit verbreiteten Passivität der Massen oder ihrer Unterstützung für die Werte der Herrschaft angewidert sein können, dass es keine wünschenswerte Veränderung geben kann, die ausgehend von einem Hass gegen so eine unwirkliche und generische Kategorie wie, „die Leute” oder „die Menschheit” agiert.
Das ist der Grund, wieso ich denke, dass Diskurse, die sich für „Katastrophen“ starkmachen und mit einer Art mystischem Glauben auf den „Kollaps“ warten, gefährlich sind. Wir können nicht — wie es die Verteidiger*innen der bestehenden Ordnung tun — Aufstände und tödliche Ereignisse (Unfälle, Knappheiten, Umwelt- und Klimaereignisse, etc.) gleichsetzen, die die Normalität unterbrechen können. Auch wenn wir in beiden Fällen großen Veränderungen und dramatische Konsequenzen beiwohnen können, ist das erste ein soziales Phänomen, das durch Verweigerung und — eventuell — durch den Willen zur Veränderung motiviert ist, welches den Samen für etwas radikal Anderes transportieren kann, während das zweite neue Bedingungen sind, vielleicht sogar noch härtere, welche — sogar wenn sie einen „Kollaps“ des techno-industriellen Systems verursachen können — nicht mechanistisch eine Veränderung der sozialen Beziehungen auf denen dieses System basiert herbeiführen werden. Auf schematische und ohne Zweifel vereinfachte Art und Weise ausgedrückt: ein „Kollaps“ der durch eine Serie von Revolten und Aufständen kreiert wird, kann die Tür für neue Formen der Solidarität und freiere und dezentralisiertere sozialen Organisierung öffnen, während ein „Kollaps“ der durch „äußere“ Bedingungen aufgezwungen wird, eher den Effekt hätte Panik zu verursachen, sowie ein Bedürfnis nach Sicherheit und einen Wettkampf ums Überleben. Natürlich wird in beiden Fällen beides vorhanden sein; Egoismus und Solidarität, genauso wie das Aufkommen von freieren Formen der Organisierung und autoritäreren Strukturen. Jedoch zu denken, letzten Endes gehe es nur darum, dass die Welt von heute kollabiert, ohne Blick auf die Ursachen, würde bedeuten jede Anstrengung für eine revolutionäre Erhebung überflüssig zu machen. In so einem Fall wäre alles was wir zu tun hätten, den Prozess des Kollaps zu beschleunigen oder hervorzurufen, der vermeintlich beinahe automatisch auch eine Umwälzung der sozialen Beziehung mit sich bringen würde. Diese Sicht der Dinge lässt keinen Raum für Ideen, Individuen und Subjektivität.
*** Aktionen von Minderheiten
Ich denke nicht, dass ein apokalyptischer Kollaps, wie er im Kino oder in der Literatur erdacht wird, wünschenswert ist. Meine Aktionen zielen nicht darauf ab den Tod von Millionen zu verursachen, mein Kampf — unser Kampf - zielt nicht auf die Auslöschung des Menschen sondern auf den Tod eines Systems, das die Auslöschung von tausenden Spezies verursacht und welches, wenn es davor nicht gestoppt wird, vielleicht einmal uns vom Antlitz der Erde tilgen wird. Ich sehe keine anderen Alternativen; entweder wir fahren fort mit höchster Geschwindigkeit auf eine Serie unausweichlicher Katastrophen zu zu steuern (etwas das bereits begonnen hat, nebenbei bemerkt) oder wir werden uns dessen bewusst, ziehen die Notbremse und verlassen den verdammten Zug. Zwischen März 2020 und März 2021 inmitten einer Periode techno-polizeilichen Generalsanierung der Gesellschaft unter Vorwand einer Gesundheitskirse, haben wir alleine in Frankreich von 174 Akten der Sabotage — beinahe jeden zweiten Tag eine — gehört, die auf die Telekommunikationsinfrastrukur abgezielt haben. Unglücklicherweise aufgrund der Repression, haben wir erfahren, dass Leute mit sehr verschiedenen Ideen, Perspektiven und Lebenspfaden diese Angriffe ausgeführt haben. Nichtsdestotrotz wurden durch diese Aktionen ähnliche Bedenken und eine bestimmte Übersättigung gegenüber der Hi-tech und ultra-verbundenen Welt ausgedrückt.
In diesem Kontext ist ein Dialog eröffnet worden zwischen jenen, die ausgehend von einem antiautoritären Blickwinkel eine Perspektive der direkten Aktion gegen die Venen der Herrschaft teilen. Es scheint mir interessant die Fäden wieder aufzunehmen in dieser Debatte, die nicht nur die Fragen der „Strategien“ behandeln, sonder auch nach der Bedeutung und den Zielen der subversiven Aktionen.
In einem Text mit dem Titel “Quelques reflexions sur les attaques d’antennes relais”, der zuerst bei Indymedia Nantes publiziert und der dann vom anarchistischen Bulletin Avis des tempêtes wiederveröffentlicht wurde, wird die Frage aufgeworfen „weiter zu blicken” als zu jenen „Löchern, die im Netz verursacht werden und für die ein paar Stunden und in den besten Fällen Tage gebraucht werden, um repariert zu werden.” Während der/die Autor*innen die Relevanz von Funkmasten als Ziele unterstreichen, die zugänglich über das Territorium verbreitet sind, schlagen sie vor, weiter zu gehen, sich zu koordinieren, ‚um sich auf die kritische Teile des Systems zu konzentrieren, wenn wir wirklich verletzende Schläge austeilen wollen”. Zwei Attacken während des Großen Lockdowns von März bis Mai 2020 werden als Beispiele erwähnt; das Durchtrennen von einigen Glasfaserkabelsträngen in der Region von Paris am 5ten Mai, das zu einem signifikantem Zusammenbruch der Telekommunkation führte (die Verbindung zwischen lokalen und Europäischen Datenzentren wurden durchtrennt, mehr als 100.000 Menschen hatten weder Telefon- noch Internetverbindung, einschließlich großer Firmen und Polizeistationen) und die koordinierten Brandstiftungen am 17ten Mai von drei Funkmasten um Grenobel (hunderttausende Menschen ohne Internet, Fernsehen, Radio und das für mehrere Tage). Die Autor*innen des Textes erwähnen auch die Wichtigkeit der elektrischen Infrastruktur für das Funktionieren des techno-industriellen Systems und die Möglichkeiten, die sich aus einem Blackout heraus für Subversive ergeben. In dieser Perspektive, wird die Notwendigkeit betont, Schritte zu unternehmen „ausgehend von einer Praxis, die als ein Konflikt niederer Intensität zusammengefasst werden kann, hin zu einem offeneren Konflikt”, dies wird begründet mit der Dringlichkeit, die sich aus der Zerstörung ergibt, die von dieser Gesellschaft verursacht wird, welche die Natur verwüstet und überall seine totale Kontrolle aufzwingt, es ist aber auch gezeichnet von einem bestimmten Pessimismus gegenüber der Möglichkeit einer generalisierten Erhebung; „es ist keine Zeit mehr darauf zu hoffen, dass sich eine x-te soziale Bewegung in eine unkontrollierbare verwandelt, wenn wir nur genügend Fenster einschlagen oder darauf zu hoffen, dass durch kleine verbreitete Beispiele der Sabotage eine immer unterwürfigere Masse sich in eine wilde und widerständige Masse verwandeln würde".
Mindestens zwei Texte sind auf den Text „Ein paar Reflexionen” gefolgt. Der Text „ A l’assaut de lexistant”, der im Juli an das Bulletin Avis de tempêtes gesendet und in der Ausgabe vom 15ten August abgedruckt wurde und ein zweiter Text, „Ethique et strategie”, der als Beitrag des Pamphlets „Des singes, pas de savants. Recits et reflections en temps de confinement” veröffentlicht wurde, „geschrieben von mehreren Händen im Sommer 2020”. Der erste, auch wenn er keine direkte Antwort auf denText ist, der auf Indymedia veröffentlicht wurde, analysiert die Verbreitung von Angriffen auf die Infrastruktur der Herrschaft von einer anderen Warte aus. Während er von derselben - individuellen — Dringlichkeit ausgeht, gegen „diese Welt der organisierten Unterwerfung, Resignation und Passivität” zu handeln ohne zu warten, denkt die Autor*in, dass die „einfache Vermehrung der Aktionsgruppen” unglücklicherweise nicht ausreichen wird, um die Strukturen der Herrschaft und die sozialen Beziehungen, welche ihre Grundpfeiler sind, zu zerstören. Aktionen, die von einer kleinen Anzahl ausgeführt werden „bedeuten nicht unbedingt, in Isolation zu handeln und wenn die Stärke nicht in der Anzahl liegt sondern in ihrem verbreiteten und unkontrollierbaren Charakter, dann wird die Frage (...) wie man, wenn man von sich selbst ausgeht, zur Ausweitung oder Eskalation des sozialen Krieges beitragen kann.” Während zahllose Akte der Sabotage gegen die Telekommunikationsinfrastruktur analysiert werden, kritisiert die Autor*in eine Sicht auf den Angriff, die sich auf die Idee der Effektivität versteift und zeigt, dass sie anhand von Kriterien analysiert werden können, die nicht rein quantitativ sind (eine maximale Anzahl von Menschen zu erreichen, eine Unterbrechung zu erzeugen, die so lange wie möglich dauert um repariert zu werden), indem zum Beispiel die Charakteristika des Ortes und des Moments des Angriffs in Betracht gezogen werden, oder spezifische Projekte oder Firmen die von der Sabotage getroffen werden. Abschließend, diesem Text zufolge, muss eine quantitative Ansicht nicht die Oberhand über die qualitative Dimension der Aktion übernehmen; „können wir nicht einfach sagen, dass eine Sabotage erfolgreich war (oder „effektiv”) wenn wir erreicht haben, was wir erreichen wollten, mit den Mitteln, die wir verwendet haben? Das ist zuerst und vor allem eine Frage der Singularität, das ist ein Moment, wenn wir nach der Aktion greifen können, für einen flüchtigen Moment die Qualität spüren, wenn wir endlich einen Griff nach unsere Leben und nach den Sternen wagen?”
Die Kritik, die im Text „Ethique et strategie” formuliert wird, stimmt ein in einen bestimmten Aspekt, der vom Text „A l’assaut de l'existant” aufgemacht wird. Der Text vergleicht die unterschwellige Haltung vom Text „Quelques reflexions” mit dem Ökologismus von Deep Green Resistance. Was hier kritisiert wird, ist eine systemische, kybernetische und katastrophische“ Haltung von Ökologie, welche,gefangen in einer Verteidigungshaltung und eine Heiligsprechung des Lebendingen“ sei. Die Autor*in von „Ethique et strategie” hält fest: „ich kämpfe nicht, um ein Ökosystem zu retten, genauso wenig für soziale Gleichheit. Ich kämpfe dafür zu erfahren, dass diese blutige Welt nicht unbeweglich ist, dass die Megamaschine nicht unzerstörbar ist, dass der Leviathan kein allmächtiger Gott ist” Ausgehend davon wird jedes Kriterium einer objektiven Effektivität zur Seite gewischt: „die einzige Strategie, die für mich einen Sinn ergibt, ist jene, die aus einer Analyse jeder Situation, jeder Erhebung, jeder Person besteht, die für sich selbst handelt.” Die Infrastruktur von Telekommunikation und Energie werden von der Autor*in als „strategische Ziele” gesehen, da sie erlauben mit Möglichkeiten des Blackouts zu experimentieren und darüber hinaus um zu versuchen, mit dem Mythos einer Gesellschaft, die aus unzerstörbaren Netzwerken bestehen würde, zu brechen. (...) Es gibt jedoch keine gemeinsamen Sache „die es zu tun gilt” (...) Der Angriff ist eine Infragestellung, ein Mittel um Wissen über die Welt zu bekommen und gleichzeitig eine Kritik in Aktion”.
Ich teile Aspekte der Kritiken, die von den beiden Texten aufgeworfen werden, die ich hier kurz zusammengefasst habe. Zu denken, dass eine Aktionsgruppe oder verschiedene Aktionsgruppen die Ausbeutungs-, Kontroll- und Entfremdungsmaschine ein für alle mal stoppen können durch die Zunahme der Stärke oder Effektivität ihrer Aktionen bringt bestenfalls (wie im Text “Ethique et strategie” betont wird) den alten Mythos der Revolution zurück und im schlechtesten die Illusion einer Omnipotenz, die uns leicht hinüberwerfen kann in die Welt der Autorität und ihre militaristische Logik. Das ist der Grund wieso ich jede Konzeption zurückweise, die auf der einen Seite eine Handvoll von Revolutionär*innen sieht und auf der anderen die bösen Mächte, als wenn es dazwischen nur Passivität und Resignation gäbe. Die Herrschaft entsteht zuerst und vor allem aus einer komplexen Anordnung von sozialen Beziehungen und diese Beziehungen werden durch Konflikte durchkreuzt. Wie es eine Gefährt*in vor ein paar Jahren geschrieben hat; „Gefange*r der Ideologie des Sieges zu bleiben bedeutet nicht zu verstehen, dass eine aktive Minderheit, wie sie auch immer beschaffen sein mag, niemals wirklich gewinnen kann, da dieser Sieg die Niederlage jeder Möglichkeit wirklicher grenzenloser Freiheit wäre. Wenn wir von Sieg sprechen wollen, dann zuerst von den Massen in der Revolte, frei assoziiert in neuen sozialen Kreationen, befähigt verschiedensten, unglaublichen und vitalen Formationen Leben einzuhauchen; Formationen einer Art, dass selbst die uneingeschränkteste Vorstellungskraft sie nicht fassen kann, da sie ausgeht vom repressiven Sumpf, der uns heute unterdrückt und umgibt. [...] Der Kampf hat viele Nuancen, aber ein Ziel; so zu handeln, dass er so weitreichend wie möglich werden kann.”
Für mich hat das rein gar nichts damit zu tun, darauf zu warten, dass sich die Massen bewegen um erst dann anzugreifen, genauso wenig mit der nervtötenden Idee, die immer wieder daherkommt „wir sollten nichts tun, was die Massen nicht verstehen”, was bedeutet, wenn wir diese Logik konsequent durchdenken, unsere Konfliktlevel soweit zu verengern bis wir im Sumpf von Forderungen und Reformismus verenden. Nebenbei bemerkt, die „Massen in Revolte” (um diese zuvor gebrauchten Worte aufzugreifen), haben nur eine eigene Existenz von einem abstrakten und ideologischen Gesichtspunkt aus. Ich bevorzuge es von einer Vielzahl von Individuen auszugehen, die einander auf der Reise des Kampfes finden, und, besser, der Selbstbefreiung, und folglich in einer gewissen Weise, dagegen zu rebellieren zur Masse gemacht zu werden. Jedoch, um noch einmal darauf einzugehen, ich denke dass es keine mechanischen Gesetzmäßigkeiten gibt im Bezug auf Aufstände und Revolutionen. Ich denke, dass es zuerst an den Initiativen von Minderheiten liegt und der Verbreitung von revolutionären Ideen, dass der Konflikt sich vertiefen und einen Bruch erreichen kann. Auch wenn bestimmte Bedingungen des sozialen Ausschlusses, der Unterdrückungen und der Ausbeutung den Leuten so aufs Gemüt drücken können, bis sie einen bestimmten Teil der Individuen dazu drängen die Ketten nicht mehr länger zu akzeptieren, sowie die Leiden und Herabwürdigungen nicht länger hinzunehmen. Die Verweigerung einer bestimmten Unterdrückung — zum Beispiel, die aufgezwungene patriarchale Ordnung, die Polizei, die Lohnsklaverei oder industrielle Verschmutzung — können Ausgangspunkte sein. Jedoch wird diese Weigerung nicht ausreichen um die Revolte über bestimmte Grenzen hinaus zu tragen, jenseits derer Rekuperation nicht mehr möglich ist. Ich bin überzeugt, dass eine Propagierung von Horizonten der Freiheit, von radikal anderen Welten, die sich zuerst in uns selbst entwickeln, diese Möglichkeit öffnen können. „Wir” — diese viel angepriesene „aktive Minderheit” — müssen diese Vorstellungen der Freiheit kultivieren. Und das nicht nur durch Theorien und Geschriebenes, sondern und vor allem durch Aktionen, die die Ursachen unserer Enteignung und Ausbeutung ins Visier nehmen. Das ist es, was Anarchist*innen vor einem Jahrhundert „Propaganda der Tat“ nannten.
Die Aktion von Minderheiten ist zuerst die individuelle, qualitative Erfahrung, die der Reproduktion des Alltagslebens, des geistbetäubenden Trotts der Arbeit, dem Gehorsam und der Passivität, radikal entgegengesetzt ist. Der Grund der Aktionen bleibt jedoch nicht auf diese individuelle Dimension beschränkt. Jeder Schlag gegen die herrschende Ordnung ist auch Teil eines größeren Kontexts, wo er verschiedene Bedeutungen und Perspektiven haben kann, indem er die Fragilität der Herrschaft aufzeigt und die Messlatte der Möglichkeiten vergrößert. Auch wenn eine Aktion oder eine Serie von Aktionen, die von einer kleinen Minderheit der Bevölkerung ausgeführt wird, nicht genug ist um den Lauf der Dinge zu ändern, stimmt es, dass jeder Akt der Revolte, jede direkte Aktion wichtig ist und ihre eigene Bedeutung hat. Jedoch haben bestimmte Attacken - die auf wichtige Netzknoten abzielen - eine stärkere Auswirkung auf den Fluss von Gütern und Daten und erlauben, dass die Kritik in Aktion dieser tödlichen Normalität eine größere Menge von Leuten erreicht. Bestimmte Ziele bedürfen mehr Recherche, mehr Anstrengung, mehr Vorstellungskraft und mehr Organisierung als andere, jedoch bedeutet das nicht, dass diese Aktionen nicht „reproduzierbar” wären. Eine Hierarchisierung der Aktionen vorzunehmen wäre ein Fehler, den wir auf jeden Fall vermeiden müssen. Jedoch impliziert der Vorschlag, eine Koordination zwischen den Aktionsgruppen zu erschaffen um schwerwiegendere Unterbrechungen zu verursachen, nicht eine antiautoritäre Ethik im Namen der Effizienz zu opfern. Die Frage ist viel mehr: Was erwarten wir von einer Aktion? Für mich wäre es illusorisch und gefährlich zu denken, dass die Aktionen von Minderheiten ein magischer Schlüssel wäre um die Herrschaft zu beenden. Kleine Gruppen können den Leviathan verlangsamen, aber sie können ihn nicht ein für alle mal anhalten. Wir können die Herrschaft nicht auf ihre technologische Werkzeugkiste reduzieren, genauso wenig wie wir die Auswirkung von Aktionen auf die Schäden reduzieren sollten, die sie verursachen und die Bedeutung unterschätzen, die sie tragen in einer Situation, die nicht vollständig befriedet ist.
*** Hier und Jetzt, jedoch mit einem Auge in die Zukunft
In den kommenden Jahren werden wahrscheinlich Kämpfe gegen die industriellen Zerstörung zunehmend eskalieren, einhergehend mit einer Erhöhung sozialer Spannungen, einem ökologischen und gesundheitlichen Desaster, Energieknappheit, zunehmender Ausplünderung und Verwüstung von Territorien. Eine anarchistische Kritik der techno-industriellen Gesellschaft kann viele Ohren erreichen. Der Horror, der durch die Ausbeutung des Lebendigen verursacht wird, wird immer offensichtlicher in den Augen vom immer mehr Leuten. Wenn wir denken, dass es um uns herum nur eine „Masse von Menschen gibt, die in Komplizenschaft mit dem System ist“, dann entscheiden wir uns, all die unterschiedlichen Akte der Verweigerungen zu ignorieren, die beginnen hier wie dort zu explodieren. In diesem Fall können wir dem Glauben an eine reinigende Katastrophe verfallen und einer narzisstischen Glorifizierung unserer eigenen Aktionen. Im Gegenteil, wenn wir uns die Gefängniswelt, die uns umgibt, mit einem immer klareren Blick ansehen, können wir die Bruchstellen in den Wänden sehen, die uns einsperren. Bruchstellen, die wir in Brüche ausweiten können, in einem Kampf, der das Bestehende nicht erobern, sondern zerstören will und die Basis für ein neues Leben legen will.
Es geht nicht darum auf die Massen zu warten, sie von der Legitimität unserer Ideen zu überzeugen, Schritt für Schritt zu handeln ohne die ehrlichen Arbeiter*innen zu verschrecken. Aber es geht auch nicht darum der Macht einen Privatkrieg zu erklären, „die Leute” zu verachten und Aktionen zu fetischisieren. Wir sind Anarchist*innen, wir handeln als Anarchist*innen, ausgehend von unseren ethischen Positionen, unseren Analysen und unseren Perspektiven. Schließlich sind unsere Worte, unsere Taten und vielleicht sogar unsere Leben Vorschläge, was sich grundlegend unterscheidet von den autoritären Projekten der Revolution und Gesellschaft wie jene der Marxist*innen mit ihren Programmen. Einen Vorschlag in Aktion zu formulieren, bedeutet nicht ein Anführer im Kampf zu sein und noch weniger diesen aufzuzwingen, sondern einen Diskurs und eine Praxis zu erschaffen, die das Potential haben Bruch und Veränderung herbeizuführen. Im worst-case-Szenario werden diese Vorschläge ignoriert, lächerlich gemacht oder falsch verstanden; jedoch werden wir unsere Leben in der Schönheit unserer Ideen gelebt haben, wir werden gebrannt haben, jedoch mit unserem eigenen Licht, wir werden nicht im Schatten einer Kirche gelebt haben. Und im besten... wer kann sagen was in der Zukunft passiert? Wenn ich zehn oder fünfzehn Jahre zurückblicke muss ich sagen, dass ich wenige der vielen Explosionen der Wut vorhersagen hätte können, die passiert sind, und ich denke nicht, dass sie aufhören werden, im Gegenteil.
Dieser Text ist eine Einladung nicht den Blick auf die Zukunft zu verschließen, sich nicht davor zu fürchten über den Moment hinauszugehen und in Rahmen eines revolutionären Vorschlags zu denken. Aufzuhören an den Mythos der Revolution zu glauben, aufzuhören an den Mythos des Fortschritts zu glauben ... das bedeutet gewiss sich von schweren Fesseln zu befreien. Jedoch bedeutet dies nicht ein Projekt der radikalen Veränderung der Welt aufzugeben. Diese Erhebung kann nur auf lange Zeit gedacht werden und ich stelle mir das als einen langsamen Prozess der Zersetzung vor.Was würde passieren wenn immer zahlreichere Akte der Sabotage gegen vitale Infrastrukturen der Herrschaft beginnen würden die vernetzte Verbundenheit, von der die Ökonomie und der Staat abhängig sind, erheblich zu unterbrechen? Wenn der Widerstand gegen das, was uns schadet (Minen, Energie- und Transportinfrastruktur, etc.) zu Brutstätten von Autonomie und Aufstand werden würden und wenn Staaten beginnen würden die Kontrolle über bestimmte Teile ihrer Territorien zu verlieren? Wenn ein Teil der Menschheit beginnen würde die Metropolen zu zerstören und den Raum zu verändern, indem sie ihn dem Griff von Ökonomie und Macht entreißen und so ungesehene Formen der Aktivität, der Beziehungen und des Austauschs erschaffen? Das hört sich heute vollkommen unwirklich an, es ist jedoch die Richtung, in die unsere Anstrengungen meiner Meinung nach gehen müssen. Es geht nicht darum ein Programm aufzustellen und vorherbestimmten Pfade zu verfolgen, sondern darum uns zu trauen unsere Begierden auszudrücken, auch wenn wir eine sehr kleine Minderheit sind, die in diese Richtung gehen will. Sind es nicht genau Bestrebungen (genauer, utopische Bestrebungen) die wir brauchen — um zu kämpfen, um uns die Stärke anzueignen zu kämpfen im Angesicht einer düsteren Realität, die alle Hoffnung und die Möglichkeit auf Veränderung abgetötet hat. Ein Blick in Richtung dessen, was wir wollen, scheint mir heute notwendig, um Analysen zu entwickeln, die in der Lage sind unseren Anstrengungen von Agitation und Aktion eine Stoßrichtung zu verleihen. Ohne sich in Wunschdenken zu ertränken, ohne uns selbst und andere zu belügen, jedoch beharrlich in unserem Willen nach Aufstand und Veränderung.
Bismuto