Es gibt verschiedene Haltungen, das Leben anzugehen, ich werde mich hier damit beschäftigen, von den beiden Haltungen zu sprechen, die meiner Meinung nach am weitesten verbreitet und am bedeutendsten sind. Die erste besteht darin, sich an die Umstände anzupassen, worin man sich befindet, das heisst, in diesen Umständen eine Grenze zu sehen, worin man sich einschliesst. Diese Haltung anzunehmen, bedeutet, es hinzunehmen, seine Verlangen und seine Ambitionen auf das zu beschränkten, was man in dem Kontext, worin man lebt, für realistisch hält. Die zweite Haltung hingegen ist diejenige, die dazu neigt, diese Umstände nicht als Grenzen zu betrachten, sondern vielmehr als etwas, das es zu überwinden gilt, um unsere Verlangen und unsere Ideen zu verwirklichen, wie unrealisierbar sie auch scheinen mögen. Es versteht sich von selbst, dass diese beiden Haltungen mit unterschiedlichen Denk- und Handlungsweisen verbunden sind.

Die realistische Kurzsichtigkeit

Im ersten Fall hat die realistische Kurzsichtigkeit die Oberhand: „Wieso etwas begehren, das es sowieso nicht möglich scheint, zu erreichen? Kommen wir mit den Füssen auf den Boden und versuchen wir lieber, etwas zu erreichen, das in unseren Möglichkeiten liegt, dann eines Morgens, wenn wir dazu fähig sind, werden wir anderes begehren können.“ Die grösste Sorge besteht darin, zu überleben. Es ist die typische Sorge der Krämer, die in jeder Situation versuchen, auf einer Waage die möglichen Risiken, die man eingeht, auf einem Teller, und die möglichen Profite, die erreichbar sind, wenn man diese Risiken eingeht, auf dem anderen Teller abzuwägen. Es ist unnötig, zu sagen, dass all diese Berechnungen dazu neigen, die Individuen wenig bereit zu machen, ihre Situation, so elend sie auch sein mag, einem Risiko auszusetzen, es sei denn, dass sie Gewissheit über den wahrscheinlichen Erfolg ihrer Aktionen haben. Die von diesen Individuen bevorzugten Strategien, um etwas zu erreichen, sind schliesslich das Warten auf bessere Zeiten (worin die Risiken für denselben Profit geringer werden) und die Verbesserungen, die durch das Verhandeln mit der Gegenpartei erreicht werden. Die realistische Kurzsichtigkeit ist wenig zu den grossen Veränderungen geneigt, und ist somit tendenziell eine konservative Mentalität.


Eine andere Beziehung zur Welt

Im zweiten Fall hingegen will das Individuum seine Ideen und seine Verlangen verwirklichen, ohne sich allzu sehr um die Gleichgültigkeit oder sogar die soziale Feindseligkeit zu kümmern, die es über sich ergehen lassen muss. Die Umstände werden nicht mehr als Grenzen betrachtet, sondern vielmehr als ein Ausgangspunkt für eine Veränderung. Die grösste Sorge besteht nicht mehr darin, bloss zu überleben, sondern vielmehr darin, ausgehend von der jeweiligen Realität, herauszufinden, wie man es schaffen kann, seine Ideen zu verwirklichen, egal wie masslos oder unakzeptiert diese sein mögen. Dies ist die Haltung, die in der Geschichte von unzähligen Rebellen und Personen zu eigen gemacht wurde, die den Mut gefunden haben, sich zu behaupten und, in einer Gesellschaft, die nicht bereit war, sie zu akzeptieren, für ihre Ideen zu kämpfen, ohne sich um den Preis zu kümmern, den sie hätten bezahlen mögen, und ohne die geringste Garantie auf Erfolg. Dies ist, woraus die grossen Veränderungen innerhalb der Gesellschaft entsprungen sind (über diese Veränderungen liessen sich Schwalle von Tinte vergiessen, es geht hier nicht darum, aufzuzeigen, ob diese Veränderungen positiv oder negativ gewesen sind, sondern vielmehr darum, zu unterstreichen, dass sie aus der Rebellion von Individuen entsprungen sind).

Der Bezug zur Organisation

Diese beiden Haltungen gegenüber dem Leben, die in den Individuen zugegen sind, spiegeln sich auch in der Art und Weise wieder, wie sich diese Individuen organisieren und die eigenen Ideen vorantragen. Wenn wir die anarchistische Bewegung betrachten, ist es ziemlich leicht, sie in ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen und ihren inneren Konflikten zu erkennen. Auf der einen Seite haben wir eine Bewegung, die mehr darum besorgt ist, sich, als Zweck für sich, in einer permanenten Organisation zu konstituieren, deren Ziel das eigene quantitative Wachstum und das eigene Überleben ist, in Erwartung von Bedingungen, die als für eine Revolution optimal betrachtet werden (stets vorausgesetzt, dass das Konzept von Revolution nicht aufgegeben wurde). Diese Bewegung hat sich die Krämermentalität zu eigen gemacht, indem sie die Logik der kleinen Schritte akzeptiert und für eine allmähliche Verbesserung der Bedingungen oder für die Verteidigung der Rechte kämpft, die von den Arbeitern, den Migranten, den Frauen… erlangt wurden, ohne sich darum zu kümmern, wie diese Verbesserungen erlangt werden. Es handelt sich um eine Bewegung, die um alles fürchtet, was sie zu verlieren hat (Rechte, Privilegien, Gunst der öffentlichen Meinung…), also nicht zum Risiko geneigt und bereit, mit dem Finger auf all jene zu zeigen, die sie, mit ihren Aktionen und ihren Ideen, in Gefahr bringen können.

Auf der anderen Seite haben wir eine Bewegung, die fliessender ist, die die Tatsache, sich zu organisieren, auf eine radikal andere Weise auffasst. Die Organisation, falls sie konzipiert wird, ist nicht permanent, sondern etwas temporäres, deren Zweck einzig die Realisierung der Ziele ist, die zu Beginn festgelegt wurden. Wenn diese Ziele einmal erreicht wurden (oder nicht erreicht wurden, je nach dem), hat diese Organisation keinen Grund mehr, weiterzubestehen, und löst sich somit auf. Die Sorge um das Überleben der Organisation existiert nicht mehr. Diese Bewegung ist eher bereit, sich aufs Spiel zu setzen, ohne zu warten, da sie von den gegenwärtigen Bedingungen ausgeht, ohne auf die idealen Bedingungen zu warten, um darüber nachzudenken, wie die herrschende Lage der Dinge umgewälzt werden kann, und zu handeln.