«Dieser Essay verkündigt, was in anderen Sprachen später Godwin und Stirner und Proudhon und Bakunin und Tolstoi sagen werden: In euch sitzt es, es ist nicht draussen; ihr selbst seid es; die Menschen sollten nicht durch Herrschaft gebunden sein, sondern als Brüder verbunden. Ohne Herrschaft; An-Archie.»

Gustav Landauer, in „Die Revolution“, 1907


Etienne de la Boétie, 1530 in Südwestfrankreich, mitten in der Zeit der Bauernaufstände geboren, verfasste angeblich mit 18 Jahren diese Schrift, die zunächst nur in handgeschriebenen Abschriften Verbreitung fand, und erst später, vor allem in Zeiten revolutionärer Umwälzungen, wiederentdeckt und neugedruckt wurde. Sie kann als eine der frühesten und wegbereitenden Untersuchungen über die Gründe betrachtet werden, die den Menschen dazu veranlassen, auf die eigene Freiheit zu verzichten, um sich Entscheidungen zu unterwerfen, die von jemand anderem getroffen werden.

Etwas weniger bekannt ist der ursprüngliche Titel dieses Werkes: Contr‘un [Gegen den Einen]. Sein Erscheinungsdatum veranlasst viele, den historischen Umfang dieser Analyse und ihrer Bedeutung herabzusetzen und ihre Sprengkraft zu entschärfen. So wird der Contr‘un von vielen Kulturprofessoren und politischen Aktivisten schlicht als liebenswerte Kritik der Monarchie und als kräftiger Aufruf zur Demokratie betrachtet. Demnach wäre der richtige Platz für La Boétie in den staubigen Regalen irgendwelcher historischen Bibliotheken oder in den vielleicht etwas gereinigteren Regalen irgendwelcher Kaderschulen für Kulturgeschichte. Als ob die von ihm aufgeworfene Fragestellung – Wieso der Macht gehorchen? – nicht die ganze Geschichte bis zum heutigen Tage durchdringt.

Denn es ist unschwer zu verkennen, wie sehr sich die Herrschaft noch heute, vielleicht nicht technisch, aber gewiss wesentlich noch immer auf dieselben geistigen Grundlagen im Menschen stützt, wie sie La Boétie formulierte. Der libertäre Antropologe Pierre Clastres zum Beispiel, der ihm ein Essay gewidmet hat, sah im Konzept des Staates eben jenen Einen, der sich anmasst, das Leben des Volkes zu befehlen, zu leiten und zu regulieren. Ein Staat, der wesensgemäss – was auch immer sein politisches System, sein ökonomisches Modell und das technologische Level sein mögen – immer Synonym für Ausbeutung und Unterwerfung ist.

Doch, um La Boétie zu zitieren, «woher nimmt er so viele Augen, um euch auszuspähen, wenn ihr sie ihm nicht liefert? Woher hat er so viele Hände, um euch zu schlagen, wenn er sie nicht von euch nimmt? Woher hat er die Füsse, mit denen er eure Städte niedertritt, wenn es nicht eure eigenen sind? Wie hat er irgendeine Macht über euch, wenn nicht durch euch? [...] Was könnte er euch tun, wenn ihr nicht die Hehler des Diebes wäret, der euch plündert, Spiessgesellen des Mörders, der euch tötet und Verräter gegen euch selbst?»

«Es ist nicht zu glauben, wie das Volk, sowie es unterworfen ist, sofort in ein solches und so tiefes Vergessen der Freiheit fällt, dass es ihm nicht möglich ist, sich zu erheben, um sie wieder zu bekommen. Es dient so frisch und so freudig, dass man, wenn man es sieht, meinen könnte, es hätte nicht seine Freiheit, sondern sein Joch verloren. Anfangs steht man freilich unter Zwang und ist von Gewalt besiegt; aber die, welche später kommen, die welche die Freiheit nie gesehen haben und sie nicht kennen, dienen ohne Bedauern und tun gern, was ihre Vorgänger unter Zwang getan haben. Es ist, dass die Menschen unter dem Joche geboren werden; sie wachsen in der Knechtschaft auf, sie sehen nichts anderes vor sich, begnügen sich, so weiter zu leben, wie sie zur Welt gekommen sind und lassen es sich nicht in den Sinn kommen, sie könnten ein anderes Recht oder ein anderes Gut haben, als das sie vorgefunden haben; so halten sie den Zustand ihrer Geburt für den der Natur.

[...] Gewiss hat die Gewohnheit, die in allen Dingen grosse Macht über uns hat, nirgend solche Gewalt wie darin, dass sie uns lehrt, Knechte zu sein und [...] uns beibringt, das Gift der Sklaverei zu schlucken und nicht mehr bitter zu finden.»

Schliesslich warnt er noch davor, was wir oft genug in der Geschichte erlebt haben: «man hüte sich vor den Verschwörungen der Ehrsüchtigen, die den Tyrannen verjagen oder töten, die Tyrannei aber bewahren und fortpflanzen; sie missbrauchen den heiligen Namen der Freiheit.»

So schliesst auch Max Nettlau rund 400 Jahre später seine Passage über La Boétie in seiner Nachforschung über die Geschichte anarchistischer Ideen („Der Vorfrühling der Anarchie“): «die Worte La Boéties verklangen und wurden nicht gehört; so blieb die Knechtschaft und verstärkte sich. Nur manchmal, aber nie ohne eine Initiative einzelner und ohne eine auf die Vorstellungskraft aller wirkende Situation, ist die Masse für einen Moment des Gehorsams müde. Sie stützt den tönernen Koloss nicht mehr, und er bricht zusammen. Aber schon lauern in der Regel andere Tyrannen und setzen sich an seine Stelle; die Freiheit wurde bisher kaum für Minuten je gewonnen.» [1]

[1] Die Schrift von Etienne de la Boétie ist in der Bibliothek Fermento ausleihbar. Leider in einer schrecklichen Ausgabe des „Trotzdem“ Verlags, mit einer Einleitung von Ulrich Klemm, der in ihr nichts anderes sieht, als ein „Klassiker des zivilen Ungehorsams und des gewaltfreien Anarchismus“. Mit ihrer bürgerrechtlichen und demokratischen Auslegung, ist diese Einleitung der beste Beweis dafür, wie das subversive Potential dieser Schrift zunichte gemacht werden kann. (...)