Anfang des 20. Jahrhunderts tauchte eine Schrift mit dem Titel „Die Protokolle der Weisen von Zion“ in Russland auf. Sie beschrieb im Grunde den Plan einer jüdischen Verschwörung um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Diese Schrift dient seither als Blaupause für eine Vielzahl von Verschwörungstheorien. Die Schrift wurde sehr bald als Fälschung entlarvt, die einerseits ein Plagiat von älteren Texten war und andererseits von der Ochrana, der zaristischen Geheimpolizei, unter antisemitischen Vorzeichen umgeschrieben wurde, um die jüdischen Revolutionäre und die revolutionäre Bewegung im zaristischen Russland im Allgemeinen zu verleumden. Die Angst vor der Revolution und damit vor der Möglichkeit der Vernichtung der Herrschaft, war die treibende Kraft hinter der Entstehung dieser Schrift.

Die Tatsache, dass die „Protokolle“ als Fälschung und Erfindung entlarvt wurden, hat aber Nationalisten, Faschisten, Verschwörungstheoretiker, Antisemiten und Esoteriker nicht davon abgehalten diese Erzählung weiterhin zu verbreiten, ln anderen Theorien werden die Juden und Freimaurer auch mal fallweise durch andere Akteure ersetzt. Doch im Großen und Ganzen bleibt es bei der Geschichte einer verschworenen Gruppe, die nach der Weltherrschaft strebt.

Worauf ich damit hinaus will, ist die Tatsache, dass die „Protokolle“ ihren Ursprung im Zentrum der Macht selbst hatten. Sie wurden vom Geheimdienst eines der größten Imperien der damaligen Zeit entworfen und bereitwillig von ihren faschistischen und reaktionären Verbündeten verbreitet. So frage ich mich immer wieder, wem die heutigen Verschwörungstheorien und die Art und Weise wie sie aufbereitet werden wirklich helfen. Ein gutes Beispiel dafür wäre das „Internetphänomen“ „Qanon“. Die Figur Q betreibt massive Propaganda für Trump. Nicht nur das, Trump wird zum „Weltenretter“, zum „Erlöser“ stilisiert. Er ist laut Q der einzige Politiker, der etwas gegen die verschworenen Eliten tut. Angesichts der Verstrickungen der Trump Regierung mit Rechtsextremen, Faschisten, Rassisten, der amerikanischen Wirtschaft und den konservativen Eliten kommt schon die Frage auf, ob hier nicht eine Verschwörung mit einer anderen gedeckt wird. Dass die Verschwörungstheorie dazu da ist, die wirkliche Machtausdehnung, die tatsächlich passiert, zu verschleiern.

Ebenso die Kritik an Bill Gates im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie, die zur Zeit wohl eine der am meisten verbreiteten Verschwörungstheorien überhaupt ist. Nicht weil, wie selbst von vielen Linken behauptet, Bill Gates ein Gönner und Wohltäter wäre, nichts liegt davon weiter entfernt. Sondern weil die Verschwörungstheorien um die WHO und Bill Gates die wirklich problematischen Aspekte nur am Rande behandeln oder ganz ausklammern und auf eine Weise wiedergeben, die der Macht mehr hilft, als jedem Projekt das für die Zerstörung der bestehenden Herrschaft kämpft. Denn diese Erzählungen werden mit so vielen autoritären Elementen und macht-besessenen Versatzstücken ausgestattet, dass jeglicher subversive Aspekt vollkommen eliminiert wird. Eine antiautoritäre Kritik an der WHO, ihren Geldgebern, der Rolle der Bill und Melinda Gates Foundation und den (neo)kolonialen Konzepten, dem Profitdenken und den Kontrollinstru- menten, die von diesen und vielen anderen Profiteuren entworfen und benutzt werden, sollte vor allem in Zeiten der Pandemie unsere Aufgabe sein. Wir müssen uns also fragen, ob nicht die Macht von solch wirren Konzepten profitiert. Ob dies nicht genau jene Form des Widerstandes ist, der von der Macht in ihrer momentanen Beschaffenheit, erzeugt wird.

Angesichts dieser Beispiele könnte ich mich fast dazu verleiten lassen zu sagen, dass die wirklichen Verschwörungen, die sich gerade abspielen, gekonnt von den Verschwörungstheorien der Macht verdeckt werden. Denn die Macht ist tatsächlich auf dem Vormarsch. Im Schatten der Pandemie wurden in den letzten Wochen Dinge umgesetzt von denen die Herrschenden und Profiteure zuvor nur träumen konnten. Der Ausnahmezustand hat ein völlig neues Terrain eröffnet, auf dem die Regierungs- und Kontrolltechnik- en der Zukunft erprobt werden. Um diese Offensichtlichkeit zu erkennen brauchen wir aber keine Adrenochrom saufenden Machteliten, keine jüdischen Weltverschwörer, keinen Bill Gates der mittels Impfungen Chips in den menschlichen Körper jagt und auch keine 5G-Masten die das Corona-Virus aktivieren. Es genügt die autoritären Strukturen der Gesellschaft in der wir leben zu analysieren, die Aufrüstung der Technologie und den Einfluss der Digitalisierung im Auge zu behalten, die neuen Argumente und Diskurse, die der Staat benutzt um uns zu konditionieren und die Entwertung des menschlichen Lebens, die von den Herrschenden vorangetrieben wird. Wir brauchen keine Märchen und Alpträume von irgendwelchen selbsternannten Gurus, denn der wirkliche Alptraum spielt sich jeden Tag ab, wenn die Macht ihre Techniken der Unterdrückung immer mehr verfeinert und uns angreift.

In den Medien wird nun davon berichtet, dass der einzige Widerstand gegen diese „neue Normalität“ von irgendwelchen Rechten und Spinnern kommt. Was nicht stimmt und alle anderen Initiativen verschweigt, die es bisher gegeben hat und nach wie vor weiter gehen. Denn Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen und die Entwicklungen rund um den autoritären Umbau von Staat und Gesellschaft und der Restrukturierung der kapitalistischen Ausbeutung, gibt es von vielen Seiten und das schon seit Beginn der Maßnahmen. Auch schon davor wurde von jenen, die mit offenen Augen durch die Welt gehen darauf hingewiesen, dass sich die Strukturen dieser Welt maßgeblich verändern werden. Auch an den vielen offenen Fragen und welche Rolle das Corona Virus tatsächlich für die Macht spielt, gab es Kritik. Auch über die medizinischen Aspekte und die Gefährlichkeit des Virus selbst wurden viele Diskussionen geführt, ohne dass antisemitische, verschwörungstheoretische und nationalistische Argumentationen nötig gewesen wären. Es gab Widerstand auf der Straße, in den Gefängnissen, es gab Angriffe auf bestimmte Strukturen der Herrschaft. Es gab viele Texte, Überlegungen und Analysen dazu, was gerade passiert und was wir dagegen tun könnten. Doch an diesen Initiativen waren keine Rechten, Esoteriker, Faschisten oder Verschwörung- stheoretiker beteiligt. In Österreich und Deutschland haben aber seit einigen Wochen, unter großer Aufmerksamkeit der Medien, gänzlich andere Akteure den Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen für sich gepachtet. In Deutschland unter dem Begriff der „Hygiene-Demos“ bekannt geworden, treffen sich auch in Österreich Leute aus der neuen und alten Rechten, Anhänger*innen aller möglichen Verschwörungstheorien, Vertreterinnen von alternativen Heilmethoden, Eso- terikerinnen, Aluhutträger*innen, besorgte Bürgerinnen, angeblich auch einige Linke und Liberale um gegen die Maßnahmen der Regierung zu demonstrieren. Angesichts der Tatsache, welche Verbindungen zwischen faschistischen Gruppen sowie Parteien und Bullen, Militär und Geheimdiensten in den letzten Jahren aufgeflogen sind, drängt sich der Gedanke auf, ob es nicht wirklich eine Verschwörung gibt. Aber nicht „die Juden“ sind es, es ist die Rechte die hier einen Putsch vorbereitet. Denn das ist die Methode, die sie immer schon angewendet hat, um nach der Macht zu greifen.

Die Wahl zwischen dieser Protestbewegung und der pandemischen Sicherheitsideologie, die von der Regierung und ihren Befürwortern vertreten wird, erscheint uns wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Beides trägt den Gestank der Herrschaft in sich und lässt keine Spielräume für jene von uns offen, die für die Freiheit und gegen den Zwang kämpfen. Klar wird es auch in dieser Protestbewegung Personen geben, die aufgrund fehlender Perspektiven oder anderer brauchbarer Initiativen sich dort einfinden. Doch auch das sagt viel darüber aus, wie wenig Eigeninitiative vorhanden ist. Wie weit die Idee das Bürgers bereits in die Köpfe gehämmert wurde, dass es immer eine Bewegung, Partei oder Gesinnungsgruppe braucht um sich zur Wehr zu setzen.

Die Macht hat ein weiteres Mal einen Dualismus geschaffen der lediglich dafür da ist, die Logik von Ausbeutung, Unterdrückung und Kontrolle weitgehend unberührt zu lassen. Denn die Technologisierung und die Kontrolle der sozialen Medien, die Ausbeutung der Arbeit und deren Verschärfung, die Aufrüstung des Staates und die Rolle der Polizei, die Verbreitung des Lagers, alle diese Fragen werden nicht berührt. Es sollen wieder nur einige widerliche Köpfe rollen, aber sonst soll alles bleiben wie bisher. So wird die Romantik der Normalität zelebriert, obwohl wir doch genau wissen, dass diese Normalität immer schon ein Konstrukt war um die Massen zu besänftigen.

Eine komplexe Ausbeutungsmatrix wie jene der pandemischen Ausnahme bringt auch spezielle Formen des Widerstandes mit sich. Die Macht muss, wenn sie sich noch rudimentär an die demokratischen Konzepte von zugestandenen Rechten und offener Meinungsäußerung halten will, eine spezielle Form von Widerstand hervorbringen, der nicht darauf abzielt sie selbst zu eliminieren.

Wenn sie dir nur die Wahl zwischen Pest und Cholera lassen, dann mach alles kaputt! Für einen Ausbruch aus vorgefertigten Modellen. Für die totale Subversion gegen alle Formen der Vereinnahmung!