Titel: Manifest der tschechischen Anarchisten
Datum: 1896
Quelle: Scan aus: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit Nr. 15; Fernwald (Annerod), Germinal Verlag, 1998
Bemerkungen: Antonin P. Kalina, Manifest anarchistŭ ćeských (Manifest der tschechischen Anarchisten), in: Volný, duch (Der Freie Geist), 1-2/1896 (2. Jg.), S. 9-11 und Komuna 45/1907 (1. Jg.), S. 2-4.

Von der tschechischen Sozialdemokratie sowohl durch Beschlüsse als auch durch das Verhalten ihrer Anhänger uns gegenüber aus ihrer politischen Organisation verstoßen, stellen wir uns neben diese als ein selbständiger Strom, mit eigenen und von ihr verschiedenen Grundsätzen.

Die Notwendigkeit eines eigenständigen Auftretens hat ihren Ursprung auch in den Beschlüssen der internationalen Arbeiterkongresse, mit denen alle Arbeiterorganisationen, die den Grundsatz des Kampfes zur Erreichung politischer Macht des Proletariats im Staate nicht anerkennen und diesem widersprechen, ausgeschlossen wurden. Vor allem haben uns jedoch die Unterschiede der Bemühungen und die unserer Ansicht nach ungeeignete sozialdemokratische Taktik, in welcher wir den Vorboten des Stillstands auf einer bloßen kleinbürgerlichen Reformpolitik sehen, zu diesem Schritt gezwungen.

Wir sind davon überzeugt, daß die politische Organisierung des Proletariats im Staat das Proletariat nicht aus der erniedrigenden wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Kapitalismus und aus dem widerlichen sklavischen Verhältnis, in welchem sich dieses heute gegenüber der Autorität von Regierung und Staat befindet, befreit, sind doch die politischen Rechte nichts anderes als ein Sicherheitsventil, mit Hilfe dessen die Inhaber der wirtschaftlichen Macht die Unzufriedenheit der Massen mit ihrer ungerechten Ausbeutungswirtschaft korrigieren. Und immer wenn das Proletariat versucht, seine politischen Rechte oder sogenannten Freiheiten für seine Klasseninteressen zu nutzen, wenden die Inhaber der wirtschaftlichen Macht staatliche Autorität und außerordentliche Maßnahmen an; deshalb sind wir der festen Gewißheit, daß die Emanzipation der Enterbten, sofern die heutige Wirtschaftsordnung bestehen bleibt, nicht erreicht werden kann und daß die politischen Aktionen der Sozialdemokratie nur die überflüssige und schädliche Illusion einer Möglichkeit der Klassenemanzipation des Proletariats durch Nutzung und Forderung politischer Rechte weckt.

Sofern der heutige auf der durch Macht legalisierten Autorität sowie auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln und Naturgütern basierende gesellschaftliche Zustand anhält, wollen wir die Meinungsfreiheit, Freiheit der Presse und die Versammlungsfreiheit nutzen; sich jedoch zum Zwecke der Erreichung dieser Mittel zu organisieren – was dann möglich ist, wenn diese gegen die Inhaber der Macht angewendet werden –, nur um diese zu benutzen, ist eine unfruchtbare Arbeit und es ist schade um die Bemühungen, die Zeit und das Geld, die der Proletarier hier aufwendet.

Außerdem droht dem Proletariat die Gefahr, daß die politischen Aktionen der Sozialdemokratie es um jede individuelle Freiheit bringen, indem sie der Autorität des heutigen Staates und des Kapitalismus die Idee des sozialistischen kollektivistischen Staates gegenüberstellen, um so die aus den heutigen Verhältnissen hervorgehende wirtschaftliche, politische und kulturelle Abhängigkeit gegen eine erniedrigende individuelle Abhängigkeit vom sozialistischen Staat auszutauschen.

In der Forderung nach dem allgemeinen Wahlrecht und auch in den bereits erwähnten sozialstaatlichen Bemühungen der Sozialdemokratie sehen wir eine Abstumpfung der revolutionären Bemühungen des Proletariats, die zu einem blinden Vertrauen in den unfruchtbaren Parlamentarismus führt; wir lehnen den Kampf zur Erreichung dieses Wahlrechts als ungeeignetes Mittel ab, da er die Individualität, das Selbstbewußtsein und die Selbständigkeit des Einzelnen verwischt. Wir werden uns in gewerkschaftlichen Organisationen darum bemühen, daß die schmalbrüstigen Anstrengungen, zwecks Erzielung besserer Arbeits- und Lohnbedingungen zu einer Übereinstimmung zwischen Kapital und Arbeit zu gelangen, außer acht gelassen werden und daß an deren Stelle der Grundsatz einer vollständigen Befreiung der Arbeit vom Kapital sowie Bemühungen um eine selbständige Leitung der Produktion und um Veränderungen von seiten der Arbeiterschaft treten. Ansonsten begrüßen wir die gewerkschaftliche Organisation als Festigung der Klassensolidarität. Wir werden uns bemühen, die Masse als bewußte Masse zu organisieren. Wir ziehen eine Organisation, die aus der Erkenntnis der Notwendigkeit der Erreichung bestimmter Ziele heraus erwachsen ist, einer organisierten Herde von Wählern vor, die von politischen Schwätzern für persönliche und demagogische Zwecke geführt und mißbraucht wird; Schwätzern, die immer nur mit dem Strom schwimmen und Konzessionen an die Unwissenheit machen, nur damit sie um jeden Preis viele – wohl auch leere – Köpfe zählen können.

Trotz allerlei Behauptungen und Vorwürfen umsichtiger Erlöser der Menschheit, daß unsere Bemühung um Verwirklichung unserer Grundsätze übereilt ist und daß man mit den Verhältnissen zu rechnen habe und so weiter, was bedeutet, sich der allgemeinen Kopf- und Geistlosigkeit anzupassen, konzentrieren wir alle unsere geistigen Kräfte und unseren Willen auf die Durchführung unserer das Leben erneuernden Grundsätze. In kultureller Hinsicht werden wir für die Befreiung von Wissenschaft, Lehre und Kunst von ihrer kapitalistischen Abhängigkeit arbeiten, die für diese ebenso verderblich ist wie für die Arbeit, so daß sie sich bemühen, den Interessen der Kapitalisten zu dienen und nicht, wie es sein sollte, sich selbst.

[Der folgende Teil des Manifests wurde ursprünglich von der Zensur gestrichen:]

In den Kapitalisten der gesamten Welt sehen wir Parasiten, die von der Arbeit und Kultur der Menschheit zehren und leben. Deshalb arbeiten wir für die Befreiung des Volkes, für die Befreiung jedes Einzelnen, damit das Ergebnis ihrer Arbeit und Anstrengung, der materielle und kulturelle Reichtum, nur ihnen zugute kommt.

Was die Erziehung betrifft, so erkennen wir die Notwendigkeit an, auf die Bildung starker, ungebrochener Charaktere, auf die individuelle Selbständigkeit einzuwirken, um so die Möglichkeit einer Abhängigkeit von Autoritäten, deren Ursache die seelische Schwäche der Unterdrückten ist, einzuschränken.

Freiheit sehen wir nur dort, wo es keine Autorität gibt – in der Anarchie; wir sind der Ansicht, daß weder Völker noch der Einzelne in dieser untergehen. Im Gegenteil, sie gehen heute unter, in der legalisierten Unterdrückung. Für uns ist deshalb weder der Kollektivismus noch der staatliche Kommunismus, den die Sozialdemokratie zum Ziel haben, ein Ausgangspunkt für die Freiheit, und ebenso wie wir Aktivitäten verwerfen, die auf ihre Herbeiführung gerichtet sind, so verwerfen wir diese auch aus der Überzeugung heraus, daß sie zur Unterdrückung und Verwischung jeder individuellen Freiheit führen, die wir als einzigen Impuls des Lebens ansehen.

Die Äußerung unserer Grundsätze ist kurz und knapp; da wir der Überzeugung sind, daß im Verhältnis zwischen den Enterbten und den Wohlhabenden keine dauerhafte und wünschenswerte Besserung erzielt werden wird, arbeiten wir für eine Änderung der heutigen Gesellschaftsordnung als einzigem Mittel zur Einführung sozialer Freiheit und Gleichheit – wovon wir niemals zurückweichen werden.

I. Die Rechtsnormen des Privateigentums an Naturgütern und Produktionsmitteln historisch nicht anerkennend, hauptsächlich jedoch aus dem Grunde, weil diese Mittel zur wirtschaftlichen Ausbeutung und sozialen Verachtung der Mittellosen sind, wirken wir darauf hin, daß Naturgüter und Produktionsmittel niemandem gehören und jedem Einzelnen zur Verfügung stehen sollen, damit jeder Einzelne sich die notwendigen Mittel zu seiner Existenz durch eigene Arbeit beschaffen kann. Wir sind für die freie Bildung von Gruppen nach freier Neigung in freien Gemeinschaften – zum Zwecke einer leichteren Erreichung von Zielen und Bedürfnissen, für welche die Kräfte des Einzelnen nicht reichen, oder bei denen sich aus dem Zusammenschluß Einzelner für diese besondere moralische oder materielle Vorteile ergeben –, denn wir sind der Überzeugung, daß kein Einklang zwischen Menschen eintreten kann, wenn diese zwangsweise aneinander gebunden sind, insbesondere, wenn die betroffenen Charaktere nicht zueinander passen.

II. In der Erkenntnis und Überzeugung, daß die Regierungen und der Staat zu den wichtigsten Faktoren gehören, welche die Ausbeutung der Enterbten durch die Wohlhabenden gegen die Grundsätze gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Freiheit und Gleichheit möglich machen und absichern, erkennen wir die Notwendigkeit einer Änderung dieser Ordnung an und wollen ihre Bedeutung, Vollmacht und ausübende Gewalt gegenüber dem Einzelnen durch Anwendung der Grundsätze der Selbstverwaltung reduzieren und so die absolute Anarchie erzielen.

III. Unumstößlich davon überzeugt, daß die Emanzipation des Proletariats, eine kulturell und wirtschaftlich gerechte Entwicklung der Menschheit, ohne Verwirklichung der ersten beiden Grundsätze (I. und II.) absolut unmöglich ist, wollen wir unseren radikalen Bemühungen auf radikale Weise zum Leben verhelfen, wobei wir auf die Erziehung des Proletariats zur Herausbildung von selbständig denkenden, energischen und kraftvollen Individuen einwirken, da wir davon überzeugt sind, daß die geistige Revolution, die in der Änderung des Empfindens, des Denkens und des Charakters der Revoltierenden besteht, eine notwendige Bedingung der materiellen Revolution darstellt.

Wir sind keine revolutionären Romantiker, aber auch keine täglich zu Mittag speisenden Spießbürger, deren Überzeugungen und Grundsätze ein dankbarer Stoff für bequeme Diskussionen sind. Für uns ist die Revolution nichts als Arbeit und nochmals Arbeit zugunsten des sozialen Ausgleichs. Die Revolution soll eine Lehre der Notwendigkeit sein und nicht der nackten und bloßen Gewalt.

Wir wissen sehr wohl, daß uns auch Mitschuld an den Attentaten unseres Jahrhunderts zugeschrieben wird, aber wir gehören nicht zu denjenigen, welche die armseligen Opfer der Verzweiflung über die schreiende gesellschaftliche Ungerechtigkeit verurteilen würden, haben doch diese ihren Ursprung in den schroffen Widersprüchen der Gesetzeswidrigkeit und der Rechtlosigkeit im Leben der einzelnen gesellschaftlichen Klassen.

Wir erkennen – wie sich von selbst versteht – weder Privilegien der Nation noch der Rasse und um so weniger Privilegien der Abstammung oder des Geschlechts an und arbeiten ohne Rücksicht auf Staats- und Volksgrenzen oder auf Regierungsinteressen auf dem Feld der internationalen wirtschaftlichen und kulturellen Annäherung der gesamten Menschheit, in der Erkenntnis, daß wir nur so zu unserem eigenen Gunsten Gutes tun.

IV. Wir stellen uns außerhalb jeder Religionslehre, wir ziehen keine dieser Lehren vor, bemüht sich doch jede dieser Lehren um Erhaltung konservativer und reaktionärer moralischer und gesellschaftlicher Ansichten und stellt das Gegenteil der individuellen Abgrenzung dar.

Wir besitzen kein erklärtes Programm, insbesondere kein politisches Programm, wir versuchen nur, Freiheit und Befreiung vom kapitalistischen Joch zu erreichen.

Wir sehen und fühlen es als unsere Pflicht, dies ohne Appell zu sagen und fordern dabei einzig und allein Verständnis...