Titel: Shutdown
Untertitel: Vom Smarter Leben und der Selbstbestimmung
AutorIn: Anonym
Datum: April 2017
Quelle: SHITSTORM – Anarchistische Zeitung – Berlin, April 2017 - #1

Es wird immer schwieriger, die Tragweite der momentanen und zukünftigen technologischen Entwicklungen nachzuvollziehen. Die Mechanismen laufen unterschwellig ab, gehören zu dir und sind gleichzeitig so komplex, dass die meisten sie nicht verstehen. Es ist nicht mehr der offensichtliche Sklaventreiber der die Peitsche schwingt, immer mehr sind es kleine Anstupser, Belohnungen, allgegenwärtige Kontrolle und Feedbacks deiner smarten Umgebung, die ein Netz spannen, einen berechneten vorgegeben Rahmen vorgeben. Es ist wie mit der Zeit: wir leben immer effizienter, haben immer mehr Maschinen um uns Arbeit abzunehmen, und doch haben wir immer weniger Zeit und immer mehr Stress.

Den Angriffen der Smarterisierung kann ich aber Selbstbestimmung entgegensetzen. Im Alltag, wenn ich Leute persönlich besuche, oder nicht mehr mit ihnen rede, wenn sie gleichzeitig auf einen Bildschirm schauen. Auch kann ich meinen digitalen Fußabdruck verkleinern und verschleiern oder mich bestimmten Entwicklungen verweigern und mein Umfeld damit konfrontieren. Wir können uns immer als lernende verstehen, Umgangsweisen der herrschaftsfreien solidarischen Beziehungen vertiefen, Verbündete suchen und auf vermeintliche Sicherheiten gegebenenfalls verzichten. Das Verzichten auf smarter Beziehungen üben und die Qualität des Persönlichen, des Gefühls, der eigenen Wahrnehmung, das Unberechenbare bewusst machen, erhalten und leben.

Auch Fähigkeiten und Strukturen, die Grundbedürfnisse befriedigen, wie das Handwerk, sind elementar, wenn wir selbstbestimmt leben wollen. Die Technik an sich darf nicht auf den reinen Nutzen hin untersucht werden, sondern vor allem auch auf ihre soziale Qualität, auf das, was Technik mit uns macht und wie sie unsere Beziehungen beeinflusst. Ein Hammer braucht gewiss etwas spezielles Wissen und Maschinen um hergestellt zu werden, die endliche Entscheidung der Nutzung und die Folgen liegen aber bei mir, wenn ich es so will. Bei einem Smartphone z.B. ist das anders, Materialien und Wissen sind hoch spezialisiert und müssen in höchster Abhängigkeit hergestellt werden, und verstehst du überhaupt was mit deinen Daten passiert, kannst du das steuern?

Da die Strukturen der Fremdbestimmung kleinteilig monströs und alltäglich machtvoll sind, braucht es mehr als persönliche Ablehnung und Alternative. Gerade dann, wenn es anscheinend keine klar erkennbare Herrschaft und Zentralen mehr gibt und wir alle teilhaben an der smarter Scheiße, gilt es doch, Trennlinien auszumachen. Es gibt Strukturen wie google, Politik und Polizei, betrieben von Menschen, die weitaus mehr Verantwortung für diese Misere tragen als andere und sie beschützen. Diese sind angreifbar. Die Zerstörung der Systeme, Gedanken, Ideologien, Beziehungen und der Infrastruktur, die z.B. google und das Eigentum selbst ermöglichen, brauchen eine direkte Kommunikation mit meiner Umgebung und entschlossenes Handeln. Durch solidarische und konfliktvolle Worte und Taten.

Und manchmal dreht sich alles so schnell, dass man nicht mehr hinaus gucken kann. Da das Netz immer dichter wird, wird es auch anfällig. Angriffspunkte finden sich fast überall, alles digitale braucht analoge, physische Strukturen. Die Zerstörung von Kameras, Glasfaserkabel und Stromzufuhr kann die Ströme nicht aufhalten, aber unterbrechen, für einen kleinen Verschnaufer in der Hetze der Effizienz sorgen, um zu zeigen, dass dies alles nicht natürlich, nicht gegeben, nicht unumstößlich ist.

Keine Kontrolle ist total, keine Macht allmächtig. Den Ideen der absoluten Effizienz, des totalen Nutzens, der ultimativen Intelligenz, der sauberen Lösung, des fehlerfreien Lebens, können Ideen des sozialen Lebens, der gemeinsamen Intelligenz, der Solidarität, der individuellen Verantwortung, der fehlerhaften Prozesshaftigkeit des Lebens und der Qualität des Handelns und der Gefühle entgegengesetzt werden. Doch nur lebendig, gelebt im ständigen Konflikt, können sich diese Ideen auch entfalten und verbreiten.