Warum kein Campus in Berlin-Kreuzberg?

      Anti-Google-Café face2face

      Lärm gegen Google

      Kiezpräsenz

      Die Tat

      Whitewashing

      Über die Tiefe

      Was bleibt

Es wird erst einmal keinen Google-Campus in Berlin-Kreuzberg geben. Obwohl Google weiterhin weltweit daran arbeitet, jedes Leben zu infiltrieren und alle soziale Fragen zu technologisieren, ist die Verhinderung des Campus ein kleiner Erfolg, ein Nadelstich gegen eine der mächtigsten Strukturen der Welt. Das kann Mut machen für viele Menschen, sich zu wehren, sich nicht einfach alles gefallen zu lassen - mag so etwas wie Google noch so allmächtig erscheinen. Doch ein Nadelstich ist kein Dolchstoß und selbst ein Dolchstoß verwirft nicht alle Herrschaftsverhältnisse.

In diesem Text wird im folgenden näher auf diejenigen Initiativen eingegangen, die die Idee des informellen selbstbestimmten Handelns als Grundlage hatten. Dies ist ein Ertasten von Momenten der Qualität dieses Kampfes aus herrschaftsfeindlicher Perspektive.


Warum kein Campus in Berlin-Kreuzberg?

Um sich auf die Suche zu begeben, warum Google das Projekt abgesagt hat und welche herrschaftskritischen Momente dieser Kampf hatte, ist es wichtig zu schauen, was passiert ist in zweieinhalb Jahren Kampf gegen den Google-Campus in Berlin.

Nachdem es 2016 Pressemeldungen gab, dass Google einen Start-Up-Campus in Kreuzberg eröffnen will, tauchten sehr schnell Plakate, Flyer und Graffitis dazu aus anarchistischer Perspektive auf. Sie forderten einen informellen Kampf auf selbstorganisierter Basis, aus individueller Initiative und ohne Vertretertum. Bald wurde eingeladen zum Anti-Google-Café face2face in der anarchistischen Bibliothek Kalabal!k, ein offener Raum für alle, die nicht-reformistisch kämpfen wollen. Dazu später mehr. Es gab Veranstaltungen und Diskussionen, auf denen viele verschiedene Menschen zusammen kamen. Bei der ersten öffentlichen Diskussion dazu tauchten Zettelchen auf, die im Anschluss zu einer unangemeldeten Demonstration zum Umspannwerk aufriefen, was dann auch gemacht wurde. Die Texte und Plakate, die es bis dahin gab, waren sehr kompromisslos, sie bezogen sich auf allgemeine Herrschaftsverhältnisse, eine Technologiekritik und die Idee der Selbstorganisation. Sie trugen keinen Gruppennamen, keine festgeschriebene Identität und fokussierten eine Kritik der technologischen Herrschaft. Andere Gruppen entstanden, da anscheinend klar wurde, dass es in manchem wohl keine Gemeinsamkeiten gibt. So gab es bald ein linksradikales Bündnis, ein eher reformistisches (Nachbarschafts-)Bündnis, es gab rege Aktivitäten im Internet und es gab informelle Gruppen, die in ihren Bezügen ihre Dinge machten. Diese Spaltung von Anfang an war eine große Stärke dieses Kampfes. Es war nicht notwendig, sich auf einen gemeinsamen Nenner zu einigen und alle unter dieses Diktat zu zwängen. Alle konnten auf ihre Art und Weise handeln, was sich auch inhaltlich und in der Methodik klar bemerkbar machte. Denn auch die Ziele waren unterschiedlich. Während manche den Campus und Verdrängung verhindern wollten, forderten andere die Abschaffung des Kapitalismus, während andere wiederum Revolte, Revolution und Aufstand und auch die Methodiken dorthin als eigentliches Ziel definierten.

Diese Breite, aber auch eine gewisse Diffusität, dürften zur Verhinderung des Campus beigetragen haben. Da viele Texte, Treffen, Lärmstunden, Poster etc. keiner Gruppe zugeordnet werden konnten, war es oft recht unklar, von wem was denn nun kam. Verschiedene kleine Projektchen der jeweils Interessierten ließen das Feld unüberschaubar werden.

Die Imagebeschmutzung der zweieinhalb Jahre zuvor hat also funktioniert. Die Thematisierung von Aufwertung und Verdrängung, sowie eine Technologiekritik der Kontrolle und Herrschaft, waren im Kiez und darüber hinaus präsent. Securities vor dem Umspannwerk, eine latent feindliche Umgebung und die Gefahr von Angriffen passen nicht zum weltoffenen sozialen Image des Konzerns.

Um die Kraft dieser Feindlichkeit zu verstehen, ist es notwendig den Blick auf Google und dessen Produkte zu richten. Die Produkte von Facebook, Google, Amazon & Co sind rundum gut für dich, erleichtern dir das Leben und sind deine besten Freund*innen oder die Ermöglichung „Freund*innen“ zu haben. Sie lassen dich alles finden, dich zurechtkommen, deine Interessen vertiefen und ermöglichen dir angeblich ein soziales Leben. Dies sind Instrumente, die tief in das soziale Leben eingreifen, sie werden für viele Menschen essentiell. Gleichzeitig müssen sie immer positiv, bereichernd, praktisch, erleichternd, neu und effizient sein. Diese angeblich moralische Korrektheit, das Gute, das Persönliche, stehen im Gegensatz zu Angriff, Unversöhnlichkeit, Securities und offener Feindschaft. Ich denke das ist es, was Google am meisten getroffen hat: das unaufhörliche grundsätzlich unversöhnliche Kratzen am Image des Beste-Freundin-Konzerns (Weiteres zu Google in: „Und die Welt werde Google“ zu finden in der Kalabal!k oder bei anarchistischebibliothek.org).


Anti-Google-Café face2face

Ein wichtiger Bezugs- und Treffpunkt war das Anti-Google-Café face2face. Es wurde offen auf Plakaten, Flyern, Zeitungen und in Veranstaltungskalendern dazu eingeladen, auf eine Webpräsenz, E-Maillisten oder ähnliches wurde verzichtet. Das Café war offen für Menschen, die nicht-reformistisch, selbstbestimmt in Eigeninitiative und ohne Appell oder Verhandlung mit Staat und Verantwortlichen gegen den Campus kämpfen wollten. Es wurde als Raum der Begegnung und Koordination verstanden, nicht als politische Gruppe oder ähnlichem. Dadurch konnte niemand in dessen Namen reden und niemand musste die anderen um Erlaubnis fragen oder einen Konsens herstellen, um eine Idee umzusetzen. So gab es manche Vorschläge, die gemeinsam diskutiert und manchmal auch umgesetzt wurden, zu anderen verabredeten sich die jeweiligen Personen, die bestimmte Projekte gerne teilen wollten. Das ermöglichte ein Experimentieren und eine Entfaltung individueller wie auch kollektiver Ideen, die dann oft an anderer Stelle fortgeführt wurden.

Da das Café über weite Zeiträume die einzige kontinuierliche offene Einladung zum Zusammenkommen gegen den Google-Campus war, tauchten oft auch Journalist*innen auf. Sie kamen, um das Treffen zu konsumieren, was der Idee der individuellen Initiative entgegensteht. Nach einer Erklärung wurden sie immer sofort raus geschmissen, wobei sich manche mit ihnen als Individuen verabredeten, während andere die Zusammenarbeit mit der Presse grundsätzlich ablehnten und forderten sich selbst zu überlegen, wie wir mit unserer Umwelt kommunizieren können. Das Café aber war immer ein Ort für Menschen, die selbst kämpfen wollen.

Natürlich kamen mal mehr, mal weniger Leute und es gab mal sehr gute tief gehende Diskussionen und Koordinierungen und manchmal passierte (fast) nichts oder es war auch mal nur schrecklich. Auch die Selbstorganisierung hat mal besser, mal schlechter funktioniert. Auf jeden Fall war es wichtig, dass manche kontinuierlich da waren, denn viele Diskussionen tauchten immer wieder auf. Das war teilweise sehr beeindruckend, wie manche von den Inhalten inspiriert wurden, aber manchmal auch sehr anstrengend, ähnliche Diskussionen immer wieder führen zu müssen. Das ist ein Dilemma einer kontinuierlichen offenen Einladung: Manche führen Diskussionen über einen längeren Zeitraum fort, während manche „neue“ vielleicht erst einmal vor den Kopf gestoßen werden und grundsätzliches besprechen wollen oder einfach viele Fragen haben. Anstrengend, nicht immer Effizient, aber auch bereichernd und ständige neue Erkenntnisse bringend für alle Beteiligten.

Auf jeden Fall sind im Café Beziehungen gewachsen und viele Menschen haben sich und ihre Ideen kennengelernt und so manche*r hat für sich Neues entdeckt. Dieser offene Ort war extrem wichtig, um der Gefahr der eigenen Isolation und der Entfremdung von der eigenen Umgebung entgegen zu wirken, aber trotzdem informell, also ohne formelle Strukturen auf Basis der Affinität, zu agieren. Außerdem konnten sich diffuse Praktiken entwickeln, in denen sich einzelne Ideen ausdrücken konnten und die nicht unbedingt auf dem Café, sondern auf den dort entstandenen Beziehungen fußten.

Nach dem Ende des Campus trifft sich das Post-Google-Café weiterhin, das Wirken an diesem Ort des Zusammenkommens gegen die technologische Herrschaft geht also weiter.


Lärm gegen Google

Anfang 2018 tauchten Plakate in den Straßen rund um das Umspannwerk auf, worauf zu „Lärm gegen Google“ jeden 1. Freitag im Monat aufgerufen wurde. Entgegen der sonstigen Berliner Gewohnheiten wurde nichts angemeldet, also nicht um Erlaubnis gebettelt. Die Cops wussten Anfangs nicht so wirklich wie sie vorgehen sollten, gab es doch keine Gruppe oder Organisation die dazu aufgerufen hatte, gab es keine*n Anmelder*in, gab es keine Redner*innen, waren viele der Anwesenden keiner Szene zuzuordnen. Nach ein paar Kundgebungen versuchten die Bullen immer alle auf der gegenüberliegenden Straßenseite an einen Punkt zu pferchen und durchgehend ab zu filmen. In der Folge wurde auf den Plakaten zur Dezentralisierung aufgerufen.

Obwohl die Reproduzierbarkeit des Mittels Lärm sehr einfach ist, die meisten Nachbar*innen davon wussten und viele eine klare Abneigung gegen den Campus hatten, war die Anzahl derer die kamen meist überschaubar. Gründe könnten sein, dass für niemanden klar einzuordnen war, wer denn nun dazu aufrief, und anstatt die Aktion zur eigenen zu machen, blieb es oft auch bei Lippenbekenntnissen. Außerdem könnte die klare Ansage des nicht-Anmeldens oder auch die Repression durch die Bullen ein Grund sein. Aber auch ein Grundgedanke, dass diese Form des Ausdrucks das eigene Handeln benötigt, könnte abschrecken, für andere wiederum bestärkend sein. Es war nicht das Ziel, möglichst viele Leute zu werden, auch wenn es wichtig ist, dass sich viele ausdrücken. Die Qualität des nicht-um-erlaubnis-fragens oder der eigenen Initiative waren immer sehr wichtig. Also die Selbstbestimmung und Selbstermächtigung als Ziel und Methode zugleich, als konkreter Gegensatz zu Herrschaft und Fremdbestimmung.

Trotzdem wurde immer weiter Lärm gemacht, Banner hochgehalten und eine Menge Flyer an Vorbeilaufende verteilt. Es gab auch immer wieder begleitende Experimente, wie Versuche auch auf der Straße zu laufen, Feuerwerk in der Umgebung und aufs Gebäude, große Banner und Wurfzettel vom Dach in der ganzen Straße oder Lärm von Booten aus auf dem angrenzenden Kanal oder viele Banner überall im Kiez am Tag davor. Bei einem Versuch sich die Straße zu nehmen gab es anschließend eine Hetzjagd der Bullen durch den Kiez, wobei eine Person festgenommen wurde. Ein paar Tage später tauchten unversöhnliche Plakate auf, die das thematisierten.

Der Lärm hätte wesentlich mehr kommunizieren können, wenn er dezentraler, verstreuter und mehr in Bewegung gewesen wäre. Es stellt sich hier auch die Frage, will ich das Gebäude anlärmen oder mit der Umgebung kommunizieren? Zwar geht etwas von einem „wir-Gefühl“ verloren, verstreuter Lärm und auch noch mehr Experimente mit anderen Methoden und Mitteln in der Lärmstunde hätten außerdem den später klar kontrollierten Rahmen der Bullen sprengen können.

Auch nach den Campus-Plänen gingen die Lärmstunden weiter, so beispielsweise durch den Kiez laufend bis zur alten Post, wo die Samwer-Brüder unter anderem Firmen zur Förderung der Blockchain-Technologie ansiedeln oder bei der Eröffnung des Google-Büros in Berlin-Mitte.


Kiezpräsenz

Im ganzen Kiez und den angrenzenden Gebieten gab es kontinuierlich Plakate, Zeitungen, Graffitis und Flyer. Diese massive Präsenz machte den Campus andauernd zum Thema. Thematisch bezog sich diese Kommunikation meist auf eine Kritik technologischer Herrschaft, während sich die formellen Bündnisse und Gruppen meist auf Verdrängung und manchmal auch eine Kapitalismuskritik bezogen.

So waren viele Plakate ohne Gruppennamen, oft ohne identitäre Symbole und legten einen Fokus auf die eigentliche Aussage. Es ist nicht überprüfbar, aber in Gesprächen beim Flyerverteilen auf der Straße wurde klar, dass die Kritik an Kontrolle und Technologisierung auch wahrgenommen wurde und nicht nur die Angst vor Mieterhöhungen. Auch war eine breite Ablehnung des Campus im Kiez spürbar. Es ist öfter passiert, dass sich Leute bei einem bedankten fürs Kämpfen gegen den Campus oder sagten wie wichtig das sei, wenn man ihnen einen Flyer dazu in die Hand drückte. Die Umsetzung der eigenen Unzufriedenheit in Taten war angesichts von tausenden Anwohner*innen jedoch eher gering, aber trotzdem oft nicht weniger intensiv.

Die Kommunikation konzentrierte sich total auf die direkte Umgebung und nicht auf „Szene-Orte“ und viele Flyer und Plakate waren kompromisslos aber möglichst verständlich geschrieben. Alle Initiativen hatten eigene Broschüren zum Thema, die zu tausenden verteilt wurden.

Außerdem wurden drei Ausgaben der anarchistischen Zeitung „Shitstorm“ in 8000er-Auflage im Kiez in die Briefkästen gesteckt und in Läden und Kneipen ausgelegt. Die Zeitung versuchte eine Kritik an Herrschaft und Technologisierung am konkreten Projekt Google-Campus zu vertiefen und Anstöße für selbstbestimmtes Handeln vorzuschlagen (Gibt es in der Kalabal!k oder einige Artikel unter anarchistischebibliothek.org).

Weiter gab es angemeldete Kundgebungen und Demonstrationen der Bündnisse gegen den Campus. Die Beteiligung war für Berlin wohl eher gering und verließen nie den legalistischen Rahmen. Auch hier verwundert es wieder, wie wenig aktive Beteiligung von Linken und Linksradikalen zu spüren war.

Bei einer Podiumsdiskussion gegen den Google-Campus saß unter anderem eine Linken-Politikerin mit auf der Bühne. Mal abgesehen davon, dass sich Podiumsdiskussionen meist mit dem Konsum statt dem eigenen Handeln begnügen, steht die Politik selbst im Gegensatz zu jeder Freiheit, da sie für andere entscheidet und fremdbestimmt. Einige Menschen nahmen dies zum Anlass, stürmten die Bühne mit einem Banner („Poltical solutions are never smart“), und verlasen einen Flyer der sich feindlich gegen jede Politik stellte. Viele applaudierten. Diese Aktion machte auch Differenzen zwischen den Akteur*innen im Anti-Google-Kampf notwendig klarer, sie machte eine Verbindung auf zwischen verschiedenen Akteuren der Herrschaft, sie beinhaltete das Ziel der Selbstbestimmung statt Vertretung durch die Politik. Ein paar Wochen später veröffentlichten die formellen Initiativen gemeinsam ein Schreiben, in dem sie Zusammenarbeit mit Google und auch der Politik ablehnten.


Die Tat

Neben internationaler Presse gab es von manchen auch den Versuch, die Thematik über teilweise eigene Kanäle im Netz zu verbreiten. So gab es unter anderem ein Wiki „fuckoffgoogle.de“, eine alternative Suchmaschine „search.fuckoffgoogle.net“ und eine Menge Twitter-Tweets. Der Hashtag #GoogleCampus ist seitdem bestimmt von den Auseinandersetzungen gegen Google. Auch wenn dies nicht von allen Beteiligten die Wahl der Mittel waren und umstritten war, welche Qualität Kurznachrichten oder überhaupt die Nutzung digitaler Medien haben, wurde eine vehemente Online-Präsenz des Konfliktes geschaffen. Sicherlich hat dies auch den Druck auf Google erhöht und auf fuckoffgoogle.de konnten eigene Inhalte, Aufrufe und Termine veröffentlicht werden.

Was dies bewirkt hat, ist schwer zu sagen. Eine stärkere internationale Wahrnehmung wurde bestimmt damit erreicht und vielleicht auch manche, die deshalb zum face2face-Café gekommen sind, um sich offline zu treffen.

Immer wieder gab es direkte Aktionen, die sich auf den Kampf gegen den Campus bezogen. Das Umspannwerk wurde mehrmals teils massiv besprüht und bemalt, einmal brannte im Hof eine Mülltonne. Mit Farbe und Steinen wurden mit Bezug auf den Campus Start-Up-Standorte, Zalando und der factory-Campus in Mitte angegangen. In Schreiben zum Abfackeln von Fahrzeugen der Telekom, Amazon und Deutsche Bahn sowie eines Vodafone-Funkmastes und auch der Zerstörung eines wichtigen Internet-Knotenpunktes wird auf den technologischen Angriff und auch auf den Kampf gegen den Google-Campus verwiesen. Nach der Absage Googles einen Campus aufzubauen, wurden beim neuen Firmensitz Googles in Berlin-Mitte Scheiben zerstört.

Dies sind Aktionen, die klar sichtbar waren oder zu denen Bekenner*innenschreiben existieren. Wer weiß, was sonst noch manche für sich entschieden und umgesetzt haben…

Im September 2018 gab es eine Besetzung der Campus-Baustelle. In der Umgebung wurden Flyer verteilt, die lediglich zwei Forderungen ausdrückte: Dass es keinen Campus geben sollte und dass die Räume für eine Nachbarschaftsversammlung zur Verfügung gestellt werden sollten. Bevor die Bullen räumen konnten, starteten die nun Eingeschlossen einen Ausbruch und fast alle konnten sich verziehen. Die Arbeiter*innen hatten früher Feierabend.

Insgesamt kann man aber sagen, dass hier der Kampf hinter seinen Möglichkeiten zurück blieb. Lediglich die Besetzung hatte die Baustelle für kurze Zeit lahmgelegt, konkrete Angriffe auf Infrastruktur der beteiligten Firmen oder die Baustelle selbst gab es anscheinend nicht. Die Baustelle war zwar rund um die Uhr bewacht, davor und in der Gegend wurden oft Zivikarren gesehen, trotzdem hätte es sicherlich Möglichkeiten gegeben. Der Fokus des Kampfes lag somit hauptsächlich auf Kommunikation, den Angriff auf Ideen der Herrschaft und der Verbreitung von Methodiken der Selbstorganisation. Die Idee braucht die Praxis und umgekehrt. Was nicht heißt, dass alle in ihrem Kämmerchen saßen, sondern dass eine Verhinderung eines solchen Projektes nicht immer so „einfach“ zu haben sein wird und dass Aktionen den Handlungsspielraum erweitern und aufzeigen können, dass mehr Methoden möglich sind als Plakate zu kleben. Ein Gespräch mit der Nachbarin ist nicht weniger Wert als eine Attacke auf ein Baufahrzeug, aber möglich und manchmal Notwendig ist wohl beides.


Whitewashing

Google hatte auf einer Pressekonferenz angekündigt, den Campus nicht zu bauen, die Räume des alten Umspannwerks in Kreuzberg jedoch weiterhin zu mieten und sie sozialen Initiativen wie Karuna oder betterplace für fünf Jahre zur Verfügung zu stellen. Ganz selbstlos soll dies mit etwa 15 Millionen Euro finanziert werden. Wenn man den Umsatz letzten Jahres von über 120 Milliarden US-Dollar bedenkt - ein Taschengeld. Jetzt versucht Google seine Weste rein zu waschen. Während Google in den USA ganze Häuserblöcke aufkauft und für Verdrängung und Obdachlosigkeit sorgt, unterstützen sie den Verein Karuna, der sich um Obdachlose in Berlin kümmert. Wie so oft im Kapitalismus werden Probleme besänftigt und befriedet, die selbst geschaffen wurden. Die sozialen Initiativen, die den Pakt mit Google eingegangen sind, bezahlen diesen verdammt hohen Preis. Den Preis des Lobbyismus, des Whitewashing, des sich kaufen lassen. Sie geben Google gutes Ansehen und Legitimation für deren Schweinereien. Es ist erst einmal egal, welche gute oder schlechte Arbeit die Initiativen machen. Sie machen auf jeden Fall erstklassige Werbung für einen Konzern und dessen Ideen der totalen Kontrolle, der totalen Kapitalisierung aller Lebensbereiche. Sie arbeiten mit an der Lüge des Big Brother, der angeblich nur deine beste Freundin ist. Somit sind sie Teil dessen, was Google anrichtet.


Über die Tiefe

Haben sich die Ideen in den Methodiken wiedergefunden? Wurde es geschafft eine Herrschaftskritik zu vermitteln? War dieser Kampf ein Schritt zum allgemeinen Umsturz? Fragen, die entscheidend sind, wenn man eine ganz andere Welt möchte, wenn das Ziel die Abschaffung der Herrschaft des Menschen über den Menschen ist.

Es wurde versucht, nicht nur Google zu bekämpfen, sondern den technologischen Angriff und vor allem auch die Herrschaft selbst, da auch die Technologie nur ein Werkzeug dessen ist. Dazu gehören die Vermittlung bestimmter Ideen und die Anwendung von Methoden, die diesen Ideen entsprechen. So wurde in vielen Bannern, Plakaten, Flyern etc. Herrschafts- und Ausbeutungssysteme selbst als Probleme definiert, statt nur eine Kampagne zu führen, die sich selbst als Ziel hat und bestenfalls kapitalismuskritisch ist. Es wurde sehr kontinuierlich mit der Umgebung auf unterschiedliche Art und Weise kommuniziert, immer mit reproduzierbaren Mitteln. Und zwar vorwiegend mit Interessierten, Wütenden und der Nachbarschaft, nicht in erster Linie mit denen, die in der Szenekneipe abhängen. Im Zeichen der Selbstorganisation wurde auf Labels und identitäre Symbole verzichtet, wer wollte konnte sich die Aussagen selbst zu eigen machen. Treffen und Aktionen sollten immer selbst organisiert sein und und zur individuellen Initiative anregen oder sie voraussetzen. Es wurde auch versucht über das Café face2face offen ansprechbar zu sein und Informationen und Wissen so weit es geht zu teilen. Für das Transportieren unserer Ideen sind wir immer selbst verantwortlich, so wurde von vielen jede Zusammenarbeit mit der Presse abgelehnt und stattdessen der eigene Ausdruck in selbstbestimmten Kommunikationsmitteln wie Graffiti, einer Zeitung oder eines Blogs praktiziert. Weiterhin sollten sich die Ideen in den Taten widerspiegeln und andersherum, es sollte keine Hierarchisierung der Mittel geben. Die Ideen und Taten sollten Konflikte hervorrufen. Aus der Ablehnung der Politik an sich heraus wurde sich meist für ein bewusst nicht-legalistisches Vorgehen entschieden, also beispielsweise Kundgebungen nicht anzumelden. In einem wie ich finde sehr wichtigen Artikel der Shitstorm wurden diese Fragen thematisiert („Wie gegen den Google-Campus kämpfen? Ein Vorschlag“ in Shitstorm #2 oder bei anarchistischebibliothek.org).

All diese Ideen haben sich in diesem Konflikt und dem Handeln vieler Einzelner wiedergefunden. Selbstorganisierung und individuelle Initiative als Grundstein einer freien Welt waren bestimmende Faktoren, wurden entdeckt, gelernt und geteilt.


Was bleibt

Es wurde nicht wirklich geschafft über den Kiez und einen kleineren Rahmen hinaus, geschweige denn International zu Taten gegen Google anzustiften. Es gab weltweite Pressemeldungen und auch Veranstaltungen und Diskussionen im deutschsprachigen Raum. Auch sind an anderen Orten face2face-ähnliche Versammlungen gegen Google&Co entstanden. Viele wussten um den Konflikt und interessierten sich auch dafür, eine direkte Ausweitung dessen hätte aber wohl mehr Austausch, Reise, Übersetzung, direkte Aktion und Bezug auf andere Kämpfe gebraucht. Wir haben aber aus vielen Ländern mitbekommen, dass dieser Kampf gegen einen Giganten, gegen die neue Herrschaft, wahrgenommen und auch motiviert hat selbst ähnliche Projekte ins Leben zu rufen.

Auch dass es „normal“ sein kann, nichts beim Staat anzumelden, wenn möglich auf Moderation zu verzichten, oder auf identitäre Gruppennamen zu verzichten und das Organisieren nach Affinität zu üben, sind Methodiken, mit denen gute Erfahrungen gesammelt wurden und durch die Praxis selbst verständlich wurden.

Viele Beziehungen, Erfahrungen und Ideen haben den Campus überlebt. Dies ist, denke ich, neben der Erfahrung dass man selbst Handeln kann, einer der größten Errungenschaften dieses Kampfes, dies ist, was bleibt und uns hoffentlich in weiteren Kämpfen begleiten wird.