Geschichte ist eine harte Nuss. Härter noch als die Gegenwart. Es ist nicht nur schwierig, ihr einen Platz und eine Bedeutung in unserem alltäglichen Leben einzuräumen oder so etwas wie Auslöser und Ursache bestimmter Geschehnisse oder bestimmter Ideen und Taten von Menschen zu definieren. Im Gegensatz zum Jetzt kommt noch dazu, dass man oft auf die Informationen und Überlieferungen irgendwelcher mehr oder weniger zuverlässigen Geschichtsschreiber zurückgreifen muss, die nur allzu oft im Dienste der einen oder anderen Autorität stehen. Die Tatsache, dass man in Schulbüchern und klassischen Werken von Historikern wenig bis nichts über Aufstände und Revolten findet, die nicht unter irgendeiner Parteifahne oder Organisation gelebt wurden, kann nichts als eine Bestätigung der heutigen Welt sein, die sämtliche selbstorganisierte und den Konflikt offen angehende Taten entweder als lächerlich oder kriminell verschreit. In diesem Sinne soll auch gesagt sein, dass ich niemals beabsichtige, und auch nicht daran interessiert bin, irgendwelche Geschehnisse der Geschichte oder der Gegenwart zu verherrlichen. Zum einen, weil dies eine passive, konsumierende und unkritische Haltung anpreisen würde, zum anderen, weil ich finde, dass alles, was um uns herum passiert, oder passiert ist, immer nur als eine Inspiration für eigenes Handeln aufgrund individueller Ideen dienen sollte. Womit wir wieder beim Beginn angekommen sind. Und somit bei der Frage nach Auslöser und Ursache gewisser Handlungen, wie man sie in den letzten Jahren, ganz konkret auch bei Aufständen in europäischen und andersweitigen Städten und Vierteln, schon so oft zu hören bekommen hat. Niemand wird dir erzählen können, was genau die Ursache dafür war. Am Wenigsten die Zeitungen und ihre sensationssüchtigen Aasgeier. Rein kollektive Symptome gibt es meiner Meinung nach nicht. Der Aufstand war damals und ist heute noch genauso eine Antwort, ein Mittel, um gegen spezifische Projekte und allgemeine, uns erdrückende, der Selbstbestimmung entraubende Zustände zu rebellieren. Es gilt also, sich umzusehen, mit offenen Augen und bepackt mit den eigenen Ideen, dem eigenen Wissen und den eigenen Erfahrungen, und zu sehen, wo die Wiedererkennung in den Handlungen von anderen Parallelen schlägt und wo nicht.

Und nun lasst uns in der Zeit zurückgehen, bis

irgendwann zu Beginn des 19. Jahrhunderts,

irgendwo in Europa…

…und mitten in eine äusserst unruhige Epoche.

Viele und grosse Veränderungen waren im Anmarsch, man konnte es riechen, fühlen in der Luft und sogar sehen in den Augen der Menschen. Schon vor vielen Jahren hatte man die ersten Gerüchte vernommen. Es wurde über grosse und schnelle, durch Wasserkraft angetriebene Maschinen gesprochen, welche die vergleichsweise langsame und quantitativ weniger ertragreiche Hand- und Heimarbeit ersetzen soll. Und man hörte von Orten, die sie Fabriken nannten, wo all jene Maschinen in Reih und Glied standen und Menschen hingehen mussten, um das Einzige zu verkaufen, woran die Bosse dieser Fabriken interessiert waren: ihre Körper und deren Möglichkeit, Arbeit zu leisten, so viel und so lange, wie man es ihnen befahl. Die Gerüchte blieben nicht ohne Wirkung. Die bürgerliche Klasse, also diejenigen, die am oberen Ende der sozialen Leiter standen oder über Geld und Mittel verfügten, denen aber durch das Fehlen von blauem Blut in den Adern der Zugang zu Regierungsmacht und dadurch auch zu wirklichem Einfluss auf politischer Ebene entsagt wurde, sahen plötzlich neue und rosige Zeiten auf sich zukommen. Durch die Veränderungen auf ökonomischer aber auch gesellschaftlicher Ebene rochen sie die Chance, die damalige Elite und deren Regeln durch sich und ihre eigenen, (wirtschaftlich-)liberalen Ideale auszutauschen.

Am anderen Ende der Leiter war Angst und Wut zu sehen. Jene Leute, die ihr Leben bisher als Bauern oder Heimarbeiter geführt und, so gut oder schlecht, wie es halt ging, für sich selbst gesorgt hatten, betrachteten die aufkommenden Veränderungen, zu Recht, mit Misstrauen. Ihr Zuhause, ihre gewisse Unabhängigkeit, das Umsetzen und Handhaben von eigenen Kenntnissen, kurz, das Leben, das sie sich bis zu jenem Punkt aufgebaut hatten, stand auf dem Spiel. Alles würde man ihnen entreissen, und ihnen statt dessen ein Dasein als Arbeiter, namenlos und wertlos, an einem dunklen und stinkenden Ort auftischen.

Aber, wie schon gesagt, die Zeiten waren unruhig. Und trotz des Elends, der Entbehrung und der blutigen Spur, die das Aufkommen des Kapitalismus durch die Leben von Millionen von Menschen zog, sind sich an eben so vielen Orten der Welt viele unter ihnen ihrer eigenen Kraft und der Möglichkeit, sich zu widersetzen, bewusst geworden. Zerknitterte Flügel entfalteten sich…

Während sich die Industrie in anderen Ländern Europa‘s schon gegen Ende des 18. Jh. einen festen Platz in Land und Leben der verschiedenen Gesellschaften zu erobern begann und gleichzeitig viele Menschen von der Erfahrung der Revolte und des Aufstands dagegen geprägt wurden, vollzog sich das Ganze in der kleinen Schweiz ein bisschen langsamer. Aber verschont blieb sie natürlich nicht davon und schlussendlich wurden auch die Leute hier von der grossen Welle eingeholt. Diese Zeit, das Jahr 1832, um genau zu sein, lieferte den Nährboden für eine der grösseren gekannten Revolten gegen den einmarschierenden Kapitalismus in der Schweiz.

Wir setzen Fuss auf den dazumals noch grünen Hügeln rund um Uster, ein Städtchen ausserhalb von Zürich. In dieser Umgebung lebten viele vom Weben und Verkaufen von Stoffen. Aber diese Region im Osten des Landes war auch reichlich von Flüssen und anderen Gewässern durchzogen, und dadurch ein anziehender Ort für die Fabrikanten. Einer von diesen, das Geschäft der Ausbeutung betreibenden Herren war Corrodi. Er hatte dort am Kanal, unterhalb vom Wald von Uster gelegen, zusammen mit einem anderen Mann namens Pfister eine Weberei-Fabrik gebaut, mit Schmiede und Scheune nebenan. Die Hand- und Heimarbeiter der Umgebung wussten nur zu gut, welche Konsequenzen die Anwesenheit und das Bestehen dieser Männer und ihrer Maschinen auf ihre Leben haben würde. Also entschieden sie sich, zusammenzukommen und eine Lösung für das Problem zu suchen. Inzwischen hatte sich der November bereits ins Land geschlichen. Am 22. des Monats wurde im Zentrum von Uster getanzt und gefeiert. Man gedachte dem Tag zwei Jahre zuvor, als die konservative Regierung (unter der Verwaltung der Stadt Zürich), mit Hilfe des massenhaften Auftretens von Kleinfabrikanten und Heimarbeitern der Umgebung, in einen neuen liberalen Grossrat verwandelt wurde. Teil der Abmachung mit den liberalen Bürgerlichen war, dass die neue Führung im Gegenzug dafür sorgen würde, dass ein Verbot für Webmaschinen ausgesprochen wird. Was natürlich nie passierte, und dazu führte, dass viele, die es bis dahin noch nicht begriffen hatten, spätestens dann etwas wichtiges lernten: nämlich, dass man Politikern nicht vertrauen sollte und vor allem, dass man sie auch nicht nötig hat. Dass man die Dinge besser selber in die Hand nimmt.

So begaben sich an jenem besagten Tag viele bereits früh Morgens durch den Wald zum Kanal, wo die neue Fabrik stand. Sie taten das in Gruppen von 10, 20 Leuten. Die Besitzer hatten anscheinend Wind davon bekommen und standen dort bereits, zusammen mit drei Mitgliedern des Regierungsrates, um die Fabrik zu bewachen. Mehrere Männer riefen ihnen zu, dass die Maschinen ihnen nur Unglück brächten und daher kaputt gemacht werden müssen. Die Politiker versuchten, zu diskutieren, und wiesen sie auf den gesetzlichen Weg der Petition hin. Aber diese aufgebrachten Menschen waren nicht gekommen, um zu diskutieren. „Petitionen? Petitionen sind nutzlos. Wir werden dafür sorgen, dass die Webmaschinen nicht Fuss fassen! Wenn die Regierung nicht helfen will, muss man sich eben selber helfen. Und auch wenn ihr von der Regierung wäret, wir würden euch nichts fragen. Wir sind Meister und die Maschinen müssen weg!“ Die Menge wuchs beständig an. „Das Fest in Uster?“, rief ein Anderer, „Das werden wir nicht stören. Es kümmert uns nicht, was dort vorgeht. Hier ist es, wo Hand angelegt werden muss!“ In diesem Moment kam eine neue kleine Gruppe angelaufen. 6-8 Männer, pfeifend und jauchzend, mit Bündeln von Reis und Stroh über den Schultern, und hinter ihnen noch eine weitere, grössere Gruppe. „Hiermit muss die Fabrik verbrannt werden!“, riefen sie. Es herrschte allgemeine Freude und Ausgelassenheit. Und schon warf jemand aus der Menge einen Stein durch ein Fenster im Hauptgebäude der Fabrik. Einer der Bewacher versuchte, den Täter noch aufzuhalten, aber das Signal war bereits gegeben. Alles, was den Leuten gerade in die Finger kam, wurde als Wurfgeschoss benutzt. Ein älterer Mann viel dadurch auf, dass er mit besonders viel Herzblut und Raserei seine Zerstörungswut herausliess. Als nun Fierz, einer der Politiker, auf ihn einzureden versuchte, darauf hinweisend, dass er damit sich und seinen Haushalt ins Unglück stürze, und dass man von einem Mann in seinem Alter doch Ruhe und Besinnung erwarten sollte, antwortete er: „Ich weiss, was ich hier tue. Ich bin jetzt 51 Jahre alt und habe Frau und Kind, und zerstört und verbrannt muss diese Fabrik sein. Und wenn es nicht passiert, solange ihr hier seid, so muss es doch geschehen. Wir können länger warten als ihr!“ Ein anderer kam mit einem Stück Holz angerannt und drohte dem Politiker damit, ihn niederzuschlagen, falls er die Leute an ihrem Tun zu hindern versuche. Das Einwerfen der Fenster war noch nicht vorbei, als bereits mehrere Leute anfingen, Stroh- und Reisbündel durch die kaputten Scheiben hineinzuschieben und anzuzünden. Und als das mitgebrachte Brennmaterial ausging, holte man sich Nachschub aus der Scheune des Eigentümers. Die Bewacher eilten von der einen Seite zur anderen und versuchten, die endgültige Zerstörung der Fabrik zu verhindern. Aber die Stärke war auf Seiten der Aufständischen. Dieser Moment schien für einige gelegen, um den Herren Politikern und Besitzern einmal gehörig auf die Nase zu klopfen. Wenig später brachen schon die ersten Flammen aus den beiden Seitenfenstern des Gebäudes. Viele waren durch die kaputtgeschlagenen Fenster und Türen ins Innere der Fabrik eingedrungen und beschäftigten sich nun damit, die Maschinen teils zu zerstören und teils in den Fluss zu werfen. Andere brachen in die Schmiedewerkstatt ein, holten sich dort glühende Eisenstangen heraus und verteilten damit das Feuer in allen Teilen der Fabrik. Bald brachen die Flammen an vielen Punkten zugleich heraus. Die Tat war vollbracht.